Die Uhr
Iwan Sergejewitsch Turgenew




lvan S. Turgenev

Die Uhr Erzählung eines alten Mannes



Indem ich diese kleine Erzählung veröffentliche und mir bekannt ist, daß im Publicum Gerüchte über ein größeres Werk, an dem ich arbeite, im Umlaufe sind, fühle ich mich gedrungen, an die Nachsicht desselben zu appelliren. Der von mir beabsichtigte Roman ist immer noch nicht beendigt, ich hoffe, daß er im Laufe dieses Jahres erscheinen wird. Mögen die Leser mir nicht zürnen um des vorliegenden captatio benevolentiae, und mögen sie in Erwartung des Kommenden, meine Erzählung nicht als strenge Richter, sondern als alte Bekannte – ich wage nicht zu sagen: Freunde, lesen.



    Iwan Turgenjew.




I


Ich will Euch die Geschichte meiner Uhr erzählen. . .

Eine curiose Geschichte!

Sie spielt ganz im Anfange dieses Jahrhunderts, im Jahre 1801. Ich war so eben in mein sechzehntes Jahr eingetreten. Ich lebte in Rjäsan, in einem hölzernen Häuschen, nicht weit vom Ufer der Oka – mit meinem Vater, meiner Tante und meinem Vetter. Von meiner Mutter habe ich keine Erinnerung: sie starb ungefähr drei Jahre nach ihrer Verheiratung; mein Vater hatte außer mir keine Kinder. Er war ein friedfertigen unansehnlicher, kränklicher Mann. Er beschäftigte sich mit Proceßsachen und anderen Geschäften. In früheren Zeiten nannte man solche Leute Gerichtsschreiber, Rechtsverdreher, Nesselsaat; er selbst nannte sich einen Advocaten. Unser Hauswesen wurde von seiner Schwester, meiner Tante – einem alten, fünfzigjährigen Fräulein geführt; auch mein Vater war schon über die Vierzig hinaus. Sie war eine große Betschwester – gerade heraus gesagt: eine Scheinheilige, eine Schwätzerin, die ihre Nase überall hineinsteckte; und auch ihr Herz war nicht das Herz meines Vaters – es war nicht gut. Wir lebten – nicht gerade ärmlich, aber mit Berechnung. Mein Vater hatte noch einen Bruder, namens Jegor; der aber war für irgend welche »aufrührerisch« sein sollende «Handlungen« und seiner »jacobinischen Denkungsart« wegen (so stand es in dem Ukas) schon im Jahre 1797 nach Sibirien geschickt worden.

Jegor’s Sohn David, mein Vetter, blieb unter der Fürsorge meines Vaters zurück und lebte bei uns. Er war nur ein Jahr älter als ich; aber ich beugte mich vor ihm und gehorchte ihm, als wenn er ganz erwachsen wäre. Er war kein dummer Junge, hatte Charakter und war breitschultrig und fest gebaut; sein Gesicht war viereckig und ganz voll Sommersprossen, die Haare roth, die Augen grau und klein, die Lippen breit, die Nase kurz, die Finger gleichfalls kurz, – was man so nennt: ein Starker – eine Kraft über seine Jahre hinaus! Die Tante konnte ihn nicht leiden; mein Vater aber fürchtete sich einigermaßen vor ihm . . . vielleicht fühlte er sich ihm gegenüber auch schuldig. Es ging das Gerücht, daß David’s Vater nicht nach Sibirien geschickt worden wäre, wenn mein Vater nicht geschwätzt und den Bruder verrathen hätte! Wir lernten zusammen im Gymnasium, in derselben Classe und Beide ziemlich gut, ich sogar noch etwas besser als David . . . mein Gedächtniß war schärfer; aber Knaben – das ist eine bekannte Sache – legen auf diesen Vorzug kein Gewicht und sind nicht stolz darauf; David blieb demnach mein Führer.




II


Ich heiße, wie Sie wissen, Alexej. Ich wurde am 7. März geboren und feierte am 17. meinen Namenstag. Man gab mir nach einer althergebrachten Sitte den Namen einer jener Heiligen, deren Fest auf den 10. Tag nach meiner Geburt fiel. Mein Taufvater war ein gewisser Anastasius Anastasievitsch Putschkoff, – eigentlich Nastasei Nastaseitsch – Niemand nannte ihn anders als so.

Er war ein schrecklicher Ränkeschmieder und Rabulist, nahm unerlaubte Sporteln – er war ein ganz schlechter Mensch. Er war aus der Kanzlei des Gouverneurs fortgejagt worden und mehr als einmal vor Gericht gewesen; meinem Vater war er jedoch nothwendig . . . sie machten mit einander »Geschäfte.« Sein Aeußeres war rund und gedunsen; er hatte ein Gesicht wie ein Fuchs und eine Nase wie ein Pfriemen; die Augen waren hell und braun, ebenfalls wie bei einem Fuchse; und er bewegte diese Augen immer nach rechts und nach links, und auch die Nase, als schnuppere er in der Luft herum. Er trug Schuhe ohne Absätze und puderte sich täglich, was damals in der Provinz als große Seltenheit galt. Er behauptete, daß er nicht ohne Puder sein könne, weil er mit Generalen und Generalinnen umgehe.

Und siehe, mein Namenstag war herangekommen! Da tritt Nastasei Nastaseitsch zu uns in’s Haus und spricht: »Ich habe Dir, mein Taufsöhnchen, bis jetzt noch nie etwas geschenkt; sieh, was ich Dir dafür heute für ein Ding gebracht habe!«

Und er zog eine silberne, zwiebelförmige Uhr mit einer gemalten Rose auf dem Zifferblatte und einer bronzenen Kette aus der Tasche!

Ich war ganz starr vor Entzücken, – und die Tante, Pelageia Petrowna, schrie aus vollem Halse; – Küsse die Hand, küsse die Hand, Du Räudiger!«

Ich begann meinem Taufvater die Hand zu küssen und meine Tante hielt ihm vor:

»Ach, Herr Gott! Nastasei Nastaseitsch, warum verwöhnen Sie ihn so! Wie soll er mit einer Uhr umzugehen verstehen? Er wird sie ganz gewiß fallen lassen, zerschlagen oder zerbrechen!«

Mein Vater trat herein, sah die Uhr, dankte Nastaseitsch ziemlich nachlässig, und rief ihn zu sich in’s Cabinet. Ich hörte wie mein Vater gleichsam vor sich hin sprach:

»Wenn Du, Bruder, Dich damit abzufinden denkst . . .«

Aber ich hielt es nicht länger auf dem Platze aus, hing die Uhr um und stürzte Hals über Kopf davon, um David mein Geschenk zu zeigen.




III


David nahm die Uhr, öffnete sie und betrachtete sie aufmerksam. Er hatte große Anlage zur Mechanik; er liebte es sich mit Eisen, Kupfer und allerlei Metallen zu schaffen zu machen; er hatte sich verschiedene Instrumente angeschafft, und eine Schraube, einen Schlüssel oder sonst dergleichen zu bessern oder gar neu zu machen, war ihm eine Kleinigkeit.

David drehte sie in den Händen hin und her und murmelte zwischen den Zähnen (er war überhaupt nicht gesprächig):

»Alt . . . schlecht . . . – Woher?« fügte er hinzu. Ich sagte ihm, daß mein Taufvater sie mir geschenkt.

David schlug seine grauen Äuglein zu mir auf:

»Nastasei?«

»Ja; Nastasei Nastaseitsch.«

David legte die Uhr auf den Tisch und ging schweigend davon.

»Die gefällt Dir nicht?« fragte ich.

»Nein, das nicht . . . Aber, ich hätte an Deiner Stelle von Nastasei kein Geschenk angenommen.«

»Weshalb das?«

»Weil er ein elender Mensch ist und man sich einem elenden Menschen nicht verpflichtet fühlen sollte. Da soll man ihm noch danken Du hast ihm wohl gar die Hand geküßt?«

»Ja; die Tante hieß es mich thun.«

David lächelte eigenthümlich, durch die Nase. Das war so seine Gewohnheit! Er lachte niemals laut! das hielt er für ein Zeichen von Kleinmuth.

David’s Worte, sein stummes Lächeln betrübten mich tief. Er tadelt mich wohl innerlich, dachte ich! Ich bin wohl auch ein Elender in seinen Augen! Er selbst hätte sich nie so weit erniedrigt, er hätte nie eine Gabe von Nastasei angenommen! Aber was bleibt mir jetzt zu thun übrig? Die Uhr zurückgeben? Unmöglich!

Ich machte einen Versuch David zu sprechen, ihn um seinen Rath zu fragen. Er antwortete mir, daß er Niemand einen Rath gäbe, ich möge handeln wie ich wolle. – Wie ich wolle?! Ich erinnere mich, daß ich die ganze Nacht darauf nicht schlief: Bedenken quälten mich. Es that mir leid, mich von der Uhr zu trennen; ich hatte sie auf das Nachttischchen neben meinem Bette gethan; sie tickte so angenehm und lustig . . . aber ich fühlte, daß David mich verachtete . . . (Ja; ich konnte mich nicht darüber täuschen, er verachtete mich!) . . . Das schien mir ganz unerträglich! Gegen Morgen reifte ein Entschluß in mir . . . Es gab freilich Thränen – dafür schlief ich aber ein und, sobald ich erwachte, kleidete ich mich schnell an und lief auf die Straße hinaus. Ich hatte mich entschlossen, meine Uhr dem ersten besten Armen zu geben, dem ich begegnen würde.




IV


Ich war noch nicht weit von unserem Hause weggelaufen, als ich auch schon auf das stieß, was ich suchte. Es kam mir ein etwa 13jähriger barfüßiger, zerlumpter Knabe entgegen, der sich oft vor unseren Fenstern umhertrieb, Ich sprang sogleich zu ihm heran und, ohne ihm oder mir Zeit zum Bedenken zu geben – bot ich ihm meine Uhr an.

Der Knabe machte große Augen, hielt die eine Hand vor den Mund, als fürchte er sich zu verbrennen – und streckte die andere Hand aus.

»Nimm, nimm,« murmelte ich: – »sie gehört mir, ich schenke sie Dir – Du kannst sie verkaufen und Dir dafür . . . nun, irgend etwas Nothwendiges kaufen . . . Adieu!«

Ich drückte ihm die Uhr in die Hand und lief spornstreichs nach Hause.

Nachdem ich einen Augenblick vor der Thüre unseres gemeinschaftlichen Schlafzimmers gestanden, um wieder zu Athem zu kommen, näherte ich mich David, welcher eben seine Toilette beendigt hatte und sich das Haar kämmte.

»Weißt Du, David?'« – begann ich mit möglichst ruhiger Stimme. – »Ich habe Nastaseitschs Uhr weggegeben.«

David sah mich an und fuhr mit der Bürste über die Schläfen.

»Ja,« – fuhr ich immer mit demselben geschäftlichen Tone fort, – »ich habe sie weggegeben. Hier ist ein Knabe, ein sehr armer Bettelknabe; diesem habe ich sie gegeben.«

David that die Kopfbürste auf den Waschtisch.

»Er kann für das Geld, das er für dieselbe lös’t,« fuhr ich fort – »sich etwas Nützliches anschaffen. Er wird doch Etwas für dieselbe erhalten?«

Ich schwieg.

»Nun, das ist gut!« – sagte endlich David und begab sich in das Schulzimmer. Ich folgte ihm.

»Und wenn man Dich fragt, was Du mit ihr angefangen?« – wandte er sich zu mir.

»So werde ich sagen, daß ich sie verloren,« – erwiderte ich nachlässig.

An jenem Tage war zwischen uns nicht mehr dir Rede von der Uhr; es war mir aber dennoch vor, als wenn David meine Handlung nicht nur billigte, sondern sich in gewisser Beziehung sogar über mich . . . wunderte. – Ganz gewiß!




V


Es vergingen noch zwei Tage. Es fügte sich so, daß Niemand im Hause die Uhr vermißte. Mein Vater hatte eine große Unannehmlichkeit mit einem von denen, die ihm ihre Sachen anvertraut ; er hatte keine Zeit, an mich und an meine Uhr zu denken. Dafür aber dachte ich unaufhörlich an dieselbe. Selbst die Billigung, David’s vorausgesetzte Billigung, vermochte mich nicht sehr zu trösten. Er aber sprach dieselbe in keiner besonderen Weise aus, er hatte überhaupt nur einmal – und das im Vorübergehen gesagt, daß er von mir eine solche Kühnheit nicht erwartet habe. Mein Opfer gereichte mir entschieden zum Nachtheile; es wurde durch die Befriedigung, die mir meine Eigenliebe gewährte, nicht aufgewogen.

Und nun mußte noch, mir zum Trotz, ein anderer, uns bekannter Gymnasiast, der Sohn des Stadtarztes kommen und sich mit seiner neuen – nicht einmal silbernen, sondern tombakenen Uhr brüsten, die ihm seine Großmutter geschenkt . . .

Endlich hielt ich es nicht länger aus – schlich mich aus dem Hause und suchte den Bettelknaben auf, dem ich meine Uhr gegeben.

Ich fand ihn bald auf; er spielte mit einigen anderen Knaben an der Vorhalle der Kirche mit Knöchelchen. Ich rief ihn bei Seite und sagte ihm mit stockendem Athem in verworrener Rede, daß meine Verwandten böse auf mich seien, weil ich die Uhr weggegeben und daß ich ihm gerne Geld für dieselbe zahlen würde, wenn er einwilligte, sie mir zurückzugeben. . . Ich hatte für alle Fälle einen alten Silberrubel aus den Zeiten Elisabeth’s, mein ganzes baares Capital, mitgenommen.

»Ich habe ja Ihre Uhr gar nicht,« antwortete der Knabe mit zorniger, weinerlicher Stimme. »Der Vater sah sie bei mir und nahm sie mir fort; er wollte mich noch durchpeitschen. – Du hast sie wohl gestohlen, sagte er – welcher Narr wird Dir wohl eine Uhr schenken ?«

»Wer ist Dein Vater?«

»Mein Vater? Der Trofimitsch.«

»Aber wer ist er? Was treibt er?«

»Er ist verabschiedeter Soldat – Szashant. Beschäftigung hat er keine. Er bessert alte Schuhe aus und versohlt Stiefel. – Das ist seine ganze Beschäftigung. Davon leben wir.«

»Wo ist Eure Wohnung Führe mich zu ihm.«

»Das will ich. Und sagen Sie ihm, meinem Vater, daß Sie mir die Uhr geschenkt. Er wirst es mir immer vor und nennt mich Dieb . . .Dieb! Und die Mutter ebenso. Nach wem schlägst Du ein, Du Dieb?«

Ich ging mit dem Knaben in seine Wohnung. Sie befand sich in einem Hühnerhäuschen, ans dem Hinterhof einer, vor langer Zeit abgebrannten und nicht wieder aufgebauten Fabrik. Wir fanden sowohl Trofimitsch als seine Frau zu Hause. Der verabschiedete »Szashant« war ein hochgewachsener, gerader und sehniger Greis mit einem gelbgrauen Backenbarte, unrasirtem Kinn und einem ganzen Netze von Runzeln auf Stirne und Wangen. Seine Frau schien älter zu sein als er; ihre rothen Aeuglein zwinkerten und blinzelten in ihrem krankhaft gedrungenen Gesichte. Beide deckten statt der Kleidung irgend welche dunkle Lumpen.

Ich erklärte Trofimitsch, warum es sich handelte und weshalb ich gekommen sei. Er hörte mich schweigend an, ohne auch nur ein einziges Mal mit den Augen zu blinzeln oder den stampfen, unverwandten, ganz soldatischen Blick von mir zu wenden.

»Unart!« sprach er endlich mit einem heiseren, zahnlosen Baß. – »Ist das die Handlungsweise eines – Edelmannes? – Nun, wenn Petka die Uhr wirklich nicht gestohlen hat, nun – so verdient er eins . . . treibe keine Unarten mit Herrensöhnen! Wenn er sie aber gestohlen hatte, dann – eins!i zwei! drei! – mit Fuchteln kalugwardisch! – Was siehst Du mich an? Was ist das für eine Geschichte? Was? Mit Syontonne sollte man . . . Ist das eine Geschichte?! Tfu!« —

Den letzten Ausruf brachte Trofimitsch im Falsett hervor. Er begriff offenbar Nichts.

»Wenn Sie mir die Uhr zurückgeben wollen« – erklärte ich ihm . . . ich wagte nicht zu ihm »Du« zu sagen, obgleich er gemeiner Soldat war – »so will ich Ihnen mit Vergnügen diesen Rubel für dieselbe geben. Mehr ist sie, glaube ich, nicht werth.«

»Nanu!« – brummte Trofimitsch, immer noch ganz verwirrt, und mich aus alter Gewohnheit immer noch mit den Augen verschlingend, als wenn ich einer seiner Vorgesetzten wäre. – »Ist das eine Geschichte! oh? – Die begreife einer! – Uljana, schweige!« schrie er seine Frau an, welche den Mund aufmachen wollte. »Hier ist die Uhr,« fügte er hinzu, indem er die Schieblade des Tisches öffnete; – »wenn sie wirklich Jhnen gehört – so nehmen Sie dieselbe in Empfang; und wozu dann der Rubel? Wie?«

»Nimm den Rubel, Trofimitsch, Du Taugenichts,« – wehklagte die Frau. – »Bist Du ganz von Sinnen, Alter? Wir haben keine drei Kopeken hinter Leib und Seele, und der thut noch wichtig! Unnütz, daß man Dir den Zopf abgehauen, sonst – ganz wie ein Weib! Wie denn – ohne zu wissen . . . Nimm das Geld, wenn Du Dir einfallen läßt, die Uhr zurückzugeben!«

»Uljana, schweige, Langweilige!« – wiederholte Trofimitsch. – »Wo ist das jemals geschehen – Du sprichst? Wie? Der Mann ist das Haupt und – sie spricht? . . . Petka, rühre Dich nicht, ich schlage Dich todt!. . . Hier ist die Uhr!

Trofimitsch reichte mir die Uhr hin, ohne sie jedoch ans den Fingern zu lassen.

Er besann sich, senkte den Kopf, sah mich dann mit demselben stumpfen, unverwandten Blicke au und kreischte dann aus vollem Halse:

»Aber wo ist er denn? Wo ist der Rubel?«

»Hier ist er, hier,« rief ich hastig und zog das Geldstück aus der Tasche.

Er nahm es jedoch nicht und sah mich immer an. Ich that den Rubel auf den Tisch. Auf einmal schob er ihn in die Schieblade, schleuderte mir die Uhr hin, indem er sich nach links umdrehte und zischte der Frau und dein Sohne zu:

Hinaus, Gesindel!«

Uljana stotterte etwas – ich war aber schon auf den Hof und auf die Straße hinausgesprungen. Die Uhr in die tiefste Tiefe meiner Tasche versenkend und sie mit der Hand recht fest haltend, lief ich nach Hause.




VI


Ich war wieder in den Besitz meiner Uhr getreten, allein es machte mir nicht die geringste Freude. Ich konnte mich nicht, entschließen sie zu tragen; es war nothwendig, besonders vor David, zu verbergen, was ich gethan. Was würde er von mir, von meiner Charakterlosigkeit denken? Ich konnte die unglückliche Uhr nicht einmal in meine Schieblade einschließen; wir hatten alle Schiebladen gemeinschaftlich. Ich war genöthigt, sie bald oben auf meinem Schranke, bald unter der Matratze, bald hinter dein Ofen zu verstecken. . . Und es gelang mir dennoch nicht, David zu betrügen!

Eines Tages hatte ich die Uhr unter der Diele unseres Zimmers hervorgeholt und wollte die silberne Rückseite derselben mit meinem alten semisch-ledernen Handschuh abreiben. David war in die Stadt, ich weiß nicht wohin gegangen; ich erwartete durchaus nicht, daß er bald zurückkehren würde . . . da trat er plötzlich zur Thüre hinein. Ich war so bestürzt, daß ich die Uhr beinahe hätte fallen lassen; ganz verwirrt und mit schmerzhaft geröthetem Gesichte fuhr ich mit der Uhr an der Weste umher – ich konnte die Tasche gar nicht finden.

David sah mich an und lächelte seiner Gewohnheit nach schweigend.

»Was ist Dir,« sprach er endlich. – »Du denkst, ich wußte nicht, daß die Uhr wieder bei Dir ist? Ich habe sie am ersten Tage, wo Du sie brachtest, gesehen.«

»Ich versichere Dich,« begann ich fast mit Thränen.

David zuckte die Achseln.

»Die Uhr ist Dein; Du kannst ja mit ihr thun, was Du willst.«

Nachdem er diese harten Worte gesprochen, ging er hinaus.

Verzweiflung erfaßte mich. Diesmal war schon kein Zweifel mehr; David verachtete mich wirklich.

Das konnte nicht so bleiben.

»Ich will es ihm beweisen,« dachte ich, die Zähne zusammenpressend. Ich begab mich sofort festen Schrittes in’s Vorzimmer, suchte unsern kleinen «Kosaken Juschka auf und schenkte ihm die Uhr! Juschka wollte sie zuerst nicht nehmen, aber ich erklärte ihm, wenn er sie nicht von mir annähme, würde ich sie den Augenblick zerdrücken, mit den Füßen zerstampfen in tausend Stücke zerbrechen und in die Kehrichtgrube werfen! Er bedachte sich, kicherte und nahm die Uhr. Ich kehrte in unser Zimmer zurück, und als ich David in einem Buche lesend fand, theilte ich ihm meine Handlung mit.

Ohne die Augen von der Seite abzuheben, auf welcher er las, sagte David, wieder mit den Achseln guckend und vor sich hin lächelnd, daß die Uhr ja mir gehöre und ich mit ihr schalten und walten könne, wie ich wolle.

Aber es schien mir doch, daß er mich schon etwas weniger verachtete.

Ich war vollkommen überzeugt, daß ich mich nie mehr einem neuen Vorwurfe der Charakterlosigkeit aussetzen würde, denn die Uhr, dieses Geschenk meines garstigen Taufvaters war mir plötzlich so widerwärtig geworden, daß sich durchaus nicht im Stande war, zu begreifen, wie ich die Uhr bedauern, wie ich sie irgend einem Trofimitsch abdringen konnte, der überdies noch im Rechte war zu denken, daß er sehr großmüthig an mir gehandelt habe.

Es vergingen einige Tage . . . Ich erinnere mich dessen, wie an einem derselben auch in unsere Stadt die große Nachricht drang: Der Kaiser Paul sei verschieden und sein Sohn Alexander, dessen Seelengröße und Menschenliebe so bekannt waren, habe den Thron bestiegen. Diese Nachricht regte David schrecklich auf; es stellte sich ihm sogleich die Möglichkeit eines Wiedersehens, eines nahen Wiedersehens mit seinem Vater dar. Auch mein Vater freute sich.

»Jetzt werden alle Verbannten ans Sibirien zurückberufen werden und auch Bruder Jegor wird wohl nicht vergessen werden,« wiederholte er, sich die Hände reibend, hüstelnd und dennoch etwas verzagt.

David und ich, wir gaben das Arbeiten und den Besuch des Gymnasiums sogleich auf; wir gingen nicht einmal spazieren, wir saßen nur immer in irgend einem Winkel und berechneten und erwogen, in wie vielen Monaten, Wochen und Tagen »Bruder Jegor« zurückkehren müsse, wohin man ihm schreiben, wohin ihm entgegengehen könne, und auf welche Weise wir dann unser Leben einrichten wollten? »Bruder Jegor« war Architekt; wir beschlossen mit David, daß er nach Moskau übersiedeln und dort große Schulen für arme Leute aufbauen müsse, wo dann wir seine Gehilfen sein wollten. Die Uhr hatten wir darüber natürlich ganz vergessen, zudem stellten sich für David neue Sorgen ein . . . davon jedoch später; der Uhr aber war es bestimmt, sich noch in Erinnerung zu bringen.




VII


Eines Morgens, wir hatten soeben erst gefrühstückt – ich saß allein am Fenster und dachte an die Rückkehr des Onkels – das April-Thauwetter dampfte und glitzerte auf dem Hofe – als plötzlich Pulcheria Petrowna in’s Zimmer hinein gelaufen kam. Sie war immer sehr flink und unruhig, sprach mit einem kreischenden Stimmchen und fuhr dabei mit den Händen in der Luft umher; diesmal aber stürzte sie förmlich auf mich los.

»Geh! geh’ sogleich zu Deinem Vater, mein Herr!« schmetterte sie. »Was hast Du da für Streiche angegeben, Du Unverschämter! Ihr sollt aber auch Beide dafür bekommen! Nastasei Nastaseitsch hat alle Eure Streiche an’s Tageslicht gebracht! . . . Geh! der Vater ruft Dich . . . gehe den Augenblick!«

Noch immer Nichts begreifend, folgte ich meiner Taute; – als ich über die Schwelle des Gastzimmers trat, gewahrte ich meinen Vater, der mit großen Schritten und zerzaustem Haare auf- und niederging; Juschka stand in Thränen an der Thüre und in einem Winkel auf dem Stuhle saß mein Taufvater, Nastasei Nastaseitsch mit dem Ausdruck einer ganz besonderen Schadenfreude in den aufgeblasenen Nasenlöchern und den brennenden, schielenden Aeuglein.

Sobald ich hereintrat, flog mein Vater auf mich zu.

»Du hast Deine Uhr Juschka geschenkt? rede?

Ich warf einen Blick auf Juschka . . .

»So rede doch,« wiederholte mein Vater, mit den Füßen stampfend.

»Ja,« erwiderte ich und erhielt sogleich eine weit ausgeholte Ohrfeige, die meiner Tante große Freude machte. Ich hörte, wie sie krächzte, als hätte sie einen Schluck heißen Thee genommen.

Mein Vater lief von mir zu Juschka hinüber.

»Und Du, Niederträchtiger! hättest Dich nicht erdreisten dürfen, das Geschenk der Uhr anzunehmen,« sprach er, ihn an den Haaren herumziehend. – Und Du Schurke, hast sie noch dem Uhrmacher verkauft!«

In der Einfalt seines Herzens hatte Juschka in der That, wie ich in der Folge erfuhr, die Uhr zu dem benachbarten Uhrmacher getragen. Der Uhrmacher hatte sie in’s Schaufenster gehängt ; Nastasei Nastaseitsch hatte sie im Vorübergehen dort gesehen, sie aber rückgekauft und zu uns in’s Haus gebracht.

Mein und Juschka’s Verhör dauerte indessen nicht lange; mein Vater war athemlos, fing an zu husten und das Zürnen war überhaupt nicht seine Art.

»Bruder, Porphyri Petrowitsch,« sagte meine Taute, sobald sie, gewiß nicht ohne Bedauern bemerkte, daß meines Vaters Zorn sich besänftigte; »regen Sie sich doch nicht mehr auf; es ist nicht der Mühe werth, daß Sie sich die Hände damit besudeln. Ich aber schlage Folgendes vor: mit der Zustimmung des geachteten Nastasei Nastaseitsch und in Anlaß der großen Undankbarkeit Ihres Sohnes werde ich diese Uhr zu mir nehmen; da er aber durch seine Handlung bewiesen hat, daß er unwürdig ist, dieselbe zu tragen und deren Werth nicht begreift, so werde ich sie in Ihrem Namen einem Menschen schenken, der Ihr Wohlwollen tief empfinden wird.«

»Wer ist das?« fragte mein Vater.

»Chrysanth Lukitsch,« erwiderte meine Tante etwas zaghaft.

»Dem Chrysaschka ?«« fragte mein Vater noch einmal, holte dann mit der Hand aus und fügte hinzu: »meinetwegen; und wenn Ihr sie in den Ofen werft!«

»Und Sie, Verehrter, sind Sie damit einverstanden?« wandte sich meine Taufe an Nastasei Nastaseitsch.

»Mit der vollkommensten Bereitwilligkeit,« erwiderte jener. – Während des ganzen »Verhörs« hatte er sich nicht von seinem Stuhle gerührt und hatte nur leise geschnauft, sich leise die Fingerspitzen gerieben und seine Augen abwechselnd auf mich, auf den Vater und auf Juschka gerichtet. Wir hatten ihm ein wahrhaftes Vergnügen bereitet.

Der Vorschlag meiner Taute hatte mich in tiefster Seele empört. Nicht, daß die Uhr mir Leid gethan hätte, aber der Mensch, dem sie dieselbe zu schenken beabsichtigte, war mir allzusehr verhaßt. Dieser Chrysanth Lukitsch dessen Familienname Tranquillilatin hieß, war ein gesunder, vierschrötiger, langgestreckter Seminarist, der, weiß der Teufel weshalb, sich gewöhnt hatte, zu uns ins Haus zu kommen! »Um sich mit den Kindern zu beschäftigen,« versicherte die Taute; mit uns konnte er sich indessen schon deshalb nicht beschäftigen, weil er selbst nichts gelernt hatte, und dumm war wie ein Pferd.

Er erinnerte überhaupt an ein Pferd: er stampfte mit den Füßen wie mit Hufen, lachte nicht, sondern wieherte, wobei er seinen ganzen Rachen bis an die Kehle sehen ließ – und hatte ein langes Gesicht mit einem Höcker und breite, flache Backenknochen; er trug einen zottigen, friesenen Kaftan und roch nach rohem Fleische. Meine Tante hielt große Stücke auf ihn, nannte ihn einen ansehnlichen Mann, einen Cavalier und sogar einen Grenadier. Er hatte die Gewohnheit, uns Kindern auf die Stirne ein Schnippchen zu schlagen (er that es auch mit mir, als ich jünger war) mit seinen steinharten Fingern und dabei zu zanken und sich zu verwundern: »Wie Dein Kopf klingt, er muß wohl hohl sein!« – Und dieser Tölpel sollte meine Uhr besitzen? – Auf keinen Fall! beschloß ich bei mir, als ich ans dem Gastzimmer hinauslief und mit den Füßen auf mein Bett hinaufkroch, während meine Wange sich von der erhaltenen Ohrfeige röthete und brannte, und auch in meinem Herzen die Bitterkeit der Beleidigung und der Durst nach Rache aufloderten . . . Auf keinen Fall! Ich werde es nicht zulassen, daß dieser verfluchte Seminarist mich verspottet . . . meine Uhr anlegt, die Kette über den Magen herabhängen läßt und vor Vergnügen wiehert. . . . Auf keinen Fall!




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