Isaak Laquedem
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas (père), Alexandre

Isaak Laquedem





1-stes bis 5-tes Bändchen





Prolog

Die Via Appia


Der Leser begebe sich mit uns aus drei Meilen von Rom an das Ende der Via Appia, unter den Abhang von Albano, an die Stelle, wo die antike, zweitausend Jahre alte Straße sich mit einer modernen, nur zwei Jahrhunderte alten verbindet, welche um die Gräber läuft, diese zu ihrer Linken läßt und an dem Thore vom heiligen Johannes vom Lateran[1 - Gewöhnlich Porta die S. Giovanni genannt. Der Uebersetzer.] ausmündet.

Er wolle annehmen, wir seien am Morgen des grünen Donnerstags im Jahre 1469, Ludwig XI. regiere in Frankreich, Johann II. in Spanien, Ferdinand I. in Neapel, Friedrich III, sei Kaiser von Deutschland, Iwan, der Sohn von Wasilijewitsch, Großfürst von Rußland, Christoph Moro Doge von Venedig und Paul II. Papst.

Er erinnere sich, daß es der feierliche Tag ist, an welchem, bekleidet mit dem goldenen Chorrocke, die Tiara auf dem Haupte, getragen unter einem von acht Cardinälen unterstützten Prachthimmel, der Priesterkönig von der alten Basilica Constantins herab, welche schon verurtheilt und bereit ist, der von Bramante und Michel Angelo Platz zu machen, im Namen der heiligen Apostel Peter und Paul seinen Segen Rom und der Welt, der Stadt und dem Weltall, Urbi et Orbi geben soll.

Dann wird er begreifen, daß sich wegen dieser erhabenen Feierlichkeit die Einwohner der benachbarten Dörfer und Städte auf den Straßen von Bracciano, von Tivoli, von Palestrina und von Frascati drängen. Alle gegen die heilige Stadt hinstrebend, wohin sie die Glocken, die entfliehen sollen und deren Abwesenheit von der Trauer der Christenheit zeugen wird, durch einen letzten Ruf ziehen.

Mitten unter allen diesen Straßen, welche nach Rom führen und von fern mit einem beweglichen Teppiche bedeckt zu sein scheinen, so entrollen sich in langen Reihen die Bauernfrauen mit den purpurrothen Röcken und den goldenen Schnürleibern, ein Kind an der Hand fortziehend oder eines auf ihren Schultern tragend; die Führer der Herden, welche, mit Spießen bewaffnet, unter ihren braunen Mänteln ihre blauen Sammeljacken mit silbernen Knöpfen verbergen und auf ihren kleinen Gebirgspferden mit scharlachrothen Schabracken, woran eine Menge kupferner Nägel sichtbar, vorüber galoppiren; die ernsten Matronen mit den ruhigen Gesichtern, welche auf schwerfälligen Karren, bespannt mit zwei großen weißen Ochsen mit langen schwarzen Hörnern, fahren und lebenden Statuen der thebanischen Isis oder der eleusinischen Ceres gleichen; mitten unter allen diesen Straßen, sagen wir, die, ungeheuern Pulsadern ähnlich, durch die gelbe Einöde der römischen Campagna das Blut und das Leben nach dem alten Rom tragen, ist eine einzige Straße verlassen.

Es ist diejenige, aus welche wir den Leser geführt haben.

Und nicht, als käme von Albano kein großer Zustrom von Volk herab, nicht als fehlten bei der Zusammenkunft die schönen Bäuerinnen von Genzano und von Vellettri, die Hirten der Pontinischen Sümpfe mit ihren Pferden mit den langen Mähnen und dem flatternden Schweife, die Matronen von Nettuno und von Montragone aus ihren von Büffeln mit dem geräuschvollen Athem und den flammenden Augen gezogenen Karren; nein, am Fuße des Gebirges, bei der von uns genannten Verbindung der Wege angelangt, scheidet der fromme Pilgerzug von der alten Straße, läßt zu seiner Linken die doppelte Reihe von Gräbern, deren Geschichte wir mit ein paar Zeilen berühren werden, und folgt, quer durch die Ebene mit dem hohen Grase, der neuen Straße,, welche sich später durch einen Umweg wieder der alten tusculanischen Straße anschließt und bei der alten Basilica des heiligen Johannes vom Lateran ausmündet.

Es war übrigens nicht immer so mit dieser Via Appia, welche heute so verödet ist, daß das Gras in den Zwischenräumen ihrer breiten grauen Platten wachsen würde, stießen diese, ungleich aus der Lava der erloschenen Vulkane ausgehauenen, Platten nicht jede Vegetation zurück. In den schönen Tagen des Rom der Cäsaren nannte man sie die große Appia, die Königin der Straßen, den Weg zum Elysium; es war damals der Sammelplatz im Leben und im Tode von Allem, was es Reiches, Edles und Zierliches in der vorzugsweisen Stadt gab; noch andere Straßen, die Via Latina, die Via Flaminia hatten ihre Gräber; glücklich aber der, welcher sein Grab bei der Via Appia besaß!

Bei den Römern, – einer Nation, in der der Geschmack für den Tod beinahe so verbreitet war, als er es in England ist, und wo die Wuth des Selbstmords, unter der Regierung von Tiber, Calicula und Nero besonders, zu einer wahren Epidemie wurde, war die Besorgniß um den Ort, wo der Körper seine Ewigkeit schlafen würde, groß. Anfangs hatte man in der Stadt und sogar im Innern der Häuser begraben, doch diese Art der Bestattung widersprach der öffentlichen Gesundheit; überdies konnten die Leichenbegängnisse jeden Augenblick die Opfer der Stadt beflecken. Demzufolge erschien ein Gesetz, welches im Innern von Rom zu begraben verbot. Nur ein paar privilegirte Familien behielten dieses Recht unter dem Titel einer öffentlichen Ehrenauszeichnung. Das waren die Familien von Publicula, von Tubertus und von Fabricius; man beneidete sie um dieses Recht.

Ein Triumphator, welcher während des Triumphes starb, war auch berechtigt, in Rom beerdigt zu werden.

Der Lebende überließ nur sehr selten seinen Erben die Sorge für sein Grab; es war eine Zerstreunng, die er sich gewährte, daß er sein Grab unter seinen Augen ausarbeiten ließ. Die meisten Monumente dieser Art, die man noch heute findet, tragen an sich die zwei Buchstaben: V. F., was bedeutet: Vivus fecit; oder die drei Buchstaben: V. S, P.., was bedeutet: Vivus sibi posuit; oder endlich die drei Buchstaben: V. F. C., was bedeutet: Vivus faciendum curavit.

Für einen Römer war es in der That, wie man sehen wird, etwas Wichtiges, beerdigt zu werden: nach einer religiösen Ueberlieferung, welche in großem Ansehen zur Zeit von Cicero stand, wo diese Art von Glauben doch zu verschwinden anfing, sollte die Seele jeder des Begräbnisses beraubten Person hundert Jahre an den Ufern des Styx umherirren. Wer einen Leichnam aus seinem Wege traf und es versäumte, ihm ein Begräbnis, zu geben, beging eine Ruchlosigkeit, die er nur dadurch sühnen konnte, daß er der Ceres ein Mutterschwein opferte; warf man zu drei verschiedenen Malen ein wenig Erde auf den Leichnam, so befreite dies allerdings von der Beerdigung und dem Opfer.

Doch begraben zu sein, war noch nicht Alles, man mußte angenehm begraben sein. Der heidnische Tod, der gefallsüchtiger als der unsere, erschien den Sterbenden des Jahrhunderts von Augustus nicht wie ein entfleischtes Gerippe mit kahlem Schädel, mit leeren Augenhöhlen, mit düsterem, unheimlichem Grinsen und in der Hand eine Sense mit gekrümmtem Eisen haltend; nein, es war ganz einfach eine schöne bleiche Frau, die Tochter des Schlafes und der Nacht, mit weißen kalten Händen und eisige Umarmung; – etwas wie eine unbekannte Freundin, welche, wenn man sie rief, aus der Finsterniß hervortrat, ernst langsam und stillschweigend aus das Lager des Sterbenden zuschritt und mit demselben Todeskusse zugleich seine Lippen und seine Augen schloß. Dann blieb der Leichnam taub, stumm, unempfindlich, bis zu dem Augenblicke, wo die Flamme des Scheiterhaufens sich für ihn entzündet, und, den Leib verzehrend, den Geist von der Materie trennte, von der Materie, welche sich in Asche verwandelte, während der Geist Gott wurde. Dieser neue Gott aber, – ein Mane, der den Lebendigen unsichtbar blieb, nahm seine Gewohnheiten, seine Neigungen, seine Leidenschaften wieder an, kehrte, so zu sagen, in den Besitz seiner Sinne zurück, liebte das, was er geliebt hatte, haßte das, was er gehaßt hatte.

Und darum legte man in das Grab eines Kriegers seinen Schild, seine Wurfspieße und sein Schwert; in das Grab einer Frau ihre Diamantnadeln, ihre goldenen Ketten und ihre Perlenhalsbänder; in das Grab eines Kindes sein liebstes Spielzeug, Brod, Früchte, und in die Tiefe einer alabasternen Vase ein paar Tropfen Milch aus dem mütterlichen Busen, welchen versiegen zu machen es nicht die Zeit gehabt hatte.

Wenn die Baustelle des Hauses, das er während seines kurzen Daseins bewohnen sollte, dem Römer einer ernsten Aufmerksamkeit würdig zu sein schien, so kann man sich denken, welche noch viel größere Aufmerksamkeit er dem Plane, der Lage, der mehr oder minder angenehmen, mehr oder minder seinem Geschmacke, seinen Neigungen, seinen Gewohnheiten, seinen Wünschen entsprechenden Baustelle des Hauses schenken mußte, das er, Gott geworden, die Ewigkeit hindurch bewohnen sollte; denn die Manen, beständig am Orte verweilende Götter, waren an ihre Gräber gefesselt und hatten höchstens die Erlaubniß, um dieselben herumzugehen. Einige, – dies waren die Liebhaber der ländlichen Freuden, die Menschen von einfachem Geschmack, die bukolischen Geister, – befahlen, daß man ihnen ihre Gräber in ihren Villas, in ihren Gärten, in ihren Wäldern baue, um ihre Ewigkeit in Gesellschaft der Nymphen, der Faune und der Dryaden, gewiegt vom sanften Geräusche der durch den Wind bewegten Blätter, zerstreut durch das Gemurmel über Kieselsteine hinrollender Bäche, ergötzt durch den Gesang der in den Zweigen verborgenen Vögel, hinzubringen; diese waren, wie gesagt, die Philosophen und die Weisen.

Doch Andere, – und das war die große Zahl, die Menge, die ungeheure Majorität, – welche ebenso sehr der Bewegung, der Aufregung, des Getümmels bedurften, als die Ersten der Einsamkeit, der Stille und der Sammlung, Andere, sagen wir, erkauften um schweres Gold Boden am Rande der Straßen, da, wo die aus allen Ländern kommenden und Europa die Neuigkeiten von Asien und von Afrika mitbringenden Wanderer vorüberzogen, an der Via Latina, an der Via Flaminia und besonders an der Via Appia.

Angelegt von Appius Claudius, dem furchtbaren Decemvir, der den Sicinius Dentatus ermorden ließ und die schöne Virginia zu entführen versuchte, hatte die Via Appia allmälig eine Straße des Reiches zu sein aufgehört, um eine Vorstadt Roms zu werden; sie führte immer noch nach Neapel und von Neapel nach Brindisi, jedoch durch eine doppelte Reihe von Häusern, welche Paläste, und von Gräbern, welche Monumente waren. Hieraus ging hervor, daß auf der Via Appia die vom Glücke begünstigten Manen nicht nur die bekannten und unbekannten Vorüberwandeln»den sahen, nicht nur hörten, was die Reisenden Neues über Asien und Afrika sagten, sondern auch mit diesen Reisenden und diesen Vorüberwandelnden durch den Mund ihrer Gräber, mit den Buchstaben ihrer Epitaphe sprachen.

Und da der Charakter der Individuen, wie wir nachgewiesen haben, den Tod überlebte, so sagte der bescheidene Mensch:


Ich bin gewesen, ich bin nicht mehr;


Das ist mein ganzes Leben und mein ganzer Tod

Der reiche Mann sagte:


Hier ruht


Stabirtus;


Er wurde zum Sevir ernannt, ohne darum


nachgesucht zu haben;


Er hätte einen Rang in allen Decurien Roms


einnehmen können


Er wollte es nicht


Fromm, muthig, treu,


Ist er von nichts hergekommen: er hat dreißig


Millionen Sestertien hinterlassen,


Und hat nie die Philosophen hören wollen


Verhalte Dich gut und ahme ihm nach


Sodann, um noch sicherer die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden zu erregen, ließ Stabirtus, – der reiche Mann, – eine Sonne über seine Grabschrift setzen

Der Schriftsteller sagte:


Reisender!


So sehr du auch Eile haben magst, an das Ziel


deiner Reise zu kommen,


Dieser Stein bittet dich, auf seine Seite zu


schauen und zu lesen, was hier geschrieben steht


Hier ruhen die Gebeine des Dichters


Marcus Pacunius


Davon wollte ich dich unterrichten


Lebe wohl!

Der discrete Mann sagte:


Mein Name, meine Geburt, meine Abstammung,


Was ich war, was ich bin,


Ich werde es dir nicht offenbaren


Stumm für die Ewigkeit, bin ich ein wenig Asche,


Knochen, Nichts


Von Nichts hergekommen, bin ich dahin zurückgekehrt,


woher ich gekommen war


Mein Loos erwartet dich, Gott befohlen!

Der mit Allem zufriedene Mensch sagte:


So lange ich aus der Welt war, habe ich gut


gelebt


Mein Stück ist schon beendigt: das eurige


wird bald endigen


Gott befohlen! Klatscht Beifall!

Eine unbekannte Hand endlich, die eines Vaters ohne Zweifel, ließ das Grab einer Tochter, eines armen, der Welt im Alter von sieben Jahren entführten Kindes, sagen:


Erde, laste nicht auf ihr,


Sie hat nicht auf dir gelastet!

Mit wem sprachen nun alle diese Todten, die sich an das Leben anklammerten, die Sprache des Grabes? Wer waren diejenigen, welchen sie aus ihren Grabstätten riefen, wie es die Courtisanen thun, wenn sie an ihre Fensterscheiben klopfen, um die Vorübergehenden zu zwingen, den Kopf umzuwenden? Was für eine Welt war es, mit der sie sich beständig im Geiste vermengten, und die munter, freudig, sorglos, rasch vorbeizog, ohne sie zu hören, ohne sie zu sehen!

Es war Alles, was es an Jugend, an Schönheit, an Eleganz, an Reichthum, an Aristokratie in Rom gab. Die Via Appia war das Longchamp des Alterthums, nur dauerte dieses Longchamp, statt drei Tage wie das von Paris, das ganze Jahr hindurch.

Gegen vier Uhr Nachmittags, wenn die große Hitze des Tages vorüber war, wenn die Sonne minder glühend und minder leuchtend gegen das tyrrhnische Meer niedersank, wenn der Schatten der Pinien, der Steineichen und der Palmbäume sich vom Westen nach dem Osten verlängerte, wenn der Oleander Siciliens den Staub des Tages bei den ersten Abendlüften abschüttelte, die von der blauen, den Tempel des Jupiter Latialis beherrschenden, Gebirgskette herabkamen, wenn die Magniola Indiens ihre elfenbeinerne Blüthe, gerundet in einem Hörnchen wie ein duftender Becher, der sich anschickt, den Abendthau zu empfangen, erhob; wenn der Nelumbo des caspischen Meeres, der vor der Flamme des Zeniths in den feuchten Schooß des Sees geflohen war, wieder zur Oberfläche des Wassers emporstieg, um mit der ganzen Größe seines erschlossenen Kelches die Kühle der Nachtstunden einzuathmen, dann erschien allmälig aus der Porta Appia hervorkommend das, was man die Vorhut der Schönen, der Trossuli, der kleinen Trojaner Roms nennen konnte, welche die Bewohner der Vorstadt Appia, die nun auch aus ihren Häusern traten, – welche sich ebenfalls öffneten, um Athem zu schöpfen, – zu mustern sich anschickten, und zwar in Lehnstühlen sitzend, die man aus dem Innern des Atrium herbeibrachte, auf die Weichsteine gestützt, die als Fußtritt für die Reiter zum Besteigen ihrer Pferde dienten, oder halb liegend aus jenen kreisförmigen Bänken, die man an die Wohnung der Todten zur größeren Bequemlichkeit der Lebenden anlehnte.

Nie hat Paris zwei Spaliere in den Champs-Elysees bildend, nie hat Florenz nach den Cascine laufend, nie hat Wien sich nach dem Prater drängend, nie hat Neapel in der Toledostraße und auf der Chiaja zusammengeschaart, eine solche Abwechselung von Schauspielen, einen solchen Zusammenstrom von Zuschauern gesehen.

Zuerst, an der Spitze, erscheinen Reiter auf numidischen Rossen mit Schabracken von Goldstoff oder Tigerhäuten. Einige werden den Spazierritt im Schritt fortsetzen; diese haben vor sich Läufer in kurzen Tuniken mit leichter Fußbekleidung, mit einem um die linke Schulter gerollten Mantel, die Seiten umschlossen von einem ledernen Gürtel, den sie nach Belieben zusammenziehen oder auseinander lassen, je nachdem der Gang, welchen sie zu nehmen gezwungen sind, mehr oder minder rasch ist. Andere, als machten sie sich den Preis des Rennens streitig, werden in ein paar Minuten die ganze Länge der Via Appia zurücklegen; sie lassen am Kopfe ihrer Pferde herrliche Molosse mit silbernen Halsbändern laufen, und wehe dem, der sich aus dem Wege dieses Wetterwirbels findet! wehe dem, der sich von diesem erschrecklichen Gemenge von Gewieher, Gebelle und Staub umhüllen läßt! Man wird ihn von den Hunden gebissen, von den Pferden mit den Füßen getreten ausheben, man wird ihn blutig, gebrochen, gequetscht wegtragen, während der junge Patrizier, der den Streich vollführt hat, sich, ohne den Lauf seines Rosses zu hemmen, umwenden, in ein Gelächter ausbrechen und seine Geschicklichkeit in Verfolgung seines Weges aus die dem Ziele, nach welchem sich sein Pferd wendet, entgegengesetzte Seite schauend, zeigen wird.

Hinter den numidischen Rossen kommen die leichten Wagen, welche beinahe an Schnelligkeit mit den Kindern der Wüste streiten würden, deren Race nach Rom zugleich mit Iugurtha gebracht worden ist; das sind Cisii, lustige Equipagen, eine Art von Tilburys, gezogen von drei fächerartig eingespannten Maulthieren, von denen das rechts und das links, ihre silbernen Schellen schüttelnd, galoppiren, während das mittlere, der geraden Linie mit der Unbeugsamkeit und, wir möchten beinahe sagen, mit der Geschwindigkeit eines Pfeiles folgend, trabt; dann erscheinen die Caruccä, hohe Wagen, von denen das Corricolo unserer Zeit nur eine Varietät oder vielmehr eine Nachkommenschaft ist; selten führen diese die Elegants selbst, sondern sie lassen sie von einem numidischen Sklaven führen, welcher das malerische Costüme seines Landes trägt.

Hinter den Cisii und den Caruccä rücken die vierräderigen Wagen heran: die Rhedä mit purpurnen Polstern und reichen Teppichen, welche nach außen niederfallen, die Covini, bedeckte und so hermetisch verschlossene Wagen, daß sie zuweilen die Mysterien des Alcoven auf die Straßen und auf die öffentlichen Spaziergänge Roms versetzen; – endlich, einen Contrast mit einander bilden, – die Matrone mit ihrer langen Stola bekleidet, in ihre dichte Palla gehüllt, mit der Steifheit einer Bildsäule in dem Carpentum, einer Art von Wagen von besonderer Form, sitzend, dessen sich zu bedienen nur die Patrizierfrauen das Recht haben, – und die Conrtisane bekleidet mit Gaze von Kos, d.h. mit Luft gewoben aus gesponnenem Nebel, nachlässig in ihrer Sänfte liegend, welche acht Träger mit herrlichen Penulä bedeckt schleppen, begleitet rechts von ihrer griechischen Freigelassenen, einer Liebesbotin, einer nächtlichen Iris, welche einen Augenblick ihr süßes Gewerbe ruhen läßt, um mit einem Fächer von Pfauenfedern die Luft, die ihre Gebieterin einathmet, in Bewegung zu setzen, links von einem liburnischen Sklaven, dem Träger eines mit Pelzwerk überzogenen Fußtrittes, an dem ein langer, schmaler Teppich ebenfalls von Pelz befestigt ist, damit die weichliche Priesterin des Vergnügens aus ihrer Sänfte aussteigen und den Ort, an welchen sie sich zu setzen entschlossen ist, erreichen kann, ohne daß ihr nackter, mit Edelsteinen beladener Fuß den Boden zu berühren braucht.

Dann, hat man einmal das Marsfeld hinter sich, ist man außerhalb der Porte Capena und auf der Via Appia, so verfolgen Viele ihren Weg zu Pferde oder im Wagen, Viele steigen aber auch aus, übergeben ihre Equipage der Obhut ihrer Sklaven, gehen in dem zwischen den Gräbern und den Häusern vorbehaltenen Zwischenraume spazieren oder setzen sich auf Stühle und Tabonrets, welche Speculanten in freier Luft gegen ein halbes Sestertium für die Stunde an sie vermiethen. Ah! hier sieht man die ächten Eleganzen! Hier herrscht die Mode mit Willkühr! Hier studirt man an den wahren Mustern des guten Geschmacks den Schnitt des Bartes, der Haare, die Form der Tuniken und jenes große von Cäsar gelöste, aber von der neuen Generation in Zweifel gesetzte Problem, ob man sie lang oder kurz, weit oder eng tragen soll! Cäsar trug sie schleppend und weit; doch seit Cäsar hat man große Fortschritte gemacht! – Hier streitet man mit allem Ernste über das Gewicht der Sommerringe und der Winterringe, über die Composition der besten Schminke; über die beste Bohnenpommade, um die Haut geschmeidig zu erhalten; über die delicatesten Pastillen von Myrrhe und Mastix mit altem Weine geknetet, um den Athem rein zu erhalten! Die Frauen hören zu, während sie nach Art der Gaukler von ihrer rechten Hand in ihre linke Ambrakugeln werfen, welche zugleich erfrischen und Wohlgeruch verbreiten; sie spenden Beifall mit dem Kopfe, mit den Augen und von Zeit zu Zeit sogar mit den Händen den gelehrtesten und gewagtesten Theorien; ihre durch das Lächeln geöffneten Lippen zeigen ihre perlartig weißen Zähne; ihre zurückgeworfenen Schleier lassen, einen reichen Contrast mit ihren pechschwarzen Augen und ihren ebenholznen Brauen bildend, herrliche Haare von einem Gluthblond, von einem Goldblond oder von einem Aschblond sehen, je nachdem sie die ursprüngliche Farbe mit einer Seife bestehend aus Buchenasche und Ziegentalg, welche sie aus Gallien kommen lassen, oder eine Mischung von Essighefe und Mastixöl benützend, oder endlich, – was noch einfacher ist, dadurch verändert haben, daß sie in den Tavernen des Porticus Minucius, dem Herculestempel gegenüber, glänzende Haare kauften, welche arme Mädchen Germaniens an den Scheerer um fünfzig Sestertien veräußerten, während dieser sie um ein halbes Talent wieder verkauft.

Und dieses Schauspiel wird mit Neid betrachtet von dem halb nackten Manne aus dem Volk, von dem kleinen ausgehungerten Griechen, der für ein Mittagsmahl zum Himmel aufsteigen würde, und von dem Philosophen mit dem abgetragenen Mantel und der leeren Börse, welcher sich hier einen Redetexte gegen den Luxus und den Reichthum nimmt.

Und Alle, mögen sie sitzen, liegen, stehen, gehen, kommen, sich bald auf dem einen Beine, bald auf dem andern schaukeln, ihre Hände aufheben, um ihre Aermel zurückfallen zu machen und ihre Arme zu zeigen, von denen die Haare sorgfältig entfernt worden sind, lachen, lieben, scherzen, schnarren, während sie sprechen, Lieder von Cadix, oder Alexandrien trällern, vergessen diese Todten, welche sie hören, ihnen rufen, werfen mit Albernheiten in der Sprache von Virgil um sich, wechseln Calambours im Idiom von Demosthenes, sprechen besonders Griechisch, denn das Griechische ist die wahre Sprache der Liebe, und eine Courtisane, welche nicht zu ihren Liebhabern in der Sprache von Lais und Aspasia zu sagen wüßte: Ζ∞η ϰαι ψυχη (mein Leben und meine Seele) diese Courtisane wäre nur ein Mädchen, gut für gemeine Soldaten mit Sandalen und ledernen Schilden.

Hundertfünfzig Jahre später wird der falsche Quintilius erfahren, was es kostet, nicht Griechisch zu sprechen.

Und dennoch, um Unterhaltung, Monumente, Schauspiele, Brod dieser eitlen, wahnsinnigen Menge zu geben, diesen jungen Leuten mit leichten Köpfen, diesen Weibern mit verfälschten Herzen, diesen Familiensöhnen, die ihre Gesundheit in den Häusern der Unzucht und ihre Börsen in den Tavernen lassen, diesem müßigen, trägen Volke, weil es vor Allem italienisch ist, – aber mürrisch, als wäre es englisch, stolz, als wäre es spanisch, streitsüchtig, als wäre es gallisch, diesem Volke, welches sein Leben damit zubringt, daß es unter den Säulenhallen spazieren geht, in den Bädern schwatzt, im Circus in die Hände klatscht, für diese jungen Leute, für diese Weiber, für diese Familiensöhne, für dieses Volk besingt Virgil, der süße Schwan von Mantua, der christliche Dichter dem Herzen, wenn nicht der Erziehung nach, das ländliche Glück, verflucht er den republikanischen Ehrgeiz, brandmarkt er die Ruchlosigkeit der Bürgerkriege und bereitet er das schönste und größte Gedicht vor, das seit Homer gemacht worden wäre, und das er verbrennen wird, weil er es unwürdig nicht nur der Nachwelt, sondern auch seiner Zeitgenossen findet. Für sie, um zu ihnen zurückzukommen, flieht Horaz bei Philippi und wirft, damit er leichter laufen kann, seinen Schild weit hinter sich; um von ihnen angeschaut und genannt zu werden, geht er zerstreut aus dem Forum, aus dem Marsfelde, am Ufer der Tiber spazieren, ganz beschäftigt mit dem, was er Bagatellen nennt: seine Oden, seine Satyren und seine Ars poëtica! An sie und in seinem tiefen Bedauern, von ihnen getrennt zu sein, richtet der lockere Ovid, – schon seit fünf Jahren zu den Thraciern verbannt, wo er das, doch so leichte, Vergnügen, einen Augenblick der Liebhaber der Tochter des Kaisers gewesen zu sein, oder den gefährlichen Zufall, das Geheimniß der Geburt des jungen Agrippa erlauert zu haben, büßt, – an sie richtet Ovid seine Tristia, seine Pontica und seine Metamorphosen; um sich wieder in ihrer Mitte zu befinden, fleht er Augustus an, wird er Tiberius anflehen, ihn wieder nach Rom zurückkehren zu lassen; nach ihnen wird er sich sehnen, schließt er fern vom Vaterlande die Augen, mit einem und demselben Blicke, mit jenem letzten Blicke, der Alles sieht, die herrlichen Gärten von Sallust und das arme Quartier von Suburrus und die Tiber mit dem majestätischen Gewässer, wo Cäsar im Kampfe mit Cassius beinahe ertrunken wäre, und das Wasser des Velabrum umfassend, an welchem sich der heilige Wald, der Zufluchtsort der latinischen Wölfin und die Wiege von Romulus und Remus, ausdehnte! Für sie, um ihre Liebe, veränderlich wie ein Apriltag, zu erhalten, bezahlt Mäcenas, der Abkömmling der Könige Eturiens, der Freund von Augustus, der wollüstige Mäcenas, der nur gestützt aus die Schultern von zwei Eunuchen zu Fuß geht, die Gesänge seiner Dichter, die Fresken seiner Maler, den Prunk seiner Schauspieler, die Grimassen des Mimen Pyladus, die Luftsprünge des Tänzers Battyllus! Für sie eröffnet Bulbus ein Theater, errichtet Philippus ein Museum, baut Pollio Tempel! An sie theilt Agrippa unentgeldlich Lotteriebillets aus, welche Loose von zwanzigtausend Sestertien, gold- und silbergestickte Stoffe vom Pontus, mit Perlmutter und Elfenbein eingelegte Meubles gewinnen; für sie richtet er Bäder ein, in denen man vom Augenblick, wo die Sonne aufgeht, bis zur Stunde des Sonnenuntergangs bleiben kann, wo man aus Kosten des Herrn rasirt, parfümirt, eingerieben, getränkt und gespeist wird; für sie gräbt er Kanäle in einer Länge von dreißig Meilen, für sie baut er siebenundsechszig Meilen Wasserleitungen, führt er täglich nach Rom eine Wassermasse von zwei Millionen Kubikmetern und vertheilt sie in zweihundert Brunnen, in hundertunddreißig Wasserthürme und hundertsiebzig Bassins! Für sie endlich, um ihnen in Marmor das backsteinerne Rom zu verwandeln, um ihnen Obeliske aus Aegypten kommen zu lassen, um ihnen Forums, Basiliken, Theater zu bauen, läßt Augustus, der weise Kaiser, sein Goldgeschirr einschmelzen, behält er von der ganzen Verlassenschaft der Ptolemäer nur eine murrhinische Vase, von dem Vermögen seines Vaters Octavius, von dem Erbe seines Oheims Cäsar, von der Niederlage des Antonius, von der Eroberung der Welt nur hundertundfünfzig Millionen Sestertien, – dreißig Millionen Franken; für sie stellt er die Via Flaminia bis Rimini wieder her, für sie beruft er aus Griechenland Possenreißer und Philosophen, aus Cadix Tänzer und Tänzerinnen, aus Gallien und Germanien Gladiatoren, aus Afrika Boas, Flußpferde, Giraffen, Tiger, Elephanten und Löwen. Zu ihnen endlich sagt er sterbend: »Seid Ihr zufrieden mit mir, Römer? Habe ich meine Kaiserrolle gut gespielt? . . . Ja. . . . So klatscht Beifall!«

So waren die Via Appia, Rom und die Römer zur Zeit von Augustus beschaffen. – Doch in der Epoche, zu der wir gelangt sind, nämlich am grünen Donnerstage des Jahres 1469, hatten sich die Dinge und die Menschen sehr verändert! Die Kaiser waren verschwunden gerade durch den Schwindel des Kaiserreichs: der römische Coloß, der mit seiner riesigen Basis ein Drittel der bekannten Welt bedeckte, war eingestürzt, trotz seiner Ringmauer von Aurelian war Rom von Jedem eingenommen worden, der es hatte einnehmen wollen, von Alarich, von Genserich, von Odoacer, und es hatte die Barbaren, beständig Trümmer auf Trümmer häufend, um zwanzig Fuß die Oberfläche seines Bodens erhöhen sehen. Verwüstet, ausgeplündert, ausgeleert, war es endlich mit seinem Herzogthum, dem Papst Stephan II, von Pipin dem Kleinen geschenkt worden, welche Schenkung Karl der Große später bestätigte. So lange demüthig und flüchtig hatte das Kreuz, nun ebenfalls stolz und erobernd, nach und nach das Pantheon von Agrippa, die Antoniussäule und die Firste des Capitols gekrönt. Vom Giebel der Basilica des heiligen Peter hatte die geistliche Macht der Kirchenfürsten ihren Flug über das Weltall genommen; sie breitete sich im Norden bis nach Island, im Süden bis zur Meerenge von Gibraltar, im Osten bis zum Sinai, im Westen bis zum äußersten Vorgebirge Britanniens, dieses Hintertheils des europäischen Schiffes aus, an welchem sich die Wellen des atlantischen Meeres, fortgetrieben durch die Wellen Oceaniens, welche wiederum die Wellen des indischen Meeres antreiben, beständig brechen; doch die weltliche Gewalt der Päpste bricht sich in Rom eingeschlossen, das ihm Fuß für Fuß die furchtbaren Condottieri des Mittelalters streitig machen, an dem Theater des Marcellus und weicht vor dem Triumphbogen von Trajan zurück.

Gerade aber an diesem Triumphbogen des Trajan fängt die Via Appia an.

Was ist indessen unter allen diesen Revolutionen des Kaiserreichs, unter allen diesen Einfällen der Barbaren, unter dieser Verwandlung des Menschengeschlechts aus der großen Appia, der Königin der Straßen, dem Zugange zu den elysäischen Feldern geworden? Und warum stößt sie besonders eine so große Angst ein, daß die erschrockenen Bevölkerungen sich von ihr abwenden und einen Weg durch die Ebene schaffen, um nicht ihrem Lavapflaster zu folgen und die doppelte Linie ihrer einsinkenden Gräber zu vermeiden?

Wie die Raubvögel, Adler, Geier, Falken, Weihen, Habichte haben sich Raubmenschen, – die Frangipani, die Gaëtani, die Orsini, die Colonna und die Savelli, – der verfallenen Gräber bemächtigt, Festungen daraus gemacht und auf der Spitze ihre Banner, nicht Ritterbanner, sondern Räuber- und Banditenbanner aufgepflanzt.

Und dennoch, – eine seltsame Erscheinung, welche selbst die Soldaten, die auf der Torre Fiscale wachen und denen es in Betracht der Feierlichkeit des Tages verboten ist, einen Ausfall in die Ebene zu machen, nicht begreifen können, – indeß die anderen Pilger sich fortwährend mit derselben Sorgfalt von der antiken Straße entfernt halten, schreitet ein Mann allein, zu Fuß, ohne Waffen, auf diese Torre Fiscale, den Vorposten der langen Reihe von Festungen, zu, ohne sich von seinem Wege abbringen zu lassen.

Die Soldaten schauen sich erstaunt an und fragen einander:

»Woher kommt dieser Mann? . . . Wohin geht er? . . . Was will er?«

Dann fügen sie lachend und mit einer drohenden Miene den Kopf schüttelnd bei:

»Er ist sicherlich ein Narr!« . . .

Woher dieser Mann kommt, werden wir sogleich sagen; wohin er geht, werden wir bald sehen; was er will, werden wir später erfahren.




Der Reisende


Dieser Mann kam von Neapel oder schien daher zu kommen.

Bei Tagesanbruch hatte man ihn aus Genzano weggehen sehen. Hatte er in diesem Dorfe geschlafen? War er die ganze Nacht marschirt und hatte er die Pontinischen Sümpfe während der finstern Stunden durchwandert, wo das Fieber und die Banditen in der ungeheuren Wüste wachen?

Niemand wußte es.

Er folgte der Straße, welche von Genzano nach der Riccia führt; allmälig bevölkerte sich diese Straße mit Bauern und Bäuerinnen, die denselben Weg machten, wie er; denn er schien auch nach Rom zu gehen und in derselben Absicht, wie sie, – in der Absicht, den großen Segen zu empfangen.

Doch gegen die Gewohnheit der Pilger, welche diese Fahrt vollbringen, sprach er mit Niemand, und Niemand sprach mit ihm; er ging mit mehr raschem, als langsamem Schritte, mit jenem gleichmäßigen Schritte, der den Reisenden, die einen weiten Weg zu machen haben, eigenthümlich ist, und dessen Regelmäßigkeit den Menschen bezeichnet, welcher durch oft wiederholte Wanderungen eine vollkommene Gewohnheit des Marschirens angenommen hat.

Bei der Riccia machten die meisten Bauern einen Halt; die Einen begrüßten mit einem freundlichen guten Morgen ihre Freunde oder auch ihre einfachen Bekannten, die Andern gruppierten sich vor den Thüren der Schenken, um ein Glas Wein von Vellettri oder Orvierto zu trinken.

Er grüßte Niemand, nahm nichts zu sich und zog seines Weges.

Er kam nach Albano, wo beinahe alle Reisende anhalten, so große Eile sie auch haben mögen. Es gab zu jener Zeit viele eines Besuches würdige Ruinen in dieser Pathe von Alba Longa, die ihren Ursprung mitten in der Villa von Pompejus genommen hat und mit ihren achthundert Häusern und dreitausend Einwohnern nicht einmal die umfangreichen Gebäude ausfüllt, die der Kaiser Domitian der Villa des Siegers von Silarus, des Besiegten von Pharsalos hat beifügen lassen.

Er hielt nicht an.

Rechts hatte er, von Albano weggehend, das Grab von Ascan, dem Sohne von Aeneas, dem Gründer von Alba, gefunden, das ungefähr eine Meile vom Grabe von Telegonos, dem Sohne von Ulysses, dem Gründer von Tusculum, entfernt lag. In diesen beiden Städten und in diesen von zwei feindlichen Geschlechtern abstammenden Menschen hatten sich zwei Nationalitäten, die asiatische und die griechische, personificirt; unter den alten Königen von Rom, wie unter der römischen Republik, waren die beiden Städte Nebenbuhlerinnen und die beiden Einwohnerschaften feindlich gegen einander geblieben: der Zweikampf, den die Väter vor Troja begonnen, hatte sich in Rom zwischen den Kindern fortgesetzt. Die zwei Haupthäuser von Alba und von Tusculum waren das Haus Julia, aus dem Cäsar abstammte, und das Haus Porcia, aus dem Cato kam. Man kennt den furchtbaren Kampf dieser zwei Männer; nach einer Dauer von mehr als tausend Jahren endigte der Zweikampf von Troja in Utica. Cäsar, ein Nachkomme des Besiegten, rächte Hector an Cato, einem Nachkommen des Siegers.

Das waren sicherlich große Erinnerungen, welche hohe Gedanken erzeugen mußten und es wohl verdienten, daß ein Reisender einen Augenblick anhielt, und wäre es auch nur außen vor dem Grabe des Sohnes von Aeneas; doch der Reisende wußte ohne Zweifel nichts von allen diesen Dingen, oder er hielt sie für unwürdig seiner Betrachtungen, denn er ging an dem Grabe von Ascan vorüber, ohne es nur mit einem Blicke zu begrüßen.

Und merkwürdiger Weise hatte er auch mit einer eben so großen Gleichgültigkeit oder einer eben so tiefen Verachtung den Tempel des Jupiter Latialis hinter sich gelassen, in welchem der oberflächliche Reisende allerdings nur eine den andern ähnliche Ruine erblickt, während der heller sehende Historiker den von Tarquinius geschaffenen Mittelpunkt, um die latinische Clivilisation in den Schatten der römischen Civilisation zu stellen, darin erkennt.

Diejenigen, welche derselben Straße folgten, wie der stumme, unermüdliche Reisende, diejenigen, welche Anfangs geglaubt hatten, sie gehen schneller, oder wenigstens gerade so wie er, sich jedoch allmälig von ihm übertroffen sahen, betrachteten ihn auch mit einem großen Erstaunen, beinahe mit Schrecken. Man hätte glauben sollen, dieser Mann gehöre einem andern Geschlechte an, als das war, unter welches er sich durch ein unbesiegbares Verhängniß gewaltsam versetzt fand, und er habe nichts mit demselben zu schaffen. Er zog durch die menschlichen Wogen, wie die Rhone durch den Genfer See zieht, ohne ihr trübes, eiskaltes Wasser mit der lauten, durchsichtigen Welle des Leman zu vermischen.

Als er jedoch auf den Gipfel des Berges von Albano und zu der Stelle gelangt war, wo Rom, die römische Campagna und das tyrrhenische Meer sich nicht nur plötzlich den Augen des Reisenden bieten, sondern ihm sogar entgegenzukommen scheinen, blieb er einen Augenblick nachdenkend stehen, stützte seine beiden Hände auf seinen langen Lorbeerstab und umfaßte mit einem Blick das wunderbare Gemälde, das sich seinen Augen bot.

Auf seinem Gesichte trat indessen eher das Gefühl eines Menschen hervor, der wiedersieht und sich erinnert, als das eines Menschen, welcher zum ersten Male sieht und erstaunt.

Benützen wir diesen Moment, um einen Blick auf ihn zu werfen und durch die äußere Form wenigstens den geheimnißvollen Unbekannten in Verbindung mit unsern Lesern zu setzen.

Es war ein Mann von vierzig bis fünfundvierzig Jahren, von eher hohem, als mittlerem Wuchse; sein magerer, knochiger Körper schien für alle Strapazen geschaffen und für alle Gefahren bereit. Er trug als Gewand, außer einem blauen über seine Schulter geworfenen Mantel, einen grauen Leibrock, der seine starken Arme und seine Beine mit den stählernen Muskeln sehen ließ. Die Sandalen, mit denen seine Füße bekleidet waren, schienen den Staub von vielen Straßen abgeschüttelt und den Staub von vielen Generationen aufgerührt zu haben.

Er ging mit bloßem Kopfe.

Dieser durch die Sonne gebräunte und durch den Wind gepeitschte Kopf war besonders der merkwürdige Theil des unbekannten Reisenden! er bot in seiner ganzen Schönheit, in seiner ganzen Macht, in seinem ganzen Umfange den Typus der semitischen Race. Das Auge war tief, groß, ausdrucksvoll und, je nachdem die dunkle Braue sich senkte und es beschattete, oder sich hob und es erleuchtete, von Schwermuth beschleiert oder in einem düsteren Feuer glänzend; die kräftig an' die Stirne angefügte Nase verlängerte sich gerade und dünn in ihrer ursprünglichen Linie, bog sich aber an ihrem Ende wie der Schnabel der großen Raubvögel; so viel man durch die Haare eines langen, schwarzen Bartes beurtheilen konnte, war der verächtlich oder schmerzlich an den beiden Winkeln ausgezogene Mund schön nach seiner Form und reich an weißen, scharfen Zähnen; das Haupthaar, das seine ganze Länge entwickeln durfte, war schwarz wie der Bart und fiel bis aus die Schultern herab, – ähnlich dem der barbarischen Kaiser, welche Rom beherrschten, oder jener fränkischen Könige, welche Gallien mit ihren Invasionen überzogen, – und umrahmte bewunderungswürdig mit seinem Ebenholzkreise das Gesicht, durch dessen Bräunung die Haut etwas von der Festigkeit und dem Glanze des Rothkupfers behalten hatte; die Stirne war gänzlich von den Haaren bedeckt, und kaum trennte ein schwacher Zwischenraum ihr Ende vom Anfange der Augenbrauen, – ein Zwischenraum indessen, der ausdrücklich vorbehalten zu sein schien, um eine von jenen tiefen Falten erschauen zu lassen, die das Nachdenken in die Stirne derjenigen gräbt, welche lange Zeit und viel gelitten haben.

Dieser Mann hielt, wie gesagt, einen Augenblick oben aus dem Berge an, und da er gerade mitten aus der Straße stand, so trennte sich die Woge der Pilger, die ihm folgten und von ihm abwichen, in zwei Aeste, wie ein Strom, der von einem Berge herabläuft und aus der Höhe des Katarakts, den er bildet, einen unerschütterlichen Felsen findet.

Und zu dieser Stunde des Tages bei der Morgenhelle dieser jungen, heiteren Aprilsonne, war doch der Anblick des so nachdenkend und unbeweglich dastehenden Mannes bloß streng. Nur begriff man, daß bei Nacht unter einem Sturme, wenn seine langen schwarzen Haare und sein großer, blauer Mantel vom Nordostwinde gepeitscht wurden, und er trotz der Nacht, trotz des Sturmes, trotz des Nordosts, beleuchtet durch den Schein der Blitze, mit seinem raschen, regelmäßigen Schritte seine Wanderung durch das Dickicht der Wälder, über die kahlen Heiden oder am abschüssigen Gestade des Meeres hin ähnlich dem Genius der Wälder, oder dem Dämon der Steppen, oder dem Geiste des Oceans fortsetzte, – man begriff, daß dann der Anblick dieses Mannes erschrecklich sein mußte!

Und es war dieser Instinct des Schreckens, der die Bauern von dem finstern Reisenden fern hielt.

So gestellt, wie wir gesagt haben, den Rücken dem Osten, das Gesicht dem Westen zugewendet, hatte er zu seiner Rechten die große Gebirgskette, welche mit dem Soracte endigt und die ganze erste Periode der Eroberung Roms in diesem Bassin, einer Art von Circus, einschließt, wo sich nach und nach die faliskischen, äquischen, volskischen, sabinischen und hernischen Nationalitäten abgekämpft haben und unterlegen sind; zu seiner Linken das ganze turrhenische Meer bestreut mit bläulichen Inseln, Wolken ähnlich, welche aus dem Wege nach der Ewigkeit in den Tiefen des Himmels Anker geworfen hätten; auf drei Meilen vor ihm, am andern Ende der ganz von Thürmen aus dem 11., 12. und 13. Jahrhundert in gerader Linie strotzenden Via Appia, erhob sich Rom, denn die Straßen im Altlerthum ließen keine Abweichungen zu, sie gingen mit einem unbeugsamen Schritte, bauten Brücken über die Flüsse höhlten die Berge aus und füllten die Thäler.

Der Reisende verweilte so ein paar Minuten.

Dann, als er mit den Augen den unermeßlichen Horizont, der durch zweitausend Jahre der Erinnerung noch unermeßlicher geworden, durchlaufen hatte strich er langsam mit der Hand über seine Stirne, erhob zum Himmel einen Blick, in welchem das Flehen und die Drohung kämpften stieß einen tiefen Seufzer aus und zog weiter.

Nur, sobald er zu der Verbindung der zwei Straßen gelangt war, ging er, statt sich nach rechts zu wenden, wie alle Welt, statt diese Adlershorste, diese Geiernester zu vermeiden, die den Schrecken der Gegend bildeten, statt in Rom durch die Porta di San Giovanni in Laterano einzutreten, ohne daß er zu zögern schien, ohne daß er zu befürchten schien, ohne daß er nur zu vermuthen schien, es gebe für ihn irgend eine Gefahr, wenn er thue, was er that, unmittelbar auf die Torre Fiscale zu, auf deren Spitze das Banner der Orsini, dieser kriegerischen Nepoten von Papst Nicolaus III., wehte.

Da geschah es, daß der Soldat, welcher oben auf dem Thurme Schildwache stand, diesen Mann bemerkte, der sich von der Menge absonderte, um einer Straße zu folgen, welcher Niemand folgte, und der mit demselben Gange immer allein, ohne Waffen und dem Anscheine nach eben so gleichgültig gegen diejenigen, welche er hinter sich ließ, als gegen die, welche er vor sich hatte, fortschritt.

In jener Zeit der Kriege, der Plünderungen und der Mordbrennereien, welche aus der Campagna von Rom die düstere und zugleich poetische Einöde gemacht haben, die sie noch heute bietet, war jeder Soldat ein Räuber und jeder Kapitän ein Anführer von Mördern.

Man hätte glauben sollen, seit den entsetzlichen Pesten des elften und des zwölften Jahrhunderts, die der Welt ein Drittel ihrer Bevölkerung entrissen hatten, man hätte glauben sollen, seit den großen europäischen Völkerwanderungen, die, ein Seitenstück zu der arabischen Invasion bildend, zwei Millionen Menschen auf den Ebenen Syriens, am Fuße der Mauern von Konstantinopel, an den Ufern des Nils und um den See von Tunis ausgestreut hatten; man hätte glauben sollen, wiederholen wir, das Menschengeschlecht habe, befürchtend, zu zahlreich zu werden und seinen Platz nicht mehr auf der Oberfläche des Erdballs zu finden, beschlossen, gegenseitig einen unablässigen, grimmigen, tödtlichen Krieg zu führen.

Während des ganzen fünfzehnten Jahrhunderts besonders schien die christliche Welt eine Königin mit der Cypressenkrone, mit blutigem Scepter, mit einem von Thränen besäten Throne, ihren Hof mitten in einem ungeheuren Ossarium haltend und sich die Zerstörung nennend, gewählt zu haben. Italien war ihr Reich, die Welt ihr Campo-Santo; es schien damals und während dieser ganzen Schreckensperiode, das Leben des Menschen habe keinen Werth behalten, es habe aufgehört, von irgend einem Gewichte in der Waage zu sein, die Gott in die rechte Hand des Schicksals gegeben hat.

Die Prüfung, die der geheimnißvolle Reisende, ohne daß er es zu vermuthen schien und während er immer weiter ging, auszuhalten hatte, war ihm, wir müssen es gestehen, nicht günstig. Sein seltsamer Anzug, der keine Aehnlichkeit mit der Tracht jener Zeit hatte, sein durch das Alter zerfranster grauer Leibrock, der Strick, der seine Hüften umgürtete, der bloße Kopf, die nackten Arme, die nackten Beine, der Mangel an Waffen endlich, der noch mehr als das Uebrige den Menschen von geringer Herkunft bezeichnete, Alles dies machte, daß die Soldaten, im Glauben, sie sehen in ihm einen Bettler, einen Landstreicher, einen Aussätzigen vielleicht, dachten, sie dürfen ihn nicht zu nahe kommen lassen, und, sobald er im Bereiche der Stimme war, – nachdem sie an einander die von uns erwähnten Fragen gerichtet, auf die Niemand antwortete, – die Schildwache aufforderten, ihre Pflicht zu thun.

Die Schildwache, die diesen Augenblick mit eben so großer Ungeduld als ihre Kameraden erwartete, ließ sich das nicht zweimal sagen und rief:

»Wer da?«

Aber, mochte er es nun nicht hören, mochte der sorgenschwere Gedanke, der in seinem Innersten arbeitete, jedes andere Gefühl, selbst das der Gefahr, die er lief, beherrschen, der Reisende antwortete nicht.

Die Soldaten schauten sich mit einem wachsenden Erstaunen an, und nach einem Zwischenraume von ein paar Secunden schleuderte abermals die Schildwache durch den Raum den Ruf:

»Wer da?«

Der Reisende antwortete ebenso wenig auf diesen zweiten Ruf, als er aus den ersten geantwortet hatte, und verfolgte seinen Weg nach dem Thurme.

Die Soldaten schauten sich abermals an, während die Schildwache auf eine bedrohliche Weise zu lachen anfing und die Lunte ihrer Büchse anzündete. Das von dem unvorsichtigen Reisenden zum zweiten Male beobachtete Stillschweigen war in der That sein Todesurtheil, und es sollte dem Soldaten erlaubt sein, seine Geschicklichkeit an einer lebendigen Scheibe zu versuchen.

Doch, – wegen der Heiligkeit des Tages wahrscheinlich und um sein Gewissen sicher zu stellen, – schwellte der Soldat seine Lungen mit aller Luft an, die sie fassen konnten, und rief zum dritten Male:

»Wer da?«

Diesmal mußte der Reisende, um nicht zu antworten, taub oder stumm sein.

Die Soldaten hielten sich an die Hypothese, er sei taub, denn nur stumm, hätte er durch ein Zeichen mit dem Kopfe oder mit der Hand antworten können, und es fiel ihm nicht einmal ein, ein solches Zeichen zu machen.

Da es aber durchaus nicht verboten war, auf die Tauben zu schießen, während ausdrücklich das Gebot bestand, auf diejenigen zu schießen, welche nicht antworteten, so legte der Soldat, nachdem er redlich und großmüthig dem Reisenden ein paar Secunden zum Nachdenken und wohl auch dazu gegeben hatte, daß er unter dem Nachdenken näher rücke und ihm ein leichter zu treffendes Ziel biete, legte der Soldat, sagen wir, den Kolben seiner Büchse an seine Schulter, senkte den Lauf des Gewehrs in der Richtung des Reisenden, drückte, unter dem Stillschweigen und der aufmerksamen Neugierde seiner Kameraden, auf die Feder und gab Feuer.

Zum Unglück schlüpfte in dem Augenblick, wo sich die Lunte auf die Pfanne senkte, ein fremder Arm zwischen den Soldaten durch, hob den Lauf des Gewehrs auf, das hierdurch von der Linie abwich, und der Schuß ging in die Luft.

Der Soldat, da er glaubte, er habe es mit einem seiner Kameraden zu thun, drehte sich wüthend um und schickte sich an, an ihm seine verlorene Kugel zu rächen.

Doch kaum hatte er denjenigen erkannt, welcher den von uns erwähnten Act der Gewalt vollführt, als sich der schon auf seinem Gesichte verbreitete Ausdruck des Zorns unmittelbar in einen Ausdruck des Gehorsams und der Demuth verwandelte, während sich der schon begonnene Fluch in dem Ausrufe des Erstaunens: »Der gnädige Herr Napoleone!« vollendete.

Und indeß die Schildwache zwei Schritte zurückwich, traten die andern Condottieri auf die Seite, um einem jungen Manne von fünfundzwanzig bis sechsundzwanzig Jahren Platz zu machen, der auf der Plattform erschienen war und sich, ohne bemerkt zu werden, der Gruppe genähert hatte.

Dieser junge Mann, auf dessen Gesicht sich leicht der italienische Typus in seiner ganzen Feinheit, in seiner ganzen Stärke, in seiner ganzen Beweglichkeit erkennen ließ, war elegant gekleidet in ein Kriegscostume, von dem er jedoch für den Augenblick nur die leichten Stücke trug, die der Kapitän des fünfzehnten Jahrhunderts beinahe nie ablegte: nämlich das stählerne Halsstück und den Waffenrock als Vertheidigungswaffen, das Schwert und den Dolch als Angriffswaffen. Eine Art von Mütze von Sammet mit einer Brocatkrämpe und einem langen Schilde bedeckte und beschützte zugleich seinen Kopf, denn zwischen dem reichen Stoffe und dem nicht minder reichen Futter hatte der Hutmacher, oder vielmehr der Waffenschmied eine eiserne Plattmütze angebracht, die einem ersten Schwertstreiche zu widerstehen vermochte. Lange büffellederne Stiefel, die im Nothfall bis zur Hälfte des Schenkels heraufgezogen werden konnten, im Augenblick aber bis unter das Knie niedergeschlagen waren, vervollständigten dieses Costüme, welches übrigens, mit geringen Abweichungen, das von der Mehrzahl der Cavaliere und der Bandenführer jener Zeit angenommene war.

Eine lange, an seinem Halse hängende, goldene Kette, die ein Medaillon trug, worauf in zwei an einander gefügten Wappenschilden auf Emaille die Wappen des Papstes und des Papstthums glänzten, deutete an, daß dieser junge Mann eine hohe Stelle beim obersten Kirchenfürsten einnahm; es war in der That Napoleone Orsini, Sohn von Carlo Orsini, Graf von Tagliacozzo, den Se. Heiligkeit Papst Paul II., obgleich er das dreißigste Jahr noch nicht erreicht, zum Gonfalionere der Kirche ernannt hatte, und den der Adel ferner Ahnen, die Größe seiner Person und die Herrlichkeit seines Geschmacks und seiner Neigungen mehr als jeden Andern würdig machten, diesen Platz einzunehmen.

Er war damals der Hauptrepräsentant der großen Familie Orsini, die sich vom elften Jahrhundert an im ersten Range der römischen Gesellschaft auszeichnete, einer Familie, welche dergestalt bei Gott in Gnade stand, daß der heilige Dominicus für sie sein erstes Wunder verrichtete. Ein Napoleone Orsini, als er sich im Jahre 1217 nach der Tone Fiscale begab, die er schon zu jener Zeit inne hatte, und in der, wie man sieht, sein Nachkömmling noch befehligte, – wurde vor dem Thore vom Kloster des heiligen Sixtus vom Pferde geworfen und starb auf der Stelle. Zum Glück kam in diesem Augenblick der heilige Dominicus aus dem Kloster heraus; er sah Knappen, Pagen, Diener, welche um den Leib ihres Herrn standen und weinten, erkundigte sich nach dem Namen und dem Range des Verschiedenen und erfuhr, der Mann, den er hier vor sich liegen sah, sei der berühmte Napoleone Orsini, die Glorie Roms, die Stütze der Kirche und damals der würdigste Erbe seines Namens. Der Heilige näherte sich den trostlosen Dienern, bekam Mitleid mit diesem großen Privatunglück, das durch die Stellung desjenigen, welcher ein Opfer desselben war, zu einem öffentlichen Unglück wurde, hob die Hand auf, wandte sich an die Leute des Verstorbenen und sprach:

»Weinet nicht, denn durch die Gnade Gottes ist Euer Herr nicht todt!«

Und da Pagen, Knappen und Diener dem, was der arme Mönch, welchen sie für einen Narren hielten, sagte, keine Aufmerksamkeit schenkten und den Kopf schüttelnd stärker als je weinten, so fügte der Stifter der Inquisition bei:

»Napoleone Orsini, stehe auf, steige wieder zu Pferde und ziehe Deines Wegs . . . Man erwartet Dich in Casa Rotondo.«

Was der Todte sogleich zum großen Erstaunen der Zuschauer und auch zu seinem eigenen großen Erstaunen that, denn er war lange genug des Lebens beraubt geblieben, daß seine Seele bis zum dritten Kreise der unteren Welt niedergesunken, und daß seine Knochen durch den feuchten Wind des Grabes vereist worden waren.

Aus Dankbarkeit für dieses Wunder gebot auch der Napoleone Orsini des 13. Jahrhunderts, es sollen, soweit dies übrigens thunlich wäre. Alle diejenige, welche denselben Namen führen wie er, ihre Soldaten, ihre Diener, kurz die Leute in ihrem Solde sich in Zukunft wohl hüten, irgend einen Mord während der vierundzwanzig Stunden jedes grünen Donnerstages zu begehen, das heißt während der Jahrestage des Tages, an welchem er gestorben, und wo er durch die Gnade Gottes und den Dazwischentritt des heiligen Dominicus wiedererweckt worden war.

Darum hatte Napoleone Orsini des 15. Jahrhunderts, Gonfalionere der Kirche, die Büchse des Soldaten in dem Augenblicke aufgehoben, wo der Schuß losgehen und ihn unschuldiger Weise das Gebot seines Ahnherren übertreten lassen sollte.

Sechzig Jahre nach der Auferstehung von Napoleone Orsini war Giovanni Gaëtano Orsini, sein Sohn, unter dem Namen Nicolaus III. Zum Papste erwählt worden.

Und da sah man nun, daß das Wunder des heiligen Dominicus zu höheren Wohlfahrt der Kirche verrichtet worden war, da dieser, ein Jahr nach der Auferstehung von Napoleone Orsini geborene, würdige Papst durch Rudolf von Habstburg dem Kirchenstaate Impola, Bologna, Faënza zurückgeben ließ und Karl von Anjou zwang, auf die Reichsverweseung von Taskana und auf den Titel eines Patriziers von Rom zu verzichten.

Seit der Erhebung zur päpstlichen Würde von Gaëtano Orsini nahmen übrigens die Glücksumstände dieser edlen Familie immer mehr zu; Remonde Orsini, Graf von Leva erlangte das Fürstentum Tarento; Bertoldo Orsini wurde zum General der Florentiner ernannt; Antonio Giovanni Orsini. Der vor kaum zehn Jahren gestorben, war fünfzig Jahre hindurch eine der mächtigsten Stützen und einer der furchtbarsten Gegner der Könige von Neapel gewesen, denen er zwei- oder dreimal die Krone genommen und wiedergegeben hatte; derjenige endlich welchen wir so eben in Scene gebracht haben, führte nicht minder mächtig, nicht minder ausgezeichnet, als sein Vorgänger, zugleich den Krieg gegen die Colona von Neapel, gegen den Grafen Federigo von Montefeltro, Herzog von Urbino, und gegen den Grafen Averso, der kürzlich erst den Orsini ihr Lehen Anguillara wieder abgenommen hatte, was sie nicht abhielt, in ihrem Wappen den schwarzen Aal zu behalten, wie England in dem seinigen die Lilien von Frankreich behielt, selbst nachdem es Calais verloren.

Es hatte sich nun zufällig ereignet, daß an demselben Morgen Napoleone Orsini in seine Festung Casa Rotondo, von der die Torre Fiscale ein Außenwerk bildete, gekommen war, denn er wollte durch sich selbst in Erfahrung bringen, ob, wie man ihm gemeldet, sein persönlicher Feind, der Connetable von Neapel in der Stadt Rovillä angekommen, welche auf dem Abhange des Berges von Albano kaum drei Viertelmeilen von der Torre Fiscale lag.

Diese Stadt Rovillä war für die Besitzungen der Colonna, die sich durch ein mächtiges Befestigungssystem durch Neapel bis in die Abruzzen erstreckten, gerade das, was die Casa Rotondo für die Besitzungen der Orsini war, welche Rom durchzogen, sich bis in das Herz von Toscana vertieften und am Fuße der alten Städte Etruriens erloschen.

Wir haben gesehen, wie die unerwartete Ankunft des jungen Gonfalionere und sein mächtiger Dazwischentritt wahrscheinlich dem geheimnißvollen Reisenden, der es aus Gleichgültigkeit oder aus Zerstreuung versäumt, auf die drei: Wer da? der Schildwache zu antworten, das Leben retteten.

Der Schuß bewirkte übrigens, was diese drei: Wer da? nicht hatten bewirken können. Der Reisende mit dem grauen Leibrock und dem blauen Mantel erhob das Haupt, und als er an der Tracht von Napoleone Orsini sah, daß er sich einem Kapitän von hohem Range gegenüber fand, sagte er zu diesem in vortrefflichem Toscanisch:,.

»Gnädiger Herr, würde es Euch belieben, Euren Soldaten zu befehlen, daß mir dieses Thor geöffnet werde?«

Napoleone Orsini schaute mit einer Aufmerksamkeit voll Neugierde die Kleidung und die Physiognomie desjenigen an welcher ihn angeredet, und fragte nach einer kurzen Prüfung:

»Bist Du denn mit einer Botschaft an mich beauftragt und wünschest Du allein mit mir zu reden?«

»Ich bin weder mit einer Botschaft an Euch beauftragt, noch habe ich den Hochmuth, mich einer Unterredung unter vier Augen mit einem so edlen Herrn, wie Ihr seid, würdig zu erachten.«

»Was verlangst Du dann?«

»Ich verlange den Eintritt, ein Stück Brod und ein Glas Wasser.«

»Oeffnet diesem Manne,« sagte Napoleone Orsini zu einem seiner Leute, »und so arm er zu sein scheint, führt ihn in den Ehrensaal.«

Und nachdem er ihm, sich über die Brustwehr neigend, mit den Augen gefolgt war, bis er unter dem Gewölbe des Thurmes verschwunden, ging Napoleone Orsini weg, um seinen Gast in dem Gemache zu erwarten, in welches er denselben zu führen befohlen hatte.

Mittlerweile geleitete man den Fremden in das Innere der Feste.

Diese Feste bildete, – in ihrem Ganzen genommen und alle Werke, die damit in Verbindung standen, mitbegriffen, – einen Raum, dessen Haupttheile waren: die Torre Fiscale, ein höchstens aus dem 11. Jahrhundert datirendes Gebäude, ein ungeheures kreisförmiges Grab, dessen Unterbau zum Ende der Republik zurückzugehen schien, und die Ueberreste einer reichen Villa, die, wie an zu jener Zeit versicherte, wo die archäologischen Studien weniger fortgeschritten waren als in unseren Tagen, einem römischen Kaiser gehört hatte.

Welchem von den zweiundsiebzig Kaisern, von den dreißig großen Tyrannen und den zehn bis zwölf kleinen Tyrannen hatte aber diese Villa gehört? Das wußte man nicht. Nur schwebte wie immer ein Gerücht über diesen kaiserlichen Trümmern: ihr gekrönter Eigenthümer sollte Schätze darin vergraben haben.

Wegen des kreisförmigen Grabes hatte die ganze Feste den Namen Casa Rotondo angenommen.

Alle diese Gebäude, alte und neue, mochten einen Raum von zwanzig Morgen bedecken.

Uebrigens, obgleich der edle Herr Napoleone Orsini, Gonfalionere der Kirche, ein wenig gelehrter war, als die Mehrzahl seiner erhabenen Ahnen und seiner berühmten Zeitgenossen, obgleich man von ihm Briefe, nicht nur von seiner Hand unterzeichnet, sondern sogar ganz geschrieben, besitzt, – was einen bei den edlen Condottieri jener Periode ziemlich hohen Grad von Bildung andeutet, – waren doch die Spuren von Barbarei, die der Reisende auf dem kurzen Wege traf, den er zu machen hatte, um sich vom Thore des Thurms nach dem Ehrensaale zu begeben, nicht minder zahlreich.

In der That, die dreifache Umschließung von Wällen, die er durchschreiten mußte, war von den Trümmern der kaiserlichen Villa und von denen der Via Appia gebaut, so daß jeden Augenblick herrliche Marmorquader, zum Theil mit Inschriften bedeckt, an den Mauern glänzten, eingefügt, wie sie waren, in die grauen Steine, welche die Brüche der Umgegend von Rom lieferten.

Die Brustwehren waren ihrerseits besät mit antiken Larven, mit Trauerpalmen, mit Stücken von zerbrochenen Urnen und Fragmenten von Basreliefs; bis an den halben Leib eingegrabene Statuen dienten als Weichsteine, um die Pferde anzubinden, und oft hatte man ihnen zu größerer Bequemlichkeit die Beine abgeschlagen und sie mit dem Kopfe nach unten, in den Boden eingedrückt.

Wohl konnten von Zeit zu Zeit ungeheure Aushöhlungen, archäologischen Nachgrabungen ähnlich, einen oberflächlichen Beobachter glauben machen, der edle Herr Napoleone Orsini sei in der Forschung nach irgend einem Wunder der etruskischen, griechischen oder römischen Kunst begriffen. Da sich aber unter den aus diesen Ausgrabungen gezogenen und halb von der aufgehäuften Erde bedeckten Trümmern Theile von Statuen, Basreliefs oder Kapitälern fanden, welche in unsern Tagen die Freude eines Visconti oder eines Canino gewesen wären, da diese Bruchstücke verlassen dalagen, so durfte man mit Fug und Recht denken, die Aushöhlungen seien in einem etwas minder artistischen Zwecke und in einer etwas mehr habgierigen Hoffnung gemacht worden.

Uebrigens wandte der Reisende den Kopf weder nach rechts, noch nach links; ohne Zweifel, – und es konnte unmöglich anders sein, – ohne Zweifel sah er diese Ausgrabungen und erkannte er diese Verwüstungen; doch sie brachten, wenigstens dem Anscheine nach, keinen Eindruck auf ihn hervor; düster und unempfindlich, schien er sein ganzes Leben im Schooße der Zerstörung, mitten unter Trümmern zugebracht zu haben!




Casa Rotondo


Als der Reisende in den Ehrensaal kam, dessen Thüre man mit beiden Flügeln vor ihm öffnete, fand er die Tafel bestellt und seiner harrend; nur hatte ihm, statt des bescheidenen Mahles, das er als Almosen gefordert, die freigebige Gastfreundschaft des edlen Herrn Orsini einen Wahren Schmaus auftragen lassen, der, trotz der Feierlichkeit des Tages und der Strenge des heilgen Rituals aus Wildpret, frischem und geräuchertem Fleisch und den besten Fischen bestand, welche der Küste von Ostia entlang gefangen werden.

Die ausgezeichnetsten Weine Italiens, enthalten in Humpen und Kannen mit silberner und goldener Fassung, blinkten und funkelten durch' den venetianischen Krystall wie flüssige Rubine oder geschmolzene Topase.

Der Unbekannte blieb auf der Thürschwelle stehen, lächelte und schüttelte den Kopf.

Napoleone Orsini erwartete ihn bei der Tafel.

»Tretet ein, mein Gast,« sprach der junge Kapitän, »und nehmet so, wie er sie Euch giebt, die Gastfreundschaft des Soldaten an. Wäre ich, wie mein erhabener Feind, Propero Colonna, der Verbündete und Freund von König Ludwig XI., so würde ich Euch, statt unserer dicken, klebrigen Weine Italiens, die köstlichsten Weine Frankreichs bieten; doch ich bin, ein ächter Italiener, eine Vollblut-Guelfe, und Ihr möget meine Dürftigkeit auf Rechnung der Tage des Fastens und der Enthaltsamkeit setzen, in welche wir seit Anfang der heiligen Woche eingetreten sind. . . Und nachdem dies gesagt ist, nachdem ich mich so bei Euch entschuldigt habe, nehmet Platz, mein Gast, esset und trinket.«

Der Reisende stand immer noch auf der Thürschwelle. Er erwiederte:

»Hieran erkenne ich das, was man mir von der prunkvollen Gastfreundschaft des edlen Gonfalionere der Kirche gesagt hat: er empfängt einen armen Bettler, wie er seines Gleichen empfangen würde. . . Doch ich weiß an dem Platze zu bleiben, der einem unglücklichen Pilger zukommt, welcher das Gelübde gethan hat, nur Wasser zu trinken, nur Brod zu essen, seine Mahle nur stehend zu sich zu nehmen, bis zu dem Tage, wo ihm von unserem heiligen Vater dem Papste, oder wenigstens vom Großpönitentiar die Erlassung seiner Sünden zu Theil geworden ist.«

»Nun! dann hat Euch ein glücklicher Zufall hierher geführt, Meister,« versetzte der junge Kapitän; »denn auch hierin kann ich Euch von Nutzen sein. Ich bin nicht ganz ohne einiges Ansehen bei Seiner Heiligkeit dem Papste Paul II., und dieses Ansehen stelle ich mit Freuden zu Euerer Verfügung.«

»Ich danke Euch, gnädiger Herr,« entgegnete der Unbekannte, indem er sich verbeugte; »doch leider muß die Sache von noch höher kommen . . .«

»Was sagt Ihr?« fragte Orsini.

»Ich sage, es gebe kein menschliches Ansehen, das mächtig genug, um vom Papste oder vom Großpönitentiar die Vergebung zu erlangen, die ich erflehe; darum verlasse ich mich in diesem Punkte auf die Barmherzigkeit des Herrn, welche unendlich ist – wenigstens wie man versichert.«

Bei diesen Worten schien eine Art von Lächeln, in welchem der Spott und die Verachtung vermischt waren, unwillkürlich über die Lippen des Reisenden zu schweben.

»Handelt also, wie es Euch beliebt, mein Gast,« sprach Orsini; »schlagt meine Empfehlung aus oder nehmt sie an; thut meiner ganzen Tafel die Ehre an oder begnügt Euch mit einem Glase Wasser und einem Stücke Brod, macht ein reichliches oder ein mäßiges Mahl, sitzend oder stehend; Ihr seid zu Hause, Ihr seid der Gebieter, und ich bin nur der Erste von Euern Dienern. Nur überschreitet die Schwelle, auf der Ihr stehen geblieben . . . mir ist es, als wäret Ihr nicht unter meinem Dache, so lange Ihr jenseits dieser Thüre verweilt.«

Der Reisende verbeugte sich und ging mit langsamem, ernstem Schritte aus die Tafel zu.

»Gnädiger Herr,« sprach er, während er ein Stück Brod brach und ein Glas mit Wasser voll goß, »es freut mich, zu sehen, mit welcher Pietät Ihr das Gelübde Eures Ahnherrn Napoleone Orsini erfüllt. . . Ich glaubte indessen, er habe sich darauf beschränkt, Euch für die ganze heilige Woche, in der wir uns befinden, den Mord zu verbieten, sei aber nicht so weit gegangen, Euch zugleich zwei Tugenden zu gebieten, welche so schwer auszuüben, wie die prachtliebende Freigebigkeit und die Demuth.«

»Ich befolge auch meine eigene Eingebung und nicht das Gelübde meines Ahnherrn, wenn ich mich Euch gegenüber zugleich freigebig und demüthig zeige,« erwiedene Orsini, der seinen Gast mit einer wachsenden Neugierde anschaute, – »doch mir scheint, und bemerkt wohl, ich verlange Euer Geheimnis, nicht von Euch, – mir scheint, trotz der Lumpen, mir denen Ihr bedeckt seid, wenn ich mit Euch spreche, spreche ich mit einem geächteten Fürsten, mit einem entthronten König, mit einem Kaiser, der eine Pilgerfahrt nach Rom vollbringt, wie Friedrich III, von Schwaben oder Heinrich IV, von Deutschland.«

Der Reisende schüttelte schwermüthig den Kopf und erwiederte:

»Ich bin weder ein Fürst, noch ein König, noch ein Kaiser; ich bin ein armer Reisender, dessen einziger Vorzug vor den anderen Leuten darin besteht, daß er viele Menschen gesehen, viele Länder durchwandert, viele Dinge behalten hat. Kann ich durch das Wenige von Erfahrung, was ich erlangt, Euch die Gastfreundschaft belohnen, die Ihr mir so großmüthig bietet?«

Orsini heftete auf den Unbekannten, der ihm dieses Anerbieten machte, welches er zu benutzen geneigt schien, einen tiefen, forschenden Blick.

»In der That,« sagte er, »ich verzichte auf meinen ersten Gedanken, auf Eurem kahlen Haupte die abwesende Krone zu suchen. Wenn ich Euch genauer betrachte, finde ich, daß Ihr eher das Ansehen eines Weisen des Morgenlands habt, der alle Sprachen spricht, in allen Geschichten unterrichtet, in allen Wissenschaften gelehrt ist . . Ich glaube also, daß Ihr, wenn Ihr wolltet, ebenso leicht in den Herzen, als in den Büchern lesen würdet, und daß Ihr, wenn ich etwas von Euch wünschte, diesen Wunsch errathen würdet, ohne daß ich nöthig hätte, ihn gegen Euch auszudrücken.«

Und als ob sich wirklich ein geheimes Verlangen im Herzen des jungen Mannes entzündete, funkelten seine Augen, während er seinen Gast anschaute.

»Ja, ja,« sagte dieser, wie mit sich selbst sprechend, »Ihr seid jung, Ihr seid ehrgeizig, Ihr heißt Orsini; es ist Eurem Stolze unerträglich, daß Ihr neben Euch, um Euch, in derselben Zeit mit Euch Männer habt, die sich Savelli, Gaëtani, Colonna, Frangipani nennen . . . Ihr wollt diese ganze Welt von Nebenbuhlern durch Euern Luxus, durch Eure Freigebigkeit, durch Eure Herrlichkeit, durch Euern Reichthum beherrschen, wie Ihr Euch dieselbe durch Euren Muth und Eure Tapferkeit zu beherrschen fähig fühlt. Ihr habt in Eurem Solde nicht nur eine einfache Wache, sondern ein wahres Heer. Ihr habt nicht nur fremde Condottieri, nicht nur Engländer, Franzosen, Deutsche, sondern auch eine ganze Schaar von Vasallen, bestehend aus Euren Lehen Bracciano, Cerveteri, Anriolo, Citta Rello, Vicovaro, Rocca-Giovine, Santo Gemini, Trivelliano. . . was weiß ich? Alles dies plündert, raubt, sengt. Steckt die Güter Eurer Feinde in Brand, erschöpft aber zugleich die Eurigen, so daß Ihr am Ende jedes Jahres, zuweilen sogar am Ende jedes Monats, bemerkt, daß die vier- bis fünftausend Mann, die Ihr nährt, kleidet, besoldet, mehr kosten, als sie eintragen, und daß Ihr, nicht wahr, gnädiger Herr? die Einkünfte von König Salomo oder den Schatz des Sultans Harun al Raschid haben müßtet, um diese furchtbaren Ausgaben zu bestreiten.«

»Ich sagte es wohl, Du seist ein Weiser,« rief Orsini lachend, unter diesem Lachen jedoch eine Hoffnung verbergend, »ich sagte es, Du besitzest alle Wissenschaften, wie jener berühmte Nicolaus Flamel, von dem am Anfange dieses Jahrhunderts so viel die Rede gewesen ist; ich sagte . . . wenn Du wolltest . . .«

Der Kapitän hielt hier inne, als zögerte er, seine Worte zu vollenden.

»Nun?« fragte der Reisende.

»Wenn Du wolltest, so würdest Du, wie er . . .«

Er hielt abermals inne.

»Was würde ich thun? Sprecht!«

Orsini näherte sich dem Reisenden, legte ihm die Hand aus die Schulter und sagte:

»Du würdest Gold machen!«

Der Unbekannte lächelte. Die Frage setzte ihn nicht in Erstaunen: die beständige Sorge und Beschäftigung der Alchemie, dieser blinden Mutter der Chemie, war im ganzen 15. Jahrhundert, und zum Theil auch im 16., Gold zu machen.

»Nein,« erwiederte er, »ich vermöchte kein Gold zu machen.«

»Und warum nicht?« rief naiver Weise Orsini, »da Du so viel Dinge weißt!«

»Weil der Mensch nie etwas Anderes machen kann, als zusammengesetzte und secundäre Materien, während das Gold ein einfacher Körper, eine Urmaterie ist. Nie hat ein Mensch Gold gemacht, nie wird ein Mensch Gold machen. Um Gold zu machen, braucht man Gott, die Erde und die Sonne!«

»Oh! was sagst Du da, schlimmer Prophet!« rief Napoleone Orsini ganz verdrießlich. »Man kann kein Gold machen?«

»Man kann es nicht,« erwiederte der Reisende.

»Du täuschest Dich! Du täuschest Dich!« versetzte Orsini, als wollte er nicht auf eine lange gehegte Hoffnung verzichten.

»Ich täusche mich nicht,« sprach kalt der Reisende.

»Also Du sagst, man könne kein Gold machen?«

»Man kann keines machen,« wiederholte der Unbekannte; »doch man kann, was ungefähr aus dasselbe herauskommt, das entdecken, welches in der Erde vergraben ist.«

Der junge Kapitän bebte.

»Ah! Du glaubst das?« rief er, indem er lebhaft den Unbekannten beim Arm nahm. »Nun wohl! weißt Du, was man behauptet?«

Der Reisende schaute Orsini an, blieb jedoch stumm.

»Man behauptet,« fuhr Orsini fort, »es seien Schätze in dieser Feste vergraben!«

Der Reisende wurde nachdenkend; dann, nach einem Augenblick, sagte er, mit sich selbst sprechend, wie er es schon gethan, und wie es seine Gewohnheit zu sein schien:

»Seltsam! Herodot erzählt, bei den alten Äthiopiern seien viele Schätze vergraben, und sie werden von Greisen bewacht. Er gibt auch den Saft einer Pflanze an, mit dem man sich nur die Augen einzureiben hat, damit diese Greise sichtbar werden, und damit man folglich weiß, wo diese Schätze vergraben sind.«

»Oh!« fragte Orsini ganz bebend vor Ungeduld, »solltest Du von diesem Safte mitgebracht haben?«

»Ich?«

»Hast Du mir nicht gesagt, Du seist viel gereist?«

»Es ist wahr, ich bin viel gereist, und aus meinen Reisen habe ich vielleicht oft mit den Füßen diese Pflanze getreten, ohne daß es mir einfiel, meine Augen mit dem Safte einzureiben, der unter meinen Sandalen floß.«

»Ah!« murmelte Orsini, indem er seine Mütze aus den Tisch warf und mit vollen Händen seine Haare faßte.

»Aber,« fuhr der Reisende fort, »ich bin Euch etwas schuldig für Eure Gastfreundschaft, und wenn Ihr mir folgen wollt, so werde ich Euch die Geschichte des Grabes, aus dem Ihr eine Feste gemacht, und die der kaiserlichen Villa erzählen, aus der Ihr ein guelsisches Schloß gebaut habt.«

Orsini drückte durch eine Geberde Verachtung aus.

»Höret immerhin,« sprach der Reisende; »wer weiß, ob Ihr nicht in dieser Geschichte einen abgerissenen Faden findet, der Euch leiten könnte bei den Nachgrabungen, die Ihr ausführen laßt, wenn Ihr unter dem Vorwande, Ihr wollet Euren Feind Prospero Colonna überwachen, hierher kommt und Euch einschließt.«

»Oh! dann erzähle! erzähle!« rief Orsini.

»Folgt mir,« sprach der Unbekannte, »die Erzählung, die ich Euch zu geben habe, muß die Orte beherrschen, von denen ich reden werde.«

Und er ging voran, ohne daß er eines Führers bedurfte und als hätte er das Innere der Feste so genau gekannt wie ihr Eigenthümer, stieg in den Hof hinab, öffnete eine Schlupfpforte und schritt aus die Marmormasse zu, welche den Mittelpunkt der alten und neuen Gebäude bildete und durch ihre zirkelrunde Form dem Ganzen den Namen Casa Rotondo gegeben hatte.

Das Grab war kurz zuvor erst geöffnet und ausgehöhlt worden, und zerbrochene Urnen lagen aus der Erde neben der Asche, die sie enthalten hatten, – die einzigen Ueberreste von dem, welcher vielleicht ein großer Philosoph, ein großer Feldherr oder ein großer Kaiser gewesen war.

Diese zerstreuten Ueberreste bezeichneten den Aerger der ruchlosen Schatzgräber, welche Haufen Gold zu finden geglaubt und nur ein paar Pfötchen Asche gefunden hatten.

Der Reisende ging an der ausgestreuten Asche, an den zerbrochenen Urnen, an dem ausgehöhlten Grabe vorbei, ohne daß er diesen neuen Ausgrabungen und diesen neuen Trümmern mehr Aufmerksamkeit zu schenken schien, als er es bei den ersten gethan hatte; er stieg dann die kreisförmige Treppe hinauf, die sich an den Seiten hinzog, und befand sich in einem Augenblick auf dem Gipfel des riesigen Grabes.

Napoleone Orsini folgte seinem Gaste stillschweigend und mit einem Erstaunen und einer Neugierde, welche der Ehrfurcht glichen.

Der Gipfel des Monuments, beschützt durch eine drei Fuß hohe Brustwehre, ein neuer auf das alte Grab gesetzter und in guelsischen Zinnen ausgeschnittener Bau, der eine mit herrlichen Olivenbäumen bepflanzte Terrasse enthielt, – so daß Orsini, wie die Königin Semiramis, auch seine hängenden Gärten hatte, – der Gipfel des Monuments, ein wahrer Marmorberg, beherrschte die ganze Umgegend. Von hier aus sah man nicht nur unter sich und um sich die Gebäude, welche zu dieser Art von herrschaftlichem, dem Tode, diesem großen Oberlehnsherrn des Menschengeschlechts, geweihten Thurme gehörten, sondern auch auf dem ersten Plane die Kirche Santa Maria Nova mit ihrem rothen Thurme und ihren backsteinernen Festungswerken; auf dem zweiten Plane das Grab von Cäcilia Metella, über dessen Aechtheit man sich nicht täuschen konnte, da die Marmorplatte, auf der der Name steht und die die geizige Hand von Crassus daran befestigte, nie, nicht einmal durch die stählernen Nägel der Zeit davon losgetrennt worden war; – auf dem dritten Plane endlich die Feste der Frangipani, einer großen Familie, welche ihren Namen von den zahllosen Broden erhalten hat, die sie als Almosen für die Dürftigen brach, und nicht nur den Triumphbogen von Drusus, sondern auch die Triumphbogen von Konstantin und Titus besaß, auf welche sie Basteien setzte, wie die Könige Indiens auf den Rücken der Elphanten Thürme setzen; in der Ferne endlich die Porta Appia, eingerahmt in die Aurelianische Mauer und überragt von den Wällen von Belisar.

Die zwischen diesen großen Merkpunkten begriffenen Zwischenräume waren angefüllt mit zerfallenen Gräbern, unter denen sich mit der Thätigkeit des Elends eine ganze Bevölkerung von Landstreichern, Bettlern, Zigeunern, Gauklern, Soldatenbuhlerinnen umhertrieb, welche, ausgestoßen von der Stadt wie der Schaum, den das Gefäß über seinen Rand wirft, von den Todten eine Gastfreundschaft gefordert hatte, die ihr die Lebenden verweigerten.

Alles dies bildete ein Schauspiel würdig, die Neugierde zu erregen, und dennoch ließ sich derjenige, welcher der Hauptheld dieser Geschichte zu werden bestimmt scheint, nicht einmal herab, seinen Blick auf irgend einen Gegenstand besonders zu heften, und nachdem er sein Auge auf diesem Ganzen auf eine unbestimmte Weise hatte umherschweifen lassen, sagte er:

»Edler Herr, Ihr wollt also die Geschichte dieses Grabes, dieser Villa, dieser Ruinen wissen?«

»Allerdings, mein Gast, denn mir scheint, Ihr habt mir versprochen . . .«

»Ja, das ist wahr. . . es werde sich vielleicht ein Schatz im Grunde dieser Geschichte finden. Höret also.«

Der junge Kapitän zeigte, ohne Zweifel, damit die Geschichte die er hören sollte, vollständiger würde, dem Reisenden den riesigen Rumpf einer Bildsäule, der als Bank den Soldaten diente, wenn bei Sonnenuntergang die Aeltesten, die in den Kämpfen Erfahrensten den in ihre Reihe neu Eingetretenen die Kriege der florentinischen Republik und des Königreichs Neapel erzählten.

Doch der Unbekannte lehnte sich nur an die Brustwehre an und, seinen Stab von Lorbeerholz zwischen den Beinen, seine beiden Hände aber auf seinem Stabe gekreuzt, seinen schönen träumerischen Kopf auf seine beiden Hände gestützt, begann er die von seinem Zuhörer so ungeduldig erwartete Geschichte mit der ihm natürlichen Leichtigkeit des Vortrags und mit dem spöttischen Tone, dessen er sich nicht erwehren konnte:

»Edler Herr, Ihr habt wohl erzählen hören, daß einst in Rom . . . es mag etwa sechzehn hundert Jahre her sein . . . zwei Männer lebten: der Eine von unbekannten Eltern, ich glaube im Dorfe Arpinum, geboren, hieß Cajus Marius; der Andere, ein Abkömmling von einer der ältesten Patriziersamilien, hieß Cornelius Sylla.«

Napoleone Orsini machte mit dem Kopfe ein Zeichen, welches besagen wollte, die zwei Namen seien ihm nicht ganz fremd.

»Von diesen zwei Männern,« fuhr der Unbekannte fort, »vertrat der Eine, Cajus Marius, die Volkspartei, der Andere, Cornelius Sylla, die aristokratische Partei. Das war die Epoche der riesigen Kämpfe: man schlug sich nicht wie heute Mann gegen Mann, Corporalschaft gegen Corporalschaft, Compagnie gegen Compagnie; nein: eine Welt führte den Krieg gegen die andere, ein Volk fiel über das andere her. Es brachen aber zwei Völker, die Cimbern und die Teutonen, – ungefähr zwei Millionen Menschen, – gegen das römische Volk los. Sie kamen, man wußte nicht woher . . . aus unbekannten Ländern, die noch Niemand durchwandert, von Küsten, an welche Meere schlugen, die noch nicht genannt wurden. Diese Völker waren die Vorhut der barbarischen Nationen; diese Menschen waren die Vorläufer von Attila, Alarich, Genserich. Marius zog gegen sie und vertilgte sie; er tödtete Alles, Männer, Weiber, Kinder, Greise. Er tödtete sogar die Hunde, welche die Leichname ihrer Herren verteidigten; er tödtete die Pferde, die sich von den neuen Reitern nicht wollten besteigen lassen; er tödtete die Ochsen, die die Wagen der Sieger nicht ziehen wollten! Nach Beendigung dieser Schlächtereien wurde vom Senate decretirt, Marius habe sich um das Vaterland wohl verdient gemacht, und er erhielt den Titel eines dritten Stifters von Rom. So viel ehrenvolle Auszeichnung machte Sylla eifersüchtig; er beschloß, Marius zu vernichten. Der Kampf zwischen diesen zwei Nebenbuhlern dauerte zehn Jahre; Rom wurde zweimal von Sylla eingenommen und zweimal von Marius wieder erobert. So oft Marius nach Rom zurückkehrte, ließ er die Parteigänger von Sylla erwürgen, so oft Sylla dahin zurückkehrte, ließ er die Parteigänger von Marius umbringen. Man berechnete, daß das, was an Blut in zehn Jahren vergossen worden, bei dem von August zur Lust gegebenen Seetreffen, das zweitausend Fuß Lange, zwölfhundert Fuß Breite und vierzig Fuß Tiefe hatte, die dreißig Schiffe, welche mit dreißigtausend Streitern, die Ruderer nicht zu rechnen, bemannt waren und die Schlacht von Salamis vorstellten, hätte flott machen können.

»Marius unterlag zuerst; er war allerdings der Aeltere, hatte Aderkröpfe an den Beinen und einen sehr kurzen Hals. Das Blut erstickte ihn; das war Gerechtigkeit! Da nahm Sylla Rom zum dritten Male ein, und diesmal, da er allein war, ächtete er ganz nach seinem Belieben, wozu er sich alle Zeit zur Auswahl ließ; man fing überdies an der Art, wie Marius tödtete, satt zu werden: er erdrosselte in den Gefängnissen; – die Mamertina ist taub! – man hörte nicht einmal das Geschrei der Schlachtopfer; das langweilte das Volk. Sylla machte es besser; er schnitt die Köpfe öffentlich ab; er stürzte die Verurtheilten von den Terrassen ihrer Häuser hinab; er erdolchte die Flüchtlinge auf der Straße; das Volk bemerkte nicht, daß es seine Parteigänger waren, die man so behandelte, die und rief : »Es lebe Sylla!« Unter der Zahl der Geächteten war ein ganz junger Mann, der Neffe von Marius; doch nicht wegen dieser Verwandtschaft war er geächtet, sondern weil er mit siebzehn Jahren geheirathet und sich, trotz des Befehles des Dictators, geweigert hatte, seine Frau zu verstoßen. Dieser junge Mann war schön, reich, edel besonders, viel edler, bei meiner Treue! als Sylla! Durch seinen Vater stammte er von Venus, das heißt von den Göttern Griechenlands, durch seine Mutter von Ancus Marcius, das heißt von den Königen von Rom ab. – Dieser junge Mann hieß Julius Cäsar. Es lag Sylla auch viel daran, ihn sterben zu lassen. Man suchte ihn überall; aus seinen Kopf wurde ein Preis von zehn Millionen! Sestertien gesetzt. Als Cäsar dies sah, flüchtete er sich, statt sich zu einem von seinen reichen Freunden zu flüchten, zu einem armen Bauern, dem er eine Hütte und einen kleinen Garten geschenkt hatte, und der nicht um den Preis eines Verraths diesen kleinen Garten und diese Hütte gegen einen großen Garten und einen Palast vertauschen wollte. Mittlerweile verwandte sich alle Welt für den jungen Geächteten, Volk und Adel, die Ritter, die Senatoren, kurz alle Welt bis auf die Vestalinnen. Man liebte ungemein diesen reizenden jungen Mann, der mit zwanzig Jahren schon dreißig Millionen Schulden hatte, und dem Crassus . . . bemerkt wohl, gnädiger Herr, derjenige, welcher jenes schöne Grab seiner Frau hat bauen lassen . . .«

Hier streckte der Reisende seinen Stab in der Sichtung des Monumentes von Cäcilia Metella aus; dann fuhr er fort.

». . . Und dem Crassus, der Geizigste der Menschen, fünfzehn Millionen lieh, damit er sich der Gläubiger entledigen könnte, die ihm die Straßen versperrten und ihn verhinderten, nach der Prätur Spanien abzugehen, von wo er mit vierzig Millionen, nach Bezahlung aller seiner Schulden, zurückkam. – Doch Sylla blieb fest. Er wollte durchaus, daß Cäsar sterbe; es war ihm übrigens gleichgültig, aus welche Art, wenn er nur starb; was er verlangte, war sein Kopf und nichts Anderes . . . Endlich kam auch einer von seinen Freunden, der ihm einst, zur Zeit, da Sylla selbst geächtet war, einen großen Dienst geleistet, vielleicht das Leben gerettet hatte. Diesem Freunde hatte Sylla versprochen, er werde ihm die erste Bitte, die er an ihn richte, nicht abschlagen, wenn er je zur Gewalt käme. Der Freund verlangte von ihm das Leben Cäsars. »»Ich schenke es Euch, da Ihr es durchaus wollt,«« sagte Sylla die Achsel zuckend; »»doch wenn mich nicht Alles täuscht, werdet Ihr in diesem weibischen jungen Menschen mit der schlaffen Tunica und den wohlriechenden Haaren, der sich mit dem Ende des Nagels am Kopfe kratzt, mehr als einen Marius haben!«« . . . Sylla, welcher am Aussatze starb, konnte nicht begreifen, daß man sich nicht offen und mit der ganzen Hand kratzte. – Dieser junge Mann nun, der dem zukünftigen Besieger von Vercingetorix, von Pharnakes, von Juba, von Pompejus und von Cato von Utica das Leben rettete, hieß Aurelius Cotta, und wir sind aus seinem Grabe.«

»Wie!« rief Napoleone Orsini, »dieses Grab ist das eines einfachen Privatmannes?«

»Nicht ganz, wie Ihr sehen werdet. . . Habt Ihr den Namen Aurelius bemerkt, edler Herr? Es bezeichnet einen Ahnen der großen Familie Aurelia, die der Kaiser Antoninus durch die Adoption von Marc Aurel aus den Thron brachte. – Aurnelius Cotta hatte dieses Grab von Stein bauen lassen, Marc Aurel ließ es mit Marmor bekleiden, versetzte dahin die Asche seiner Familie und befahl, daß auch die seinige und die seines Nachfolgers Hierher gebracht werden sollen. Es geht daraus hervor, daß dieses Grab, das Ihr geöffnet, diese Urnen, die Ihr zerbrochen, diese Asche, die Ihr umhergeworfen habt, und die jeder Windstoß aus der Erde des alten Latium zerstreut, das Grab, die Asche, die Urnen vom Senator Aurelius Cotta, vom edeln Annius Varus, vom göttlichen Marc Aurel und vom schändlichen Commodus sind.«

Der junge Kapitän strich mit der Hand über seine schweißbedeckte Stirne. Waren es Gewissensbisse wegen seiner Heiligthumsschändung? War es Ungeduld darüber, daß der unbekannte Erzähler nicht schnell genug zu dem kam, was er zu erfahren wünschte? Blieb dem Unbekannten über diesen Punkt ein Zweifel, so wurde er bald gelöst.

»Aber,« sprach Napoleone Orsini, »ich sehe nicht, mein Gast, daß in Allem dem auch nur entfernt die Rede von einem Schatze ist.«

»Wartet doch, gnädiger Herr,« erwiederte der Unbekannte, »nicht unter den guten Fürsten verbirgt man sein Geld . . . doch Commodus wird kommen . . . Nur Geduld! – Dieser Enkel von Trojan, dieser Sohn von Marc Aurel fing gut an; im Alter von achtzehn Jahren, als er sein Bad einst zu heiß fand, befahl er, den Sklaven, der es heiß gemacht, in den Ofen zu stecken, und obgleich man das Bad abgekühlt und auf den rechten Wärmegrad gebracht hatte, wollte er es doch erst nehmen, als der Sklave gebraten war. Der phantastische Charakter des jungen Kaisers wirkte indessen nur dahin, daß seine Grausamkeit immer mehr zunahm; dadurch erfolgten viele Verschwörungen gegen ihn und unter anderen die der zwei Brüder Quintilian. . . . Ah! gnädiger Herr, dieselben Menschen, denen diese herrliche Villa gehörte, wo nun Eure Gemächer sind.«

Und der Unbekannte deutete, wie er es bei dem Grabe von Cäcilia Metella gethan hatte, mit seinem Stabe auf die noch, wenn nicht in ihrer Gesammtheit, doch in einzelnen Theilen wunderbaren Ueberreste von dem, was einst die Villa der beiden Brüder gewesen war.

Napoleone Orsini machte ein Zeichen zugleich mit dem Kopfe, und mit der Hand: das Zeichen mit dem Kopfe wollte besagen: »Ich habe begriffen.« das Zeichen mit der Hand wollte besagen: »Fahre fort.« Der Reisende fuhr fort:

»Es handelte sich ganz einfach darum, Commodus zu ermorden . . . Commodus brachte die Hälfte seines Lebens im Circus zu: er hatte von einem Parther mit dem Bogen schießen und von einem Mauren den Wurfspieß schleudern gelernt. Eines Tages im Circus hatte an dem, wo der Kaiser sich befand, entgegengesetzten Ende ein Panterthier einen Menschen festgepackt und schickte sich an, ihn zu verzehren; Commodus nahm seinen Bogen und schoß einen Pfeil so richtig zielend ab, daß er das Panterthier tödtete, ohne den Menschen zu berühren. An einem andern Tage, als er sah, daß die Liebe des Volkes in Beziehung auf seine Person zu erkalten anfing, ließ er in Rom verkündigen, er werde hundert Löwen mit hundert Wurfspießen erlegen; der Circus war, wie Ihr Euch denken könnt, überfüllt mit Zuschauern; man brachte ihm in seine kaiserliche Loge hundert Wurfspieße, man ließ in den Circus hundert Löwen ein. Commodus schleuderte die hundert Wurfspieße und tödtete die hundert Löwen! Herodian bürgt für die Thatsache; er war dabei, er hat es gesehen. Ueberdies hatte der Kaiser eine Höhe von sechs und einem halben Fuß und war sehr stark: mit einem Stockstreiche zerbrach er einem Pferde das Bein, mit einem Faustschlage schmetterte er einen Ochsen nieder. Als er eines Tages einen Mann von ungeheurer Corpulenz vorübergehen sah, rief er ihn, zog sein Schwert und schnitt ihn mit einem einzigen Hiebe entzwei! Darum ließ er sich mit einer Keule in der Hand darstellen, und statt sich Commodus, Sohn von Marc Aurel nennen zu lassen, mußte man ihn Hercules, Sohn von Jupiter, nennen . . . Es war Weder beruhigend, noch leicht, gegen einen solchen Man« zu conspiriren; durch Lucilla, seine Schwägerin, angetrieben, entschlossen sich indessen die zwei Brüder Quintilian hierzu; nur nahmen sie ihre Vorsichtsmaßregeln; sie vergruben Alles, was sie an Gold und gemünztem Silber hatten, Alles, was sie an Juwelen und Edelsteinen besaßen . . . Ah! gnädiger Herr, nun sind wir hieran! – Dann ließen sie Pferde für die Flucht bereit halten, wenn sie ihren Streich verfehlen würden, und warteten auf den Kaiser unter einem dunkeln Gewölbe, in einem engen Gange, der vom Palaste nach dem Amphitheater führte. Das Glück schien Anfangs die Verschwörer zu unterstützen: Commodus kam beinahe ohne Gefolge; sie umringten ihn sogleich einer von den zwei Quintilian fiel über ihn her, versetzte ihm einen Dolchstoß und sprach:

»»Cäsar, das bringe ich Dir vom Senate!««

Da fand unter diesem dunkeln Gewölbe, in diesem engen Gange ein erschrecklicher Kampf statt.

Commodus war nur leicht verwundet; die Streiche, die man nach ihm führte, erschütterten ihn kaum; jeder von seinen Schwertstreichen tödtete einen Menschen! Endlich gelang es ihm, denjenigen von den beiden Quintilian, welcher ihm den Dolchstoß gegeben, zu packen; er schlang um seinen Hals den Knoten seiner eisernen Finger und erwürgte ihn. Sterbend rief dieser Quintilian, welcher der ältere der beiden Brüder war, seinem Bruder zu: »»Rette Dich Quadratus, Alles ist verloren!«« Quintilian entfloh, schwang sich auf ein Pferd und jagte davon; die Soldaten setzten ihm alsbald nach; der Lauf war rasch und erbittert, es handelte sich um das Leben für denjenigen, welcher floh, und um eine ungeheure Belohnung für diejenigen, welche ihn verfolgten. So viel Soldaten übertrafen Quintilian aber am Ende an Schnelligkeit; zum Glück hatte dieser für Alles vorhergesehen und ein Mittel ersonnen; – ein seltsames Mittel, an das man aber glauben muß, da Spartianus die Sache also erzählt: »»Der Flüchtling hatte in einem kleinen Schlauche Blut von einem Hasen, dem einzigen Thiere unter allen Thieren, selbst den Menschen nicht ausgenommen, dessen Blut sich erhält, ohne zu gestehen oder sich zu zersetzen; er nahm von diesem Blute Alles, was sein Mund fassen konnte, und sank wie durch einen Unfall vom Pferde. Als die Soldaten zu ihm kamen, fanden sie ihn auf dem Wege ausgestreckt und Blut in Wellen speiend. . . Da sie ihn für todt und sehr todt hielten, so zogen sie ihm seine Kleider aus und ließen den falschen Leichnam aus dem Platze, gingen zu Commodus, sagten ihm, sein Feind habe sich umgebracht, und erzählten, wie er sich umgebracht. . . Mittlerweile stand Ouintilian, wie Ihr Euch denken werdet, gnädiger Herr, wieder auf und entfloh. . .«

»Ohne daß er sich die Zeit nahm, zurückzukehren und seinen Schatz zu holen?« unterbrach Napoleone Orsini.

»Ohne daß er sich die Zeit nahm, zurückzukehren und seinen Schatz zu holen,« sprach der Erzähler.

»Also,« sagte der junge Kapitän, dessen Augen vor Freude glänzten, »dieser Schatz ist also hier?«

»Das werden wir sehen,« erwiederte der Unbekannte. »Gewiß ist, daß Quintilian verschwand.«

Napoleone Orsini athmete, und ein Lächeln fing an aus seinen Lippen zu strahlen.

»Zehn Jahre nachher,« fuhr der Reisende fort, »athmete die Welt unter Septimius Severus: Commodus war vergiftet durch Marcia, seine begünstigste Favoritin, und erwürgt durch Narcissus, seinen Lieblingsathleten, gestorben. Pertinax hatte sich des Reiches bemächtigt und sich dasselbe mit dem Leben sechs Monate später wieder nehmen lassen. Didius Julianus hatte sodann Rom gekauft und die Welt in den Kauf bekommen; Rom war noch nicht gewohnt, verkauft zu werden; – es hat sich seitdem daran gewöhnt! – Für diesmal empörte es sich; der Käufer hatte allerdings zu bezahlen vergessen. Septimius Severus benutzte die Empörung, ließ Didius Julianus tödten und bestieg den Thron. Nun athmete, wie gesagt, die Welt zwischen Commodus und Caracalla einen Augenblick; da verbreitete sich in Rom das Gerücht, Quintilian sei wieder erschienen.«

»Oh!« machte Napoleone Orsini, die Stirne faltend.»

Wartet doch, gnädiger Herr, die Geschichte ist interessant und wohl werth, daß Ihr sie bis zum Ende anhöret.«

»In der That,« fuhr der Erzähler fort, »ein Mensch von dem Alter, das Quintilian haben mußte, der sich für Quintilian ausgab und nach seinem Gesichte von Jedermann als Quintilian anerkannt wurde, dieser Mensch kam nach Rom, erzählte aus eine scheinbare Art seine Flucht, seine Abwesenheit und seine Rückkehr; dann, als kein Zweifel über seine Identität blieb, forderte er vom Kaiser Septimius Severus die Güter zurück, die der Kaiser Commodus ihm und seinem Bruder confiscirt hatte. Die Sache schien dem Kaiser äußerst gerecht; nur wollte er diesen Quintilian, den er einst gekannt, sehen und sich versichern, daß der Auferstandene wirklich ein Recht aus das Erbe hatte, welches er in Anspruch nahm. Quintilian erschien vor dem Kaiser; durfte man nach dem äußeren Ansehen urtheilen, so war es wirklich der Mann, den der Kaiser gekannt hatte. »Guten Morgen, Quintilian,« sagte er zu ihm in griechischer Sprache. Quintilian erröthete, stammelte, versuchte es, zu antworten, articulirte aber nur Worte ohne Bedeutung, welche keiner Sprache angehörten: Quintilian konnte nicht Griechisch. Das setzte den Kaiser in ein tiefes Erstaunen; er hatte früher, – und dessen erinnerte er sich vollkommen, – diese Sprache mit Quintilian gesprochen. »Hoher Herr, entschuldigt mich,« sagte endlich der Geächtete, »ich flüchtete mich zu barbarischen Nationen und lebte so lange unter ihnen, daß man sich nicht wundern darf, wenn ich die Sprache von Homer und Demosthenes vergessen habe.«

»Gleichviel,« erwiederte der Kaiser, »das wird mich nicht abhalten. Dir die Hand als einem guten Freunde zu geben.« Und er reichte seine kaiserliche Hand Quintilian, der es nicht wagte, ihm die seinige zu verweigern; doch kaum hatte Septimius Severus die Hand des Geächteten berührt, als er ausrief: Ho! ho! was ist das? Das ist eine Hand, die sehr denen der Leute aus dem Volke gleicht, welche Scipio Nasica fragte: »»Sagt doch, Freunde, geht ihr auf den Händen?«« Dann sprach der Kaiser mit ernster Miene: »Diese Hand ist nicht die eines Patriziers, es ist eine Sklavenhand. Du bist nicht Quintilian. Doch gestehe Alles, bekenne, wer Du bist, und es soll Dir nichts geschehen.«« Der arme Mensch fiel sogleich vor dem Kaiser auf die Kniee und gestand Alles, nämlich, daß er nicht adelig, nicht Patrizier; daß er nicht nur nicht Quintilian war, sondern, daß er ihn nicht einmal kannte, nie gesehen hatte; er habe nicht einmal gewußt, daß ein Mensch dieses Namens existire, als eines Tages in einer Stadt Etruriens, wo er seinen bleibenden Aufenthalt genommen, ein Senator ihm begegnet, auf ihn zugelaufen sei und ihn mit dem Namen Quintilian und dem Titel eines Freundes begrüßt habe; an einem andern Tage habe ein Anderer dasselbe gethan und ebenso ein Dritter an einem dritten Tage. Diesen drei Ersten habe er die Wahrheit bekannt, doch sie seien beharrlich geblieben, haben ihm nicht glauben wollen und gesagt, er brauche nichts mehr für sein Leben zu befürchten, da Septimius Severus regiere, und er könne nach Rom zurückkehren und seine Güter in Anspruch nehmen; diese lebten Worte haben ihn bestimmt, er habe gestanden, daß er wirklich Quintilian sei, er habe eine seine Flucht und seine Abwesenheit erklärende Geschichte geschmiedet, sei nach Rom gekommen, wo ihn Jedermann, selbst der Kaiser anerkannt, und durch diese Aehnlichkeit mit dem wahren Quintilian wäre der falsche beinahe in den Besitz eines ungeheuren Vermögens gelangt, als durch seine Unkenntniß des Griechischen Alles entschleiert worden sei. – Die Aufrichtigkeit des Geständnisses rührte Septimius Severus, er verzieh, wie er es versprochen hatte, dem falschen Quintilian und setzte ihm sogar eine kleine Leibrente von zehn bis zwölftausend Sestertien aus, behielt aber die Villa der zwei Brüder. – Dies, gnädiger Herr,« sagte der Unbekannte, indem er sich verbeugte, »dies ist die Geschichte, die ich Euch zu erzählen hatte.«

»Aber,« versetzte Napoleon? Orsini, der sich durch nichts von dem abbringen ließ, was sein Innerstes unablässig beschäftigte, »der Schatz? der Schatz? . . .«

»Ouintilian hatte ihn unter der letzten Stufe einer Treppe, am Ende eines Corridors, begraben, und aus den Stein, der ihn bedeckte, folgende griechische Inschrift gesetzt:


Ενϐα ϰειται ψνχηητου ϰοϭ ϻου


(Hier ist die Seele der Welt eingeschlossen.)

»Dies war eine Vorsichtsmaßregel für den Fall, daß er den Schatz nicht selbst holen könnte und genöthig wäre, ihn durch einen Freund nehmen zu lassen.«

»Und dieser Schatz,« fragte Napoleone Orsini, »ist er immer noch an dem Orte, wo er vergraben worden?«

»Das ist wahrscheiulich.«

»Und Du kennst den Ort?«

Der Unbekannte schlug die Augen zu dem Punkte des Himmels auf, wo die Sonne stand.

»Gnädiger Herr,« sprach er, »es ist elf Uhr Morgens: ich habe noch sechs Meilen zu machen, werde sicherlich unter Weges aufgehalten und muß doch um drei Uhr auf dem St. Peters-Platze sein, um meinen Antheil an dem päpstlichen Segen zu empfangen.«

»Es wird Dich nicht lange aufhalten, wenn Du mir sagst, wo dieser Schatz ist.«

»Erweist mir die Ehre, mich bis an das Ende Eurer Besitzungen zurückzuführen, gnädiger Herr, und Ihr werdet mittelst des Weges, den ich Euch nehmen lasse, vielleicht das treffen, was Ihr wünscht.«

»So bezeichne mir den Weg, und ich folge Dir,« sprach Orsini.

Und als der Reisende wieder den Weg einschlug, auf dem er gekommen, folgte er ihm mit einem Eifer, dem der Gang des Fremden, so rasch er war, zu entsprechen Mühe hatte.

Als sie an dem aus dem Grabe von Aurelian gerissenen Schutt vorüberkamen, zeigte der Unbekannte Napoleone Orsini eine erloschene Fackel, welche zu Erforschung des Innern vom Columbarium gedient hatte; der Kapitän begriff das Zeichen mit dem raschen Verstande der Habgier und hob die Fackel auf.

Eine eiserne Hebestange lag mitten unter diesen Steintrümmern und Marmorbruchstücken; der Reisende ergriff sie und ging weiter.

An einem Ofen, wo man das Brod der Soldaten buk, zündete Orsini seine Fackel an.

Durch die Gemächer der Villa, mit deren Topographie er übrigens sehr vertraut zu sein schien, ging der Reisende gerade auf eine marmorne Treppe zu, welche nach einem Badesaale im Geschmacke derjenigen führte, die wir heute noch in Pompeji sehen.

Es war ein unterirdischer, ein langes Gevierte bildender Saal, nur erleuchtet durch zwei Luftlöcher, welche durch Gras und Brombeerstauden verstopft waren; dieser Saal war in sechs Fuß hohe und drei Fuß breite marmorne Felder abgetheilt: jedes derselben war umgeben von einem Gesimse, und Nymphenköpfe, nach dem Modell der Medaille von Syrakus gearbeitet, schmückten die Mitte jeder Füllung.

Dieser Badesaal war indessen seit langer Zeit seiner ursprünglichen Bestimmung entfremdet; die Kanäle, welche das Wasser dahin führten, waren durch die Nachgrabungen, die man gemacht, durchbrochen worden, und die Hahnen hatten die Soldaten herausgerissen, welche erkannten, von Kupfer oder von Bronze, seien diese Metallstücke doch nicht ganz ohne Werth. Der Badesaal selbst aber war eine Art von Beikeller geworden, in welchem man die leeren Fässer verschloß oder vielmehr aufhäufte.

Der Reisende blieb zum zweiten Male aus der letzten Stufe der Treppe stehen, sondirte mit einem Blicke die Badestube und wandte sich gegen eine Füllung, welche rechts von der Thüre angebracht war. Hier angelangt, drückte er mit dem Ende seiner eisernen Stange aus das Auge der Nymphe, das die Mitte der Füllung bildete, und nach einer leichten Anstrengung, zu welcher er durch den Rost, der sich an der Feder angehängt, gezwungen war, gab die Füllung nach, drehte sich aus ihren Angeln und entblößte den dunklen Eingang des unterirdischen Gewölbes.

Orsini, dessen Herz vor Hoffnung pochte, folgte jeder Bewegung des Unbekannten; er wollte sich aus die Treppe stürzen, deren obere Stufen man gewahrte; sein Begleiter hielt ihn aber zurück und sprach: »Wartet doch, es sind ungefähr zwölfhundert Jahre her, daß diese Thüre nicht mehr geöffnet worden ist. . . . Laßt der todten Luft Zeit, hinauszugehen, und der lebendigen, einzudringen, sonst würde die Flamme Eurer Fackel erlöschen, und Ihr selbst vermöchtet nicht mehr zu athmen.«

Beide blieben auf der Schwelle, doch die Ungeduld des jungen Kapitäns war so groß, daß er bald hartnäckig einzutreten verlangte, auf die Gefahr, was daraus entstehen dürfte.

Der Reisende reichte ihm nun die Hebestange, nahm die Fackel, um den Weg zu beleuchten, auf dem er ihm als Führer dienen sollte, und stieg die zehn Stufen hinab, welchem das unterirdische Gewölbe gingen; doch Napoleone Orsini war kaum die vierte Stufe hinabgestiegen, als er sich genöthigt sah, anzuhalten: diese Grabesluft war für den Lebendigen nicht zu athmen.

Der Reisende bemerkte, daß sein Gefährte wankte.

»Wartet hier, gnädiger Herr,« sagte er, »ich will Euch den Weg bahnen; . . . Ihr werdet mir sogleich nachfolgen.«

Navoleone Orsini wollte bejahend antworten, doch er konnte die Stimme nicht finden; es war wohl jene Luft, von der Dante spricht, jene so dicke Luft, welche Alles bis auf die Klagen der Verdammten erstickt und das unreinste Gewürme tödtet.

Der junge Mann stieg zwei Stufen hinauf, um wieder in Berührung mit der äußern Luft zu kommen, und immer mehr erstaunt, folgte er mit dem Blicke unter dieser dicken Luft und dieser mephitischen Finsterniß dem Manne, der von einem andern Fleische als die übrigen Menschen gemacht und nicht denselben Schwächen und Bedürfnissen wie sie unterworfen zu sein schien.

Während des Raumes von ungefähr hundert Schritten sah er, wie sich die Fackel, immer mehr an Helle und Flamme abnehmend, weder das Gewölbe, das über dem Haupte des Unbekannten schwebte, noch die Platten, auf denen er ging, beleuchtend, entfernte; dann schien es ihm, als ob das Licht, ein beinahe unmerklicher Punkt geworden, sich allmälig erhöbe, – was andeutete, da»das unterirdische Gewölbe durchschritten war, und daß der Reisende eine Treppe parallel mit der, aus deren Höhe Napoleone Orsini wartete, hinaufstieg.

Plötzlich verbreitete sich eine große Helle am entgegengesetzten Ende des unterirdischen Gewölbes, ein Lebenshauch drang in den feuchten, düsteren Gang ein und trieb, so zu sagen, den Tod vor sich her.

Napoleone Orsini glaubte, er fühle die schwarze Göttin vorüberziehen; es kam ihm vor, als streifte sie entfliehend mit ihren Flügeln an ihm hin.

Er begriff, daß er nun seinem Gefährten folgen konnte.

Noch ganz schauernd, stieg er die klebrigen Stufen hinab und drang in dem Gewölbe vor.

Der Reisende erwartete ihn am andern Ende, mit einem Fuße aus der ersten, mit dem andern aus der dritten Stufe.

Er beleuchtete mit seiner umgekehrten Fackel einen Stein, aus welchem man ganz deutlich die sechs griechischen Worte: Ενϐα ϰειται ψνχηητου ϰοϭ ϻου las, die er als das Lager des Schatzes bezeichnend angekündigt hatte.

Das Licht, das aus die oberen Stufen niederfiel, kam von einer Oeffnung, welche der Reisende, mit seinen mächtigen Schultern eine von den Platten, die aus den Rundenweg gingen, aushebend, gemacht hatte.

»Und nun, gnädiger Herr,« sprach der Unbekannte, »hier ist der Stein, hier ist die Fackel, hier ist die Hebestange. . . Ich danke Euch für Eure Gastfreundschaft . . . Lebet wohl!«

»Wie!« rief Napoleone Orsini ganz erstaunt, »wartest Du nicht, bis ich den Schatz ausgegraben habe?«

»Wozu?«

»Um Deinen Antheil zu nehmen.«

Ein Lächeln schwebte über die Lippen des Unbekannten, und er erwiederte:

»Gnädiger Herr, ich habe Eile, ich muß um drei Uhr auf dem St. Peters-Platze sein, um meinen Antheil an einem Schatze zu empfangen, welcher viel kostbarer, als der, den ich Euch überlasse.«

»Erlaube wenigstens, daß ich Dir eine Bedeckung gebe, die Dich bis in die Stadt begleitet.«

»Gnädiger Herr,« sprach der Unbekannte, »wie ich das Gelübde gethan habe, nur Wasser zu trinken, nur Brod zu essen, meine Nahrung nur stehend zu mir zu nehmen, so habe ich auch das Gelübde gethan, allein zu reifen. Lebet wohl, gnädiger Herr, und wenn Ihr mir etwas schuldig zu sein glaubt, so betet für den größten Sünder, der je die göttliche Barmherzigkeit angefleht hat. . .«

Und der Unbekannte gab die Fackel in die Hand seines Wirthes zurück, stieg die Stufen hinauf, die er noch zu ersteigen hatte, entfernte sich durch die Ruinen mit dem raschen, regelmäßigen Schritte, der bei ihm Gewohnheit war, ging an der innern Mauer der Villa Quintilians hin, trat durch das Thor dem entgegengesetzt, durch welches er eingetreten war, hinaus und befand sich abermals auf der alten Straße.




Die Gaëtani


Sobald er sich auf der Via Appia befand und in den Umkreis der seltsamen Vorstadt eingetreten war, welche Rom auf der Straße nach Neapel verlängerte, ungefähr wie das Schwert des Sägesisches seinen Leib verlängert, war der Reisende mitten unter der sonderbaren Bevölkerung, von der wir gesprochen, und die Einzelheiten, die ihm entgangen, als er vom Grabe von Aurelius Cotta herab einen unbestimmten Blick auf Rom warf, mußten ihm nicht nur sichtbar werden, sondern sich sogar in unmittelbare Berührung mit ihm setzen.

In der That, während sich die großen Banditen, wie die Orsini, die Gaotani, die Savelli, die Frangivani der großen Gräber bemächtigt und Garnisonen hinein gelegt hatten, so hatten sich die Zigeuner, die Bettler, die Landstreicher, kurz die kleinen Diebe der kleinen Gräber bemächtigt und ihre Wohnungen darin ausgeschlagen.

Ein Theil von diesen Gräbern war auch zu öffentlichen Zwecken verwendet worden; ausgegraben durch Bestrebungen der Privathabgier, hatte man sie in Folge ihrer Verwüstung zum allgemeinen Nutzen eingerichtet. Das Columbarium von einigen derselben hatte in der That den erstaunten Blicken der Plünderer ein gerundetes, solid von Backsteinen gemauertes Gewölbe geboten, und nachdem man darüber nachgedacht, was man ans diesen halbkreisförmigen Oeffnungen machen könnte, beschloß man, Oefen daraus zu machen; Jeder kam dahin, wie zu der Banngerechtigkeit eines Normannischen Dorfes, um sein Brod zu backen und sein Fleisch zu braten. Ueberdies ließen sich in der Umgegend dieser Oefen Garköche von geringerer Stufe nieder und verkauften Speckwaaren, geräuchertes Fleisch, Geflügel, getrocknete Fische und Backwerk an die Soldaten, welche an den Tagen, wo ihnen die Löhnung ausbezahlt wurde, mit den unglücklichen, vom Luxus des Elendes lebenden Buhlerinnen sich im Innern oder vor den Thüren dieser improvisirten Schenken zu Tische setzten und nach dem Mahle den Tag, wenn es der Tag war, die Nacht, wenn es der Abend war, in diesen todbringenden Häusern der Prostitution beendigten, deren ganze Ausstattung aus einer auf einem Sarkophage ausgebreiteten Matratze bestand, – unselige Häuser der Ausschweifung, ganz im Einklange mit der Bevölkerung und den Oertlichkeiten, unter denen sie sich erhoben.

Dann, da die Kirche eine Nothwendigkeit des fünfzehnten Jahrhunderts war, mehr noch als Asyl, denn als Mittelpunkt der Gebete, ragte von Zeit zu Zeit mitten unter diesen, einer verschwundenen Civilisation angehörenden, Trümmern eine Art von Tempel, heidnisch durch seine Base, christlich durch seine Spitze, empor, mit seinen ausgezackten Glockenthürmen, seinem befestigten Kloster und seiner Garnison von Mönchen, die der Prior oder der Abt mit ebenso viel Sorgfalt und ebenso viel Stolz vollzählig erhielt, als die Officiere und Kapitäne ihre Garnison von Soldaten vollzählig zu erhalten sich bestrebten.

Schon mehr als einmal haben wir den Reisenden von der Vergebung reden hören, die er in Rom erflehen wollte, schon mehr als einmal haben wir ihn in Beziehung aus seine Person die Anwendung der göttlichen Barmherzigkeit, welche man doch als unendlich darstellt, in Zweifel ziehen hören; es bot sich ihm eine schöne Gelegenheit, diese Barmherzigkeit Gottes zu versuchen und diese Vergebung zu erstehen, welche zu bewilligen den Dienern seiner Kirche gestattet ist. Die Mönche, die das Wort des Herrn unter dieser Welt von Verworfenen zu verbreiten beauftragt waren, mußten an lichtscheue Geständnisse gewöhnt sein, und wenn nicht die Absolution, – wie es übrigens der Reisende hatte durchblicken lassen, – nur von den höchsten Gipfeln der geistlichen Hierarchie aus ihn herabsteigen konnte, so war, wir wiederholen es, die Gelegenheit schön, und es lohnte sich für ihn wohl der Mühe, daß er in einem dieser Tempel anhielt und einem von diesen Mönchen zu beichten suchte, welche oft kaum, – sei es wegen ihrer Tracht, sei es wegen ihrer Sprache, sei es sogar wegen ihrer Sitten, – von den Zigeunern aller Art, unter denen sie lebten, zu unterscheiden waren

Doch der Fremde ging an der Kirche Santa Maria Nova vorüber, ohne anzuhalten, und zog seines Weges; nach ungefähr einer Meile aber fand er die Straße versperrt durch ein gewölbtes Thor, das sich einerseits an die Ringmauer der St. Valentins»Kirche, andererseits an die Außenwerke eines befestigten Schlosses anlehnte, über dessen Wall man den Gipfel des Grabes von Cäcilia Metella erblickte.

Außer dem großen gewölbten Thore, von dem wir gesprochen, gewährte ein anderes, fünfzehn Schritte von der Straße rechts stehendes Thor Eingang in den Hof dieser Feste, die den Gaëtani, den Neyoten von Bonifaz VIII,, gehörte, welche es versuchten, durch Räubereien die riesenhafte Macht wieder an sich zu reißen, die sie in den ersten Jahren des Papstthums von Benedetto Gaëtano erlangt hatten, als die Könige von Ungarn und von Sicilien diesen, zu Fuße gehend und den Zaum seines Pferdes haltend, nach San Giovanni di Laterano führten, – eine Macht, die sie allmälig wieder verloren seit der Ohrfeige, welche der Papst und das Papstthum von der Hand von Colonna in der Person ihres Vorfahren erhielten.

Das Grab von Cäcilia Metella spielte für die Gaëtani dieselbe Rolle, welche das Grab von Aurelius Cotta für die Corsini spielte: es diente ihnen nämlich als Hauptfeste.

Von allen Gräbern der Via Appia war übrigens vielleicht das der Frau von Crassus, der Tochter von Metellus dem Kritiker, das, wie es noch heute ist, am Besten erhaltene. Der kegelförmige Gipfel war allein verschwunden, um einer mit Zinnen versehenen Plattform Platz zu machen, und eine von den neuen Werken auf den alten Bau gesprengte Brücke führte von den Wällen nach der riesigen Bastei.

Erst fünfundsiebzig Jahre später sollte das Grab der edlen, geistreichen, künstlerischen, Poetischen Frau, welche in ihrem Hause Catilina, Cäsar, Pompejus, Cicero, Lucullus, Terentius Varo, kurz Alles vereinigte, was Rom an Adel, Eleganz und Reichthum besaß, auf Befehl von Papst Paul III. ausgegraben werden, der die ihre Asche enthaltene Urne in eine Ecke des Vestibule des Farnesischen Palastes bringen ließ, wo man sie noch sieht.

Diese Frau mußte einen sehr großen Werth haben, daß ihr nach ihrem Tode Crassus ein solches Grab errichten ließ. – Ihr Grab und die Cäsar geliehenen fünfzehn Millionen sind die einzigen Flecken im Leben von Crassus.

Wie die Feste der Orsini auf der Villa des Quintilian erbaut war, so war die Feste der Gaëtani auf dem Boden erbaut, den einst die ungeheure Villa von Julius Atticus bedeckt hatte. Die Geschichte von Julius Atticus ist minder tragisch als die des Quintilian, ohne weniger seltsam zu sein. – Zum Präfecten von Asien durch den Kaiser Nerva ernannt, fand er, die Festung von Athen zerstörend, einen ungeheuren Schatz. Erschrocken beim Anblicke dieser Reichthümer, schrieb er an den Nachfolger von Domitian und den Vorgänger von Trajan und meldete ihm sein Glück, doch der Kaiser, der kein Recht auf diesen Schatz zu haben glaubte, erwiederte ihm nur: »Desto besser für Dich!« mit einem Ausrufungszeichen.

Diese Antwort befriedigte aber Julius Atticus nicht ganz; er befürchtete, Nerva glaubte, er habe einen gewöhnlichen Schatz, etwas Elendes wie ein paar Millionen Sestertien gefunden. Demzufolge nahm er die Feder und schrieb abermals an den Kaiser: »Cäsar, der Schatz, den ich gefunden, ist ein bedeutender Schatz.«

Nerva hielt es jedoch nicht für angemessen, etwas Anderes zu erwiedern, als das, was er schon in seinem ersten Briefe erwiedert hatte, wobei er nur ein zweites Ausrufungszeichen beifügte: »Desto besser für Dich!!«

Julius Atticus hatte ein ängstliches Gewissen; er befürchtete, dem Kaiser in seinen zwei ersten Briefen keinen hinreichenden Begriff von den Reichthümern, die er sich nicht anzueignen wagte, gegeben zu haben, und schrieb zum dritten Male:

»Aber, Cäsar, der Schatz, den ich gefunden, ist ungeheuer.«

»Desto besser für Dich!!!« antwortete der Kaiser, indem er ein drittes Ausrufungszeichen den zwei ersten beifügte.

Dieses dritte Ausrufungszeichen beruhigte Julius Atticus; er zögerte nicht mehr, sich den Schatz anzueignen, der in der That so groß war, daß er, nachdem er seinem Sohne 6,300,000 Franken, um Bäder zu bauen, gegeben, nachdem er einen Palast in Athen, einen Palast in Rom, einen Palast in Neapel und Villas überall errichtet, nachdem er mit sich von Attica fünfzehn bis zwanzig Philosophen, fünfzehn bis zwanzig Dichter, zehn bis zwölf Tonkünstler, sechs bis acht Maler, für deren Bedürfnisse er so freigebig sorgte, daß Jeder von ihnen ein Leben führte, daß man ihn für einen Senator halten konnte, in seine Heimath zurückgebracht, nachdem er dreißig Millionen dem Kaiser und sechzig Millionen seinem Sohne hinterlassen, noch neunzig Franken Leibrente jedem Athenienser vermachen konnte.

Ach! wie Karl der Große beim Anblick der Normannen über den Verfall des Reiches weinte, so konnte Julius Atticus, trotz seiner Millionen, über den Verfall seines Geschlechtes weinen. Dichter, Redner, Künstler, Vater eines Redners, sah er seinen Enkel so entartet hinsichtlich der erblichen Intelligenz, daß, um ihn lesen zu lehren, sein Vater Herodes Atticus genöthigt war, ihm vierundzwanzig Sklaven zu geben, welche die vierundzwanzig Buchstaben des Alphabets vorstellten und von denen jeder aus seiner Brust die Figur des Buchstaben, dem er entsprach, trug.

Diese ganze Oertlichkeit, – Grab von Cacilia Metella, Villa von Julius und Herodes Atticus, Circus von Mazentius, der nur etwa hundert Schritte davon entfernt ist, Alles dies gehörte Enrico Gaëano, und stand für den Augenblick unter dem Befehle von Gaëtano von Agnani, einem Bastard der Familie.

Die Gaëtani hatten den Flecken Agnani bewohnt, wohin sich während seiner Streitigkeiten mit dem König von Frankreich der Papst Bonifaz VIII. geflüchtet, und hatten ihn mit Bastarden bevölkert.

In der Stunde, zu der wir gekommen sind, nämlich gegen Mittag, belustigte sich Gaëtano der Bastard, – dies war der Name, den man ihm gab, – damit, daß er seine Garnison in Circus von Maxentius übte.

Diese Garnison bestand hauptsächlich aus Engländern, Deutschen und Gebirgsleuten, Basken, Picmontesen, Tyrolern, Schweizern, Schottländern, Bauern der Abruzzen.

Dadurch, daß sie sich beständig an einander rieben, miteinander lebten, denselben Bedürfnissen unterworfen waren, dieselben Gefahren liefen, hatten sich diese Leute unter sich eine Art von Sprache geschaffen, ähnlich jenem Patois, das man aus den Küsten des Mittelländischen Meeres spricht, und mit dessen Hilfe die Reisenden die Wanderung um den großen See machen können, den die Alten das Innere Meer nannten. Diese Sprache genügte für den, Austausch ihrer Gedanken und für die Mittheilung ihrer Wünsche.

In demselben Patois gab ihnen auch ihr Anführer seine Befehle.

Am Tage des Kampfes beseelte ein Geist diese Menschen; man hätte glauben sollen, es seien Landsleute, Freunde, beinahe Brüder; war aber das Schlachtfeld geräumt, so gewannen für die Garnison die verschiedenen Nationalitäten wieder die Oberhand: der Engländer ging zum Engländer, der Deutsche zum, Deutschen, der Gebirgsmann zum Gebirgsmann.

Sie waren also, nach ihrer Gewohnheit an Ruhetagen und in Garnisonsstunden, in Gruppen abgetheilt, und jede Gruppe vertrat gewisser Maßen ein Volk; das Gefühl der Nationalität, welches besonders in der Fremde vorherrscht, war das Element der Anziehung und des Zusammenhangs, das diese Söhne derselben Erde vereinigte; indem sie mit einander die Sprache ihres Landes sprachen, indem sie sich mit den Uebungen ihrer Heimath belustigten, gab eine Illusion des Augenblicks dem Engländer die Nebel Britanniens, dem Deutschen das Gemurmel der germanischen Flüsse, dem Gebirgsmann den Schnee seiner Alpenspitzen zurück, und solche Illusionen trösteten diese verhärteten Herzen, liebkosten diese rohen Phantasien, denn sie glaubten sich in ihrem Heimathlande.

Die Einen schossen mit dem Bogen; – das waren englische Schützen, Ueberreste von jenen großen Banden, die uns Franzosen in den Schlachten von Crécy, von Poitiers und von Azincourt so viel Blut abgezapft; sie waren erfahren in der Kunst, einen Pfeil nach dem Ziele abzuschießen, und diese modernen Parther, welche gewöhnlich zwölf Pfeile in ihrem Köcher hatten, sagten kühn, sie tragen den Tod von zwölf Menschen an ihrer Seite.

Die Anderen übten sich im Ringen; – das waren Deutsche; diese blonden Abkömmlinge von Arminius hatten die gymnastischen Hebungen ihrer Väter nicht vergessen; Niemand wagte es auch, mit ihnen dieses furchtbare Spiel zu spielen; man hätte glauben sollen, man sehe die alten Gladiatoren, welche Germanien nach Rom schickte, um mit den Bären und Löwen zu kämpfen. Der Ort, an welchem man sich befand, der Circus von Maxentius, vermehrte noch die Illusion.

Wieder Andere, das waren die Männer von den Gebirgen, üblen sich mit dem Stocke. Oft wurde im heftigsten Gemenge das Eisen der Lanze mit einem kräftigen Schwertstreiche abgeschlagen, dann hatte der Reiter oder der Fußgänger nur noch seinen Stock; er mußte sich also eine Waffe hieraus machen. Das war das Studium, welchem sich diese Leute widmeten, und sie hatten einen solchen Grad von Geschicklichkeit erlangt, daß es besser schien, wenn man es mit ihnen zu thun hatte, so lange das Eisen am Ende der Lanze stak, als wenn der Schaft allein sich in ihren Händen bewegte.

Gaëtano der Bastard ging von einer dieser Gruppen zur andern, ermuthigte und belobte die Sieger, verspottete die Besiegten, schoß mit dem Bogen mit den Engländern, rang mit den Deutschen, spielte mit dem Stocke mit den Gebirgsleuten.

Dadurch, daß er die Spiele dieser Menschen an Ruhetagen theilte, zog er sie nach sich, trieb er sie vorwärts, oder sammelte er sie um sich an Tagen des Kampfes.

Die Schildwachen waren übrigens aus den Mauern und an den Thoren ausgestellt, als hätte sich der Feind aus einen Pfeilschuß gelagert. Die Befehle waren streng, die Disciplin unbeugsam: man durfte nicht trauen.

Für den Augenblick saß Gaëtano auf dem Piedestal einer fehlenden Statue und dachte: woran? an die Dinge, von denen die Condottieri träumen; an die schönen Frauen, an das Geld, an den Krieg.

Er hörte hinter sich den regelmäßigen Gang mehrerer Personen und wandte sich um.

Drei Soldaten brachten ihm einen Fremden.

Einer der Soldaten trat aus ihn zu und sprach ein paar Worte leise mit ihm, während die Anderen zehn Schritte hinter dem Ersten rechts und links von dem Mann, den sie zu ihrem Ches mehr wie einen Gefangenen als wie einen Gast führten, stehen geblieben waren.

Die Gaotani hatten nicht, um die Gastfreundschaft am grünen Donnerstag zu üben, dieselbe Ursache wie die Örsini, da weder an diesem, noch an einem andern Tage einer von den Ihrigen auferweckt worden war.

Gaëtano neigte den Obertheil seines Körpers, um die Meldung des Soldaten zu hören; dann, als er ihn angehört hatte, sagte er:

»Ah! ah! nun, er mag näher kommen!«

Der Soldat winkte; seine Kameraden schoben den Unbekannten gegen Gaëtano den Bastard vor.

Dieser sah ihn kommen, ohne auszustehen, spielte mit der rechten Hand mit seinem Dolche, woran ein vergoldeter Griff, und mit seiner linken an seinem schwarzen Schnurrbart.

Als er ihm sodann gegenüberstand, sagte er:

»Du hast also die Frechheit, unsere Besitzungen durchschreiten zu wollen, ohne Dein Wegegeld zu bezahlen?«

»Gnädiger Herr Gaëtano,« erwiederte der Fremde, indem er sich verbeugte, »ich würde mich nicht weigern, zu bezahlen, besäße ich die Summe, welche Eure Leute von mir fordern; doch ich komme vom andern Ende der Welt, um den Segen des heiligen Vaters zu erlangen, und ich bin arm wie ein Pilger, der aus die Unterstützung der guten Herzen und der frommen Seelen zählt, um zum Ziele seiner Fahrt zu gelangen.«

»Wie viel hat man von Dir gefordert?«

»Einen römischen Thaler.«

»Ah! ein römischer Thaler ist also eine bedeutende Summe?« fragte lachend der Bastard.

»Alles ist beziehlich, gnädiger Herr,« erwiederte demüthig der Fremde; »ein römischer Thaler ist eine bedeutendere Summe für denjenigen, welcher sie nicht hat, das heißt: für mich, als eine Million für den wäre, der dieses Denkmal hat errichten lassen . . . «

Und er deutete mit dem Ende seines Stabes ans das Grab von Cäcilia Metella.

»Du hast also nicht einmal einen römischen Thaler?«

»Eure Soldaten haben mich durchsucht, gnädiger Herr, und nur ein paar Bajocchi bei mir gefunden.«

Gaetano schaute die Soldaten mit einem fragenden Blicke an.

»Es ist so!« sagten diese; »das ist Alles, was er besaß.«

Und sie zeigten ein paar Kupfermünzen, welche zusammen ungefähr einen halben Paol machten.

»Gut, sprach Gaittano, »man wird Dir Dein Geld zurückgeben; doch damit kommst Du nicht davon . . . es ist hier Gewohnheit, daß man auf die eine oder andere Weise bezahlt; die jungen und hübschen Mädchen bezahlen, wie die heilige Maria die Aegypterin mit ihrer Person; die Reichen bezahlen mit ihrer Börse, die Kaufleute mit ihren Waaren; die Musikanten spielen uns eine Melodie; die Improvisatoren sprechen Verse, die Tänzer tanzen uns Etwas; die Zigeuner prohezeihen uns . . . Jeder hat seine Weise auf dieser Welt und bezahlt uns mit seiner Münze. Sage uns, was Deine Münze ist, und bezahle uns mit dieser!«

Der Pilger schaute umher, und als er in einer Entfernung von ungefähr hundert Schritten einen von jenen großen englischen, in Form von fliegenden Drachen gemachten Schilden sah, der mit der Spitze in der Erde stak und ganz mit Pfeilen gespickt war, sagte er demüthig: »Wohlan, ich will diese wackeren Leute mit dem Bogen schießen lehren.«

Gaëtano der Bastard brach in ein Gelächter aus, und da die Engländer die Worte des Unbekannten nicht begriffen hatten, weil er Italienisch gesprochen, so fragte er in dem Patois, von dem wir gesagt, es sei die gewöhnliche Sprache der Condottieri gewesen:

»Wißt Ihr, was er Euch anbietet? . . . Er er»bietet sich, Euch eine Geschicklichkeitslection zu geben.«

Die Bogenschützen lachten ebenfalls laut auf.

»Was soll ich antworten?« fragte Gaëtano.

»Oh! nehmt es an, Kapitän, und wir werden uns belustigen,« sagten die Engländer.

»Wohl! es sei,« sprach Gaittano, indem er sich gegen den Fremden umwandte. »Die Engländer werden zuerst alle nach einander nach dem Schilde schießen, den Du dort siehst. Die drei, welche dem Zielpunkte am nächsten kommen, werden sodann mit Dir bei einem neuen Versuche um den Preis streiten, und wenn Du den Sieg über sie davon trägst, so sollst Du nicht nur freien Durchzug haben, sondern ich gebe Dir sogar, bei meinem Worte, fünf römische Thaler aus meiner Tasche, damit Du Dein Wegegeld an den andern Schranken bezahlen kannst.«

Ich nehme es an,« sagte der Fremde; »doch sputet Euch; ich muß um drei Uhr aus dem Sanct Peters-Platze sein.«

»Oh! gut!« versetzte Gaëtano, »dann haben wir Zeit; es ist kaum Mittag!«

»Es ist eine halbe Stunde mehr,« entgegnete der Fremde, nach der Sonne schauend.

»Gebt wohl Acht, meine Braven,« sagte Gaëtano zu den Bogenschützen, »denn Ihr habt mit einem Manne zu kämpfen, der mir aussieht, als besäße er einen richtigen Blick.«

»Oh!« bemerkte einer von den Schützen Namens Herbert, welcher unter den Besten der ganzen Schaar zählte, »meiner Ansicht nach ist es leichter, die Stunde an der Sonne zu sehen, als aus fünfzig Schritte mit dem Eisen eines Pfeiles in einen halben Paol zu treffen.«

Ihr täuscht Euch, mein Freund,« erwiederte der Fremde in vortrefflichem Englisch, »das Eine ist nicht schwieriger, als das Andere.«

»Ah! rief Herbert, »wenn Ihr jenseits der Meerenge geboren seid, wie dies Eure Art, unsere Sprache zu sprechen, andeutet, so darf man sich nicht wundern, daß Ihr ein so guter Bogenschütze.«

»Ich bin nicht jenseits der Meerenge geboren sondern nur in England gereist,« erwiederte der Pilger. »Doch sputen wir uns, wenn es Euch beliebt; ich sagte Eurem Chef, ich habe Eile, und er erlaubt daß wir unsern Versuch unverzüglich machen.«

Auf, Edwards! aus, Georges!« rief Herbert;«haltet einen Schild bereit, der die Stelle von diesem einnehmen soll; zieht einen Kreis von sechs Zoll im Durchmesser und in der Mitte dieses Kreises klebt eine Mücke an.«

Die zwei von ihrem Kameraden ausgerufenen Engländer gehorchten schleunigst, Sie richteten einen völlig unversehrten Schild zu, während die andern Schützen die Pfeile aus dem Schilde rissen, der als Ziel gedient.

Dann, um dem Fremden einen höheren Begriff von ihrer Geschicklichkeit zu geben und ihm eine größere Schwierigkeit zu bieten stellten sie den Schild in einer Entfernung von hundert Schritten aus.

Als endlich der alte Schild in geeigneter Entfernung aufgepflanzt und der neue zugerichtet war, gruppirten sich die Bogenschützen wie ein Bienenschwarm um Herbert, den sie als den Mann anerkannten, welcher über sie das Königthum der Geschicklichkeit und des Blickes übte.

Man sah nun, was bei den Menschen ein großer Wetteifer thun kann: Jeder schoß seinen Pfeil ab, und trotz der um das Doppelte vermehrten Entfernung drangen alle fünfzig Pfeile, – die Bogenschützen waren ihrer fünfzig, – in den Schild ein, Elf Pfeile hatten in den innern Kreis getroffen, doch, wie man vorhergesehen, waren die drei der Mücke nächsten Pfeile die von Edwards, von Georges und von Herbert.

»Gut geschossen, Kinder!« sprach Gaëtano, in die Hände klatschend; »man wird heute Abend vom besten Wein des Kellers auf die Gesundheit derjenigen trinken, welche diese fünfzig Pfeile abgeschossen haben . . . Und nun ist es an den drei Siegern und unserem Pilger. Seid Ihr bereit, meine Meister?«

Der Fremde nickte bejahend mit dem Kopfe.

Gut,« rief der Bastard, »Ihr wißt, daß fünf römische Thaler dem zufallen, welcher seinen Pfeil am nächsten zu der Mücke bringt! . . . . Auf, nach dem Schilde!«

Ein Bogenschütz riß aus der Erde den alten, wie ein Stachelschwein ganz mit Spießen beladenen, Schild und setzte den unversehrten an dessen Stelle.

»Platz! Platz!« rief man von allen Seiten, Es waren nicht mehr allein die Bogenschützen, die sich für den Wettstreit interesssirten, es waren alle diese Menschen, welche, wie gesagt, eine Art von Nationalität unter einander verband.

Die Deutschen hatten zu ringen aufgehört; die Gebirgsleute hatten ihre Stöcke weggeworfen; Alle waren herbeigelaufen und bildeten einen ungeheuren Kreis um die Gruppe, die aus Gaëtano dem Bastard, dem Pilger und den drei Schützen bestand, welche die Ehre von Alt-England, dem Fremden gegenüber, behaupten sollten.

»Beeilen wir uns!« murmelte der Pilger, indem er abermals nach der Sonne schaute; »es ist drei Viertel auf ein Uhr.«

»Wir sind bereit,« erwiederte Herbert, »und wir werden nach der Reihe schießen, welche die Anfangsbuchstaben unserer Namen im Alphabet einnehmen. Du, Edwards hast den ersten Buchstaben, Du, Georges, den zweiten, der meinige ist der dritte . . . Der Pilger wird zuletzt schießen: Ehre dem Ehre gebührt!«

Beim Bogenspiele ist wirklich derjenige der Geehrte, welcher zuletzt schießt.

»Aufgeschaut!' sprach Edwards vortretend, Edwards hatte zum Voraus denjenigen von seinen Pfeilen, welchen er für den besten hielt, ausgewählt und auf seinen Bogen gelegt. Als er zu der Stelle kam, von wo aus er schießen sollte, blieb er stehen, zog zweimal die Sehne seines Bogens an und spannte sie zweimal wieder ab. Endlich, beim dritten Male, entschwirrte der Pfeil und drang in den ans dem Schilde gezogenen Kreis, kaum zwei Zoll über der Mücke, ein.

»Ah!« murmelte er, »wäre der Schild nur zehn Schritte weiter entfernt gewesen, so traf ich mit meinem Pfeile mitten ins Ziel; doch gleichviel! ich glaube, der Schuß war nicht schlecht . . .«

Seine Kameraden klatschten ihm Beifall und bewiesen dadurch, daß sie seine Ansicht theilten.

»Nun ist es an Dir, Georges,« sagte Gaëtano, »miß genau Deine Entfernung.«

»Ich werde mein Möglichstes thun, gnädiger Herr,« erwiederte der Bogenschütze.

Und er zog hinter einander drei Pfeile aus seinem Köcher, warf aber die zwei ersten als mangelhaft auf den Boden und behielt den dritten.

Er legte diesen dritten Pfeil aus seinen Bogen, spannte ihn mit einer zugleich langsamen und festen Bewegung und schoß.

Der Pfeil drang in den Schild ein, und trotz der Entfernung konnte man leicht sehen, daß er den von Edwards um einige Linien übertraf.

»Bei meiner Treue!« sagte Georges, »das ist Alles, was ich thun kann . . . Ein Anderer mache es besser.«

»Bravo, Georges! Bravo, Georges!« riefen die Zuschauer Beifall klatschend.

Nun kam die Reihe an Herbert, das heißt an denjenigen, auf welchen man am meisten zählte.

Er trat ernst und langsam vor, wie ein Mensch, der das ganze Gewicht der Verantwortlichkeit, die auf ihm lastet, fühlt.

Er ging auch mit einer noch größeren Aufmerksamkeit als Georges bei der Wahl des Geschosses, dessen er sich bedienen wollte, zu Werke, leerte seinen Köcher ganz zu seinen Füßen aus, setzte ein Knie auf die Erde und wählte lange und mit Sorgfalt einen Pfeil, dessen Gleichgewicht vollkommen war; dann stand er wieder auf, spannte die Sehne seines Bogens so, daß er sie bis hinter seinen Kopf zurückzog, blieb einen Augenblick unbeweglicher, als der durch die Rache von Diana in Marmor verwandelte Jäger des Alterthums, – und schoß.

Der Pfeil flog unsichtbar, so schnell flog er, und drang so nahe bei der Mücke ein, daß er deren Umriß angriff.

Alle Condottieri, die Bogenschützen besonders, hatten mit starren Augen und keuchender Brust zugeschaut, als sie aber das Resultat des Schusses sahen, entströmte ein ungeheures Freudengeschrei in drei bis vier Sprachen dem Munde dieser Leute, die sich insgesammt in ihrem Stolze als dabei interessirt betrachteten, daß einer von ihnen, was auch seine specielle Waffe oder seine Nation sein mochten, den Sieg über einen Fremden errang. Dann stürzten Alle mit einer und derselben Bewegung auf das Ziel zu, denn Jeder wollte mit seinen eigenen Augen die Stelle beurtheilen, welche der Pfeil von Herbert getroffen hatte.




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notes



1


Gewöhnlich Porta die S. Giovanni genannt. Der Uebersetzer.


