Die schwarze Tulpe
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas Alexandre (père)

Die schwarze Tulpe





Erster Band





I.

Ein dankbares Volk


Die Stadt Haag, um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts noch die Hauptstadt der sieben vereinigten gleichnamigen Provinzen, mit ihrem großen, schattigen Parke, dessen majestätische Bäume, weit über die gothischen Häuser hervorragten, und den fast orientalischen Kuppeln ihrer Thürme, die sich in den breiten Flächen ihrer Kanäle abspiegelten, hatte am 20. August 1672 ein so festliches und geräuschvolles Aussehen, daß man mit voller Bestimmtheit irgend eine große Feierlichkeit, ja beinahe ein Ereigniß erwarten konnte. Durch alle Gassen und Straßen drängte sich eine rothe oder schwarze Fluth murrender und keuchender Bürger nach Buytenhoff, jenem schrecklichen Gefängnisse hin, von dem man noch heute die vergitterten Fenster zeigt. Die drohenden Mienen der aufgeregten Masse, der Umstand, daß jeder Einzelne entweder mit dem Degen, dem Gewehre oder einem Stocke bewaffnet war, verriethen eben so einen mehr ernsten als friedlichen Gegenstand, besonders, wenn man in Erfahrung beachte, daß diese ganze drohende und bewaffnete Menge sich nur aus der Ursache versammelt hatte, um der Escortirung, des in jenen Gefängnissen seit längerer Zeit schmachtenden, durch den Chirurgen Tyckelaer des Meuchelmordes angeklagten, und zur Verbannung verurtheilten Cornelius von Witt, Bruder des Ex-Großpensionärs von Holland, beizuwohnen.

Die Geschichte jener Zeit, und besonders die, jenes Jahres, um dessen Mitte beiläufig unsere Erzählung beginnt, hängt so genau mit den eben erwähnten zwei Namen zusammen, daß wir nothgedrungen diese vielleicht überflüssig scheinende Einleitung vorangehen lassen, und unsern Leser, dem wir gleich auf der ersten Seite die möglichst angenehmste Unterhaltung versprechen, aufmerksam machen müssen; den genannten Punkt, – ob unsere Aufgabe gut oder schlecht gelöst werde, – stets im Auge zu behalten und selbst zu urtheilen, wie unerläßlich wichtig derselbe zur Klarheit unserer Erzählung und der folgenden politischen Ereignisse sich herausstellt.

Cornelius von Witt, Ruart di Pulten, so viel als Inspector der Dämme von Holland, Deputirter und Exbürgermeister von Dortrecht, seiner Vaterstadt, war gerade 49 Jahre alt, als das holländisch Volk ganz unerwartet, von einer besondern Neigung und Sehnsucht nach der Statthalterschaft ergriffen, die, durch Johann von Witt, Großpensionär von Holland, und sein für immerwährende Zeiten erlassenes Edict gebildete Republik abschaffen, und die frühere Regierung einführen wollte.

Aber bei so unerklärbaren und großartigen Bewegungen, sucht die Masse, durch welche dieselbe hervorgerufen, ausgebildet und zum höchsten Grade der Vollkommenheit gebracht werden, wo möglich ihr, oft auf gar keine Grundlage basirtes, räthselhaftes Princip zu befestigen, und alle hinter demselben auftauchenden, drohenden Gespenster für immer zu beseitigen. Und so standen denn hinter der Republik auch zwei mächtige, kühne Gestalten, Johann und Cornelius Witt, die Römer Hollands, die als unbeugsame Freunde der Freiheit, dem Nationalgeschmack nicht huldigten, während hinter der Statthalterschaft, die schwache, ernste und beugsame Stirne des jungen Wilhelm von Oranien auftauchte, der mit vollem Rechte von einen Zeitgenossen den Beinamen: der Schweigsame, erhielt, den er auch während seines ganzen Lebens führend, der Nachwelt überließ.

Zu der damaligen Zeit wuchs mit jeder Stunde der moralische Einfluß, den Ludwig XIV. beinahe auf ganz Europa, und besonders auf Holland, nach dem glücklichen Erfolge des merkwürdigen Feldzuges am Rhein ausübte; eines Feldzuges, der in dem kurzen Zeitraume von drei Monaten, die Macht der vereinigten Provinzen zertrümmerte, und durch den von Boileau besungenen, wohl bekannten Romanhelden, Graf von Guiche, eine so große Berühmtheit erlangte.

Ludwig XIV. von den Holländern, durch französische Flüchtlinge, die sich daselbst aufhielten, unaufhörlich beleidigt und lächerlich gemacht, war ihr erbittertster Feind geworden. Der Nationalstolz machte ihn zum Mithridates der Republik. Aus diesen vorangegangenen Ursachen, zudem von einem mächtigen Feinde besiegt, und kleinmüthig gemacht, läßt sich die, gegen die Brüder Witt herrschende Aufregung, um so eher erklären, da das, durch die erhaltenen Wunden vollständig ermattete Volk, in der Beibehaltung jener, durch die beiden Männer mit aller Kraft vertheidigten Verfassung, seinen sichern Untergang voraussah, und nur von einem andern Oberhaupte die vollständige Rettung, aus dem nahenden Verderben erwartete.

Und jenes fragliche Oberhaupt, der junge Prinz Wilhelm von Oranien, Sohn Wilhelm II., und —durch Henriette Stuart, ein Enkel Carl I., dieses schweigsame Kind, dessen Schatten wir bereits ein Mal hinter der Statthalterschaft auftauchen sahen, war wirklich in jedem Augenblicke bereit, hervorzutreten, und sich mit Ludwig XIV., und dessen bisher so ungeheuerm Glücke zu messen.

Der Prinz war zu jener Zeit zwei und zwanzig Jahre alt. Johann von Witt hatte bisher seine Erziehung geleitet. Die Absicht dieses edlen Mannes ging einzig und allein nur dahin, aus dem altadeligen Prinzen, einen thätigen Bürger, einen guten Sohn seines Vaterlandes zu bilden. Aus Liebe zu dem Letzteren, aus mehr als väterlicher Neigung für seinen Zögling, beseitigte er jede nur keimende Herrscheridee, und führte den Knaben, durch Hinweisung auf das durch ihn selbst erlassene Edict, langsam zu der Ueberzeugung, daß er auch in der Zukunft jede Hoffnung zur Statthalterschaft, als eine Unmöglichkeit aufgeben müsse. Aber die Vorsehung schien diesen so wohlbegründeten Plan eines schwachen Sterblichen, nur mitleidig zu belächeln, denn gerade durch den so unerwarteten Eigensinn der Holländer, durch den Schrecken, den Ludwig XIV. einflößte, geschah es, daß die Politik des Großpensionär’s gänzlich vernichtet, das Edict abgeschafft, und die Statthalterschaft mit Wilhelm von Oranien an der Spitze, wieder eingeführt wurde. Und was wollte eben diese unerforschliche Vorsehung, durch die so plötzliche Umwandlung der bestandenen Ordnung bezwecken, welche unergründbaren, durch eine düstere Zukunft verschleierten Pläne, hatte sie mit dem Prinzen vor.

Der Großpensionär beugte sich unmittelbar den Forderungen und dem Willen seiner Mitbürger, während der kühne Cornelius gänzlich widerstand, und selbst dann, als die Orangisten sein Haus umlagernd, ihm mit dem Tode drohten, die Urkunde, welche die Statthalterschaft wieder einführen sollte, nicht unterschrieb.

Aber auch dieser kühne, männliche Charakter erlag einer mächtigen, höhern Stimme, der Stimme des Herzens. Als nämlich seine Gattin in Thränen zerfließend, auf ihren Knieen bat, sein Leben, und durch dies, das ihre zu erhalten, da gab er nach. Er unterschrieb mit bebender Hand, und vor seine Unterschrift setzte er die beiden Buchstaben, V. C, vi coactus, d. h. durch Gewalt gefertigt.

Ein außerordentliches Wunder schien ihn schon an diesem Tage der Nachstellungen seiner Feinde zu entziehen.

Johann von Witt hatte sich zwar durch seine leichtere und schnellere Fügsamkeit in den Willen des Volkes, die Sympathie eines großen Theiles gesichert, aber trotzdem würde er bald das Opfer eines meuchelmörderischen Angriffes gefallen sein, wenn nicht seine eigene Kühnheit ihn mit Ausnahme einiger wenig bedeutenden Wunden und Dolchstiche gerettet hätte.

Aber damit waren die Orangisten noch immer nicht zufrieden. Das Leben dieses Mannes, war ein ihren Plänen noch immer mächtig entgegenstehendes Hinderniß, das sie nunmehr, da die Gewalt kein günstiges Resultat hervorgebracht hatte, auf dem Wege der Verläumdung zu vernichten suchten. Und so durch die Abänderung ihrer Tactik, in jedem Augenblicke bereit, eine mißlungene Schändlichkeit durch eine neue besser berechnete zu krönen, warteten sie mit gespannter Ruhe den sich darbietenden günstigen Zeitpunkt ab.

Beobachten wir die Erscheinungen im menschlichen Leben etwas genauer, so werden wir mit Gewißheit den Grundsatz aufstellen können, daß zur Ausführung irgend einer großen, für die Gegenwart und Zukunft wohlthätigen Handlung, nicht sogleich das rechte Wesen auftrete, daß es beinahe im unerklärbaren Rathschlusse einer mächtigen Vorsehung verborgen liegt, es nicht erscheinen zu lassen; während dem zur Vernichtung der Existenz eines Einzelnen, oder auch eines großen Theiles der Gesellschaft, sich hunderte von Armen zur thätigen Beihilfe erheben, und eben so viele Elende, mit dem Mordwerkzeuge in der Faust nur eines Winkes harren, den niederträchtigen Zweck zu erfüllen. Ruhig, unbeachtet, verschwindet diese große Menge, einzeln einstrahlender Stern steht der Auserwählte im Buche der Geschichte da, der durch das Fatum erwählt, einen hohen edlen Plan glänzend durchführte.

Auch hier fand sich bald, was man suchte. Ein Chirurg von Profession, Namens Tyckelaer, schien als ein Agent des bösen Geistes, von diesen mit allen hier nöthigen Gaben ausgerüstet, ganz für die Umstände und den vorhabenden Zweck zu passen.

Von den Orangisten gewonnen, erklärte dieser Elende offen, Cornelius von Witt, habe in der Verzweiflung über die Abschaffung des Edictes, (ein Satz, der in den hinterlassenen Papieren auch wirklich vorkam, ) und aus Haß gegen Wilhelm von Oranien, einen Mörder gedungen. Dieser Mörder sei er selbst, aber von Gewissensbissen gepeinigt, vor der Schändlichkeit dieses Vorhabens zurückbebend, habe er sich bewogen gefunden, dasselbe mit allen Einzelheiten zu enthüllen, und vor Gericht mit Beweisen darzuthun, wie Cornelius von Witt durch die Ausführung dieser Absicht die Statthalterschaft stürzen, und an ihrer Stelle, die Republik wieder einführen wollte. Der Ausbruch des Zornes und der Wuth, den die Orangisten nach Kundmachung dieses Complottes sehr geschickt fingirten, läßt sich nicht schildern. Am 16. August 1672, wurde Cornelius von Witt, durch den Fiscal Prokuratur, in seiner Wohnung verhaftet, und sodann in das bereits genannte Gefängniß den Buytenhoff abgeführt. Dort, wie der elendeste, gemeinste Verbrecher, in eine dumpfe Kammer gesperrt, trieben die Untersuchungsrichter es so weit, ihn, den Ruart von Pulten, den Bruder des edlen Johanns von Witt, gleich den verworfensten Bösewichtern, zur Erpressung des für ihre Absichten so wichtigen Geständnisses, der Vorbereitungstortour zu unterziehen.

Aber Cornelius war nicht nur ein großer Geist, er verband zugleich mit seinen erhabenen Eigenschaften jene Seelenstärke, die allen physischen Einflüssen kühn die Stirne bietend, nur ein Attribut der höchsten Vollkommenheit bleibt. Fest an seinem politischen Glauben hängend, kann man ihn mit Recht unter die Familie jener Märtyrer rechnen, die kein haarbreit von ihrem vorgezeichneten Wege abweicht, und ihre Ideen mit dem ganzen Aufwande körperlicher und geistiger Kraft, wie einst unsere Vorfahren ihren religiösen Glauben, vertheidigen. Er lächelte zu allen Schmerzen, während der Folter recitirte er mit fester Stimme, die im Metrum geschriebenen Horazischen Verse, Jusium etlenacem ; er gestand nichts, und ermüdete dadurch nicht nur die Ausdauer, sondern auch den Fanatismus seiner Henker. Aber trotz dem Allen, hoben die Richter die von Tyckelaer gemachte Anschuldigung nicht auf, ihr Grimm schien durch den Muth des Unglücklichen nur noch mehr gesteigert zu werden, so daß sie ihm durch einen kurzen Urtheilsspruch seiner Würden und Aemter beraubten, ihm die Bezahlung der Gerichtskosten aufbürdeten, und zugleich auf ewige Zeiten aus Holland verbannten.

Schon dieser Schritt trug sehr viel zur Beruhigung des aufgeregten Volkes bei, eines Volkes, dem das unschuldige der der Politik sein ganzes thatenreiches Leben ausschließlich gewidmet, dessen Wohlstand es begründet hatte. Und doch war auch dieses, wie die Folge lehren wird, nicht genug.

Die Athener, die der Nachwelt ihren größten Ruhm in ihrer Undankbarkeit zurückließen, treten hier beschämt vor den Holländern zurück, da sie sich wenigstens mit der bloßen Verbannung ihres Wohlthäters Aristitides zufrieden gaben.

Johann von Witt hatte gleich bei der ersten Nachricht von der Verhaftung seines Bruders, und der gegen ihn gerichteten Anklage, sein Amt als Großpensionär niedergelegt. Auch er fand sich für seine Aufopferung und Vaterlandsliebe würdig belohnt. In sein Privatleben folgten ihm seine unversöhnlichen Feinde, und die noch nicht vernarbten Wunden, als einzige Denkmale jener großen Männer, welche die ungeheure Schuld auf sich wälzen, von den edelsten Trieben beseelt, für ihr Vaterland, für ihre Mitbürger mit voller Selbstverläugnung zu wirken.

Wilhelm von Oranien, das schwache, schweigsame Kind, erwartete von diesem Ereignisse seine ganze Zukunft, er bot selbst alle Mittel auf, das Volk dahin zu bringen, daß es ihm durch die Leichname der beiden Brüder, die zwei Stufen bilde, die er nothwendig hatte, um den Stuhl der noch immer schwankenden Statthalterschaft, erklimmen zu können.

Gerade am 20. August 1672, strömte die ganze Einwohnerschaft von Haag nach dem Buytenhoff hin, um, wie bereits Eingangs erwähnt, der Escortirung des zum Exil verurtheilten Cornelius von Witt beizuwohnen, und zugleich beobachten zu können! welche Spuren die Tortour an dem Körper zurückgelassen, der seinen Horaz so vortrefflich kennend, unter den heftigsten Martern einzelne Stellen desselben recitirte.

Aber zugleich erscheint es uns nothwendig, hier noch zu bemerken, daß die große Menge keineswegs nur von bloßer Neugierde getrieben, nach dem Schauplatze eines seltenen Spectakels strömte, sondern, daß viele darunter sich dem Zuge, in der Absicht angereiht hatten, an Ort und Stelle selbst eine Rolle zu spielen, oder vielmehr eine, ihrer Meinung nach nothwendige Kleinigkeit abzuthun.

Es dürfte von selbst einleuchten, daß wir darunter die Ausgabe des Henkers verstehen.

Die Zahl derjenigen, die gerade diese feindliche Absicht nicht hegte, und theils aus wirklicher Neugierde, theils nur in der Absicht dahin eilte, einen großen Mann’ in den Staub gewälzt, zu ihren Füßen zu sehen, einen Act, der beinahe instinctmäßig dem Stolze der rohen; Menge schmeichelt, war so gering, daß sie in keinem Falle, der Gegenpartei Widerstand bieten konnte.

Cornelius von Witt, dieser Mann ohne Furcht, rief man allgemein, war er nicht eingespert? wurde er nicht geschwächt durch die Folter? Wie wird er aussehen? blaß, blutend, beschämt?

Und alle diese Fragen, alle diese Ergüsse der rohesten Natur, waren die nicht ein schöner Triumph der Bürgerschaft, die noch weit mehr als das Volk, nach der Erreichung eines Ruhmes strebte, der im Buche der Geschichte, mit blutigen Lettern aufgezeichnet steht?

Und dann riefen die Emissäre der Orangistenpartei, die sich unter dem Volke vertheilten; wird es auf Wege vom Buytenhoff bis zum Stadttore, nicht so eine kleine Gelegenheit geben, etwas Koth und einige Steine von der Erde aufzuheben, um sie nach der Richtung zu schleudern, die der Ruart von Pulten einschlägt, ein Mann, der die Einführung der Statthalterschaft mit vi coactus unterzeichnete, und selbst fest noch den Prinzen meuchlings ermorden lassen wollte, – werdet ihr auf diese Art dem Herrn nicht zugleich einen kleinen Beweis Eurer Anhänglichkeit liefern, und ihm deutlich zeigen, welcher glänzende Empfang bei dem allenfallsigen Versuche zur Rückkehr seiner warte.

Aber noch mehr und mächtiger wurde dieser bereits glimmende Funke durch die französischen Flüchtlinge zur vollen Flamme angefacht. Ohne viel zu bedenken, fügten diese wüthenden Feinde ihres eigenen Vaterlandes jenen wohlberechneten Aufreizungen, die Bemerkung bei, daß man die beiden Brüder aus dem Haag, sich gar nicht entfernen lasse, da einmal in Sicherheit, sie alle früher mit Frankreich gesponnenen Intriguen wieder fortsetzen, und von dem Gelde des Marquis de Louvois, recht gemächlich leben würden.

Es ist eine auf die Erfahrung begründete Thatsache, daß die Zuseher bei so seltenen Gelegenheiten mehr laufen als gehen, und es wird daher auch Niemand Wunder nehmen, die ganze Volksmasse, gleich den brausenden Wogen, eines durch den Orkan aufgeregten Meeres dahinstürmen zu sehen.

Mitten unter dieser tobenden und lärmenden Menge, stürzte, Wuth im Herzen, jedoch ohne eigentlichen Plan, nach dem bezeichneten Platze, der biedere Tyckelaer, von den Orangisten als Heros der Rechtlichkeit, der Nationalehre, und der christlichen Liebe bezeichnet. Dieser Bösewicht entflammte die Menge durch seine lügenhafte Erzählung nur noch mehr. Die Ausführung der wohlüberlegten, einzelnen Umstände, die Mittel, die man ihm an die Hand gegeben, die Summen, die man angeboten, so wie der Entwurf eines schändlichen Planes, der alle Gefahr und Bedenklichkeit beseitigt, so wie die Ausführung des vorgeblichen Attentats sehr erleichtert hätte, Alles dies im gehörigen Zusammenhange vorgetragen, durch die weitere Mittheilung der Zuhörer noch bedeutend gräßlicher geschildert, verfehlte keineswegs die beabsichtigte Wirkung bei dem Pöbel zu erzeugen, und zugleich das Volk zu den lebhaftesten Acclamationen für den jungen Prinzen, und dessen ungestörte ruhige Zukunft zu stimmen.

Zugleich that sich die so künstlich aufgeregte Wuth des Volkes, in heftigen Schmähungen gegen die ungerechten Richter, Luft, deren gesundes, kräftiges Urtheil einen so ungeheuern Verbrecher, wie Cornelius entkommen ließ.

Die bereits hell auflodernde Flamme wurde durch mehrere Aufrufer noch bedeutend genährt.

»Er kommt durch er entwischt uns!«

»Ein Schiff, und zwar ein französisches, erwartet Ihn in Scheveningen, Tyckelaer hat es gesehen.«

»Der biedere, ausgezeichnete Tyckelaer« schrie die tobende Menge, wie im Chor.

»Und dazu habt ihr noch gar nicht berücksichtigt,« rief eine neue Stimme, »daß mit Cornelius auch sein Bruder Johann, der ein gleicher, wo nicht ein noch größerer Bösewicht ist, ebenfalls gerettet wird.

Und diese Elenden werden unser blutiges Geld in in Frankreich verprassen, unter dem Schutz Ludwig XIV, dem sie unsere Schiffe, unsere Arsenale, unsere Schiffswerften, so schändlich verkauft haben.«

»Sie dürfen nicht abreisen,« rief eine starke, weithin tönende Stimme.

»In den Kerker, in den Kerker« wiederholte die ganze wüthende Menge.

Zugleich begann das Wogen und Drängen immer stärker, die Bürger luden ihre Gewehre, ein anderer Theil schwang die Stöcke, oder ließ glänzende, bisher unter den Gewändern versteckte Beile blicken.

Noch war bis jetzt keine Gewaltthat vorgefallen, und eine Abtheilung Cavallerie, welche den Buytenhoff und die Haupteingänge in denselben bewachte, blieb ruhig, kalt und theilnahmslos; aber gerade durch diesen Gleichmuth drohender, als es die ganze aufgeregte Menge, mit ihrem Geschrei, und ihren Verwünschungen war. Unbeweglich standen sie da, nur auf den Befehl ihres Capitäns harrend, der den Degen zwar entblößt, die Spitze desselben aber nach abwärts gesenkt hatte.

Dieser Trupp, das einzige Bollwerk, welches das Gefängniß schützte, verhinderte durch seine würdevolle Haltung und Ruhe, jedes weitere Vordringen des Pöbels, und setzte zugleich einer Unordnung, die sich immer mehr auszubreiten drohte, unzerstörbare Schranken. Weniger geschah dieß von der, zu dem gleichen Zwecke aufgestellten Bürgerwehr, die es rathsamer zu finden schien, sich auf die Seite des Volkes neigend, durch drohende Geberden und Rufe, der allgemeinen Aufregung eine kräftigere Haltung und Form zu geben.

Es lebe Wilhelm von Oranien Tod den Verräthern.

Die Anwesenheit Tilly’s und seiner Reiterschaar, war den Bürgersoldaten ein mächtiger Widerstand, aber bald erhitzten sie sich durch ihr eigenes anhaltendes Geschrei, in gleichem Maße, als dieses durch den wachsenden Andrang stärker wurde, so sehr, daß sie in diesem Getöse, die Grundlagen ihres Muthes und ihrer Kühnheit suchend, das ihnen von Seite der Soldaten entgegengesetzte Stillschweigen, für Feigheit hielten. Sie versuchten es, auf diese Voraussetzung gestützt, einen Schritt weiter vorzudrängen, um so successive von dem Volkschwarme unterstützt, die Cavallerie aus ihrer innehabenden Stellung zu drücken.

Da sprengte aber Tilly, allein, ruhig und kalt, bloß den Degen schwingend, und die Stirne runzelnd, der Masse entgegen: »He da, meine Herren, von der Bürgergarde, was soll dieses Vorrücken bedeuten, was wollt Ihr?«

Die Bürger sammelten ihren ganzen Muth, indem sie die Gewehre heftig an einander schlugen, und Ihre früheren Rufe wiederholten:

»Es lebe Wilhelm von Oranien. Nieder mit den Verräthern!«

»Es lebe Oranien! Ganz recht,« erwiderte Tilly, dessen Lippen ein sarkastisches Lächeln umspielte. »Ganz recht, meine Herren, es lebe Oranien, auch Tod den Verräthern, wenn ihr es haben wollt. Schreit nach Herzenslust, das liegt ganz in Eurem freien Willen. Solltet Ihr aber Miene machen, diese Rufe durch die That zu bekräftigen, solltet Ihr die Personen, denen Ihr so geneigt zu sein scheint, wirklich dem Tode überliefern wollen, so mache ich Euch nur vorläufig zu wissen, daß ich hier bin, dieß zu hindern, und auch wirklich es in jedem Falle verhindern werde.«

Dann wandte er sein Pferd mit derselben Ruhe und Kaltblütigkeit gegen die Soldaten, und commandirte, als wenn er diesen einen Morgengruß zurufen wolle: »Ladet.«

Die Truppe gehorchte augenblicklich, und zwar mit einer Ruhe und Genauigkeit, die unter Bürgern und Volk eine so nahmhafte Verwirrung hervorbrachte, daß Tilly laut auflachte. »Ha, ha, ha, meine braven Bürger,« begann er nach einer Pause, die genügt hatte, seine Lachlust zu befriedigen, »fürchtet Euch nicht, keiner meiner Soldaten soll auch nur ein Zündkraut abbrennen, aber berücksichtigt dafür meinen wohlmeinenden Rath, haltet Euch ruhig auf Eurem Platze, und wagt es überhaupt nicht, einen Schritt dem Gefängnisse näher zu machen.«

»Wir haben aber auch Musketen,« entgegnete wuthentbrannt der Capitän der Bürgergarde.

»Ja, des Gott, ich sehe und höre, daß Ihr Musketen habt, nur immer zu, stützt Euch darauf, macht Ihr wollt, erwägt aber auch, daß meine Leute Pistolen haben, vortreffliche Pistolen, auf fünfzig Schritt, fehlt keiner seinen Mann, und Ihr steht nur fünfundzwanzig entfernt, macht also was Ihr wollt, es hängt wieder nur von Eurem Belieben ab.«

»Tod den Verräthern,« schrien die erbitterten Bürger, durch Tillys geringschätzende Aeußerungen, zum Bewußtsein ihrer Ohnmacht gelangt.

»Geht,« rief dieser abermals, »Ihr fängt an, bedeutend langweilig zu werden, ich höre gar nichts anders als fortwährend diese alte Leier.«

Hierauf sprengte er auf seinen früher innegehabten Posten ohne sich auch nur im Entferntesten um den immer steigenden Tumult zu kümmern.

Und dieses gereizte, wüthende Volk, diese nach Blut dürstende tobende Menge, ahnte in dem Augenblicke wo es ein Opfer für seine Rache forderte, nicht im geringsten, das hundert Schritte von dem Platze sich zwischen Fußgehern, Wagen und Reitern, ein zweites dem gleichen Schicksale bestimmtes Wesen, gleichsam als habe es Eile, seinem Verhängnisse in die offenen Arme zu eilen, nach dem Buytenhoff durchdrängte. Johann von Witt war nämlich, so eben in der Nähe des Platzes aus einem Wagen gestiegen, und beeilte sich, blos von einem Diener begleitet, das Gefängniß zu erreichen. Es gelang ihm glücklich, ein Zufall führte ihm gerade den Gefangenenwärter, den er übrigens zu kennen schien, entgegen:

»Guten Tag, Gryphus!« redete er denselben an, »ich komme, um meinen Bruder abzuholen, der, wie Du weißt, zum Exil verurtheilt wurde.«

Der Gefangenenwärter, eines jener öden, gefühllosen und kalten Wesen, dessen ganze Bestimmung größtentheils im Auf- und Zumachen der Gefängnißthüren besteht, grüßte den Ankommenden ehrerbietig, und öffnete ihm sodann die Thüre eines langen Ganges. Kaum waren jedoch beide zehn Schritte in demselben vorgegangen, als sie ein beiläufig achtzehn Jahre altes, in ihrer vollsten Blüthe dastehendes und reizendes Mädchen trafen. Sie verbeugte sich eben so ehrfurchtsvoll vor Johann, der ihr freundlich das Kinn berührte:

»Guten Tag, meine liebe Rosa, wie geht es meinem Bruder?«

Das Mädchen vermochte es nicht, eine Thräne, die langsam dem großen, schwarzen Auge entquoll, zurück zu halten, und gleichsam, als wollte sie einer unangenehmen Beantwortung, der an sie gerichteten Frage, ausweichen, erwiderte sie:

»O! mein theurer Herr, ihr kennt die Qual und Angst meines Herzens nicht. Nicht das schmerzt mich, was man Eurem Bruder bereits angethan, denn all’ dieß Leid hat er kühn und muthig, überstanden.«

»Nun, und was befürchtest Du dann, mein schönes Kind?«

»So viel, so unendlich viel, all’ das Böse, .nämlich, das man ihm noch anthun will.«

Johann’s offener Blick umdüsterte sich.

»Du fürchtest, oder meinst, das Volk – habe ich recht?«

»Ja, ja, hört Ihr es denn nicht?«

»Fürchte Dich nicht, mein liebes sind. Das Volk ist aufgeregt, aber sobald es uns nur sehen, sobald es sich der Wohlthaten, die es aus unsern Händen empfing, erinnern wird, vergißt es Alles, und beruhigt sich auch.«

Das Mädchen richtete einen fragenden Blick auf den Ex-Großpensionär, der eine ganze Welt von Zweifeln in sich schloß; dann einem Winke ihres Vaters gehorchend entfernte sie sich nach einer entgegengesetzten Seite.

Johann war ergriffen. Die unerwartete Tiefe von Nachdenken und Welterfahrung, die in diesem einzigen Blicke verborgen lag, bei einem Mädchen, das nicht einmal des Lesens mächtig, nur der unmittelbaren Stimme ihrer unverdorbenen kräftigen Natur folgte, schien ihm in diesem Augenblicke beinahe die Eingebung einer höhern Macht, die oft auf unerklärbare Weise dem:: Erwählten einen Blick in die dunkle Zukunft gestattet.

Aber seine Augen ganz wieder der unverwüstbar grünenden Palme der Hoffnung zuwendend, schritt er mit derselben kalten Ruhe nach dem Zimmer seines Bruders.




II.

Die zwei Brüder


Rosa’s Muthmaßungen und Vorgefühle, sollten allem Anscheine nach, eine traurige, eine furchtbare Verwirklichung erhalten. Während Johann von Witt am Ende des Ganges angelangt, langsam die steinerne Treppe hinaufstieg, die zu dem Gefängnisse seines Bruders führte, boten die Bürger von der immer wachsenden Volksmasse auf das thätigste unterstützt, Alles auf, die Soldaten von ihrem Platze zu verdrängen.

Diese Bemühungen einer, wenn auch nicht mit der Führung der Waffen ganz vertrauten, aber doch damit hinreichend ausgerüsteten, und in dem Augenblicke ihrer höchsten Erbitterung durch ihre numerische Uebermacht auch zu fürchtenden Partei, erfreute sich bald der ungetheilten Theilnahme, jener immer größer werdenden Masse, genannt Volk.

»Es leben die Bürgert« schrie das Letztere, den Muth derselben nur noch mehr weckend.

Tilly eben so fest als klug, übersah mit einem einzigen Blicke seine gefährliche Lage. In Verbindung, mit der nun gegen ihm auftretenden Bürgerwehr wäre es ihm ein Leichtes gewesen, die anmaßenden Forderungen des Pöbels, ernst und strenge zurückzuweisen, so aber auf eine verhältnißmäßig, gegen den Andrang nur geringe Macht beschränkt, sah er sich genöthigt, wo möglich, auf dem Wege der Vermittlung, jedem Zusammenstoße der beiden Parteien vorzubeugen, und seine schwierige Aufgabe ehrenvoll zu lösen. Angesichts seiner Escadron, die noch immer mit jenem, dem erprobten Krieger eigenen Phlegma, die geladenen Pistolen in der Hand, gleich einer Anzahl neben einander gereihten Statuen dastand, erklärte er der Bürgercompagnie, das er von den Ständen den Befehl erhalten habe, das Gefängniß, so wie den Platz vor demselben zu bewachen.

»Warum einen solchen Befehl? wozu das Gefängniß bewachen?« riefen die Orangisten einstimmig.

»Ihr verlangt da viel zu wissen,« erwiderte Tilly, dessen Züge ihren heitern, spöttischen Ausdruck behielten. »Ihr verlangt da etwas zu wissen, was ich selbst nicht weiß. Ich erhielt den Befehl, das Gefängniß zu bewachen, und befolge ihn nun auch, ohne mir den Kopf darüber zu zerbrechen, warum es geschieht?«

»Wir wissen aber, daß Ihr diesen Befehl erhieltet, um den Verräthern sicher aus der Stadt zu helfen.«

»Das ist wohl möglich, da ich in Erfahrung brachte, daß die Verräther nur zur Verbannung verurtheilt sind.«

»Aber wer hat Euch diesen Befehl gegeben?«

»Von den Ständen erhielt ich ihn, um Eure Neugierde ganz zu befriedigen.«

»Die Stände sind Verräther!«

»Das kann sein, ich weiß es nicht, das mußt Ihr Ebenfalls besser wissen.«

»Aber Ihr verrathet uns auch!«

»Ich?«

»Ja, Ihr.«

»Die Sache wird immer possirlicher. Meine Herren, verständigen wir uns? Es handelt sich darum, zu beweisen, wen ich eigentlich verrathe? Die Stände! das ist wo unmöglich, denn ich stehe in ihrem Dienste und Solde, und bemühe mich gerade in diesem Augenblicke, dem durch sie erhaltenen Befehle pünktlich nachzukommen.«

Diese Beweisführung, gegen die sich auch nicht die kleinste Einwendung vorbringen ließ, erbitterte die Menge, die nun einsah, auf keine Art den Soldaten los werden zu können, so sehr, daß sie die ganze Wucht ihrer Drohungen und Schimpfnamen gegen den Grafen wälzte, der aber noch immer unverändert, einer aus Erz gegossenen Figur ähnlich, all’ diesen Gemeinheiten, Kälte und Ruhe, mit einer sarkastischen Höflichkeit in Verbindung, entgegensetzte.

»Nun, meine Herren,« begann der Graf nach einer Pause, in welcher die Kehlen der größten Schreier, den an sie gerichteten Forderungen nicht mehr entsprechen wollten, »folgt einem neuen, guten Rath, den ich Euch hier aus väterlicher Vorsorge mittheile. Habt die besondere Gefälligkeit, und entlade Euere Gewehre denn es könnte eines oder das andere, ohne irgend einer bösen Absicht, ganz aus Laune und Zufall, losgehe, und einen meiner Soldaten verwunden. Dann bliebe aber auch mir nichts anderes übrig, als durch einen einzigen Wink, einigen Hunderten von Euch, den Weg zur Ewigkeit abzukürzen, was mir sehr unlieb wäre, umso mehr, da ich voraussetze, daß es nicht in Euerer Absicht liegt, mich zu beleidigen.

»Versucht es nur,« schrien die Bürger, »dann geben wir unverzüglich Feuer.«

»Auch das will ich glauben, und wenn wir noch lange hin- und her reden, werden wir gegenseitig zur Ueberzeugung kommen, daß Ihr im äußersten Falle mich und meine Leute umbringen könnt, dadurch aber keineswegs Euere Todten, deren Zahl nicht so gering sein dürfte, wieder lebendig werden.«

»Entfernt Euch also von dem Platze, überlaßt uns denselben, und beweist dadurch, daß Ihr selbst ein guter, achtbarer Bürger seid!«

»Halt, meine Herrn, da gibt es einige Widersprüche, erstens bin ich kein Bürger, sondern Officier, wie Ihr es bemerken könnt, wenn Ihr Eure Augen ein wenig besser öffnet, und schon das ist an und für sich ein gewaltiger Unterschied, und zweitens bin ich kein Holländer, sondern ein Franzose, was die Differenz noch um ein Bedeutendes erhöht. Ich erkenne demnach hier auch nur die Stände, und gehorche Ihrem Befehle allein. Wollt Ihr also durchaus, daß ich mich entferne, so bringt mir den von ihnen ausgefertigten Befehl, der mir sehr angenehm sein würde, da ich mich schon zu langweilen anfange.«

Ein donnerndes »Ja,«beantwortete diese ironische Anrede, und gleich darauf stürzte die ganze wogende Menge, die bisher so beharrlich nach der Occupation eines ihr streitig gemachten Terrains strebte, mit dem Rufe »Nach dem Ständehaus! Zu den Deputirten!« durch die zunächst gelegenen Straßen fort.

»So, endlich einmal,« lachte Tilly laut auf, indem er der unabsehbaren Menge verächtlich nachblickte:

»Gebt nur, meine wackeren Freunde, bewerbt Euch um eine unerhörte Niederträchtigkeit. Das Ständehaus wird ohnedies schon warten, wenigstens habe ich Luft, und bis Ihr wieder kommt, hoffe ich die Sache in’s Reine gebracht zu haben.«

Der Capitän rechnete mit voller Bestimmtheit auf die Ehrbarkeit der Magistratspersonen, während jene, und dieß mit größerer Gewißheit, dem Muthe und der Ehre eines Officiers die Lösung einer äußerst schwierigen Aufgabe überlassen zu wollen schienen.

»Capitän,« sagte der erste Lieutenant zum Grafen, als dieser so eben geendet, »Ihr verläßt Euch auf die Würde und Ehrenhaftigkeit der Stände, während diese uns gänzlich verlassen, denn sonst hätten sie, von der uns drohenden Gefahr gewiß unterrichtet, auch einige Unterstützungen hierher beordern können.«

Während der kurzen Zeit, als diese Vorfälle sich auf dem Platze ereigneten, war Johann von Witt an der Kerkerthüre seines Bruders angekommen. Gryphus öffnete dieselbe, ließ ihn eintreten, und entfernte sich sodann.

Hierin einem dumpfen, öden, von Moder erfüllten, und nur durch ein kleines, schmutziges Fenster erleuchteten Gemäche, lag Cornelius, der Wohlthäter seiner Mitbürger, der Vater des Volkes, mit zerbrochenen, ausgerenkten Gliedern, mit verbrannten und zerquetschten Fingern.

Er hatte die Qualen der Vorbereitungsfolter kühn und ruhig überstanden, das inzwischen erschienene Verbannungsurtheil verhinderte die Anwendung der außerordentlichen Tortour.«

In diesem düstern, widrig riechenden Raume, blaß dem Tode ähnlich, und doch in dem männlich kühnen Antlitze, dem Spiegel der hohen kräftigen Seele, das freundlich milde Lächeln des Märtyrers, den geistigen Blick auf das offen vor ihm liegende himmlische Jenseits gerichtet, ganz emporgehoben aus dem Schlamme der niedern Welt, seinen kräftigen Körper nicht gebeugt, so ihn zu sehen, seine erbittertsten Feinde hätten gedemüthigt, niedergeschlagen vor diesem Heros, zurückweichen müssen. Die ungeheuere, nur den höchsten menschlichen Bildungen eigene Willenskraft, die auch eine der hervorragenden Eigenschaften des Gefangenen bildete, hatte die ganze frühere Stärke seines Körpers, wieder zurückgeführt, und jetzt, wo er bereits von dem Verbannungsurtheile unterrichtet, abermals eine Zukunft vor sich sah, jetzt wo die düstere Ahnung eines gewissen und nahen Todes, langsam vor seiner Seele schwand, beschäftigte ihn nur der Gedanke an eine baldige Freiheit, an die Mittel und Wege, durch die er den gegen ihn vorherrschenden Verdacht beseitigen, und auch in der Folge ein Freund und Wohlthäter seiner undankbaren Mitbürger werden konnte. Und gerade in diesem seeligen, so majestätischen Augenblicke, wüthete draußen die Menge, welcher der Unschuldige, noch in den Stunden seiner schmerzhaften, körperlichen Leiden, sein ganzes edles Herz gewidmet, tobte gegen seine Beschützer, verlangte Mord und Blut. – Und das wüthende Geschrei stieg gleich einer furchtbaren Woge empor, und drang bis zu dem Gefangenen.

So drohend und gewaltig sich auch dieser Lärm gestaltete, Cornelius ließ ihn unbeachtet vorübergehen. Er nahm sich nicht einmal die Mühe, an das kleine Gitterfenster, das ihm eine, wenn gleich nur beschränkte Aussicht über den vorliegenden Platz gestattete, zu treten. Nur sein Herz und seine Seele waren in Thätigkeit, beide fühlten so hoch und so seelig, beide schienen beinahe der sie umgebenden Materie entrückt, in geistige Anschauung vertieft, einer bessern Welt anzugehören. – Und zwischen diesen himmlischen Träumen durchzuckte ihn mit einem Male ein irdischer Gedanke; es war die Erinnerung an seinen Bruder.

Aber wie mit einem Schlage öffnete sich zugleich die Thüre seines Kerkers, und der, dessen Bild so eben erst in der Seele des Träumenden auftauchte, stand vor ihm. Cornelius staunte, er traute anfänglich seinen Sinnen nicht. Jene harmonische Verbindung, zwischen gleichgesinntem wahlverwandten Wesen, jenen mächtigen Vorahnungen, die in der forschenden Seele ein Bild der nahen Zukunft enthüllen, jene magnetische Kraft, durch welche die Natur so oft die wunderbarsten Erscheinungen hervorruft, war ihm unbekannt; er betrachtetes die Ankunft seines Bruders, als den Willen einer gütigen Vorsehung, und ihn selbst als den rettenden Genius seines Lebens.

Johann war rasch an das Lager des Gefangenen getreten, der ihm seine noch verbundenen Glieder entgegenstreckte. Aber ihn blos auf die Stirne küssend, legte er die wunden Arme wieder sanft auf die Matratze, und sein thränenfeuchter Blick ruhte auf dem Unglücklichen, der ihm sonst gleichgestellt, nur dem Hasse der Holländer den Vorrang abgewonnen hatte.

»Cornelius, mein armer Bruder,« sprach er dann: »Du leidest schwer und viel?«

»Nein mein Bruder, gar nichts mehr, ich habe ja Dich bei mir.«

»Ach mein armer, armer Cornelius, kannst Du die Qualen ermessen, die ich bei Deinem Anblicke erdulde; Dich so finden zu müssen!«

»Auch ich dachte unaufhörlich an Dich. Ich wußte Dich ja denselben Verfolgungen wie mich selbst ausgesetzt, und während ich kalt und ruhig die Qualen der Folter erlitt, entrang sich bei dem Gedanken, Dich eben so leidend zu wissen, ein einziger Seufzer meiner Brust und der war Dir gewidmet. Aber nun bist Du da, nun ist alles vergessen. Du kommst gewiß, um mich abzuholen, nicht wahr?«

»Ja.«

»Nun so helfe mir nur aufstehen, ich bin schon wieder ganz gut, und kräftig, Du sollst Dich wundern, wie ich rüstig ausschreiten kann.«

»Nein Bruder, Du wirst und darfst auch nicht weit gehen, Meine Kutsche steht unten am Teiche hinter Tilly’s Pistolenschützen.«

»Tilly? Tillys Pistolenschützen? warum sind die am Teiche aufgestellt?«

– »Du fragst darnach« erwiderte der Großpensionär mit dem ihm zur Gewohnheit gewordenen trüben Lächeln: »Nun, Haag hat unsere Abreise erfahren, und dessen biedere Einwohner beeilen sich nunmehr, uns das Geleite zu geben, ob dieß aber ganz ruhig ablaufen werde, ob kein Tumult —«

»Tumult!« wiederholte Cornelius, sein forschendes Auge auf den Bruder heftend.

»Tumult?«

»Ja, mein Bruder!«

»Also das war jener tobende Lärm, den ich hörtet und nach einer längeren Pause wendete er sich wieder an Johannes.

»Die Menschenmenge, die den Buytenhoff umgibt, ist wohl groß?«

»Seht groß!«

»Aber wie kamst Du hierher?«

»Nun —«

»Ließ man Dich denn ungehindert durchpassieren?«

»Das nicht. Es ist Dir nicht unbekannt, daß wir vom Volke gehaßt werden,« setzte der Großpensionär, mit unverkennbarer Bitterkeit hinzu, »Ich mußte Seitenwege einschlagen.«

»Du mußtest Dich verbergen, Du Johann?«

»Ich beabsichtigte so schnell als möglich zu Dir zu gelangen, und that daher das, was man in der Politik, so wie auf dem Meere gerne zu befolgen pflegt: Ich lavirte.«

Gerade in diesem Augenblicke ertönte das Geschrei der wüthenden und tobenden Menge mit neuer Heftigkeit.«

»Hörst Du,« versetzte Cornelius, »Hörst Du sie?«

»Es freut mich unendlich, in Dir einen so guten und ausgezeichneten Piloten zu finden, ob Du mich aber aus dem Buytenhoff hinaus, durch die tobende Menschenwoogen und Volksklippen eben so glücklich bugsiren wirst, wie Du die Flotte von Tromp nach Antwerpen mitten durch die Untiefen der Scheide geführt hast, das weiß ich nicht.«

»Mit der Hilfe des Allmächtigen, werden wir es wenigstens versuchen,« erwiderte Johann, »doch früher noch ein Wort«

»Nun!«

Das Geschrei und der Lärm ertönte mit neuer Wuth.

»So, so,« setzte Cornelius fort, »sind den diese Leute in einer solchen Wuth? gilt dieser tobende Lärm uns? gilt er mir?«

»Er gilt uns Beiden, mein armer Bruder. Wie ich es Dir bereits öfter erwähnte, steht unter den plumpen Verleumdungen, die man gegen uns erhebt, die Unterhandlung mit Frankreich oben an.«

»Die Erbärmlichen!«

»Wohl nur erbärmlich, und dennoch ist dies in den Augen des wenig denkenden Volkes der furchtbarste Punkt der Anklage.«

»Und wenn diese Unterhandlungen, wie es anfangs, den Anschein hatte, glückten, dann wären die Niederlagen, vom Rees Orsay, Wesel und Rheinberg nicht erfolgt, der Uebergang über den Rhein wäre unterblieben, und das durch seine Kanäle und Sümpfe unbesiegbare Holland, stände noch immer frei und mächtig da.«

»Du hast unzweifelbar recht, aber was gerade in dem gegenwärtigen Augenblicke, dieses im Volke künstlich genährte Vorurtheil um ein Bedeutendes unterstützen, und zu dem Ausbruche der höchsten Wuth treiben würde, das ist unsere letzte Correspondenz mit dem Marquis de Louvois. Wenn diese vor unserer Entfernung noch entdeckt würde, wäre ich als der kühnste und beste Pilot der alten Welt nicht im Stande, den zerbrechlichen Kahn, der uns und unser Glück in Sicherheit bringen soll, zu retten.«

»Das hatte ich bisher noch nicht überlegt. Ich sehe nur zu deutlich die Wahrheit Deiner Mittheilung ein. Eben jene Correspondenz, die in den Augen rechtlicher Menschen als ein Beweis vorliegen würde, was wir, beseelt von Vaterlandsliebe, dem eigenen Interesse zu opfern bereit waren, böte den Orangisten durch falsche Deutungen genügende Quellen, uns auf das Schaffot zu führen.«

»Aber darum hoffe ich, Cornelius, und dies mit voller Gewißheit, daß jene Briefe von Dir verbrannt worden.«

»Nein, Bruder!« erwiderte Cornelius mit strahlendem Antlitz. »Eben diese Correspondenz mit dem Marquis de Louvois beweist, daß Du der größte, edelste und uneigennützigste Mann der vereinigten Provinzen bist. Ich liebe den Ruhm meines großen, schönen Vaterlandes unendlich, aber nie werde ich seinen undankbaren Bewohnern den Ruhm eines so hohen, edlen Mannes, meines Bruders, opfern; und darum hüthete ich mich wohl, diese Correspondenz zu verbrennen.«

»Dann habe ich für dieses Leben keine Hoffnung mehr,« unterbrach der Ex-Großpensionär seinen Bruder, mit kalter Ruhe gegen das Fenster schreitend. ’

»Nein, Johann, wir sind nicht verloren; wir werden unser Leben retten, und die Gunst des Volkes wieder gewinnen.«

»Was machtest Du also mit den Briefen i«

»Ich vertraute sie Cornelius van Baerle, meinem Taufkinde an. Du kennst ihn, er wohnt zu Dortrecht.«

»Der arme Knabe, der liebe, schuldlose Kleine. Er, der nur an alles Seltene denkt, er, der sein Leben der Erziehung der Blumen widmete, der nur mit ihnen und durch sie mit Gott spricht, er ist durch dieses tödtliche Unterpfand, mit dem Du ihn belastet, verloren. Nichts, nichts rettet ihn mehr!«

»Verloren —«

»Unwiderruflich. Er ist entweder stark oder schwach. Ist er stark, so wird er, sobald ihm das uns betroffene Unglück zu Ohren kommt, sich unser rühmen; ist er schwach, dann wird er, in der Erinnerung an unser vertrautes, näheres Verhältniß, erzittern und beben. Ist er stark, so säumt er gewiß auch nicht, das ihm anvertraute Geheimniß als eine Grundlage seines eigenen dadurch erhobenen Stolzes auszustreuen; ist er schwach, so wird er sich dasselbe durch List und Gewandtheit entreißen lassen. In jedem Falle ist er verloren, und wir mit ihm. Bruder, laß uns eilen, fliehen, so schnell als möglich, bevor es noch zu spät wird.«

Cornelius erhob sich; während dieser Worte langsam von seinem Lager, und die verbundene Hand auf den Arm seines Bruders stützend, der bei dieser Berührung bebte, sprach er:

»Glaubst Du, ich kenne den van Baerle nicht. Meinst Du, es sei mir gleichgültig gewesen, nicht einen tiefen Blick in diese ernste, forschende Seele zu machen? Du fragst ob er stark, ob er schwach sei. – Nein, er ist keines von Beiden. – Aber er besitzt ein Geheimniß, das er selbst nicht kennt, er wird es nie verrathen, er wird weder sich noch uns verderben«

Johann wendete sich überrascht nach der entgegengesetzten Seite.

»O!« fuhr Cornelius in seiner durch diese unerwartete Bewegung unterbrochenen Rede fort. »Meinst: Du, der Ruart de Pulten sei ein so gewöhnlicher Tagespolitiker? Nein, er ist in Deiner Schule gebildet, er wußte recht wohl, daß Baerle weder den Werths mich die eigentliche Beschaffenheit des ihm anvertrauten Gutes kennen dürfe; und hier wiederhole ich es Dir! nochmals, er kennt sie nicht.«

»Dann laß uns rasch und ohne Zeitverlust handeln. Schicke ihm augenblicklich den Befehl zu, den ganzen Pack ohne weiteres Zögern zu verbrennen.«

»Wer wird ihm diesen Auftrag überbringen?«

»Mein Diener Craecke, der mich bis hierher zu»Pferde begleitete, und den ich in der Absicht mitgenommen hatte, Dich bei unserer Flucht über die große steinerne Treppe zu leiten.«

»Ueberlege es wohl, Johann, bevor diese ruhmvolle Urkunde verbrannt ist?««

»Ich überlegte vor Allem, mein armer Bruder, daß wir unser Leben vertheidigen und retten müssen, um es zu unserer Rechtfertigung benützen zu können; Wer würde dies nach dem Tode der Brüder Witt thun? Wer unter dieser Masse hat uns verstanden?«

»Du meinst also fest und sicher, daß diese Schrift unsern Tod herbeiführen würde?«

Johann erwiderte kein Wort. Mit einer eisig kalten Ruhe streckte er bloß den rechten Arm gegen das Fenster des Kerkers, durch welches das immer mächtiger werdende Getöse ertönte.

»Ich höre wohl dies Geschrei,« sprach Cornelius erstaunt, »aber noch immer kann ich ihm die bereits ein Mal erwähnte Deutung nicht geben.«

Johann öffnete blos das Fenster.

»Tod und Verderben den Verrätern!« wüthete der Pöbel.

»Verstehst Du es nun, Cornelius?«

»Wir sind die Verräter?« fragte der Gefangene, seinen Blick stolz emporrichtend, indem er diese Bewegung durch ein gleichgültiges Achselzucken begleitete.

»Ja wir sind es,« antwortete Johann ebenso.

»Wo ist Dein Diener?«

»Ich glaube er steht vor der Thüre.«

»Laß ihn eintreten!«

Johann öffnete, und wirklich saß Craecke auf der Thürschwelle.

»Komm Craecke, und gebe genau Acht, was Dir mein Bruder auftragen wird.«

»Nein, Johann, es genügt nicht, diesen Auftrag mündlich zu ertheilen, ich werde schreiben müssen.«

»Warum schreiben?«

»Weil van Baerle das anvertraute Gut ohne schriftlichen, und zwar von meiner Hand gefertigten Auftrag, weder ausliefern noch verbrennen wird.«

»Du kannst aber nicht schreiben, mein armer Bruder,« bemerkte Johann, dessen Blick auf die verbrannten und zerquetschten Finger des Unglücklichen fiel.«

»Wenn ich nur das nöthige Material hatte, ich wollte dennoch schreiben.«

»Hier, ich habe einen Bleistift.«

»Hast Du auch Papier? mir ließ man keines.«

Ich habe auch keines. Aber hier aus dieser Bibel nimm das erste Blatt heraus.«

»Gut.«

»Deine Schrift dürfte aber unleserlich sein.«

»Ueberzeuge Dich vorerst,« versetzte Cornelius, einen ernsten Blick auf seinen Bruder heftend. »Sieh diese Finger, die dem Zunder des Henkers widerstanden, sie werden Leben und Gelenkigkeit erhalten, sie werden schreiben, lerne zugleich jenen eisernen Willen kennen, der mich gefühllos für alle Leiden machte, und der den, Fingern eben jetzt gebietet.«

Und Cornelius nahm den Bleistift, und schrieb. Aber unter dem weißen Verbande drangen Blutstropfen hervor. Der Druck der Finger auf den Bleistift, hatte die nur leicht vernarbten Wunden wieder aufgerissen. "’

Die Schleifen des Ex-Großpensionärs bedeckten sich mit Schweiß.

Der Ruart schrieb: »

»Mein theurer Pathe! Das Packet, das ich Dir zur Aufbewahrung übergeben habe, verbrenne gleich nach Erhalt dieser Zeilen, ohne es zu sehen, zu öffnen, oder je nach seinem Inhalte zu forschen. Geheimnisse, wie die darin enthaltenen, bringen den Tod. In das Feuer mit ihnen, und Johann und Cornelius sind gerettet. – Ich umarme Dich – Bleibe auch Du mir stets gut.«



    Den 20. August 1672.
    Cornelius von Witt.

In Johannes Augen perlten reiche Thränen, er trocknete einen Blutstropfen ab, der während des Schreibens auf das Papier gefallen, und übergab sodann das Schreiben, sobald dieses gefaltet war, seinem Diener, mit der Empfehlung der äußersten Sorgfalt. Die ungeheuere Anstrengung, und der damit verbundene Schmerz, hatten Cornelius zu sehr ergriffen, er war einer Ohnmacht nahe.

Johann rührte sich nicht von seiner Seite.

»Wenn der treue Craecke,« sprach er, »an dem andern Ufer des Teiches angelangt, als alter Hochbootsmann seinen Pfiff wird ertönen lassen, dann sind wir gerettet, und wollen auch unsern Weg antreten.

Noch waren fünf Minuten nicht verstrichen, als ein gellender, lang gedehnter Pfiff nach Seemannsweise über den Teich herüber, durch die denselben beschattenden Ulmen, in den Buytenhoff drang. Die Brüder hoben dankend die Arme gegen den Himmel.

»Wir sind gerettet,« sprachen sie, und eine unbeschreiblich himmlische Wonne, eine strahlende Glorie erhellte die edlen, schönen Züge dieser großherzigen in ihrem bittersten Unglücke kühn und aufrecht dastehenden Männer




III.

Der Zögling des Ex-Großpensionärs


In der Zeit wo das Geheul der wüthenden, vor dem Buytenhoff versammelten, und zum höchsten Fanatismus angestachelten Menge immer lauter und starker ertönte, hatte sich eine in der Eile zusammengesetzte Bürgerdeputation, von einem großen Volkshaufen begleitet, nach dem Ständehaus begeben, um von den dort anwesenden Deputirten einen schriftlichen Befehl zum Abmarsche der Tilly’schen Reiterschaar zu erhalten.

Zwischen dem Buytenhoff und dem Hoogstreet, ebenfalls einer Art breiten Straße, die von einander nicht weit entfernt sind, sah man seit Beginn dieses Auftrittes einen jungen Mann, der allen Einzelheiten desselben mit einer unverkennbaren Neugierde folgte, und sich auch der nach dem Ständehause eilenden Menge anschloß, gleichsam, als liege es in seiner Absicht, schneller das Endresultat dieser neuen Unternehmung zu erfahren.

Dieser Mann, den wir selbst noch nicht kennen, war sehr jung. Er mochte 20 bis 22 Jahre zählen. Sein blasses, mehr gebleichtes Gesicht, die matten Augen, die zarte Constitution, verriethen wohl das Mitglied irgend einer höhern Familie, beurkundeten aber zugleich ein Wesen, ohne Muth und Energie. Zu dem mußte es in seiner Absicht liegen, wo möglich unerkannt;zu bleiben, denn unaufhörlich bedeckte er das Gesicht mit einem frischen Tuche, gleichsam als wolle er sich die Lippen oder den Schweiß abtrocknen.

Aber das anscheinend matte, tief liegende Auge, gewährte nach näherer Beobachtung die Ueberzeugung, daß es, von irgend einer Idee ergriffen, eben so gut einen durchdringend feurigen Blick, gleich den eines Adlers, erzeugen konnte, so wie auch der auffallend kleine und gespitzte Mund, über den sich eine lange gebogene Nase wölbte, dem Antlitze einen seltenen, im ersten Augenblicke aber, mehr abstoßenden Reiz verlieh. So gestaltet hätte dieser Kopf für die Studien Lavater’s das schönste Exemplar nämlich eines derjenigen geliefert, wo die Natur gleichsam dem menschlichen Wissen zum Hohne, den vollendeten, edelsten Gebilden, die erbärmlichsten Eigenschaften verleiht.

Eine Frage der Alten findet hier ihren geeigneten Platz. Welcher Unterschied besteht zwischen einem Eroberer und einem Seeräuber? Ganz derselbe, den man zwischen einem Geier und Adler beobachten kann.

Beide sind Raubvögel, der eine mit Ernst und Ueberlegung, der andere mit Unruhe und Leidenschaft.

Und so trug auch hier, diese bleifarbene Physiognomie, dieser matte, zitternde Schritt, diese schmächtigen, unter der Last des Oberleibes beinahe zusammenbrechenden Füße, dieser bald matte, bald forschende und feurige Blick, ganz das Gepräge jener Gesellschaft, die es sich im Leben zur Hauptaufgabe gemacht, jede, auch die kleinste Handlung der Nebenmenschen zu erspähen, und ihr vor dem Gesetze sodann die dem eigenen Vortheile zunächst liegende Deutung zugeben. Noch mehr wurde man in dieser Voraussetzung bestärkt, wenn man die beinahe ängstliche Sorgfalt des jungen Mannes bemerkte, mit welcher er sein Gesicht der Umgebung zu verbergen suchte. Uebrigens war er äußerst einfach gekleidet, trug weder eine sichtbare Waffe, noch sonst etwas Auffallendes an sich, und stützte seine zarte, weiße Hand, an der man genau jede Ader beobachten konnte, auf die Schultern eines Officiers, der ihm nicht von der Seite weichend, nun eben so den Weg nach dem Hoogstreet einschlug, sein klares offenes Auge mit einem leicht erkennbaren Interesse, der sich vor Beiden dahinwälzenden Volksmasse zuwendend.

Aus dem Hoogstreet angelangt, beeilte sich der blaße, gebrechliche Mann, ein in einer Ecke gelegenes und offen stehendes Fenster zu erreichen, das dem Hause der Deputirten gerade gegenüber lag, und zugleich durch ein weit herabgehendes Schirmdach eine Art Versteck bildete.

Das Volk hatte unterdessen sein Geschrei mit neuer Kraft und Wuth begonnen. Kurze Zeit nachdem es vor dem Ständehause angelangt war, das Erscheinen eines Deputirten fordernd, öffnete sich auch die Thüre des über dem Hauptportale angebrachten Balkons, und ein alter, durch sein graues Haar so wie den Ernst und Adel seiner Züge ehrwürdig aussehender Mann trat hervor.

»Wer ist der Mann, der dort erscheint?« fragte der junge Mann seinen Begleiter, das mit einem Male aufflammende Auge nach dem Balkon richtend, an dessen Geländer sich der zitternde Greis festzuhalten schien.

»Es ist der Deputirte Bowell,« erwiderte der Officier, ohne den Blick abzuwenden.

»Bowell! und was für ein Mann ist dieser Bowell? Kennt Ihr ihn.«

»Persönlich nicht. Aber so viel ich hörte, ist er ein sehr braver Mann.«

Allein dem jungen Manne schien diese Anpreisung durchaus nicht zu behagen, denn eine Bewegung, die auffallend Mißmuth und Unwillen beurkundete, ließ den Officier erkennen, daß er irgend einen unangenehmen Eindruck hervorgerufen habe, und er beeilte sich daher unverzüglich hinzuzusetzen:

»Ich wiederhole nochmals, daß ich nur vom Hörensagen urtheile, denn persönlich habe ich, wie bereits erwähnt, mit Herrn von Bowell noch nichts verhandelt, und kenne ihn daher auch gar nicht weiter, gnädigster Herr.«

»Braver, sehr braver Mann!« wiederholte der Blasse, der so eben den Titel, gnädigster Herr, erhalten »Wie meint Ihr das, mein Freund, ein Mann, ein brav ist? oder ein Mann von Bravour?«

»Gnädigster Herr, Ihr werdet vergeben, ich wage es nie, einen derartigen Unterschied bei einem Menschen zu machen, den ich, wie ich es nochmals wiederhole, nur dem Reden nach kenne.«

»Es wird sich ja ohne dieß zeigen, murmelte der junge Mann zwischen den Zähnen. »Wir werden es ja sehen, warten wir nur ein wenig.«

Der Officier stimmte durch ein Kopfnicken bejahend bei, und schwieg.

»Wenn dieser Bowell, wie Ihr sagtet,« fuhr der Blasse fort, »ein braver Mann ist, so wird er die an ihm gestellte Forderung des Volkes, wahrscheinlich sehr ernst aufnehmen«

Und eine heftige Bewegung seiner Hand, dann ein mechanisches, gedankenloses Trommeln auf der Schulter seines Gefährten, verrieth deutlich die ungestümen Regungen, eines durch die mehr todte, körperliche Hülle kaum zu ahnenden starken Geistes, dessen nunmehr auf das höchste gesteigerte Erwartung sich instinktmäßig durch die volle Thätigkeit eines Gliedes Luft zu machen suchte.

In diesem Augenblicke, stellte der Führer der Bürgerdeputation an Bowell die Frage, wo die Deputirten wären.

»Meine Herren l« sagte Bowell, indem er sich bemühte seiner Stimme so viel Kraft zu geben, daß sie von der ganzen versammelten Menge gehört werden konnte. »Ich habe Euch bereits ein Mal gesagt, und wiederhole es hier, daß außer mir nur noch Herr von Asperen anwesend ist, und ich für meine Person, in dieser Angelegenheit keine Entscheidung geben kann.«

»Den Befehlt den Befehl! wollen und müssen wir haben,« schrien mehr als 1000 Stimmen.

Herr Bowell bemühte sich nochmals zu sprechen, aber das tobende Geschrei, der immer wachsenden Menge übertönte seine Worte, und selbst seiner unmittelbaren Nähe nicht mehr verständlich, konnte man nur aus seinen Mienen und Geberden die Beibehaltung des ein Mal ausgesprochenen Entschlusses entnehmen. Aber da auch diese Bemühung wenig, ja beinahe gar Nichts zur Verständigung und Beruhigung der erhitzten Gemüther beitrug, trat er endlich an das offene Fenster, und rief Herrn von Asperen heraus.

Dieser erschien auch unverzüglich, und wurde von Seite des Volkes mit einem Beifallssturme empfangen, derjenen, den man Herrn Bowell bei dessen ersten Auftreten ebenfalls gespendet hatte, noch weit übertraf. Auch er übernahm die schwierige Aufgabe, das Volk zu beschwichtigen, ihm die Ungerechtigkeit seines Verlangens, und die Unmöglichkeit dasselbe zu realisiren, darstellend, und zugleich auf die in diesem Falle einzig zu verfolgende Richtschnur, die gesetzliche Basis hinzuweisen.

Dieser ergreifenden, kühnen, einer so nahe liegenden Gefahr gegenüber, auch heroischen Rede, wurde, von Seite derer, an die sie gerichtet war, nicht nur kein Gehör geschenkt, sondern die Masse nahm vielmehr zu einem in solchen Gelegenheiten untrüglichen Mittel, zur Gewalt ihre Zuflucht. In wenigen Minuten war die städtische Wache, eher ein Quodlibet lächerlicher, bemitleidenswerther Carrikaturen, als der Schutz des Ständehauses, entwaffnet, und nunmehr wälzte sich einem reißenden Strome gleich, der ganze Haufe in die geöffneteten Thore, wie ein Ungethüm, das in den Eingeweiden seines gefallenen Opfers zu wühlen sucht.

Auch der Blasse hatte diese Bewegungen mit der gleichen, regen Neugierde verfolgt, und zu derselben Zeit, wo sich die Thore öffneten, stieß er seinen Begleiter am Arme:

»Gehen wir Oberst, allem Anscheine nach, werden die Berathungen nunmehr im Ständehause selbst abgehalten, und es interessirt mich ungemein, denselben beizuwohnen.«

»Eure Hoheit werden sich doch keiner solchen Gefahr aussetzen?«

»Gefahr, wie, und von wem?«

»Unter den Deputirten befinden sich viele, die mit Euer Hoheit im persönlichen Verkehr standen, und ein oder der Andere dürfte Höchst dieselben wahrscheinlich erkennen.«

»Richtig, um den Leuten sodann weiß zu machen, daß ich der Gründer dieser ganzen Bewegung sei.«

Und die bisher so bleichen Wangen des jungen Mannes, überfluthete eine auffallende Röthe, der deutlichste Beweis seiner innern Aufregung und des Unwillens, mit dem er die noch zweifelhafte Entscheidung erwartete. Aber sich augenblicklich wieder sammelnd, setzte er seine unterbrochene Rede fort:

»Ja, Ihr habt recht, Oberst, wir können hier den Ausgang ganz ruhig abwarten, und sodann beurtheilen, ob Bowell ein braver Mann, oder ein Mann von Bravour ist.«

»Aber,« versetzte der Oberst, sein offenes Auge forschend auf denjenigen richtend, den er so eben Hoheit genannt hatte. »Gnädigster Herr, Ihr werdet doch nicht glauben, daß man dem Wunsche des Volkes nachkommen kann.«

»Warum nichts« fragte der Bleiche kalt.

»Weil das eben so viel hieße, als das Todesurtheil für Cornelius und Johann von Witt zu unterzeichnen.«

»Wir werden es ja bald sehen. – Nur eine höhere Macht weiß, was in den Herzen der Menschen vorgeht, sie gebietet denselben im entscheidenden Augenblicke zu handeln.«

Der Oberst erblaßte, sein forschendes Auge ruhte noch immer unverwandt auf dem jungen Manne.

Er stand ruhig und kalt da, auf alles gefaßt. In seinem schönen, männlichen Gesichte, drückte sich Ernst, Ruhe und Hoffnung deutlich aus. Er war ein braver Mann, und zugleich ein Mann von Bravour.

An dem Orte, wo die Beiden standen, konnte man Anfangs deutlich das Gerassel, der über die Stiege, in die oberen Stockwerke dringenden Volksmenge hören.

Kurz darauf drang der Lärm, durch die offen gebliebenen Thüren und Fenstern des Berathungssaales, auf die Straße herab.

»Herr von Bowell und von Asperen, hatten sich in denselben zurückgezogen, wohl einsehend, daß sie auf dem kleinen Raume, der so ungeheuer vordrängenden Menge, keinen Widerstand leisten, und in Gefahr kommen konnten, von den Erbittersten bei längerer Weigerung, über das Geländer herabgestürzt zu werden.

Hierauf sah man eben durch diese Oeffnung bald einzelne Gestalten, bald die bloßen Gliedmaßen derselben. Der Berathungssaal hatte sich in wenigen Minuten ganz gefüllt.

Plötzlich trat eine unbeschreibliche, in solchen Augenblicken der allgemeinen Spannung, tödtende Ruhe ein. Es war in diesem Meere aufgeregter, wüthender Leidenschaften, in diesem Kampfe zwischen Gewalt, Menschenrecht und Gesetz nur ein Moment, eine Pause zwischen Leben oder Tod. Dann erhob sich aber ein Geheul, gleich dem Toben des furchtbarsten Orkanes, gleich den Schmerzensrufen einer verwundeten, wilden Bestie, ein Getöse, das das uralte, ehrwürdige Gebäude in seinen Grundfesten erzittern machte.

Ihm folgte dann derselbe erst kurz verschwundene Strom, der, als habe er gleichsam ein zur Fortsetzung seines Laufes unübersteigbares Hindernis getroffen, sich wieder in der frühem Bahn zurückwälzte.

An der Spitze derselben gewahrte man eine über die Menge hervorragenden, starken Mann, dessen Gesicht von teuflischer Freude verzerrt, grinsend lachte.

Es war Tyckelaer.

»Er gehört uns, er gehört uns,« schrie er mit heiserer Stimme, den Rachen mit Schaum bedeckt, und zugleich ein Papier hoch über dem Kopfe schwingend.

Der Obrist erbleichte, seine Muskeln zitterten, seine Hand suchte nach einer Stütze. Das erlöschende Auge auf den Gefährten richtend, murmelte er kaum hörbar mit gebrochener Stimme: »Sie haben den Befehl?«

»Ganz recht,« erwiderte die Hoheit mit unwandelbarer Ruhe und Kälte. »Seht Ihr nun, daß ich im Rechte bin, ich hatte bereits entschieden: Bowell ist weder ein braver Mann, noch ist er ein Mann von Bravour. Aber laßt uns nicht länger auf diesem Platze verweilen Oberst, kommt schnell nach dem Buytenhoff hin, ich glaube, wir werden dort ein seltenes Schauspiel erleben.« Und zugleich setzte sich der Blasse mit einer Eile in Bewegung, die ihm den Anschein gab, als beabsichtige er, die bereits auf eine große Strecke entfernte Menge noch zu überholen. Der Obrist blieb einer Bildsäule gleich stumm, und folgte mit gesenktem Haupte mechanisch seinem Herrn.

Der Andrang aus dem Buytenhoff wurde nunmehr Ungeheuer. Aber noch immer hielt Tilly mit seinen Reitern, die vorige Position unverändert, mit demselben Glücke und derselben Festigkeit inne.

Der Lärm stieg mit jeder Minute. Aller Augen waren fragend nach dem Hoogstreet gerichtet, von wo bereits einzelne Vorläufer mit einem unendlichen Freudengeschrei herbei eilten.

Bald folgte die ganze unübersehbare Fluth. Ein, buntes Farbenspiel, angenehm für den Beschauer, wenn die ruhige Würde eines Festes dasselbe begleitet, furchtbar, sobald das Blut der Unschuld, die ganze Macht der wildesten Leidenschaften, seinem Pfade folgt.

Tilly, von gleicher Begierde getrieben, vielleicht auch von einer trüben Ahnung erfaßt, hatte sich in dem Steigbügel emporgerichtet, und sein blitzendes Auge in dieselbe Richtung heftend, gewahrte er unter der wachsenden Menge, jenen Mann, der das bereits erwähnte Papier über seinem Haupte schwang.

»Bei allen Teufeln,« rief er dann, indem er seinen Lieutenant auf diese unerwartete Erscheinung ebenfalls aufmerksam machte; »ich glaube gar, die Bestien habenden Befehl.«

»Erbärmliche Schurken,« rief der Angeredete, nunmehr ebenfalls seine Aufmerksamkeit auf jenen Punkt richtend.

Und was der Oberst nicht geahnt, was Tilly für eine Unmöglichkeit gehalten hatte, war wirklich da – der Befehl. —

Die Bürgergarde empfing ihn aus Tyckelaers Händen mit einem unbeschreiblichen Gebrüll. Aber zugleich setzte sich die ganze Masse in Bewegung, und rückte mit gesenkten Waffen gegen die Reiter Tilly’s an.

Der Graf war nicht der Mann, der den Pöbel so leicht über jene Schranken, die ihm unthätig machen konnten, ankommen ließ.

»Halt!« rief er, »halt! daß es keine lebende Seele wagt, einen Schritt weiter vor zu thun. Nur noch die kleinste Bewegung, und ich kommandire zum Angriff.«

»Hier ist der Befehl!« kreischten tausende von Stimmen.

Tilly nahm das ihm dargereichte Papier, warf. einen flüchtigen Blick darauf, und rief dann, während eine lautlose Stille eintrat mit donnernder Stimme:

»Hört mich, Ihr Bürger von Haag, Ihr großartigen und seltenen Staatsbürger! in Euerer Gegenwart, im Angesichte Gottes und der Welt erkläre ich hiermit Diejenigen, die diesen Befehl ausgefertigt und unterschrieben haben, für die eigentlichen Henker und Mörder der Brüder Witt. Ich ließe mir früher eine Hand abnehmen, als daß ich einen einzigen dieser vom Blute triefende Buchstaben niederschreiben würde.«

Dann stieß er mit dem Knopfe seines Degens, den Mann, der das Papier wieder zurücknehmen wollte, so heftig von sich, daß er taumelnd von der Menge, an die er anprallte, aufgefangen wurde.

»Nur einen Augenblick noch, meine werthen Herren, eine solche Schrift ist von der größten Wichtigkeit, sie muß als ein Document der erbärmlichsten und schreiendsten Niederträchtigkeit, sorgfältig für die Nachwelt bewahrt werden.«

Er legte hierauf das Papier bedächtig zusammen, und schob es zwischen die Brust und den Harnisch.

Dann wendete er sein Pferd mit zornentflammten, und vom Blute gerötheten Gesichte gegen seine Leute, und kommandirte laut und hörbar.

»Eskadron! in Reihen Rechts.«

Die Soldaten befolgten mechanisch diesen Befehl, und setzten sich in Bewegung. Noch einmal kehrte Tilly sein edles, schönes Antlitz der Menge zu, noch einmal übersah dieses majestätische, scharfe Auge die unübersehbare, in ihrer frühern Stille verharrende Menge. Dann seinen Zügen, den früheren Ausdruck von Spott und mitleidiger Verachtung gebend, donnerte er nochmals.

Wohl an denn, Ihr edlen kühnen Männer, Ihr Henker aus eigenem Antriebe, auf, und vollführt Euer großes Werk, drücket den Schandfleck der teuflichsten Erbärmlichkeit auf Euere Stirne, daß die Nachwelt scheu vor dem Gezeichneten entfliehe.«

Der Tumult, der dieser beinahe unüberlegten Rede folgte, läßt sich nicht beschreiben, da selbst die Natur in ihren furchtbarsten Kämpfen, demselben nichts Aehnliches entgegensetzen könnte. Wuth und Freude, die beinahe an Wahnsinn grenzte, hatte der Menge in diesem Augenblicke den letzten Rest der Menschlichkeit geraubt, und sie zum Thiere herabgewürdigt.

Tilly’s Abtheilung konnte, durch die Menschenmasse in ihrer freien Bewegung gehemmt, nur langsam vorwärts kommen. Der Graf selbst blieb ganz allein der Letzte. Sein Zorn schien gewichen, mit der ihm eigenen Ironie und Kälte machte er unausgesetzt über den Pöbel und die Bürgergarde seine spöttischen Bemerkungen, zugleich aber die zunächst Vordringenden mit seinem kräftigen Pferde zurückhaltend.

Rosas Ahnungen schienen sich schneller, als man es glauben mochte, zu realisiren —

Auch Johanns Befürchtungen, die er gegen Cornelius geäußert, erhielten eine immer größere Begründung.

Cornelius stieg gerade am Arme seines Bruders über die breite, steinerne Treppe, die in den großen Hof führte, herab.

Unten fanden sie Rosa, die am ganzen Leibe zitterte:

»O, mein Herr,« rief sie, den Ex-Großpensionär bei der Hand fassend, »welches Unglück.«

»Was ist denn geschehen, mein Kind?«

»Ich habe gehört, das Volk sei nach dem Hoogstreet geeilt, um von den Deputirten den Befehl zum Abmarsche der Soldaten des Grafen Tilly zu erzwingen.

»So, – so, – ja, Du hast recht, mein Kind, wenn die Reiterei des Grafen abzieht, dann ist unsere Lage eine sehr traurige.«

»Darf ich vielleicht einen Rath geben, meine Herren.«

»Gib ihn, gutes Kind. Vielleicht spricht die Güte Gottes, die unendliche Gnade der Vorsehung durch Deinen Mund zu uns.«

»Nun denn, so hören Sie. Ich würde nicht durch die Hauptstraße gehen.«

»Nicht durch die Hauptstraße, warum? Ist Tillys Reiterei schon abgezogen?«

»Das gerade nicht. Aber wie lange kann es dauern, daß die wüthenden Leute zurückkommen, ihre Absicht – vollkommen erreicht haben, und für Tilly einen Gegenbefehl bringen.«

»Das ist allem Anscheine nach möglich.«

»Habt Ihr Jemand, der Euch aus der Stadtbringen wird?«

»Nein«

»Nun, da würdet Ihr ja gerade in dem Augenblicke, wo die Reiter Euch verlassen, dem nach eilenden Volke in die Hände fallen.«

»Dann begleitet uns die Bürgerwehr.«

»O! die ist gerade am erbittertsten gegen Euch.«

»Was sollen wir da eigentlich machen.«

»An Euerer Stelle, meine Herren, würde ich mich, statt durch das Hauptthor, durch die Ausfallsthüre entfernen. Diese mündet in eine enge Gasse, die gegenwärtig, wo sich Alles zum Hauptthore drängt, wahrscheinlich leer, und von dein größten Theile ihrer Bewohner verlassen sein dürfte. Von dort aus erreicht Ihr, da Euch Haag bekannt ist, aus Umwegen sehr leicht und ungesehen die Hauptstraße, kurz darauf das Stadtthor, und habt Ihr dieses einmal im Rücken, dann seid Ihr auch geborgen.«

»Aber mein Bruder, der kann nicht gehen.«

»Ich werde es versuchen,« und in Cornelius Antlitze malte sich die ganze Entschlossenheit eines großen, kühnen Mannes.

»Habt Ihr denn keinen Wagen mitgenommen?«

»Wohl nahm ich den meinen mit, aber ich ließ ihm am Teiche, in der Nähe des Hauptthores stehen.«

»O nein,« rief das Mädchen mit unverkennbarer Freude, in die kleinen Hände klatschend. »Auch darauf habe ich gedacht. In der Voraussetzung, daß Euer Diener ein braver Mann sei, befahl ich ihm, mit dem Wagen an der Ausfallsthüre zu warten.«

Der Blick, den die beiden Brüder wechselten, verrieth jene himmlische Empfindung, die in ihrer Seele entstehend, ihnen das ganze, verloren geglaubte Gebiet der Hoffnung wiedergab. Dann wendeten sich beider Augen nach dem reizenden Mädchen, das wie ein rettender Engel, den Unglücklichen den Weg des Heiles zeigen sollte.

»Wird uns Dein Vater aber diese Thüre öffnen?« fragte Johann nach einer kurzen Pause.

»Nein, er wird es auf keinen Fall thun.«

»Was hilft uns dann Dein Rath?«

»Das sollt Ihr gleich erfahren. Ich wußte seine Weigerung schon im voraus, benützte den Augenblick, wo er durch das Fenster mit einem Pistolenschützen vertraulich plauderte, und nahm von seinem Schlüsselbunde ohne Geräusch gerade das, was ich am nothwendigsten brauchte.«

»Du hast also den Schlüssel?«

»Ja, hier ist er!«

»Kind,« sprach Cornelius, unfähig seine Rührung zu verbergen. »Ich bin seit Kurzem arm, ärmer vielleicht als Du es bist, ich besitze Nichts was ich Dir als Dank und Erinnerung für die schöne Handlung, die Du eben vollführst, zurücklassen könnte. Nimm das Einzige, was man mir in der trüben Zeit der Gefangenschaft ließ, meine Bibel, die Du noch in dem kurz verlassenen Kerker finden wirst. Nimm sie hin als den Beweis der tiefsten Empfindung, welche ich mein ganzes Leben hindurch für Dich hegen werde, ihr stelle ich zugleich den Wunsch zur Seite: Sie möge Dir einst Glück und Segen bringen.«

»Ich danke, danke Euch, Cornelius, ich werde dies Denkmal der heiligsten Erinnerung nie aus meinen Händen geben, dann setzte sie seufzend, und so leise, daß die Brüder es nicht hören konnten hinzu. O! Schade, daß ich nicht lesen kann.«

In diesem Augenblicke verdoppelte sich das Getöse auf der Straße.

»Hörst Du es, meine Tochter,« rief Johann, »ich glaube, wir haben keine Minute zu verlieren.«

»Ja, ja, kommt, last uns eilen.«

Leicht wie eine Gazelle, mit ihrem kleinen Füßchen kaum den Boden berührend, schwebte die reizende Gestalt über den Hof nach dem entgegengesetzten Theile des Gefängnisses. Dort wartete sie auf die ihr nur langsam folgenden Brüder, führte diese über zwölf schmale steinerne Stufen in einen kleinen, von zackigen Ringmauern umgebenden Hof, öffnete daselbst eine, schmale eiserne Thür und ließ die Unglücklichen ins Freie treten.

Der Wagen stand richtig an dieser Stelle.

»Schnell, schnell,« rief der Kutscher mit der größten Besorgniß, als er seines Herrn ansichtig wurde.

»Der Lärm wird immer stärker, ich glaube sie kommen schon.«

Cornelius ward in den Wagen gehoben. Johann dann ergriff sodann Rosas Hand.

»Leb wohl, mein gutes Kind,« sprach er mit einer Thräne im Auge, »alles was ich dir sagen oder bieten könnte, wäre zu schwach, Dir meinen Dank darzuthun. Möge der Allmächtige Dir in einer ungetrübten heitern Lebensbahn, in Erfüllung aller Deiner Wünsche, den Lohn für die Rettung zweier Menschen geben.«

Rosa hielt die Hand des edlen Mannes noch einige Minuten fest, dann aber drückte sie ehrerbietig einen Kuß darauf.

»Ein, eilt,« rief sie, »ich glaube, man schlägt schon an das Hauptthor an.«

Johann war eingestiegen. Er schloß vorsichtig das zu beiden Seiten des Wagens herabhängende Leder, und gab dem Kutscher mit dem Rufe: Zum Tol-Hek, zugleich den Befehl zur Abfahrt.

Der Tol-Hek war das Hauptthor von Haag. Durch dieses gelangte man zu dem Hafen von Scheveningen, in welchem ein kleines französisches Schiff, die Flüchtlinge erwartete.,«

Der Wagen setzte sich in Bewegung, und von zwei stamändischen Pferden gezogen, rollte er schnell dahin.

Rosa war an der kleinen Thüre stehen geblieben, bis eine vorspringende Straßenecke ihr das Fuhrwerk weiter unsichtbar machte.

Dann trat sie zurück, schloß die Thüre sorgfältig zu, und warf den Schlüssel in einen nahe stehenden Brunnen.

Das Getöse, das Rosa früher gehört, und das sie so besorgt gemacht hatte, rührte auch wirklich nur von den Anstrengungen des Pöbels her, der, nachdem Tilly und seine Soldaten den Platz geräumt, alle zu Gebote stehenden Mittel anwandte, sich den Eingang in das Gefängniß zu erzwingen.

Zuerst hatte man an Gryphus, die Aufforderung gestellt, den Buytenhoff ohne Widerrede zu öffnen. Allein zu seinem Ruhme sei es gesagt, er weigerte sich beharrlich, Folge zu leisten, wenn nicht ein höherer Befehl ihn hier ermächtige. Nun nahm die Menge wieder zu dem bekannten und so beliebten Mittel seine Zuflucht, sie gebrauchte Gewalt. Aber das Thor war massiv gebaut, und von Innen so gut verwahrt, das es allen Anstrengungen zum Trotze nicht um ein Haarbreit aus seinen Fugen weichen wollte. Dies steigerte die Wuth der Stürmenden nur um so mehr, ihre Anstrengungen verdoppelten sich, und Gryphus, der anfänglich kalt und ruhig hinter dem selben gestanden war, bemerkte mit bangen Zagen, daß selbst dieser eherne Widerstand, ihn früher oder später verlassen, und der Wuth der Eindringenden, Preis geben würde. Schon überlegte er für sich, ob es nicht rathsamer wäre, den Eingang selbst zu öffnen, als er sich sanft am Arme berührt fühlte. Er sah sich um, Rosa stand vor ihm.

»Hörst Du die Wüthenden?« sprach er zitternd.

»Ich höre sie eben so klar und deutlich, wie Ihr.«

»Was würdest Du in meiner Lage machen?«

»Die Thüre einschlagen lassen.«

»Dann ermorden sie mich.«

»Ja, wenn sie Euch sehen würden.«

»Und wie sollen sie mich nicht sehen?«

»Verbergt Euch.«

»Wo?«

»In dem geheimen Gefängniß.«

»Und Du, meine Tochter?«

»Ich werde mit Euch hinabsteigen, die Thüre über mir zuschließen, und wenn die Wüthenden den Buytenhoff verlassen haben, kommen wir wieder unversehrt aus unserm Versteck hervor.«

»Du hast recht, mein gutes Kind. Ich staune, was für eine Klugheit in Deinem kleinen Köpfchen steckt.«

Beide betraten den langen Gang, den die Brüder Witt vor Kurzem verlassen, eilten an das Ende desselben, wo Rosa eine ganz unkenntliche Fallthüre aufhob, und mit ihrem Vater in einen kleinen, dunklen Raum hinabstieg.

In dem Augenblicke, wo das Mädchen die Thüre über ihrem Kopfe wieder schloß, hatte der Pöbel das Hauptthor eingebrochen, und stürzte mit Wuth und Freudengeschrei in den Hof.

»Wir sind gerettet,« sprach Rosa horchend.

»Aber unsere Gefangenen?«

»Lasset Gott über sie wachen, mein Vater, und erlaubt mir nur, daß ich über Euch wache.«

Das Gefängniß, in welches Rosa ihren Vater geführt hatte, bot im Ganzen genommen, für zwei Personen einen hinlänglichen Raum. Es war unter den Namen geheimes Gefängniß, eine jener Lokalitäten, die nur den Behörden bekannt, von ihnen benutzt wurde, um entweder vornehme Angeklagte, die irgend eine, mächtige Partei besaßen, darin verwahrend, jeden Tumult, so wie ihre Befreiung zu verhindern, oder aber Leute, die man auf die möglich geräuschloseste Weise beseitigen wollte, für immer unschädlich zu machen.

»Tod den Verräthern, an den Galgen mit Cornelius von Witt, Tod, Tod —« tönte es über den Köpfen der Eingeschlossenen.




IV.

Die Flucht


An einer Ecke des Buytenhoffs, gedeckt und verborgen durch ein weit vorspringendes, bleiernes Regendach, stand noch immer an den Arm seines Begleiters gelehnt, einem Gespenste ähnlich, der bleiche junge Mann. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirne, noch immer bemühte er sich zeitweise, entweder diesen oder den Mund abzutrocknen, und unterließ es dabei nicht, den Bewegungen des wüthenden Pöbels mit der größten und angestrengtesten Aufmerksamkeit zu folgen.

»Ich glaube, Ihr hattet recht, van Deken,« sprach er nach einer längern Pause, »der Befehl, den die Stände unterschrieben haben, dürfte das Todesurtheil für Cornelius von Witt sein.«

»Hört nur das Volk, gnädigster Herr,« erwiderte der Oberst, »es will durchaus zu dem Herrn von Witt gelangen. In der That, ich hörte noch nie ein so wildes, unmenschliches Geschrei.«

»Ich glaube, sie haben das Gefängniß und den Mann, den sie suchen, gefunden. Jenes Fenster dort, wißt Ihr mir nicht zu sagen, ob es zu Herrn Witts Gefängniß gehört?«

An dem bezeichneten Fenster gewahrte man in demselben Augenblicke eine große, starke Faust, und kurz darauf den Kopf und Oberleib eines wild aussehenden Mannes, der sich so eben emporgeschwungen hatte .

»Hurrah, Hurrah,« schrie dieser mit furchtbarer Stimme, »der Vogel ist ausgeflogen, er ist nicht mehr da.«

Dann die Zähne weit vorstreckend, das Gesicht zu einem grinsenden Lachen verzogen, hätte man dies Wesen, eher für ein wildes, hinter einem Gitter wohlverwahrtes Raubthier, als für einen Menschen gehalten.

»Wie? er ist nicht mehr da?« rief die Menge auf der Straße, der es nicht mehr möglich geworden war, mit in den bereits überfüllten Buytenhoff zu dringen.

»Nein,« er ist nicht mehr da, er ist ausgeflogen, hab ich Euch gesagt.«

»Was ruft dieser Mensch hinab?« fragte die Hoheit noch mehr erblassend.

»Gnädigster Herr, er erzählt der Menge eine Neuigkeit, die man als das glücklichste Ereigniß begrüßen könnte, wenn sie sich wirklich bestätigt.«

»Ja, ohne Zweifel, es wäre sehr glücklich, wenn es wahr wäre, aber beruhigt Euch, es kann nicht sein.«

»Aber es muß dennoch sein, da blickt nur hinauf.«

Und wirklich zeigten sich an mehreren, auf den Platz führenden Fenstern, eben so drohende, wilde Gestalten, wie es die zuerst Erschienene war.

»Er ist fort, entflohen, lauft ihm nach, verfolgt ihn, bevor er das Thor erreicht.«

Die Menge unten wiederholte das wüthende Gebrüll, und zerstreute sich sodann, ohne eigentlichen Zweck, aufs geradewohl in den zunächst liegenden Gassen.

»Es scheint also doch, daß Cornelius von Witt, wirklich enflohen ist,« bemerkte der Oberst.

»Aus dem Gefängniß, wohl möglich. Aber, mein lieber van Deken, ich versichere Euch, aus der Stadt gewiß nicht. Der arme Mann wird glauben, durch eines der Thore zu entkommen, aber wie wird er sich wundern, wenn er alle verschlossen findet.«

»Es wurde also der Befehl gegeben, die Stadttore zu schließen?«

»Das glaube ich gerade nicht, wer würde wohl einen solchen Befehl ertheilen?«

»Und woher vermuthet es Eurer Hoheit sodann?«

»Es gibt oft Verhängnisse,« antwortete der Blasse gleichgültig, »Ihr werdet es selbst schon erfahren haben, Oberst, Verhängnisse, denen selbst der größte und kühnste Mann nicht entgeht.«

Ein kalter Schauer durchrieselte die Glieder des Officiers, er fing nach und nach an, einzusehen, daß der Gefangene verloren sei.

Das Geheul der tobenden Menge erreichte nunmehr seinen Culminationspunkt. Man hatte mit der größten Sorgfalt jede Kammer, ja den kleinste Raum; durchsucht, ohne jedoch die leiseste Spur des Gefangenen, oder der Art und Weise, wie er seine Flucht bewerkstelligte, zu entdecken. Die Ueberzeugung stand fest begründet, er war gerettet.

Cornelius und Johann hatten auch wirklich, während diesen Vorgängen am Buytenhoff, glücklich den Teich passirt, und fuhren nunmehr auf der öden und menschenleeren Hauptstraße gerade auf den Tol-Hek zu.

Johann hatte die Vorsicht, dem Kutscher einzuschärfen, daß er, um jeden Verdacht zu begegnen, nur in einem ganz gewöhnlichen, schwachen Trabe fahren dürfe. Als dieser aber auf der Hauptstraße angelangt, jegliche Gefahr, den Lärm der tobenden Menge, Gefängniß und Tod hinter sich hatte, als ihm die Freiheit so schön entgegen lächelte, da war er nicht mehr Herr seiner Empfindung, und den Pferden die Zügel frei lassend, flog nach einem kräftigen Peitschenhiebe der Wagen pfeilschnell dahin.

Aber plötzlich hielt er an.

»Was giebt es?« fragte Johann, den Kopf aus dem Kutschenschlage vorstreckend.

»O mein Herr,« rief der Kutscher, »es ist —«

Der Schrecken schien seine Stimme zu ersticken.

»Nun, so verständige mich doch.«

»Das Gitter ist geschlossen.«

»Das Gitter? das pflegt sonst nur zur Nachtzeit gesperrt zu werden.«

»Seht es Euch selbst an.«

Johann von Witt neigte sich noch etwas mehr aus den Wagen vor, und sah in der That zu seinem Staunen, das geschlossene Gitter.

»Fahre nur fort,« rief er, »aber sogleich – meine Papiere sind in der Ordnung, der Pförtner wird uns öffnen.«

Der Wagen verfolgte seinen Weg, aber nicht mehr mit derselben Schnelligkeit. Es schien gleichsam, als hätten Kutscher und Pferde gegenseitig ihr früheres Vertrauen verloren.

Johann, über diese unerklärbare Erscheinung nachdenkend und vertieft, konnte sich nicht enthalten, zeitweise aus dem Wagen hervor, nach dem noch immer fest geschlossenen Tol-Hek zu blicken. In einem solchen Augenblicke, entdeckte und erkannte ihn, ein gerade aus seinem Hause tretender Bräuer, der, im Begriffe seinen Weg nach dem Buytenhoff einzuschlagen, bei dieser so unerwarteten Erscheinung, wie eingewurzelt stehen blieb.

Ein Schrei der Ueberraschung, den er nicht mehr zurückzuhalten vermochte, machte andere zwei Männer, die eben so in der größten Eile nach dem Gefängnißplatz liefen, aufmerksam. Sie hielten auf ein Zeichen des Bräuers an, und bald gewahrte man, wie diese Gruppe in einer heftigen Verhandlung begriffen, unverwandt ihre Blicke auf den Wagen, der unterdessen den Tol-Hek erreicht hatte, heftete.

»Aufgemacht!« rief der Kutscher.

Der Thorwächter erschien an seiner Hausthür.

»Aufmachen?« sagte er lakonisch, aufmachen schön, aber sagt mir zuerst womit.«

»Zum Satan auch, mit dem Schlüssel.«

»Schlüssel, schönes Wort das, vorerst muß ich aber Einen haben.«

»Was, Du hast den Schlüssel zum Thore nicht?«

»Nein, den hab ich nicht.«

»Wo, Teufel, hast Du ihn dann hingegeben?«

»Was, Teufel, nichts Teufel, man hat mir ihn genommen.«

»Genommen, Dir den Schlüssel abgenommen, und wer that dies?«

»Du bist sehr neugierig, wahrscheinlich Einer, dem daran gelegen ist, daß Niemand um diese Zeit, die Stadt verläßt.«

Johann der die ganze Unterredung im Wagen vernommen hatte, und bald einsah, daß auf diese Art wohl kein weiterkommen bezweckt werden würde, wagte nunmehr das Aeußerste. Sich über den Sitz des Kutscher vorneigend, rief er den Pförtner an seine Seite. Dieser sprang, als er des Ex-Großpensionärs ansichtig wurde, augenblicklich hinzu, sein Haupt ehrfurchsvoll entblößend.

»Ihr kennt mich, guter Freund, ich bin Johann, von Witt, und so eben im Begriffe, meinen Bruder in die Verbannung zu führen, habt dennoch die Gefälligkeit und öffnet uns das Thor.«

»O, mein guter, theurer Herr,« rief der Alte, die Hände ringend,« es ist mir unmöglich, mir wurde der Schlüssel abgenommen.«

»Wann?«

»Heut Morgen.«

»Von wem?«

»Von einem jungen, blassen und hagern Manne.«

»Und warum ließt Ihr Euch denselben nehmen?«

»Weil mir jener einen gesiegelten und gefertigten Befehl vorwies.«

»Wer war unterschrieben?«

»Die Herren vom Hoogstreet.«

»Dann,« sagte Cornelius, der bisher einen stummen Beobachter abgegeben hatte, »sind wir, aller Wahrscheinlichkeit nach, verloren.«

»Weißt Du nicht, ob diese Vorsicht an allen Thoren getroffen wurde?«

»Das weiß ich wirklich nicht.«

»Wohlan, denn,« sprach Johann, sich zu dem Kutscher wendend, »fahre fort, suche ein anderes Thor; in erreichen, Gott und unsere erhabene Religion gebieten uns, keinen Weg zur Rettung des Lebens unbenützt vorbeigehen zu lassen;« dann sich an dem Pförtner wendend, drückte er diesem herzlich die Hand:

»Ich danke Dir für den guten Willen, mit den Du uns retten wolltest, ich nehme ihn für das Werk selbst und betrachte es von Deiner Seite als gelungen.«

»Armer Herr,« rief der Angeredete, während diesen Worten unverwandt den Blick auf die vor ihm liegende Hauptstraße gerichtet, »da, da seht nur.«

Er wies mit der ausgestreckten Hand aus einen entgegengesetzten Punkt der Gasse hin.

Dieser Punkt bestand aus zehn bis zwölf Menschen, die in eine einzige, die ganze Breite der Straße sperrende Linie aufgelöst, den Bräuer an der Spitze, sich langsam und bedächtig dem Wagen näherten.

»Fahre an dieser Gruppe im Galopp vorbei,« befahl Johann, »und lenke dann links in die breite Straße ein, das ist unsere einzig mögliche Rettung.«

Die so eben beschriebenen Leute, hatten durch die Art ihres Vorrückens, und ihre nur flüchtige Bewaffnung mit Stöcken unbezweifelbar feindliche Absichten. In dem Augenblicke aber, wo sie die Pferde im vollen Galopp herankommen sahen, drängten sie sich mehr in der Mitte zusammen.

»Aufhalten, aufhalten!« schrien Alle zugleich, ihre Stöcke hoch in der Luft schwingend.

Der Kutscher hatte kaltblütig den Zeitpunkt abgewartet, wo er, in der Nähe der Angreifenden angelangt, sich mit der Peitsche vertheidigen konnte. Bald pfiff dieses in geübter Hand wohl zu fürchtende Instrument sausend über den Köpfen, und wenige Minuten nachher ertönten Angst- und Schmerzensrufe der Getroffenen, weithin durch die sonst ganz ruhige Gegend.

Aber trotzdem versuchte es noch immer ein Theil, den Wagen aufzuhalten. Ein einzelner starker Mann griff nach dem Zügel des einen Pferdes.

Die Brüder in den Wagen ganz eingeschlossen, hörten mehr, als sie sehen konnten. Einen Augenblick schien die dahinrollende Maschine zu wanken, dann hielt sie, gleichsam an irgend ein Hinderniß treffend, still, und bewegte sich endlich über einen erhabenen zähen Gegenstand weiter, der eben so gut der Leichnam eines Menschen, wie irgend eine im Wege liegende Pfütze sein konnte. Verwünschungen und Fluche folgten ihm.

»Ich fürchte, daß wir ein Verbrechen begangen haben,« sprach Cornelius.

»Im Galopp i« rief Johann dem Kutscher zu.

Aber trotz dieses erhaltenen Befehles hielt der Wagen mit einem Male still.

»Was gibt es wieder?i« fragte Johann.

»Seht dahin,« antwortete der Kutscher, mit seiner Peitsche gerade vorwärts zeigend.

Johann sah hinaus.

Die ganze unübersehbare Volksmenge vom Buytenhoff erschien an der Einmündung zweier Hauptstraßen, Kopf an Kopf gereiht, mit wuth- und zornentbrannten Mienen.

»Halt an, und, rette Dich,« rief Johann dem Kutscher zu, »es weite nutzlos, weiter zu fahren, wir sind verloren.«

»Da, da, da sind Sie,« schrie der ganze wüthende unmenschliche Chor.

»Ja, ja, das sind Sie, antwortete zu gleicher Zeit die dem Wagen nacheilende, nunmehr durch das Geschrei ihrer Kameraden bedeutend vergrößerte Menschenmenge, auf ihren Armen den blutenden Leichnam eines zerquetschten Mannes tragend.

»Haltet Sie auf, die Verräther, die Mörder.«

Der Leichnam gehörte dem an, der den Pferden in die Zügel gefallen, von ihnen niedergerissen, und durch den Wagen überfahren worden war.

Der Kutscher hielt regungslos still, ohne den ihm zur eigenen Rettung gegebenen Wink seines Herrn zu benützen.

In wenigen Secunden war der Wagen von allen Seiten umringt, von einer unabsehbaren, wogenden und vorwärtsdrängenden Menschenmenge.

Wenn man dies Schauspiel von der ferne betrachtete, so glaubte man, in den aufgeregten Wellen eines breiten Flußes, irgend einen Nachen von unsicherer Hand geführt schaukeln zu sehen.

Die jungen, kräftigen Pferde, durch das ungewohnte Geräusch scheu gemacht, versuchten es, sich mit einem Satze Bahn zu brechen. Aber plötzlich stürzte eines derselben nieder. Der Zentnerschwere eiserne Hammer eines Schmiedes, von starker Hand geschwungen, hatte ihm mit einem einzigen Hiebe den Kopf gespalten.

Das andere Pferd gleichsam vorn Instincte getrieben, blieb ruhig sehen.

Es war dies gleichsam das Vorspiel eines wohle durchdachten und meisterhaft ausgearbeiteten blutigen Dramas.

In der Gasse, und gerade in dem Augenblicke, wo diese Scene vorfiel, öffnete sich in dem ersten Stocke eines dem Auftritte zunächst liegenden Hauses, ein bisher verschlossener Fensterladen, und hinter den zerbrochenen, schmutzigen Glasfenstern gewahrte man das bleifarbene Antlitz des jungen Mannes.

Hinter ihm erschien der Kopf des Obristen eben so blaß, ernst und düster.

Mein Gott, mein Gott, gnädigster Herr, was wird da noch geschehen.«

Wahrscheinlich irgend etwas Unerhörtes, etwas Gräßliches.«

»O, seht nur, seht nur, Hoheit, da ziehen sie eben den edlen Johann aus dem Wagen, sie ziehen, sie schlagen und treten ihn.«

»Wahrlich, diese Leute müssen sich den größten haß des Pöbels zugezogen haben,« erwiderte der Blasse mit demselben gleichgültigen Tone, ohne die geringste Regung eines Mitleids oder Abscheues in seinen Mienen zu zeigen.

»Da seht, seht, seht reißt die wüthende Menge Cornelius aus dem Wagen, den Mann, der durch Folter schon verstümmelt ist, o seht doch, seht nur!«

»Ja, ich sehe, das ist Cornelius.«

Der Oberst stieß einen schwachen Schrei aus, und wendete den Kopf ab.

Er hatte ein furchtbares ein gräßliches Schauspiel gesehen, seine menschliche Natur sträubte sich dagegen, es weiter zu verfolgen.«

Kaum hatte der Ruart de Pulten, noch mit dem einen Fuße den Boden berührt, als ein mit einer schweren eisernen Stange gegen seinen Kopf geführter Schlag, ihm die Hirnschale zerschmetterte.

Er stürzte nieder.

Aber gleichsam, als wolle die ihm inne wohnende unendliche, hohe, geistige Kraft noch ein einziges Mal sich in ihrer ganzen Macht und Größe zeigen, erhob sich der schon beinahe todte Körper, richtete sich stolz empor, sein vom Blute überströmtes Auge blickte kühn die vor diesem schauderhaften Bilde scheu zurückbebende Menge an, dann sank er zusammen, um nie wieder zu erstehen.

Die Menge hatte Blut gesehen, Blut, nach dem:sie so lange dürstete. Noch war das Werk nicht vollbracht, neue Schändlichkeiten sollten es krönen.

Eine Abtheilung ergriff den Leichnam bei den Füssen, und schleifte ihn durch die sich zur Seite drängende Volksmasse, eine andere drängte in einem einzigen dichten Klumpen den ihm vorgezeichneten Blutspuren, mit einem unbeschreiblichen Wuth- und Freudengeheul nach.

Aber dieser Auftritt schien selbst auf den blassen jungen Mann einen unangenehmen Eindruck auszuüben. Sein fahles, leichenähnliches Gesicht wurde, was beinahe eine Unmöglichkeit zu sein schien, noch blässer, seine Augen schlossen sich wie von selbst.

Der Oberst hatte diese augenblickliche Regung eines ihm bisher unbekannten Mitleids bemerkt, und in der Absicht, von dieser Gemüthsbewegung den möglich besten Vortheil zu ziehen, sprach er mit einer, dem Krieger sonst seltenen Wärme.

»Kommt, gnädigster Herr, kommt, laßt uns eilen und retten, was noch zu retten ist, seht, man will Johann auch ermorden.«

Aber die Hoheit hatte die Augen schon wieder geöffnet, das Gesicht hatte sich geschmeidig ganz in seine frühem Formen gelegt, und dieselbe eisige Kälte umdüsterte die in diesem Moment grauenhaften Züge.

»Wahrlich,« sprach er dann, »das Volk ist unversöhnlich es bringt schlechte Früchte, wenn man beabsichtigt, an ihm zum Verräther zu werden.«

»Hoheit, gibt es denn gar keine Mittel, jenen edlen, hochherzigen, jenen großen Mann zu retten, der Euch erzogen hat? Ein Wort von Euch, zeigt mir den Weg der Hilfe an, und ich werde ihm einschlagen, denn ich auch darüber mein Leben verlieren sollte.«

»Wilhelm von Oranien, den der Leser aus den bisher gemachten Mittheilungen auch bereits in dem jungen blassen, so elend aussehenden Manne erkannt haben wird, legte sein Gesicht in mächtige Falten, und einen, auf den Obersten gerichteten, durchbohrenden Blick kurz nach seinem Erscheinen wieder unterdrückend sprach er zu diesem im gebietenden Tone:

»Oberst van Deken, ich befehle Euch hiermit, unverzüglich zu meinen Truppen abzugehen, und sie zu beordern, daß sie für jeden Augenblick gefaßt und schlagfertig dastehen.«

»Und Euch, Hoheit, soll ich hier, von Meuchelmördern umgeben, allein lassen!«

»Beunruhigt Euch meinetwegen nicht mehr und nicht weniger, als es mir selbst beliebt, dies zu thun, und folgt unbedingt den erhaltenen Befehl.«

Der Oberst verneigte sich ehrfurchtsvoll, und dann das Zimmer schnell verlassend, bewies er, sowohl durch seine Eile, so wie durch den über seine ganze Person ausgedrückten tiefen Schmerz, wie erfreulich er die ihm dargebotene Gelegenheit ergriff, einem gewiß noch gräßlicheren Schauspiele, das er weder zurückhalten, noch verhindern konnte, zu entgehen.«

In dem Augenblicke, wo er die Zimmerthüre hinter sich schloß, war es den mehr als übermenschlichen Anstrengungen Johann’s gelungen, die Thorflur, eines dem Versteck des Prinzen gerade gegenüber liegenden Hauses zu erreichen. Mit verzweifelter, von Angst und Schmerz gehobener Stimme, rief er unausgesetzt: »Wo ist mein Bruder, mein Bruder.«

Einer von den Wütherichen schlug ihm mit der geballten Faust den Hut vom Kopfe.

Ein zweiter sprang hinzu und zeigte ihm die noch; von dem rauchenden Blute seines ermordeten Bruders besudelten Hände.

Ein Dritter drängte mit Gewalt durch die blutdürstige Menge, hoch in seinen Händen die Gedärme des gefallenen Opfers haltend, »da.« – Er hielt sie Johann unter die Augen, er donnerte ihm in die, Ohren, daß dies die Eingeweide seines Bruders seien, daß er nur auf den Augenblick warte, an ihm ein Gleiches thun zu können.

Johann war ruhig geworden. Die unablässige Aufeinanderfolge so unerhörter Gräuelthaten, hatte endlich jenen, der menschlichen Natur in ähnlichen Lagen eigenen Stumpfsinn hervorgerufen, der für jeden Eindruck unempfänglich, einem unabweislichen Schicksale mit kalter Ruhe und Todesverachtung entgegen geht.

Aber der Anblick dieses Blutes, eines so edlen, so hohen, ihm selbst nächst verwandten Blutes, er konnte Ihn nicht ertragen. Instinctmäßig verdeckte er mit den Händen seine Augen.

»Ah,« schrie ein Soldat der Bürgerwehre, »Du machst Deine Augen zu, warte nur ein wenig, Freundchen ich werde Dir sie gleich wieder öffnen.«

Nach diesen Worten stieß er ihm über die Köpfe der Andern mit einer langen Pike in das Gesicht, so, daß das Blut herabströmte.

Mein Bruder, mein armer Cornelius, stöhnte Johann, und gleichsam, als erstünde in ihm die Idee der Möglichkeit, diesem theuern Bruder nochmals zu sehen, ließ er die Arme sinken, und seinem vom Blute umschleierten Blick, über die Menge schweifen.

»Hol’ Dir ihn ab,« heulte ein zweiter Bösewicht, den Lauf einer Muske an die Schläfe des Unglücklichen setzend.

Er drückte ab, der Schuß versagte.

Dann zog der Mann sein Gewehr zurück, und dasselbe umwendend, versetzte er gleich darauf dem Ex-Großpensionär einen so heftigen Schlag auf den Kopf, daß dieser betäubt und bewußtlos niederstürzte.

Bald jedoch erhob er sich wieder, »Mein Bruder,« stammelte er nochmals, so kläglich, so jammernd, daß selbst der blasse, hagere, junge Mann, der Prinz Wilhelm von Oranien, der bisher dem ganzen furchtbaren Drama zugesehen hatte, den Fensterladen schloß.

Von diesem Zeitpunkte an, schien das Ende des entsetzlichen Auftrittes zu nahen. Ein neuer, unter der Menge auftauchender Meuchelmörder setzte dem, durch das herabströmende Blut seines Augenlichtes beraubten Opfer des allgemeinen Volkshasses, eine Pistole an den Kopf, und diese versagte nicht.

Johann stürzte wie sein Bruder, ebenfalls mit zerschmettertem Kopfe nieder.

Aber die Menge hatte Mut gesehen, sie hatte ihre Hände darein getaucht, im Bewußtsein der schandbaren That, vom quälenden Gewissen aufgeschreckt, suchte es dieses durch neue Gräuel zu betäuben.

Eine neue, aber weniger tragische, in ihrer Entwicklung mehr eckelerregende Scene, begann nunmehr sich dem Blicke des Zusehers zu entfalten.

Die Masse der Elenden, die entweder durch den zu großen Andrang verhindert, aus Herzensgüte, oder Feigheit, früher ihren Haß nicht deutlich zeigen konnte, brach sich nunmehr Bahn, und feuerte auf die bereits entseelten Körper eine Unzahl von Schüssen ab. Ein anderer Theil, nicht mit dem Gewehre bewaffnet, stach oder hieb mit Messern, Bellen und Stöcken nach ihnen, so daß Beide unter dem sie überströmenden Blute, eher einer rohen Fleischmasse, als menschlichen Wesen glichen.

Dann wurde Johann ebenfalls durch die Gasse geschleift.

Zerrissen, zerquetscht, bloße Fragmente dessen, was sie einst waren, langten diese furchtbaren Opfer einer wohlvorbereiteten, empörenden Volksjustiz auf dem Platze an, wo der Pöbel in aller Eile einen improvisirten Galgen errichtet hatte.

Hier fanden sich bald einige freiwillige Henker, welche die Reste der Unglücklichen bei den Füßen aufhingen.

Das Ende nahte.

»So furchtbar, so entsetzlich dieses auch erscheinen mag, so ist es doch in seiner vollen, ganzen Gestaltung und Darstellung bis auf die kleinsten Einzelheiten wahr. Und wir, die wir in dem eingebildeten, glorreichen Zeitalter des geistigen Fortschrittes Leben, wir, die so gerne den grauenhaften Schilderungen der rohen Vorzeit, Unglauben und Fabelhaftigkeit beilegen, wir berücksichtigen so wenig, daß gerade unter uns täglich, stündlich vielleicht ähnliche, wo nicht noch entsetzlichere Gräuel auftauchen. Zwar ist der materielle Einfluß, die Qual der Folter ganz verschwunden, aber dafür hat unser Geist eine Tortour entdeckt, die das erwählte Opfer langsam, überlegt, vorbereitet, mordet.

Blicke empor in den Palast, blickt in die Hütte der Armuth, seht die wankenden, bleichen Gestalten, fragt sie, wie sie es geworden, und sie werden Euch einen unversiegbaren Born, schuldlos erduldeter Qualen mittheilen, vor denen das fühlende Herz zitternd zurücktreten wird. Ergründet das Geheimniß, den Todten die Sprache wieder zu geben, fragt sie dann, wie sie gestorben? und Euere Haare werden vor Schauer zu Berge stehen.

Wundert Euch daher nicht, den furchtbaren Schluß jenes so eben geschilderten Auftrittes zu hören.

An die Reste der beiden Brüder drängte sich nunmehr eine neue, eben so furchtbare Menge heran. Mit scharfen, spitzen Messern bewaffnet, suchte einer den andern den Vortritt streitig zu machen. Der so glücklich war, an die Leichname zu gelangen, schnitt dann in aller Eile ein Glied, oder auch nur einen Theil der Haut weg. Mit wüthendem Geheul, diesen Beweis seines Heldenmuthes hoch über dem Kopfe schwingend, stürzte er dann fort, um sein geraubtes Gut in den entferntern Gassen, theilweise in Stücken zu verkaufen.

Der junge, blasse Mann hatte, wie wir es bereits sagten, gleich nach dem Falle Johann’s, den Fensterladen, jedoch nur so zugeschlossen, daß noch immer seine offen gebliebene Spalte, die freie Aussicht gewährte. Ob er hinter dieser dem ganzen Vorfalle beiwohnte, ob er sich in alle diese Gräuel mit demselben Gefühl eines befriedigten Wunsches wie vorher vertiefte, können wir nicht mit Gewißheit sagen. Nur als man die Unglücklichen gehängt, und ein großer Theil des Volkes sich bereits verlaufen hatte, schloß er das Fenster ganz, kam auf die Gasse, und schritt durch die von dem vorliegenden Schauspiele noch in Anspruch genommene Menschenmenge unbeachtet, nach dem Tol-Hek.

»Ah, mein Herr,« rief ihm der Pförtner schon von weiten entgegen, »bringt Ihr mir endlich den Schlüssel!«

»Hier hast Du ihn, mein Freund,« und Wilhelm überreichte dem Fragenden den verlangten Gegenstand.

»O, was für ein entsetzliches Unglück habt Ihr bereitet, daß Ihr so spät kommt. Nur eine halbe Stunde früher, und Alles wäre gut gewesen.«

»Warum?«

»Die beiden Herren von Witt, Cornelius auf seiner Fahrt in’s Exil, und sein Bruder Johann, der ihn begleitete, wollten hier durch. Hätte ich aufmachen können, dann wären sie gerettet worden, so mußten sie umkehren, fielen ihren Verfolgern in die Hände, und das Andere werdet Ihr schon wissen.«

»Aufgemacht das Thor, aufgemacht,« rief aus der Ferne eine helle, kräftige Stimme.

Wilhelm von Oranien wandte sich um, und erblickte mit einer Mischung von Staunen und Unwillen den Obersten van Deken.

»Wie, Oberst, Ihr seid noch da! Ich dachte Euch bereits weit weg von Haag. Das nenne ich meine Befehle schlecht vollziehen.«

»Eure Hoheit! es war mir unmöglich. Dies ist nun das dritte Thor, an dem ich vergebens einen Ausgang suche. Sie sind alle verschlossen, und jeder Pförtner erklärte, man habe ihm den Schlüssel genommen.«

»Wohl möglich. Aber dieser biedere Mann hier wird uns ohne Anstand öffnen.« Hierauf wandte er sich an den Alten, der zitternd, die Mütze in der Hand, dastand. Das einzige Wort, Hoheit, hatte ihm so eingeschüchtert, daß er es unerklärbar fand, wie sich ein so unendlich hoher Stern, in dem frühern vertrauten Tone, habe mit ihm unterhalten können.

»Mach auf, guter Freund!«

Mit der größten Eile, um wahrscheinlich seine tiefe Ergebenheit zu zeigen, schloß der Pförtner auf, und bald öffnete sich das Thor, in seinen Angeln knarrend.

Befehlt Ihr mein Pferd, gnädigster Herr,« fragte van Deken den Prinzen.

»Nein, Oberst, danke Euch, ich habe ein Pferd: hierin der Nähe, ich werde nur dieses reiten.«

Hierauf zog er ein goldenes Pfeifchen hervor, und bald ertönte ein lang gedehnter, gellender Pfiff. Wenige Augenblicke darnach, sprengte von einem Seitenwege einbiegend, ein Stallmeister, ein zweites Pferd an der Hand, dem Harrenden entgegen.

Mit einer Leichtigkeit und Gewandtheit, die man dem blassen, schwächlichen, jungen Manne gar nie zugetraut hätte, schwang sich dieser ohne Steigbügel in den Sattel, und dem Pferde die Sporn in die Weichen drückend, flog er der Straße nach Leyden zu.

Als er an dem Punkte angelangt war, wo diese in die Hauptstraße mündete, sah er nach rückwärts.

Der Oberst war, dasselbe Tempo annehmend, um Pferdeslänge hinter ihm geblieben.

Durch ein mit der Hand gegebenes Zeichen bedeutete er ihm, an seine Seite zu kommen.

»Ihr werdet es wohl schon wissen,« sprach er, als Letzterer herangeritten war; »daß die Wütheriche den Johann von Witt auf eine eben so schauderhafte Weise, wie seinen Bruder ermordet haben.«

»Gnädigster Herr!« erwiderte der Obrist kalt, aber mit niedergeschlagenem, gesenktem Haupte, »es wäre mir in jeder Beziehung lieber und wünschenswerther, wenn Euer Hoheit diese beiden, sich der Statthalterschaft allein entgegenstellenden Hindernisse, noch zu überwältigen hätten.«

»Ich glaube selbst, es wäre besser, wenn sich jener furchtbare Vorfall nicht ereignet haben würde, aber was geschehen, und zwar, ohne unserm Wissen, oder einer Mitwirkung geschehen ist, können wir leider nicht mehr ungeschehen machen. Aber beeilen wir uns, Oberst, noch früher nach Alphen zu kommen, bevor dort die Ordre der Stände anlangt, die mich sicher in das Feld schicken würden.«

Van Deken verneigte sich, und lies dem Prinzen wieder einen kleinen Vorsprung, seinen früher innegehabten Platz einnehmend.

Wilhelm warf noch einmal einen scheuen Blick um sich, und dann gleichsam, als wolle der auf seinem Antlitze ausgeprägte Grimm sich durch Worte Luft machen, murmelte er zwischen den Zähnen: .

»Nur einen Wunsch habe ich jetzt noch, den, Ludwig XIV. zu sehen, das Antlitz dieser Sonne, wie es sich in Falten legen und wüthen wird, wenn er das Schicksal seiner Freunde erfährt. O, Sonne! O du glänzender Sterns deine Strahlen erleuchten einen großen Raum, aber jetzt erwacht Wilhelm von Oranien, gebe acht, daß dein Glanz nicht verdunkelt wird.«

Seine Augen hatten sich zusammengezogen, ein:furchtbarer Blick blitzte zwischen den halbgeschlossenen Wimpern hervor, die Lippen fest aneinander gepreßt, gab er dem Pferde die Sporne mit aller Gewalt, daß dieses nunmehr dem Winde gleich, dahinsauste.

Und dieser junge Prinz, dieser erbittertste Feind Ludwig XIV. vor einer Stunde noch das unmündige Kind, fühlte sich nun, wo ihm die Leichen der Brüder von Witt, den Weg zur Macht und Hoheit gebahnt hatten, so stolz und übermüthig, daß er die ganze Welt, kühn in die Schranken gefordert hätte.

Auch er hatte Blut gesehen.




V.

Der Tulpenliebhaber und dessen Nachbar


In der Zeit, wo die Bürger von Haag ihre blutige Aufgabe glänzender, als man es erwarten konnte, gelöst, und sich, nachdem nichts mehr zu sehen, zu hören oder zu kaufen war, auch wieder ganz gemüthlich, als kehre man von einem Feste heim, in ihre Wohnungen zurückgezogen hatten, in eben dieser Zeit, wo der Prinz von dem Obersten, van Deken, begleitet, auf der Straße nach Leyden galoppirten, mißmuthig, einem Manne sein ganzes Vertrauen geschenkt zu haben, der sich beim Anblicke einiger Blutstropfen so gemüthlich, ja beinahe weichherzig zeigte, gerade zu dieser Stunde sah man aus der Straße, die zu dem Hafen der Schelde führt, einen mit Staub bedeckten Reiter, dessen Blick forschend und beinahe ängstlich einen heiß ersehnten Punkt zu erspähen suchte.

Es war Craecke, der treue Diener, der gleich nach Erhalt des ihm von Cornelius übergebenen Auftrages fortgeeilt war, die Thore noch glücklich offen gefunden hatte, und nunmehr aus dem schweißtriefenden Pferde, längst der mit Bäumen besetzten Straße dahin flog, ohne im geringsten das entsetzliche Schicksal, das seinen Gebieter ereilte, zu ahnen. An dem Hafen der Schelde angelangt, ließ er sein Pferd um jeden Verdacht zu vermeiden, in einem Wirthshause zurück, und bestieg eines jener Schiffe, die stets den kürzesten Weg einschlagend, die langen und ausgedehnten Krümmungen des Flusses durchschneiden, und den Reisenden in wenigen Stunden, nach der reizenden und anmuthigen Insel führen, deren Ufer von den Wellen gleichsam geliebkost, mit blühenden Gewächsen und Kräutern übersät, und von fetten Herden angefüllt, einen malerischen Anblick gewähren.

Und hier am Fuße eines Hügels, um den sich in gleichen Zwischenräumen, Tag und Nacht in voller Thätigkeit klappernde und schnarrende Mühlen lagern, hier liegt Dortrecht. Es ist eine wunderschöne, eine von jenen erhabenen Aussichten, die uns in den vorliegenden Gegenständen die Ruhe und majestätische Stille der Natur, ihren Frieden, beurkundet. Weit hin erglänzen in den Strahlen der aufgehenden Morgensonne die netten, glänzend roten Dächer, deren weiße Einfassungen, einer künstlich gezogenen Linie gleich, nach der Größe und Bauart der Häuser, bald regelmäßig fortlaufend, bald in allen möglichen Zikzak, auf- oder absteigend, unterbrochen oder zusammengesetzt, sich so weit das Auge reicht, ausdehnen. Die Grundmauern der dem Wasser zunächst stehenden Gebäude baden sich gleichsam in dem Fluße, die Balkone springen weit über denselben vor, und ihre Geländer sind mit prachtvollen, gold- und silbergestickten Teppichen, den Erzeugnissen China’s und. Indiens, behangen, während von ihren Endpunkten sich lange Schnüre in das Wasser herabsenken, die, als Angeln benützt, die Bestimmung haben, die Unzahl der durch den täglich zugeworfenen Fraß herbeigelockten, Aale zu vermindern. Craecke sah es, er rief ihm einen freundlichen Morgengruß schon von der Ferne zu.

An der Schiffbrücke angelangt, fiel sein erster Blick auf ein am Abhange des Hügels befindliches, weiß und rothes Haus, das zwischen den vorliegenden Mühlen freundlich hindurch lächelnd, das heiß ersehnte Ziel, dem er entgegenstrebte, zu sein schien. Der Gibel des Daches. verschwand Anfangs unter dem bereits welken Laube, der ihn umgebenden Pappeln, tauchte aber wieder kurz, darauf an einem dunkeln Hintergrunde, den eine Anlage riesenhafter, uralter Ulmen bildete, auf, und erglänzte gleich einem funkelnden Sterne.

Dieses Haus hatte, wie man es schon aus der Ferne bemerken konnte, eine solche Lage, daß die Sonne gleichsam wie in einen Trichter demselben ihre Strahlen zusendete, und auf diese Art alle vom Wasser aufsteigenden, und selbst durch die dichte Laubwand dringenden Nebel austrocknete, dadurch den so geschützten Boden erwärmend und fruchtbar machend.

Craecke war ausgestiegen, und ohne sich um das ihn umgebende Getümmel der Marktleute zu kümmern, schlug er seinen Weg nach dem bezeichneten Hause ein.

Mit der dem Holländer eigenen, und sonst wohl nur selten zu treffenden Nettigkeit, stand dies Gebäude so weiß, so zierlich und schön da, daß man die frisch gebahnten Gänge, die glänzenden Fenster, Rinnen und sonstigen Metalleinfassungen betrachtend, in Versuchung gerieth, es für eine geschmückte Braut zu halten, die sehnsuchtsvoll den Erwählten erwartete. Und dieses kleine, irdische Paradies barg nur einen glücklichen Sterblichen.

Cornelius, Doktor van Baerle, das Taufkind des Cornelius von Witt. Seit seiner Kindheit bewohnte dieser Beneidenswerthe das erwähnte Haus. Es war der Geburtsort seines Vaters und seines Großvaters, zwei der angesehensten Kaufleute von Dortrecht.

Baerles Vater hatte theils durch glückliche Speculationen, theils im Handel mit Indien, die namhafte Summe von beinahe drei- bis viermal hunderttausend Gulden erworben, und diesen ganzen Betrag in blank, geputzten Goldstücken, wahrscheinlich aus Laune und, Vergnügen, aufgehäuft. Nach seinem im Jahre 1688 erfolgten Tode übernahm Cornelius van Baerle das ganze hinterlassene Besitzthum seiner Eltern, fand glücklich den so großen Schatz, und wunderte sich nicht wenig, diese Masse in den Jahren 1610 und 1640 geprägter Münzen noch so neu, als wenn sie eben erst die Bank verlassen hätten, zu finden. Und diese große, namhafte Summe war, so zu sagen, für den jungen Baerle; nur seine Art Sparpfennig, den er zu seinem Vergnügen verwenden konnte, da ihm seine übrigen Besitzungen, und angelegten Capitalien jährlich über zehntausend Gulden an Interessen trugen.

Kurz vor seinem Tode, der beiläufig drei Monate nach dem Ableben seiner Gattin, (die ihm das Leben durch Liebe und Sanftmuth erleichtert hatte, und nunmehr dasselbe auf der Bahn zum ewigen Frieden machen zu wollen schien, ) erfolgte, ließ der alte van Baerle den Sohn an sein Lager kommen, und hielt ihm nachstehende, denkwürdige Abschiedsrede:

»Mein guter Sohn, beherzige die Worte wohl, die ich Dir als väterlichen Rath in der letzten Stunde meines Lebens gebe, Du hast Geld, viel Geld! – Lebe! – aber begreife ganz, was das heißt: Leben! Esse, trinke, genieße jedes Vergnügen nach Herzenslust, sperre Dich ja nicht in ein dumpfes, düsteres Comptoir, um das bereits Besitzende noch zu vermehren, denn das heißt nicht leben, das ist lebender Tod, oder todtes Leben, wie Du es am besten verstehst. Dann überlege auch wohl, daß Du der einzige van Baerle bist. Was nützte Dich einst Dein ganzer, aufgehäufter Reichthum, wenn Du Dich nicht verehelichen würdest, oder selbst für den letzteren Fall, Deine Ehe keine gesegnete wäre? Dann müßten all diese Goldstücke, die aus der Präge an das Tageslicht gekommen, nur Dein Großvater und ich in Händen hatte, an fremde Leute übergehen, all’ unsere Anstrengungen wären daher ganz fruchtlos.«

»Aber vor Einem warne ich Dich besonders noch. Hüthe Dich, den Wünschen Deines Pathen Cornelius, der Dich so gerne im Staate glänzen sehen würde, jemals nachzugehen. Der Pfad der Politik ist der schlüpfrigste, den es gibt, er bietet Dir entweder einen eitlen Glanz, leeren Weltflitter, oder ein schmachvolles Ende, er hält Dich immer in Zweifel zwischen – Recht und Unrecht, er zwingt Dich oft zu Handlungen, die Dir Dein Herz verbietet.«

»Beherzige diese Lehren, mein Sohn!«

Das waren seine letzten Worte, dann senkte er ruhig sein Haupt und starb, einen Sohn in der Welt zurücklassend, der seinen Vater über Alles, und das Geld nur sehr wenig liebte.

Da war er nun allein in dem großen, großen Hause. Da überraschten ihn die vielfachen Anträge seines Pathen, der sich alle nur erdenkliche Mühe gab, ihm Geschmack am Ruhme beizubringen, da schwebte er, noch jung und unerfahren, zwischen all den mächtigen Zweifeln und Fragen für die Zukunft, zwischen denen auch wir einst schwebten. Aber die Sehnsucht nach dem Genuße der Freiheit, das nicht zu unterdrückende Verlangen die Welt und Menschen zu sehen, zu erfahren, wie es denn einige Meilen über Dortrecht hinaus aussehe das waren die leicht erklärbaren Grundlagen, die ihn bewogen, endlich dem Wunsche seines Pathen, wenigstens in Etwas nachzugehen. Er schiffte sich daher auf dem großartigsten Schnellsegler, genannt die sieben Provinzen, mit dem berühmten Admiral van Ruyter, (der damals ein Geschwader von hundert neun und dreißig Fahrzeugen befehligte, um gegen die verbündeten Franzosen und Engländer in das Feld zu ziehen, ) ein, segelte glücklich ab, sah kurz darauf den Feind in seiner furchtbaren Position vor sich, und gelangte, von Leger geführt, auf Musketenschußweite an das Linienschiff »le Prince,« dem die außerordentliche Ehre zu Theil geworden war, in seinem Bauche den Herzog von York, Bruder des Königs von England, aufzunehmen. Aber van Ruyter hatte seinen Angriff so schnell und so geschickt eingeleitet, daß der »le Prince« ohne Berücksichtigung seiner werthvollen Last, in kurzer Zeit in so bedeutende Verlegenheit gerieth, daß der erlauchte Herr es für gerathen hielt, sich auf den Saint Michael zu retten; allein auch dieser wurde von Seite der holländischen Kugeln eben so wenig respektirt, und nachdem er so ziemlich zerfetzt und zerrissen war, befahlen Seine Hoheit, aber immer mit Energie, ihn aus dem Gefechte zu ziehen. Es war höchste Zeit, denn kurz daraus unternahm der ihm zunächst stehende le Conte de Sanwik eine äußerst imposante Luftreise, zu der er sämmtliches Geschütze, und das ganze Personale, beiläufig Köpfe stark, mitnahm. Die armen Teufeln kehrten bald wieder zurück, ein Theil verbrannt, der andere zwar ganz und lebend, aber auch nur, um mit jenen brüderlich vereint, im Wasser ein gemeinsames Grab zu finden. Und das großartige Ende vom Kriege umfaßte zwanzig bis dreißig zertrümmerte und verbrannte Schiffe, dreitausend Tode, fünftausend Verwundete, und zur größten Ergötzlichkeit, die Ungewißheit, wer eigentlich die Schlacht gewonnen habe, da sich jeder Theil den Sieg zuschrieb. Man fing endlich wieder von Vorne an, eine Schlacht reihte sich an die andere, bis zuletzt dem Verzeichnisse der Bataillen, der Name Schlacht von Soutword Bay hinzugefügt wurde, der den Schlußpunkt des tragischen Spectakels machte.

Und dem Allen hatte van Baerle zugesehen, er hatte zugleich darüber nachgedacht, wie viel Zeit der Mensch verliert, wenn er in den Augenblicken, wo sich seine Mitbürger gegenseitig kanonieren, nachdenken will; die Sehnsucht nach Glanz und Ruhm war genügend befriedigt, er dankte seinem Pathen herzlich für jeden weitern derartigen Antrag, küßte dem Ex-Großpensionär, gegen den er eine besondere Verehrung äußerte, die Füße, und zog sich in sein Haus nach Dortrecht zurück.

Aber er war reich, unendlich reich geworden, reich durch die wieder erlangte Ruhe, durch seine kräftige, blühende Jugend, verbunden mit einer eisernen Gesundheit, durch sein zu einem hohen Grad von Menschenkenntniß ausgebildetes, scharfes Auge. Und was ihn noch reicher als Alles dies machte, was ihn weit emporhob über sein Geld und die großen Einkünste, das war die durch die Erfahrung erlangte Ueberzeugung, daß der Mensch, um glücklich zu sein, so wenig, um es nicht zu sein, so unendlich viel besitze.

Diese Erfahrungen, verbunden mit dem Wunsche, sich ein Glück nach seiner eigenen Idee zu schaffen, führten ihn auf das so unendlich ergiebige Gebiet der Wissenschaft, und in diesem wieder auf ein Feld, das trotz seiner unendlichen Ausbeute, noch immer Menschenalter erfordert, um nur auf einen leidlichen Grad der Vollkommenheit gebracht zu werden. Er studierte Botanik, sammelte eine Unzahl von Pflanzen und Insekten, spießte die ganze blühende, fliegende und kriechende Bevölkerung der Insel; verfaßte über diese ein eigenes, ungeheueres Werk sammt Zeichnungen, und da er trotz dem immer wieder merkte, daß sein Vermögen eine unendliche Höhe zu erreichen strebte, da er außerdem mit seinem todt liegenden Gelde in die äußerste Verlegenheit geriet, übersprang sein thätiger und immer reger Geist auf ein neues in Holland so einheimisches, aber auch ungeheuer kostspieliges Extrem.

Er wurde ein leidenschaftlicher Tulpenfreund. Zu der damaligen Zeit standen gerade die Flammänder und Portugiesen, wie dies bekannt sein dürfte, mit einander in dem heftigsten Wettstreite, diesen Zweig der Gartenbaukunst, auf die höchste Stufe der Vollendung zu erheben. Sie strebten darnach, aus dieser Pflanze, die aus dem Oriente gekommen war, durch Veredlung und Pflege, neue, reizende Gebilde in ihrer Form und den Farbenunterschieden zu erzeugen, ein Werk, vor dem der strenge Naturalist scheu zurückweicht, von dem Wahne beseelt: Gott und der Schöpfung in ihre erhabenen Werke zu pfuschen.?

Bald gab es zwischen Dortrecht und Mons kein anderes Tagesgespräch, als das von den Tulpen des Herrn van Baerle; von der Lage seiner Zwiebel in den verschiedenen Abtheilungen seiner Gartenbeete, von den vielen so vortrefflich angelegten Trockenkammern; und alles das wurde mit demselben Eifer, mit derselben rastlosen Anstrengung erforscht und verfolgt, mit der einst die Gallerien der berühmten Bibliothek von Alexandrien, von den Römern durchstöbert, worden waren.«

Cornelius van Baerle begann nun damit, seine Jahreseinkünfte zum Ankaufe einer großartigen Sammlung von Zwiebeln zu verwenden, er zerlegte diese, verband sie unter einander, und sah in kurzer Zeit, durch das Erstehen von fünf ganz neuen und verschiedenen Gattungen, seine Versuche auf das Glänzendste gekrönt. Diese Gattungen taufte er, und zwar die erste nach dem Namen seiner Mutter, Johanna, die zweite nach seinem Vater, van Baerle, die dritte, Cornelius. Die Namen der letzten zwei Gattungen sind uns leider nicht mehr bekannt, jedenfalls dürften sie aber in den Katalogen jener Zeit zu finden sein.

Cornelius von Witt ebenfalls zu Dortrecht geboren, und daselbst Besitzer eines ausgedehnten und großartigen Familienhauses, kam im Anfange des Jahres 1672 in der Absicht, drei Monate dort mit seiner Familie zu verweilen, auf der reizenden Insel an.

Schon in jener Zeit, war der gegen ihn später so furchtbar entwickelte Haß des Volkes langsam genährt; worden, und er erfreute sich, wie Wilhelm von Oranien öfter bemerkte, bereits damals der Verachtung seiner Mitbürger. Aber diese betrachteten, seinen Republikanismus ausgenommen, an dem großen Manne nur die hervorragenden, glänzenden Eigenschaften, die Macht und Stärke seines Geistes, das edle, von Vaterlandsliebe durch und durch erfüllte Herz, ehrten in ihm einen ruhigen, charakterfesten Weltmann, und scheuten sich daher auch nicht, ihm, einen alten Herkommen gemäß, bei seiner Ankunft den Stadtwein zu präsentiren.

Cornelius dankte seinen Mitbürgern, und begab sich dann unverzüglich in sein väterliches Haus, um die nöthigen Anordnungen zum Empfange seiner Frau und Familie, und zugleich jene Einrichtungen zutreffen, die ein längerer Aufenthalt nothwendig machte.

Sobald er diese Angelegenheit geordnet hatte, eilte er nach dem Hause seines Taufpathen, dem einzigen Wesen, das an demselben Tage nichts von der Ankunft des Ruart in Dortrecht wußte.

Ebenso vielen Haß, als sich Cornelius von Witt durch seine Bemühungen, den schlecht wuchernden Samen der Politik zu läutern, und ihn von aller Leidenschaft zu entfremden, von der Partei der Aristokraten, zugezogen, eben so vieler Sympathien erfreute sich das Bestreben van Baerles, die Kultur der Blumen zu veredeln, und jene der Politik außer Acht zu lassen.

Von seiner nächsten Umgebung, den Dienern und Arbeitern, geachtet, geliebt, ja beinahe vergöttert, mit der Außenwelt sonst wenig, beinahe gar nicht in Verbindung, entstand auch nie in seinem schuldlosen Innern die leiseste Ahnung, daß auf der ganzen Erde irgend ein Wesen etwas Böses gegen ihn im Sinne haben könne.

Und doch war es der Fall. Ja, zur Schmach der Menschheit sei es gesagt, dieser ruhige, zurückgezogene, nur seiner Idee und Wissenschaft lebende junge Mann, hatte einen Feind, einen erbitterten, furchtbaren Gegner, der schrecklicher als die ganze Partei der Orangisten, gegen Cornelius und Johann, im Stillen wider ihm handelte und wirkte. Wenn man auch jene als die Häupter einer mächtigen, weit verzweigten, freien Bruderschaft, mit dem Dolche ermordete, und keineswegs den Ruhm ihrer unendlichen Aufopferung rauben konnte, bewegte sich gegen Baerle zwischen blühenden Blumen, eine angesehene, nicht geahnte, giftige Schlange. Der junge Mann verwendete, wie wir bereits erwähnten, seine ganzen Einkünfte, so wie auch das von dem Vater hinterlassene Geld zur Verwirklichung der in ihm erstandenen und bald vollkommen ausgebildeten Lieblingsidee. Hart an sein Gebäude, Mauer an Mauer, stand das Haus eines Bürgers, Namens Isaak Boxtel, eines Mannes, der eben so, seit dem Augenblicke, wo er das Bewußtsein erhalten, ganz derselben Leidenschaft fröhnte. Diese hatte aber einen so hohen Grad, daß er bei dem bloßen Aussprechen des Wortes, Tulpen, (welches einigen gelehrten Geschichtschreibern zu Folge, in der Sprache von Chingulai, die erste Bezeichnung dieses Meisterstückes gewesen sein soll, ) erbebte, und am ganzen Leibe zitterte.

Boxtel, vom Glücke nicht so begünstigt, wie Baerle, besaß auch nicht den Reichthum des Letzteren. Trotzdem hatte er mit aller Sorgfalt und Anwendung der äußersten Mühe, in seinem Hause einen recht angenehmen Garten hergerichtet, in diesen eine große Anzahl von Mistbeeten angebracht, den Erdboden fruchtbar gemacht, und die den Tulpen nöthige Temperatur in den verschiedenen Jahreszeiten ganz nach den Regeln der Gartenkunst erzeugt.

Jahrelang seinen Plan verfolgend, war dieser seltene Mensch bis in die kleinsten Einzelheiten der Unternehmung und ihrer verschiedenen Erscheinungen gedrungen. Er berechnete den für die Blume nothwendigen Hitze- und Kältegrad bis auf den 20. Theil, er wog Wind ab, und gab ihm jene Richtung, die ihm zur Erhaltung der Tulpe zuträglich schien. Zugleich lächelte ihm in einem Augenblicke das Glück, gleichsam als, wolle es seine Bemühungen auf einen noch höhern Grad steigern, so wie es Anfangs den Spieler gewinnen läßt, um ihn dann um so sicherer in den Abgrund des Verderbens zu ziehen. Seine Erzeugnisse hatten Beifall gefunden, Liebhaber erschienen, um seine Sammlung zu bewundern. Endlich glückte es ihm sogar, eine eigene Gattung zu erzeugen, die unter seinen Namen den Weg durch Frankreich machte, in Spanien Eingang fand, und sogar von dem aus Portugal vertriebenen König, Don Alfonso VI., der sich nach der Insel Terceira zurückgezogen hatte, mit den Worten, passirt, fürstlich belobt wurde. Baerle, wie schon einmal erwähnt, von seiner Leidenschaft ergriffen, fand vorläufig nichts wichtigeres, als seinem Gebäude eine dem Zwecke entsprechende Umgestaltung zu geben. Er ließ daher den, rückwärtigen Theil desselben, der an Boxtels Garten grenzte, um einen Stock erhöhen, und raubte dadurch dem Nachbar gerade einen halben Grad Sonnenwärme während er ihm durch den Schatten einen ganzen Grad Kälte zuführte, ungerechnet, daß dadurch der Wind abgesperrt, und die mühsam, jahrelang zusammengesetzte Berechnung des Oekonomen dadurch mit einem Male ganz vernichtet wurde.

Aber Boxtel, den dies schreckliche Unglück Anfangs zu Boden streckte, war zugleich ein tiefer Denker. Er überlegte endlich mit kalter Ruhe, daß sein Nachbar, ein Maler, nämlich eines jener Individuen, die sich bemühen, die Natur auf der Leinwand, statt sie wiederzugeben, zu verunstalten, alles Recht hatte, um für seine Gemälde mehr Sonnenlicht zu gewinnen, ihm einen halben Grad Wärme wegzunehmen. Das Gesetz sprach für ihn mit vollem Rechte und er schwieg daher.

Aber wo findet der von einer fixen Idee ergriffene Mensch nicht bald und oft in ganz trügerischen Vernunftschlüssen seinen Trost wieder Auch Boxtel fand ihn. Er suchte sich zu überreden, daß zu viel Wärme den Blumen schade, daß diese in einer geringeren Temperatur schneller wachsen, und sich schöner färben, und daß ihm durch den Bau gerade die Mittagssonne geraubt wurde, überzeugte er sich selbst, daß die Morgens und Abendsonne viel besser und vortheilhafter sei.

Wenn er in diesen Schlüssen fortgefahren wäre, so mußte er noch zu der Einsicht gelangen, das er dem Herrn van Baerle, der ihm aus eigenem Antrieb einen so dauerhaften Sonnenschirm erbaut hatte, eigentlich dankbar verpflichtet sein müsse.

Aber wer beschreibt den Schrecken des Unglücklichen, als er an einem schönen Morgen die Fenster der neuen Wohnung mit Zwiebeln, mit jungen Pflanzen, mit Blumen in aufgewühlter Erde und in Geschirren, mithin mit allem ausgerüstet sah, was eigentlich zur Veredlung und Zucht der Tulpen nothwendig ist.

Aber noch mehr. Längst den Mauern, so weit man dies von unten sehen konnte, bemerkte er zugleich, Kästen offen oder geschlossen, mit den feinen Gittern von Eisendraht versehen, die mit Ventilatoren verbunden, die Bestimmung hatten, die Luft nach Bedarf entweder mehr zu sammeln oder zu entfernen, und zugleich Ratten und Mäuse, die bekannten Liebhaber dieser Blume, deren Zwiebel nicht selten über 2000 Frank kostete, entfernt zu halten.

Nachdem Boxtel sich von seinem ersten Schrecken erholt hatte, und wieder zur kalten und ruhigen Ueberlegung zurückkam, sprach er sich selbst Trost und Ruhe zu. Er dachte nach, wie der Mensch, der einmal einen Plan verfolgte, bis in die untersten Schichten seiner Grundlagen zu dringen pflegt. Baerle war Maler, vielleicht gründlicher, denkender Maler, um so mehr, da er GerardDow zum Meister, und Mieris zum Freunde hatte. Vielleicht wollte er ein Tulpenhaus malen, und um dies ganz, vollständig, unnachahmlich darzustellen, fand er es für nothwendig, sich einen Saal mit allen zu dieser Kunst nöthigen Einzelheiten herstellen zu lassen.

Aber ungeachtet aller dieser Trostgründe, erstand doch eine unverwüstbare Kluft in seinem Innern, der Wunsch, sich näher hiervon zu überzeugen, mit einem Worte, die Neugierde.

Er erwartete sehnsuchtsvoll den Abend, er zählte die Stunden, die ihn noch von demselben trennten, und als sich die Ruhe und Stille der Nacht über die ganze Umgebung ausbreitete, und nur der bleiche Schein des eben emporsteigenden Mondes, die weite Landschaft erhellte, da eilte er hinab in den Garten, und vorsichtig eine Leiter an die Wand seines Nachbars lehnend, stieg er hinauf – Furchtbar, gräßlich mußte das Schauspiel sein, das sich seinen Blicken darbot, denn gelähmt, gleichsam eingewurzelt, auf dem Punkte, auf dem er gerade stand, nahm sein Antlitz die Farbe des Todes an, sein ganzer Körper zitterte von fieberhafter Aufregung bewegt.

Und was sah er?

Ein großes, ausgedehntes, im Dunkel der Nacht nicht ganz zu übersehendes Viereck. Der aufgewühlte, mit Flugsand vermischte Boden zeugte deutlich an, daß vor Kurzem Pflanzen, die ihre entsprechende Ausbildung erhalten, aus demselben genommen worden waren, und zugleich verrieth die eben erwähnte, den Tulpen sehr zuträgliche Mischung, auch die eigentliche Bestimmung dieses Raumes. Das Ganze war sorgfältig in Beete eingetheilt, diese um das Einsinken der Erde zu verhindern, mit Graspflanzungen eingefaßt, dann hatte. es die auf- und untergehende Sonne, einen künstlich erzeugten Schatten, der die Hitze der Strahlen milderte, Wasser im Ueberfluß und in der Nahe, es lag nach Süd-Süd-West; kurz Alles, der kleinste Punkt stimmte mit dem großen Werke in harmonischer Verbindung zusammen; was der Unglückliche während der Dauer einer halben Lebenszeit mühsam berechnet hatte, und aus Mangel an Mittel nicht ganz so herstellen konnte, wie es eigentlich hatte sein sollen, lag wie durch die Macht einer höheren Gewalt hervorgerufen, zauberhaft in seiner ganzen Vollendung vor ihm da.

Ihm schwindelte, krampfhaft hielt er sich an der Wand fest, – der Beweis war gefunden – Baerle, der reiche Baerle, ein Tulpenzüchter.

Mühsam, nicht mehr Herr seiner physischen Kraft mit schlotternden Armen und Beinen, der Verzweiflung nahe, stieg er wieder die Leiter herab. Ein einziger Gedanke erfüllte für den Augenblick seine Seele, er gestaltete sich langsam von unklaren Umrissen zum deutlichen Bilde, und dieses Bild war Baerle, Baerle mit seinen zehntausend Gulden Revenüen, und vier hunderttausend Gulden in Gold, dieser Crösus, dem nichts zu hoch, nichts zu theuer war, der Alles erreichen konnte und mußte. Seine Phantasie malte sich die ungeheuer glücklichen Erfolge dieses Mannes in den lebhaftesten Farben, er sah dessen Ruhm einem strahlenden Gestirne gleich erglänzen, und den eigenen in trüber, sturmumwölkter Nacht untergehen.

Das war die Hauptidee, dieser folgte einem Troße gleich, ein Meer von furchtbaren Enttäuschungen.

Also darum hatte Baerle sein Haus erhöht, nun einen großen, lustigen Raum zur Aufbewahrung der zarten Pflanzen und Zwiebel zu erhalten; ihm hatte er einen halben Grad Wärme genommen, und dadurch die ganze, so thätig wirkende Sonnenhitze erhalten. Da waren Luftlöcher und Ventilatoren angebracht, künstliche Wasserleitungen reihten sich an dieselbe, durchsichtige Fensterrahmen, erhöhten oder milderten die Kraft der eintretenden Sonnenstrahlen – o, welcher unendliche Reichthum, welche mathematische Gewißheit eines sichern großartigen Erfolges – und er, der arme Boxtel, hatte zu diesem Behufe sein eigenes Schlafzimmer eingerichtet, er, der Mann, der seinem Zwecke alles opferte, ruhte während der Nacht auf dem Dachboden, da die thierische Ausdünstung dem Fortkommen der Pflanze im höchsten Grade hinderlich gewesen wäre.

Armer Boxtel, du schliefst bisher so sanft auf deinem traurigen, armseligen Lager, deine Idee war ein weicher Ruhepolster, deine unzerstörbare Hoffnung linderte die Hitze der Sommer- und die Kälte der Winternächte – mußte mit einem Male – dein Dasein, deine Zukunft vernichtet werden?

Also Thor an Thor, Mauer an Mauer wohnt der furchtbare Mann, der alles dem gleichen Zwecke widmet, der kein unbekannter, verschollener Gärtner, mit seiner Idee einen berühmten Namen verbindet..

Boxtel besaß also, wie man sieht, keinen so ausgebildeten, hohen Geist wie Porus, der von Alexander dem Großen besiegt, in der Größe des Siegers seinen Trost fand.

Aber war das ihm entgegen getretene Geschick in seiner Wirkung nicht furchtbar? Konnte Baerle nicht eine neue Gattung entdecken, und diese Johann taufen, nachdem die erste bereits den Namen Cornelius; erhalten hattet dann war sein Ruhm unzerstörbar begründet, dann schwand jede Hoffnung ihn zu erreichen.

Und so errieth Boxtel, der Prophet seines eigenen Unterganges, die so nahe gelegene Zukunft.

Er stieg in seine Kammer, er warf sich auf sein Lager – die Nacht, die er zubrachte, vermag ich nicht zu schildern.




VI.

Die Wuth eines Tulpenliebhabers


Von dem Augenblicke jener entsetzlichen Entdeckung, war Boxtels Ruhe ganz verschwunden, sie hatte einer namenlosen Furcht Platz gemacht. Seine schwache, durch den erhaltenen Schlag ganz niedergebeugte Seele verfolgte wieder nur einen Gedanken, der ungeheuere Schaden, der ihm durch seinen Nachbarn zugefügt worden, er fühlte sich nicht stark genug, in seiner Bahn auszuharren, und den ihm dargebotenen Kampf, wenn auch mit wenig Wahrscheinlichkeit eines günstigen Erfolges muthig anzunehmen.

Van Baerle mußte in jenem Fache, dem er seine ganze Verstandeskraft und alle seine Mittel widmete, das bisher Unerhörte und Unerwartete leisten.

Und wirklich gelang es ihm auch besser als irgendeinem gleichen Unternehmer zu Harlem und Leyden, zwei durch ihren Erdboden, und ein ausgezeichnet reines, gesundes Klima bevorzugten Städten, Tulpen von besonderer Größe und Farbenpracht zu erzeugen.

Er war ein Mitglied jener, in der damaligen Zeit weit verzweigten, aber auch sinnreichen und naiven Verbrüderung, die einen von ihrem vormaligen Meister, im Jahre 1653 aufgestellten Satz, angenommen und beibehalten hatte:

»Wer die Blumen mißachtet, verachtet die Natur, er entehrt und beleidigt Gott.«

Und aus diesem Satze bildete sich die Schule der Tulpenzucht, (unter allen bisher bestandenen Verbindungen eine der Extremsten, ) in demselben Jahre, nachstehende Folgerungen:

»Wer die Blumen mißachtet, der entehrt und beleidigt Gott.«

»Je größer und schöner die Blume ist, desto mehr wird Gott entehrt und beleidigt.«

»Unter allen Blumen, ist aber die Tulpe die schönste.«

»Wer daher die Tulpe mißachtet, der entehrt und beleidigt Gott ins Unendliche.«

Nach dieser Schlußfolgerung waren eigentlich die drei- bis viertausend Tulpenverehrer, von Frankreich, Holland und Portugal, die einzigen wahren Diener des Herrn, während die übrigen unzähligen Millionen, durch diesen Spruch außer die Schranken des Gesetzes, wenigstens des religiösen gestellt, nur als eine Heerde von Ketzern, Heiden, Abtrünnigen und Ungläubigen betrachtet, und allgemein zum Tode verurtheilt werden konnten.

Es dürfte wohl Niemand weiter zweifeln, daß Boxtel, obgleich mit Baerle derselben Partei angehörend, auch ganz ihrer Meinung huldigte.

Boxtels Ahndungen verwickelten sich mit überraschender Schnelligkeit. Bald machte Baerle durch seine großen Erfolge ein ungemeines Aufsehen, seine Leistungen als die Besten und Ausgezeichnetsten anerkannt, ließen ihn auf der Liste der Tulpenzüchter, als den Vertreter dieses Zweiges der Gartenkunst für Dortrecht erscheinen, während Boxtel von derselben verschwand.

Aber gerade so entstehen die wunderbaren Bildungen in der Natur, wenn der Kunstsinn des Menschen ihnen die Vollendung abzwingt, gerade so erwächst aus dem unbeachteten, gemeinen Stamme durch das Pfropfreis, der Sprößling irgend einer hohen edlen Gattung, wie aus dem Stamme der wilden Rose auf dieselbe Art die duftende Königin der Blumen, majestätisch schön hervorgerufen.

Aber so können auch unzählige Male die Häupter fürstlicher Familien, ihren Ursprung unter dem Strohdache des Holzhauers, in der Hütte des Fischers suchen.

Bon seiner Leidenschaft ganz ergriffen, für dieselbe lebend, ihr das Gebiet seiner geistigen Kraft widmend, gab sich van Baerle vollkommen den Arbeiten seines selbstgewählten Berufes hin, und errang dadurch, daß sein Name unter den europäischen Tulpenzüchtern obenan glänzte, den höchsten Triumph. Aber er ahnte nicht, daß in seiner nächsten Nähe, in demselben Dunst- und Luftkreise, den er einathmete, ein Unglücklicher von seiner Höhe herabgestürzt, mit Verzweiflung jedem seiner Siege folgte; er arbeitete rastlos und ruhig fort, bald in seinem Garten Erzeugnisse bergend, die außer Gott, nur Shaskespeare und Rubens, hervorgerufen hatten.

Wer Dantes Verdammten gelesen, wer dies Meisterwerk ganz begriffen und studiert hat, wird sich einen Begriff von Boxtels unglaublichem Zustande machen können. Während Baerle in seinem Garten arbeitete, seine Beete begoß, neuen Samen pflanzte, Unkraut jäte, oder auf dem Rasen knieend, eine bereits emporkeimende Tulpe analysirend, jede ihrer Adern verfolgte, während er so die verschiedenen Modifikationen beobachtete, und über die neuen, möglichen Farbenverbindungen nachdachte, saß Boxtel auf einem dichten schattigen Feigenbaum, den er an der Mauer des Nachbars gepflanzt hatte, saß da stumm und regungslos, mit stierem, weit hervorgetretenen Auge; mit kampfhaft geballter Faust, mit schäumendem Munde, unsichtbar, gedeckt durch das dichte, die Krone weit überragende Laub.

Und so mit der ängstlichsten Aufmerksamkeit verfolgte er jede Bewegung, jeden Zug seines schuldlosen, tödtlich gehaßten Gegners, und wenn eine freudige Miene, eine überraschende neue Erscheinung, einen abermaligen Erfolg beurkundete, da war er nicht mehr Herr seiner so tief gewurzelten, furchtbaren Empfindung, da erfüllten die gräßlichsten Flüche und Verwünschungen den weiten Raum. Es war ein Wunder, daß die Luft von diesen verpestet, nicht hin bis zu den keimenden, jungen Trieben der herrlichen Blüthenwelt gelangte, sie in dem Augenblicke ihrer ersten zarten Entwicklung vernichtend.

Aber bald genügte es Boxtel nicht mehr, bloß seinen Feind zu sehen und seine Mienen zu beobachten, die einmal erstandene böse Idee strebte nach höherer Ausbildung, er ging weiter, er wollte ihn verfolgen, bis in den tiefsten Winkel seiner Behausung, er mußte. eben so wie Baerle, dessen Erzeugnisse gleich in ihrem Keime, in den verschiedenen Phrasen ihrer Entwicklung deutlich und klar beschauen, er mußte ihr ganzes Lebens verfolgen können. .

Er verschaffte sich ein Teleskop, und mit diesem ausgerüstet, gelang es ihm, ganz dieselben Beobachtungen, wie Baerle selbst zu machen. Da sah er nun mit der gespanntesten Aufmerksamkeit die kleine, zarte, Sproße, wie sie der Erde entkeimte, da verfolgte er ihre Bahn unter den mannigfachen Abstufungen, ihrer höhern oder geringern Ausbildung, bis zu dem Augenblicke der gänzlichen Vollendung. Und wenn dann nachdem Zeitraume von fünf Jahren, der Kelch sich oben, in der gefälligsten Form abrundete, wenn die von Außen zweifelhaften Farben und Schattirungen, nach der Entfaltung desselben in namenloser Pracht dastanden, wenn sein trübes Auge über die Unzahl der herrlichen Bildungen schweifte, und von dem strahlenden Glanze geblendet sich momentan abwendete, da schnürte ein unerklärbares Gefühl seine Kehle zu, da erkannte er das ganze Gebiet seiner Ohnmacht und Vernichtung.

Aber bald erfüllte ein anderes entsetzliches Gefühl sein Inneres.

»Der Neid —!«

Dieser furchtbare Dämon, der einem Ungethüme. gleich, in der schwachen Menschenbrust wüthet und tobt, der das Herz mit giftiger Schlangenbrut umgibt, die sich gegenseitig verzehrend, nur neue schreckliche Gebilde, den Urquell namenloser Qualen schafft. Wie oft war Boxtel in diesem Kampfe der wüthenden Leidenschaft versucht, in seines Nachbars Garten hinabzuspringen, und dort einer Furie gleich, die Pflanzen zu, vernichten, die Zwiebel mit den Zähnen zu zerreißen und den Eigenthümer selbst zu morden, wenn er zum Schutze seiner Blüthen, seiner jahrelangen Früchte, herbeieilen sollte. Aber er gehörte jener Schule an, die da sprach: »Die Tulpe ist die schönste Blume, wer sie mißachtet, entehrt und beleidigt Gott ins Unendliche,« eine Tulpe tödten, war das furchtbarste Verbrechen.

Einen Menschen zu ermorden, das schien ihm verzeihlicher.

Aber trotz dieser in seinem Innern erstandenen bessern Idee, trotz aller Festigkeit, mit der er an seiner Schule hing, war es ihm unmöglich seine Wuth zu bemeistern.

« Die Leidenschaft siegte, jede edlere Regung verschwand, und die bis zum Paroxismus gesteigerte Rache machte auch hier den Menschen zum reißenden, wilden Thiere. Er sann auf Mittel.

Eines der untrüglichsten und besten, glaubte er anfangs bald gefunden zu haben. Er konnte von seinem Verstecke in einer stürmischen Nacht, eine Unzahl Steine, Latten und Stangen in den Garten des Nachbars werfen, und dadurch einen großen Theil seiner Besitzung vernichten.

Ein ruhigerer Augenblick ließ ihm dieses Unternehmen hingegen, als ein sehr gefahrvolles erscheinen. Eine solche Verwüstung zog nothwendig gerichtliche Untersuchungen nach sich, und da man keineswegs glauben und annehmen konnte, daß Steine, Latten und Stöcke vom Himmel herabgefallen seien, so erstand von selbst die Folgerung, irgend ein missliebiger Nachbar dürfe hier die Hand im Spiele haben. Die Verfolgung dieser Idee lies eine sichere Enthüllung des eigentlichen Sachverhaltes mit Gewißheit voraussehen, und Boxtel sah sich in den Augen aller Tulpenfreunde von ganz Europa entwürdigt, entehrt, mit Schimpf und Schande aus ihrer glorreichen Verbindung ausgeschlossen. Er verwarf auch diesen Gedanken und nahm seine Zuflucht zur List.

Wie kleinlich, wie erbärmlich und niederträchtig steht jenes Unternehmen da, das er nach langem Sinnen endlich als das geeignetste zur Ausführung erwählte.

An einem dunkeln, sternenlosen Abende, band er mittelst einer zehn Schuhe langen Schnur zwei Katzen bei den Hinterfüßen zusammen, und in seinem Verstecke lauernd, bis alles um ihn herum zur Ruhe gegangen war, warf er diese von der Mauer in den Garten, gerade in jener Richtung, wo die seltensten und wunderbarsten Blumen prangten. Es war dies nach der von Cornelius selbst getroffenen Einrichtung die Haupt- oder auch königliche Rabatte, an der sich zunächst die fürstliche anschloß. Beide enthielten außer dem Cornelius von Witt, den Brabancone, weiß wie Milch, blaßroth und purpur, La Marbree von Rotte, lichtgrau wie Flachs, blaßroth und Fleischfarben glänzend, dann den Merveille von Harlem, die Tulpe Columbia dunkel, und Columbine hell gefleckt 2c. 2c.

Die durch den Fall erschreckten Thiere stürzten gerade auf die königliche Rabatte, und versuchten es von hier, nachdem sie sich aufgerichtet, nach entgegengesetzten Seiten zu entfliehen. Bald hinderte sie die Schnur daran. Anfangs von ihrer Kraft Gebrauch machend, behielten sie die eingeschlagenen Richtungen bei, dann aber, als sie fühlten, daß jeder Versuch vergeblich sei, begannen sie eine Art wüthenden Kampf.

Aber die ihren Bewegungen genau nachfolgende Schnur mähte unter den Tulpen, gleich der mörderischen Sichel des Todes, im Augenblicke einer Seuche.

Beinahe eine halbe Stunde währte dieser schreckliche Kampf, dann gelang es den vereinten Anstrengungen der wüthenden Thiere den Strick zu zerreissen, und Beide entflohen.

Hinter seinem Baume versteckt, und durch die Dunkelheit der Nacht gehindert, die Verwüstungen deutlich wahrnehmen zu können, genügte es Boxtel, aus der Dauer des Kampfes, dem Geschrei der Bestien und den großen Sprüngen, mit den sie auf verschiedenen Punkten der Beete zu sehen waren, den Schluß zuziehen, daß die Verwüstung großartig, furchtbar sein müsse.

Sein Groll, sein Haß schwand langsam, die alles befriedigende Schadenfreude füllte den leeren Platz aus.

Aber die Begierde, sein so trefflich angelegtes Werk der Erste beobachten, sich an dem Triumphe des erlangten Sieges vollständig laben zu können, war so groß, daß er die ganze, fühlbar kalte Nacht, regungslos in seinem Versteckt verweilte.

Halb erfroren, vom Morgennebel ganz durchnäßt, zitternd an allen Gliedern, erwärmte nur ein Gefühl sein ganzes Innere, es war die Empfindung befriedigter Rache.

Die Verzweiflung seines Nachbars, sollte ihm die bereits erduldeten Leiden vergessen machen.




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