Leben lebt
Klabund 




Klabund

Leben lebt





Ich bin und war und werde sein Klabund





Widmung


		Das Es der Dinge, dem ich mich verschrieben,
		Es mildert sich zum Du der Träumerei.
		Ich werde ewig meine Seele lieben
		In ihrer Ruh, in ihrer Raserei.
		Geliebte, Ewige an meinen Mund:
		Ich bin und war und werde sein Klabund.




Lebenslauf


		Geboren ward Klabund,
		Da war er achtzehn Jahre
		Und hatte blonde Haare
		Und war gesund.

		Doch als er starb, ein Trott,
		War er zwei Jahre älter,
		Ein morscher Lustbehälter,
		So stieg er aufs Schafott.

		Er bracht ein Zwilling um …
		(Das Mädchen war vom Lande
		Und kam dadurch in Schande
		Und ins Delirium.)




Der arme Kaspar


		Ich geh – wohin?
		Ich kam – woher?
		Bin außen und inn,
		Bin voll und leer.
		Geboren – wo?
		Erkoren – wann?
		Ich schlief im Stroh
		Bei Weib und Mann.
		Ich liebe dich,
		Und liebst du mich?
		Ich trübe dich,
		Betrübst du mich?
		Ich steh und fall,
		Ich werde sein.
		Ich bin ein All
		Und bin allein.
		Ich war. Ich bin.
		Viel leicht. Viel schwer.
		Ich geh – wohin?
		Ich kam – woher?




Schatten


		Einem dumpfen Geiste
		Bin ich untertan,
		Oft fällt die verwaiste
		Lust er gierig an.

		Hellen Auges steh ich
		In der lieben Welt,
		Bis der fremde Schatten
		Wieder in mich fällt.




Es hat ein Gott


		Es hat ein Gott mich ausgekotzt,
		Nun lieg ich da, ein Haufen Dreck,
		Und komm und komme nicht vom Fleck.

		Doch hat er es noch gut gemeint,
		Er warf mich auf ein Wiesenland,
		Mit Blumen selig bunt bespannt.

		Ich bin ja noch so tatenjung.
		Ihr Blumen sagt, ach, liebt ihr mich?
		Gedeiht ihr nicht so reich durch mich?
		Ich bin der Dung! Ich bin der Dung!




Im Spiegel


		Ich sehe in den Spiegel.
		Was für ein unverschämter Blick mustert mich?
		Jetzt zieht er sich schon in sich selbst zurück –
		Pardon: ich habe mich fixiert.
		Ich will mir nicht zu nahe treten.

		Meine Freunde kann ich mir an den Fingern einer Hand abzählen.
		Für meine Feinde brauche ich schon eine Rechenmaschine.
		Was bedeuten diese tiefen Furchen auf meiner Stirn?
		Ich werde Kresse und Vergißmeinnicht drein säen.

		Im Berliner botanischen Garten sah ich einen Negerschädel,
		Aus dem eine Orchidee sproß.
		So vornehm wollen wir's gar nicht machen.
		Bei uns genügt auch ein schlichtes deutsches Feldgewächs.

		Wir wollen durch die Blume zu den Ueberlebenden sprechen,
		Wie wir so oft zu den nunmehr verwesten sprachen.
		Also, meine liebe Leibfüchsin:
		Du kommst mir deine Blume – Prost! Blume!

		Ich stehe nicht mehr ganz fest auf den Füßen.
		Der Spiegel zittert.
		Seine Oberfläche kräuselt sich, weil ich lache.
		Da ist der Mond – er tritt aus dem Spiegel in feuriger Rüstung
		Und legt seine weiße kühle Hand auf meine fieberheiße Stirn.




Resignation


		Ja, so geht es in der Welt,
		Alles fühlt man sich entgleiten,
		Jahre, Haare, Liebe, Geld
		Und die großen Trunkenheiten.

		Ach, bald ist man Doktor juris
		Und Assessor und verehlicht,
		Und was eine rechte Hur is,
		Das verlernt man so allmählicht.

		Nüchtern wurde man und schlecht.
		Herz, du stumpfer, dumpfer Hammer!
		Ist man jetzt einmal bezecht,
		Hat man gleich den Katzenjammer.




Es ist genug


		Es ist genug. Mein trübes Licht
		Bereit' sich zu erlöschen.
		Ich hab' vertan mein
		Recht und Pflicht
		Und meiner Seel' vergessen.

		Es ist genug. Es weht ein Wind,
		Weht nicht von Ost noch Norden.
		Auf der Milchstraße wandert ein weißes Kind,
		Ist nicht geboren worden.

		Du über den Häusern heller Schein,
		Wovon bist du so helle?
		Stehst du um die Stirn einer Jungfrau rein
		Oder brennt ein Sünder zur Hölle?




Der Schnapphans


		Woher?
		Vom Meer.
		Wohin?
		Zum Sinn.
		Wozu?
		Zur Ruh.
		Warum?
		Bin stumm.




Mein name klabund


		Das heißt: Wandlung.
		Mein Vater hieß
		Schemen.
		Meine Mutter: Schau.
		Schritt im Schatten
		Lenkte mich löblich.
		Birke im Winde
		Deuchte verwandt.
		Aus dem Tal
		Stieg ich zu Berge.
		Über Schroffen
		Klimm ich zu dir.
		An den Lippen
		Silberner Quelle
		Hing ich verdurstet,
		Hing ich verdorrt.
		Unter der Sonne
		Stand ich erfroren.
		In den Nächten
		Starb ich den Schlaf.
		Vogel Anmut
		Blinkte bedeutend
		Durch die Zweige,
		Zeigte empor.
		Vogel Wehmut
		Donnerte dunkel
		Zwischen den Felsen,
		Zeigte empor.
		Vogel Demut,
		Scham und Schleier,
		Schwebte unhörbar,
		Zeigte empor.
		Siehe, da neigte sich,
		Gastlich mir winkend,
		Abendlich schluchzend,
		Schwärmender Stern.
		Einsames Wesen!
		Gossest mit Funken
		Flüchtiger Ferne
		Feuer in mich!
		Ich erfaßte
		Lichtes Verlocken;
		Griff nach der guten
		Funkelnden Hand.
		Ach mich ermatteten
		Mutigen Wanderer
		Zog sie zum Herde,
		Wies sie zur Ruh.
		In der ersehnten,
		In der ertönten Eremitage
		Schlug ich die Augen
		Himmlisch empor.




Lied des Landstreichers


		Ich werde wieder gut vor dir –
		Woher mir das geschieht?
		Ich fluchte, soff und stahl für vier,
		Ich war ein Fuchs, ich war ein Tier –
		Nun bin ich nur ein stilles Lied.

		Du singst es dir in Träumen vor,
		Wenn blaß der Mond am Himmel steht.
		Der Wächter tutet unterm Tor.
		Der Wind weht rauschend durch das Rohr –
		Ich bin im Winde längst verweht …

		Du und ich und dies und das




O gieb


		O gieb mir deine Hände,
		Der Frühling brennt im Hag,
		Verschwende dich, verschwende
		Diesen Tag.

		Ich liege dir im Schoße
		Und suche deinen Blick.
		Er wirft gedämpft den Himmel,
		Der Himmel dich zurück.

		O glutend über Borden
		Verrinnt ihr ohne Ruh:
		Du bist Himmel geworden,
		Der Himmel wurde du.




Auf ein Mädchen in der Dämmerung warten


		Auf ein Mädchen in der Dämmerung warten –
		Krähen fliegen über goldnem Garten.

		Menschen streifen wie erloschne Sterne
		Durch das gläsern hingegossne Ferne.

		Wenn ein Kind aus einem Hause schreitet,
		Ist es wie Musik, die uns geleitet.

		In den Fenstern, die wir leicht erraten,
		Tanzen Ladenmädchen mit Soldaten.

		Auf ein Mädchen in der Dämmerung warten –
		Sybil geht in einem fremden Garten.




Marietta


		Kabarett zum roten Strich.
		Leise flog der bunte Vogel
		Über Busch und über Kogel
		Unabänderlich.

		Du und ich und dies und das
		Unter Buchen auf dem Moose –
		Eine kleine weiße Rose
		Nahmst du aus dem Wasserglas.

		Einmal fand ich deinen Schenkel
		Kleine Rose milder Gier.
		Große Mutter warst du mir,
		Und ich war dir wie ein Enkel.

		So wie wenn ich sterben müßte,
		Dreizehn Jahre alt und jung,
		Nebel und Erinnerung
		Fiel ich zwischen deine Brüste.




Das Mädchen


		Man wacht des Morgens hold eratmend auf.
		Die Sonne blinkt durch blasse Fensterscheiben.
		Man wird in dieser Welt ein wenig bleiben.
		Für Leben nimmt man manches Leid in Kauf.

		Man zieht sich an. Man setzt sich zum Frühstück.
		Dann geht man fröhlich in den Tag spazieren.
		Nebel fällt. Und Schnee. Und es wird frieren.
		Fröstelnd kehrt man in sein Haus zurück.

		Am Kamin sitzt man im Dämmerschein.
		Ein Mann ist plötzlich da und viele Kinder.
		Eins ist schon Sekretär. So wird das Leben linder.
		Dann kommt die Nacht und man schläft ein.




Glück! O Schmerz!


		Glück, so in den Tag hineinzusprühn,
		Ich lasse mich bald hier- bald dorthin glühn
		Von einem Mädchenblick, von einer Hand,
		Die, weiß nicht wie, die meine fand
		Und mich nun einen Augenblick umspannt,
		Vielleicht auch zwei, vielleicht auch eine Nacht …
		Schmerz, wenn schmerzlich dann die Früh erwacht!
		Das Zimmer ist so blaß, die Luft so kalt,
		Das Herz so müde – und das Weib so alt.
		Und jene Hand, die Licht in Nacht geblößt,
		Hängt steif am Bettrand, irgendleidbeschwert,
		Ist nur gefaßt noch, nicht begehrt,
		Hat mutlos sich und stumm und wie ein weißer Traum
		Von uns gelöst.




Als du gestern von mir gingst


		Als du gestern von mir gingst,
		Glaubte ich,
		Die Nacht verschlänge dich auf ewig.
		Heut, da ich dich nicht sah:
		Wie leer war mein Herz.
		Die Welt
		Ohne dich.
		Aber jetzt
		Bist du wieder da –




Die Luft ist voll von deinem Duft


		Die Luft ist voll von deinem Duft,
		O süßer Leib du von Jasmin!
		Die Uhr schlägt drei.
		Am Horizont
		Die ersten rosa Wolken ziehn.

		Die ersten rosa Wolken ziehn
		Am Horizont.
		Die Uhr schlägt drei.
		O süßer Leib du von Jasmin,
		Die Luft ist voll von deinem Duft!




Zwiegespräch


		"Du gabst mir immer wieder
		Dein Herz und deine Lieder,
		Ich nahm sie sorglos hin.
		Nun muß ich dich betrüben:
		Ich darf dich nicht mehr lieben,
		Weil ich nicht dein mehr bin."

		"Und liebst du einen andern,
		Will ich ins Weite wandern,
		Mir wird so enge hier.
		Wie schmerzlich blüht der Flieder!
		Mein Herz und meine Lieder,
		Ich lasse sie bei dir."




Die Mondsüchtige


		Wandelnd auf des Daches First,
		Auf der Mauer schmalem Rande,
		Schreitet sie, die Hohe, Milde,
		In des Mondes sanftem Licht.

		Wie Musik ertönt ihr Schweben,
		Ihre Füße gleiten gläsern.
		Ihre Hände klingen leise,
		Ihre Augen sind geschlossen.

		Hinter ihr der treue Diener
		Achtet ihrer Schritte, daß sie
		Über einen Strahl nicht strauchle,
		Sorglich hütet sie: ihr Schatten.

		Gottgeheimnis, Götzenzauber,
		Weiße Statue der Sehnsucht
		Schreitet sie: ich streck' vergeblich
		Meine Hände nach ihr aus.

		O wie halt ich die Entschreitende,
		O wie bann ich die Entgleitende,
		Aber ruf' ich: stürzt sie nieder.
		Aber schrei ich: ists ihr Tod.

		Und so schreitet sie vorüber,
		Ist auf ewig mir verloren.
		Eine Wolke löscht den Mond aus.
		Einsam stehe ich im Dunkeln.




Mond und Mädchen


		Es kriecht der kahle Mond durch Zweiggeäder,
		Ob wo im Haus ein Mädchen wohnt,
		Ein warmes Bett, ein daunenweicher Leib,
		Es wärmt zur Winternacht sich gern ein jeder …
		O Mädel, bleib, du schlanke Zeder!

		Der Mond tastet am Fensterglase
		Und zittert vor Begier und Frost …
		Das Mädel schlägt ihm vor der Nase
		Die Läden zu und höhnt: Gib Ruh!
		Alten Gliedern ziemt nicht junger Most!

		Er aber hat den Finger in der Fensterspalte,
		Ob ihrer Kissen eine Falte er nicht erspähe,
		Er ihre Blicke, braune Rehe,
		Über der Brüste Sommerhügel
		Zärtlich schreiten sehe.




Kukuli

(Für Carola Neher)


		Kleiner Vogel Kukuli,
		Flieh den grauen Norden, flieh,
		Flieg nach Indien, nach Aegypten
		Über Gräber, über Krypten,
		Über Länder, über Meere,
		Kleiner Vogel,
		Laß die schwere Erde unter dir
		Und wiege dich im Himmelsäther –
		Fliege zwischen Monden, zwischen Sternen
		Bis zum Sonnenthron, dem fernen,
		Flieg zum Flammengott der Schmerzen
		Und verbrenn' in seinem Herzen!




Als sie die ihr geschenkte Kristallflasche in der Hand hielt


		Brechen sich im Glas die Strahlen,
		Bricht das Glas sich in den Strahlen?
		Glänzt dein Auge in der Sonne,
		Glänzt die Sonn' in deinem Auge?
		Liebt dein Herz mich?
		Herzt mich deine Liebe?
		Seliges Verdämmern:
		Denn wir sterben unser Leben
		Und wir leben unsren Tod.




Als sie zur Mittagszeit noch schlief

(Für Carola Neher)


		Zwar es ist schon Mittagszeit,
		Sonne steht schon hell am Himmel –
		In den Straßen: welch Gewimmel,
		In den Herzen: welches Leid –
		Manches Segel bauscht der Wind,
		Mancher Kutter bleibt im Hafen –
		Du sollst schlafen, du sollst schlafen,
		Du sollst schlafen, liebes Kind.

		Siebzigmal littst du Haitang,
		Fünfzigmal starbst du Johanna –
		Schmecktest Süßigkeit und Manna,
		Wenn der Quell der Qualen sprang.
		Süßes, junges Blut – es rinnt – Küsse,
		Dolche flammten, trafen –
		Du sollst schlafen, du sollst schlafen,
		Du sollst schlafen, liebes Kind.

		Einmal endet sich das Spiel,
		Einmal endet sich das Grausen,
		Und die Ewigkeit wird kühl
		Dir um Brust und Schläfen sausen.
		Sand deckt dich wie Wolle lind,
		Und der Hirte bläst den Schafen –
		Du sollst schlafen, du sollst schlafen,
		Du sollst schlafen, liebes Kind.




Der südliche Herbst

Für Anny


		Noch sind voll grünem Laube die Platanen.
		Die Reben hängen an den Stöcken schwer.
		Die Menschen frieren in den Eisenbahnen
		Voll Ahnung frühen Winters allzusehr.

		Ja: morgen ist die letzte Traubenlesung;
		Dann gibt der Winter uns den milden Wein
		Und schenkt uns Wehmut und Verzweiflung ein.
		Ich rieche dich im Laube der Verwesung …




Nacht im Coupe


		Sternschnuppen in der Nebelnacht?
		Die Funken der Lokomotive,
		Sie haben der Seele Reisig entfacht,
		Der Liebe verstaubte Briefe.

		Briefe, die ich lange trug,
		Sie flammten im Funkenregen.
		Da war ich frei – mein Herz, es schlug
		Dem Morgenrot entgegen.




Liebeslied


		Dein Mund, der schön geschweifte,
		Dein Lächeln, das mich streifte,
		Dein Blick, der mich umarmte,
		Dein Schoß, der mich erwarmte,
		Dein Arm, der mich umschlungen,
		Dein Wort, das mich umsungen,
		Dein Haar, darein ich tauchte,
		Dein Atem, der mich hauchte,
		Dein Herz, das wilde Fohlen,
		Die Seele unverhohlen,
		Die Füße, welche liefen,
		Als meine Lippen riefen –:
		Gehört wohl mir, ist alles meins,
		Wüßt' nicht, was mir das liebste wär',
		Und gäb nicht Höll' noch Himmel her:
		Eines und alles, all und eins.




Nachts


		Ich bin erwacht in weißer Nacht,
		Der weiße Mond, der weiße Schnee,
		Und habe sacht an dich gedacht,
		Du Höllenkind, du Himmelsfee.

		In welchem Traum, in welchem Raum,
		Schwebst du wohl jetzt, du Herzliche,
		Und führst im Zaum am Erdensaum
		Die Seele, ach, die schmerzliche –?




Du warst doch eben noch bei mir


		Du warst doch eben noch bei mir,
		Ich war doch eben noch bei dir –
		Ging denn die Tür? Sprang auf das Haus?
		Und gingst du ohne Gruß hinaus?

		Es ist so dunkel. Dämmert es?
		Hier klopft ja was. Was hämmert es?
		Klopft denn die Wand? Tropft denn die Kerz'?
		Es klopft und tropft und klopft mein Herz.




Die Liebe ein Traum


		Ein letzter Kuß streift ihre Wimpern, und
		Ermattet von der Lust schließt sie die schönen,
		Die müden Augen, atmet tief – und schläft.
		Schon hebt sich leicht die Brust,
		Senkt leicht sich
		Dem Traum entgegen
		Wie Mond dem Meer,
		Wie Welle sich an Welle schmiegt
		Und fällt
		Und steigt.
		Ich rühr mich kaum, damit ich sie nicht wecke,
		Doch wie ihr leiser Atem mich
		Wie Mohnduft trifft,
		Bin ich entzündet und vom stummen
		Glanz der Glieder
		Entflammt.
		Ich neige mich zu ihr und liebe sanft
		Die Schlafende, die einmal nur im Traum
		Wie eine Taube
		Verschlafen gurrt
		Und seufzt. –
		Sie träumt
		Vielleicht,
		Daß ich sie liebe…




Ich liege auf dem Grunde alles Seins





Alles, was geschieht


		Alles, was geschieht,
		Ist nur Leid und Lied.
		Gott spielt auf der Harfe Trost sich zu.
		Welle fällt und steigt.
		Ach wie bald schon neigt
		Sich dein Haupt im Tod. Dann lächle du.




Der weisse schnee


		Der braune Baum.
		Die Wand: wie nah.
		Blau: blauer Raum.

		Die Matte schmilzt
		Im Februar.
		O Licht, du stillst,
		O Licht, du willst,
		Was willig war.

		Gegeben ganz
		Dem goldenen Geist,
		Grüß ich den Kranz,
		Der mich umkreist.




Die Glocke


		Die Glocke dröhnt
		Und stöhnt
		Die Stunden in die Welt.
		O, wer sie dieses Zwangs entbände!
		Sie ist bis an ihr Ende
		Bestellt,
		Daß klingend sie ihr Herz ins Nichts verschwende.




Die Sonnenuhr


		Wie bist du doch in eine Welt
		Von Tag und Glanz hineingestellt!
		Dich treibt der Strahlen Her und Hin
		Erst zur Besinnung und zu Sinn.
		Auf deines Bilds besonntem Runde
		Zeigt grau der Zeiger Stund um Stunde.
		Wie golden früh- und spätre Stunde funkelt!
		Die gegenwärtige allein ist schattenschwarz umdunkelt.




Der Springbrunn


		Im Stadtpark wird der Springbrunn angedreht.
		Der Strahl schießt auf, tönt, steigt und steht
		Für einen Augenblick,
		Gehalten von der Sonnenfaust.

		Und wie der Strahl dann in die Tiefe saust:
		Wasser stieg auf, Glanz fällt zurück.




Wanderung


		Ich bin so alleine,
		Wer ist denn bei mir?
		Es sprechen die Steine;
		Es lächelt das Tier.

		Ihr Vögel habt Flügel;
		Es drückt mich der Schuh.
		Ihr Bäume, ihr Hügel,
		O kommt auf mich zu!

		Umarme mich, Tanne!
		Ich sinke so hold.
		O, tränke mich, Kanne
		Des Mondes, mit Gold!

		Wo werden wir rasten?
		Das Dunkel weht kalt.
		Wir liebten, wir haßten,
		Nun wurden wir Wald.




Uns ist gegeben


		Uns ist gegeben:
		Ein wolkiges Lächeln,
		Ein stürmisches Segel,
		Ein waldiger Schatten,
		Ein mildes Gestirn.

		Wir binden die Blüten
		Im Frühling. Wir heben
		Die Früchte vom Baume
		Und keltern den Herbst.

		Und winket der Winter
		Mit schwingenden Tänzen,
		Und locken die Nächte
		Mit tönendem Wein:

		Uns zittern die Füße,
		Uns dämmern die Augen,
		Uns sinken die Hände
		Die leeren, die schweren –
		Verschüttet am Boden
		Rollt spielendes Blut.

		Die Kinder verlachen
		Die Tränen der Alten.
		Sie deuten das Läuten
		Verdunkelter Glocken
		Am Abend als Hoffnung,
		Am Morgen als Sieg.




Ich hab am lichten Tag geschlafen


		Ich hab am lichten Tag geschlafen.
		Es weint das Kind. Es blökt das Rind.
		In meinem Weidentraume trafen
		Sich Leiseklug und Lockenlind.

		Kaum weiß ich noch, warum ich lebe.
		Vereist mein Blick. Mein Blut verstürmt.
		Wenn ich die Brust im Atmen hebe,
		Sind Felsen über sie getürmt.

		Die Schwester auch am Nebelhafen,
		Sie bietet süße Brust dem Wind.
		Vor klingender Taverne trafen Sie
		Leiseklug und Lockenlind.

		Den Sternen, die am Himmel pochten,
		Warf Köcher ich und Becher hin.
		Ich bin mit Mohn und Tod verflochten
		Und weiß nicht mehr, ob ich noch bin.




Frühlingsgewölk


		Frühlingsgewölk. Die Stare
		Singen schön.
		Die ersten Regentropfen trillern
		Am Dach.

		Die Wetterfahne weht
		Nach Süden.
		Die kleine Wiese
		Weiß viel.

		Träum ich die Tanne?
		Träumt die Tanne mich?
		Es lebt und stirbt
		Sich leicht.




Am Luganer See


		Durchs Fenster strömt der See zu mir herein,
		Der Himmel auch mit seinem Mondenschein.
		Die Wogen ziehen über mir dahin,
		Ich träume, daß ich längst gestorben bin.
		Ich liege auf dem Grunde alles Seins
		Und bin mit Kiesel, Hecht und Muschel eins.




Irene: Du bist bei mir. Ich bin bei dir


		Liebst du ewig?
		Ich liebe heute.
		Heute ist unsere Ewigkeit.
		Heute ist unser Kometensturz.
		Heute rollt der Schollenschwung
		Indischer Eiszeit
		Über uns liebendes Land hinweg.

		Möge der Sterne
		Springbrunn zerstäuben,
		Möge der Sonne
		Strahlender Pfirsich
		Schmelzend zergehn!
		Heute liebte ich
		Deine Liebe,
		Heute lächeltest
		Du mein Lächeln.
		Heute liebten wir Ewig uns.
		Eine stürmische Stunde war
		Alle Ewigkeit unser.




Noch spüre ich den ruch


		Noch spüre ich den ruch
		Von deinem Schoß
		An meinen Fingerspitzen.
		Noch schwebe ich,
		Ein seliges Schiff,
		Auf blondem Flusse
		Ganz bekränzt.
		Um meine Stirne
		Schwirren Bienen bunt.
		Die Blüte rauscht:
		Lupinen! Fernes Feld!
		Weit offen
		Steht das Tor der nächsten Nacht.
		Mein Herz:
		Ja, tausendfach erglüht im Dunkeln
		Herz neben Herz im milden Morgenwind.




Gott hat uns leicht und schwer gemacht


		Gott hat uns leicht und schwer gemacht.
		Du hast geweint. Ich hab gelacht.
		Du hast gelacht. Ich hab geweint.
		So Sonn und Mond am Himmel scheint.




Die stunde steht, die wunde brennt,


		Die stunde steht, die wunde brennt,
		Die Sonne sinkt vom Firmament.
		Du bist bei mir. Ich bin bei dir.
		Das Zimmer ist voll Goldgetier.

		Hier kriecht es schwer, dort fliegt es leicht –
		Wie ist die Wand so bald erreicht!

		Dein kühler Mund auf meiner Stirn –
		Die himmlischen Raketen schwirrn.
		Die Seele stürzt. Ich weiß es nicht,
		Warum mein Aug in Tränen spricht.




Eine nacht wie diese


		Eine nacht wie diese
		Will ich nun nicht mehr
		Auf der weißen Wiese
		Liegt der Schnee so schwer.

		Auf dem blauen Himmel
		Lasten Mond und Stern.
		Auf dem roten Herzen
		Ruht dein Herz so gern.




Tausend seufzer gehen


		Tausend seufzer gehen
		Hin und her.
		Keiner konnt verwehen,
		Stürmt es noch so sehr.

		Liebesblicke viel
		Sprangen hin und wieder.
		Keiner fiel
		Je zu Boden nieder.

		Küsse haben wir gesogen,
		Tausendfältig, ich und du.
		Alle sind verflogen –
		Liebste, warum zögerst du?




Einmal muss das leid doch enden


		Einmal muss das leid doch enden
		Und der Tränenstrom versiegen.
		Einmal muß der Stein sich wenden
		Und entbrannt zum Lichte fliegen!




Kein brief heute morgen


		Kein brief heute morgen.
		Alle Postboten Sind erfroren.
		In den Lawinen Stecken die Züge.
		Alle Briefkästen in Basel
		Barsten.
		Die Briefe, die an mich bestimmt,
		Flatterten,
		Weiße Möwen,
		Ueber den Rhein.
		Eine, hoch schon am Himmel,
		Schreit.
		Irene!




Wenn ich in Nächten wandre


		Wenn ich in Nächten wandre
		Ein Stern wie viele andre,
		So folgen meiner Reise
		Die goldnen Brüder leise.

		Der erste sagts dem zweiten,
		Mich zärtlich zu geleiten,
		Der zweite sagts den vielen,
		Mich strahlend zu umspielen.

		So schreit ich im Gewimmel
		Der Sterne durch den Himmel.
		Ich lächle, leuchte, wandre
		Ein Stern wie viele andre.




Passauer Distichen


		Unter blühenden Kirschen im mächtig sprossenden Grase
		Liegen die Liebste und ich. Schatten breitet der Baum
		Über das grüne Bett mit weißen Blüten durchmustert.
		Blüten mit leichter Hand schüttelt der Frühling herab.
		Doch von des Mädchens Lippe pflück ich die süßesten
		Früchte,
		Fällt ihr ein Blatt auf den Mund, küß ich es zärtlich hinweg.
		Also ein gütig Geschick uns Herbst und Frühling vereinte:
		Schwebt die Blüte vom Baum, reift auf dem Mund sie zur Frucht.




Wiegenlied für mich


		O ich liege weit
		Außer Raum und Zeit,
		In der Sonne lieg ich still und weiß.
		Schnee bekränzt mich licht,
		Himmel mein Gedicht,
		Und die Wälder läuten laut und leis.

		Aus der Tiefe steigt
		Blond ein Haupt und neigt
		Seiner Locken liebliches Gespenst,
		Seele du der See, Seele du der Schnee,
		Seele, Seele, Sonne wie du brennst!




So setz ich ohne ruh


		So setz ich ohne ruh
		Schlaflos hier Strich um Strich.
		War nichts so gut wie du,
		War nichts so bös wie ich.

		Nichts war so schwarz wie ich,
		Nichts war so blond wie du.
		O bleibe, ewiglich,
		Ruhlose, meine Ruh!




Wiegenlied für Irene


		Einen Sommer lang
		Goldne Glocke schwang,
		Rief zu immer holderem Tag.
		Schlugst das Aug du auf,
		Lag mein Kuß darauf,
		Und dein Herz in meinen Händen lag.

		Einen Sommer lang
		Lied und Lachen klang,
		Und wir waren ganz vor
		Glück entbrannt.
		Schlang und Eidechs kam,
		Und gezähmt sie nahm
		Süßigkeit aus deiner guten Hand.

		Einen Sommer lang
		Mit dem Engel rang
		Ich, daß ewig dieser Sommer sei.
		Ach, ich war zu schwach,
		Und im Herbste brach
		Sensenmann das Ährenglück entzwei.

		Dieser Sommer war
		Voll wie hundert Jahr,
		Die des Gottes Gnadenblut durchdrang.
		Schenke sein Geschick
		Unsrem Kind ein Glück
		Viele, viele, viele Sommer lang.




Du nahmst in deinen händen


		Du nahmst in deinen händen
		Mein Herz mit in den Katafalk.
		Ich bröckle aller Enden
		Wie Kalk.

		Bald werd ich nicht mehr ich sein,
		Nur immer du.
		Und Friede wird für mich sein
		In deiner Ruh.

		Mein Schmerz, er wird verschmerzt sein
		Von mir.
		Mein Herz, es wird geherzt sein
		Von dir.




Ich seh's an deinem bilde, auch du leidest,


		Ich seh's an deinem bilde, auch du leidest,
		So himmelweit von mir entfernt zu sein.
		Ich fühl, wie du die Engelspiele meidest
		Und wie du traurig bist, besternt zu sein.

		Ich bin nur deines Schattens schmaler Schatten.
		Du bist so hell. Ich bin so dunkel ganz.
		O wirf den goldnen Käscher nach dem Gatten
		Und zieh hinüber ihn in deinen Glanz!




Wie mancher vor des fürsten strengem schein


		Wie mancher vor des fürsten strengem schein
		In knabenhafter Niederkeit erstirbt:
		So sterbe ich vor dir. Die Grille zirpt.
		Und dieser Tag wird wohl der letzte sein.

		Ach, daß ich dennoch übers Grab hinaus
		Die Arme ewig nach dir breiten werde!
		Ich kehre nie zu meinem Vaterhaus,
		Und fremde Erde ist wie keine Erde.




Komm zur stunde der gespenster,


		Komm zur stunde der gespenster,
		Daß kein Blick dich mehr berühre.
		Komm mit einem Stern durchs Fenster,
		Mit dem Windstoß durch die Türe.

		Leg zu mir dich in die Kissen,
		Laß uns Wang an Wange schweigen,
		Bis in flammenderen Küssen
		Wir uns zueinander neigen.

		Nimm mich mit dir, wenn du scheidest
		Beim Gesang der Philomele.
		Leiden will ich, was du leidest,
		Selig sein in deiner Seele.




Umhalse mich. ich friere


		Umhalse mich. ich friere.
		Ich liege so allein in deinem Bett.
		Mein Mund sucht deine Lippen,
		Meine Hand deine Hüfte.

		Ich sah zwei Liebende am See.
		Ich sank am Boden hin.
		Ich sah ein blondes Kind;
		Ich starb den ersten Tod.

		Nie wieder wärmt mich deine Wange,
		Nie wieder lächelt deine Stirn.
		Nie wieder werden wir nach Rosenkäfern haschen.
		Nie wieder weinen einer in des andern Aug.




Meine kleine schwester


		Meine kleine schwester
		Hat der Wind begraben.
		Meine kleine Schwester
		Ist verweht.

		Nachts am Fenster
		Rüttelt sie und flüstert.
		Möchte stürmisch
		In die Welt zurück …




Gaukle, gestade,


		Gaukle, gestade,
		Mir doch kein Gold vor!
		Keinen hellen Tag mir,
		Sonne!
		Winselt, Wolken!
		Schluchze, Obstverkäufer!
		Knarrt, Platanen –
		An den Ästen ächzen
		Die Gehängten.
		Welcher Vogel dort
		Überm Berge schreit?
		Schon seit Wochen zieht er seine Kreise
		Überm Felsen,
		Wo der Jäger ihm sein Weibchen schoß.




Die birnen läuten im chorgestühl





Der baumkirchen


		Der baumkirchen.
		Hangend am Gesträuch des Westwindes glaubte ich ewig
		dem silbernen Geräusch.
		Der Mond umarmt die sanfte Hyazinthe.
		Ich weiß, was mir bestimmt ist,
		Und wie die Stimmen der kleinen Gaukler nur tönen im
		Turm und wie die Wasserrinnen klopfen so trostlos.
		Singe doch, Wand!
		Rausche doch, Vorhang!
		Und ihr Tassen und Teller, die sie in ihren Händen hielt,
		Klappert, klappert!
		Es singen am Fenster immer ein Mann und ein Mädchen,
		Zwei Töne nur,
		Und des Tages finde ich sie nicht, wenn ich singen
		will.
		Mein Zimmer ist voll Wind und meine Stirn voller
		Stürme.
		Du rufst mich immer
		Wie aus dem Stein hervor,
		Du lächelst immer
		Wie ganz vergangen.
		Ich grabe mich in dein Gedächtnis,
		Ich streichle deinen Schuh,
		Ich schlafe in deinen seidnen Kleidern auf deinem Bett,
		Ich weine nächtelang vor deinem Spiegel.
		So oft umschlang er dich;
		Ach, warum hielt der Glänzende dich nicht,
		Dich nicht die Liebe?




Sonne scheint und mond versinkt,


		Sonne scheint und mond versinkt,
		Ziegen klettern an den Hügeln.
		Mädchen sind mit bunten Flügeln
		Wie die Sittiche beschwingt.

		Berg steht veilchenviolett.
		Die Kastanienblätter knistern,
		Und von ihren Kindern flüstern
		Liebende im goldnen Bett.

		Bin ich Echo? Bin ich Ruf?
		Schimmernd fühl ich Tränen steigen;
		Und ich muß die Kniee neigen
		Vor dem Grabmal, das ich schuf.




Du wehst um meine wangen,


		Du wehst um meine wangen,
		Du lächelst aus dem Licht.
		Ich bin von dir umfangen
		Im herbstlichen Gedicht.

		Ich bin von dir umründet,
		Ich bin von dir umhallt.
		Ich bin mit dir verbündet:
		Gestalter und Gestalt.

		Ich bin von dir umgeben,
		Ich bin von dir umkreist.
		Mein Sterben und mein Leben
		Sind Geist von deinem Geist.




Einmal noch den Abend halten


		Einmal noch den Abend halten
		Im versinkenden Gefühl!
		Der Gestalten, der Gewalten
		Sind zu viel.

		Sie umbrausen den verwegnen Leuchter,
		Der die Nacht erhellt.
		Fiebriger und feuchter
		Glänzt das Angesicht der Welt.

		Erste Sterne, erste Tropfen regnen,
		Immer süßer singt das Blatt am Baum.
		Und die brüderlichen Blitze segnen
		Blau wie Veilchen den erwachten Traum.




Jeden tag muss ich gewöhnen


		Jeden tag muss ich gewöhnen
		Mich aufs neu an dieses Leben.
		Glocken hin und wieder dröhnen,
		Wolken auf und nieder schweben.

		Und ein Strom von Tränen fließ ich
		Aufwärts wie ein Regenbogen.
		In den Himmel schon ergieß ich
		Meine Wellen, meine Wogen.

		Engel neigen ihre Wangen,
		Kühlen ihrer Augen Brände.
		Und der schönste kommt gegangen,
		Und er netzt sich seine Hände.




Nun bin ich ohn Beschwerde


		Nun bin ich ohn Beschwerde,
		Nun bin ich ohne Leid;
		Tief unter mir die Erde
		Liegt wie ein Stern so weit.

		Und was ich je gelitten
		Um dich und deinen Tod,
		Ist von mir abgeglitten
		Wie Rauch im Abendrot.

		Gesühnt ist meine Fehle.
		Gott will mir Gutes tun.
		Ich darf bei meiner Seele
		Noch heut im Brautbett ruhn.




Das Leben lebt – Irene, die mich aufwärts hebt





Die Sonette auf Irene



I

		Ich traf den Engel von der Mondkohorte
		Am Friedhofstor. Er führte mich die Pfade.
		Er badete in meinem Tränenbade
		Die Trauerweide, die am Grabe dorrte.

		Ihr toter Leib ist noch wie Sonnengnade.
		Die Blumen sprießen hell in seinem Horte.
		Aus seiner weit emporgerissnen Pforte
		Treten Kamelie, Rose, Dahlie, Rade.

		Pflück eine Blume dir von ihrem Haupte,
		Das so voll blonder Sonne war wie keines,
		Das nur dem Licht und nur dem Lichten glaubte,

		Und flüchte in die Einsamkeit des Haines,
		Der euch so oft zu zweit dem Werktag raubte.
		Und auf die Blume hin: dein Herz verwein es …


III

		Und immer, wenn die Türe ging, du lauschtest,
		Ob ich nicht käme. Und ich war so weit
		Und wußte nichts von deinem letzten Leid,
		Und daß du mit dem Tod schon Blicke tauschtest.

		Wie eine Fledermaus im Dunkel rauschtest
		Du zaubrisch zwischen Zeit und Ewigkeit.
		Du schriest nach mir wie eine Eule schreit,
		Und immer, wenn die Türe ging, du lauschtest …

		Die Totenglocke hat um eins gebimmelt.
		Ich bin verschlafen aus dem Traum geschreckt.
		Ich sah mein Haupt wie einen Pilz verschimmelt

		Und meine Brust mit Messern ganz besteckt.
		Mit Sternen war die Nacht wie nie behimmelt.
		Ich schlief, bis mich ein Donnerschlag geweckt.


IV

		Es war November. Draußen stob der Föhn.
		Das Lob der Heimat schien dich zu beglücken.
		Wir mußten näher aneinanderrücken,
		Um Donau, Inn und Oberhaus zu sehn.

		Und unsre Wangen streifen sich und wehn.
		Blut klopft an Blut. Wir sehn in unsren Blicken
		Erfüllung glänzen, lächeln, jubeln, nicken.
		Und Lippe sank auf Lippe engelschön.

		Nicht suchte Hand nach Hand. Es klang kein Wort.
		Die Uhr im Zimmer tickte unverdrossen.
		Und unsre Herzen schlugen fort und fort

		Wie Wellen, die ins große Meer geflossen.
		Du standest auf. Das Buch lag noch am Ort.
		Leis hast du hinter dir die Tür geschlossen.


VII

		Schon sieben Tag und Nächte muß ich weinen,
		Und immer wieder fließt der Fluß der Tränen.
		Und immer wieder will das Herz sich dehnen,
		Sich flügelnd mit dem Ewigen zu vereinen.

		Entflög es doch und fänd sich bei der Einen
		Als Kissen ihrem Fuß, darauf zu lehnen,
		Wenn die Schalmein der schönen Engel tönen,
		Zum Lob gestimmt der Einen ganz All-Einen.

		O wär mein Herz ihr Schemel, drauf zu ruhn,
		Wenn sich das Haupt in Wolkenkissen schmiegt.
		Ich will nichts wissen, wollen oder tun.

		Ich will nur bei ihr sein, und leicht gewiegt
		Von ihren himmlisch zarten Silberschuhn
		Erbebt mein Herz, das ihr zu Füßen liegt.


VIII

		Kämst du doch eine Nacht, wie ich dich kannte,
		Im leichten Hemd zu mir ins Bett geschlüpft!
		Die goldne Schnur der Küsse war geknüpft
		Aus Sternenfäden, die Urania sandte.

		Der Mond sein Licht auf unser Spiel verwandte,
		Das er mit kleinem Heiligenschein getüpft.
		Er zitterte, wenn ich das Hemd gelüpft
		Und deine Brüste rot mit Küssen brannte.

		In einer Nacht wie dieser ward das Kind.
		Du weißt es noch und fühltest, daß es werde.
		Im Schneewald sang des Februares Wind.

		An Schlitten klang Geläut der Nebel-Pferde.
		Du sprachst: Weil wir nun eins geworden sind,
		So steigt im Kind der Himmel auf die Erde.


XVII

		Nachts steige ich mit Lampe, Hammer, Schippe
		In Sturm und Regen übern Friedhofszaun.
		Ich taste glücklich mich und ohne Graun
		Durch alle Gräber zu der heiligen Krippe.

		Ich schaufle und zerbrech den Sarg. Die Lippe
		Seh ich im Scheine der Laterne blaun.
		Und deine halbgeschlossnen Augen schaun
		Nach innen auf den Tanz der Engelsippe.

		Und meine Lippen küssen dein Skelett.
		Sie neiden dem Gewürm die schönsten Brüste.




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