Das Wirthshaus an der Heerstrasse
Iwan Sergejewitsch Turgenew




lvan S. Turgenev

Das Wirthshaus an der Heerstraße





I


Auf der Straße von B. in fast gleicher Entfernung von den beiden Kreisstädten, welche sie durchläuft, stand noch vor Kurzem ein großes Hans, allen des Weges kommenden Kutschern, Fuhrleuten,[1 - In Russland werden die Frachten nicht auf großen, schwerfälligen Lastwagen befördert, wie in Deutschland, sondern auf ganz kleinen Fuhrwerken (Telegen), wovon eines sammt seiner Ladung leicht von einem einzigen Pferde im Trabe gezogen werden kann. Diese kleinen Frachtwagen gehen indeß niemals einzeln, sondern immer in langen Zügen, wie Kamele, so daß ein einziger Bauer genügt, eine ganze Reihe solcher einspännigen Telegen (im Winter Schlitten) zu führen.] Handlungsdienern, Hausirern und überhaupt all den zahlreichen, verschiedenartigen Reisenden, welche in jeder Jahreszeit das Land durchziehen, wohl bekannt. Die meisten von ihnen pflegten in dem Wirthshause einzukehren; nur die Equipagen vornehmer Gutsbesitzer, die mit einem Sechsgespann in eigenem Gestüt gezogener Pferde fuhren, rollten feierlich vorüber, was inzwischen weder den Kutscher, noch den hinten stehenden Lakai verhinderte, mit besonderer Empfindung und Aufmerksamkeit nach der ihnen wohlbekannten Freitreppe zu spähen. Oder auch ein armer Teufel in schmutziger Telega mit s einen letzten drei Pjätaks (Fünfkopekenstücken) im Schnürbeutel aus der Brust, trieb, auf der Höhe des reichen Wirthshauses angekommen, seinen müden Gaul weiter, um sein Nachtquartier in der Hütte eines armen Bauern zu suchen, bei weichem weiter nichts zu finden war, als Heu und Brot, der aber auch nicht einen Kopeken zuviel dafür forderte.

Außer seiner vertheilhaften Lage bot das Wirthshaus, wovon wir oben redeten, noch viele andere Annehmlichkeiten: ausgezeichnetes Wasser in zwei tiefen Brunnen mit knarrenden Rädern und eisernen Eimern an Ketten; einen geräumigen Hof mit bedeckten, von stämmigen Pfeilern getragenen Gallerien; einen reichen Vorrath vortrefflichen Hafers im Erdgeschoß; eine warme Gesindestube mit einem russischen Riesenofen, welcher ein Paar lange Röhren wie gepanzerte Arme ausstreckte, und endlich zwei ziemlich saubere Zimmer mit röthlichen Tapeten, unten schon etwas verschossen, mit Sopha’s und Stühlen von gefärbtem Holze an der Wand und zwei Geranientöpfen in den Fenstern, welche übrigens niemals geöffnet wurden, und ganz geschwärzt waren von verjährtem Staube.

Zudem war in der Nähe des Wirthshauses eine Schmiede und eine Mühle; auch konnte man gut zu essen bekommen, wenn man die Gunst der rothen, dicken Köchin zu gewinnen wußte, welche schmackhaft kochte und es mit den Portionen so genau nicht nahm.

Bis zur nächsten Schenke war kaum eine halbe Werst. Der Schenkwirth verkaufte auch Schnupftabak, welcher, obgleich mit Asche gemischt, von höchst erfolgreicher Wirkung war und die Nase auf’s angenehmste prickelte und biß. Kurz, viele Ursachen trafen zusammen, daß Passagiere aller Art gern in dem Wirthshause anhielten. Es war belebt, weil es beliebt war, was immer das beste Mittel ist etwas in Gang zu bringen, aber – wie man sich in der Nachbarschaft erzählte – war es hauptsächlich deswegen beliebt, weil der Wirth ein Glücksspitz war, dem Alles, was er unternahm, einschlug, obwohl er sein Glück wenig verdiente. Aber so geht’s in der Welt: wem es einmal glücken soll, dem glückt es.

Dieser Wirth war ein Kleinbürger und hieß Naoum Iwanow. Von mittlerem Wuchs, dick, breitschultrig, etwas gekrümmt, hatte er einen großen runden Kopf mit wallendem Haar; das schon in’s Graue spielte, obwohl er, nach dem Ansehen zu schließen, nicht älter als vierzig Jahre sein konnte. Sein Gesicht war voll und frisch, feine Stirn niedrig, aber weiß und glatt; seine kleinen, hellen, blauen Augen hatten einen seltsamen Ausdruck, indem sie zugleich frech und argwöhnisch blickten, was nicht oft vorkommt. Den Kopf trug er immer gebückt und bewegte ihn nur mit Mühe zur Seite, wahrscheinlich weil er einen zu kurzen Hals hatte. Er ging rasch, und fast ohne die Arme zu bewegen, die er mit geballten Händen steif auseinander hielt. Wenn er lächelte, und er lächelte oft, aber ohne zu lachen, gleichsam für sich, – so bewegten sich seine dicken Lippen in widerwärtiger Weise und ließen eine gedrängte Reihe glänzender Zähne sehen. Er sprach stoßweise und mit einem gewissen mürrischen Tone. Obgleich er sich rasirte, blieb er doch in der Kleidung dem altrussischen Kostüm treu. Er trug einen langen, ganz abgeschabten Kaftan, weite Hosen und Schuhe über den bloßen Füßen. Er war häufig von Haus abwesend in Geschäften, deren er viele hatte: wie Pferdehandel, Landpacht, Gartenbau, kurz, Handel, Betrieb und Verkehr aller Art. Aber seine Abwesenheit war niemals von langer Dauer, wie der Geier, mit welchem er auch im Ausdrucke des Auges viele Aehnlichkeit hatte, kam er immer bald in’s Nest zurück. Er verstand es, dies Nest in Ordnung zu halten: überall fand er sich zu rechter Zeit ein, Alles hörte und befahl, besichtigte, ordnete und berechnete er selbst, und Niemanden ließ er einen Kopeken nach, nahm aber auch keinen zuviel.

Die Reifenden unterhielten sich nicht gern mit ihm, und er selbst liebte es nicht, viel unnütze Worte zu machen: »Ich brauche Euer Geld – pflegte er zu sagen – und ihr braucht meine Kost; wir haben nicht zusammen Gevatter zu stehen; wenn ein Reisender gegessen und sein Pferd versorgt hat, braucht er sich nicht lange aufzuhalten. Und wenn er müde ist mag er schlafen; schwatzen ist überflüssig.« Das kam bei ihm so stoßweise heraus, als ob er jedes Wort erst herauspreßte. Er hielt sich große und rüstige Arbeiter, die aber friedfertig und gehorsam waren und ihn sehr fürchteten. Für seine eigene Person dem Genuß geistiger Getränke völlig abhold, gab er seinen Leuten doch an großen Festtagen jedem einen Griwenik (Zehnkopekenstück) zum Schnaps; an andern Tagen durften sie nicht wagen Branntwein zu trinken.

Leute vom Schlage Naoum’s werden bald reich, allein er selbst – bessert Vermögen man aus vierzig bis fünfzigtausend Rubel schätzte – war in seine glänzende Lage nicht auf geradem Wege gekommen . . .




II


Schon zwanzig Jahre vor dem Zeitpunkte, mit welchem unsere Erzählung beginnt, stand auf demselben Flecke ein anderes Wirthshaus, welches allerdings kein dunkelrothes Dach hatte, das dem Hause Naoum Iwanow’s das Ansehen eines Herrenhofes gab, sondern von schlichter Bauart war, mit strohbedeckten Wetterdächern im Hofe, statt der Balkenmauern geflochtene Wände, und ohne die Zier eines dreieckigen griechischen Giebels auf gedrechselten Pfeilern ruhend – allein es war immerhin ein geräumiges solides Absteigequartier, warm und von den Reisenden gern besucht.

Der Wirth hieß damals Akim Ssemenow und war Leibeigener einer in der Nachbarschaft begüterten Dame, Elisabeth Prochorowna Kuntze, Wittwe eines Stabsoffiziers. Dieser Akim war ein sehr intelligenter und thätiger Bauer, der noch in jungen Jahren mit zwei schlechten Pferden vor seinem Wagen auszog, um Kleinhandel zu treiben, nach einem Jahre mit drei ziemlich guten Pferden zurückkehrte und seit der Zeit sich fast sein ganzes Leben hindurch auf der großen Heerstraße umhertrieb, der Reihe nach Kasan und Odessa, Orenburg und Warschau besuchte, selbst in’s Ausland bis »Lipetzk« (Leipzig) kam, und zuletzt ein paar riesige Telegen mit zwei Dreigespannen stattlicher Hengste fuhr.

Ob er seines heimathlosen, unstäten Lebens überdrüssig geworden, ob er sich wieder einen eigenen Hausstand gründen wollte (während einer seiner Reisen war seine Frau gestorben; später hatte er auch seine Kinder verloren) – genug, er entschloß sich zuletzt seinen Handel aufzugeben und Gastwirth zu werden; Mit Erlaubniß seiner Herrin erbaute er auf der großen Heerstraße, wo er noch unter dem verstorbenen Gutsherrn eine halbe Dessjatine Land erworben hatte, ein Gasthaus. Die Geschäfte gingen vortrefflich. Er hatte hinlänglich Geld, um das Haus ordentlich einzurichten und die Erfahrung, welche er auf seinen langjährigen Reisen nach allen Enden Rußlands erworben hatte, kam ihm sehr zu statten; er wußte es den Reisenden nach Wunsch zu machen und besonders den Handelsfuhrleuten, seinen ehemaligen Gewerbsgenossn, deren er gar viele persönlich kannte, und welche die Rechnungen in den Wirthshäusern sehr anschwellen lassen, weil diese Leute für sich und ihre mächtigen Pferde in der Verpflegung und Beköstigung ungewöhnliche Ansprüche machen.

Bald war Akims Hof auf hundert Werst in der Runde bekannt. Die Passagiere kehrten lieber bei ihm ein als bei seinem völlig von ihm verschiedenen Nachfolger, obgleich er sich mit diesem in Betreff der Wirthschaftsführung nicht entfernt vergleichen konnte. Akim hielt nämlich Alles noch auf altem Fußes die Zimmer waren warm, aber nicht sonderlich rein; auch kam es wohl vor, daß der Hafer etwas feucht und modrig und das Essen durch das Kochen halb verdorben war. Zuweilen kamen Speisen auf den Tisch, die besser ganz weggeblieben wären, nicht etwa weil Akim mit seinem Vorrath kargte, sondern blos weil die Köchin es mit ihrer Kunst so genau nicht nahm.

Dafür aber nahm es Akim auch nicht so genau mit der Rechnung, sondern ließ mit sich handeln; auch gab er gern Kredit – kurz, er war ein guter Kerl und ein liebenswürdiger Wirth. Dazu zeigte er sich seinen Gästen auch freigebig in der Bewirthung und Unterhaltung. Beim Ssamowar (russische Theemaschine) plauderte er ihnen vor, daß sie die Ohren spitzten, besonders wenn er anfing von  P i t e r  (Peter dem Großen) zu erzählen, oder von den tscherkessischen Steppen, oder gar von den überseeischen Ländern. Natürlich verstand er auch sein Gläschen zu leeren und that es gern, wenn er mit einem guten Kameraden beisammen saß; übrigens trank er niemals im Uebermaß, sondern blos der Gesellschaft wegen, um seinen Gästen Bescheid zu thun, So äußerten sich die Reisenden über ihn.

Insbesondere waren ihm die Kaufleute sehr gewogen und überhaupt alle Leute von altem Schrot und Korn, die Kernrussen, welche sich nie auf den Weg machen ohne ihre Lenden gehörig zu gürten, in kein Zimmer eintreten, ohne das Kreuz zu schlagen und keinen Menschen anreden, ohne ihm vorher eine gute Gesundheit zu wünschen.

Schon das Aeußere Akim’s war ganz gemacht für – ihn einzunehmen: er war von hohem Wuchs, ein bischen mager, aber sehr wohlgebaut und hielt sich selbst in seinen älteren Jahren noch vortrefflich. Sein langes regelmäßiges Gesicht hatte einen angenehmen Ausdruck, er hatte eine hohe, freie Stirn, eine gerade, feine Nase und schmale Lippen. Der Blick seiner hervorstehenden braunen Augen glänzte von herzgewinnender Freundlichkeit; sein weiches, dünnes Haar schlängelte sich bis um den Hals; der Scheitel war beinahe schon kahl. Der Ton seiner Stimme war äußerst angenehm, obwohl schwache in seiner Jugend hatte er vortrefflich gesungen, allein die fortwährenden Reisen in freier Luft und im Winter hatten seine Brust angegriffen; dagegen sprach er sehr fließend und einschmeichelnd. Wenn er lächelte, bildeten sich um seine Augen strahlenförmige Falten, welche ihm einen sehr lieben Ausdruck gaben; – nur bei guten Menschen sieht man solche Falten. In seinen Bewegungen war Akim langsam und gemessen; es zeigte sich darin eine große Zuversicht und ernste Höflichkeit, wie bei einem Manne, der viel in der Welt herumgekommen ist, viel gesehen und erfahren hat.

In der That besaß Akim – oder Akim Ssemenowitsch, wie man respectvoll im herrschaftlichen Hause ihn nannte, wohin er oft kam und Sonntag Nachmittags niemals verfehlte seinen Besuch zu machen – in der That besaß Akim Ssemenowitsch Alles, um glücklich zu sein, und wär’ es auch wohl immer gewesen, wenn er nicht eine Schwäche gehabt hätte, die schon Manchen in’s Unglück gebracht hat, und auch ihn in’s Unglück bringen sollte, nämlich seine Schwäche für die sogenannte schönere Hälfte des Menschengeschlechts. In der Verliebtheit leistete er das Unglaubliche; sein Herz konnte dem Blicke keiner hübschen Frau widerstehen – es zerschmolz darin wie der erste Schnee in der Sonne. Schon oft hatte er für seine Empfindsamkeit schwer zu leiden gehabt.

Während des ersten Jahres nach seiner Niederlassung auf der großen Heerstraße war Akim dergestalt mit dem Ausbau seines Hauses, der Einrichtung seiner Wirthschaft und den vielen dazu gehörigen Dingen beschäftigt, daß ihm entschieden keine Zeit blieb an das schöne Geschlecht zu denken und wenn ihm einmal verliebte Gedanken in den Sinn kamen, so suchte er sie gleich zu vertreiben durch das Lesen heiliger Bücher, mit welchen er sich eifrig beschäftigte (Akim hatte schon seit seiner ersten Reise lesen gelernt)« oder durch das halblaute Absingen von Psalmen, oder durch andern Gott wohlgefälligen Zeit vertreib. Außerdem hatte er schon sein sechsundvierzigstes Jahr erreicht – ein Zeitpunkt im Leben, wo die Leidenschaften merklich kühler und ruhiger zu werden pflegen, und zum Heirathen ein wenig spät. Akim glaubte selbst, daß es eine Thorheit sei noch an dergleichen zu denken . . . aber es scheint, daß der Mensch seinem Schicksale nicht entgehen kann.

– Akim’s Herrin, Lisaweta Prochorowna Kuntze, war, wie ihr verstorbener Gemahl, deutschen Ursprungs, gebürtig aus Mitau, wo sie die ersten Jahre ihrer Kindheit verlebt und eine sehr zahlreiche und arme Familie zurückgelassen hatte, um welche sie sich übrigens wenig kümmerte, besonders seit ihr Bruder, ein Infanterie-Offizier in der Armee, sie einmal unangenehm durch seinen Besuch überrascht und sich dabei so weit vergessen hatte, daß er sie, die Herrin des Hauses beinahe geprügelt hätte, sich aber dann damit begnügte, sie »Du Lumpenmamsell« zu schelten, nachdem er sie Abends vorher in seinem schlechten Russisch »meine verehrte Schwester und Wohlthäterin« genannt.

Obgleich fremdes Blut in ihren Adern floß, so stand Lisaweta Prochorowna doch, als Herrin, einer gebotenen russischen Edeldame durchaus nicht nach. Sie bewohnte fast ohne Unterbrechung ihr hübsches, durch die Ersparnisse ihres Mannes (der als Ingenieuroffizier Gelegenheit zu Nebenverdiensten hatte) wohlerworbenes Landgut, welches sie selbst verwaltete und zwar durchaus nicht ungeschickt. Lisaweta Prochorowna ließ sich nie den kleinsten Vortheil entgehen, aus Allem wußte sie Nutzen zu ziehen. Hierin, sowie darin, daß sie immer einen Pfennig für einen Groschen ausgab, zeigte sich ihr deutscher Ursprung; in allem Uebrigen war sie durchaus russificirt. Sie hielt ein sehr zahlreiches Hofgesinde und besonders viele Mädchen, welche ihr Brod nicht umsonst aßen. Vom Morgen bis zum Abend kamen sie nicht dazu ihren arbeitsgekrümmten Rücken gerade zu biegen. Sie fuhr gern spazieren oder auf Besuch mit Livreebedienten hinter dem Wagen. Sie hörte gern Klatschereien und Ohrenbläserei und verstand sich selbst vortrefflich darauf. Sie fand ein Vergnügen darin, irgendeinen von ihren Leuten nach Laune mit Gunst zu überhäufen und ihn dann plötzlich wieder fallen zu lassen. Mit einem Worte: Lisaweta Prochorowna spielte ganz die große Dame. Gegen Akim war sie sehr gnädig; er bezahlte seinen hohen Grundzins immer auf das pünktlichste, und sie unterhielt sich freundlich mit ihm und lud ihn sogar oft scherzend ein, sie zu besuchen. Aber gerade im Hause seiner Herrin erwartete Akim das Unglück.

Unter dem weiblichen Dienstpersonal Lisaweta Prochorowna’s befand sich ein fünfundzwanzigjähriges Mädchen, eine Waise, Namens Dunascha. Sie hatte ein ganz angenehmes Aeußere, war hübsch gewachsen und von behendem Wesen. Ihre Züge waren nicht gerade regelmäßig, aber ansprechend: der frische Teint, die üppigem helllockigen Haare, die lebhaften grauen Augen, das kleine Stumpfnäschen, die blühen den Lippen vereinten sich mit einem gewissen – ungezwungenen, halb spöttischen, halb herausfordernden Ausdruck ihres Gesichtes, sie zu einer anziehenden Erscheinung zu machen. Dazu kam, daß sie, obgleich eine Waise, zurückhaltend, ja fast hochmüthig im Umgange war, eingedenk ihres Ursprunges von alten Hofbediensteten ersten Ranges. Ihr Vater Arefi hatte nämlich dreißig Jahre hindurch des Amt einer fürstlichen Haushofmeisters bekleidet und ihr Großvater Stephan war Kammerdiener des Fürsten gewesen, der in demselben Leibgarderegimente, welches die Kaiserin Katharina als Oberst befehligte, den Rang eines Sergeanten hatte.

Dunascha kleidete sich immer mit möglichster Sorgfalt und that sich viel zu Gute auf ihre wohlgepflegten und wirklich schönen Hände. Sehr hochmüthig, ja verächtlich behandelte sie ihre Anbeter, deren Huldigungen sie mit selbstvertrauendem Lächeln anhörte, und wenn sie sich einmal herabließ ihnen zu antworten, so geschah das in kurzen Ausrufen, wie z. B.: Versteht sich! Ich werde . . . Das fehlte noch! —

Dunascha war drei Jahre bei einer französischen Putzmacherin in Moskau in der Lehre gewesen, wo sie das hochtrabende Wesen und die schnippischen Manieren sich aneignete, durch welche alle russischen Kammerzofen sich auszeichnen, die ihre Lehrjahre in der Hauptstadt gemacht haben. Ihre Dienstgenossen hielten sie für ein Mädchen voll Eigenliebe und Ehrgeiz (was im Munde dieser Leute ein großes Lob ist), welches viel in der Welt gesehen und sich doch zu halten gewußt habe. Obgleich sie mit der Nadel gut umzugehen wußte, hatte sie sich doch der Gunst ihrer Herrin nicht sonderlich zu erfreuen, Dank der ersten Kammerfrau Kirillowna, einer schon ältern, verschmitzten Person, die großen Einfluß auf Lisaweta Prochorowna hatte und diesen sehr geschickt durch Fernhaltung aller Nebenbuhlerinnen zu wahren wußte.

In diese Dunascha verliebte sich Akim und zwar so gründlich, wie er nie zuvor verliebt gewesen war. Er hatte sie zum Erstenmale in der Kirche gesehen, kurz nach ihrer Rückkehr von Moskau . . . dann war er ihr ein paarmal im herrschaftlichen Hause begegnet und endlich ward ihm das Glück, einen ganzen Abend mit ihr beim Verwalter zuzubringen, der einige der angesehensten Hausbedienten zum Thee eingeladen hatte. Diese Leute würdigten ihn ihres Umgangs, obwohl er nicht zu ihnen gehörte und einen Bart trug nach altrussischer Weise; allein er war ein gebildeter Mann, der lesen und schreiben konnte und außerdem ein hübsches Vermögen besaß. Zudem kleidete er sich auch nicht wie ein Bauer, sondern trug einen langen Kaftan von schwarzem Tuch, hohe Stiefeln und ein Halstuch. Freilich, wenn die Hofbediensteten unter sich waren, sagten sie wohl, daß er eigentlich doch nicht zu ihnen gehöre noch passe, aber im Verkehr mit dem wohlhabenden Mann zeigten sie sich doch zuvorkommend genug.

In der oben erwähnten Theegesellschaft beim Verwalter besiegte Dunascha völlig das verliebte Herz Akim’s, obgleich sie entschieden auf alle seine schmeichelhaften Reden kein Wort erwiederte und ihm nur zuweilen einen Seitenblick zuwarf, gleich als ob sie sagen wollte: wie kommt der Bauer hierher?

Akim wurde dadurch nur noch mehr in Flammen gesetzt. Er kehrte erst nach Hause zurück, überlegte, und kam endlich zu dem Entschlusse, um ihre Hand anzuhalten . . .

Aber wer beschreibt den Zorn und Unwillen Dunascha’s, als nach etwa fünf Tagen Kirillowna sie freundlich zu sich in’s Zimmer rief und ihr mittheilte, daß Akim (der wohl wußte an wen er sich zu wenden hatte), daß dieser bärtige Bauer Akim, in dessen Nähe zu sitzen ihr neulich als eine Beleidigung vorkam, um ihre Hand anhalte!

Erst flammte Dunascha zornig auf, dann zwang sie sich zu lachen, dann fing sie an zu weinen, allein Kirillowna führte ihren Angriff so geschickt aus, stellte ihr ihre abhängige Stellung im Hause so klar vor und machte ihr das Passende der Partie, den Reichthum und die blinde Unterwürfigkeit Akim’s so anschaulich und hob endlich auch so eindringlich hervor, wie sehr die Herrin selbst diese Verbindung wünsche, daß Dunascha das Zimmer ganz nachdenklich verließ, und von nun an bei ihrer Begegnung mit Akim ihm nicht mehr auswich, sondern ihn starr ansah. Die unglaubliche Freigebigkeit des Verliebten, der sie mit Geschenken überhäufte, zerstreute ihre letzten Bedenken.

Lisaweta Prochorowna, welcher Akim in der Freude seines Herzens hundert Pfirsiche auf einer silbernen Schüssel überreichte, gab ihre Einwilligung zu seiner Verbindung mit Dunascha und die Hochzeit wurde vollzogen. Akim scheute keine Ausgabe – und die Braut, welche noch Abends vorher mehr todt als lebendig im »Jungfernkreise« gesessen« und selbst am Hochzeitsmorgen noch geweint hatte, während Kirillowna sie ankleiden, ward bald getröstet . . . Die Herrin schmückte sie zur Feierlichkeit in der Kirche mit ihrem eigenen Shawle – und Akim schenkte ihr noch an demselben Tage einen Shawl, der vielleicht noch kostbarer war als jener . . .




III


So war denn Akim wieder verheirathet und er führte seine junge Frau in sein Haus ein, wo sie nun zusammen leben sollten.

Es stellte sich bald heraus, daß Dunascha eine schlechte Haushälterin war und Akim keine rechte Stütze in ihr fand. Sie kümmerte sich um Nichts, sah grämlich aus und langweilte sich, wenn nicht irgend ein durchreisender Offizier ihr Aufmerksamkeiten erwies und Artigkeiten sagte, während sie hinter dem großen Ssamoware den Thee bereitete. Sie fuhr häufig aus, bald in die Stadt, um Einkäufe zu machen, bald in das Herrschaftshaus, welches von dem ihrigen wohl fünfviertel Stunden entfernt lag. Im Herrschaftshause fühlte sie sich am behaglichsten. Dort war sie unter alten Bekannten. Die Mädchen bewunderten ihren Putz; Kirillowna bewirthete sie mit Thee; selbst Lisaweta Prochorowna unterhielt sich mit ihr.

Aber auch diese Besuche waren nicht ohne bittere Gefühle für Dunascha. Sie durfte jetzt z. B. da sie nicht mehr zu den Hofbediensteten gehörte, auch keine – Haube und keinen Hut mehr tragen wie diese, sondern mußte ihren Kopf mit einem Tuche umwinden, »wir eine Kaufmannsfrau« bemerkte ihr Kirillowna – wie eine Bäuerin, sagte sie sich selbst.

Mehr als einmal kamen Akim die Worte in den Sinn, welche ihm ein alter Oheim, ein blutarmer Bauer und eingerosteter Hagestolz gesagt hatte, als er ihm vor der Hochzeit auf der Straße begegnete: »Nun« Bruder Akimuschka, ich höre, du willst dich wieder verheirathen.«

»Jawohl. Was weiter?«

»Ach, Akim, Akim! Du bist nun uns, den Bauern, kein Bruder mehr, gehörst nicht mehr zu unseres Gleichen – aber auch sie ist nicht Deines Gleichen!

»Warum ist sie nicht meines Gleichen?«

»Wär’ es auch nur darum,« rief er, auf Akim’s Bart zeigend, den dieser aus Gefälligkeit für Dunascha beschnitten hatte; ihn ganz abzurasiren konnte er nicht übers Herz bringen.

Akim senkte das Haupt, während der Greis sich wandte und die Schöße seines an den Schultern zerrissenen Pelzes übereinanderschlagend, mit Kopfschütteln davonging.

Ja, mehr als einmal gedachte Akim ächzend und seufzend dieser Worte, aber seine Liebe zu dem hübschen Weibe blieb dieselbe. Er war stolz auf seine Frau, wenn er sie verglich – nicht mit gewöhnlichen Bäuerinnen, oder mit seiner ersten Frau, die ihm angeheirathet wurde, als er kaum sechzehn Jahre zählte, – mit den andern Zofen im herrschaftlichen Hause.

»Wir haben doch ein allerliebstes Vögelchen im Käfig!« sagte er sich zum Troste. Die geringste Freundlichkeit Dunascha’s machte ihn überglücklich. Mit der Zeit wird sie sich schon gewöhnen und gut einleben, dachte er. Dazu kam, daß sie sich eines guten Wandels befleißigte und Niemand ihr ein schlimmes Wort nachsagen konnte.

So vergingen einige Jahre. Dunascha hatte sich mit der Zeit wirklich an ihr neues Leben gewöhnt. Akim’s Liebe und Vertrauen zu ihr nahm mit den Jahren nur zu. Ihre frühern Dienstgenossinnen, welche sich verheirathet hatten, aber zu stolz gewesen waren einen Bauern zu nehmen, hatten alle Unglück in der Ehe: theils waren sie gänzlich verarmt, theils in schlechte Hände gefallen. Akim’s Wohlstand dagegen nahm fortwährend zu. Alles glückte ihm, er mochte unternehmen was er wollte. Nur ein Glück blieb ihm versagt: Gott schenkte ihm keine Kinder.

Dunascha war nun fünfundzwanzig Jahr alt – geworden und hatte es dahin gebracht; daß man sie allgemein Afdotja Arefjewna[2 - Dunascha ist das Diminutivum von Afdotja. Dem Taufnamen das Patronymicum folgen zu lassen, ist ein Beweis von Achtung.] nannte. Eine musterhafte Wirthin war sie gerade nicht zu nennen, aber sie liebte ihr Haus, wachte über Speisekammer, Küche und Keller und beaufsichtigte die Arbeiterinnen, d. h. sie that wenigstens so. In Wahrheit ließ sie Alles gehen wie es ging, so daß im Hause weder besondere Sauberkeit noch Ordnung herrschte. Dagegen hing im Hauptzimmer neben dem Bilde Allwo auch ihr Bild, in Oel von dem im väterlichen Hause zum Künstler aufgewachsenen Sohne des Küsters gemalt. Sie war dargestellt in weißem Kleide, mit gelbem Shawle darüber, einer sechsfach um den Hals geschlungenen Perlenschnur, langen Ohrgehängen und Ringen an jedem Finger. Man konnte sie erkennen, obgleich der Künstler sie zu fett und zu roth gehalten und ihre grauen Augen in schwarze – noch dazu schielende – verwandelt hatte.

Akim’s Porträt war weniger gelungen; der Künstler hatte ihn sehr dunkel – à la Rembrandt – aufgefaßt.

In ihrer Kleidung fing Afdotja an sich sehr zu vernachlässigen; sie warf ein großes Tuch über die Schulter und ließ das Kleid darunter sitzen wie es sitzen wollte; sie war angesteckt von jener einschläfernden, seufzenden Trägheit, welcher sich die Russen im Allgemeinen gar zu leicht hingeben, sobald sie nicht mehr um des Tages Nothdurft zu ringen haben.

Bei alledem gedieh das Hauswesen wie das Geschäft ihres Mannes; Akim und seine Frau lebten so gut miteinander, daß ihre Ehe als ein wahres Muster galt in der Nachbarschaft. Aber wie das Eichhörnchen, welches sich das Näschen putzt in demselben Augenblicke wo der Jäger darauf zielt, so fühlt der Mensch sein Unglück nicht vorher – wie unsicheres Eis bricht das Glück plötzlich unter seinen Füßen zusammen.




IV


An einem Herbstabend stieg in Akim’s Wirthshause ein Kaufmann ab, der allerlei Kurz- und Putzwaaren mit sich führte. Auf verschiedenen Umwegen fuhr er mit zwei wohlbeladenen Kibitken von Moskau nach Charkow. Er war einer der durch’s Land ziehenden Hausirer, welche die Gutsherren und besonders deren Frauen und Töchter oft mit so großer Ungeduld erwarten.

Mit diesem Kaufmann, der schon in vorgerückten Jahren stand, reisten zwei Gehilfen, wovon der eine bleich, mager und bucklig, der andere ein ansehnlicher, hübscher Bursche von etwa zwanzig Jahren war.

Sie aßen zu Abend und bestellten sich dann Thee. Der Kaufmann lud den Wirth und seine Frau ein, eine Tasse mit ihnen zu trinken, und so geschah es.

Zwischen den beiden alten Männern (Akim stand in seinem fünfzigsten Jahre) knüpfte sich bald eine Unterhaltung an. Der Kaufmann erkundigte sich nach den Gutsherrschaften in der Umgegend und Niemand konnte ihm bessere Auskunft darüber geben als Akim. Der bucklige Gehilfe verließ alle Augenblicke das Zimmer um nach den Pferden zu sehen und zog sich endlich ganz zurück, um sein Bett aufzusuchen. Afdotja hatte sich mit dem andern Gehilfen zu unterhalten. Sie saß neben ihm, weniger selbst sprechend als anhörend, was er ihr erzählte, aber dieß schien ihr sehr zu gefallen; ihr Antlitz belebte sich, eine ihr ungewöhnliche Röthe umspielte ihre Wangen und sie lachte oft und herzlich. Der junge Mann saß neben ihr fast ohne sich zu rühren, seinen lockigen Kopf auf den Tisch neigend. Er sprach leise, ohne die Stimme zu erheben und die Worte zu beschleunigen. Dagegen waren seine kleinen, aber unternehmenden blauen Augen unverwandt auf Afdotja gerichtet. Sie suchte erst seinen durchbohrenden Blicken auszuweichen, dann aber sah sie ihm selbst in’s Gesicht . . . Das Gesicht dieses kecken Burschen war frisch und glatt wie ein Borsdorfer Apfel. Er lächelte oft beim Sprechen und spielte sich mit seinen weißen Fingern am Kinn herum, woran sich schon ein leichter dunkler Flaum zeigte. Er drückte sich in der gezierten Redeweise der russischen Kaufleute aus, sprach aber sehr geläufig und mit einer gewissen nachlässigen Zuversicht, und hielt dabei immer auf sie seinen starren, kecken Blick gerichtet. Plötzlich rückte er ihr ein wenig näher und sagte, ohne eine Miene dabei zu verziehen: »Afdotja Arefjewna« eine schönere Frau als Sie giebt’s in der ganzen Welt nicht; ich glaube, für Sie könnte ich das Leben lassen.«

Afdotja lachte laut auf.

–– Was hast Du? fragte Akim.

– O, er erzählt mir so drollige Geschichten – erwiderte sie, ohne besondere Bewegung zu verrathen.

Der alte Kaufmann lächelte: – Ja« ja, mein Naoum ist ein Spaßvogel; Sie dürfen ihn aber nicht hören.

– Das fehlte noch! sagte sie kopfschüttelnd; ich habe an andere Dinge zu denken.

– He, he, natürlich, sagte der Alte. Es ist übrigens Zeit – fuhr er mit gedehnter Stimme fort – daß wir uns zur Ruhe begeben. Wir sind sehr erfreut gewesen über Ihre Gesellschaft, sehr erfreut, aber erlauben Sie uns, Ihnen eine gute Nacht zu wünschen.

Bei diesen Worten erhob er sich.

– Auch wir sind sehr erfreut gewesen, entgegnete Akim, ebenfalls sich erhebend, das heißt, wir danken für gütige Gesellschaft und Bewirthung und wünschen Ihnen, recht wohl zu ruhen. Afdotja, steh auf.

Afdotja folgte der Aufforderung gleichsam mit innerem Widerstreben; desgleichen Naoum . . . und Alle zogen sich zurück.

Die Wirthsleute stiegen zu dem Verschlage hin auf, der ihnen als Schlafzimmer diente. Akim fing alsbald an zu schnarchen; Afdotja hingegen konnte lange nicht einschlafen. Erst lag sie ganz ruhig, das Gesicht der Wand zugekehrt; dann fing sie an sich hin- und herzuwälzen im Bette und den Kopf bald auf diese, bald auf jene Seite des heißen Federkissens zu legen; dann zog sie die Bettdecke über sich und fiel in einen leisen Schlummer.




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notes



1


In Russland werden die Frachten nicht auf großen, schwerfälligen Lastwagen befördert, wie in Deutschland, sondern auf ganz kleinen Fuhrwerken (Telegen), wovon eines sammt seiner Ladung leicht von einem einzigen Pferde im Trabe gezogen werden kann. Diese kleinen Frachtwagen gehen indeß niemals einzeln, sondern immer in langen Zügen, wie Kamele, so daß ein einziger Bauer genügt, eine ganze Reihe solcher einspännigen Telegen (im Winter Schlitten) zu führen.




2


Dunascha ist das Diminutivum von Afdotja. Dem Taufnamen das Patronymicum folgen zu lassen, ist ein Beweis von Achtung.


