Der Held von Garika
Adolf Mützelburg




Adolf Mützelburg

Der Held von Garika





1. Teil












I. Sinope


Hoch ging die See. Von Nordost her sausend, schien der Sturm das kleine Küstenboot zerdrücken zu wollen, das sich ihm, in seinen Planken stöhnend, entgegenstemmte und lavierend weiter und weiter in die dunkelgrünen, von weißem Schaum überspritzten Wellen eindrang. Wie knarrten die schwanken Masten, wie flatterten und klapperten die Taue! Wie hohl und dumpf seufzte der Wind in dem nassen Segeltuche, dem er dienstbar werden musste durch die Geschicklichkeit des türkischen Steuermanns, der ernst und schweigend am Ruder saß! Tief auf die rechte Seite geneigt, oft mit dem Segel die Spitzen der Wellen streifend, dann sich wieder hebend, arbeitete das Boot sich durch die schaumüberzogene. rastlos rauschende Flutenwelt. Grau und schwer lag der Himmel über dem Getose der Wogen, kalter Regen sprühte nieder, Nebel verdeckte die Fernsicht.

»Sehr schönes Wetter! Echtes Wetter, Sir!« sagte ein Mann mit einem roten, breiten Gesicht, gelblichweißem Backenbart und im englischen Matrosenanzuge zu einem jungen Manne, mit dem er auf einem Brett vor der Tür der niedrigen Kajüte saß.

»Ja, Johnny, schönes Wetter!« antwortete der junge Mann in englischer Sprache, und sein gedankenvolles Gesicht zeigte, dass er kaum wusste, was der andere gesprochen. Dann aber richtete er sich ein wenig auf, blickte um sich und rief einen Bootsmann, der auf das Segel achtete, auf Türkisch an:

»Wir müssen doch bald dort sein? Lugt Ihr auch tüchtig aus? Könnt Ihr das Ufer erkennen?«

»Noch eine halbe Stunde, wenn’s gut geht, Herr!« antwortete der Türke. »Es ist schlechtes Wetter!«

Der junge Mann hüllte sich fester in die dichte Decke von dunklem Wollenstoff, die ihn vor dem Regen und vor der Kälte schützte – denn es war der letzte Novembertag – ließ seinen Blick über das schäumende Meer gleiten und versank wieder in sein unruhiges Nachdenken. Er sah bleich aus, und die dunkle Decke, die er bis hoch, hinaufgezogen, sowie die fesartige Kopfbedeckung, die jedoch dunkelbraun, nicht rot war, hoben diese Blässe noch mehr hervor. Dass er kein Engländer sei, ließ sich auf den ersten Blick erkennen, obwohl er mit dem Matrosen Englisch gesprochen. Die Blässe seines Gesichts war keine nordische; sie war angehaucht von einem leichten gelblichen Schimmer, den nur der Süden kennt. Auch zeigten die Brauen, das lange, vom Regen feuchte Haar und der Schnurrbart, der sich lang, schmal und glänzend bis zur Wange hinaufzog, das reine und tiefe Schwarz des Orients. Dieses Schwarz dämpfte auch den gelblichen Anhauch des Gesichts und ließ es fast mädchenhaft zart erscheinen, ja, unter diesen dunklen Brauen leuchteten selbst die Augen, obschon vom reinsten Braun, in einem hellern Glanze. Orientalisch war auch die schmale Stirn mit den scharf abfallenden Schläfen, die gebogene, schmale Nase; der feingeschnittene Mund; aber es ließ sich doch nicht leicht erkennen, welchem Volke des Orients der junge, vielleicht fünfundzwanzigjährige Mann angehörte. Der· Schnitt des Gesichts, die etwas längliche Form der klaren Augen, der Bau des Kopfes trugen den edelsten Charakter. Man hätte einen vornehmen Perser oder einen Circassier in ihm vermuten können.

Auch der Ausdruck seiner Züge zeigte nicht das Lässige, Phlegmatische, was den eigentlichen Türken verrät; er war lebhafter, intelligenter, wechselvoller. Ein Türke würde die Ungeduld, die Erwartung und die Sehnsucht, auch wenn er sie gefühlt, unter der Maske der Gleichgültigkeit verborgen haben; die Züge des jungen Mannes aber spiegelten deutlich wieder, was in ihm vorging. Eine verzehrende Unruhe schien ihn zu quälen; man sah es deutlich, dass er sich Gewalt antat, um ruhig zu bleiben, dass nur die Notwendigkeit ihn auf seinem Platze festhielt. Und in der Tat hätte jede vorschnelle und unüberlegte Bewegung dem kleinen Boote Gefahr bringen können, das mutig gegen den scharfen Nordostwind des Schwarzen Meeres kämpfte.

Wie vollkommen ruhig, ein Bild der glücklichsten Zufriedenheit, saß dagegen Johnny neben ihm! Wie heiter blickte das Auge des wohl fünfzigjährigen Matrosen in das weiße Schaumgetümmel! Wie angenagelt saß er da mit seiner vierschrötigen Gestalt, die breiten Hände auf die noch breitern Knie gestützt: das leibhaftige Bild, einer echten, lustigen englischen Teerjacke! Fast war es, als ob sein Gewicht allein das Boot auf die Seite neige, und als ob er es wisse und sein Möglichstes tue, es niederzuhalten. Die hellen blauen Augen leuchteten von Zufriedenheit und Wohlbehagen.

Ein Sturmvogel flog mit schrillem Schrei dicht über das Boot hin.

»Aha, auch da, alter Freunds«, sagte Johnny mit der Zunge schnalzend. »’s ist doch gerade wie im Kanal, Mr. George! Da sind wohl auch Möwen?«

Und als er dabei den jungen Mann anblickte, schien ihm die Blässe desselben aufzufallen. Er suchte ruhig und ohne sich umzuwenden hinter sich mit der Hand und zog eine große, mit Stroh umflochtene Flasche hervor.

»Hier Mr. George!« sagte er. »Einen tüchtigen Schluck! Sie sehen blass aus! Scharfer Wind!«

»Es ist nicht Wind und Wetter, Johnny«, antwortete der junge Mann, und man hörte jetzt an seinem Akzent, dass er kein gebotener Engländer sei, obgleich er das Englische vollkommen fließend sprach, »es ist die Unruhe, die Ungeduld! Ich danke, Johnny.«

Er lehnte die Flasche mit einer leichten Bewegung ab. Johnny hielt sie ihm noch eine Sekunde lang hin, als erwarte er, der junge Mann werde sich eines Bessern besinnen. Dann nahm er selbst resolut einen tüchtigen Zug und sagte fest und bestimmt:

»Halt Leib und Seele zusammen!«

»Ob sie da sein mögen, ob sie angekommen sind, Johnny?« sagte George leise und unsicher.

»Wer, Mr. George?« fragte Johnny, der aufmerksam eine heranrauschende Welle beobachtete.

»Nun, Mr. Hywell und Miss Mary«, antwortete George.

Die Antwort Johnnys wurde auf eine Minute unterbrochen; er rieb sich Schaum und Wasser aus dem Gesicht, denn die Welle war über das Boot fortgerollt und hätte die beiden fast fortgespült.

»Ganz gut gemacht!« brummte Johnny mit einem Blick auf den türkischen Steuermann, der durch eine geschickte Bewegung den Stoß der Welle gebrochen.

»Verstehen’s besser, als ich dachte! Mr. Hywell, meinen Sie, und Miss Mary? Gewiss sind die angekommen. Was soll denen passieren?«

»Johnny, ich bin in Todesangst!« sagte der junge Mann mit einem tiefen Atemzuge. »Es hat sich alles seit der Abreise so verändert. Persien hat Truppen aufgeboten, um den Russen zu helfen; die Kurden haben sich bewaffnet – es ist räuberisches Gesindel – man kann nicht wissen, was geschehen ist! Bis vor kurzem dachte ich noch wie Du: was könnte Miss Ma – Mr. Hywell widerfahren? Aber seit einigen Wochen ist mir bange geworden! Die unglückliche Idee, auf dem Landwege von Ostindien zurückzukehren!«

»Hat nichts zu sagen, junger Herr! Mr. Hywell kommt überall durch!« sagte Johnny gleichmütig.

»Hier in Sinope – so heißt ja wohl das Ding – sollten wir Nachricht erhalten?«

»Oder Mr. Hywell und Miss Mary selbst finden«, antwortete George. »Ach, wie langweilig ist diese Fahrt, wie albern dieser Nordost! Und wenn man wenigstens um sich sehen könnte!«

Die Worte, welche sich die drei türkischen Bootsleute mit lauter Stimme zuriefen, ließen das Gespräch Georges und Johnnys stocken. Das Boot schien in Gefahr gewesen zu sein. George verstand genug Türkisch, um zu hören, dass sie sich gegenseitig Vorwürfe machten; jetzt aber schien die Gefahr vorüber. Es handelte sich darum, die Spitze der Halbinsel zu umkreisen, auf deren schmaler, mit dem Festlande zusammenhängender Seite, nach Süden zu gewandt, die Stadt Sinope liegt. Schon legte sich der Wind voller in die Segel, denn das Boot wandte sich mehr südlich. Da aber der Nebel noch immer schwer auf dem Wasser ruhte, so mochten es die türkischen Schiffer für geraten halten, nicht die ganze Kraft des Windes zu benutzen. Vorsichtig fuhren sie durch die hier hochbrandende See.

Ein eigentümlicher Ton, den die Türken ausstießen, und die Richtung ihrer Blicke, die sich nach derselben Seite wandten, machten George und Johnny aufmerksam. Im Osten zog ein riesiger Schatten vorüber.

»Was ist das?« fragte George den Türken.

»Ein großes Fahrzeug, Herr, ein Kriegsschiff.«

»Das sehe ich. Aber von welcher Nation? Eure Schiffe liegen ja auf der Reede von Sinope.«

Die Türken blickten sich unter einander an. Der Bootsmann gurgelte einige Worte hervor, und die Stellung der Segel wurde verändert. Das Boot nahm langsam eine östliche Richtung. Johnny lugte nach allen Seiten, rief dann den Türken am Steuer mit einem lauten Ahoi! an und deutete auf einen zweiten, riesigen Schatten, der ebenfalls im Osten vorüberzog.

»Sagen Sie den Levantinern, dass das ein Russe war, Mr. George!« wandte er sich zu dem jungen Manne. »Ein russischer Dreidecker –kenn’ die Bauart!«

Der junge Mann, der noch bleicher geworden, meldete es den Türken.

»Wissen’s schon, Herr!« lautete die Antwort »Und was nun, Herr? Die Giaurs greifen unsere Schiffe auf der Reede an oder spionieren wenigstens herum. Sollen wir hindurch, Herr?«

»Hindurch, ja«, rief George energisch. »Ich muss hinein nach Sinope!«

Wieder gurgelten sich die Türken unverständliche Worte zu.

»Müssen warten, bis das Fahrwasser rein ist«, wandte sich dann der Steuermann zu George. »Dies ist eine kleine Barke, der Wind weht scharf, der Nebel ist stark. Allah ist groß, aber man muss ihn nicht versuchen!«

George wollte ungeduldig antworten, als ein dumpfes, volles Dröhnen durch Nebel und Sturm herüberdrang. Johnny hob aufmerksam den Kopf; George hielt sich nur mit Mühe auf seinem Platz, die Gesichter der Türken waren sehr ernst geworden.

»Damn!« sagte Johnny. »Das war eine volle Lage – war nicht fern – kam von Südwest, gegen den Wind! Brummen gut – ist groß Kaliber!«

Der junge Mann hatte die Zähne zusammengepresst und schien eine Minute lang die Beute der qualvollsten Aufregung zu sein. Dann, sich mit Gewalt überwindend, sagte er:

»Und wie nun, Johnny, wenn die Russen die türkische Flotte angreifen, die auf der Reede von Sinope liegt – wenn sie die Stadt bombardieren – was dann?«

»Ei – mitten hindurch!« sagte Johnny lustig. »So eine Schwalbe fliegt den Geiern mitten durch die Flügel, wenn sie miteinander kämpfen. Nur mutig, Sir!«

»Und wenn Mr. Hywell und Miss Mary –«

Er vollendete den Satz nicht. Johnny hob den Kopf und zog die Brauen hoch.

»Mr. Hywell – damn! Das ist wahr! Aber dem schadet’s nicht! Der Master kommt überall durch!«

Der Seufzer des jungen Mannes klang wie ein Stöhnen.

»Ich fürchte mich nicht, Johnny«, sagte er. »Aber wenn man mich gefangen nimmt –·Du weißt oder weißt nicht, dass ich aus Russland geflohen –«

Johnny riss die Augen noch weiter auf.

»Damn, Sir! Das wusste ich nicht. Hatte wohl was gehört, dass Mr. Hywell Sie irgendwoher mitgebracht, wusste aber nicht, dass Sie ein Russe seien, hielt Sie für einen Levantiner!«

»Nein, Johnny, ich bin keins von beidem«, antwortete George. »Ich bin ein Kind der Berge im Osten dieses Meeres; wir könnten sie vielleicht sehen, wenn der Himmel sich klärte. Mein Vaterland ist das, Johnny! Ach, ich kann Dir nicht mehr sagen. Nur nicht sterben, nicht jetzt, und nicht gefangen werden! So nahe dem Vaterland, so nahe der Freiheit!«

»Damn, Sir! In Alt-England waren Sie doch frei genug!«

»Ja, Johnny, aber Alt-England ist nicht mein Vaterland!« rief George mit zuckenden Lippen, und seine Augen leuchteten auf in Qual und Begeisterung. »Ich bin bereit zu sterben, ja, aber auf dem Boden meiner Väter, mit dem Schwerte in der Hand!«

»Hm, Sir, so sind Sie auf einer Expedition?« fragte Johnny schlau.

»Still, Johnny! Ich glaubte, Du wüsstest es!« sagte George. »Da – höre!«

Dasselbe Dröhnen drang herüber, diesmal lauter; nicht lange, und ein drittes Dröhnen folgte, und nun rollte der Donner ununterbrochen fort, wie aus tausend Feuerschlünden. Die Türken hatten die Segel eingezogen und lauschten beklommen. Johnny nickte zufrieden mit dem Kopfe.

»Gute Breitseiten!« sagte er vor sich hin. »Wünschte, unsere Dreidecker, die da faul im Bosporus liegen, möchten endlich auch einmal die Mäuler auftun! Schaut!«

Ein Segel hob sich über die Wellen empor, ein Boot flog ganz in der Nähe vorbei. Die Türken riefen es an; Antwort erschallte herüber. George, dessen Gesicht bleich geworden wie der Tod, fragte, ob man etwas verstanden und erfahren. Die Türken antworteten, dass eine große russische Flotte die türkische Flottenabteilung auf der Reede von Sinope angegriffen, und gurgelten ein Allah! über das andere, fluchend und betend.

Inzwischen lichtete sich der Nebel ein wenig.

Vielleicht zerriss ihn der Donner der Kanonen, der grausenerregend herüberdröhnte. Die Küste wurde sichtbar.

»Können wir nicht hier landen?« rief George. »Ich will hinein nach Sinope. Oder setzt mich und meinen Begleiter allein ans Land und kreuzt, bis Ihr eine Gelegenheit findet, irgendwo anzulegen. O Johnny«, fuhr er auf Englisch fort, »wenn die Russen die Stadt besetzten, was würde dann aus Master Hywell und seiner Tochter!«

»Nun, Goddam«, rief Johnny verwundert, »was können die Russen unserm Master anhaben? Wofür ist der Konsul in der Stadt? Oder ist keiner da?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte George. »Ich soll Erkundigung bei einem deutschen Herrn einziehen. Aber was nutzt ein Konsul gegen Kanonenkugeln?«

Johnny machte ein Gesicht, als ob man noch gar nicht wissen könne, wie weit sich in dieser Hinsicht die Macht Englands erstreckte, und der Steuermann antwortete jetzt dem jungen Manne, dass gar keine andere Möglichkeit sei, als im großen Bogen die beiden Flotten zu umkreisen und den Versuch zu machen, südwestlich von Sinope, an einer Stelle, die ihnen bekannt war, zu landen. George nahm das Anerbieten an und das Boot flog in südlicher Richtung davon, gejagt von dem günstigsten Winde.

Inzwischen dröhnte ununterbrochener Geschützdonner. Plötzlich zerriss ein Krachen, stärker als alles vorhergegangene, die Luft. Die Türken fuhren zusammen und beteten. Johnny deutete ernst nach oben.

Er wollte ausdrücken, es sei ein Schiff in die Luft gegangen. Und bald darauf fielen in der Tat hier und dort einige Fetzen Holz und Segeltuch neben dem Boot ins Meer. George stand auf und blickte nach Westen.

Das hohe Ufer versperrte die Aussicht; auch war die Luft noch immer trübe. Aber es zeigte sich deutlich eine Wolke in einiger Entfernung, deren Farbe von derjenigen des Nebels und der Wolken verschieden war – der Pulverdampf über der Kampfstätte. Sie sahen auch die beiden Schiffe, deren Umrisse sie vorher bemerkt und die mit dem herrlichsten Winde zum blutigen Handwerk in die Bucht von Sinope hineinsegelten.

Pfeilschnell schoss das Boot vorwärts. Bald lag die Bai auf ihrer Nordseite – noch heller wurde die Luft – sie sahen eine Reihe von Schiffen, über ihnen eine schnell vom Winde zerrissene, aber sich stets erneuernde Dampfwolke.

»Wie viel Schiffe haben die Türken auf der Reede, Sir?« fragte Johnny.

George antwortete, dass die Flottille, wie er in Konstantinopel gehört, aus zehn Kriegsschiffen zweiten, dritten und vierten Ranges bestanden, die Truppen und Munition für die Armee in Kleinasien und die kaukasischen Bergvölker an Bord gehabt, dass er aber nicht wisse, ob diese ganze Flottille im Hafen von Sinope vor Anker gegangen sei.

»Nun, wenn es auch die ganze ist«, sagte Johnny, »so wird sie doch nichts gegen die Russen ausrichten können. Ich zähle acht bis neun große russische Schiffe, darunter fünf oder sechs ersten Ranges. Die Russen sind den Türken fast ums Doppelte überlegen. Ja, wenn es Engländer und keine Türken wären!«

Es war jetzt mehr als eine halbe Stunde seit dem Beginn des Kampfes vergangen, der noch immer mit derselben Heftigkeit fortwährte. Der nördliche Wind trug das Krachen der Geschütze so deutlich herüber, dass die Luft erzitterte.

Das Boot näherte sich der Küste. Johnny lugte aus. Die Brandung musste jeden Landungsversuch an den steilen Ufern verhindern. Die Türken schienen jedoch ihrer Sache gewiss zu sein; sie mussten das Ufer kennen. Und in der Tat erreichten sie nach einer viertelstündigen, zuletzt wieder sehr vorsichtigen Fahrt den Eingang einer kleinen Bucht. Johnny nickte beistimmend, als der türkische Steuermann das kleine Fahrzeug glücklich durch die Brandung in die kleine Bucht lenkte, die durch einen hohen Felsengrat, der sich wie eine Mauer in das Meer hineinzog, gegen den Nordwind geschützt war. Am Ufer der Bucht erhoben sich ärmliche Fischerhütten; einige Boote ankerten in dem ruhigen Wasser.

Die Bewohner der Hütten standen auf dem Felsen und schauten erstarrt vor Schrecken nach Sinope hinüber.

»Gott sei Dank!« rief George aufatmend, als er an das Ufer sprang. »Nun, Leute«, wandte er sich an die Türken, »ist das Boot hier sicher und kann es hier liegen bleiben, bis ich Euch Nachricht sende? Ich werde Eurer noch bedürfen, auch habt Ihr Euch mir auf eine Woche verdungen. Ich glaube nicht, dass die Russen Sinope besehen werden, und ich denke, das Boot wird hier sicher sein; die Russen werden diese Bucht nicht entdecken.«

Die Türken wollten sich gegen alle Wechselfälle sichern; sie verlangten eine Entschädigung für den Fall, dass ihr Boot von den Russen genommen würde George versprach alles. Dagegen gelobten die Türken, sich noch sechs Tage zu seiner Verfügung zu halten und über das Gepäck des jungen Mannes, das sich in der Kajüte befand, zu wachen. Es wurde ausgemacht. dass die Türken das Boot nach dem Hafen von Sinope führen sollten, sobald sich mit Sicherheit herausgestellt, dass die Russen die Reede verlassen. Dann eilte George, von Johnny gefolgt, die Berge hinauf.

Er hatte die schützende Decke im Boot zurückgelassen, und seine schlanke, hohe und regelmäßige Gestalt zeigte sich jetzt unverhüllt. Trotz der Eile offenbarten seine Bewegungen natürlichen Anstand und Anmut. Er trug europäische Tracht, jene dem türkischen Fes ähnliche dunkle Mütze ausgenommen. Es wurde Johnny nicht leicht, dem beweglichen jungen Manne die Berge hinauf zu folgen; seine starke, untersetzte Gestalt war für das Klettern nicht eben geeignet. Aber unermüdlich und ausdauernd überwand er die Schwierigkeiten, des Schweißes nicht achtend, der ihm auf das gerötete Gesicht trat. Auf der Höhe angelangt, orientierten sie sich über den Weg und eilten dann auf dem Kamm der Felsen weiter.

Das grässlich schöne Schauspiel der Seeschlacht lag jetzt fast zu ihren Füßen. Nicht nur der Donner der Kanonen umdröhnte sie majestätisch, sie hörten auch zu weilen das Sausen der Kugeln; sie sahen deutlich die russischen Schiffe in Kampfordnung aufgestellt und auch die türkischen Fahrzeuge, deren Zahl bereits zusammengeschmolzen war. Die Strandbatterien von Sinope schienen untätig zu sein; sie hätten nicht feuern können, ohne die türkischen Schiffe zu treffen, denen es bei dem unerwarteten Angriff unmöglich gewesen, ihre Stellung zu ändern. Johnny hätte gern mit Muße den Kampf beobachtet, aber die Ungeduld Georges trieb auch ihn weiter. Ein furchtbares Krachen hielt sie beide auf, atemlos standen sie still. Eine ungeheure Lohe erhob sich im Hafen von Sinope, eine riesige Dampfwolke wirbelte langsam empor, bis sie vom Winde ergriffen und zerstreut wurde. Es zeigte sich, dass wieder eine neue Lücke in den türkischen Schiffen entstanden. Andere Schiffe brannten; eins versank, wenige Minuten, nachdem jenes Schiff in die Luft geflogen. Es war ein Anblick voll Grauen, nur gemildert durch die weite Entfernung, die den beiden Männern die Einzelnheiten entzog, von denen ein solcher Kampf begleitet sein musste. Selbst Johnnys Gesicht wurde finster und er sagte mürrisch:

»Das ist ja eine Heidenwirtschaft! Da sind wir gerade gut zurechtgekommen! Damn! Warum schickten wir nicht fünf von den Dreideckern, die jetzt im Bosporus von ihrem Nichtstun ausruhen, in den Hafen? Da wären die Russen wohl hübsch draußen geblieben! Na, Sir, es kommt noch! Ich denke, nun wird’s losgehen!«

Der Kampf währte ununterbrochen mit derselben Wut fort, während die beiden, so schnell es der unebene Boden erlaubte, über die Höhen eilten. Ein türkisches Schiff sank nach dem andern. Auch in der Stadt wirbelten schon Rauchsäulen auf. Die Strandbatterien von Sinope ließen ihre Kanonen spielen, denn die Schiffe, die sie gehindert, lagen entweder auf dem Meeresgrunde, oder waren in Millionen Trümmern zum Himmel emporgeflogen oder man hatte sie auf den Strand treiben lassen. Die Russen überschütteten die Batterien mit Bomben.

George und Johnny waren jetzt der Stadt so nahe, dass sie deutlich die Barken bemerken konnten, auf welchen die türkische Besatzung sich von den Schiffen zu retten suchte. Auch einen kleinen Dampfer bemerkten sie, der durch die russische Flotte hindurchfuhr kund glücklich die hohe See erreichte. Es war, wie sie später erfuhren, der türkische Dampfer Taïf, der einzige, der die Kunde von dem Unglück bei Sinope nach Konstantinopel brachte.

Die Wanderung bis zu den Vorstädten hatte ungefähr eine Stunde gedauert; wenig mehr als zwei Stunden waren seit dem Beginn des Kampfes verstrichen. Jetzt wurde das Feuer plötzlich schwächer und schwieg – dann fast ganz. George und Johnny waren eine Zeitlang in einer Ebene weitergeeilt, von der sie den Hafen nicht sehen konnten. Als sie bei den ersten Häusern der Vorstadt anlangten und auf das Meer blickten, sahen sie nur noch zwei kleine türkische Kriegsschiffe, die entmastet am Strande lagen, und ein anderes am Schlepptau eines russischen Schiffes. Die Flotte war vernichtet.

Die schnelle Wanderung hatte die Wangen des jungen Mannes gerötet; jetzt wurden sie wieder blasser.

Seine Miene zeigte eine tiefe, fast verzweiflungsvolle Trauer.

»O Johnny«, seufzte er, »ein harter Schlag auch für meine Hoffnungen! Wenn das so fortgeht, wenn; viele solche Unglücksfälle folgen, dann ist es geschehen um die Türken und die Verbündeten!«

»Ei, lassen Sie nur die Teerjacken kommen. Sir!« sagte Johnny zuversichtlich. »Die und die französischen Rothosen, die werden’s schon machen, keine Sorge, drum!«

Die Stadt brannte und bot ein Bild voll Schrecken.

George und Johnny schritten langsam vorwärts, denn die Straßen waren angefüllt mit fliehenden türkischen Soldaten und Einwohnern, die in den Bergen Schutz vor der erwarteten Landung russischer Truppen suchten.

Je mehr die beiden sich demjenigen Teile der Stadt näherten, der am meisten von den Kanonenkugeln gelitten, desto grässlicher wurde der Anblick. Tote und Verwundete lagen auf der Straße. Niemand kümmerte sich in dem allgemeinen Schrecken um sie. Aus zerstörten Häusern brachen die Flammen hervor; über einem großen Teile der Stadt schwebte eine einzige Glut- und Rauchmasse. Das Wimmern der Verwundeten, das Geschrei der Weiber und Kinder zerriss das Herz. Johnnys Gesicht war sehr finster geworden; George, an den Anblick des Todes nicht gewöhnt, musste oft entsetzt den Blick abwenden und stillstehen, um sich sammeln und dann rascher weiter eilen zu können.

Endlich gelangten sie in einen Teil der Stadt, der wegen seiner höhern Lage weniger gelitten zu haben schien. Aber auch hier sahen sie Trümmer und grässlich verstümmelte Leichen von den in die Luft gesprengten Schiffen. Ermüdet sank George auf eine steinerne Bank vor einem anscheinend verlassenen Hause.

»Es würde vergebens sein, jetzt zu fragen«, sagte er. »Niemand kann uns in dieser Verwirrung Auskunft geben. Ich hoffe zu Gott, Johnny, dass Mr. und Miss Hywell noch nicht angekommen oder dass sie der Gefahr entgangen sein mögen!«

»Ich hoffe mit Ihnen, Sir«, sagte Johnny ernst. »Wie heißt der Herr, bei dem Sie sich erkundigen sollen?«

»Mr. Wiedenburg«, antwortete George. »Er ist früher mit Mr. Hywell in England bekannt geworden und wohnt seit einiger Zeit in Konstantinopel und Sinope, um Handelsverbindungen anzuknüpfen. Bei ihm sollte ich Nachrichten über Mr. Hywell erhalten.«

»Wir wollen gehen, wir werden ihn schon finden«, sagte Johnny. »Ich möchte selbst gern wissen, ob er –«

Er beendete den Satz nicht. Die beiden saßen noch eine Zeitlang schweigend und erhoben sich dann. Sie versuchten, mehrere Türken, die an ihnen vorübereilten, anzureden, aber man gab ihnen keine Antwort. Endlich gelangten sie auf einen Platz, wo sie eine Menge Volk trafen, das in großer und wilder Aufregung zu sein schien. Hier fragte George einen Mann in europäischer Tracht nach der Wohnung irgendeines Konsuls. Der Mann war ein Italiener, verstand aber ein wenig Französisch und antwortete, dass er nur die Wohnung des österreichischen Konsuls Herrn Pirjantz kenne, die er den beiden bezeichnete. Er fügte hinzu, sie möchten eilen, wenn sie ihn sprechen wollten. Denn wie immer wende sich jetzt die Wut des türkischen Pöbels, da sie keinen andern Gegenstand finde, gegen die Fremden und namentlich gegen die Deutschen, die man als geheime Verbündete Russlands betrachte, während man auf die Engländer und Franzosen einige Rücksicht nähme, weil sie wenigstens den Willen zu haben schienen, den Türken zu helfen.

George und Johnny suchten die ihnen bezeichnete Wohnung auf, die sie schon von fern an der österreichischen Flagge erkannten. In der Tat zeigten sich in der Nähe derselben drohende und heftig redende Pöbelgruppen. George ging hinein in das Haus; man sagte ihm jedoch, dass der Konsul wegen augenblicklicher und dringender Geschäfte nicht zu sprechen sei. George fragte den Diener, ob er die Wohnung eines Herrn Wiedenburg kenne. Der Diener bejahte und antwortete, die Wohnung dieses Herrn befinde sich im, westlichen Teil der Stadt, in der Nähe der Vorstädte, und bezeichnete sie genauer. George fragte, ob er zufällig davon gehört, dass Fremde, Engländer, bei Herrn Wiedenburg angekommen seien. Der Diener verneinte.

»Ich war erst gestern bei dem Herrn im Auftrage des Herrn Konsuls«, fügte er hinzu, »ich habe aber keinen Fremden dort bemerkt. Wenn Sie Herrn Wiedenburg sehen, so sagen Sie ihm nur, er möge entweder in seiner Wohnung bleiben oder außerhalb der Stadt einen sichern Ort aufsuchen. Die Türken sind nicht gut auf uns zu sprechen – ich meine den Pöbel, der jetzt die wehrlosen Fremden zerreißen möchte, nachdem er keinen Mut gehabt, sich gegen die Russen zu verteidigen. Herr Wiedenburg möchte sich nicht auf der Straße zeigen!«

Die Wanderung musste von neuem begonnen werden. George fühlte sich von der Aufregung und von den Gräueln, die er gesehen, so matt, dass er sich auf Johnnys Arm stützte. Auch hatte er die Nacht schlaflos in dem kleinen Boote zugebracht, das am Morgen des vergangenen Tages Konstantinopel verlassen. Er fühlte sich fast krank. Johnny bedauerte, seine Rumflasche im Boot zurückgelassen zu haben, wo die faulen Türken sie wahrscheinlich leichter machen würden.

Nach langer Wanderung, nach vielem, meist vergeblichem Hin- und Herfragen erreichten sie das Haus, in welchem Wiedenburg wohnte. Aber was leicht zu erwarten gewesen, traf ein. Der Deutsche hatte sich nach der Stadt begeben, um sich bei den Konsuln zu erkundigen, welches Schicksal der Stadt bevorstehe. Auf die Frage nach Mr. Hywell antworteten die Diener, dass allerdings schon seit Wochen einige Zimmer für die Ankunft von Fremden bereitgehalten würden, dass diese Fremden aber noch nicht angekommen seien. George wollte sich entfernen, aber die Diener baten ihn und Johnny, zu bleiben. Sie mochten glauben, dass die Anwesenheit eines jungen Mannes mit orientalischem Gesicht und eines Mannes im englischen Matrosenanzuge zu ihrer Sicherheit dienen könne, und sprachen mit Besorgnis von einer bevorstehenden Plünderung. George nahm das Anerbieten gern an.

Die Diener brachten Tee und Wein, und der ermattete junge Mann setzte sich nieder, um feinen Gedanken nachzuhängen. War doch wenigstens eine Last von ihm genommen! Mr. Hywell und seine Tochter hatten sich nicht in Sinope befunden! Und doch hätte er andererseits gewünscht, sie zu sehen. Er konnte und wollte Sinope nicht verlassen, um einen Plan auszuführen, der über seine Zukunft, vielleicht sein ganzes Leben entscheiden musste, ohne Mr. Hywell noch einmal wiedergesehen zu haben. Je länger dieser fernblieb, desto länger musste der Aufenthalt Georges in Sinope währen – ein untätiger Aufenthalt. Und nichts erschien dem jungen Manne, dessen Seele sich in glühender Ungeduld verzehrte, qualvoller als die Untätigkeit.

Johnny spazierte indessen auf dem platten Dache auf und ab und beobachtete die Bewegungen der russischen Schiffe, die vor Anker gingen und die erhaltenen, nicht bedeutenden Beschädigungen ausbesserten. Er sah, wie eine Menge Ertrunkener aus dem Hafen aufgefischt wurden und ein russisches Parlamentärboot nach der Stadt ruderte, aus welcher immer noch Hunderte nach den westlichen Bergen flohen. Gewiss machte sich Johnny seine Gedanken über das, was er gesehen: Eine stattliche Flottille und Tausende von Menschenleben in dem kurzen Zeitraume zweier Stunden vernichtet! Einige Mastspitzen, die aus den leichtbewegten Wellen des Hafens hervorragten, die einzigen zerbrechlichen Denkmäler dieser grauenvollen Zerstörung! Aber sein rotes Gesicht blieb ruhig, selbst wenn er zuweilen ein Goddam! murmelte, und er rauchte gleichmütig seine kurze Pfeife, die er glücklicherweise nicht in dem Boot vergessen wie die Rumflasche.

Es dämmerte bereits, als Johnny hinabging. Er fand George auf seinem Stuhle schlummernd. Mit einer gewissen Teilnahme betrachtete der robuste Engländer das feine, blasse Gesicht des jungen Mannes, das selbst im Schlafe noch die Spuren innerer Unruhe trug. Er schüttelte den Kopf.

»Der muss etwas vorhaben!« brummte er vor sich hin. »Miss Mary ist’s nicht allein, die in ihm spukt. Nun, werden’s bald erfahren. Möchte wissen, was er eigentlich ist. Hielt ihn immer für einen Russen. Was liegt denn eigentlich da drüben für ein Land, im Osten des Wassers?«

Und er grübelte vor sich hin.

Das Eintreten eines Dieners weckte George; der Diener meldete, dass Herr Wiedenburg in der Nähe mit einigen Türken sprechend gesehen worden sei, dass er also wohl bald kommen werde. George erhob sich und schritt durch das Zimmer.

»Das war ein böser Tag, Johnny!« sagte er.

»Der erste Kampf, den ich in der Nähe gesehen habe, zeigte mir eine Niederlage der Türken. Der Tod ist grässlicher, als ich glaubte!«

»Nun, Sir«, meinte Johnny, »das ist er, aber doch nicht so schlimm, wie man glaubt. Ich kann zwar nicht viel mitreden von Schlachten, hab’ nur einmal drüben in China auf einem Kauffahrer ein hitziges Gefecht mit Piraten bestanden; doch wenn man mitten drunter ist, so merkt man’s weniger. Aber das Morden und die Toten zu sehen, ohne selbst teilzunehmen, ohne dass einem das Blut in den Adern kocht, ja, das ist hässlich. Der Anblick heut in der Stadt hat mir nicht gefallen!«

»Ich fürchte, das ist ein böses Vorzeichen, Johnny!« sagte George und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

»Für wen, Sir?«

»Nun, für den Kampf überhaupt und für mich!« antwortete George.

»Wollen Sie denn in den Kampf, Sir?« fragte Johnny. Und als der junge Mann nicht sogleich antwortete, fuhr er fort: »Oder meinen Sie die Engländer und Franzosen? Sie glauben doch nicht, dass die sich von den Russen so zurichten lassen würden wie die Türken? Die werden’s den Russen schon eintränken, warten Sie nur! So ungeschickt wird sich eine englische Flotte nicht aufstellen. Die Batterien konnten ja nicht feuern! Und die Tapfersten scheinen mir diese Herren Türken heute auch nicht gewesen zu sein. Etwas saurer hätten sie’s den Russen schon machen können, trotz der Überrumpelung! Scheinen sich sehr sicher hier gefühlt zu haben, die Herren Rotkappen, sonst hätten sie sich nicht so faul vor die Stadt gelegt und vergessen, Wache zu halten.«

Ein Herr trat ein, und Johnny unterbrach seine strategischen Betrachtungen. Es war ein bereits bejahrter Mann, der sich sogleich an George mit der Frage in englischer Sprache wandte, ob er es gewesen, der ihn zu sprechen gewünscht.

»Mein Name ist George, ich bin der Pflegesohn von Mr. Hywell«, antwortete der junge Mann.

»Willkommen dann!« antwortete Wiedenburg, ihm die Hand reichend. »Sie wollen Nachrichten über Mr. Hywell hören. Er ist noch nicht angekommen, auch vermute ich, dass er vielleicht nicht seinen Weg über Sinope nimmt. Aber ich will Ihnen die Briefe Mr. Hywells, zeigen. Kommen Sie mit mir!«

George folgte dem Deutschen nach dessen Wohnzimmer und fragte im Gehen nach dem Schicksal, das der Stadt bevorstehe.

»Nun, das Schlimmste scheint vorüber«, antwortete Wiedenburg. »Freilich, viel schlimmer für die Türken konnte es nicht werden! Indessen wäre eine Plünderung der Stadt doch immer ein trauriges Nachspiel zu diesem grässlichen Ereignis gewesen. Die Flotte ist vernichtet, vier- bis fünftausend Türken sind getötet, einige hundert gefangen. Über das Schicksal der beiden Admirale, Hussein- und Osman-Paschas, wissen wir noch nichts Genaues. Admiral Nachimow hat dem österreichischen Konsul angezeigt, dass er das Privateigentum respektieren wolle und dass die Feuersbrunst in der Stadt nicht von ihm beabsichtigt worden sei. Umso mehr haben wir eine Plünderung von Seiten der Türken zu fürchten; der Pöbel benutzt ja gern derartige Gelegenheiten, um sich für die überstandene Angst durch Gräueltaten an Unschuldigen zu entschädigen. Schon bedroht man Mr. Pirjantz, und beschuldigt ihn des Einverständnisses mit den Russen, weil Nachimow den Parlamentär an ihn geschickt. Zu wem soll er denn senden, wenn die andern Konsuln nicht zu finden sind? Nun, ich hoffe, die Gefahr wird vorübergehen. Im Notfall müssen wir die Russen um Schutz ersuchen. Nehmen Sie Platz, Sir! Hier sind die Briefe.«

Ein Diener brachte Licht, und George durchflog die Briefschaften, die Wiedenburg ihm reichte.

Mr. Hywell, den er seinen Pflegevater genannt, war ein reicher englischer Kaufmann, das Haupt eines großen Handlungshauses und als ein sehr erfahrener Mann oftmals von dem Handelsministerium zu Rate gezogen und zu Missionen verwendet. Teils im Auftrage der Regierung, teils in eigenen Angelegenheiten hatte er vor mehr als zwei Jahren eine Reise nach Ostindien unternommen. Der Aufenthalt dort war durch mancherlei Umstände verlängert worden; jetzt wollte Mr. Hywell über Persien zurückkehren Er hatte den mühsamen und unbequemen Weg zu Lande gewählt, weil ihm auch eine Mission für Persien anvertraut worden. Über Sinope wollte er dann nach Konstantinopel gehen und von dort nach England zurückkehren. Von den inzwischen ausgebrochenen Feindseligkeiten zwischen Russland und der Türkei hatte er erst kurz vor seiner Abreise aus Ostindien Kunde erhalten und der Nachricht, wie so viele Politiker, kein großes Gewicht beigelegt. Wiedenburg hatte schon seit Jahren von Konstantinopel aus mit ihm in Handelsverbindungen gestanden, und auf Handelsgegenstände bezogen sich auch die meisten der Briefe, obwohl in ihnen manche andere Mitteilung mit einfloss, da die beiden Männer einander befreundet waren. Aus den Briefen sah George auch, dass ein Mr. Edmund Wiedenburg, ein junger Deutscher, der einige Jahre in Ostindien gelebt, ein entfernter Verwandter des Kaufmanns in Sinope, sich der Gesellschaft Mr. Hywells für die Rückreise angeschlossen. Mary Hywell begleitete ihren Vater, weil er es gewünscht. Es war dem schon bejahrten Manne, dem die Gattin längst gestorben und der keine Kinder außer Mary besaß, unmöglich gewesen, sich auf lange Zeit von der damals siebzehnjährigen Tochter zu trennen. Der letzte Brief war aus Teheran geschrieben und trug das Datum des Monats August.

»In diesem Briefe spricht Mr. Hywell von seiner bevorstehenden Abreise«, sagte George, die Briefe zurückgebend. »Eine Reise von Teheran bis hierher dauert doch unmöglich drei Monate und länger.«

»Mr. Hywell wird seiner Tochter wegen langsam gereist sein«, erwiderte Wiedenburg. »Auch mag sein Aufenthalt in Teheran länger gewährt haben, als er damals voraussah. Nichtsdestoweniger, um Ihnen die Wahrheit zu sagen, muss ich bekennen, dass das Ausbleiben Mr. Hywells und fernerer Briefe von ihm mich unruhig macht. Die Länder, welche Ihr Pflegevater zu durchreisen hat, sind sichern Nachrichten zufolge in einem Zustande wilder Aufregung. Sie wissen, dass Persien sich mit Russland verbunden und dass die Türkei die Kurden gegen Persien aufgeboten. Diese werden aus eigene Hand operieren, das heißt plündern und rauben, wo etwas zu finden ist. In Ordnung sind sie nicht zu halten; wir hören täglich darüber die bittersten Klagen von Seiten der türkischen Befehlshaber, namentlich der Europäer, die in türkischen Diensten stehen. Ich würde mich deshalb sehr freuen, wenn ich erführe, dass Mr. Hywell den Weg durch das russische Gebiet genommen. Dort ist allerdings der Krieg zwischen Russen und Türken im vollen Gange und auch die Bergvölker mischen sich darein, aber für Reisende ist der Weg dennoch der sicherere. – Ja, ohne Sie in Besorgnis setzen zu wollen, muss ich Ihnen doch sagen, dass der Brief eines Kaufmanns aus Erzerum mir meldet, es seien ihm von einigen Kurden sehr schöne ostindische Schals zum Kaufe angeboten worden, die höchstwahrscheinlich von diesen Räubern bei einem Angriff auf eine Karawane oder einzelne Reisende gestohlen worden. Wie gesagt, es ist durchaus nicht notwendig, dass gerade Mr. Hywell dieses Unglück erlitten, aber die Möglichkeit ist vorhanden. In keinem Falle aber fürchte ich für das Leben Ihres Pflegevaters und seiner Begleiter; diese Schurken sind jetzt so klug geworden, ihre Gefangenen nicht eher zu töten, als bis sie die Gewissheit erlangt haben, dass sie kein Lösegeld zu erwarten haben. Sie werden jedenfalls erst den Versuch machen, ein solches zu erpressen.«

»Aber wenn Mr. Hywell Widerstand geleistet hätte, wenn ein Kampf entstanden wäre!« rief George mit gepresster Stimme. »Und Miss Mary –«

»Mein lieber Sir«, unterbrach ihn Wiedenburg, »wir wollen uns nicht ängstigen. Mr. Hywell ist jetzt vielleicht sicher und wohlbehalten auf dem Wege hierher. – Welches ist Ihre Absicht? Wollen Sie hier Ihren Pflegevater erwarten, oder wollen Sie ihm nach Erzerum entgegenreisen? Ich halte das Letztere für vergeblich, denn ich habe die feste Überzeugung, dass Mr. Hywell den Weg über Achalzik oder Tiflis eingeschlagen haben wird; um nicht das gefährliche Land der Kurden zu passieren. Mr. Hywell ist ein vorsichtiger Mann, der sich gewiss von den Schwierigkeiten eines Weges unterrichtet, ehe er ihn einschlägt!«

»Ich hoffte so sehr, Mr. Hywell hier zu finden!« antwortete George mit einem Seufzer. »Ich wollte ihn um die Billigung eines Plans bitten, den ich entworfen. Was soll ich nun tun? Ich ginge gern überallhin, wo ich hoffen könnte, ihn zu finden! Und wüsste ich, dass eine Gefahr ihm drohte – Doch alles Überlegen ist vergeblich! Wie steht es auf dem Kriegsschauplatze in Armenien? Sind die Türken vorgegangen?«

»Ja, aber ich glaube nicht, dass sie weit kommen werden«, antwortete der Deutsche. »Die Führer sind uneinig unter sich selbst, keiner will dem andern gehorchen. Und da die Russen für den Augenblick die Bergvölker nicht zu fürchten haben, so werden sie die Gelegenheit benutzen, einen empfindlichen Streich gegen die Türken zu führen.«

»Was halten Sie von dem Beistande, den Schamyl den Türken leisten kann?« fragte George.

»Mein lieber Sir«, antwortete Wiedenburg, »es ist nicht leicht, die Zukunft vorauszusagen. Aber wenn ich eine kurze Meinung äußern soll, so ist es folgende. – Die Franzosen und Engländer werden den Türken beistehen, ja, davon bin ich überzeugt. Siegen die Türken, so darf man nicht glauben lassen, sie hätten es allein mit dem mächtigen Russland aufnehmen können, und man wird eine Armee nach der Donau oder an die russische Küste senden, um den Türken den Ruhm ihres alleinigen Siegs zu schmälern; werden sie geschlagen nun, so versteht es sich von selbst, dass man ihnen zu Hilfe eilt, denn Russland soll nicht triumphieren; es soll gedemütigt werden und anerkennen, dass es nicht wohlgetan ist, gegen Frankreichs und Englands Willen zu handeln. Ein Kampf auf Leben und Tod wird es nicht werden; die Franzosen und Engländer werden, sobald Russland eine Schlappe erlitten, den Frieden vermitteln. Denn an einer wahren Kräftigung und Stärkung der Türkei liegt den Westmächten sehr wenig; sie verlören ja dann eine vortreffliche Gelegenheit, sich in die orientalischen Angelegenheiten einzumischen. Frankreich wird die Russen heimsenden, bis es vielleicht einst mit ihnen gemeinschaftlich über die Türkei herfällt. Und die Bergvölker? Sie werden allerdings die Gelegenheit benutzen, den Russen einige Niederlagen beizubringen. Aber schließlich fürchten sie die türkische Oberherrschaft ebenso sehr wie die russische; sie werden auf eigene Hand operieren und schon deshalb wenig erreichen. Ich kann mich irren, aber ich glaube, dieser Krieg wird im Sande verlaufen. Selbst Russland ist vielleicht jetzt schon unzufrieden damit, ihn begonnen zu haben.«

»Glauben Sie nicht, dass Georgien, Mingrelien, überhaupt die kaukasischen Länder die Gelegenheit benutzen werden, um die russische Herrschaft abzuschütteln?« fragte George.

»Nein, Sir! Der Krieg wird nicht lange genug dauern, um diese gezähmten und erschlafften Völker aufzuregen und an den Gedanken der Selbstständigkeit zu gewöhnen. Russlands Macht hat dort tiefe Wurzeln geschlagen. Ja, wenn die Russen überall zurückgedrängt und genötigt würden, den Süden des Kaukasus aufzugeben, dann wäre es möglich, dass sie nie zurückkehrten. Aber dahin kommt es nicht, diesmal nicht!«

George blickte düster vor sich nieder. Wiedenburg bot ihm ein Zimmer für die Nacht und überhaupt für so lange an, als George ihm seinen Besuch schenken wolle.

»Ich werde nur bis morgen früh bleiben«, antwortete George. »Da ich Mr. Hywell nicht angetroffen, so will ich hinüber nach Tschefketil und von dort aus den Versuch machen, etwas über Mr. Hywell zu erfahren.«

»Werden Sie als Neutraler reisen?« fragte Wiedenburg. »Besitzen Sie die nötigen Papiere?«

George zögerte mit der Antwort.

»Ich werde mich wahrscheinlich den Türken anschließen«, antwortete er dann. »Zwar kenne ich die Ansicht meines Pflegevaters nicht genau und weiß nicht, ob er meinen Plan billigt; aber er hat früher stets so viel Sympathie für meine Pläne gezeigt –«

Er brach ab. Wiedenburg fragte nicht weiter. Er sagte nur nach einer Pause:

»Sie sind orientalischer Abstammung?«

»Ja«, antwortete George. »Deshalb bleibt mir in diesem Kampfe keine Wahl.«

Das Gespräch ging auf die Ereignisse des Tages über und George verließ dann seinen gastlichen Wirt, um Johnny mitzuteilen, was er über Mr. Hywell erfahren.

»Wir fahren morgen nach Tschefketil!« fügte er hinzu. »Das ist ein kleines Fort an der russisch-türkischen Grenze, das die Türken den Russen abgenommen. Dort, will ich Erkundigungen über mancherlei Dinge einziehen. Johnny, bist Du entschlossen, für alle Fälle bei mir zu bleiben?«

»Damn, Sir, gewiss!« antwortete Johnny. »Mr. Hywell hat mir gesagt, ich sollte über Sie wachen wie über meinen Augapfel, und ehe er mir nichts anderes befiehlt, tue ich meine Schuldigkeit!«

»So brechen wir morgen auf!« sagte George, ihm erregt die Hand drückend. »Komme, was kommen mag, ich kann nicht anders! Mr. Wiedenburg wird mir Nachricht senden, falls Mr. Hywell hier ankommt. Der Boden brennt mir unter den Füßen. Ich kann nicht länger müßig sein!«

Und nach einer Pause fügte er hinzu:

»Was meinst Du, Johnny, Miss Mary muss jetzt eine stattliche Dame sein? Mr. Hywell wird daran denken, sie zu verheiraten. Sollte sie vielleicht in Ostindien einen Nabob gefunden haben?«

Er versuchte dabei zu lächeln. Johnny schüttelte leicht den Kopf.

»Miss Mary lässt sich nicht so ohne weiteres verheiraten«, sagte er. »Die hat ihren Willen für sich. Und Mr. Hywell ist ja selbst ein kleiner Nabob. Nach Geld braucht Miss Mary nicht zu heiraten.«

Am folgenden Morgen verließen George und Johnny Sinope. Mr. Wiedenburg, der vielleicht die Pläne Georges erriet, hatte vergebens versucht, den jungen Mann zurückzuhalten und ihm dann, als George unerschütterlich auf seinem Vorsatz beharrte, nicht nur versprochen ihm, sobald er etwas über Mr. Hywell erfahren, Nachricht nach Tschefketil nachzusenden, sondern auch für alle Fälle, wie er sagte, die Namen einiger Deutschen und Engländer in Tiflis und in Eriwan genannt, an welche sich George wenden sollte, wenn er Beistand bedürfe.

Ungefähr vierundzwanzig Stunden, nachdem es in die kleine schützende Bai eingelaufen, verließ das türkische Boot den sichern Zufluchtsort. Als es, mit dem nördlichen Winde kämpfend, die Höhe des Meeres zu erreichen suchte, sank George auf die Knie und flüsterte in stiller Erregung ein Gebet.

Auf der Reede von Sinope lagen noch die russischen Kriegsschiffe und ließen ihre Banner lustig und triumphierend herüberwehen.










II. Ein kolchisches Paradies


Im Süden des Kaukasus, in einer dem russischen Zepter unterworfenen Provinz, liegt Schloss und Stadt Garika[1 - Unserer Erzählung liegen außer den allgemeinen historischen noch einige andere wirkliche Ereignisse zugrunde. Wir erwähnen dies mit dem Bemerken, dass nicht nur die Namen der betreffenden Personen, sondern auch die Ereignisse selbst nach eigener und freier Erfindung geändert und dem Plane zu dieser Erzählung angepasst worden sind. D. V.], einst die Hauptstadt eines Königreichs gleichen Namens. Die unbedeutenden Häuser der Stadt ziehen sich am Fuße eines Felsens längs eines kleinen Flusses hin der den im Orient häufig wiederkehrenden Namen Karassu (Schwarzwasser) führt und der nur im Winter reißend, im Sommer aber gewöhnlich so seicht ist, dass man ihn durchwaten kann. Hoch auf dem Felsen, der steil nach dem Flusse abfällt, liegt Schloss oder Burg Garika, mit einer entzückenden Rundsicht auf die schneebedeckten Gipfel des Kaukasus im Norden das herrliche Flusstal mit seinen Weinbergen jenseits des Flusses und die schönen Wälder im Süden und Westen. Es mag einst sehr fest gewesen sein; die Außenmauern sind aber längst geschleift, und einige im modernsten russischen Geschmack errichtete Pavillons und Nebenhäuser zeigen deutlich, dass hier eine neue Zivilisation unter den Fittigen des russischen Adlers eingezogen.

Es war in den ersten Tagen des Dezember, und die Wälder prangten noch in ihrem glühendsten herbstlichen Schmuck, als ein junger Reiter Schloss Garika verließ und den sanften Abhang hinabritt, der sich südlich vom Schlosse nach den Wäldern hinzieht und mit den herrlichsten Baumgruppen bedeckt ist. Er ritt ein prächtiges Pferd von echter Rasse und trug die Uniform eines russischen Milizoffiziers, jedoch nicht nur mit dem Abzeichen eines höhern Ranges, sondern auch mit einigen selbsterfundenen malerischen Verzierungen, wie der Orientale sie liebt und die russischen Generale sie gern gestatten, da Glanz und Schmuck des Offiziers dazu beitragen, sein Ansehen bei den eingeborenen Truppen zu erhöhen. Es war ein schöner junger Mann, noch nicht dreißig Jahre alt, mit vollem, schwarzem Schnurrbart und von mehr schlanker als kräftiger Gestalt. Das etwas blasse, aber noch jugendlich frische Gesicht zeigte einen träumerischen Ausdruck; auch war die Haltung des Reiters nachlässiger, als man sie bei europäischen Offizieren findet. Der Orientale lässt sich gehen, bis der Augenblick seine ganze Kraftanstrengung verlangt. Der Schnitt des Gesichts zeigte den Kaukasier oder Circassier.

Der junge Offizier ritt langsam unter den schönen Buchen hin, in Gedanken verloren, als plötzlich ein Mann in der ärmlichen Tracht der eingeborenen Bauern hinter einem Baumstamme hervortrat. Da er waffenlos war und seine spitze Mütze demütig in der Hand trug, so hatte der Offizier nicht nötig, nach seinem Säbel oder nach den Pistolen zu greifen, deren goldverzierte Schäfte aus den Halftern hervorglänzten. Er wollte auch ruhig, ohne auf den Bauer zu achten weiterreiten, als er sah, dass dieser ihm ein Papier hinhielt.

»Was willst Du? Eine Bettelei?« fragte der Offizier in der Sprache der Eingeborenen.

»Nein, hoher Herr! Ein Brief, der von weit, weit her kommt.«

Der Offizier nahm den Brief, der die Spuren langer Wanderung trug, nicht ohne den Ausdruck eines gewissen Missbehagens, in den sich Verwunderung mischte. Die einfache Aufschrift in französischer Sprache lautete: »An Daniel Garika in Garika.«

Der Offizier blickte nach dem Siegel, aber es war zerknittert und unkenntlich geworden. Endlich öffnete er den Brief und las nur die wenigen Zeilen:



»Ich lebe und denke an das Vaterland und vergangene Zeiten. Was denkst Du? Sei bereit, mir zu antworten, wenn ich Dich wiedersehe.

George Garika.«


Der Offizier stieß einen kurzen Ruf des Erstaunens aus und seine Wangen färbte ein helleres Rot. Dann wandte er sich mit dem Rufe: »Woher hast Du das?« an den Bauer. Aber dieser war verschwunden. Überrascht, fast bestürzt, hielt Daniel Garika auf seinem Pferde und las teils den Brief wieder und wieder, teils blickte er um sich, ob der Bauer nicht noch einmal erscheine. Aber er blieb allein unter den einsamen Bäumen deren rotes Laub im Winde rauschte und zuweilen ein glutfarbenes Blatt auf den herbstlichen Rasen niedersandte.

»George lebt – er lebt!« flüsterte er vor sich hin.

»Und was bedeuten diese seltsamen Worte? Vaterland, vergangene Zeiten – ich soll bereit sein, ihm zu antworten! Seit zwölf Jahren glaubte ich ihn tot! Wo war er denn? Wo ist er? Hier, in der Nähe?«

Und er blickte abermals um sich, als ob er eine fremdartige Erscheinung erwartete. Aber alles blieb still.

Nur in weiter Ferne ließ sich der Hufschlag eines Pferdes vernehmen. Daniel untersuchte noch einmal das Siegel, fand es aber auch diesmal unkenntlich und zerriss nun den Brief in eine Menge kleiner Stücke und warf sie in den Wind, der sie verwehte.

Ein Reiter wurde unter den Bäumen sichtbar, ein junger Eingeborener. Sobald Daniel ihn erkannte, nahm sein Gesicht einen erwartungsvollen Ausdruck an, und er ritt dem Reiter entgegen, der demütig grüßte und ihm einen Brief überreichte, einen zarten Brief auf rosafarbenem Papier und mit frisch geschriebener Aufschrift: »Dem Prinzen Daniel Garika.«

Daniel erbrach ihn hastig und las die Worte in französischer Sprache:



»Mein lieber Prinz!

Nina und Michael besuchen eine Familie in der Stadt. Ich bin zurückgeblieben. Darf ich Sie erwarten?

Sophia.«


Daniel, freudig erregt, warf dem Reiter ein Geldstück zu, das dieser auffing, und rief.

»Ich komme!«

In demselben Augenblick erschien jedoch ein anderer Reiter auf schaumbedecktem Pferde und überreichte Daniel einen zweiten Brief, dessen Form und Aufschrift dieselbe Schreiberin bekundete. Daniel öffnete ihn diesmal zögernd und las die Zeilen:



»Mein lieber Prinz! Soeben kommt Paul. Ich melde es Ihnen in aller Eile, um Ihnen nicht unwahr zu scheinen. Wird dies ein Hindernis für Sie sein?

Ich hoffe nicht.

Sophia.«


Der zweite Bote erhielt keinen Lohn. Düster blickte Daniel Garika vor sich hin und gab dann den beiden Boten ein Zeichen, sich zu entfernen.

»Verwünscht!« rief er vor sich hin. »Immer dieser Paul! Soll das Spiel ewig dauern? Erst die Einladung, dann diese Nachricht hinterher! Der Teufel traue ihr! Gehe ich? Gehe ich nicht? Es ist mir eine Qual, mit dem hochmütigen Russen zusammen zu sein, mit ihm die Blicke und Worte Sophias zu teilen! Vorwärts – ja, ich will! Habe ich den Russen zu scheuen? Entweder Sophia oder – George, wenn Du kommst, werde ich Dir eine Antwort geben! Sie liegt in Sophias Hand. Du hast mich an die Vergangenheit erinnert, an die Zeit, in der unsere Ahnen Könige waren! Gut, wir wollen sehen, ob ein Kosakenhäuptling den Enkel eines Königs aus dem Felde schlägt!«

Und mit glühendem Antlitz sprengte er nach Westen den verschwundenen Boten nach.

Wie der Wind flogen Ross und Reiter durch den herbstlichen Wald. Der Reiter dachte nicht daran, die Schönheiten zu genießen, die sich nach allen Seiten hin darboten; sein Herz war voll Unruhe, und außerdem waren ihm ja diese Schönheiten etwas Altes. Die wundervollen, glühendroten Kronen der Buchen, Eichen und Linden, der Platanen, Eschen und Ulmen, zwischen denen die fast noch sommerlich grünen Ranken der Schlingpflanzen sich in südlicher Fülle hinzogen – er kannte sie ja von Jugend auf. Die Lichtungen mit ihrem bereits gelblichen, aber immer noch erfrischenden Rasen und ihren einzelnen malerischen Baumgruppen entlockten ihm kein Staunen der Bewunderung mehr. Dieses Paradies war sein Vaterland; er kannte den Namen jedes kleinen Dorfes, das aus den Bäumen an einem Bach hervorlauschte oder sich an einem dicht mit Gesträuch bewachsenen Felsen hinaufzog, und die herrlichen Formen der Baumwipfel und Berge riefen auch nicht ein einziges Mal das Bewusstsein ihrer Schönheit in ihm wach.

Seine Gedanken weilten bei denen, die er hinter ihnen finden sollte. So ritt er scharf fast eine halbe Stunde lang, bis der Wald sich plötzlich lichtete und eine Landschaft vor ihm lag, die jedes fremde Auge mit Entzücken erfüllt haben würde. Ein Tal, von mehreren Bächen durchzogen, die dem Karassu zueilten und deren Lauf von fast noch grünen Bäumen begleitet wurde, dehnte sich breit und gemächlich vor ihm aus. Zur Linken war es begrenzt von einem sanft im Halbkreis zurückweichenden Walde, vor ihm, jenseits des Tals, zog sich ein mäßiger Hügel hinauf, bedeckt mit Wald und Obstbäumen, die ein Schloss umrahmten, dessen Gemäuer durch das Laub hervorblickte. Nördlich von dem Schlosse, zur rechten Hand des Reiters, zeigten sich am Fuße des Hügels nach dem Karassu hin die Häuser eines kleinen Orts.

Lieblicheres und zugleich Edleres als die Formen des sanft schwellenden Hügels und der Umrisse der Baumgruppen vermochte man sich nicht zu denken. Hier und dort weideten Herden, von Knaben und Männern in der einfachen, aber malerischen Landestracht gehütet, eine Herde Füllen trabte über den weichen Wiesengrund, sich ergötzend in lustigen Sprüngen – es war in der Tat ein Bild des Paradieses!

Daniel Garika ritt etwas langsamer durch das Tal dem Schlosse zu. Er fürchtete, man könne ihn von dort aus bemerken, und mochte sich nicht zu eilig zeigen. Die Landleute, an denen er vorüberkam, zogen demütig ihre flachen Mützen; sie betrachteten ihn immer noch als den Herrn des Landes, über das der Großvater Daniels als König geherrscht hatte, bis Russland die Länder, welche den Süden des Kaukasus umspannen, unter sein Zepter zwang. Auch Schloss und Stadt Dari, die vor dem Reiter lagen, hatten einst den Garikas gehört.

Jetzt waren sie als Mitgift für Daniels Schwester Nina an den Grafen Michael Brazow gefallen, einen Russen.

Es war ein kleines, aber schönes Königreich gewesen, über welches die Garikas einst geboten. Jetzt war dem Königsenkel nichts geblieben als der Ertrag des Gebietes, das zu Garika gehörte, und sein Rang als Milizoffizier. Freilich war der Landstrich, den er sein nannte, immer noch so groß als manches deutsche Fürstentum.

Aber die Herrschaft lag in den Händen des Zaren und seines mächtigen Stellvertreters, des Generalgouverneurs von Cis- und Transkaukasien, damals Fürst Woronzow. Daniel Garika galt nicht mehr, vielleicht sogar weniger als jeder russische Untertan.

Kamen dem Fürsten düstere Gedanken, als er durch das Tal ritt? Fast schien es so, denn seine Stirn war gefaltet, seine Miene finster. Nach dem Tode seines Vaters und seiner Mutter in Petersburg erzogen, hatte er freilich die Macht Russlands bewundern und fürchten gelernt; jeder Gedanke daran, dass er einst wieder als eigener Herr in diesem Lande gebieten könne, war längst in ihm erstickt; über die Bemühungen Schamyls und seiner Genossen, dem riesigen Gegner Russland Widerstand entgegenzusetzen, zuckte er mitleidig und fast verächtlich die Achseln. Aber das Königsblut wallte den noch zuweilen in ihm auf. Er liebte Sophia, die Schwester Brazows. die sich seit einiger Zeit in Dari zum Besuch befand, aber er liebte sie nicht allein. Ein Reiteroffizier, Paul Ombrazowitsch, ein Freund und früherer Waffengefährte Michael Brazows, der das Kommando über eine in der Nähe stehende Kavallerieabteilung führte, machte ihr eifrig den Hof. Paul Ombrazowitsch war, wie es hieß, der Sohn eines Kosakenführers. Sollte ein Mann, der dem niedern Adel angehörte, den Sieg davontragen über den Enkel eines Königsgeschlechts, das seinen Ursprung ein Jahrtausend hinaus verfolgen konnte und einst unter den Herrschergeschlechtern von Kolchis berühmt gewesen war?[2 - Wir verstehen hier unter Kolchis nicht nur den schmalen Küstensaum am östlichen Ufer des Schwarzen Meeres, sondern auch die Gebiete landeinwärts bis nach Georgien hin. D. V.]

Am Fuße des Hügels angelangt, spornte Daniel Garika sein Ross wieder an und sprengte den gut gebahnten Weg hinauf bis in den Schlosshof. Das Schloss war demjenigen von Garika sehr ähnlich, aus verschiedenen Gebäuden von ungleicher Bauart und verschiedenem Alter zusammengesetzt, umgeben von einer nicht allzu festen Mauer. Auf dem Hof sprangen Diener herzu, das Pferd des Fürsten in Empfang zu nehmen. Er fragte nach der Gräfin Sophia. Sie sei mit dem Major Ombrazowitsch in den Park gegangen, lautete die Antwort, erst vor kurzem, und hätte die Weisung hinterlassen, Früchte, Gebäck und Liköre nach dem Springbrunnen zu bringen.

Daniel ging hastig nach dem Park, das Herz klopfte ihm vor Eifersucht. Dann aber siegte sein Stolz; er mäßigte seine Schritte und ging langsam nach dem Teile des Parks, in welchem sich der Springbrunnen befand.

Der Park von Dari war wie derjenige von Garika nur ein gelichteter Wald, aber eben deshalb umso schöner; die Kunst hätte hier nur verderben können.

Blutrote Buchenblätter bedeckten den Boden und dämpften die Tritte Daniels. Ranken von wildem Wein, Efeu und Winden verbanden wie Girlanden und durchbrochene Teppiche die starken Eichen und Buchen, die schlankstämmigen Lorbeer- und die Myrten- und Rosengebüsche.

Durch diesen zauberischen Gartenschritt Daniel dahin, bis er das Rauschen des Springbrunnens und ein helles Lachen hörte. Es kam ihm der Gedanke, zu hören, was Sophia mit dem Major spreche. Die Eifersucht ist stets misstrauisch, ja sie entsteht nur aus dem Misstrauen. Langsam und leise näherte sich Daniel dem Springbrunnen, und durch die bunten Blätter hindurch sah er Sophia auf einer Bank in der Nähe eines hölzernen Pavillons sitzen. Der Major stand vor ihr.

Sophia Brazow war keine regelmäßige Schönheit, aber ihr frisches Gesicht mit den zart geröteten Wangen, den dunklen, runden Augen war eins von denen, die im Sprechen Reiz und Leben gewinnen und durch die Beweglichkeit der Züge und durch den Ausdruck von Geist keine Betrachtung über die etwa mangelnde Schönheit aufkommen lassen. Die Form der Stirn und der Nase verrieten ein wenig den russischen Typus. Aber wenn sie lachte und die weißen Zähne durch die roten Lippen blitzten und die Augen so klar glänzten, erschien sie verlockend schön. Ihr ganzes Wesen trug den Stempel der Kraft, der Gesundheit und des Übermuts.

Sie mochte keine zwanzig Jahre alt sein, gewiss nicht darüber, und alles an ihr, der Teint, die Augen, die Lippen, das prächtige dunkle Haar, die gerundeten Formen der kaum mittelgroßen Gestalt, zeigte jene erste glänzende Frische der Jugend, die für sich allein schon oft Schönheit ist. Ihr Anzug war einfacher, als man ihn gewöhnlich bei den Russen des Orients, die ihn phantastisch ausschmücken lernen, findet; eine Art polnischer Schoßjacke, knapp anschließend, ein Seidenkleid, ein leichtes Hütchen und etwas Schmuck bildeten ihre ganze Toilette. Nur das fast rötliche Braun der Jacke und das helle Gelb des Kleides deuteten mit ihren lebhaften Farben auf den Orient.

Der Major war in seiner Dragoneruniform. Seine Gestalt war derjenigen Sophias ähnlich, nicht groß, kräftig, aber von guten Verhältnissen. Sein Gesicht zeigte den vollendeten Typus eines blonden Russen, die Augen nicht groß, aber glänzend, die Nase ein wenig emporgerichtet, die Stirn nicht hoch, aber voll Leben.

Hätte man sein Gesicht im Einzelnen prüfen wollen, so würde er die Probe der Schönheit schlecht bestanden haben. Und doch war der Eindruck, den er machte, durchaus kein ungefälliger. Auch in seinem Wesen lag Kraft und Gewandtheit, in seinen markierten Zügen Klugheit und Energie, seine ganze Erscheinung hatte etwas Abgerundetes, in sich Geschlossenes, das den entwickelten Mann kennzeichnet. Er hielt die Mütze in der Hand und sprach lebhaft mit Sophia. Die Sonne fiel auf sein rotblondes, starkes und gekräuseltes Haar, auf den stattlichen, wohlgeformten Schnurrbart und ließ sie wie Gold glänzen. So machte er den Eindruck eines kräftigen Soldaten, zugleich aber auch eines Mannes von geistiger Begabung und weltmännischer Durchbildung.

Ein wenig zu lebhaft waren seine Bewegungen, etwas zu scharf, fast lauernd war sein Blick. Der eifersüchtige Daniel mochte nicht so ganz Unrecht haben, wenn er behauptete, dem Major klebe etwas vom Parvenu oder wenigstens vom Abenteurer an. Es fehlte ihm die Ruhe des geborenen Aristokraten. Aber seine lebhafte Natur entschuldigte seine Beweglichkeit. Stirn und Augen verrieten, dass unruhige Gedanken sich hinter ihnen jagten.

Beide sprachen russisch, welche Sprache Daniel von Petersburg her, wo er nur russisch und französisch gesprochen, gut genug verstand. Der Major erzählte, wie er auf seinem Ritt nach Dari dem Bruder Sophias und dessen Gemahlin begegnet und ihnen schnell ausgewichen sei, um von ihnen nicht zu erfahren, dass Sophia sich allein auf dem Schlosse befinde, und dann mit ihnen umkehren zu müssen. Er erzählte gut, denn er besaß die Gabe, auch die unbedeutendsten Dinge in ein angenehmes Gewand zu kleiden. Die Damen fanden ihn sehr unterhaltend; Daniel dagegen behauptete, wenn er sich frei aussprechen konnte, der Major habe etwas vom Harlekin. Jedenfalls kannte Paul Ombrazowitsch die Frauen und wusste, wie man mit ihnen sprechen müsse.

»So gestehen Sie selbst ein, Major, dass Sie Unrecht getan haben, hierher zu kommen!« rief Sophia. »Sie hätten umkehren müssen, das fühlen Sie. Sagen Sie selbst, was daraus folgt!«

»Dass ich umso mehr Ihre Teilnahme verdiene, weil ich Ihretwegen einen Verstoß gegen die Konvenienz begangen«, antwortete der Major lächelnd. »Ich fühle mich strafbar, aber Sie dürfen mich nicht verurteilen!«

»Dennoch, weil Sie etwas gewagt, wozu Sie kein Recht hatten!« rief Sophia. »Oder würden Sie behaupten können, dass ich Sie zu solchen Besuchen ermuntert?«

»Und wenn ich es behauptete, Comtesse?« fragte der Major etwas keck.

»So würde ich Sie ohne Erbarmen Lügen strafen«, antwortete Sophia etwas ernster.

»Ich bitte um Verzeihung!« sagte Paul ergeben. »Reichen Sie mir Ihre Hand, Comtesse, als Zeichen der Vergebung und der Erlaubnis, bei Ihnen bleiben zu dürfen!«

»Ich würde sie Ihnen nicht geben, die Erlaubnis nämlich, wenn wir allein wären!« antwortete Sophia.

»Da ich aber den Fürsten Daniel bemerke, so fällt der Hauptgrund für meine Weigerung weg, und es sei Ihnen gestattet, mir Gesellschaft zu leisten.«

»Fürst Daniel?« fragte Paul, seinen Missmut augenblicklich hinter der schnellen Bewegung verbergend, mit der er sich umblickte. »Wo ist er denn?«

Daniel war glühend errötet, als die Worte der Gräfin ihm verrieten, dass ihre scharfen Augen ihn wahrscheinlich schon seit seinem Erscheinen bemerkt hatten. Doch fasste er sich schnell, zögerte noch einen Moment bei der Weinranke, hinter der er stand, als ob er etwas betrachte, und trat dann vor.

»Ich glaubte wahrlich, die Rebe dort treibe neue Blüten«, sagte er, gleichsam sein Zögern entschuldigend, und begrüßte sich dann mit Sophia Brazow.

Es konnte nicht auffällig scheinen, dass sie ihm die Hand reichte; – er war ja ihr Verwandter und galt in aller, selbst in des Majors Augen für den begünstigten Bewerber.

Daniel und der Major begrüßten sich höflich, etwas kalt, aber doch mit einer gewissen Vertraulichkeit, die allmählich zwischen Personen, welche sich oft sehen, eintritt.

Zwei Diener, die auf großen Schüsseln Früchte und Gebäck brachten, erleichterten das Anknüpfen der Unterhaltung, die jetzt französisch geführt wurde. Die Herren nahmen einige von den kleinen Kuchen und tranken Maraschino und Curaçao; von letzterem verschmähte selbst Sophia ein Gläschen nicht. Man sprach über das Wetter, das noch immer sehr schön war und den Aufenthalt im Freien gestattete, über das Befinden Michaels und Ninas und über den Krieg. Der Major hatte neue Nachrichten und die Bestätigung früherer Mitteilungen erhalten. Er berichtete, dass Fort Tschefketil (von den Russen St. Nikolai genannt) sich noch in den Händen der Türken befinde, dass aber die Generale Orbeliani und Bebutow die Türken bei Bajandur geschlagen hätten, und dass die Nachricht eines neuen, erst in den letzten Tagen erfochtenen Siegs bei Supliß angelangt sei. Die Türken, erzählte der Major, zögen sich überall zurück, doch hätten sie sich besser geschlagen als früher.

»Ich muss gestehen, dass mich zuweilen doch ein Lüstchen anwandelt, den Tanz mitzumachen«, fügte er hinzu. »Ich habe zwar bessere Gegner mir gegenüber gesehen, die Kabylen, die Ungarn, die Tschetschenzen, aber das Pfeifen der Kugeln bleibt doch immer eine angenehme Musik, und wenn ich dächte, die Türken hielten stand, so ließe ich mich zum Fürsten Andronikow nach Akalzich versetzen.«

»Da sieht man, wie konsequent die Männer in ihren Behauptungen sind!« sagte Sophia achselzuckend. »Noch vor kurzem hörte ich Sie sagen, Sie möchten Ihre Garnison in Kureli mit keiner andern vertauschen.«

»Ich könnte bei dem Wortlaut meiner Behauptung beharren«, antwortete der Major lächelnd. »Eine andere Garnison wünsche ich mir nicht. Aber die kämpfende Armee ist keine Garnison. Übrigens kann man nicht wissen, ob wir nicht bald mit Schamyl zu tun haben werden. Dann würden auch Sie Ihren Säbel schleifen lassen müssen, Prinz!«

»Der ist noch geschliffen von der Zeit her, wo ich als Fähnrich gegen die Tschetschenzen kämpfte«, antwortete Daniel Garika mürrisch. »Und wenn ich mich nicht darum bewerbe, unter Orbeliani oder Andronikow in die aktive Armee aufgenommen zu werden, so liegt der Grund· nur darin, dass ich nicht das Interesse wie Sie bei diesem Kriege habe.«

Es zeigte sich Erstaunen auf dem Gesichte des Majors und der Gräfin. Es war das erste Mal, dass der Fürst eine Äußerung gemacht, die oppositionell klang.

»Ich will nicht weiter in Sie dringen«, sagte Ombrazowitsch, »aber Ihre Andeutung ist zu kurz, um mir verständlich zu sein.«

»Nun, ich meine, dass ich, obgleich ein russischer Untertan, doch die Vergangenheit noch nicht vergessen kann«, sagte Daniel mit derselben düstern Miene. »Es fällt mir nicht ein, mich Russland feindlich zu zeigen, ich erkenne die Macht und Oberhoheit des Zaren bereitwillig an und füge mich ergeben in mein Schicksal; davon habe ich Beweise genug gegeben. Aber so begeistert wie ein Altrusse kann ich mich nicht gegen diejenigen schlagen, die mir ein Königreich bieten!«

Sophia sah mit dem höchsten Befremden auf den Fürsten. Das war eine Äußerung, die, wenn sie in der gehörigen Form und vielleicht mit kleinen Abänderungen nach Petersburg berichtet wurde, dem Fürsten einen Pass nach Sibirien eintragen konnte. Schlummerte in diesem Manne, der in Garika ein untätiges und erschlaffendes Leben führte, wirklich noch etwas von dem Mute seines Vaters und seiner Großmutter? Sophia kannte als Familienmitglied die Geschichte der Garikas gut genug.

Der Großvater Daniels war ein entnervter, willensschwacher Mann gewesen, dem Russland ohne viele Mühe das Zepter aus den Händen genommen; anders aber die Großmutter, die einen russischen Offizier, der ihr den Gehorsam verweigerte und sie mit Gewalt nach Tiflis führen wollte, mit dem gezückten Dolch aus ihrem Zimmer vertrieben hatte, und erst später mit List und Gewalt nach Petersburg gebracht worden war, wo sie bald starb; anders auch der Vater Daniels, der überwiesen worden, dass er einen Aufstand der Bergvölker nicht nur heimlich unterstützt, sondern auch im Begriff gewesen, sich demselben anzuschließen. Man hatte ihn nach Sibirien geschickt; er war auf der Reise dorthin oder kurz nach der Ankunft gestorben. Auch die Mutter war bald darauf verschieden. Die drei Kinder, Daniel, Giorgi und Nina, hatte man in Petersburg erzogen. Dort war Giorgi verschwunden; es hieß, er sei beim Baden in der Newa ertrunken. Seit jener Zeit hatte, wie wir wissen, Daniel Garika dem russischen Gouvernement eine unbedingte Ergebenheit gezeigt, und die Heirat Ninas mit Michael Brazow, einem Altrussen von erprobter Treue, schien das Band zwischen den Kindern der früheren Könige von Garika und Russland so fest geknüpft zu haben, dass niemand mehr an eine Lösung desselben dachte.

»Altrusse oder Neurusse«, sagte der Major ernst, aber doch in ganz ruhigem Tone, »Sie sind immer Russe und müssen für die Ehre des großen Vaterlandes einstehen.«

»Das weiß ich«, antwortete Daniel kurz ablehnend. »Und dennoch wäre es zu viel verlangt, bei mir dieselben Sympathien für Russland vorauszusetzen wie bei einem Petersburger oder Moskauer, oder auch nur bei den Kosaken, die ja schon seit längerer Zeit die Untertanen, Russlands sind.«

»Haben Ihnen denn die Türken Anerbietungen gemacht, Prinz?« rief Sophia ungläubig.

»Nicht mir«, antwortete Daniel kurz ausweichend. »Ich habe nur von Versprechungen gehört, die sie ihren Bundesgenossen gemacht.«

»Hm – türkische Versprechungen!« sagte der Major lächelnd. »Wollen Sie sich mit den Kurden auf eine Linie stellen? Das sind auch Bundesgenossen der Türken.«

»Sie sind nicht schlimmer als die Baschkiren und –«

Daniel unterbrach sich. Er hatte sagen wollen: die Kosaken.

»Die Mongolen zum Beispiel!« fuhr er dann langsam fort. »Doch brechen wir davon ab. Sie kennen meine Gesinnungen. Ich bin dem Kaiser ergeben, wie es nur einer sein kann, und wenn er mich ruft, stehe ich ihm zu Diensten. Aber drängen werde ich mich zu diesem Kriege nicht.«

Man sah es den Augen und den Zügen Sophias an, dass sie verwundert überlegte. Woher plötzlich diese Missstimmung bei einem Manne, der bisher seine Milizuniform mit demselben Stolze und mit mehr Eitelkeit vielleicht getragen hatte, wie jeder russische Offizier? Erriet ihr kluges Köpfchen, dass Daniel Garika sich nur interessant machen, dass er andeuten wolle, die Umstände könnten ihn zu etwas anderem erheben, als er jetzt war, ja dass er sich vielleicht zu dem gefährlichen Wagestück, entschlossen habe, der russischen Regierung gegenüber den Missvergnügten zu spielen, um dadurch einige Konzessionen zu erlangen, Konzessionen, die sich möglicher weise selbst auf Sophia Brazow erstrecken konnten?

Denn Zar Nikolaus zog auch die Heirat liebenswürdiger Frauen in den Bereich seiner Politik, und wenn es rätlich erschien, Daniel Garika durch eine Heirat mit der Comtesse fester an das russische Interesse zu binden, so ließ sich voraussehen, dass der entsprechende Wink von Petersburg nicht ausbleiben würde.

»Machen wir einen kleinen Spaziergang! Die Luft ist kühl«, sagte sie mit einiger Ungeduld.

Sie erhob sich, und die beiden Herren gingen neben ihr dem Walde zu. Das Gespräch wandte sich auf andere Dinge. Man sprach von Tiflis, wohin sich die Gräfin während der nächsten Monate begeben wollte, und beide Herren gaben ziemlich deutlich ihre Absicht zu erkennen, ihr dorthin zu folgen.

So gelangte man in den Wald, der von dem Park nur durch ein sehr einfaches Gitter getrennt war. Hier, an einem reizenden Platze, gebot Sophia Halt und setzte sich auf einen breiten Stein, der eigens zu diesem Zwecke hierher gerollt zu sein schien. Die beiden Herren blieben stehend neben ihr. Es war eine natürliche Rotunde, wie sie die Natur kaum schöner hervorbringen konnte. Sechs Säulen von den verschiedenartigsten Schlingpflanzen, unter sich durch schwankende Blättergewebe verbunden, bildeten fast einen Kreis und schlossen sich oben in einer Höhe von mehr als fünfzig Fuß zu einer farbenglühenden Kuppel zusammen, durch welche das Blau des Himmels nur wie Teile einer großartigen Mosaik hindurchschimmerte. Die fortwährende leichte Bewegung dieser Blätter, welche bei jedem Windhauch erzitterten, erhöhte den Farbenschimmer dieser aus Gold, Purpur und Smaragd geflochtenen Säulen und Wölbungen. Nur wenn das Auge scharf die Überfülle der Schlingpflanzen durchdrang, oder auch die suchende Hand das Auge unterstützte, entdeckte man, dass die sechs Säulen von alten, längst vermoderten Stämmen gebildet waren, die durch die tausendfachen Verschlingungen der Efeu-, Winden-, Brombeer-, Hopfen- und Rebenranken gestützt und zugleich mit einem glänzenden, aber trügerischen Schimmer jugendlichen Lebens geschmückt waren. Die Vegetation ist in diesem feuchten Erdreich so gewaltig, dass viele Stämme absterben, ehe sie die ganze Fülle und Kraft ihres Daseins erreicht haben, weil die Schmarotzergewächse ihnen Licht und Luft entziehen; dennoch bleiben sie oft noch jahrelang aufrecht, gestützt durch die Ranken der Schlingpflanzen, bis ein Sturm sie niederstürzt und sie dann den Boden zu noch größerer Fruchtbarkeit düngen. Diese Wälder sind oft selbst in der Nähe bewohnter Orte noch wirkliche Urwälder. Nur ihre Ränder sind gelichtet; in das Innere dringt selten der Fuß und noch seltener die Axt des Menschen.

Was den Reiz dieses natürlichen Kuppelbaus erhöhte, war die Öffnung nach der einen Seite hin, die durch eine natürliche Lichtung einen Blick in die weite, weite Ferne, bis zu den bläulichen Bergen des südlichen Kaukasus, bot – eine dufterfüllte Landschaft, eingefasst in den Barockrahmen der goldenen Blätter. Sophia liebte diesen Ort, und wahrlich nicht mit Unrecht; er war die Perle dieses Paradieses.

Die Unterhaltung drehte sich noch um Tiflis, diese schnell emporblühende Hauptstadt der südlich vom Kaukasus gelegenen Provinzen, um einige Maßregeln des Generalgouverneurs und um einige Familien, die von Petersburg aus nach Tiflis übergesiedelt, weil ihre Häupter zur kaukasischen Armee beordert worden.

Ombrazowitsch, unruhig und beweglich, wie er war, und vielleicht auch gelangweilt durch die Gegenwart Daniel Garikas, haschte hier und dort nach einem Käfer, besah ihn, warf ihn wieder fort, ging auch zuweilen einige Schritte in das Dickicht hinein, um einen seltenen Käfer zu fangen, nahm aber stets an der Unterhaltung teil.

Plötzlich stieß Sophia einen leichten Schrei aus und sprang auf.

»Eine Schlange!« rief sie. »Jagen Sie das Tier fort, meine Herren!«

In der Tat schlängelte sich·eine Natter langsam und in zierlichen Windungen über den mit gelben Blättern bedeckten Rasen. Sie kam furchtlos fast bis in die Mitte des freien Platzes, in die Gegend, in welcher der Major stand, der sie ruhig beobachtend erwartete.

Daniel hatte sich schnell nach einem Gegenstande umgesehen, mit dem er die Schlange verjagen könne, da er aber keinen fand, schien er im Begriff, den Degen ziehen zu wollen.

»Es hat gar keine Gefahr, Comtesse!« rief Ombrazowitsch. »Dies ist eine ganz unschädliche Natter!« er nannte den lateinischen Namen – »und wäre es selbst eine giftige, ich weiß mit diesen Tieren umzugehen!«

»Nehmen Sie sich in Acht, Major!« rief die Gräfin die sich nach dem Eingange der natürlichen Laube zurückgezogen hatte, dort aber, von Natur mutig, stillstand, um die geschickten, selbst graziösen Bewegungen der Schlange zu beobachten.

»Erlauben Sie, ich will sehen, ob ich meine alten Künste noch kann!« rief Ombrazowitsch lächelnd und trat auf die Natter zu, die sich zusammengeringelt hatte und ihn mit einer gewissen Scheu zu erwarten schien. Darauf schlug er den Ärmel seiner Uniform ein wenig zurück, sodass die rechte Hand freier wurde, und ließ ein leises, eigentümliches, fast singendes Zischen hören, während er die Hand starr nach der Schlange ausstreckte. Diese schien aufzuhorchen richtete dann schnell den Kopf empor, sah sich um und wiegte sich einige Sekunden lang auf ihrem schlanken Oberleibe. Dann schnellte sie auf Ombrazowitsch zu.

Sophia stieß einen Ruf des Schreckens aus. Der Major blieb ruhig stehen und begann nur die Hand zu bewegen, sehr langsam und in bestimmten arabeskenartigen Linien. Die Schlange hielt den Kopf beinahe eine Minute lang unbeweglich in erhobener Stellung, dann begann sie fast widerwillig die Bewegungen nachzuahmen, die allmählich schneller wurden. Ombrazowitsch zog nun mit der Hand verschiedene Linien durch die Luft; die Schlange, wie gebannt und beherrscht durch seinen Blick und seine Hand, folgte allen Bewegungen der letztern, senkte den Kopf, beschrieb Kreise, sich um sich selbst drehend, folgte auch dem Major, der jetzt seinen Standpunkt veränderte, aber unablässig dasselbe singende Zischen hören ließ. Es war ein eigentümliches Schauspiel, dessen Reiz durch die anmutigen Bewegungen des schlanken Tieres erhöht wurde. Die Gräfin trat unwillkürlich einige Schritte näher. Der Major aber sah sie nicht an; er hielt seine Blicke unverwandt auf die Natter gerichtet, die zuletzt jede Bewegung der Hand des Majors mit derselben Schnelligkeit nachahmte, mit der er sie tat. Endlich führte er sie an den Rand des Dickichts, ließ seine Bewegungen langsamer werden und streckte zuletzt lange die Hand unbeweglich über sie aus, bis die Schlange sich niederlegte und in Ruhe oder Ermattung zu versinken schien.

»Köstlich, Herr Major!« rief Sophia ganz entzückt und klatschte in die Hände. »Wo haben Sie das gelernt?«

»O, das ist nichts Besonderes«, erwiderte Ombrazowitsch, leicht Atem schöpfend. »Ich habe es einigen so genannten Schlangenbändigern abgelauscht und glaubte es wagen zu können, da diese Natter jedenfalls eine unschädliche ist. Man sagt, dass diese Tiere, wenigstens eine Zeit lang, ihrem Bändiger überall folgen. Wir wollen nachher sehen, ob das wahr ist!«

»O wie interessant!« rief Sophia. und es lag etwas so Bewunderndes in dem Blick, den die Comtesse dabei auf den Major warf, dass Daniel Garika vor Eifersucht erbleichte. Er fühlte, dass er bei diesem Intermezzo nicht nur eine sehr unbedeutende, sondern selbst klägliche Rolle gespielt hatte. Denn er hatte lange Zeit mit der Hand am Griff seines Degens gestanden, während der furchtlose Major die Schlange tanzen ließ.

Sophia wollte Näheres über die Kunst wissen, die man anwende, um diese Tiere zu bändigen. Ombrazowitsch erzählte, was er wusste, und erzählte, wie immer, leicht und interessant. Er kam dabei auf Algier zu sprechen, wo er eine Zeit lang mit den Spahis als Freiwilliger gegen die Beduinen gekämpft und zugleich den französischen Krieg gegen die Bergvölker des Atlas gründlich kennengelernt hatte. Daniel Garika sank nicht nur, wie es so oft der Fall war, zu der Rolle eines bloßen Zuhörers herab, sondern musste auch sehen, mit welchem Interesse Sophia der Erzählung des Majors lauschte.

Er war zehnmal im Begriff, sich zu entfernen, aber seine Eifersucht hielt ihn zurück.

Dabei verließen sie die Laube, ohne dass Ombrazowitsch und Sophia im Eifer des Erzählens und Hörens sich der Schlange erinnert hätten. Die Gesellschaft war schon an das Gitter gelangt, das den Park begrenzte, als der Major sich plötzlich umwandte.

»Ach«, rief er, »nun haben wir doch vergessen, darauf zu achten, ob die Schlange mir folgen würde!«

Sie standen still. Man hörte ein leises Rauschen in, den Blättern und sah dann die Natter in einer Entfernung von nur wenigen Schritten den Kopf erheben, fast als wollte sie andeuten, dass sie da sei.

»Nun, wahrlich, das ist erstaunlich!« rief Sophia überrascht. »Das ist seltsam, ich hätte es nimmer geglaubt, wenn ich es nicht gesehen. Diese Schlange wäre imstande, uns bis in das Schloss zu folgen!«

»Das wäre doch nicht angenehm«, sagte der Major lächelnd. »Ich werde sie verscheuchen!«

»O nein, nein!« rief Sophia bittend. »Wir wollen sehen, bis wie weit sie uns folgt. Es ist immer noch Zeit, sie zu vertreiben. Sie ist ja nicht giftig, wie Sie sagen!«

»Man könnte so ein Tier fast liebgewinnen!« sagte der Major gleichmütig. »Ich will später sehen, ob sie sich greifen lässt. Sie sehen wohl, es ist viel leichter, Schlangen zu bändigen als Herzen, und doch haben beide so viel Ähnliches!«

»Pfui, Major!« rief Sophia. »Wie wollen Sie das beweisen?«

»O, ich könnte hundert Ähnlichkeiten finden!« antwortete Ombrazowitsch. »Aber ich will mich mit der einen begnügen: beide sind aalglatt und entschlüpfen in dem Moment, in dem man sie gefangen glaubt.«

»Und doch sehen Sie, wie die Schlange demjenigen gehorcht und folgt, der sie zu bändigen weiß!« sagte Sophia mit einem Tone, der abermals das Blut aus den Wangen Daniels trieb.

»Es kommt nur darauf an, wie lange es währt«, sagte der Major lachend, und die Gesellschaft setzte ihren Weg fort.

Man achtete anscheinend nicht mehr auf die Schlange. Plötzlich aber trat Daniel zurück, und in dem Moment, in welchem der Major und Sophia sich umwandten, sahen sie bereits Daniel den Kopf der Schlange zertreten, die vergebens zu fliehen versucht hatte. Das Tier rollte sich wild im Laube, versuchte noch einmal den Kopf zu erheben, dann schleuderte es Daniel mit dem Fuß weit in den Park hinein.

Ombrazowitsch und Sophia standen fast erstarrt. Ein entsetzlicher Jähzorn blitzte in den Augen des Majors und ließ die Adern auf seiner markierten Stirn anschwellen. Sophia war bleich vor Entrüstung.

»Aber Prinz – Prinz, weshalb taten Sie das?« rief die Gräfin endlich mit zitternder Stimme.

»Comtesse«, antwortete Daniel ruhig, bleich und düster; »die Schlange war dicht an Ihren Fersen und erhob den Kopf. Ihr Leben, Ihre Gesundheit galt mir mehr als ein Scherz, eine Gaukelei. Die Versicherung des Majors, dass das Tier unschädlich sei, konnte mich nicht abhalten, es zu zertreten. Es war die Möglichkeit vorhanden, dass er sich täusche, und diese Möglichkeit genügte mir, zu tun, wie ich tun musste.«

»Ich danke Ihnen, Prinz!« sagte Sophia so kalt, dass es fast wie Hohn klang. Und dann; mit einer Stimme, deren Bewegung sich fast dem Weinen näherte, fügte sie hinzu: »Ein so schönes, so anmutiges Tier! Vor wenigen Minuten noch entzückte es mich, und nun –«

Sie brach kurz ab und wandte sich zum Gehen.

Ombrazowitsch hatte seinen Jähzorn niedergekämpft, aber in seinen hellgrauen Augen blitzte es noch drohend und unheimlich.

»Schade!« sagte er. »Sie waren zu vorsichtig, Fürst! Ich kann Ihnen die Versicherung geben, dass es eine ganz unschädliche Natter war. Sonst würde ich selbst an die Gefahr, die möglicherweise der Comtesse drohen konnte, gedacht haben. Nun, im Grunde ist nichts daran gelegen. Sie haben geglaubt, der Comtesse einen Dienst zu erweisen.«

»Ja, das glaubte ich«, antwortete Daniel kurz. »Und in ähnlichen Fällen würde ich ähnlich handeln.«

Die Gesellschaft ging dem Schlosse zu. Es wollte sich kein fließendes Gespräch wiederanknüpfen lassen.

Sophia war sichtlich verstimmt; Daniel erhielt auch nicht einen einzigen Blick. Der Major war fast der einzige, der sprach, meist über sehr gleichgültige Dinge.

Es war spät am Nachmittage, als man das Schloss betrat. Sophia hatte gewünscht, dass die Herren irgendeine Erfrischung nehmen möchten, ehe sie das Schloss verließen. Die Herren begaben sich in das Speisezimmer, in welchem ihnen ein leichtes Mahl aufgetragen wurde. Sophia erschien bald wieder bei ihnen. Sie war heiterer geworden, doch sprach sie fast nur mit dem Major.

Plötzlich lachte Daniel laut auf. Der Major, der sich soeben ein wenig erhoben hatte, um ein Glas zu nehmen, das Sophia ihm reichte, und auch die Gräfin sahen ihn verwundert an.

»Verzeihen Sie!« sagte Daniel, sein Lachen, das eigentümlich spöttisch klang, auch jetzt kaum unterdrückend. »Mir kam eben eine sehr lächerliche Idee! Ich bitte nochmals um Verzeihung.«

Sophia und der Major sahen sich an, als wollten sie sich fragen:

»Ist dieser Mann toll geworden?«

Eine Uhr, welche die fünfte Stunde schlug, erinnerte den Major daran, dass er schnell aufbrechen müsse.

»Begleiten Sie mich, Fürst?« fragte Ombrazowitsch. »Wir können eine Stunde zusammen reiten!«

»Ich bedaure«, antwortete Daniel. »Ich muss Nina sprechen, mit der ich über einige Sachen von Wichtigkeit zu reden habe.«

»Mir aber werden Sie es verzeihen, wenn ich in zwischen auf mein Zimmer gehe«, sagte Sophia. »Ich habe Kopfweh; ich fürchte, die Luft war mir zu rau.«

»Gewiss, Comtesse«, sagte Daniel. »Ich werde Sie doch nicht zwingen, sich mit mir zu langweilen? Ich werde mir den Inspektor rufen lassen und mit ihm Billard spielen!«

»Vortrefflich!« sagte Sophia heiter. »Die Männer sind nie verlegen, wie sie sich amüsieren sollen!«

Der Abschied Sophias von dem Major war ein sehr vertraulicher, fast herzlicher. Es schien, als habe dieser Tag die beiden einander sehr genähert. Daniel bemerkte es, aber es blieb trotzdem ein Lächeln auf seinen Zügen, gleichsam eine Erinnerung jenes Lachens, das er so plötzlich aufgeschlagen. Sophia schien befremdet darüber. Bisher hatte sie den Fürsten nur düster und mürrisch gesehen, sobald sie gegen den Major freundlich war. Sie verdoppelte also dem letztern gegenüber ihre Freundlichkeit. Aber auch das reizte den Fürsten nicht. Er schien wie umgewandelt, heiter, wie sie ihn selten gesehen. Sie würde diese Änderung verstanden haben, wenn Daniel die Hoffnung hätte hegen dürfen, mit Sophia allein zu bleiben, aber nach den Worten, die darüber gewechselt worden, war es unmöglich, dass er hoffen konnte, die Gräfin werde ihm Gesellschaft leisten.

Der Major hielt schon den Türgriff in der Hand, als sich Daniel Garika ihm noch einmal näherte.

»Also jene Schlange war wirklich ungefährlich?« fragte er.

»Ich glaube es versichern zu können«, antwortete der Major etwas befremdet.

»Und lässt sich vielleicht sogar zähmen, nicht nur bändigen?« fragte Daniel.

»Wohl möglich«, antwortete der Major, die Tür öffnend.

»Wie heißt sie doch gleich?« fragte Daniel scheinbar wissbegierig.

»Ich glaube,– es war Coluber sauromates«, antwortete Paul Ombrazowitsch. »Doch kann ich mich irren!«

»Ich danke verbindlichst!« antwortete Daniel höflich. »Es tut mir wirklich leid, das arme Tier zertreten zu haben!«

Der Major sah ihn seltsam verwundert an und verließ dann das Zimmer. Als er außer Hörweite sein musste, schlug Daniel dasselbe tolle Lachen auf. Sophia, die sich bereits an der entgegengesetzten Tür des Zimmers befand, um es zu verlassen, blickte zornig zurück.

»Fürst, Ihr Betragen ist heute fast beleidigend!« rief sie zu ihm herüber.

»Comtesse«, rief Daniel, sich zum Ernst zwingend. »Comtesse, ein einziges Wort. Ich will Sie nicht aufhalten. Ich will Ihnen nur sagen, dass es mir leidtut, die Natter getötet zu haben. Ich werde es in einem ähnlichen Fall nicht wieder tun; ich weiß nun, dass diese Art unschädlich ist.«

»Nun gut, Sie konnten das auch vorher glauben; der Major versteht sich auf solche Dinge!« antwortete die Gräfin, und sie zögerte ein wenig, als sei sie doch neugierig, den Grund von dem Lachen Daniels zu er fahren.

»Ja, aber ich wusste nicht, dass er sich so gut darauf verstände!« sagte dieser. »War es nicht wunderbar, wie die Schlange seinem Willen folgte? Ich fürchte, er versteht Herzen so gut abzurichten wie Schlangen!«

»Abzurichten? Wie soll ich das verstehen?« fragte Sophia.

»Mein Gott, ganz einfach!« antwortete Daniel. »Der Herr Major, der mit allerlei Leuten – weiß der Himmel, beinahe hätte ich gesagt, Gesindel – verkehrt zu haben scheint, hatte die Schlange gezähmt. Er trug sie in einer Blechbüchse bei sich. Ich sah die Büchse in seiner Tasche, als er sich erhob, um das Glas zu nehmen, das Sie ihm reichten. Auf mein Wort – es tut mir jetzt unendlich leid um das gelehrige und schöne Tier. Es ist ein Verlust für ihn! Zu wie schönen Belustigungen hätte ihm sein Zögling noch dienen können! Dass ich auch nicht früher auf die Idee kam! Ich sah in seiner Wohnung einige solcher Büchsen, und er selbst sagte mir, sie dienten zur Aufbewahrung lebendiger Schlangen. Deshalb machte er sich auch im Dickicht zu schaffen.«

Und wieder brach er in ein tolles, diesmal auch höhnisches Gelächter aus. Sophia stand erblasst an der Tür. Die Wahrscheinlichkeit der Behauptung Daniels lag auf der Hand.

Das gerade erbitterte sie. Getäuscht worden zu sein und Daniel Zeuge einer solchen Täuschung – das schmerzte!

»Fürst!« rief sie kalt und verächtlich. »Sie nehmen zu Kunstgriffen Ihre Zuflucht, die fast ebenso niedrig sind, als diejenigen des Majors wären, wenn er sie gebraucht hätte! Warum haben Sie davon nicht gesprochen, als der Major zugegen war? Es ist wahrlich leicht, einen Abwesenden zu verleumden!«

»Comtesse!« rief Daniel ernster, »ich schwöre Ihnen, er trug eine solche Kapsel in seiner Tasche. Hätte ich vorher eine Ahnung von diesem Betrage gehabt, ja, von diesem Betruge, ein solcher ist es! – so hätte ich das Tier nicht getötet, das dicht an Ihrer Ferse war, sondern den Moment abgewartet, in dem er es wieder einfing, und dann hätte ich ihn erbarmungslos bloßgestellt. Aber mit der leeren Kapsel konnte er leugnen – er ist nie verlegen um Ausreden! Und wozu soll ich ihn reizen? Es ist genug, wenn Sie es wissen und ihm künftig schärfer auf die Finger sehen können!«

»Fürst, ich danke Ihnen für diese artige Erklärung!« antwortete Sophia spöttisch. »Sie beweist, dass Sie mehr Phantasie besitzen, als Sie mir bisher gezeigt haben. Adieu, Fürst!«

»Comtesse!« rief Daniel, und mit einem einzigen tigerhaften Sprunge war er an ihrer Seite und ergriff ihre Hand – sein dunkles Auge funkelte und seine Lippen bebten –»Comtesse, Sie müssen mir Rechenschaft geben, Sie müssen! Weshalb glauben Sie diesem Abenteurer, diesem Betrüger mehr als mir? Weshalb beleidigen Sie mich, indem Sie ihm vertrauen? Heute will ich Ihre Antwort, jetzt, in dieser Minute! Ist eine wahnsinnige Liebe, ist eine hingebende Aufopferung, ein alter und berühmter Name, ein Leben ohne Makel nicht imstande, es mit den Künsten eines Gauklers aufzunehmen? Ich bin dieses Spiels müde, Comtesse! Er oder ich! Es wird mir schwer, diese Worte auszusprechen. Ich verachte diesen Menschen; ich sollte auch Sie hassen, weil Sie mich in die Lage versetzen, sein Rivale zu sein. Doch ich habe alles bisher für ein Spiel Ihrer Koketterie gehalten, ich glaubte an Ihr Herz, wenn es auch mit mir spielte. Aber ich bin es müde, in Gegenwart dieses Menschen gedemütigt zu werden. Wenn Sie mich nicht lieben, so sagen Sie es und ich weiß, wo ich Ersatz zu suchen habe. Aber wenn Sie mich lieben, so will ich diesen Mann, gerade ihn, aus Ihrer Nähe entfernt wissen, denn er handelt nicht ehrlich. Er gebraucht Mittel, mit denen kein Mann gleichen Schritt halten kann, dem die Liebe, das Herz und den Kopf durchglüht. Ich verstehe es nicht, mit kalter Berechnung eine Kokette zu erobern!«

Die Gräfin war anfangs erbleicht; dann hatte sie ihn starr angeblickt; der Schrecken verlor sich aus ihren Zügen, es zeigte sich etwas wie Teilnahme in ihnen.

So hatte Daniel nie zu ihr gesprochen; so – um einen Lieblingsausdruck der Frauen zu gebrauchen – interessant war er ihr nie erschienen. Es blitzte Feuer und Kraft in ihm auf. Der träge Enkel eines Königsgeschlechts schien sich noch einige Tropfen Heldenblut bewahrt zu haben,

»Fürst«, sagte sie ruhig, »lassen Sie vor allem meine Hand frei, Sie zerbrechen sie!«

»Gut!« sagte Daniel. »Aber ich muss um jeden Preis eine Antwort haben!«

»Ich verzeihe Ihnen Ihre maßlose Kühnheit nicht«, fuhr Sophia fort, »aber ich werde sie verschweigen. Wir sind Verwandte und ich möchte nicht, dass Michael sich mit Ihnen entzweite. Sie verlangen eine Antwort. Welche? Ob ich Sie liebe? Ich weiß es nicht. Ob ich den Major liebe? Ich glaube es nicht. Sie haben kein Recht, mich mehr zu fragen. Ich habe nie ein Wort zu Ihnen gesprochen, das Sie berechtigen könnte, mir die Freiheit meines Willens zu rauben. Ich werde den Major sehen, so oft es mir gut dünkt. Ich bin ein Gast in diesem Hause und würde es verlassen, wenn man meinen Willen einengen wollte; aber das wird man nicht tun. Ich habe keine andere Antwort für Sie, Prinz! Sie müssen sich damit begnügen und mögen tun und lassen, was Sie wollen.«

»So lieben Sie mich nicht, Sophia?« fragte Daniel, der sie bei jedem Satze hatte unterbrechen wollen und dessen Lippen vor Bewegung bebten.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Sophia.

»So werden Sie auch nicht meine Gattin werden?« fragte der Fürst.

»Ich werde Ihre Hand annehmen, sobald ich weiß, dass ich Sie liebe!« antwortete Sophia.

Daniel stand eine Minute stumm und bleich; die Gräfin erwiderte kühn seinen fast drohenden Blick.

»Das ist eine ausweichende, also verneinende Antwort!« sagte er dann mit schwerer Stimme.

»Ausweichend und verneinend, wie Sie wollen!« antwortete Sophia. »Ich kann sie nicht anders geben. Ich werde mich nicht binden, bevor ich nicht meines eigenen Gefühls sicher bin. Im Übrigen verlange ich, dass Sie in meiner Gegenwart achtungsvoll von dem Major sprechen. Er hat sich mir stets als ein Mann von Ehre gezeigt, und ehe Sie Beschuldigungen gegen ihn aussprechen, müssen Sie die Beweise dafür besitzen. Adieu Fürst! Wenn diese Szene nicht die letzte derartige gewesen ist, so verlasse ich Dari und verbiete Ihnen überall, wo es auch sei, den Zutritt zu mir!«

»Comtesse!« rief Daniel fast schmerzlich, »Sie treiben mich zum Äußersten!«

»Ich folge nur Ihrem Beispiel!« antwortete Sophia. »Ein Mann sollte so viel Achtung vor einer Frau haben, dass er eine Erklärung erst dann verlangt, wenn er der Gegenliebe sicher ist oder dass er sich wenigstens in ehrerbietigen Ausdrücken erklärt. Sie tun beides nicht. Deshalb, Fürst, werden Sie es verzeihlich finden, wenn ich von jetzt an eine vorsichtigere Haltung Ihnen gegenüber annehme. Es gibt, wie es scheint, Männer, denen man kein Vertrauen beweisen darf, ohne dass sie nicht anmaßend würden!«

»Sophia!« rief Daniel. »Sie entstellen, Sie übertreiben! Wie oft haben Sie mich glauben lassen, dass Sie mich lieben! Wie oft haben Sie meine Erklärung; herausgefordert! Sie wissen, alle, die uns kennen, betrachten uns bereits als Verlobte –«

»Das ist nur ein Zeichen, wie oft die Welt sich täuscht, und wie oft Männer sich durch ihre Eitelkeit verblenden lassen, mehr zu sehen, als sie sehen sollten!« unterbrach ihn Sophia kurz. »Noch einmal, Fürst, jede ähnliche Szene muss zu einem vollständigen Bruch zwischen uns führen. Seien sie vernünftig, seien Sie besonnen; daraus werde ich ersehen, dass Sie mich wirklich achten, und dann wird die Zeit vielleicht auch nicht fern sein, in der ich wirklich weiß, ob ich Sie liebe!«

Sie sagte das Letztere mit einem so plötzlichen Übergang vom kalten Ernst zur scherzenden Koketterie, ihre Augen warfen plötzlich einen so glänzenden aufmunternden und zugleich zärtlichen Blick auf Daniel, dass dieser abermals ihre Hand ergreifen wollte. Aber bereits hatte sie die Tür geöffnet und verschwand in derselben.

Noch lange stand Daniel auf derselben Stelle. Das also war der Erfolg dieses Tages gewesen! Endlich raffte er sich auf, verlangte sogleich nach seinem Pferde und ritt zurück nach Garika, langsam, denn die Dunkelheit gebot Vorsicht. Oft knirschte er mit den Zähnen vor Zorn und nannte sich einen Schwächling; dann wieder lächelte er und das Herz klopfte ihm stärker, denn er sah ihren verheißenden, glühenden Blick.

Spät langte er in Garika an, so klug, so entschlossen, so einig mit sich selbst wie immer!










III. Die Begegnung


Es war ungefähr eine Woche später, um die Mitte des Dezembermonats, als Master George oder Giorgi, wie man ihn in seiner Heimat Garika genannt haben würde, in das ärmliche Zimmer eines niedrigen Hauses trat, das am Fuße des Forts von Tschefketil oder St. Nikolai lag. Es war bereits Dämmerung, und Johnny, der in einer Ecke auf einer Kiste saß und seine Pfeife mit echt türkischem Tobak tauchte, der ihm aber kaum so gut mundete, wie sein altenglischer Shag, stand auf und ließ ein mächtiges Wer da? Vernehmen. Im nächsten Augenblick aber erkannte er seinen jungen Herrn und hieß ihn freudig willkommen. George reichte ihm herzlich die Hand. Johnny zündete eine kleine Lampe an, unsern Küchenlampen ähnlich.

»Nun setzen Sie sich, Master George!« sagte er, auf die Kiste deutend und eine andere für sich selbst aus einem Winkel ziehend. »Freut mich von Herzen, dass Sie wieder da sind! Kann ich mit etwas aufwarten? Rum, Tee, geräuchertes Fleisch, das ist alles, was ich habe! Es gibt hier nicht viel, Master George! Und was es gibt, kann man weder essen noch trinken!«

George hatte sich im Zimmer umgesehen. Der junge Mann trug die Spuren einer längern Reise, aber sein Aussehen war gut. Die Bewegung, die Abwechselung des Lebens schien ihm heilsam gewesen zu sein. Bereits zeigte sich jener bräunliche Anflug auf seinen Wangen, der einem männlichen Gesicht so gut steht. Johnny bemerkte das auch und winkte George freundlich zu.

»Sehen ganz gut aus, Sir!« sagte Johnny. »Bekommen Farbe! Nun, etwas Rum?«

George bat um Tee und Fleisch, da er vom Morgen an nichts gegessen, und Johnny fing an, den Tee auf der Maschine, die man für diesen Zweck mitgenommen, zu bereiten.

»Du hast Dich ja hier ganz traulich eingerichtet!« sagte George. »Vor acht Tagen sah es noch gräulich in dieser Bude aus. Du bist unbezahlbar, Johnny. Überall weißt Du zu helfen!«

»Hab’s von Mr. Hywell gelernt – der versteht’s im Großen!« antwortete Johnny und lachte gutmütig, als er seine Blicke durch das Zimmer schweifen ließ, das trübselig und öde genug aussah, aber vor acht Tagen freilich nichts als die nackten und zerrissenen Wände gezeigt hatte.

»Seht komfortable hier!« fügte er scherzend hinzu. »Ein Salon für Miss Mary.«

»Lieber Johnny. wir wollen Gott danken, wenn Miss Mary ein solches Zimmer hat!« sagte George. »Ich bringe schlechte Nachrichten!«

Johnny hustete und machte sich mit dem Teegeschirr zu schaffen.

»Nur zu, Sir!« sagte er dann. »Wird hoffentlich nicht so schlimm sein!«

George erzählte. Als er nach stürmischer, aber sonst ungefährdeter Fahrt das von den Türken eroberte Tschefketil an der russisch-türkischen Grenze erreicht und dort erfahren, dass für den Augenblick in den Kaukasusländern alles ruhig, auch für die Dauer des Winters keine Bewegung Schamyls zu erwarten sei, hatte er sich schnell entschlossen, vor allen Dingen Nachrichten über Mr. Hywell einzuziehen. Er hatte ein Pferd gekauft, einen Führer genommen und war nach Kars aufgebrochen. Johnny war in Tschefketil zurückgeblieben. Von Kars hatte sich George nach Erzerum gewandt und war von dort nach dem Fort Tschefketil zurückgekehrt. Er hatte die Reise in fast unglaublich kurzer Zeit gemacht und sein Pferd dabei zugrunde gerichtet. Trotzdem hatte er nichts Bestimmtes erfahren. Wohl aber hatte er an beiden Orten vernommen, dass die Kurden an der persischen Grenze sehr unruhig seien und dass mehrere Karawanen von ihnen geplündert worden. Ein Gerücht wollte sogar von vornehmen Engländern wissen, die bei einem solchen Überfall gefangen oder getötet worden, und in Erzerum zeigte man George mehrere Gegenstände, die von Kurden verkauft worden und unzweifelhaft in England gearbeitet waren, auch von längerem Gebrauch zeigten.

Das war aber auch alles. Es blieb also, wie George dem aufmerksamen Johnny auseinandersetzte, nichts übrig, als den Versuch zu machen, den Weg nach Tauris so weit, als dies unter den jetzigen Umständen nur irgend möglich sei, zu verfolgen, womöglich Tauris, die Hauptstadt des nördlichen Persien, in der die Wege nach Russland und der Türkei sich trennen, zu erreichen und bei den dort wohnenden Engländern genauere Erkundigungen einzuziehen. George hatte sich genau davon unterrichtet, wie diese Reise unternommen werden müsse. Man hatte ihm geraten, sehr einfach zu reisen, jeden Prunk zu meiden, um die räuberischen Kurden nicht anzulocken, einen zuverlässigen Führer zu nehmen und sobald als möglich aufzubrechen, da die Gegend während des Winters verhältnismäßig ruhig und sicher sein werde.

»Ich für mein Teil bin entschlossen«, sagte George. »Willst Du mich begleiten, Johnny, oder willst Du mich hier erwarten?«

»Was ist Ihnen lieber, Sir?« fragte der Engländer.

»Natürlich Deine Begleitung!« sagte George.

»Nun, dann gehe ich mit Ihnen!« rief Johnny energisch. »Es ist hier verdammt langweilig. Indessen wenn Sie es verlangten und für besser hielten, so wollte ich hier schon noch ein Jahr lang sitzen und mir die phlegmatischen türkischen Schildwachen oben auf dem Fort und das unruhige Meer ansehen, aber lieber ist es mir, mit Ihnen Mr. Hywell aufzusuchen. Haben wir denn keinen Konsul bei den Kurden?«

George schüttelte lächelnd den Kopf und setzte ihm auseinander, dass die Kurden ein unzivilisiertes Volk an der türkisch-persischen Grenze seien, das fast unabhängig auf seinen Bergen lebe und neben etwas Viehzucht viel Räuberei treibe. Wenn Mr. Hywell wirklich von ihnen gefangen, und nicht – was freilich nicht unmöglich, aber doch immer nicht wahrscheinlich sei – bei der Verteidigung getötet wäre, so werde man ihn, wie schon Mr. Wiedenburg in Sinope angedeutet habe, in einem kurdischen Dorfe festhalten und Boten aussenden, um womöglich ein Lösegeld für seine Freilassung zu erhalten. Die türkischen Behörden um Schutz anzurufen sei schon im Frieden eine schwierige Sache; jetzt, wo die Türken der kurdischen Reiterei gegen die Russen bedürften, verspreche eine solche Einmischung gar keinen Erfolg. Auch sei es möglich, dass der Überfall von persischen oder ganz unabhängigen Kurden verübt worden; denn von vielen Stämmen dieser nomadisierenden Völkerschaft wisse man kaum, unter welche Oberhoheit man sie rechnen solle.

Trotz seiner Ermüdung traf George noch an demselben Abend die nötigen Maßregeln, um im Laufe des nächsten Tages aufbrechen zu können. Ein gutes Pferd für George, ein frommes Tier für Johnny, der noch sehr selten auf dem Rücken eines Pferdes gesessen, wurden gekauft. An Decken, Waffen und was sonst zur Reise nötig, war kein Mangel. Ein Führer sollte erst von Erzerum aus genommen werden, da George jetzt den Weg bis dorthin kannte. Das zurückbleibende Gepäck wurde der Obhut eines Armeniers anvertraut, auf dessen Zuverlässigkeit George bauen zu können schien. Dann legte sich George auf das Lager, das ihm Johnny mit väterlicher Sorgfalt bereitet hatte.

Johnny weckte den todmüden jungen Mann nicht.

Es war fast Mittag am andern Tage, als George erwachte. Eine Stunde darauf saßen die beiden Männer im Sattel, und ritten die Straße nach Erzerum. George wählte diese, obgleich sie von Tschefketil aus die längere war, weil er immer noch hoffte, er werde in Erzerum etwas über Mr. Hywell hören oder ihm selbst begegnen.







Wieder war fast eine Woche vergangen, Weihnachten war nahe, der Winter hatte sich empfindlich fühlbar gemacht, und Johnny saß bereits ganz stattlich auf seinem überaus gutmütigen Pferde, als George und sein Gefährte, begleitet von einem armenischen Führer, die Karawanenstraße verfolgend, die über Bajazid nach Tauris führt, an einem kalten. trüben Morgen langsam den Abgang eines Berges hinaufritten. Auf der Spitze desselben zeigte ihnen der Führer die Richtung, in welcher der heilige Berg Ararat mit seinen beiden Spitzen liege, den man bei gutem Wetter vollkommen klar sehen könne. Heute aber lag in jener nordöstlichen Richtung nur eine graue Schneewolke.

»Trübe Aussicht!« sagte George zu Johnny und dachte mehr an Mr. Hywell und Mary als an den Ararat.

»Segel in Sicht!« rief Johnny, der diesen Ausdruck auch zu Lande liebte, und deutete die Straße entlang. Ein Reiter war auf dieser Straße ein Ereignis.

Denn obwohl in der Nähe die Türken mit den Russen kämpften, so war die Straße doch einsam. Es zogen wenig Truppen nach Bajazid, wo die türkische Armee meist aus Kurden bestand; der Karawanenverkehr war so gut wie vernichtet. So vergingen oft Stunden und halbe Tage, ehe man eines Reisenden ansichtig wurde.

Es war ein ermüdender Weg, durch öde Gebirge, in denen selten ein freundliches Tal das Auge erquickte, über kalte, einförmige Hochebenen. Jetzt verlieh der Winter der ganzen Landschaft einen noch trübern Charakter. Kein Wunder also, wenn George und Johnny und selbst der Armenier etwas schneller ritten, um die Reisenden in Augenschein zu nehmen, vielleicht einige Worte mit ihnen zu wechseln.

Es waren zwei Reiter, ein Reisender und ein Führer, und George glaubte schon von fern in dem einen von ihnen einen Europäer zu erkennen. Seine Tracht war freilich seltsam genug, aber an eigentümliche Zusammenstellungen der Anzüge wird man im Orient leicht gewöhnt. Saß doch auch George, in eine große Decke gehüllt, auf seinem Pferde, und Johnny trug eine Art Pelzrock zu seinem Seemannshut. Der Anzug jenes Reiters war aber nicht nur abenteuerlich, sondern auch zerrissen und beschmutzt; er schien aus einer Menge der verschiedensten Kleidungsstücke zusammengewürfelt zu sein.

Als George näherkam, sah er, dass der Reiter die Füße mit Tüchern umwickelt hatte, um die zerrissenen Beinkleider zu verbergen und sich gegen die Kälte zu schützen.

Trotzdem saß er stolz und zuversichtlich im Sattel und schien seinerseits George und Johnny aufmerksam zu mustern. Er trug einen dunklen Vollbart, doch schienen Backen- und Kinnbart von jüngerem Ursprunge zu sein als der starke Schnurrbart.

Als die Reiter dicht beieinander waren, wechselten die Führer einige Worte, und der Armenier sagte zu George, der Reisende sei ein Franke. Das ist im Orient die allgemeine Benennung für die Fremden. Darauf grüßte George in europäischer Manier und sprach den Fremden in französischer Sprache an; er fragte ihn, woher er komme, wie weit es bis zum nächsten größern Orte sei. Der Fremde, dessen braunes Auge fortwährend aufmerksam auf George und Johnny ruhte, antwortete in geläufigem Französisch, das jedoch nicht seine Muttersprache zu sein schien; dann fragte er, welche Befehlshaber in Erzerum kommandierten. George nannte dieselben; die Hauptführer der türkischen Truppen befänden sich jedoch nicht in der Stadt, sondern an der russisch-türkischen Grenze. Darauf fragte der Fremde, wie es mit Sinope stehe, ob es durch das Bombardement viel Schaden gelitten. George berichtete, was er damals gesehen. Er erwähnte dabei, dass er in dem Hause eines deutschen Herrn Zuflucht gefunden.

»Eines deutschen Herrn!« rief der Fremde lebhaft. »Sollte es der Zufall gewollt haben – Sinope ist ja eine kleine Stadt – dass Sie einen Herrn Wiedenburg gesehen oder gesprochen?«

»Wiedenburg!« rief jetzt George seinerseits mit stürmischer Lebendigkeit. »Um des Himmels willen, Sie sind doch nicht der Verwandte, den er erwartete mit Mr. Hywell und Mary?«

»Der bin ich! Und er lebt?«

»Er lebt! Aber Mr. Hywell und seine Tochter« wo sind sie? Ich bin sein Pflegesohn!«

»Ja – Mr. Hywell – das ist eine traurige Geschichte! Der alte Eisenkopf wollte nicht hören, und wählte den Weg nach Bajazid, statt nach Eriwan!«

»Und nun?« rief George bleich vor Erwartung.

»Nun ist er mit seiner Tochter gefangen bei den Kurden, und ich selbst habe mich aufgemacht, um zu sehen, ob Hilfe für beide zu finden ist«, antwortete Wiedenburg. »So sind Sie also Mr. George, den Mr. Hywell in Konstantinopel oder Sinope zu finden hoffte. Nun, Sir«, fügte er hinzu, in die englische Sprache übergehend, »es freut mich von Herzen, Sie zu finden! Sie glauben nicht, wie wohl es mir tut, zu wissen, dass Mr. Hywells Schicksal nun nicht mehr allein auf meinem Beistand beruht. Denn wie leicht kann so ein Kurde –«

»Gott verdamme das Volk!« rief Johnny, der mit weitgeöffneten Augen gespannt lauschte.

»Ja, das mag er!« sagte Wiedenburg beifällig nickend. »Wie leicht kann so ein Schurke einem aus seinem feigen Hinterhalt hervor das Lebenslicht ausblasen! Willkommen denn!«

Und er reichte George, dessen Wangen vor Aufregung glühten, die Hand, die dieser freudig ergriff. Er reichte sie auch Johnny, der sie vertraulich derb schüttelte und für den Augenblick nichts zu sagen wusste als:

»Doch wohl, Mr. Hywell! Ich hoffe es! Und Miss Mary doch auch gesund?«

»Wollen’s hoffen!« sagte Wiedenburg. »Und nun, Mr. George, zurück ins nächste Dorf, das kaum drei tausend Schritte hinter mir liegt! Wir müssen einen Kriegsrat halten. Gott sei Dank, dass ich endlich mit einem Menschen und nun gar mit einem Freunde über dieses Unglück sprechen kann!«

Er rief dem Führer einige Worte zu und ritt dann neben George die Straße zurück. Aber so groß war die Erregung der beiden, dass sie auch nicht ein einziges Wort mit einander sprachen, bis sie das Dorf und in diesem das Haus erreicht hatten, das für den Aufenthalt von Reisenden und Karawanen eingerichtet war.

Karawanserai ist der Name für die Räumlichkeiten, die der Reisende fast in allen orientalischen Städten und namentlich in den Orten, die an einer besuchten Straße liegen, antrifft und die ihm meist zur freien Benutzung geöffnet sind. In den größern Städten bestehen sie oft aus prächtigen Gebäuden, mit einer Menge von Räumlichkeiten für die Reisenden, ihre Diener und Pferde; an kleinern Orten sind sie natürlich einfacher. Immer jedoch enthalten sie verschiedene Räume, in denen die Reisenden und ihre Tiere ein bequemes Unterkommen finden und oft auch einen kleinen Bazar, in welchem man die notwendigsten Lebensbedürfnisse kaufen kann. Mit den Wirtshäusern Europas lassen sie sich freilich nicht vergleichen; sie bieten eben nur ein Obdach. Aber der Reisende führt auch im Orient alles, was zur Reise gehört, bei sich: Decken, Teppiche, Kissen, Gerätschaften, oft auch Lebensmittel.

Die Räumlichkeit zum Wohnen befindet sich unmittelbar neben dem Behältnis für die Pferde oder Esel; man kann sie fortwährend im Auge behalten.

In einem solchen Raume nun saßen George und Edmund Wiedenburg beieinander und schauten Johnny zu, der sich bereits in die orientalische Art zu reisen gefunden hatte und jetzt ein Feuer anzündete, um Tee zu kochen.

Die große strohumflochtene Rumflasche fehlte auch nicht, und Johnny hatte noch einige ähnliche im Vorrat.

Als er deshalb sah, wie Wiedenburg einen fast begehrlichen Blick auf die Flasche warf, reichte er sie ihm nebst einem Glase dar.

»Wohl bekomm’s, Sir!« sagte er. »Sie sehen etwas übernächtig aus – da wird’s guttun! Bei dem Kurdenvolk – damn! – mögen Sie wohl keinen vernünftigen Tropfen gekostet haben. – Ist Jamaika, Sir!«

»Mit Ihrer Erlaubnis!« sagte Wiedenburg lächelnd zu George, indem er sich das Glas zur Hälfte füllte.

»Ich glaube wohl, dass ich übernächtig aussehe, denn besonders gut ist es mir in der letzten Zeit nicht gegangen. Eine kleine Herzstärkung dürfte mir nicht schaden! Ich habe in den letzten Wochen außer Reis und hin und wieder einem Stück schlechten Hammelfleisches nichts genossen, und mit den Getränken sieht’s hierzulande kläglich aus. Vor Verzweiflung trinkt man freilich auch gegorene Milch! Überdies fehlte es mir an Geld. Ich musste sparsam sein mit den wenigen Goldstücken, die ich vor dem Falkenblick dieser räuberischen Kurden gerettet!«

»Ihre ganze Erscheinung spricht dafür, dass Sie Leiden erduldet«, sagte George. »Und wie ich fürchte, ist es meinem Pflegevater und Miss Mary nicht besser ergangen. Doch ich werde ja hören und will mich nicht f im Voraus mit Gedanken quälen. Stärken Sie sich, Sir, Sie haben es nötig! Und dann berichten Sie mir, wie es Ihnen und den beiden Personen ergangen, die mir die teuersten von allen sind, die ich kenne!«

Johnny beeilte sich mit dem Tee, und bald darauf durchzog auch der Duft des Fleisches, das der armenische Führer eingekauft und das er an einem kleinen Rost am Feuer briet, das Zimmer. Der alte Bursche zeigte sich als ein vortrefflicher Küchenmeister, und Wiedenburg war der dankbarste Gast, den man sich denken kann.

»Das nenne ich einen glücklichen Tag nach vielen trüben!« rief er heiter. »Einen Freund gefunden, Nachricht von meinem Onkel – ich nenne ihn so, obgleich er eigentlich ein entfernterer Verwandter ist – eine Tasse guten Tee – eine Hammelkotelette, einen Schluck Rum – verzeihen Sie diese Zusammenstellung, Sir! – das sind unerwartete Genüsse, und es ist mir, als könnte ich jetzt wieder hoffen, dass alles gut werden wird!«

»Und hier – zum Nachtisch!« sagte Johnny schmunzelnd und zeigte ein Päckchen Zigarren.

»Das ist ein Mann, der an alles denkt! Sie sind zu beneiden um einen solchen Haushofmeister, Mr. George!« rief der Deutsche. »Wahrlich, man lernt die kleinen Annehmlichkeiten des Lebens schätzen, wenn man wochenlang durch die Berge dieses verwünschten Landes geirrt ist, und sie erhöhen die Annehmlichkeiten der Seele!«

Er sagte das heiter und froh, überhaupt deutete sein heller Blick, seine freie Stirn und der gesamte Ausdruck seiner Züge auf einen heitern Charakter, dem jedoch der Ernst zur rechten Zeit wohl nicht fehlte. George lächelte auch, aber seine Miene behielt etwas Trübes.

Und das ließ sich leicht erklären, wenn man bedachte, dass die Nachricht über Mr. Hywell und seine Tochter immer nur eine verhältnismäßig gute zu nennen war.

Edmund Wiedenburg hatte mit dem besten Appetit gegessen und getrunken und rauchte jetzt mit großem Behagen seine Zigarre. Johnny war leise mit dem Geschirr beschäftigt, und George schien zu harren.

»Nun also – zur Erzählung!« rief der Deutsche dann, und seine Züge wurden ernst.

»Verzeihen Sie, dass ich so lange geschwiegen, und halten Sie es nicht für Teilnahmslosigkeit, Mr. George. Aber nach so vielen geistigen und körperlichen Strapazen verlangt die menschliche Natur ein wenig Ruhe. Auch habe ich versucht, meine Erinnerung zu ordnen, um Ihnen einen kurzen und doch klaren Bericht zu geben. Die Einzelheiten werden Sie später erfahren, denn wir werden doch wohl beisammenbleiben und gemeinschaftlich handeln müssen. Ich werde ganz ruhig und einfach schildern, ohne zu klagen und auf das Geschick zu schmähen, denn das nutzt nichts. Sie sollen klare Einsicht in die Lage der Dinge erhalten, damit Sie mit mir vereint einen Beschluss fassen können. Man gewöhnt sich zuletzt auch an das Missgeschick, und gerade erst dann, wenn man es ruhig überblickt, darf man hoffen, es zu ändern.«

George bejahte stumm.

»Bis zu welcher Zeit reichen Ihre letzten Nachrichten von Mr. Hywell?« fragte Edmund Wiedenburg.

»Bis zur Zeit, in welcher mein Pflegevater im Begriff stand, Teheran zu verlassen«, antwortete George.

»Ja, von dort aus sandte er, glaube ich, seinen letzten Brief an meinen Oheim«, sagte der Deutsche. »Nun, dann wissen Sie, dass ich schon von Kalkutta aus, wo ich Mr. Hywell kennengelernt, mit Ihrem Pflegevater gereist bin. Ich muss nach Deutschland zurückkehren, um dort das Handlungshaus meines Vaters weiterzuführen. Nun wäre der Weg über Suez wohl der kürzere und sicherere gewesen, aber mein Wunsch, Persien und Armenien kennenzulernen, und zugleich der Gedanke, in der Gesellschaft eines so ehrenwerten und erfahrenen Mannes, wie Mr. Hywell ist, zu reisen, bestimmten mich, teil an dem Zuge durch Persien zu nehmen. Und ich hatte es wahrlich nicht zu bereuen. Mr. Hywell ist einer der achtbarsten Männer, die mir je im Leben begegnet sind, Miss Mary die freundlichste, liebenswürdigste Dame, und unsere Reise bot, außer einigen Unannehmlichkeiten, die ein weiter Weg durch Gegenden, die oft nur wenig bebaut sind, mit sich führt, nur Angenehmes und Belehrendes. In Teheran musste Mr. Hywell länger verweilen, als er wollte. Die englische Regierung hatte erfahren, dass Persien sich auf Seite Russlands neige, und wünschte dem entgegenzuwirken. Mr. Hywell erhielt die darauf bezüglichen diplomatischen Aufträge, konnte aber nichts ausrichten. Übrigens glaubte er nicht an einen baldigen Ausbruch des Kriegs; er war überzeugt, dass Russland und die Pforte noch unterhandelten und dass es den Bemühungen Frankreichs und Englands gelingen werde, diesen Unterhandlungen eine friedliche Wendung zu geben. Als wir deshalb Anfang September Teheran verließen und nach Tauris aufbrachen, war es sein fester Entschluss, den kürzesten Weg zur Rückkehr zu wählen und über Bajazid nach Erzerum oder Batum und von dort nach Sinope zu reisen. Eine Abteilung persischer Krieger begleitete uns bis Tauris. Hier lauteten die Nachrichten freilich ganz anders als in Teheran. Der Krieg zwischen Russland und der Pforte hatte bereits begonnen. Die Engländer und Amerikaner in Tauris und noch dringender die Persier und Armenier stellten nun Ihrem Pflegevater vor, dass er gut tun würde, über Eriwan nach Tiflis zu reisen, da das ganze Kurdenvolk, wie ein gestörter Wespenschwarm, in Unruhe und Aufregung sei. Aber er bestand auf dem kürzesten Wege, einmal, weil er, wie er sagte, schon zu viel Zeit verloren, und zweitens, weil ihm, als einem echten Engländer, keine Schwierigkeit unüberwindlich schien. Wir versahen uns mit zahlreicher Dienerschaft, zogen Erkundigungen über das Verhalten ein, das wir etwaiger Gefahr gegenüber einzuschlagen hätten, und brachen Ende September von Tauris auf, alle zu Pferde, Miss Mary ebenfalls, aber in einer Art von Palankin, den ihr Vater schon in Kalkutta für sie hatte anfertigen lassen und dessen sie sich auf der ganzen Reise bediente; die beiden englischen Dienerinnen, die sie begleiteten, ritten auf frommen Pferden. – Nach drei Tagereisen teilten uns die Führer mit, dass sie erfahren, die türkischen Kurden zögen in großen Haufen nach der russisch-türkischen Grenze, und da man wisse, dass sie gern alles mitnehmen, was ihnen irgendwie zu nehmen möglich sei, so sei es vielleicht besser, wenn wir umkehrten. Mr. Hywell wollte nichts davon wissen; er meinte, die persischen Kurden seien nicht besser als die türkischen, und doch hätte sich keiner an uns gewagt. Wir setzten also unsere Reise fort. Täglich entfernten sich jedoch einer oder zwei von unsern Dienern, um nicht zurückzukehren; sie fürchteten wahrscheinlich ein Zusammentreffen mit den Kurden. – Wir waren nicht mehr fern von Bajazid; vielleicht eine oder zwei Tagereisen, und ich kann wahrlich nicht sagen, ob wir uns noch auf persischem oder schon auf türkischem Gebiet befanden, als wir in einem kleinen Orte anhielten, um Menschen und Tieren die Mittagsrast zu gönnen. Es war ein rings von hohen Bergen umgebenes, unbedeutendes Nest; aber das Karawanserai fehlte nicht, und in diesem quartierten wir uns für einige Stunden ein. Abermals trat der Dolmetscher an uns heran und sagte uns, er habe gehört, es befinde sich ein Kurdenhaufe – von den sogenannten unabhängigen – in der Nähe und habe auf einer Felsenhöhe vor dem Orte sein Lager aufgeschlagen, gleichsam um uns abzuwarten. Mr. Hywell aber antwortete auch diesmal, dass wir nie vorwärtskommen würden, wenn wir uns durch derartige Bedenken aufhalten ließen. Wir brachen auf. Miss Hywell stieg wie immer in ihren Palankin und wir nahmen sie und das Gepäck in die Mitte. Bei der Musterung hatten wieder drei persische Diener gefehlt. Mr. Hywell war deshalb entschlossen, sich in Bajazid eine türkische Schutzwache auszubitten, möge es kosten, was es wolle. Ja, wären wir nur erst dort gewesen! Eine Viertelstunde hinter dem Orte sahen wir die Kurdenschar auf einer Anhöhe rasten. Wir errieten sogleich, dass es türkische oder unabhängige Kurden seien, denn statt der spitzen persischen Lammfellmützen trugen sie niedrige Filzmützen, die meist mit Tüchern umwickelt waren. Die Schar bot einen Anblick, der einen Maler begeistert haben würde, mir indessen nicht sonderlich gefiel. Es waren abenteuerliche Kerle, manche ganz rot gekleidet, in den verschiedensten Trachten, alle zu Pferde und bewaffnet, teils mit Flinten, krummen Säbeln und Pistolen, teils nur mit langen, schweren, lanzenartigen Stangen. Sie hielten so ruhig und beobachtend auf ihrer Höhe, dass es uns leicht war, zu erraten, wir seien der Gegenstand ihrer besondern Aufmerksamkeit. Unwillkürlich ritt Mr. Hywell, dessen Auge scharf nach der Höhe hinüberblitzte, in die Nähe seiner Tochter, und ich folgte seinem Beispiel. Die persischen Diener machten sehr lange Gesichter, nur unsere europäischen Diener, vier an der Zahl, zeigten sich unbesorgt. Natürlich unterbrachen wir unsern Ritt nicht. Die Straße führte, wie wir bald bemerkten, zu jener Felsenhöhe hinauf und dicht an ihr vorüber. Der Dolmetscher, ein Armenier, beriet sich mit Mr. Hywell und gab ihm den Rat, falls einige Kurden sich näherten, ihrem Anführer einige Geschenke anbieten zu lassen. Würden wir angegriffen, so sollten wir keinen Widerstand leisten, da er einer solchen Überzahl gegenüber doch vergeblich sein würde; er glaube Hakkarikurden in der Schar zu erkennen und das seien von allen Kurden die blutdürstigsten. – Mr. Hywells Gesicht war sehr ernst geworden; die Aufstellung der Kurden ließ kaum einen Zweifel, dass es auf einen Überfall abgesehen war. ›Es ist mir nicht um mich zu tun‹, flüsterte er mir mit einem düstern Blick zu, ›aber Mary! Mary!‹ Ich verstand ihn vollkommen, und da ich Miss Hywell in hohem Grade achten und verehren gelernt hatte, so wurde auch mir unheimlich bei dem Gedanken an all die Möglichkeiten, denen eine junge und schöne Europäerin unter diesem fast wilden Volke ausgesetzt sein konnte. Dann ritt er zu Miss Mary, sprach angelegentlich einige Worte mit ihr und zog die Vorhänge ihres Palankins dicht zu. Wenn ich sage Palankin, so haben Sie mich wohl verstanden. In Ostindien trägt man die Palankins; dieser ließ sich jedoch auf einem Pferde befestigen, war aber im Übrigen, ganz ähnlich einem indischen, mit Vorhängen, Kissen und Armlehnen versehen, konnte auch, wenn es nötig war, getragen werden. Darauf schickte Mr. Hywell die europäischen Diener zu den Saumtieren, welche das Gepäck trugen, und befahl ihnen, jeden, der sich denselben nähern würde, niederzuschießen, vorausgesetzt. dass er ihnen nicht vorher den Befehl gebe, die Verteidigung zu unterlassen. Wir waren jetzt in einer Linie mit den Kurden, und was ich vorausgesehen, geschah. Auf ein gegebenes Zeichen setzte sich die Horde in Bewegung und kam im Trab auf uns zu. Es fielen auch einige Schüsse, aber wohl nur, um uns einzuschüchtern. In wenigen Minuten waren wir auf allen Seiten umgeben. Wir mochten im Ganzen etwas über dreißig Personen sein; die Zahl der Kurden betrug wohl mindestens das Acht- oder Zehnfache. Mr. Hywell und ich hatten die Pistolen in die Hand genommen. Der armenische Dolmetscher aber rief uns heftig zu, wir möchten um Himmelswillen nicht schießen; vielleicht kämen wir mit einer Plünderung davon; würden wir gefangen, so möchten wir ein Lösegeld bieten. – Und damit wandte er sein Pferd und schien fliehen zu wollen, was ich ihm kaum verargen konnte. Mr. Hywell aber streckte ihm die Pistole entgegen und sagte: ›Bleibt, guter Freund! Gerade jetzt haben wir Euch nötig!‹ Der Armenier blieb, denn Mr. Hywells Augen, so freundlich hell sie sonst auch sind, können doch zu Zeiten sehr drohend aussehen. – Die vielen Pferdehufe hatten den Staub aus den Felsen und auf der Landstraße so schnell und heftig aufgewirbelt, dass er uns wie eine dichte Wolke umzog. Wir konnten kaum zehn Schritt weit sehen. Mr. Hywell rief den europäischen Dienern zu, die Gepäckpferde näher zu führen; wir beide nahmen neben Miss Mary Platz, deren Dienerinnen sich dicht zu ihr gedrängt hatten. Da tauchte plötzlich dicht vor uns eine Kurdenschar aus der Staubwolke auf, voran zwei Reiter, deren Gesichter ich in meinem Leben nicht vergessen werde. Von ihrer Tracht will ich schweigen – Sie haben ja jetzt wohl schon Kurden gesehen – es ist eine wahre Räubertracht; die Söhne der Abruzzen sind idyllische Schäfer gegen diese in die grellsten Farben gekleideten Dämonen. Ich will nur erwähnen, dass in ihren Gürteln wahre Batterien von Pistolen und krummen Dolchen steckten, und dass ihre langen Flinten ihnen fast wie Spieße über den Kopf wegragten. Es war ein alter und ein junger, Vater und Sohn, beide sich so ähnlich wie ein alter Wolf dem jungen; der alte mit grauschwarzem Bart, der junge mit wirklich prächtigem, rabenschwarzem Bartwuchs, beide mit durchdringenden Luchsaugen und Nasen, die wie Habichtschnäbel gekrümmt waren; der Alte mager wie ein Gerippe, nur Sehnen und Knochen, der junge aber in seiner Art ein Prachtexemplar, die Galgenphysiognomie abgerechnet ein ganz kapitaler Bursche. Um mir die allgemeine Benennung zu ersparen, will ich Ihnen sogleich sagen, wie sie hießen, denn diese unfreiwillige Bekanntschaft war leider eine dauernde. Der Alte hieß Tamir-Aga, sein Sohn Kaschir-Aga; der Alte war Häuptling eines unabhängigen Kurdenstamms, ob der Hakkari- oder Rewandis-Kurden, das weiß ich nicht genau, tut auch nichts zur Sache, denn von diesen beiden Stämmen ist der eine immer grausamer, wilder, fanatischer und – beutegieriger als der andere. Übrigens verrieten uns schon die zahllosen Schals, die sie zu dicken Wülsten um ihre Filzmützen gewickelt hatten, dass es sogenannte vornehme Kurdenhäuptlinge seien. Sie ritten prächtige Pferde. Wie sie uns musterten, ihre Flinten im Arm haltend, nun, Mr. George, so muss der wilde Luchs seine Beute mustern! Wir hielten die Pistolen in Schusshöhe auf dem Hals unserer Pferde. Dann rief Tamir-Aga einige Worte, die wie das Gurgeln eines Betrunkenen klangen – ich sah, wie die Sehnen seines nackten Halses dabei tanzten – und unser armenischer Dolmetscher stieg vom Pferde, neigte sich demütig vor dem Kurden und hielt ihm einen ziemlich langen Sermon. Was der Mann geschwatzt haben mag, weiß ich nicht, er sah windelweich aus. Tamir-Aga gurgelte wieder, und zwar heftiger als vorher. Darauf wandte sich der Armenier zu uns und sagte in seinem gräulichen Französisch-Italienisch, der Kurde sei bereit, uns das Leben zu schenken, aber nichts weiter. Wir sollten seinem Sohne folgen, der werde uns an einen sehr angenehmen und sichern Ort führen. Dort solle über unser Lösegeld verhandelt werden. Er beschwor uns nochmals, keinen Widerstand zu wagen; wir seien ja unser nur sieben Männer. Und leider war es so! Denn als wir uns bei diesen Worten umblickten, sahen wir auch nicht mehr einen einzigen von unsern tapfern Persern. Sie hatten den Rest der Löhnung, die ihnen noch zustand, im Stich gelassen und den verhüllenden Staub benutzt, um nach dem nächsten Orte zurück zu fliehen. Jetzt wäre Widerstand allerdings Wahnsinn gewesen. Mr. Hywell knirschte mit den Zähnen vor Zorn und rief dann nach dem Palankin: ›Mary, es ist Zeit!‹ Darauf verhandelte er mit dem Dolmetscher. Er bot den Kurden einen Teil seines Geldes und seiner Waren gleichsam als einen Durchgangszoll, wollte aber auf jeden Fall weiterreisen und drohte mit den Repressalien des englischen Gesandten in Konstantinopel, berief sich darauf, dass die Engländer eine befreundete Macht der Türkei wären; der Armenier hörte geduldig zu, und unbeweglich lauschten die Kurden, um die sich jetzt fast ihre ganze Schar im Kreise versammelt hatte. Dann begann der Dolmetscher seine Unterhandlung mit Tamir-Aga, der dieser jedoch bald durch eine drohende Bewegung nach seinem Gürtel und mit einem Zornesblitz auf Mr. Hywell und mich ein Ende machte. Der Armenier wandte sich wieder zu uns: Tamir-Aga sei unerbittlich; wir müssten seinem Sohne folgen und Gott danken, dass man uns nicht die Köpfe abschneide. Das Weitere werde sich finden; er, der Armenier, sei ebenfalls verurteilt worden, Kaschir-Aga zu begleiten, um ferner zum Dolmetscher zu dienen. Was war darauf zu erwidern? Ich sah, wie es in Mr. Hywell kochte, aber auch er bezwang sich. Er rief den europäischen Dienern zu, das Räubervolk gewähren zu lassen, und sagte dann dem Dolmetscher, dass er nur auf freier Weiterreise bestehe. Der Armenier wagte kaum, diesen Einwand vorzubringen. Tamir-Aga streckte drohend die Faust gegen uns aus und ließ uns befehlen, sogleich von unsern Pferden zu steigen und die Waffen abzuliefern. Auch mir kochte jetzt das Blut. Aber dreihundert bewaffneten Männern gegenüber ließ sich nichts tun, als gehorchen. Wie zögerten zwar, aber es richteten sich so viele Flintenläufe auf uns, dass wir abstiegen. Ich weiß nur noch, dass ich in jenem Augenblick sehnlich wünschte, Russland oder irgendein Volk möge dieses Räubervolk zu Paaren treiben. Die Türken sind zu schwach dazu. Omer-Pascha hat es einmal versucht und sie auch hart in die Enge getrieben, sogar einen ihrer Häuptlinge gefangengenommen. Aber was nützt das? Jetzt sind sie wieder obenauf und werden vielleicht die Nestorianer, die einzigen Christen, die unter ihnen zu wohnen wagen, bald ganz vernichten. Die Türkei müsste hier ein Beobachtungscorps unterhalten können. Doch zu unsern Erlebnissen zurück. Ich finde wohl noch später Zeit, Ihnen etwas von den Kurden und wie es in dem Innern ihrer Bergländer bestellt ist, zu erzählen. – Also wir stiegen ab. Nun wollten sich die Kurden von allen Seiten wie Geier auf das Gepäck werfen, aber Tamir-Aga scheuchte die Rotte zurück und vertrieb sogar einen seiner Reiter, der den Sattel von meinem Pferde nehmen wollte, mit einem Pistolenschuss, der jedoch nicht traf. Sie können sich vorstellen, in welcher Besorgnis wir während dieses Getümmels wegen Miss Mary waren. Endlich aber gelang es Tamir-Aga, die Ruhe wiederherzustellen, und es begann eine regelrechte Verteilung der Beute; natürlich behielten die beiden Agas den Löwenanteil. Unsere europäischen Diener wurden bis aufs Hemd ausgeplündert, die Gepäckballen von den Pferden gerissen und aufgeschnitten. Es war eine reiche Beute. Mr. Hywell hatte in Ostindien große Einkaufe an Schals und andern Erzeugnissen des Landes gemacht, und die Kurden, die sich sehr wohl auf den Wert dieser Artikel verstanden, jauchzten laut auf. Am meisten gefielen ihnen jedoch die Waffen, Messer und Geräte, die sie fanden; das meiste davon eigneten sich Tamir-Aga und sein Sohn zu. Endlich näherte sich der letztere dem Pferde Miss·Marys. Mr. Hywell trat vor seine Tochter und sagte dem Dolmetscher, er möge dem Kurden erklären, dass die Franken keine Beleidigung ihrer Frauen duldeten, und dass er noch Waffen besitze, um sie zu verteidigen. Der Armenier sagte dem Kurden davon, was er für gut finden mochte, und dieser tat, was ihm gefiel. Er ließ durch den Dolmetscher antworten, dass die freien Kurden die Weiber achteten, und begnügte sich damit, den Vorhang zu öffnen, der den Palankin verschloss. Ich beobachtete sein Gesicht, während er es tat, und blickte auch zu Miss Mary empor. Ihr Gesicht war bleich und ruhig und hatte etwas Eigenes, das ich vorher nicht an demselben bemerkt und mir nicht zu erklären wusste; der Kurde betrachtete sie nicht lange, ließ den Vorhang fallen und wandte sich ab. Der Dolmetscher musste ihm noch im Auftrage Mr. Hywells sagen, dass Miss Mary krank sei; Kaschir-Aga antwortete abermals, die Weiber würden geachtet werden. Es verging eine gute Stunde; dann war die Teilung beendet. Ein Teil des Gepäcks wurde wieder auf die Saumtiere geladen, es war der Anteil des Häuptlings und seines Sohnes. Dann trennten sich ungefähr vierzig Kurden von der großen Schar; unser Armenier, der ihren Worten lauschte, teilte uns mit, dass der junge Kurde beauftragt sei, uns nach seiner Heimat zu führen, wo wir fürs erste bleiben sollten. Mr. Hywell begann die Unterhandlungen von neuem. Er verlangte, dass ich oder die Diener oder der Dolmetscher nach Bajazid gesandt würden, um wegen eines Lösegelds zu unterhandeln, denn auf dieses war es abgesehen. Aber man antwortete, dazu sei immer noch Zeit, wenn wir erst Kosh und Dschulamerk erreicht hätten. Wie der Ort oder die Gegend eigentlich hieß, habe ich nie genau erfahren; aber jene beiden Namen habe ich öfters gehört. Es blieb gar nichts weiter übrig, als sich willenlos dem unvermeidlichen Schicksal zu beugen und auszuharren. Der Armenier, dem wir unsererseits reichen Lohn versprachen, wenn er sich unserer annehmen und uns, wenn es ihm möglich sei, aus den Händen dieser Räuber befreien wolle, riet uns an, schweigend alles zu ertragen. Er werde uns für fränkische Heckhims, das heißt für Ärzte ausgeben, die zu einem Fürsten im fernen Osten berufen gewesen seien, ihn zu heilen, und nun mit reichen Geschenken zurückkehrten. Denn der Stand eines Arztes sei der einzige, den diese Menschen noch ein wenig, selbst bei einem Franken, achteten, weil sie abergläubisch seien und glaubten, dass dem Heckhim geheime Mittel zu Gebote ständen, ihnen zu schaden. Da wir nun in der Tat manche Tränkchen Pulver und Pillen in unserer Reiseapotheke bei uns führten, so konnten wir allerdings unter diesen Leuten leicht ein paar Ärzte vorstellen, und wir beschlossen, dem Rate des Armeniers zu folgen. Erst gegen Abend trennten sich Vater und Sohn. Unser Los war es, wie ich bereits erwähnte, mit dem letztern in seine Heimat zu ziehen. Kaschir-Aga ließ uns jetzt noch unsere Waffen; ein Versuch zur Flucht, umgeben von vierzig Kurden wäre ja doch eine Torheit gewesen! Langsam schlugen wir den Weg nach Süden ein, quer über die Berge. Ich beriet mich mit Mr. Hywell, aber wir fanden keinen Trost. Dass Tamir-Aga nicht eingewilligt, uns einen Boten nach Bajazid senden zu lassen, erklärte sich sehr leicht; er fürchtete eine Verfolgung durch türkische Truppen und wollte uns, ehe der Überfall bekannt wurde, nach seinem Gebirge in Sicherheit bringen, wo uns zwar Mond und Sonne bescheinen, die türkische Macht uns aber gar nicht oder nur spät erreichen konnte. So zogen wir denn trübselig dahin, Miss Mary zuweilen Mut einsprechend. Unsere europäischen Diener, die in der Tat bis aufs Hemd ausgeplündert waren, hatten sich in die Leinwand gehüllt, mit welcher unsere Ballen umwickelt gewesen. Aber es waren treue Burschen; ich habe sie weder damals noch später murren hören. Einer stand in meinen Diensten, die drei andern gehörten zu Mr. Hywell. Schon damals sah übrigens der letztere ein, dass gar nichts weiter übrig bleibe, als an einen türkischen Befehlshaber in Bajazid oder Erzerum und an meinen Verwandten in Sinope zu schreiben und dieselben um Vermittelung zu bitten. Dies ist auch, wie ich sogleich erwähnen will, geschehen. Aber entweder haben die abgesandten kurdischen Boten ihr Ziel nicht erreicht, oder sie haben es nicht erreichen wollen, aus Furcht, augenblicklich in Bajazid oder Erzerum gehängt zu werden. Ich will mich nun mit dem Bericht unserer Reise so kurz als möglich fassen und Ihnen nur mitteilen, was für Sie zum Verständnis des Folgenden notwendig ist. Wir übernachteten auf freiem Felde. Kaschir-Aga hatte die Freundlichkeit, Miss Mary und ihren Dienerinnen sein Zelt abzutreten. Wir andern schliefen in unsere Decken gehüllt, unter freiem Himmel. Als ich am andern Morgen durch das Gebet geweckt wurde, das Kaschir-Aga sprach und seine Kurden kniend anhörten, denn bei aller Räuberei sind diese Kurden gute und gläubige Mohammedaner, so wie die Räuber in Spanien und Italien fromme Christen sind – bemerkte ich, dass wir uns auf einem Berge befanden. Ein Dorf war weit und breit nicht zu sehen, und wäre dies auch der Fall gewesen, so hätten wir es doch vermieden; denn die Kurden trauen sich untereinander nicht und der eine bestiehlt den andern, wo er nur kann. Kaschir-Aga wollte uns womöglich unbemerkt nach seiner Heimat führen; da waren wir sicher. Bald darauf ging es zum Aufbruch, nachdem wir zum ersten Mal saure Milch mit gekochter Gerste genossen, ein Gericht, das später meine Lieblingsspeise werden musste, da es nichts anderes gab, ausgenommen höchst selten ein Stück Lamm oder Hammelbraten. Ich war übrigens sehr verdrießlich, denn man hatte in der Nacht mein ganzes Gepäck vom Pferde gestohlen und mir nur den Sattel gelassen; bis dahin hatte ich gehofft, Herr meines notdürftigsten Reisegepäcks zu bleiben, nun aber begriff ich, dass ich bald in denselben Zustand mit unsern Dienern versetzt sein würde. Vorsichtig verbarg ich die Mehrzahl der Goldstücke, die ich besaß, im Stiefel. Meine Wertpapiere und Kreditbriefe nützten mir hier natürlich gar nichts. Ich stand höchst missvergnügt an mein Pferd gelehnt, als ich Mr. Hywell aus dem Zelt treten sah, seine Tochter führend. Miss Mary war verschleiert. Sie ging sehr langsam und schien sich auf ihren Vater zu stützen. Ich fürchtete, Aufregung, Schrecken und Ermüdung hätten ihr eine Krankheit verursacht, und trat ihr unwillkürlich näher. Mr. Hywell kam einer Frage von mir zuvor, indem er den Schleier von dem Gesichte seiner Tochter zurückschlug. Entsetzt blieb ich starr stehen. Die angenehmen und lieblichen Züge der Miss Hywell waren entstellt, ihre Haut mit roten und blauen. fast schwarzen Flecken bedeckt. Ich vermochte kein Wort zu sprechen. Mr. Hywell ließ den Schleier fallen und half seiner Tochter in den Palankin steigen. Dann wandte er sich zu mir. ›Behalten Sie nur Ihr ernstes und bestürztes Gesicht, Wiedenburg!‹ sagte er zu mir. ›Die Sache ist nicht so schlimm, wie sie scheint. Ich habe Mary gebeten, sich Gesicht, Hals und Hände mit einer scharfen Mixtur zu bestreichen, die man zu Arzneizwecken anwendet. Das hat jene Entzündung hervorgerufen, eine Art Ausschlag, der aber sehr ungefährlich ist und bald verschwinden wird, wenn Mary das Mittel nicht weiter anwendet. Sie erraten, weshalb ich es getan habe. Die Orientalen haben einen großen Abscheu gerade vor derartigen Krankheiten; ich denke also, Mary wird vor allen Zumutungen dieses Herrn Kaschir-Aga sicher sein.‹ Ich war sehr beruhigt und lobte ihn wegen seiner Vorsicht. Inzwischen kam der Armenier zu uns und fragte Mr. Hywell im Auftrage des jungen Kurdenhäuptlings, wie es komme, dass er seine Tochter nicht heile, da er doch ein Heckhim sei. Der alte Herr antwortete ihm, er könne diese Krankheit nur heilen, wenn sie einen gewissen Höhepunkt erreicht habe. Bald darauf ging es weiter, dem Hochgebirge zu. Es war kein leichter und angenehmer Marsch, denn wir vermieden die wenigen gebahnten Wege, die es dort geben mag. Acht Tage lang, waren wir unterwegs, und da ich mich allmählich in meine Lage fand, so gewann ich geistige Ruhe genug, um Beobachtungen anzustellen. Es war ein echtes Gebirgsland, dem es nicht an herrlichen und leidlich angebauten Tälern fehlte und das mit einiger Kultur zu einem sehr fruchtbaren Lande umgewandelt werden könnte. Nur ein Zehntel von dem Fleiße und der Gartenbaukunst der Perser wäre den Bewohnern dieses Landes zu wünschen, dann könnte es mit den reichsten Ländern Asiens wetteifern. Die Dörfer, die ich sah, erschienen mir sehr unbedeutend; in die Nähe größerer Städte, obwohl sie dort existieren sollen, kamen wir nicht, weil Kaschir-Aga sie vermied. Zur Rechten sah ich zuweilen den Spiegel des Wansees, dem wir uns einige Male bis aus wenige tausend Schritt näherten. Ich unterhielt mich, so oft es anging, mit dem Armenier, um möglichst viel von ihm über das Land zu erfahren; aber er wusste selbst nicht viel mehr, als was ich aus Reiseberichten kannte. Tatsache ist es, dass nur sehr wenige Europäer bis jetzt in dieses Land vorgedrungen sind. Er erzählte mir manches von den Nestorianern, die von Katholiken und Protestanten für höchst ungläubig gehalten werden, und die sich nicht sehr wesentlich von ihren mohammedanischen Landsleuten unterscheiden. Dass amerikanische Missionäre, die sich in Urmiah in Persien niedergelassen, darauf hinwirkten, die Nestorianer zu protestantisieren, wusste ich bereits. Urmiah war aber doch zu fern um eine schnelle Hilfe oder Vermittlung der Amerikaner hoffen zu lassen, auch wenn es uns gelang, sie zu benachrichtigen. Dennoch richtete ich meine Gedanken im Geheimen auf diese Missionäre und auf die Bergnestorianer, die denn doch am Ende immer Christen, wenn auch von ganz besonderer Art sind. Sie werden jetzt freilich, nachdem vor ungefähr zwanzig Jahren die größere Mehrzahl von den Kurden ermordet worden, als Sklaven behandelt; aber gerade deshalb durfte ich hoffen, dass sie mir beistehen würden, den Kurden einen Streich zu spielen. Freilich hemmte mich überall meine Unkenntnis der Sprache, und dem armenischen Dolmetscher durfte ich nicht unbedingt trauen, da er eine Heidenangst vor den Dolchen und Pistolen der Kurden hatte. Zuletzt kamen wir in ein wahres Alpenland mit schneebedeckten Bergen, die Heimat unseres Kaschir-Aga. Hier vermied er die Dörfer nicht mehr, sondern zeigte im Triumph seine Beute. Gewöhnlich ritt er vorauf, zuweilen würdigte er uns auch der Ehre seiner Gesellschaft und legte uns durch den Dolmetscher Fragen über persische und türkische Verhältnisse vor. Im Ganzen kümmerte er sich jedoch wenig um uns. Der Armenier aber, der sich öfter auf eigene Hand mit ihm unterhielt, sagte uns, Kaschir-Aga sei ein ganz gescheiter Bursche, dessen Absichten darauf hinausgingen, sich von den Türken ganz unabhängig zu machen, das heißt, nicht einmal den Tribut zu zahlen, den die Türkei zuweilen zu erheben pflegte. Dass ich mit Mr. Hywell und Miss Mary ungestört sprechen konnte – unser Armenier verstand kein Englisch, sondern nur ein halb italienisches Französisch – war noch das Beste, sollte aber leider bald aufhören. Wir hatten nun die Heimat Kaschir-Agas erreicht, ein kleines Dorf, dessen Häuser am Abhang eines Berges hingen wie Schwalbennester und ebenso kotig aussehend, aus der Erde hervorragend und wie Maulwurfshöhlen unter derselben fortlaufend. Nur die Häuptlingsfamilie bewohnte ein steinernes und ziemlich geräumiges Gebäude. In diesem letztern wurden Mr. Hywell und seine Tochter einquartiert. Mir wies man die Wohnung eines Kurden zum Aufenthalt an ein Schmutzloch sondergleichen. Indessen auch dagegen härtet sich der Mensch durch Gewohnheit ab. Sie sehen, ich fühle mich ganz wohl in meiner jetzigen Hülle, obwohl ich mit meinen Lumpen und meinem gewachsenen Bart aussehen muss wie das Urbild eines neapolitanischen Lazzarone. Das Schlimmste aber war, dass man mir allmählich alles stahl, was man mir noch gelassen. Wohin mein Pferd gekommen, wusste ich nicht, von meinen Kleidungsstücken verschwand eins nach dem andern. Einmal ertappte ich einen jungen Kurden dabei, mir meine Beinkleider zu stehlen, als ich eben des Morgens erwachte; wahrscheinlich wollte er sie wie einen Schal als Siegestrophäe um seine Filzmütze binden. Ich gab dem Jungen eine Ohrfeige; die Natter fuhr mit dem Messer auf mich zu. Da ergriff ich seine Hand und renkte ihm das Handgelenk aus. Nun heulte er durch das ganze Dorf. Ich begab mich sogleich nach der Wohnung des Häuptlings, denn es war uns gestattet, frei im Dorf herumzugehen, und beklagte mich durch den Armenier bei Kaschir-Aga. Aber ich kam übel an. Der Junge war ein Vetter Kaschir-Agas, und wenig fehlte, so hätte man mir Nase und Ohren abgeschnitten. Fürs erste verurteilte man mich, die Hütte nicht zu verlassen, und das war streng genug, denn nun konnte ich weder Mr. Hywell noch Miss Mary mehr sprechen. Letztere war immer noch entstellt, aber, wie mir Mr. Hywell klagte, ging die Tinktur zu Ende, und dann gab es kein Mittel mehr, Mary hässlich zu machen, wollte man nicht zugleich ihre Gesundheit untergraben. In meiner Hast fasste ich nun den felsenfesten Entschluss, sobald als möglich zu fliehen. Ich zeigte mich sehr gefügig, ließ Kaschir-Aga um Gnade bitten und erhielt denn auch nach ungefähr einer Woche die Erlaubnis, die Hütte wieder verlassen zu dürfen. Inzwischen waren jene kurdischen Boten, von denen ich gesprochen, nach Bajazid und Erzerum mit Briefen Mr. Hywells abgesandt worden. Dieser bestärkte mich in meinem Entschluss, das Dorf zu verlassen und in Bajazid schnelle Hilfe zu suchen. Denn mich nach Urmiah zu den nordamerikanischen Missionären zu wenden, hatte ich aufgegeben, da ich einsehen gelernt, wie gering der Einfluss dieser Männer hier im Gebirge sei. Vielleicht konnten sie indessen später als Unterhändler gute Dienste leisten. Zuerst hatte ich daran gedacht, mit den vier europäischen Dienern gemeinsam zu fliehen. Aber der Gedanke, dass dann Mr. Hywell ganz allein allen Möglichkeiten ausgesetzt sei, änderte meine Ansicht. Auch waren diese Diener jetzt nicht mehr im Dorfe, sondern im Hause des Häuptlings einquartiert. Mir allein gönnte man noch einige Freiheit, ich vermute, weil man mich für den Bräutigam der Miss Mary hielt und glaubte, ich würde nicht ohne sie fortgehen. Miss Hywell, die der Kurde mit Recht für die wertvollste Person hielt, durfte das Haus niemals verlassen. So beschloss ich denn, nachdem ich noch einmal mit Mr. Hywell alles verabredet und wir Miss Mary Trost und Mut eingesprochen, mein Heil zu versuchen. Geld konnte mir Ihr Pflegevater leider nicht geben, da man auch ihm allmählich alles gestohlen. Ich besaß nur noch einige türkische Goldmünzen, die ich mir in Tauris eingewechselt, und ein Messer, das ich bis dahin sorgsam verborgen gehalten. In einer sehr dunklen Nacht entwich ich aus der Hütte; heute sind es gerade vierzehn Tage, und gelangte unbemerkt aus dem Dorfe. Ich wanderte immer nach Norden, mich nach den Sternen richtend. Nun, ich will Sie mit dem Bericht meiner Wanderung nicht ermüden. Wahrscheinlich bin ich verfolgt worden, aber man hat mich nicht entdeckt. Bei Tage hielt ich mich verborgen, fand auch zuweilen Gastfreundschaft bei armen Nestorianern. Mein vollständig zerrissener und beschmutzter Anzug. dessen Lücken ich, wie Sie sehen, durch Tücher, die ich mir kaufte, zu ergänzen suchte, schützte mich wahrscheinlich vor räuberischen Angriffen. So erreichte ich den Wansee und die Stadt Wan, fand hier jedoch zu meinem Leidwesen keinen Menschen, dem ich mich in englischer oder französischer Sprache hätte verständlich machen können, und kaufte für ein Billiges dieses Tier, das ich reite, das damals krank und hinfällig war, sich jetzt aber erholt hat. Nun lag es mir vor allen Dingen daran, eine Stadt zu erreichen, in der sich ein vernünftiger Kommandeur befand. Ich musste abermals meinen Weg durch das Gebirge nehmen; als ich aber die große Karawanenstraße erreichte, erfuhr ich, dass ich fast ebenso weit von Bajazid als von Erzerum entfernt sei, und beschloss deshalb, nach letzterer Stadt zu reiten, wo sich einige Kaufleute befinden, die meinen Namen kennen. Ich nahm mir, um sicher zu sein, einen Führer, und unser beiderseitiges Glück wollte es, dass wir uns trafen. Das ist meine einfache Geschichte. Nun lassen Sie uns zusammen überlegen, was zu tun ist!«

George hatte der ganzen Erzählung mit derselben trüben und wehmütigen Miene gelauscht. Jetzt, als Edmund Wiedenburg schwieg, fuhr er wie aus einem Traume auf, fast als habe er den Schluss gar nicht gehört.

»Seltsam! Traurig!« sagte er. »Hat Mr. Hywell zuweilen mit Ihnen von mir gesprochen? Hat Miss Mary sich meiner erinnert?«

»Nun sicherlich!« antwortete der Deutsche. »Mr. Hywell und seine Tochter sprachen stets mit der größten Teilnahme von Ihnen. Ich glaubte anfangs, als ich so oft den Namen George hörte, Sie seien wirklich ein Sohn oder Neffe Mr. Hywells, bis er mir später sagte, Sie hätten ihm geschrieben, Sie wollten nach dem Orient gehen und sich, wenn es möglich sei, an dem Kampf gegen die Russen beteiligen, und er könne dies nur billigen, da Sie ja ein Sohn Kaukasiens seien. Miss Mary sprach stets von Ihnen wie von einem Bruder. Beide freuten sich innig darauf, Sie in Sinope oder Konstantinopel zu finden!«

George versank wieder auf einige Minuten in seine Träumerei. Dann aber schien er sich aufzuraffen.

»Dank Ihnen, Dank, Mr. Wiedenburg«, rief er lebhaft, »dass Sie sich meines Pflegevaters und Miss Marys so warm angenommen. Die teuren, unglücklichen Menschen, was müssen sie erdulden! Was können wir tun, Sir, sie zu befreien? Ich bin zu allem bereit! Ich scheue kein Opfer, nichts, ich gebe jeden andern Plan auf, bis Mr. Hywell und seine Tochter befreit sind.«

»Ja, Sir, die Antwort ist leider nicht leicht«, antwortete Wiedenburg, »und wir müssen sehr reiflich jeden Schritt überlegen, denn das Leben Mr. Hywells und seiner Tochter schwebt in Gefahr, sobald die Kurden die Absicht wittern, die Gefangenen zu befreien, ohne Lösegeld zu zahlen. Das letztere war, wie ich von Mr. Hywell hörte, für uns alle auf dreißigtausend türkische Dukaten angesetzt. Wie sollen wir diese oder auch eine weit geringere Summe auftreiben! Und anders als in gemünztem Gelde nimmt der Kurde keine Zahlungen. Auch dürfte sich der mutige Mr. Hywell kaum dazu verstehen, den Räubern eine solche Summe zu gewähren, falls sich irgendein anderer Weg zur Befreiung zeigt. Nur der Gedanke an Miss Mary könnte ihn zur Zahlung eines Lösegelds geneigt machen. Ich denke, wir senden einen Boten nach Sinope zu meinem Verwandten, teilen ihm das Vorgefallene mit und bitten ihn, für alle Fälle möglichst viel gemünztes Gold zu sammeln und in Bereitschaft zu halten, zugleich aber nach Konstantinopel einen Bericht an den englischen und österreichischen Gesandten zu senden und sie zu bitten, die Pforte zum schleunigsten Handeln aufzufordern. Es ist möglich, da ja doch jetzt des Kriegs wegen eine Menge Menschen auf den Beinen sind und eine gewisse Rührigkeit selbst in diesen Gegenden herrscht, dass man sich schnell entschließt, etwas für Mr. Hywell und seine Tochter zu tun. Wir aber müssen uns nach Bajazid oder irgendeinem Ort begeben, an welchem sich ein vernünftiger Kommandeur befindet, womöglich zu Guyon oder, wie er jetzt heißt, Churschid-Pascha. Dieser muss es übernehmen, Mr. Hywell, seine Tochter, die Diener und Dienerinnen den Händen Kaschir-Agas zu entreißen, sei es·in Güte oder mit Gewalt. Ich denke, die unmittelbares Einwirkung eines hochstehenden Kommandeurs und das Versprechen einer Geldsumme werden ihren Einfluss aus Tamir-Aga, den Alten, nicht verfehlen. Im Notfall müsste man ihn als Geißel festhalten, bis Kaschir-Aga die Gefangenen herausgegeben hat. Aber das alles bedarf der ruhigsten und nüchternsten Überlegung, und vor allem haben wir Geld nötig. Das Dringendste erscheint mir also, einen von unsern Führern nach Sinope zu senden, um meinen Oheim zu bitten, uns eine Anweisung auf irgendeinen Kaufmann in Bajazid, Erzerum oder Kars zu senden. Denn in diesem Lande kann man nichts ausrichten, ohne nicht immer die Hand in der Tasche zu haben.«

Das wurde denn auch sogleich getan. Wiedenburg schrieb einen Brief an seinen Oheim, dem George einige Zeilen hinzufügte, und damit man sicher sei, dass der Bote den Brief wirklich in Sinope abliefere, gab man ihm nur eine kleine Summe, mit dem Bedeuten, dass, Mr. Wiedenburg ihm das Dreifache in Sinope auszahlen werde. Georges Führer ritt sogleich mit dem Briefe die Straße zurück. Wiedenburg aber bat George, sich der Ruhe hingeben zu dürfen. Denn jetzt, zu einem Resultat und einer gewissen Beruhigung gelangt, fühlte er sich nach so vielen Wochen körperlicher Anstrengung und geistiger Aufregung plötzlich von unwiderstehlicher Ermattung überwältigt.










IV. Die Rettung


Wenn auch nicht warm, doch hell und freundlich schien die Januarsonne durch das kleine Fenster in das geräumige Gemach, das die Wohnung Mary Hywells bildete. Als es Mary zuerst betrat, hatte es nur aus den rohen Steinwänden bestanden, mit einer schmalen Leiste am Fuße der Wände, um Kissen zum Diwan darauf zu legen. Jetzt war es durch Marys und ihrer Dienerinnen Bemühungen umgewandelt in einen Raum, der dem europäischen Sinne für Annehmlichkeit und Bequemlichkeit wenigstens in etwas entsprochen haben würde. Teppiche bedeckten einen Teil des steinernen Bodens, Kissen waren hier und dort zu Sitzen aufgehäuft; ein Vorhang sonderte den Raum, der Mary als Schlaf- und Ankleidezimmer diente, von dem Gemach; ein Vorhang, der jetzt zurückgeschoben war, schützte das Fenster, das die dicke Mauer wie eine Schießscharte durchbrach und, ohne Glasscheiben, nur mit einem hölzernen Laden von innen zu verschließen war.

In einem langen glänzenden Streifen fiel das Sonnenlicht durch dieses Fenster in das Zimmer, und wenn man hinausblickte, sah man nichts als in der Ferne himmelhohe schneebedeckte Berge.

Mary Hywell saß auf einer niedrigen Erhöhung, die vor diesem Fenster angebracht und mit Teppichen belegt war. Es war eine mehr als mittelgroße, schlanke, zarte Gestalt, von den feinsten, regelmäßigsten Verhältnissen. Das bleiche Antlitz ruhte auf der zarten Hand, die sie auf das Knie gestützt hatte; in der Linken hielt, sie ein Buch, in dem sie gelesen. Gedankenvoll und traurig schien sie über ihr Schicksal zu sinnen, und das blonde Haar fiel in langen natürlichen Locken über die Hand und den Arm, der den Kopf stützte Sie war eine echt nordische Schönheit; die Farbe der Haut dem Schnee vergleichbar, das Auge so hellblau wie der nordische Himmel, das Haar seidenweich und fast von der Farbe des Flachses, den die Spinnerin an ihrem Rocken befestigt. Ungemein sanft und lieblich, trotz der Traurigkeit, war der Ausdruck ihrer Züge; die Umrisse des Gesichts, der feingeformten Nase, der schön geschnittenen Augen und des kleinen Mundes waren so zart und doch so bestimmt, als habe die Meisterhand eines Künstlers sie nur andeutend und doch mit genialer Sicherheit entworfen. So bleich war das Gesicht, so hellglänzend das Haar, so zart das feine Rot der Lippen, dass man fast hätte glauben mögen, sie sei aus einem lustigern Stoff geformt als die andern Menschenkinder. In seiner jetzigen Ruhe und Unbeweglichkeit glich der Kopf fast dem Marmorkopf einer Antike, welchem der Künstler versuchsweise einen Anhauch von Farbe verliehen.

Von jener Entstellung des Gesichts, die der Vater absichtlich hervorgerufen, war längst jede Spur verschwunden. Sie war wieder die schöne Miss Hywell, die schon in England, mehr noch in Kalkutta viele Blicke auf sich gezogen und denjenigen, dem es vergönnt gewesen, sich ihr zu nähern, durch ihre stille Anmut und den Zauber ihres echt jungfräulichen Wesens entzückt hatte. Im Kreise der Ihrigen konnte Mary Hywell auch heiter und schelmisch sein wie ein Kind, das sie ihren innersten Gedanken nach auch stets geblieben. Aber das war nun dahin. Der Ernst eines trüben Schicksals hatte die Blüte dieses Daseins plötzlich angeweht wie ein Nachtfrost im Mai, und wer konnte wissen, ob der Sommer und ob er zeitig genug kam, diese Blüte wieder aufzurichten! Und doch war das Schicksal Marys ein so gutes gewesen, als es unter den eingetretenen Verhältnissen möglich war. Kaschir-Aga hatte ihr zu Anfang wenig Aufmerksamkeit bewiesen, aber doch alle Wünsche, die der Vater ihm durch den Armenier mitteilen ließ, um die eigentümliche Lage seiner Tochter zu erleichtern, bereitwillig erfüllt. Sie konnte ihren Vater täglich sehen, sie hatte ihre Dienerinnen in der Nähe, und was ihr sehr lieb schien, Kaschir-Aga hielt sich fern von ihr, wahrscheinlich weil er ihre Krankheit fürchtete. Mary empfand, wie sie ihrem Vater zuweilen fast zitternd gestand, eine unheimliche Furcht vor dem Kurden; vielleicht sah sie, ohne sich dessen in ihrer Reinheit bewusst zu werden, Leidenschaften in dem schwarzen Auge des Häuptlings blitzen, die sie mit einer geheimen Angst erfüllten und die Gefahren einer unbestimmten Zukunft fürchten ließen.

Ihre Ahnung schien sich erfüllen zu wollen, als die abschreckende Farbe ihres Gesichts verschwand. Vergebens hatte Mr. Hywell jede List versucht, um den Kurden von Mary fern zu halten. Seine Neugierde führte ihn zu ihr, und nun kam er täglich, ja oft mehrmals des Tages, teils allein, teils mit dem Armenier. Der Instinkt der Natur lehrte ihn eine gewisse Galanterie; er wurde besorgt für Mary und ließ ihr Geschenke und ausgewählte Speisen überreichen. Aber trotzdem blieben die Gewohnheiten seines Volkes fast schreckenerregend für ein weibliches Wesen, dem sich stets nur die zarteste Schicklichkeit genaht hatte. Welche Qual musste sie empfinden, wenn der junge Kurdenhäuptling wohl eine Stunde lang in ihrem Zimmer auf einem Kissen saß und sie unbeweglich anstarrte, oder wenn er dann dem Armenier Lobpreisungen der Schönheit seiner Gefangenen sagte, die dieser vielleicht nur andeutend zu wiederholen wagte.

Seit dieser Zeit nahm ihr Gesicht den bekümmerten Ausdruck die bleiche Farbe an, die ein wirkliches Leiden verrieten. Ihr Vater erriet, was in ihr vorging, wenn sie auch nie mit ihm darüber gesprochen. Er ließ dem Kurden durch den Armenier Vorstellungen machen, ließ ihm sagen, die Sitte des Abendlandes dulde solche Freiheiten der Männer nicht, er sei selbst in seinem Vaterlande ein Mann, dem man sowie seiner Tochter Achtung erweisen müsse, er sei ein Gefangener, kein Sklave; der Kurde lachte teils, teils erzürnte er sich darüber, und Mr. Hywell musste schweigen, wollte er nicht vielleicht den Kurden noch mehr reizen und das herbeiführen, was er am meisten fürchtete, die Trennung von seiner Tochter.

Kaschir-Aga hatte ihm sagen lassen, so ein Ungläubiger, ein Giaur, müsse es für die größte Ehre halten, wenn ein Rechtgläubiger seine Blicke auf die Tochter eines Sklaven richte, und er erwarte nur die Entscheidung seines Vaters, ohne dessen Einwilligung er nach der alten patriarchalischen Sitte des Orients nichts Wichtiges zu unternehmen wagte, obwohl er bereits ein Mann von mehr als dreißig Jahren war, um Mary zu seiner Gattin zu erheben oder wenigstens in seinen Harem zu führen. Zum Unglück schien der Armenier diese Verbindung zu wünschen, vielleicht, weil er Geschenke des Kurden erwartete, vielleicht, weil man ihm dann gestattete, nach seiner Heimat zurückzukehren.

Der gedämpfte Schall von Tritten auf dem Teppich ließ Mary aufblicken. Ihr Vater stand vor ihr, beugte sich zu ihr nieder und küsste ihre Stirn. Mary schlang die Arme um seinen Hals und drückte seinen Kopf zärtlich, innig und mit einem leichten Zittern an sich. Mehr als Worte verriet diese stumme Zärtlichkeit das Leid ihres Herzens. Er setzte sich in ihrer Nähe auf den Diwan und blickte sie lange an. Mary hatte die Hände auf ihrem Schoße gefaltet.

»Die Sonne scheint freundlich«, sagte er dann. »Fast ist es, als wolle es Frühling werden. Nur auf den Bergen glänzt noch der Schnee. Ich wollte, ich könnte Dich hinausführen, Mary – Du bist so blass geworden!«

»Ja, Vater, aber dann weit fort – weit!« antwortete die Tochter. »Der Kummer, in dieses düstere Haus zurückzukehren, würde größer sein als die Freude, es zu verlassen!«

Wieder trat eine Pause ein. Mr. Hywell fuhr sich mit der Hand durch sein ergrauendes, aber noch volles Haar. Auch sein frisches Antlitz war bleicher geworden, sein helles, klares Auge trüber, und der sonst so energische Ausdruck seiner Züge hatte jener Mattigkeit weichen müssen, die eine lange Untätigkeit, ein düsteres Schicksal, gegen das man nicht ankämpfen kann, auch den kräftigsten Zügen verleiht.

»Und dass ich an allem schuld bin – mein Eigensinn!« rief er dann, und seine Stimme klang zitternd und stöhnend.

Das hatte er in der letzten Zeit fast täglich gesagt. Gerade unter diesem Gedanken schien der sonst so starke Mann am meisten zu leiden.

»Lieber Vater, gegen die Schlechtigkeit und Rohheit der Menschen schützt keine Vorsicht!« sagte Mary sanft und tröstend. »Ich hoffe noch immer, einer wird kommen, George oder Wiedenburg!«

»Ja, hoffe nur!« rief Mr. Hywell fast bitter. »Ich hoffe nichts mehr. Aber ich bin entschlossen zu allem. Lieber die Flucht wagen – es ist ja doch eine Möglichkeit auf Erfolg – als das Entsetzliche dulden!«

Mary richtete bei seinen Worten mit unbestimmter Angst den Blick auf ihn. –

»Ist etwas Neues geschehen, Vater?« fragte sie kaum hörbar.

»Ja – und endlich muss ich es sagen!« rief Mr. Hywell und presste die Hand vor die Augen, als wolle er die Scham und Entrüstung verbergen, die ihn ergriffen. »Dieser Wilde verlangt Dich zu seiner Gattin. Er hat die Einwilligung seines Vaters erhalten; heute hat mir der Armenier die Vorschläge mitgeteilt. Ehrenvoll nennt sie der Schurke! Nun, er mag Recht haben, auf seine Weise; wir sind ja unter Räubern und Mördern, die sich für die ersten und edelsten Geschöpfe der Welt halten. Ich soll bleiben können oder auch meine Freiheit erhalten, wie ich will. Die Diener können gehen, die Dienerinnen bleiben; Du wirst sein Weib – das ist sein Entschluss! Von meiner Einwilligung ist keine Rede; ich muss natürlich tun, wie der hohe Herr befiehlt. O Mary, ich bin schwach geworden über all diesem Kummer und Herzeleid, ich könnte weinen wie ein Kind und dann auch wieder rasen, ja toben wie ein Tier. Dich in meine Arme nehmen und mich mit der Faust durchschlagen durch dieses Gesindel, bis ein Schuss mich niederstreckt. O Mary, verwünscht sei die Stunde, wo meine Zärtlichkeit für Dich mir den Gedanken eingab, dass Du mich begleiten solltest!«

Es war, als ob seine Stimme breche. Nachdem er sich einen Augenblick aufgerafft, gleichsam als wolle er sich einem unsichtbaren Feinde entgegenwerfen, brach er zusammen. Den Kopf tief niedergebeugt, ihn vergrabend in beide Hände, saß er da. Mary hatte sich erhoben und war zu ihm getreten.

Eine tiefe Blässe überzog ihr Antlitz.

»Ich erwartete – ich wusste es längst, Vater!« sagte sie. »Es bleibt uns keine Wahl, wir müssen fliehen – sterben. Es ist mir oft, nein, immer durch den Sinn gegangen, aber ich kann mich dazu nicht entschließen, ich kann nicht die Gattin eines Mannes werden, der mir schon bei seinem Nahen ein Entsetzen einflößt, das ich nicht zu schildern vermag, dessen Blick mein Blut erstarren macht. Ich würde sterben, wenn seine Hand die meine berührte. Ich kann es nicht, Vater; selbst der Gedanke, dass er Dir die Freiheit gewähren würde, gibt mir keinen Trost. So lass uns das Äußerste wagen; dann sterbe ich wenigstens unentehrt!«

»An mich denke nicht, Kind! Ich würde Deine Schande nicht überleben!« rief der Vater, sich etwas gesammelter erhebend. »Ja, es bleibt uns keine Wahl! Du musst Dich rüsten mit dem Mut der Verzweiflung, der jeder Gefahr trotzt, der den Tod nicht für das Schlimmste achtet. Ich will alles überlegen – reiflich – ruhig– jetzt kann ich es nicht! Ich werde um einige Tage Aufschub bitten; inzwischen fliehen wir. O welch Verhängnis! Und weshalb straft mich Gott so sehr! Weshalb verblendete er mich durch diesen unseligen Eigensinn!«

»O Vater, ich bitte Dich, zürne nicht! Ich kann Dich nicht klagen hören«, bat Mary. »Sieh, ich bin so ruhig und entschlossen. Es ist mir leichter ums Herz, da ich nun weiß, dass wir dem Ende entgegengehen. Aber horch! Hörst Du nichts? Was ist das für ein Lärm?«

Der Vater sprang auf. Glaubte er, dass die Hilfe nun kommen müsse, da sein Elend so groß sei? Ein Strahl freudigen Erschreckens flog über seine Züge. Er lauschte. Man hörte den verworrenen Ruf vieler Stimmen.

Mr. Hywell sprang zum Fenster hinauf, und sich weit vorbeugend, versuchte er trotz der Breite der Mauer die Ursache des Lärms zu erfahren. Man konnte vom Fenster aus einen Teil des Dorfes übersehen. Die Stimmen kamen näher. Aber man rief in kurdischer Sprache; Mary und ihr Vater verstanden nichts.

»Halt – da, jetzt sehe ich!« rief Mr. Hywell plötzlich. »Ein Menschenschwarm kommt den Hügel herauf – in ihrer Mitte drei Reiter – o Mary, es ist nichts für uns – es sind Kurden – oder Türken!«

»Ich bitte Dich, Vater, sieh hinaus!« rief Mary. »Mir pocht das Herz so stark – es müssen Freunde sein!«

»Ach« Mary, ich glaube nicht. Es sind Türken, drei Reiter – der mittlere scheint der Herr zu sein, prächtig gekleidet, mit Turban und Waffen im Gürtel. Sein Gesicht ist weißer als das der Begleiter, die seine Diener zu sein scheinen. Er zieht ein Papier hervor und zeigt es der Menge, die ihn umgibt und begleitet. Es eilt jemand auf ihn zu – es ist der Armenier. Der Reiter grüßt ihn lässig. Jetzt reiten sie den Berg hinauf, diesem Hause zu – mein Gott! – irre ich mich? Jetzt blickt er gerade hierher, als ob er wisse, dass jemand hier nach ihm ausschaue – Mary, es ist Wiedenburg!«

»Gott sei gedankt!« rief das zitternde Mädchen, und in die Knie sinkend, hob sie die Hände wie betend, empor. »Ich wusste es! Er konnte uns nicht verlassen!«

»Er ist es, er ist es!« jubelte der Vater. »Immer zeigt er das Papier – die Kurden umgeben ihn neugierig, einige voll Scheu, andere mehr drohend. Was bringt er, was will er? Ich sehe niemand außer ihm und seinen beiden Dienern. Wäre er tollkühn genug zu hoffen, dass ein Blatt Papier uns retten könne, jetzt, da die Leidenschaft dieses Menschen, des Häuptlings, entflammt ist?«

»O Vater, lass – es ist ein Freund – ein treuer Freund mehr!« rief Mary. »Lass uns hoffen! Er bringt vielleicht einen Befehl des Sultans, uns freizugeben.«

»Er blickt starr hierher – er erkennt mich!« rief Mr. Hywell. »Er grüßt mich! Willkommen, Wiedenburg!« rief er laut hinaus. »Da – jetzt sind sie verschwunden, ich sehe nichts mehr!«

Er fuhr mit der Hand über die geblendeten Augen und stieg von der Erhöhung nieder, zitternd, glühend vor Aufregung.

»Was sagtest Du?« rief er. »Einen Befehl des Sultans, uns freizugeben? O hoffe das nicht! Der Sultan hat keine Macht über diese Wilden. Er kommt, um uns zu helfen, aber allein? Mit tausend Reitern sollte er kommen, diesen Kaschir-Aga und seine Räuber aufs Haupt zu schlagen! Was vermag er jetzt auszurichten? Kaschir-Aga gibt Dich nicht frei – jetzt nicht! Nun, ich muss hinaus, Kind – ich muss wissen, was es ist. Bleibe Du hier – ängstige Dich nicht. Vielleicht bringt er uns wenigstens frohe Botschaft – vielleicht will er uns nur nahe sein. Er ist ein braves Herz – hat uns nicht vergessen. Auch Gott vergisst uns nicht!«

Er beugte sich zu ihr nieder, schloss sie schnell, heiß, leidenschaftlich in seine Arme. Dann eilte er hinaus.

Mary, noch kniend, schloss die Hände zusammen. Ihr Kopf senkte sich auf die schweratmende Brust. Sie betete.

Als Mr. Hywell atemlos auf dem freien Platze vor dem Hause des Häuptlings anlangte, sah er eine Szene voller Unruhe und Bewegung vor sich. Hunderte von Kurden umdrängten Wiedenburg und seinen Begleiter, und soeben durchschritt Kaschir-Aga, von einigen ältern und angesehenern Kurden begleitet, die wogende Menge. Das Gesicht des jungen Häuptlings war ernst und finster, ja sogar, wie es schien, bleicher als gewöhnlich.

Wiedenburg hielt sein Pferd an, sobald er Kaschir-Aga bemerkte. Die hohe Gestalt des jungen Deutschen bot in der reichen türkischen Kleidung einen stattlichen, imponierenden Anblick. Den Bart trug er ganz voll, in türkischer Weise; nur die weißere Hautfarbe und der regelmäßigere germanische Schnitt des Gesichts verkündeten, dass er kein Türke sei. Er grüßte Mr. Hywell, der sich bemühte, die Menge zu durchbrechen, mit einem freundlichen und achtungsvollen Neigen des Kopfes und wandte sich dann stolz zu Kaschir-Aga, demselben den Ferman hinreichend.

Der junge Kurdenhäuptling empfing denselben mit einer deutlich erkennbaren Mischung von Verdruss und Ehrerbietung. Er neigte sich, küsste das große Siegel der Papierrolle, nachdem er es flüchtig gemustert, und las dann den Inhalt. Mr. Hywell war dicht zu dem Armenier getreten, der sich bemühte, ebenfalls den Ferman zu lesen. Kaschir-Agas Miene wurde noch finsterer; der Inhalt des Schriftstücks schien ihm nicht zu behagen.

Dann aber wandte er sich zu dem Armenier und sagte diesem einige Worte. Der Armenier übersetzte sie dem Deutschen.

»Kaschir-Aga«, so lautete die Antwort des Kurdenhäuptlings, »Kaschir-Aga, der Sohn Tamir-Agas, des Häuptlings der freien Kurden vom Stamme der Hakkari, achtet den Ferman des Padischah von Stambul nicht als einen Befehl, sondern als den Wunsch eines mächtigen Freundes und heißt den Fremden in seinem Hause willkommen. Er wird den Rat seines Vaters und der Ältesten seines Stammes einholen, um zu erfahren, ob ein Fremdling, der vor kurzem noch sein Gefangener war, Anspruch hat auf das Recht der heiligen Gastfreundschaft. Bis dahin wird der Fremde im Hause der Häuptlinge wohnen, und was er wünscht, wird zu seiner Verfügung stehen!«

»Der Padischah in Stambul ist Dein Herr und nicht Dein Freund!« rief Wiedenburg stolz und zuversichtlich. »Er hat Dir zu gebieten, und ich komme als sein Bote. Die Scharen, die er bei Bajazid versammelt hat, sind mächtig genug, um die Männer dieser Berge für immer in Fesseln zu schlagen, und der Pascha von Wan hat Befehl, darüber zu wachen, dass die Gebote des Padischah ausgeführt werden. Aber ich hoffe, dass wir uns einigen werden in Frieden und Freundschaft.«

Als der Armenier dem Kurdenhäuptling diese kühnen Worte verdolmetschte, erhob sich ein dumpfes Murren unter der Kurdenschar. Kaschir-Agas Stirn zog sich drohend zusammen, aber er winkte mit der Hand Ruhe.

»Kaschir-Aga wird den Rat seines Vaters und, der Ältesten einholen!« ließ er durch den Armenier antworten, nichts weiter.

Dann schien er einigen Kurden Befehle zu geben, neigte sich nach orientalischer Sitte höflich gegen Wiedenburg und kehrte in das Haus zurück, mit finsterer Miene, die Augen fast geschlossen, wie jemand, der eine heftige innere Bewegung unterdrückt und auf Rache sinnt.

»Verzeihen Sie mir, wenn ich ein wenig förmlich tue«, wandte sich dann Wiedenburg zu Mr. Hywell, der ihm die Hand reichte. »Ich komme in der Tat als Gesandter des Sultans und muss dieser Menschen wegen eine andere Miene annehmen, als ich möchte. Aber ich komme Ihretwegen, wie Sie wohl vermuten, und ich denke, wir sprechen uns heute noch. Bringen Sie Ihrer Tochter meine herzlichsten Grüße!«

»Sie kommen als ein Retter in der Not!« antwortete der Engländer, sich zurückziehend. »Aber seien Sie vorsichtig; die Gefahr ist größer, als Sie glauben!«

Die Kurden, mit denen Kaschir-Aga zuletzt gesprochen, näherten sich dem jungen Deutschen und boten ihm ihre Dienste an. Begleitet von der staunenden und unruhig bewegten Menge, ritt Wiedenburg bis an das niedrige Tor des steinernen Gebäudes, ließ sich dort aus dem Sattel heben, sprach mit seinen türkischen Dienern, von denen der eine etwas Englisch zu verstehen schien, und trat dann in das Innere des Hauses. Man führte ihn sogleich nach denjenigen Räumen, die zur Aufnahme von Gästen bestimmt waren. Einer besondern Vorbereitung bedurfte es nicht. Auch diese Räume enthielten nichts als einige Kissen zum Sitzen und einige der notwendigsten Geräte. Der Deutsche ließ sich von seinen Dienern sein Gepäck bringen und untersuchte namentlich das Schloss eines kleinen und schweren Koffers sehr genau. Dasselbe schien fest genug gearbeitet, um der Neugierde und wohl auch der Gewalt zu widerstehen. Dann nahm er die einfachen Gerichte in Empfang, die man ihm brachte, rauchte die dargebotene Pfeife und streckte sich auf die Kissen des Diwans. Zuweilen überflog ein Lächeln sein Gesicht, vielleicht, weil er an die eigentümliche Rolle dachte, die er hier spielen musste. Dann aber wurde seine Miene wieder sehr ernst, denn unmöglich konnte er sich die Schwierigkeiten und selbst Gefahren verbergen, denen er entgegenging. In dieser Stimmung empfing er den Armenier, der halb demütig, halb vertraulich sich nahte, um dem Fremden zu melden, dass Kaschir-Aga ihn besuchen würde.

»Der junge Anführer der Kurden wird mir willkommen sein«, antwortete Wiedenburg, den Armenier sehr ernst und fast drohend anblickend. »Ich hoffe, Ihr habt alles getan, um die Lage meines Freundes und seiner Tochter zu erleichtern; wenn nicht, so dürfte die Stunde der Vergeltung gekommen sein!«

Der Armenier schwur hoch und teuer, dass ihm das Geschick des Franken und seiner Tochter am Herzen liege wie sein eigenes, und wagte dann die Frage, wie der Fremde so schnell die Gunst des Padischah von Stambul erlangt.

»Nun« was denkt Ihr, was wir sind?« antwortete ihm Wiedenburg stolz und verächtlich. »Wir· sind die Botschafter eines Padischah, der tausendmal mächtiger ist als der Padischah von Stambul, und Kaschir-Aga mag sich vor jeder Übereilung hüten, jetzt, da der Padischah von Stambul weiß, dass die Gesandten seines mächtigen Freundes von diesem Volke überfallen und beraubt worden sind. Mehr Bewaffnete, als Ihr Haare in Eurem Barte zählt, sind bereit, die Schmach zu rächen, die uns angetan worden und der wir uns fügen mussten, weil wir zu schwach zum Widerstand waren. Treibt nicht etwa falsches Spiel, Mann, sondern helft aufrichtig unsere Sache fördern; es möchte Euch sonst übel ergehen! Zeigt Ihr Euch aber als ein redlicher Freund, so werden Euch Belohnungen von allen Seiten zuteilwerden.«

Der Armenier schien bestürzt und gelobte nochmals, alles zu tun, was in seinen Kräften stehe. Gleich darauf trat Kaschir-Aga ein, begleitet von zwei Ältesten der Kurden. Er war jetzt ruhig, stolz und zuversichtlich. Wiedenburg ging ihm einige Schritte entgegen, verneigte sich und deutete auf die Kissen, auf denen der Aga sich niederlassen möge.

»Sagt dem Sohne Tamir-Agas«, wandte er sich dann zu dem Armenier, »dass er mir verzeihen möge, wenn ich auch hier allen Gebräuchen meines Landes folge. Wir gestatten dies jedem Fremden, der uns in unserm Lande besucht. Und gebt dem Aga genau wieder, was ich Euch sagen werde! Er darf keinen Zweifel darüber hegen, dass ich nicht als ein Bittender und Hilfsbedürftiger zu ihm komme, sondern als der Sohn eines mächtigen Volkes und als der Gesandte des Padischah.«

Der Armenier, dem die ernste und feste Sprache Wiedenburgs Gehorsam und zugleich Vertrauen in die Macht desselben einzuflößen schien, wiederholte diesmal genau den Sinn der Worte. Wiedenburg, der in den letzten Wochen eifrig bemüht gewesen war, die türkische Sprache kennenzulernen, vermochte jetzt selbst den Worten des Armeniers zu folgen und die Art und Weise der Verdolmetschung im Allgemeinen zu prüfen. Kaschir-Aga blieb auch jetzt ganz ruhig; Wiedenburg glaubte zu bemerken, dass in dieser Ruhe etwas liege, was auf einen schon gefassten Entschluss deute, von dem der Kurdenhäuptling sich durch kein Hindernis ablenken lassen wolle.

»Sage dem Fremden, er möge sprechen!« lautete die Antwort. »Ich werde hören.«

Wiedenburg setzte darauf auseinander, welche Stellung er und Mr. Hywell in ihrem Vaterlande einnähmen, schilderte den letztern als einen Abgesandten seines mächtigen Herrschers und hob die Schnelligkeit hervor, mit welcher man ihm selbst den Ferman von Stambul gesandt habe, als er nach seiner Flucht das Vorgefallene dorthin berichtet. Er versicherte mit großer Bestimmtheit, dass der Sultan sich dieser Sache sehr eifrig annehmen und selbst mit Gewalt dem Gesandten des ihm befreundeten Herrschers zu Hilfe kommen werde, hoffe aber, dass Kaschir-Aga sich mit einem Lösegeschenk begnügen und die fränkischen Gefangenen sofort freigeben werde. Auf die Frage des Kurden nannte er eine nicht unbedeutende Summe, die dem Häuptling oder dessen Bevollmächtigten ausgezahlt werden sollte, sobald die Franken in Sicherheit seien, also in Bajazid oder Erzerum. Kaschir-Aga ließ durch den Armenier antworten, dass er die Eigenschaft seines jetzigen Gastfreundes als Gesandten des Padischah von Stambul nicht eher anerkennen dürfe, als bis sein Vater und die Ältesten den Ferman geprüft. Bis dahin könne er den Fremden nur als einen einfachen Reisenden betrachten, dem er Schutz und Obdach gewähre. Doch könne er ihm auch schon jetzt so viel sagen, dass er selbst nichts gegen die Abreise sämtlicher Männer einzuwenden habe, vorausgesetzt, wie er vorsichtig hinzufügte, dass die genannte Summe gezahlt werde, dass er dagegen die Tochter des alten Franken nur in dem Falle ziehen lassen werde, wenn sein Vater ihm nicht die Einwilligung gebe, sie zu heiraten. Und es lag etwas in seiner Miene, was andeutete, dass er selbst in einem solchen Falle entschlossen sei zu trotzen.

Für Wiedenburg war diese Mitteilung eine neue und überraschende. Doch verbarg er die bösen Befürchtungen, welche diese Erklärung in ihm erweckte. So viel hatte ihn sein Aufenthalt im Orient bereits gelehrt, dass nur unerschütterliche Ruhe imstande sei, diesen Männern Achtung einzuflößen.

»So scheint Kaschir-Aga zu glauben, dass diese Angelegenheit allein von ihm und seinem Vater abhänge?« ließ er antworten. »Dann irrt er. Ich kenne das Herz der Tochter meines Freundes nicht und weiß nicht, ob es die Empfindungen Kaschir-Agas teilt. Sollte das aber nicht der Fall sein, so wird keine Macht die junge Frankin bewegen, das Weib des jungen Aga zu werden. In unserm Vaterlande haben die Frauen vollkommene Freiheit, eine Bewerbung anzunehmen oder nicht. Selbst wenn unser Padischah um die Hand der jungen Frankin anhielte, würde es ihr freistehen, sein Anerbieten zurückzuweisen; kein Zwang darf darin geübt werden. Und wollte selbst die Frankin einwilligen, so würde ihr Vater das Recht haben, sie an einer solchen Verbindung zu hindern. Kaschir-Aga vergisst, dass wir keine Kurden sind, dass wir nicht in diesem Lande geboren, dass wir uns hier nicht mit unserm freien Willen befinden und also in keiner Weise genötigt sind, den Gebräuchen dieses Landes zu folgen. Wenn die junge Frankin die Gattin Kaschir-Agas werden will und ihr Vater einwilligt, so mag diese Verbindung vollzogen werden; ich bin bei dieser Angelegenheit nicht beteiligt. Erhält er aber eine zurückweisende Antwort, so muss sich Kaschir-Aga damit begnügen und die Seele der jungen Frankin nicht länger beängstigen. Um den Willen Kaschir-Agas und seines Vaters wird sich weder die Frankin noch ihr Vater kümmern.«

»So meinst Du, es sei nicht eine große Ehre für ein fremdes Weib, wenn der einstige Häuptling der freien Kurden sie zu seiner Gattin begehrt?« ließ Kaschir-Aga fragen, und seine Miene verriet Zorn und Ungewissheit.

»Kaschir-Aga vergisst immer, wer wir sind«, antwortete Wiedenburg. »Die junge Frankin ist in ihrem Vaterlande so reich, mächtig und angesehen, wie es nur eine Tochter des Padischah von Stambul sein kann, und mehr noch. Die Frauen nehmen in unsern Ländern eine andere Stellung ein als hier, wo der Wille des Mannes und des Vaters in jeder Hinsicht über sie gebietet. Die junge Frankin wird nicht danach fragen, ob man ihr eine Ehre antun will, sondern ob sie dem Häuptling der Kurden geneigt ist, und danach wird sie handeln.«

»Und warum sollte sie mir nicht ebenso geneigt sein wie jedem andern Mann?« ließ der Aga fragen.

»Darauf kann ich nicht antworten«, erwiderte Wiedenburg; »ich bestreite auch nicht die Möglichkeit. Ich kann nicht in das Herz der jungen Frankin blicken, das ich nicht kenne. Aber Kaschir-Aga sollte wissen, dass die Herzen der Frauen unergründlich sind und dass sie ihre Neigung oft demjenigen zuwenden, der uns unwürdig erscheint, der aber ihnen am besten gefällt. Die Welt ist groß. Kaschir-Aga kann nicht verlangen, dass alles nach seinem Kopfe gehe.«

Das sonnen- und luftgebräunte Gesicht des jungen Aga war bleich geworden, während der Armenier ihm diese Worte übersetzte. Seine schwarzen Augen glühten drohend und unheimlich zu Wiedenburg hinüber.

»Sage dem Fremden, er solle sich hüten, den Schutz dieses Hauses zu verletzen!« rief er.

»Ich sage nur, was ich sagen kann, da ich nicht der Sklave und nicht der Diener Kaschir-Agas bin«, antwortete Wiedenburg. »Übrigens will ich den Häuptling nicht mit Reden aufhalten. Er mag mir eine bestimmte Erklärung geben, ob er die Bedingungen, die ich gestellt, annehmen will, und er mag dabei bedenken, dass in dem Augenblick, in welchem wir sprechen, Tamir-Aga sich in der Gewalt der Truppen des Padischah befindet.«

Als der Sohn Tamir-Agas diese Worte aus dem Munde des Armeniers vernahm, sprang er mit einem Ausruf des Zorns und der Wut auf; seine Hand fuhr nach dem Dolch im Gürtel und er schien bereit, sich auf den Deutschen zu stürzen. Auch die beiden Kurden, die bis jetzt unbeweglich in einiger Entfernung gestanden, griffen nach ihren Waffen. Wiedenburg erhob sich aber mit Ruhe. Er wusste, dass der Kurde sich selbst vom Jähzorn nicht hinreißen lassen würde, einen Gastfreund zu verletzen.

»Weshalb braust Kaschir-Aga auf?« fuhr er fort. »Was ich sage, ist Wahrheit. Meint der junge Häuptling der Kurden, dass wir schwach und feig wie Weiber seien, um alles ruhig hinzunehmen, was man uns antut? Wir sind gefangen worden, als wir durch dieses Land reisten, weil wir darauf vertrauten, dass man friedlichen Reisenden keinen Schaden zufügen würde. Trotzdem hat man uns nicht nur beraubt, sondern uns auch gezwungen, hierher zu wandern. Kaschir-Aga wird begreifen, dass ein Mann sich nicht geduldig in eine solches Lage fügt. Ich bin geflohen und habe dem Padischah gemeldet, was geschehen. Der erste Befehl, den er gab, war derjenige, Tamir-Aga so lange gefangen zu halten, bis die Franken in Freiheit gesetzt seien. Auf eine Entschädigung für die Sachen, die man uns geraubt, machen wir selbst keinen Anspruch; wir wissen, dass dies vergebliche Mühe sein würde. Aber wir wollen frei sein, frei in unser Vaterland zurückkehren; danach werden wir streben mit allen Mitteln. Hat man Gewalt gegen uns gebraucht, weshalb sollen wir nicht wieder Gewalt anwenden? Hat man uns gefangen, weshalb sollen wir uns nicht der Person Tamir-Agas versichern, der mit seinem Kopfe dafür bürgen muss, dass die Befehle des Padischah erfüllt werden? Es wäre töricht von einem Manne, sich über etwas zu erzürnen, das er ganz vernünftig finden muss, wenn es ihm auch nicht lieb ist. Glaubt Kaschir-Aga, wir seien Feiglinge und Dummköpfe, um mit uns schalten und walten zu lassen, wie es andern gefällt? Wir dulden, solange wir müssen, und handeln, wenn wir können. Und Kaschir-Aga mag nicht vergessen, dass die Scharen des Padischah in Bewegung und in der Nähe sind! Es kostet den Sultan nur einen Wink, und Tausende von Streitern wenden sich gegen diese Berge!«

Kaschir-Aga, der mit finsterem Grollen der schnellen Verdolmetschung des Armeniers gelauscht, stieß einen verächtlichen Ruf aus.

»Hat der junge Aga schon vergessen, wie Beder-Khan, der Häuptling der Bhudan-Kurden, von Omer-Pascha gezüchtigt wurde, und wie selbst die Häuptlinge der Hakkari-Kurden den großen Feldherrn des Padischah um Gnade anflehten?« rief Wiedenburg stolz. »Kaschir-Aga mag mächtig sein in seinem Lande, aber es gibt Mächtigere, als er ist, und er wird nicht so töricht sein, um einiger Fremdlinge willen die Freiheit seines Landes zu verscherzen. Denn wenn Omer-Pascha zum zweiten Male in diese Berge dringt, so wird er sie nicht verlassen, ohne die Herrschaft des Padischah von Stambul für immer befestigt zu haben.«

Es lag trotz der aufreizenden Drohung doch so viel Wahrheit in den Worten Wiedenburgs, dass der junge Kurde sichtlich davon betroffen wurde. Er wandte sich zum Gehen.

»Wird Kaschir-Aga mir gestatten, meinen Freund, den Heckhim der Franken, zu sehen?« fragte Wiedenburg. »Ich habe ihm Nachrichten zu bringen und will mit ihm über die Summe sprechen, die er willens ist, Euch für dasjenige zu bieten, was er als ein Recht in Anspruch nehmen könnte, seine Freilassung. Denn seine Zeit ist kostbar wie die meinige. Wir können nicht länger hierbleiben.«

Kaschir-Aga rief dem Armenier hastig einige Worte zu, die dieser dem Deutschen dahin verdolmetschte, dass der Aga nichts dagegen habe, wenn der Fremde mit den frankischen Männern spreche, dass er ihm aber eine Unterredung mit der jungen Frankin nicht gestatte.

Wieder zeigte sich deutlich jener Ausdruck auf seinem Gesichte, den Wiedenburg schon vorher bemerkt hatte, der Ausdruck eines entschlossenen Trotzes, der Ausdruck der stummen Worte: Tut was Ihr wollt – ich weiß, was ich zu tun habe, und ich werde es tun.

Kaschir-Aga ging mit den Ältesten, der Armenier folgte, nachdem er dem Deutschen noch eine Gebärde gemacht, die wohl ausdrücken sollte, dass er alles tun werde, was der Fremde wünsche. Wiedenburg blieb erregt und gedankenvoll zurück. So war das Unheil eingetroffen, das Mr. Hywell gefürchtet! Marys Schönheit hatte den Kurden entflammt. Es handelte sich nicht mehr allein darum, die Habsucht von Räubern zu befriedigen, sondern auch der Leidenschaft ihre Beute zu entreißen. Aber gerade bei diesem Gedanken schwoll das Herz Wiedenburgs von Mut und Entschlossenheit, gerade bei diesem Gedanken fühlte er alle seine Muskeln in Tatenlust sich spannen. Er verehrte Mary, ja, im tiefsten Grunde seines Herzens liebte er sie. Er hatte diese Liebe sich selbst verbergen wollen, er hatte versucht, sie zu ersticken unter all den Vernunftgründen, die sich gegen jede Hoffnung auf Erfüllung dieses geheimsten Wunsches seiner Seele erhoben, er hatte mit männlichem Ernste seine aufkeimende Neigung davor behüten wollen, zur Leidenschaft zu werden. Wie oft hatte er sich gesagt, dass der Reichtum Mr. Hywells und seine eigene bescheidene und kaum gesicherte Stellung in der Welt eine fast unüberwindliche Schranke zwischen ihm und Miss Mary aufrichteten, dass ihre Bekanntschaft eine viel zu kurze und zufällige sei, um ihm ein Anrecht auf Freundschaft und nun gar auf Liebe zu geben, dass Marys Betragen gegen ihn, wenn auch freundlich und selbst vertraulich, ihn doch nicht berechtige, seine Hoffnungen bis zur Gegenliebe zu erheben, dass Mary wegen ihrer Schönheit, Liebenswürdigkeit und ihrer äußern Lebensstellung wohl beanspruchen könne, einen ganz andern und Bessern zu wählen als ihn; ja in der letzten Zeit hatte er sogar Blicke in das Herz Georges getan und in diesem eine stille, aber glühende und tiefe Leidenschaft für Mary entdeckt, die vielleicht von dieser erwidert wurde – genug, er hatte das Gelübde getan, das, was er empfand, in seinem tiefsten Herzen zu verschließen und durch nichts zu verraten, wie mächtig der Eindruck gewesen, den die junge Engländerin auf ihn gemacht. Aber sie blieb ihm doch immer das verehrteste und herrlichste Wesen, für das jedes Opfer ihm gering erschien. Und dieses Wesen, das für ihn mit dem süßesten und keuschesten Liebreiz der Anmut und Tugend umwebt war, der Leidenschaft eines halben Wilden ausgesetzt zu wissen, zu denken, dass eine barbarische Hand dieses Meisterwerk der Natur, dieses bevorzugte Geschöpf Gottes roh vernichten könne, das goss ein loderndes Feuer in seine Seele und waffnete ihn mit todesmutiger Entschlossenheit. Was er bis jetzt für Mr. Hywell und seine Tochter getan, hatte er getan aus wirklichem Mitgefühl; die Liebe hatte keinen Teil daran gehabt, wenigstens verbarg er das vor sich selbst und sagte sich, dass er so auch gehandelt haben würde, wenn er in Miss Hywell nur eine Freundin gesehen.

Aber jetzt galt es, dem Äußersten zu trotzen, vielleicht den Tod zu erdulden um ihretwillen, sie zu retten oder ihren Untergang nicht mehr mit lebenden Augen zu sehen, und er war entschlossen, es zu tun, immer unter dem Schein der Freundschaft ohne einen Anspruch auf andern Lohn als den der Freundschaft. Er wollte handeln, wie es ihm die Liebe gebot wenn auch keine Hoffnung auf den süßesten Gewinn das Opfer lohnte, das er zu bringen bereits sich entschlossen.

Noch beschäftigten ihn diese Gedanken auf das lebhafteste, als Mr. Hywell eintrat. Die beiden Männer begrüßten sich herzlich, innig, aber ernst. In wenige, Worten schilderte Mr. Hywell seine und seiner Tochter Lage in den letzten Monaten. Es mochte seinem väterlichen Herzen schwer werden, alles zu sagen, aber er durfte dem Manne, der um seinetwillen zurückgekehrt, nichts verbergen. Wiedenburg ersparte ihm einen Teil des Geständnisses, indem er ihm mitteilte, dass Kaschir-Aga selbst von seinen Absichten gesprochen. Mr. Hywell fügte hinzu; dass jede Stunde kostbar sei, da vielleicht die Einwilligung Tamir-Agas sehr bald eintreffen könne und dann nichts mehr die Leidenschaft des Kurden zurückhalten werde.

»Die Lage ist ernst, gefährlich, aber nicht verzweifelt, solange wir sechs mutige Männer sind und Waffen und Gold in jenem Koffer haben!« erwiderte Wiedenburg, auf den schweren, wohlverwahrten Koffer deutend. »Lassen Sie mich Ihnen nun vor allem flüchtig erzählen, wie es mir gelungen, hierher zurückzukehren! Vorher aber bringe ich Ihnen die herzlichsten Grüße von Mr. George, Ihrem Pflegesohn!«

In wenigen Worten schilderte Wiedenburg dem freudig überraschten Engländer das Zusammentreffen mit George. –

»Wir begaben uns sogleich nach Bajazid«, fuhr er dann fort, »und es gelang uns, einen polnischen Kommandeur in türkischen Diensten für unsere Sache zu gewinnen. Er gab den Befehl, Tamir-Aga, von dem man wusste, dass er an der russisch-türkischen Grenze plündernd streife, nach Bajazid zu locken und gefangen zu nehmen. Den Erfolg dieses Unternehmens konnten wir jedoch nicht mehr abwarten, da uns ein Bote benachrichtigte, dass mein Oheim aus Sinope uns entgegenkomme und uns in Kars oder Erzerum treffen wolle. In ersterer Stadt fanden wir ihn. Er hatte bereits getan, was ihm möglich war, und führte so viel von gemünztem Golde, als er hatte auftreiben können, bei sich. Mit ihm und einigen europäischen Offizieren berieten wir nun den Plan zu Ihrer Befreiung. Es wurde beschlossen, den Ferman abzuwarten, um den mein Oheim gebeten und den uns der englische und österreichische Gesandte in Konstantinopel ohne Zweifel auswirken würden. Dann sollte ich, von zwei Dienern begleitet, hierhereilen, um Sie im Voraus zu benachrichtigen, dass nichts, was zu Ihrer Befreiung dienen könne, unterlassen werde. Dieser eine Teil unserer Aufgabe ist erfüllt. Ich kleidete mich, sobald der erwünschte Ferman eingetroffen war, in die Tracht eines vornehmen Türken, um sicherer reisen zu können, und begab mich auf den Weg. George dagegen übernahm es, obgleich er vor Ungeduld brannte, Sie wiederzusehen, mit meinem Oheim in Kars zu bleiben, bis Nachrichten über die Gefangennehmung Tamir-Agas angelangt und die Truppen, die der Kommandeur zu unserer Verfügung stellte, marschfertig seien. Ich hoffe, George ist jetzt mit meinem Oheim, begleitet von ungefähr tausend türkischen Reitern, auf dem Wege hierher. Ein Offizier, der unter Omer-Pascha gegen die Kurden gekämpft und das Land kennt, wird den Zug befehligen. Ich glaube deshalb, dass wir am besten tun, uns ganz ruhig zu verhalten und Mut und Sicherheit zu zeigen. Kaschir-Aga wird bald genug erfahren, dass sein Vater gefangengenommen worden, und das wird seinen Stolz beugen. Zeigen sich dann George und mein Oheim mit den Truppen in der Nähe, so wird er begreifen, dass die Hindernisse, die seinen Gelüsten entgegenstehen, mächtiger sind, als er geahnt hat, und wird Vernunft annehmen. Tut er das nicht, nun, so entscheiden die Waffen. Das Land ist entblößt von Streitern. Jeder, der ein Pferd und eine Waffe finden konnte, schweift an der persischen oder russischen Grenze, um zu plündern. Schon hundert entschlossene Männer wären imstande, dem ganzen Stamm Kaschir-Agas die Stirn zu bieten. Quälen Sie sich deshalb nicht mit Befürchtungen und trösten Sie vor allem Miss Mary, deren Seelenzustand ein sehr düsterer sein ·muss.«

»Wie wird sie Ihnen danken!« rief Mr. Hywell. »Sie hatte bis zuletzt gehofft, dass Sie uns nicht verlassen würden, und ihre Hoffnung hat sie nicht betrogen. O Wiedenburg, wenn Sie wüssten, wie sehr ich meinen Eigensinn bereue –«

»Mein werter Sir, davon wollen wir jetzt nicht sprechen!« unterbrach ihn Wiedenburg. »Sie werden Zeit genug haben, sich Vorwürfe zu machen, wenn wir erst wieder in einem Lande sind, in welchem Recht, Gesetz und Sicherheit herrschen, und dann haben Sie nicht mehr nötig, sich mit Erinnerungen zu quälen. Fürs erste bin ich befriedigt. Ich glaube mich bei dem Monsieur Aga in Respekt gesetzt zu haben und denke, er wird jetzt nichts unternehmen, bevor er nicht reiflich die Folgen überdacht hat. Wenn es Ihnen möglich ist, so senden Sie mir doch meinen Diener und auch Ihre Leute; ich will mit ihnen verabreden, was nötigenfalls zu tun ist. Und hier haben Sie etwas, was in unserer Lage durchaus nicht überflüssig ist!«

Er griff in seinen Kaftan und überreichte Mr. Hywell ein kleines Doppelterzerol und ein Päckchen dazu gehöriger Patronen. Mr. Hywell nahm es mit einem freudigen Ruf. –

»Wenn ich denken könnte, dass Miss Mary mit einer solchen Waffe umgehen könnte; so würde ich Ihnen raten, es Miss Mary selbst zu geben; für alle Fälle«, sagte Wiedenburg mit stockender Stimme.

»O ich bleibe bei ihr, bis alles entschieden ist, ich weiche nicht von ihr!« rief Mr. Hywell entschlossen. »Seit ich Sie gesprochen, seit ich weiß, dass auch George naht, fühle ich mich wieder kräftig und voll Entschlossenheit. Jetzt will ich gehen, um Mary alles zu melden. Mein junger Freund, Sie ahnen nicht, wie dankbar ich Ihnen bin!«

»Wir wollen uns gemeinsam freuen, wenn wir alle in Sicherheit sind«, sagte Wiedenburg. »Ich habe nicht mehr getan als Mr. George, der wochenlang in der Irre herumgeritten ist, um etwas über Sie zu erfahren, und bei der ersten Mitteilung, die ich ihm gab, sein Pferd in die Berge spornen wollte, um Sie zu befreien!«

»Der arme gute Bursche!« sagte Mr. Hywell herzlich, aber zugleich bedauernd. »Hat er Ihnen etwas über seine Vergangenheit und seine Hoffnungen mitgeteilt?«

»Nein, ich wollte ihn nicht fragen, da ich bemerkte, dass etwas Düsteres auf ihm laste. Doch kann ich aus einzelnen Andeutungen fast erraten, was ihn bewegt.«

»Und wie steht es mit dem Kriege?« fragte Mr. Hywell.

»Davon ein andermal!« sagte Wiedenburg. »Ich denke, wir sehen uns heute noch!«

Und er deutete nach der Tür, wo der Armenier sichtbar wurde. Mr. Hywell drückte seinem jungen Freunde die Hand und ging. Der Armenier trat näher, mit weit größerer Ehrerbietung, als er sie jemals früher dem Franken bewiesen.

»Nun, habt Ihr mit Kaschir-Aga gesprochen?« fragte ihn dieser. »Wie ist er gesinnt?«

»Ich habe ihn nicht mehr gesehen«, antwortete der Dolmetscher, »aber nach dem Ausdrucke seines Gesichtes zu schließen, als er Euch verließ, war er im Innersten erbittert und zugleich niedergeschlagen.«

»Ihr habt vorhin Eure Sache gut gemacht!« sagte Wiedenburg. »Es war notwendig, dass dieser Kurde die ganze Wahrheit höre. Da ist etwas zur Belohnung und Ermunterung für die Zukunft!«

Und er reichte ihm einige Dukaten, die der Armenier mit glänzenden Augen empfing.

»Herr«, sagte er eifrig, »seid überzeugt, dass ich bereit bin, Euch in allem zu dienen. Aber ich weiß nicht, was ich beginnen soll. Kaschir-Aga würde mir den Kopf herunterschlagen, sobald er ahnte, dass ich gegen ihn arbeite. Er liebt die junge Frankin, er liebt sie so heftig, dass er, glaube ich, sein Leben wagen würde, um sich in ihren Besitz zu setzen. Es muss irgendetwas im Werke sein. Er hat einige von den jüngern Kurden zu sich rufen lassen, Männer, die mit ihm aufgewachsen und ihm treu ergeben sind. Einen von diesen sah ich vorhin von Kaschir-Aga kommen, und er rief einem andern, der ihn erwartete, einige Worte zu, die fast klangen, als ob irgendein Plan ausgeführt werden solle. ›Nun wollen wir bald die Pferde satteln‹, rief er lustig. ›Es gilt einen Ritt nach Mittag zu, und da werde ich schon zusehen, dass ich einen kleinen Seitenritt mache zur Leila. Der Aga wird nichts dagegen haben; der braucht uns und lässt uns tun, was wir wollen, wenn er nur erst in Sicherheit ist!‹ Der andere Kurde lachte vergnügt dazu. Genug, Herr, ich glaube, es ist etwas im Werke, aber noch weiß ich nicht, was es ist, obgleich ich überzeugt bin, dass es bald, wahrscheinlich schon in dieser Nacht geschehen wird.«

»Nun, was könnte das sein?« fragte Wiedenburg halblaut. »Will er Miss Mary entführen?«

»Die Frankin? Fast vermute ich es!« antwortete der Armenier. »Herr, Ihr glaubt nicht, wie die blauäugige Frankin sein Herz in Fesseln geschlagen! Er ist unruhig, zerstreut und übellaunig; seine eigenen Freunde spotten und lächeln über ihn. Ich glaube, er nimmt sie zum Weibe trotz seinem Vater!«

Edmund Wiedenburg stand einige Minuten überlegend.

»Bald wird es Nacht sein«, sagte er dann. »Seid Ihr bereit, mich nicht nur zu unterstützen, sondern auch mit uns zu fliehen? Fürchtet nichts. Es naht ein Freund von mir mit einem türkischen Pascha und tausend gut bewaffneten Reitern. Wir werden sie vielleicht morgen schon antreffen, wenn wir den Weg nach Norden einschlagen!«

»Ich muss wohl mit Euch gehen«, antwortete der Armenier mit sauersüßer Miene. »Kaschir-Aga würde mir den Kopf nicht lange auf den Schultern lassen, wenn Ihr mit der schönen Frankin verschwunden wäret.«

»Nun gut, so dient mir treu und aufrichtig!« sagte Wiedenburg. »Euer Lohn wird tausendmal reichlicher sein, als er Euch von diesem Aga zuteilwerden könnte. Geht jetzt zum Aga und sagt ihm, die fränkischen Diener hätten verlangt, mir ihre Ehrerbietung zu bezeigen, und geht dann zu ihnen und sagt, sie möchten sogleich zu mir kommen. Wir wollen für alle Fälle gerüstet sein. Schlaft diese Nacht nicht, wenn es Euch möglich ist, und haltet Euch in der Nähe, denn wir werden nicht warten, um Euch zu suchen, wenn wir reisefertig sind.«

Der Armenier ging mit tiefen Verbeugungen. Eine Viertelstunde später erschienen die vier Diener, um den jungen Deutschen von ganzem Herzen willkommen zu heißen und ihm ihr Leid zu klagen. Sie waren noch viel trauriger gekleidet als damals Wiedenburg, wie George ihm begegnete. Der junge Deutsche hatte aber weder Zeit noch Lust, über ihr Aussehen zu lächeln. Er gab ihnen Pistolen, Munition und Geld und bat sie, die Waffen zu verbergen und in der Nacht nicht zu schlafen, sondern sich für alle Fälle bereit zu halten. Das Zimmer, in welchem sie wohnten, lag in der Nähe des seinen; sie gelobten ihm mit Hand und Mund, das Äußerste zu wagen, denn sie wären dieses Lebens überdrüssig bis auf den Tod.

Auch seine türkischen Diener ließ Wiedenburg rufen.

Der eine, ein starker und kluger Mann, der Englisch verstand und ein Kaufmann aus Kars war und teils aus Lust am Abenteuerlichen, teils durch die Versprechungen Wiedenburgs bewogen, ihn in der Stellung eines Dieners begleitet hatte, versprach ebenfalls aufmerksam zu sein und den Deutschen von allem Verdächtigen zu unterrichten. Dann genoss Wiedenburg von der einfachen Abendmahlzeit, welche die kurdischen Diener ihm gebracht hatten, und setzte sich bei dem Schein einer kleinen Tonlampe auf die Kissen, um zu überlegen und zu lauschen.







Es war einige Stunden später, als Mary Hywell sich auf die Bitten ihres Vaters entschloss, ihr Lager aufzusuchen und ein wenig zu schlummern. Der Vater, der noch einmal bei Wiedenburg gewesen und durch diesen von allem unterrichtet war und der sich leise und heimlich wieder in das Zimmer Marys geschlichen, hatte seiner Tochter nichts von den Gefahren gesagt, die ihr vielleicht in den nächsten Stunden bevorstanden, und ihr nur das freudige Zusammentreffen Wiedenburgs mit George und die nahende Hilfe berichtet. Aber schon seine Gegenwart hatte ihr verraten müssen, dass etwas Außergewöhnliches im Werke sei, und sie war nur schwer zu bewegen, sich angekleidet auf die Kissen und Teppiche zu legen und zu tun, als ob sie schlummere. Die beiden Dienerinnen, ängstliche, schüchterne Frauen, die jetzt infolge der langen Furcht und mancher Entbehrungen fast Schatten glichen, waren dem Beispiel ihrer Herrin gefolgt und saßen halb liegend in einem Raume, der durch einen Vorhang von dem Lager Marys getrennt war.

Mr. Hywell hatte sich neben Marys Lager auf dem Fußboden niedergesetzt, sich mit dem Arm auf die Kissen stützend, auf denen Mary ruhte. Eine Tonlampe von der einfachen Form, wie man sie im Altertum kannte und noch heute im Orient findet, erhellte den Raum, der durch einen Vorhang von dem größern Wohnraum des Zimmers geschieden war, mit ihrem flackernden, ungleichen Lichte. So saß der bejahrte Mann und lauschte den Atemzügen seiner Tochter, die ruhiger und ruhiger wurden, obwohl Mary nicht schlief, wie der Vater glaubte.

Welche Gedanken erfüllten den schwer geprüften Mann! Welcher Wechsel des Schicksals, welche seltsame, unheimliche Lage! Er, der in seinem Vaterlande in ruhigster Sicherheit hätte schlafen können, sich einwiegend mit dem Gedanken, dass sein liebliches Kind zur gleichen Zeit süß von unschuldigen Scherzen träume, er, der mit banger Sehnsucht dem Zeitraum entgegengesehen hatte, in welchem ein würdiger und verdienter Mann neben der kindlichen Liebe eine andere und noch innigere in Marys Seele erwecken werde, er saß hier mit schwerem Herzen, weit von der Heimat, mit der Waffe in der Hand, um den Schlaf der Tochter zugleich mit ihrer Unschuld vor der Leidenschaft eines Menschen zu schützen, dem Blut ein Spott und das edelste Weib nur eine verlockend geformte, aber geistlose Masse war, für einige Zeit genügend, ihm die trägen Zwischenräume zwischen seinen Raub- und Jagdzügen zu verkürzen. Alles, alles das fühlte er mit der ganzen scharfen Bitterkeit des erfahrenen Mannes, mit dem heißen Schmerz des zärtlichen Vaters. Und in seiner Brust reifte jene kalte Entschlossenheit, die bereit ist, eher das Leben des eigenen Kindes zu enden, als es untergehen zu lassen in Jammer, Verzweiflung und Schande. Hatten Hunderte und Tausende vor ihm das Liebste geopfert, was sie auf dieser Welt besaßen, um es nicht berühren zu lassen von unreiner Hand, weshalb sollte er feiger oder grausamer sein als sie alle? Und musste dem Manne, der auferzogen war in reinster Verehrung der Frauen, der zu seiner früh verlorenen Gattin aufgeblickt, wie zu einem Wesen höherer Art, der sein Kind in seinem Herzen gehegt als das Juwel seines Lebens, musste ihm diese Hand, die sich nach Mary ausstreckte, nicht als eine unreine erscheinen, wenn er bedachte, in welchen Ansichten und in welchen Formen der Gesittung dieser junge Kurde erzogen worden?

Er saß und lauschte, aber das Weben seiner Gedanken wiegte dennoch die Schärfe seines Ohres in Schlummer. Er hörte den leisen, katzenartigen Schritt nicht, der über den Teppich des Zimmers schlich, er hörte nicht, wie eine Hand vorsichtig den Vorhang auseinanderschlug. Aber Mary hatte es gehört und begann schneller zu atmen; sie ahnte die Nähe dessen, von dem ihr Gefahr drohte. Die beschleunigten Atemzüge trafen das Ohr des Vaters; unwillkürlich blickte er auf. Nur wenige Schritte von ihm, den Vorhang noch mit der einen Hand haltend, stand Kaschir-Aga.

Der junge Kurde mochte den Engländer, der tief neben dem Lager Marys saß, bis jetzt nicht gesehen haben. Jetzt, als dieser den Kopf erhob, musste er ihn erblicken, und für einen Augenblick schrak er zurück. Der bewundernde, begehrliche Ausdruck seines Blickes wich dem der Überraschung, dem des Trotzes. Noch hatte er die Waffe in der Hand Mr. Hywells nicht bemerken können. Er trat näher, fest entschlossen. Er war ungefähr in derselben Tracht, in welcher der Engländer ihn zuerst gesehen. Das deutete auf ein Vorhaben, auf eine bevorstehende Unternehmung. Der Armenier und Wiedenburg hatten sich nicht getäuscht, er kam, um Mary mit sich zu nehmen.

Mr. Hywell erhob sich. Auch er fühlte in diesem entscheidenden Augenblick die ganze Kälte der verzweifelten Entschlossenheit. Er war mit sich·einig, den Kurden zu töten, wenn dieser sich nicht entferne. Mochte dann kommen, was da wollte, der Tod war für ihn und Mary nicht das Schlimmste! Es war ein unheimlicher Anblick, wie die beiden Männer sich gegenüberstanden, während Mary regungslos an ihrem Lager ruhte, nicht wagend, die Augen zu öffnen, und nur durch das Rauschen der Kleider belehrt, dass ihr Vater sich erhoben. Das Bewusstsein, dass keiner von beiden des andern Sprache verstehe, erhöhte das Unheimliche dieser Szene. Gebärden, Bewegungen, Mienenspiel mussten hier entscheiden, wo es sich um Tod und Leben handelte. Kaschir-Aga deutete mit der Hand an, Mr. Hywell möge sich entfernen; der Engländer schüttelte ruhig den Kopf. Der Kurde trat vor; Mr. Hywell trat ihm schnell und entschlossen einige Schritte entgegen, sodass er zwischen ihm und Mary stand, nur auf Armeslänge von ihm entfernt. Die Augen des Kurden funkelten, die Adern seiner Stirn schwollen an, seine Brust atmete höher, die Nasenlöcher schienen sich zu erweitern und er zischte einige Worte – wohl einen Fluch – durch die zusammengepressten Zähne. Dann griff er nach dem Gürtel, der von Dolchen und Pistolen starrte. Aber Mr. Hywell erhob drohend das Terzerol. Auch dem Kurden musste diese kalte Bewegung verständlich sein. Mr. Hywell drohte seinem Gegner mit dem Tode, wenn er noch eine Bewegung mache.

Da teilte sich der Vorhang, der hinter Kaschir-Aga zusammengefallen war, leise, geräuschlos, und es zeigte sich eine Gestalt in türkischer Tracht – Wiedenburg. Er legte den Finger auf die Lippen, zum Zeichen des Schweigens. Mehr sah Mr. Hywell für den Augenblick nicht, oder erinnerte sich wenigstens nicht, mehr gesehen zu haben. Er sah die Faust des Kurden blitzschnell nach seinem Kopfe fahren und fuhr zurück; dennoch traf ihn ein Schlag und er taumelte. Im nächsten Moment aber sich aufraffend, sah er den Kurden in den Armen Wiedenburgs, die ihn von hinten umspannt hatten.




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notes



1


Unserer Erzählung liegen außer den allgemeinen historischen noch einige andere wirkliche Ereignisse zugrunde. Wir erwähnen dies mit dem Bemerken, dass nicht nur die Namen der betreffenden Personen, sondern auch die Ereignisse selbst nach eigener und freier Erfindung geändert und dem Plane zu dieser Erzählung angepasst worden sind. D. V.




2


Wir verstehen hier unter Kolchis nicht nur den schmalen Küstensaum am östlichen Ufer des Schwarzen Meeres, sondern auch die Gebiete landeinwärts bis nach Georgien hin. D. V.


