Das adelige Nest
Iwan Sergejewitsch Turgenew




lvan S. Turgenev

Das adlige Nest











Erster Theil





Erstes Kapitel


Ein heller Frühlingstag neigte sich zum Abend; hoch am klaren Himmel standen kleine rosafarbene Wölkchen und schienen dem Azurblau nicht vorbeizuschwimmen, sondern in dessen Tiefe zu dringen.

Vor dem offenen Fenster eines hübschen Hauses in einer der entlegenen Straßen der Gouvernementsstadt O. (im Jahre 1842) saßen zwei Frauen; die eine fünfzig Jahr alt, die andere, schon ein altes Mütterchen, stand den Siebzigen nahe. Erstere hieß Maria Dmitriewna Kalitin; ihr Mann, ein gewesener Gouvernementsprocurator und seiner Zeit als Geschäftsmann bekannt, – von heftigem und entschlossenem, galligem und eigensinnigem Character, – war vor ungefähr zehn Jahren gestorben; er hatte eine ziemlich gute Erziehung erhalten, hatte studirt, doch von armem Stande, hatte er früh die Nothwendigkeit, sich einen Weg durch’s Leben zu bahnen und sich Geld zu erwerben, begriffen. Maria Dmitriewna hatte ihn aus Liebe geheirathet; er war nicht übel, klug und, wenn er es wollte, sehr liebenswürdig. Maria Dmitriewna, eine geborene Pestoff, hatte in ihrer Kindheit schon die Aeltern verloren, einige Jahre in Moskau, in einem Institute verbracht, und lebte seit ihrer Rückkehr von dort, an fünfzig Werst von Moskau, auf ihrem väterlichen Rittergute Pokrowskoie mit ihrer Tante und ihrem ältesten Bruder.

Bald siedelte sich dieser Bruder nach Petersburg über, wo er in Staatsdiensten stand, und behandelte sowohl Schwester als auch Tante sehr schlecht, bis ein plötzlicher Tod seinem Leben ein Ende machte. Maria Dmitriewna erbte Pokrowskoie, blieb aber dort nicht lange; das zweite Jahr nach ihrer Hochzeit mit Kalitin, der es verstanden hatte, in einigen Tagen ihr Herz zu fesseln, wurde Pokrowskoie für ein anderes Rittergut umgetauscht, das viel einträglicher war, sich aber durch seine Lage nicht auszeichnete und kein Schloß hatte, – zu gleicher Zeit kaufte sich Kalitin ein Haus in O., wo er sich auch mit seiner Frau niederließ. Das Haus hatte einen großen Garten, der mit dem einen Ende an das Feld, außerhalb der Stadt stieß, also – entschied Kalitin, der kein Freund von ländlicher Ruhe war, – ist es ganz und gar nicht nöthig, im Sommer sich auf des Gut zu begeben. Oft seufzte Maria Dmitriewna im Stillen nach ihrem hübschen Pokrowskoie mit dem fröhlichen Flüßchen, den breiten Wiesen und dem grünen Wäldchen; doch niemals wagte sie ihrem Manne zu widersprechen und hatte tiefe Ehrfurcht vor seinem Geist und seiner Weltkenntniß. Als er nach einer Ehe von fünfzehn Jahren starb, einen Sohn und zwei Töchter hinterlassend, war Maria Dmitriewna schon so sehr an ihr Haus gewöhnt, daß sie selbst nicht mehr O. verlassen wollte.

In ihrer Jugend galt Maria Dmitriewna für eine hübsche Blondine und selbst in ihrem fünfzigsten Jahre hatten ihre Züge viel Angenehmes, obgleich sie etwas aufgedunsen und fett geworden waren. Sie war mehr sentimental als gut, und selbst in ihren reifen Jahren hatte sie die Gewohnheiten eines Institutsmädchens bewahrt; sie hatte sich verwöhnt, war leicht aufgeregt und weinte sogar, wenn man ihren Gewohnheiten zu nahe trat; dagegen war sie sehr liebenswürdig und freundlich, wenn alle ihre Wünsche erfüllt wurden. Ihr Haus gehörte zu den angenehmsten in der Stadt. Ihr sehr bedeutendes Vermögen war nicht sowohl von den Aeltern durch Erbschaft übergegangen, als von ihrem Manne erworben worden. Ihre beiden Töchter, hatte sie bei sich; ihr Sohn dagegen wurde in einem der besten Regierungsinstitute in Petersburg erzogen.

Die alte Dame, die mit Maria im Fenster saß, war dieselbe Taute, die Schwester ihres Vaters, mit welcher sie einst einige einsame Jahre in Pokrowskoie verbracht hatte. Diese Tante hieß Marthe Timotheewna Pestoff; man nannte sie sonderbar, denn sie hatte einen unabhängigen Character, schenkte einem Jeden reinen Wein ein und hielt sich bei sehr kargen Mitteln so, als ob sie Tausende zu verzehren hätte. Sie hatte den verstorbenen Kalitin nicht leiden können, und als ihre Nichte ihn geheirathet hatte, zog sie sich auf ihr Gütchen zurück, wo sie zehn Jahre lang bei einem Bauer in einer schmutzigen Hütte lebte. Maria Dmitriewna fürchtete sie. In ihrem Alter selbst ihr schwarzes Haar und ihren scharfen Blick bewahrend, klein mit spitzer Nase, hatte Marthe Timotheewna schnelle Bewegungen, hielt sich gerade und sprach schnell und vornehmlich mit feiner und hellklingender Stimme. Sie trug beständig eine weiße Haube und eine weiße Jacke.

»Was hast Du denn,« fragte sie plötzlich Maria Dmitriewna, »was seufzest Du denn, meine Liebe?«

»So!« sprach diese, »was für wunderschöne Wolken!«

»Thun Dir, also die Wolken leid?«

Maria Dmitriewna gab keine Antwort.

»Warum kömmt denn Gedeonowsky nicht?« sagte Martha Timotheewna, rasch ihre Stricknadeln bewegend. Sie strickte eine große wollene Schärpe. »Er hätte mit Dir geseufzt, – oder uns etwas vorgelogen.«

»Sie urtheilen immer streng über ihn! Sergei Petrowitsch ist ein ehrenwerther Mann.

»Ehrenwerth!« sprach die Alte mit vorwurfsvollem Tone.

»Und wie war er meinem verstorbenen Manne ergeben!« sagte Maria Dmitriewna; »auch jetzt kann er nicht gleichgültig an ihn denken.«

»Eine große Sache! Dieser hat ihn an den Ohren aus dem Schmutze herausgezogen,« murmelte Martha Timotheewna vor sich hin, und ihre Stricknadeln bewegten sich noch schneller in ihren Händen.

»Er sieht so fromm aus«, begann sie von Neuem, »sein Kopf ist schneeweiß, aber sobald er nur den Mund aufthut, lügt er einem etwas vor oder macht Klatschereien. Und das soll ein Staatsrath sein! Nun freilich, ein Popensohn!«

»Wer hat keine Fehler, Taute? Diese Schwäche hat er freilich. Sergei Petrowitsch hat keine Erziehung erhalten, spricht nicht französisch, aber Sie mögen sagen, was Sie wollen, es ist ein angenehmer Mann.«

»Freilich, er küßt Dir fortwährend die Hände. Daß er nicht französisch spricht, ist kein großes Unglück, ich selbst bin nicht stark im französischen »Dialect«. Besser wäre es, er spräche gar keine Sprache: wenigstens würde er dann nicht lügen. Da kömmt er aber auch,« fügte Martha Timotheewna hinzu, auf die Straße hinausblickend. »Wie schreitet er doch einher, Dein angenehmer Mann. Ist er aber doch lang, täuschend einem Storche ähnlich!«

Maria Dmitriewna brachte ihre Locken in Ordnung, – Martha Timotheewna blickte spöttisch auf sie.

»Was hast Du aber da nur, wenn ich mich nicht irre, ein graues Haar? Du mußt Deine Palaschke tüchtig auszanken, kann sie nicht achtsamer sein?«

»Aber Tante, Sie haben immer . . . «, murmelte ärgerlich Maria Dmitriewna und fing mit den Fingern auf der Sehne des Sessels an zu trommeln.

»Sergei Petrowitsch Gedeonowsky!« kreischte ein rothbäckiger à la Kosak gekleideter Knabe durch die Thüre, hereinspringend.




Zweites Kapitel


Es trat ein Mann von hohem Wachse herein, gekleidet in einen eleganten Rock, in kurze Hosen, graue Handschuhe aus semischen Leder und in zwei Halstücher, ein schwarzes oben und ein weißes darunter. Alles an ihm athmete Anstand und Lebensart, von seinem wohlgeformten Gesichte und den glattgekämmten Haaren an, bis zu seinen Stiefeln ohne Absätze. Er grüßte zuerst die Hausfrau, dann Martha Timotheewna und, nachdem er langsam seine Handschuhe ausgezogen, nahte er der Hand von Maria Dmitriewna. Nachdem er selbige ehrfurchtsvoll zweimal geküßt hatte, setzte er sich, ohne sich zu beeilen, auf einen Sessel und sagte lächelnd und mit den Fingerspitzen spielend:

»Befindet sich Elisabeth Michailowna wohl?«

»Ja,« erwiderte Maria Dmitriewna, »sie ist im Garten.«

»Und Helene Michailowna?«

»Lenchen ist auch im Garten.«

»Giebt es nichts Neues?«

»Wie sollte es nicht etwas geben, wie sollte es nicht!« erwiderte der Gast langsam blinzelnd und seine Lippen ausstreckend. Da hier ist meinethalben meine Neuigkeit und eine sehr wunderbare: Fedor Iwanitsch Lawretzky ist angekommen.«

»Fedia!« rief Martha Timotheewna, – »Lügst Du wirklich nicht, mein Theurer?«

»Nicht im Geringsten, ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen.«

»Nun, das ist noch kein Beweis.«

»Er hat sehr zugenommen,« fuhr Gedeonowsky fort, sich den Schein gebend, als hätte er die Bemerkung Martha Timotheewna’s nicht gehört. – »Er ist, noch breitschultriger geworden und Röthe spielt auf seinem ganzen Antlitze.«

»Er hat zugenommen?« sprach gedehnt Maria Dmitriewna. »Mir scheint er keine Ursache zu haben, zuzunehmen.«

»Ja,« erwiderte Gedeonowsky, »ein Anderer an seiner Stelle würde sich schämen, sich unter Leuten zu zeigen.«

»Und warum das?« unterbrach ihn Martha Timotheewna, »was ist das für ein Unsinn.« Ein Mann ist in seine Heimath zurückgekehrt, wo anders soll er denn hin? lind wenn er noch irgend eine Schuld trüge!«

»Ein Mann ist immer schuld, erlaube ich mir Ihnen, gnädige Frau, zu bemerken, wenn sich seine Frau schlecht aufführt.«

»Das sagst Du Freund, weil Du selbst niemals verheirathet gewesen bist.«

Gedeonowsky lächelte gezwungen.

»Erlauben Sie zu fragen,« sagte er nach kurzem Schweigen, »wem diese hübsche Schärpe bestimmt ist?«

Martha Timotheewna warf einen scharfen Blick auf ihn.

»Sie ist dem bestimmt,« entgegnete sie, »der niemals klatscht, nicht den Schlauen spielt und nicht falsch ist, wenn es einen solchen Mann auf Erden giebt; Fedia kenne ich sehr gut, seine einzige Schuld ist, daß er seine Frau verwöhnt hat. Nun, er hat sich aber auch aus Liebe verheirathet, und aus diesen Liebesehen wird niemals etwas Vernünftiges,« fügte die Alte hinzu, einen Seitenblick auf Maria Dmitriewna werfend und aufstehend. »Zerreiße Du jetzt, Freundchen, mit der Zunge, wen Du willst! – meinethalben auch mich; ich gehe fort, und werde nicht stören,« – und Marth Timotheewna entfernte sich.

»So ist sie immer«, sprach Maria Dmitriewna, ihre Tante mit den Augen begleitend.

»Das bringen einmal ihre Jahre mit sich! Was ist zu thun!« bemerkte Gedeonowsky. »Zum Beispiel sagte Ihre Frau Tante: Wer nicht den Schlauen spielt. Wer spielt aber nicht jetzt den Schlauen? Das bringt einmal das Jahrhundert mit sich. Einer meiner Freunde, ein höchst achtbarer Mann und, muß ich Ihnen sagen, ein Mann von nicht geringem Stande, hatte die Gewohnheit zu sagen: »Heut zu Tage das Huhn selbst nicht ohne Schlauheit dem hingeworfenen Körnchen naht, sucht immer von der Seite ihm beizukommen.« – Wenn ich Sie aber betrachte, gnädige Frau, Sie haben wirklich den Charakter eines Engels; dürfte ich Sie um Ihre schneeweiße Hand bitten?«

Maria Dmitriewna lächelte schwach und streckte Gedeonowsky ihre fette Hand hin, den fünften Finger getrennt haltend. Er drückte dieselbe an seine Lippen, sie rückte ihren Sessel zu ihm und fragte, etwas zu ihm gebeugt, ihn halblaut:

»Also haben Sie ihn gesehen? Ist er in der That ganz und gar nichts, – gesund, fröhlich?«

»Fröhlich, als ob nichts geschehen wäre,« erwiderte Gedeonowsky leise.

»Und haben Sie nicht gehört, wo seine Frau jetzt ist?«

»Die letzte Zeit war sie in Paris; jetzt hat sie sich, wie man sagt, nach Italien übergesiedelt.«

»Es ist schrecklich, in der That, – Fedia’s Lage; ich weiß nicht, wie er es verträgt. Jedermann trifft auf Erden zuweilen Unglück, das ist wahr; über ihn hat aber, kann man sagen, ganz Europa geschrieen.«

Gedeonowsky seufzte tief.

»Ja, ja, sie hat, sagt man, mit Künstlern und Pianisten, oder wie man dort sagt, mit Löwen und allerhand Thieren Bekanntschaft gemacht; sie soll jedes Schamgefühl gänzlich verloren haben.«

»Schmerzlich, sehr schmerzlich!« sagte Maria Dmitriewna, »besonders für mich, als einer Verwandten. Denn wie Sie, Sergei Petrowitsch wissen, ist er mein Vetter.«

»Freilich, freilich! wie sollte ich nicht alles wissen, was Ihre Familie angeht? – Können Sie so etwas glauben??«

»Wird er zu uns kommen, was meinen Sie?«

»Man sollte es glauben; übrigens will er, wie man hört, auf sein Gut reisen.«

Maria Dmitriewna blickte zum Himmel empor.

»Ach, Sergei Petrowitsch, wenn ich daran denke, wie wir Frauen doch vorsichtig sein müssen!«

»Die Frauen sind, Maria Dmitriewna, nicht alle einander ähnlich. Es giebt, zum Unglück, solche, – die einen unbeständigen Character haben, . . . nun, auch die Jahre; man hat ihnen auch nicht von klein auf Moral eingeschärft.«

Sergei Petrowitsch zog aus seiner Tasche ein quarrirtes blaues Taschentuch und begann es auseinander zu legen. »Es giebt freilich solche Frauen;« Sergei Petrowitsch berührte mit dem einem Ende des Schnupftuchs erst das eine, dann das andere Auge, – »aber im Allgemeinen zu reden, wenn man bedenkt, das heißt . . . In der Stadt ist es ungewöhnlich staubig,« schloß er.

»Mama, Mama!« rief in die Stube hereinlaufend, ein hübsches elfjähriges Mädchen, »Wladimir Nikolaitsch kommt zu Pferde zu uns!«

»Maria Dmitriewna stand auf; Sergei Petrowitsch stand ebenfalls auf und grüßte.

»Ich habe die Ehre, Helene Michailowna, ergebenst zu-grüßen,« sagte er, und aus Schicklichkeit sich in einen Winkel zurückziehend, begann er seine lange und regelmäßige Nase zu schnauben.

»Was hat er für ein schönes Pferd!« fuhr das Mädchen fort. »Eben war er an der Gartenthür und sagte mir und Lieschen, daß er an die Treppe heranreiten würde.«

Man vernahm Hufschlag und ein schlanker Reiter auf einem schönen braunen Pferde zeigte sich auf der Straße und hielt am offenen Fenster.




Drittes Kapitel


»Guten Tag, Maria Dmitriewna!« rief der Reiter mit klangvoller und angenehmer Stimme. »Wie gefällt Ihnen mein neuer Kauf?«

Maria Dmitriewna trat an’s Fenster.

»Guten Tag, Woldemar! Ach was für ein schönes Pferd! Bei wem haben Sie es gekauft?«

»Bei einem Remonteur . . . viel hat er aber von mir genommen, der Spitzbube.«

»Wie heißt es?«

»Orlandow. . . aber dieser Name ist dumm, ich will ihn verändern . . . Eh bien, eh bien, mon garcon. . . kannst Du nicht ruhig stehen?«

Das Pferd schnaubte, trampelte mit den Füßen und bewegte unruhig das schaumbedeckte Maul.

»Lenchen, streicheln Sie es, fürchten Sie nichts.«

Das Mädchen streckte die Hand aus dem Fenster, Orlandow bäumte sich plötzlich und warf sich aufs die Seite. Der Reiter fand sich aber gleich zurecht, drückte das Pferd fest zwischen seine Schenkel, gab ihm einen tüchtigen Schlag mit der Reitgerte auf den Hals und stellte es, so sehr es sich auch widersetzte, wieder vor das Fenster.

»Prenez garde, Prenez garde,« wiederholte Maria Dmitriewna.

»Lenchen, streicheln Sie es doch!« sagte der Reiter sich irgend eine Freiheit herauszunehmen.

Das Mädchen streckte wieder ihre Hand aus dem Fenster und berührte schüchtern die zitternden Nüstern Orlandow’s, der fortwährend auffuhr und am Gebiß nagte.

»Bravo!« rief Maria Dmitriewna; »jetzt steigen Sie aber ab und kommen Sie zu uns.«

Geschickt wandte der Reiter sein Pferd, bohrte ihm die Sporen in die Seiten und, nachdem er im kurzen Galopp die Straße durchritten hatte, trabte er in den Hof ein. Einen Augenblick später trat er, die Reitgerte in der Hand, aus der Thüre des Vorzimmers in den Saal; in demselben Augenblicke zeigte sich auf der Schwelle der entgegengesetzten Thür ein schlankes, hochgewachsenes Mädchen von ungefähr neunzehn Jahren.




Viertes Kapitel


Der junge Mann, den wir eben den Lesern vorgeführt haben, hieß Wladimir Nikolaitsch Panschin. Er diente in Petersburg als Beamter für besondere Aufträge im Ministerium des Innern. In die Stadt O. war er im zeitweiligen Auftrage der Regierung gekommen und stand dem Gouverneur, General Sonnenberg, dessen entfernter Verwandter er war, zur Verfügung. Panschin’s Vater, ein verabschiedeter Stabsrittmeister, bekannter Spieler, ein Mann mit süßlichen Augen, abgelebtem Gesichte und nervösem Zittern in den Lippen, hatte sich sein Leben lang in hohen Kreisen bewegt, besuchte die englischen Clubbs beider Residenzen und galt für einen geschickten, obgleich nicht sehr zuverlässigem aber angenehmen Lebemann. Trotz seiner Geschicklichkeit befand er sich fast fortwährend an der äußersten Grenze der Armuth und hinterließ seinem einzigen Sohne ein kleines und in der größten Unordnung befindliches Vermögen; dagegen hatte er sich, freilich nach seiner Art, um dessen Erziehung bekümmert. Wladimir Nikolaitsch sprach, französisch vortrefflich, englisch gut, deutsch schlecht. So muß es auch sein: ordentliche Leute schämen sich, gut deutsch zu sprechen, aber ein deutsches Wörtchen bei einigen meist spaßhaften Gelegenheiten in die Welt zu schicken, ist erlaubt; »c’est même trés chic,« wie sich die petersburger Pariser ausdrücken. Mit seinem fünfzehnten Jahre verstand es Wladimir Nikolaitsch, ohne verlegen zu sein, in jeden Saal zu treten, sich in demselben angenehm zu unterhalten und zur passenden Zeit sich zu entfernen.

Panschin’s Vater hatte seinem Sohne viele, Verbindungen verschafft; wenn er zwischen zwei Robber oder nach einem geschickten großen Schlemm mischte, vergaß er es nicht, irgend einem großen Herrn, einem Liebhaber von Cammersspielen, ein paar Worte über seinen Woldemar zuzuflüstern, Wladimir Nikolaitsch, seinerseits, als er sich auf der Universität befand, die er mit dem Rang eines wirklichen Studenten absolvirte, hatte die Bekanntschaft einiger jungen Leute von vornehmen Stande gemacht und sich Zugang in die besten Häuser verschafft. Ueberall wurde er gut aufgenonnnen; denn er hatte ein angenehmes Aeußere, war gewandt, witzig, immer gesund und zu Allem bereit; wo es nöthig war, achtungsvoll, wo es möglich war, frech, ein vortrefflicher Kamerad, un charmant garcon; ein Vielen verschlossenes Reich eröffnete sich ihm. Früh begriff Panschin die Geheimnisse der Lebensweisheit; er verstand es, die Gesetze der Welt aufrichtig zu achten, verstand es, mit einem halbspöttischen Ernste sich mit Unsinn zu befassen und sich den Schein zu geben, daß er alles Ernste für Unsinn halte; – er tanzte vortrefflich, kleidete sich nach englischer Mode. In kurzer Zeit hatte er sich den Ruf eines der liebenswürdigsten und geschicktesten jungen Leute in Petersburg verschafft.

In der That war Panschin sehr geschickt, – nicht weniger als sein Vater, – aber er war auch sehr begabt. Zu Allem hatte er Talent; er war guter Sänger, geschickter Zeichner, schrieb Verse, war ein sehr leidlicher Schauspieler; kaum achtundzwanzig Jahre alt, war er schon Kammerjunker und hatte, einen ziemlich hohen Rang. Panschin hatte festes Vertrauen in sich, in seinen Geist, in seinen Scharfsinn; kühn und fröhlich und festen Schrittes ging er vorwärts; sein Leben floß so schön dahin. Er war gewohnt, Allen zu gefallen, Jungen und Alten, und bildete sich ein, er kenne die Menschen, besonders die Frauen; freilich kannte er ihre gewöhnlichen Schwächen. Den Künsten nicht fremd, fühlte er in sich Glut und einige Hingebung und Begeisterung, und in Folge dessen erlaubte er sich verschiedene Abweichungen von den Regeln des Weltlebens. Er lebte flott, schloß Bekanntschaften mit Leuten, die nicht zur sogenannten Welt gehörten und hielt sich im Allgemeinen frei und einfach; in der Seele aber war er kalt und listig, und während der wildesten Orgien beobachtete und bemerkte sein kluges, braunes Auge Alles; dieser kühne, dieser freie Jüngling konnte sich niemals vergessen, konnte sich niemals ganz hinreißen lassen. Zu seiner Ehre muß man hinzufügen, daß er niemals mit seinen Eroberungen prahlte. In das Haus von Maria Dmitriewna fand er Eingang sofort nach seiner Ankunft in O. und war bald dort wie zu Haus. Maria Dmitriewna war ihm von ganzem Herzen zugethan.

Panschin grüßte freundlich Alle, die sich im Zimmer befanden, drückte die Hand von Maria Dmitriewna und Elisabeth Michailowna, gab Gedeonowsky einen leichten Schlag auf die Schulter und, sich auf seinen Absätzen herumdrehend, fing er Lenchen auf und küßte ihr die Stirn.

»Und Sie fürchten sich nicht, solch ein böses Pferd zu reiten?« fragte ihn Maria Dmitriewna.

»Um Gottes Willen! Mein Pferd ist ja sanft, wie ein Lamm; ich will Ihnen aber sagen, was ich fürchte: nämlich Preferance mit Sergei Petrowitsch zu spielen; gestern habe ich bei den Belenizyns ihm Hab und Gut verspielt.«

Auf Gedeonowsky spielte ein feines und demüthiges Lächeln: er buhlte um die Gunst des jungen, glänzenden Beamten aus Petersburg, des Lieblings des Gouverneurs. In seinen Gesprächen mit Maria Dmitriewna sprach er oft von den außerordentlichen Fähigkeiten Panschin’s. Denn, meinte er, wie sollte man auch ihn nicht loben? Der junge Mann bahnt sich einen Weg in der höhern Sphäre des Lebens, ist ein ausgezeichneter Beamter und hat nicht den geringsten Stolz. Uebrigens galt Panschin auch in Petersburg für einen guten Beamten; die Arbeit ging ihm flink von den Händen, er sprach von ihr wie im Spaße und wie es einem Weltmanne, der keine besondere Bedeutung seinen Bemühungen giebt, geziemt, doch war er ein »guter Arbeiter.« Die Obern lieben solche Untergebene; er selbst aber zweifelte nicht, daß er, wenn er es nur würde wollen, mit der Zeit Minister werden könne.

»Sie sagen, Sie hätten mir viel verspielt?« meinte Gedeonowsky; »wer hat aber vorige Woche von mir zwölf Rubel gewonnen? Und noch. . .«

»Ein schlauer Fuchs, ein schlauer Fuchs!« unterbrach ihn Panschin mit einer freundlichen, aber etwas verächtlichen Nachlässigkeit, und näherte sich, ihm keine Aufmerksamkeit mehr schenkend, Liesen.

»Ich konnte hier die Ouverture aus dem Oberon nicht finden,« begann er. »Madame Belenizyn prahlte zwar, sie hätte die ganze classische Musik, aber in der That hat sie nichts als Polkas und Walzer; ich habe schon nach Moskau geschrieben, und in einer Woche werden Sie diese Ouverture haben. A propos, ich habe gestern eine neue Romanze geschrieben; die Worte sind auch von mir. Wollen Sie, daß ich Sie Ihnen vorsinge? Ich weiß nicht, was an meiner Arbeit ist; Madame Belenizyn fand die Romanze sehr hübsch, aber ihre Worte haben gar keinen Werth. Ich möchte Ihre Meinung hören; übrigens glaube ich, ist es besser nachher.«

»Warum denn nachher?« mischte sich Maria Dmitriewna in das Gespräch; »warum denn nicht jetzt?«

»Wie Sie befehlen,« meinte Panschin mit einem frohen und süßen Lächeln, das sich bei ihm immer ebenso schnell zeigte, als es sich verlor; er rückte mit seinem Knie einen Stuhl an das Piano, setzte sich auf denselben und, nachdem er einige Accorde gegriffen hatte, begann er, die Worte stark betonend, folgende Romanze:

		Der Mond schwimmt hoch, von Wolken rings umzogen
		In bleicher Zahl;
		Doch von der Höhe lenkt des Meeres Wogen,
		Sein Zauberstrahl,
		Gleich stürmischem Meer, erkannte Dich mein Herze
		Als Mondenschein
		Und es bewegt sich jetzt – in Freud und Schmerze —
		Durch Dich allein.
		Es bat mein Herz, vor Lieb’ und stummen Qualen
		Jetzt keine Ruh’;
		Mir ist so schwer . . . doch fremd, gleich Mondesstrahlen
		Bist Stürmen Du.

Das zweite Couplet sang Panschin mit besonderem Ausdruck und besonderer Kraft, die stürmische Begleitung ahmte die Bewegung der Wellen nach. Nach den Worten: Mir ist so schwer . . . seufzte er leise, schlug die Augen nieder und senkte die Stimme – morendo. Als er geendigt hatte, lobte Liese das Motiv, Maria Dmitriewna sagte: »es ist reizend,« – Gedeonowsky aber rief: »himmlisch!« sowohl Poesie als auch Harmonie sind gleich himmlisch!« – Lenchen blickte mit kindlicher Ehrfurcht auf den Sänger. Mit einem Worte; das Werk des jungen Dilettanten gefiel allen Gegenwärtigen ausnehmend; im Vorzimmer aber, an der Thür des Saales stand ein eben gekommener schon alter Mann, welchem, dem Ausdrucke seines Antlitzes und den Bewegungen seiner Schultern nach zu urtheilen, Panschin’s Romanze, obgleich sie sehr hübsch war, kein besonderes Vergnügen verschafft hatte! Nachdem er einige Augenblicke gewartet, und den Staub von seinen Stiefeln mit einem dicken Schnupftuch: abgewischt hatte, kniff er seine Augen zusammen und seine Lippen nahmen einen finsteren Ausdruck an, er bückte seinen ohnedies schon gekrümmten Rücken noch tiefer und trat in den Saal hinein.

»Ach, Christophor Fedorowitsch« wie geht es?« rief vor allen Andern Panschin und sprang von seinem Stuhle auf. »Ich ahnte nicht, daß Sie hier seien, in Ihrer Gegenwart hätte ich mich niemals entschlossen, meine Romanze zu singen, denn ich weiß, Sie sind kein Freund von leichter Musik.«

»Ich habe nichts gehört,« sagte in schlechtem Russisch der Eingetretene und blieb, nachdem er Alle gegrüßt hatte, ungeschickt in der Mitte der Stube stehen.

»Sie kommen, Monsieur Lemm, meiner Liese eine Stunde zu geben?« fragte Maria Dmitriewna.

»Nein, nicht an Elisabeth Michailowna, sondern an Helene Michailowna.«

»Ja so, sehr schön, Lenchen, geh’ mit Herrn Lemm hinauf.«

Der Alte folgte dem Mädchen, Panschin aber hielt ihn auf.

»Gehen Sie nach der Stunde nicht fort, Christophor Fedorowitsch,« sagte er, »Elisabeth Michailowna will mit mir eine Sonate von Beethoven vierhändig spielen.«

Der Alte brummte etwas in den Bart, Panschin aber fuhr auf deutsch, die Worte schlecht aussprechend, fort:

»Elisabeth Michailowna hat mir die geistliche Cantate gezeigt, die Sie ihr gewidmet haben, – eine reizende Composition! Glauben Sie ja nicht, daß ich ernste Musik nicht zu würdigen weiß, – im Gegentheil: sie ist zuweilen langweilig, aber dafür sehr nützlich.«

Der Alte wurde bis hinter die Ohren roth; warf auf Liesen einen Seitenblick und eilte aus dem Zimmer.

Maria Dmitriewna bat Panschin die Romanze zu wiederholen; er entgegnete aber, er wünsche nicht die Ohren des gelehrten Deutschen zu zerreißen, und schlug Liesen vor, Beethovens Sonate vorzunehmen. Da seufzte Maria Dmitriewna und schlug ihrerseits Gedeonowsky vor, mit ihr in den Garten zu gehen. »Ich möchte,« sagte sie »mit Ihnen noch etwas sprechen und Sie um Rath wegen unseres armen Fedia fragen.«

Gedeonowsky zeigte seine Zähne, dankte, nahm mit zwei Fingern seinen Hut, auf dessen Krempe seine Handschuhe glatt und sauber lagen, und entfernte sich mit Maria Dmitriewna. In der Stube blieben nur Panschin und Liese; sie brachte und schlug die Sonate auf, beide setzten sich schweigend an’s Clavier. Undeutlich drangen von oben die Töne von Scalen, gespielt von Lenchens noch unsicheren Händen.




Fünftes Kapitel


Christoph Theodor Gottlieb Lemm war im Jahre 1786 in Sachsen, in der Stadt Chemnitz, von armen Musikern geboren. Sein Vater blies das Waldhorn, seine Mutter spielte die Harfe, er selbst spielte, noch nicht fünf Jahr alt, auf drei verschiedenen Instrumenten. – Acht Jahr alt verlor er seine Eltern, von seinem zehnten Jahre an aber verdiente er sich selbst sein Brod durch seine Kunst.

Lange führte er ein unstätes Leben, spielte überall – in Gasthäusern, auf Jahrmärkten, auf Bauernhochzeiten und Bällen; endlich kam er in ein Orchester und immer höher und höher rückend, gelangte er bis zum Musikdirector. Als ausübender Künstler stand er nicht hoch, die Musik aber kannte er gründlich. In seinem achtundzwanzigsten Jahre wanderte er nach Russland aus; ihn hatte ein großer Herr, der selbst die Musik nicht leiden konnte, aber ein Orchester aus Eitelkeit hielt, verschrieben. Fast sieben Jahre lebte Lemm bei ihm als Capellmeister und verließ ihn mit leeren Händen. Der große Herr hatte sich ruinirt, wollte ihm einen Wechsel geben, schlug ihm aber auch dies später ab und bezahlte ihm keinen Pfennig. – Man rieth ihm, nach Hause zurückzukehren; doch wollte er Russland, das große Rußland, dies Saatfeld für Künstler, nicht als Bettler verlassen; er entschloß sich zu bleiben und sein Glück zu versuchen. Während zwanzig Jahren jagte der arme Deutsche dem Glücke nach, war bei verschiedenen Herrschaften, lebte in Moskau und in Gouvernementsstädten, litt und ertrug so Manches, lernte die Armuth kennen, kämpfte und rang. Doch der Gedanke, in seine Heimath zurückzukehren, verließ ihn in allen Drangsalen, die er zu ertragen hatte, nicht; dieser Gedanke allein hielt ihn aufrecht. Doch das Schicksal wollte ihn nicht mit diesem letzten und ersten Glücke erfreuen: in seinem fünfzigsten Jahre, krank, vor der Zeit alt geworden, blieb er in der Stadt O. fest sitzen und blieb dort auf immer. Er hatte jetzt ganz die Hoffnung aufgegeben, jemals das ihm verhaßte Rußland zu verlassen, und fristete sein Leben mühsam durch Stundengeben. Das Aeußere Lemm’s sprach nicht für ihn. H Er war von kleinem Wuchse, ging gebeugt, hatte schiefe Schultern, einen eingefallenen Bauch, große und flache Füße, weißlichblaue Nägel an den festen und biegsamen Fingern der sehnigen, rothen Hände; sein Gesicht war reich an Runzeln, seine Wangen waren eingefallen und die Lippen, die unaufhörlich zuckten und kauen schienen, waren zusammengekniffen, was bei seiner gewöhnlichen Schweigsamkeit ihm einen fast boshaften Ausdruck verlieh. Seine grauen Haare hingen in Büscheln über der niedrigen Stirn, wie eben verloschene Kohlen glühten seine kleinere unbeweglichen Angen; er trat schwer auf, bei jedem Schritte seinen ungelenken Körper bewegend. Einige seiner Bewegungen erinnerten an die unbeholfenen Gesten einer Eule im Käfig, wenn sie sieht, daß man auf sie blickt, aber selbst mit ihren ungeheuren gelben, erschreckt und schläfrig blinzelnden Augen kaum etwas zu unterscheiden vermag. – Der veraltete, unerbittliche Schmerz hatte aus den armen Musikus seinen unauslöschbaren Stempel geprägt, hatte seine ohnehin nicht schöne Figur verzerrt und verunstaltet; doch für den, welcher es verstand, nicht bei den ersten Eindrücken stehen zu bleiben, zeigte sich etwas Gutes, Ehrliches, etwas Ungewöhnliches in diesem halbzertrümmerten Wesen. Verehrer Bach’s und Händel’s, Kenner seiner Sache, begabt mit lebhafter Einbildungskraft und jener Kühnheit des Gedankens, die der germanischen Race allein zugänglich ist, wäre Lemm – wer weiß? – in die Reihe der großen Componisten seines Vaterlandes getreten, hatte sein Leben ihn anders geführt; – doch er war unter keinem glücklichen Eterne geboren! Viel hatte er in seinem Leben geschrieben – doch es gelang ihm nicht, irgend eines seiner Werke gedruckt zu sehen: er wußte die Sache nicht geschickt anzufangen, bei passender Gelegenheit einen Bückling zu machen, zur rechten Zeit ein Wort für sich einzulegen. Einst, vor langer Zeit hatte einer seiner Verehrer und Freunde, auch ein Deutscher und ebenfalls arm, auf eigene Rechnung zwei seiner Sonaten herausgegeben; diese blieben aber unangerührt auf den Lagern der Musikalienhandlungen, und verschwanden spurlos, als hätte sie Jemand des Nachts ins Wasser geworfen. – Endlich ward Lemm für alles gleichgültig; auch nahmen die Jahre das Ihrige, er wurde gefühllos, zu Holz, wie seine Finger zu Holz geworden waren. Allein mit einer alten Köchin, die er aus einem Armenhanse genommen hatte, (verheirathet war er niemals gewesen) lebte er in O. in einem kleinen Häuschen, nicht weit vom Hause der Kalitin; spazierte viel, las die Bibel, das Gesangbuch und Shakespeare in der Schlegel’schen Uebersetzung. Seit lange hatte er nichts mehr componirt, doch wahrscheinlich wußte Liese, seine beste Schülerin, sein Herz zu bewegen; er schrieb für sie eine Cantate, von der Panschin eben gesprochen hatte. Die Worte dieser Cantate hatte er dem Gesangbuche entlehnt, einige Verse hatte er selbst hinzugedichtet. Die Caritate bestand aus zwei Chören, – das Chor der Glücklichen und das Chor der Unglücklichen; zu Ende schlossen beide Frieden und sangen zusammen: »Allmächtiger Gott, erbarme Dich über uns Sünder und halte uns fern von allen listigen Gedanken und irdischen Hoffnungen.« Auf dem Titelblatt, das sehr hübsch geschrieben und sogar mit Zeichnungen verziert war, stand: »Nur die Gerechten haben Recht. – Geistliche Cantate. Componirt und dem Fräulein Elisabeth Kalitin gewidmet, seiner theuren Schülerin, von ihrem Lehrer H. T. G. Lemm.« Die Worte: »Nur die Gerechten haben Recht« und »Elisabeth Kalitin« waren von Strahlen umgeben, unten stand noch: »Für Sie allein.« Deswegen erröthete Lemm und hatte einen Seitenblick auf Liese geworfen; ihm schnitt es durch’s Herz, als Panschin in seiner Gegenwart von seiner Cantate sprach.




Sechstes Kapitel


Laut und entschlossen griff Panschin die erstere Accorde der Sonate, (er spielte den Baß) Liese aber begann ihre Partie nicht. Er hielt inne und blickte auf sie. – Liesens Augen, die auf ihn fest geheftet waren, drückten Unwillen aus; ihre Lippen lächelten nicht, ihr ganzes Gesicht war streng, fast traurig.

»Was haben Sie?« fragte er.

»Warum haben Sie nicht Ihr Wort gehalten?« sagte sie. »Ich habe Ihnen die Cantate von Christophor Fedorowitsch unter der Bedingung gezeigt, daß Sie ihm nichts davon sagen sollten.« —

»Verzeihen Sie, Elisabeth Michailowna, es ist mir entfahren.«

»Sie haben ihn betrübt und mich auch; jetzt wird er auch mir mißtrauen.«

»Was soll ich thun, Elisabeth Michailowna? Von Jugend auf kann ich nicht gleichgültig einen Deutschen sehen, es zieht mich, so zu sagen, ihn zu necken.«

»Was sagen Sie da, Wladimir Nikolaitsch! Dieser Deutsche ist arm, steht allein da, ist vom Schicksal geknickt – und er thut Ihnen nicht leid? Und Sie möchten ihn necken?«

Panschin wurde verlegen.

»Sie haben Recht, Elisabeth Michailowna,« murmelte er, »ein Allem ist meine Unbedachtsamkeit schuld. Nein, widersprechen Sie mir nicht, ich kenne mich selbst sehr gut; meine Unbedachtsamkeit hat mir schon vielen Schaden gebracht, ihr verdanke ich, daß man mich für einen Egoisten hält.«

Panschin schwieg. Worüber er auch sprach, das Gespräch endigte gewöhnlich damit, daß er von sich selbst zu reden begann, und dies kam aus seinem Munde so hübsch und weich, so herzlich, als wäre es unwillkürlich.

»In Ihrem Hause zum Beispiel» fuhr er fort, »ist Ihre Mutter mir gewogen, sie ist so gut; Sie, – nun ich weiß nicht, was Sie von mir meinen; Ihre Tante dagegen kann mich ganz einfach nicht ausstehen. Ich muß sie auch durch ein dummes, unüberlegtes Wort beleidigt haben; denn sie liebt mich nicht, nicht wahr?«

»Ja,« sagte Elisabeth Michailowna etwas zögernd, – »Sie gefallen ihr nicht.«

Panschin eilte mit den Fingern über die Tasten und ein kaum bemerkbares spöttisches Lächeln glitt über seine Lippen.

»Nun und Sie,« sagte er, »scheine ich auch Ihnen ein Egoist zu sein?«

»Ich kenne Sie wenig, doch ich halte Sie nicht für einen Egoisten, im Gegentheil, ich muß Ihnen dankbar sein . . .«

»Ich weiß, ich weiß, was Sie sagen wollen,« unterbrach sie Panschin, und wieder glitten seine Finger über die Tasten: »für die Noten, für die Bücher, welche ich Ihnen bringe, für die schlechten Zeichnungen, mit welchen ich Ihr Album schmücke, und so weiter. Das Alles kann ich aber thun und dabei doch Egoist sein. Ich wage es zu glauben. daß Sie sich mit mir nicht langweilen und daß Sie mich nicht für einen schlechten Menschen halten; immerhin aber denken Sie, daß ich, wie soll ich mich doch ausdrücken, um eines Witzes willen, weder Vater noch Freund schonen würde.«

»Sie sind zerstreut und vergeßlich, wie alle Weltleute,« sagte Liese, »das ist Alles.«

Panschin runzelte etwas seine Stirn.

»Hören Sie,« sagte er, »wir wollen lieber von mir ganz und gar nicht reden, lassen Sie uns die Sonate spielen. Um Eins nur bitte ich Sie, fügte er hinzu, mit seiner Hand die Blätter des auf dem Notenpult liegenden Heftes glättend, »denken Sie von mir, was Sie wollen, nennen Sie mich sogar Egoist – nun meinethalben! Nur nennen Sie mich nicht einen Weltmann, dieses Wort ist mir unerträglich . . . Anch’io sono pittore. Auch ich bin Künstler, obgleich ein ziemlich schlechter, – und dieß, nämliche daß ich ein schlechter Künstler bin, will ich Ihnen gleich mit der That beweisen. Lassen Sie uns anfangen.«

»Fangen wir meinethalben an,« sagte Liese.«

Das erste Adagio wurde ziemlich glücklich überwunden, obgleich Panschin einige Schnitzer machte. Seine eigenen Compositionen und was er einstudirt hatte, spielte er sehr hübsch, vom Blatte aber las er sehr schlecht. Der zweite Theil der Sonate aber, ein ziemlich schnelles Allegro, ging ganz und gar nicht; beim zwanzigsten Tacte hielt es Panschin, der ein paar Takte zurückgeblieben war, nicht aus und rückte lachend seinen Stuhl fort.

»Nein,« rief er, »heute kann ich nicht spielen, gut daß uns Lemm nicht gehört hat, er wäre sonst in Ohnmacht gefallen.«

Liese stand auf, klappte den Deckel des Clavieres zu und wandte sich zu Panschin.

»Was werden wir jetzt thun?« fragte sie.

»Ich erkenne Sie an dieser Frage! Unmöglich können Sie mit gekreuzten Armen sitzen. Nun wenn Sie es wünschen, wollen wir zeichnen, so lange es noch nicht ganz dunkel geworden ist. Vielleicht wird die andere Muse, die Muse der Zeichnenkunst, – wie nannte man sie doch, . . . ich habe es vergessen. Wo ist Ihr Album? Ich erinnere mich, daß, meine Landschaft noch nicht beendigt ist.«

Liese ging in ein anderes Zimmer, um ihr Album zu holen, Panschin aber nahm, als er allein war, ein Batistschnupftuch aus seiner Tasche und blickte von der Seite auf seine Hände. Er hatte sehr hübsche und weiße Hände; auf dem Zeigefinger der Linken trug er einen schlangenförmigen goldenen Ring. Liese kehrte zurück; Panschin setzte sich an’s Fenster und öffnete das Album. »Aha!« rief er, »Sie haben meine Landschaft abzuzeichnen begonnen – das ist wunderschön. Sehr gut! Hier nur, – geben Sie mir den Bleistift, – sind die Schatten nicht dunkel genug. Sehen Sie!« Und Panschin zeichnete einige kühne und lange Striche. Er zeichnete beständig eine und dieselbe Landschaft: an dem Vorderplan große Bäume mit wild herabhängendem Laube, in der Ferne eine Wiese, und zackige Berge am Horizont. Liese blickte über seine Schulter auf seine Arbeit.

»Ja der Zeichnung, wie im Leben im Allgemeinen,« sagte Panschin, den Kopf bald rechts bald links wendend: »sind die Hauptsache – Leichtigkeit und Kühnheit.«

In diesem Augenblicke trat Lemm in’s Zimmer und wollte, nachdem er trocken gegrüßt hatte, sich entfernen; Panschin aber warf Album und Bleistift auf die Seite und vertrat ihm den Weg.

»Wohin wollen Sie aber, mein lieber Christophor Fedorowitsch? Wollen Sie denn nicht bleiben und mit uns Thee trinken?«

»Ich muß nach Hanse,« sagte Lemm mit finsterer Stimme »ich habe Kopfschmerzen.«

»Nun, was ist das für Unsinn; bleiben Sie hier und trinken Sie Thee mit uns. Wir wollen zusammen über Shakespeare streiten.«

»Ich habe Kopfschmerzen» wiederholte der Alte.

»Wir hatten in Ihrer Abwesenheit uns an Beethoven’s Sonate gemacht,« fuhr Panschin fort, ihn freundlich bei der Taille ergreifend und fröhlich lächelnd; – »doch wollte die Sache nicht gehen. Denken Sie sich nur, ich konnte nicht zwei Noten richtig hinter einander spielen.«

»Sie hätten doch lieber Ihre Romanze noch einmal gesungen,« erwiderte Lemm, die Hände Panschin’s wegnehmend,« und ging heraus.

Liese eilte ihm nach. Sie holte ihn auf der Treppe ein.

»Christophor Fedorowitsch,« sagte sie ihm auf Deutsch, ihn bis zum Thorwege auf dem grünen und kurzen Rasen begleitend; »ich stehe vor Ihnen schuldig da – verzeihen Sie mir!«

Lemm schwieg.

»Ich habe Wladimir Nikolaitsch Ihre Cantate gezeigt; ich war versichert, daß er sie zu schätzen wissen wird, – und wirklich sie hat ihm sehr gefallen.«

Lemm blieb stehen.

»Es hat nichts zu bedeuten,« sagte er aus Russisch und fügte dann in seiner Muttersprache hinzu: »er verstehet aber nichts. Wie? Sehen Sie das nicht? Er ist Dilettant, und das ist Alles!«

»Sie sind gegen ihn ungerecht,« erwiderte Liese, »er versteht Alles und kann fast Alles machen.«

»Ja, Alles Numero zwei, leichte Waare, eilige, Arbeit; dieß gefällt, und er gefällt; nun – und bravo! Aber ich ärgere mich nicht; diese Cantate und ich, wir sind zwei alte Namen; ich schäme mich ein Wenig, – doch das bedeutet nichts.«

»Verzeihen sie mir, Christophor Fedorowitsch!« sagte Liese auf’s Neue.

»Es ist nichts, es ist nichts!« wiederholte er auf Russisch: »Sie sind ein gutes Mädchen . . . aber da kommt Jemand zu Ihnen. Leben Sie wohl. Sie sind ein sehr gutes Mädchen!«

Und Lemm ging eiligen Schrittes zur Pforte, durch welche eben ein ihm unbekannter Mann, in einem grauen Paletot und breiten Strohhut trat. Er grüßte diesen sehr artig (er hatte die Gewohnheit alle unbekannten Gesichter in O. zu grüßen, von den Bekannten wandte er sich auf der Straße weg, – er hatte sich dies zur Regel gemacht), ging an ihm vorbei und verschwand hinter dem Zaune. Der Unbekannte blickte ihm erstaunt nach, und ging, nachdem er Liese einige Augenblicke fest angesehen, gerade auf sie zu.




Siebentes Kapitel


»Sie erkennen mich nicht,« sagte er, seinen-Hut abnehmend, »ich aber habe Sie erkannt, obgleich acht Jahre seit der Zeit, daß ich Sie das letzte Mal gesehen habe, entschwunden sind, Sie waren damals noch ein Kind.« – Ich heiße Lawretzky. – Ist Ihre Mutter zu Hause? Kann man sie sehen?«

»Meine Mutter wird sehr erfreut sein, Sie zu sehen,« entgegnete Liese, »sie hat von Ihrer Ankunft schon gehört.«

»Sie heißen, wenn ich mich nicht irre, Elisabeth?« sagte Lawretzky, die Treppe hinaufgehend.

»Ja.«

»Ich erinnere mich Ihrer sehr wohl, schon damals hatten Sie solch ein Gesicht, das man nicht vergißt. Ich brachte Ihnen damals immer Confect.

Liese erröthete und dachte: »Was ist das doch für ein Sonderling.« Lawretzky blieb einen Augenblick im Vorzimmer stehen, Liese trat in’s Gastzimmer, wo die Stimme und das Gelächter Panschin’s erklangen; er theilte eine Stadtklatscherei Marie Dmitriewna und Gedeonowsky mit, die eben aus dem Garten zurückgekehrt waren, und lachte selbst laut über das, was er erzählte. Bei dem Namen Lawretzky gerieth Maria Dmitriewna in Unruhe, erblaßte und ging ihm entgegen.

»Guten Tag, guten Tag, mein theurer Cousin!« rief sie mit gedehnter und fast weinerlicher Stimme: – »wie froh bin ich Sie zu sehen!«

»Guten Tag, meine gute Cousine!« erwiderte Lawretzky und drückte ihr freundlich die ausgestreckte Hand, »wie befinden Sie sich?«

»Setzen Sie sich, mein theurer Feodor Iwanitsch, ach, wie bin ich froh! Erlauben Sie erstens, Ihnen meine Tochter vorzustellen, Liese.«

»Ich habe mich Elisabeth Michailowna schon selbst vorgestellt,« unterbrach sie Lawretzky,

»Monsieur Panschin . . . Sergei Petrowitsch Gedeonowsky . . . aber setzen Sie sich doch, ich sehe Sie vor mir und traue auf Ehre meinen Augen nicht. Wie befinden Sie sich?«

»Wie Sie sehen, ich strotze vor Gesundheit; aber auch Sie, Cousine, Sie sind in den acht Jahren nicht magerer geworden!«

»Wenn man es bedenkt, wie lange wir uns nicht gesehen haben,« sprach Maria Dmitriewna sinnend, »woher kommen Sie jetzt? Wo ließen Sie . . . das heißt, – ich wollte sagen,« verbesserte sie sich eilig, – »ich wollte sagen, bleiben Sie lange bei uns?«

»Ich komme jetzt aus Berlin,« entgegnete Lawretzky, – »und reise morgen auf mein Gut – wahrscheinlich auf lange Zeit.«

»Sie werden doch, wie selbstverständlich, in Lawriky wohnen?«

»Nein, nicht in Lawriky; ich habe aber, ungefähr fünfundzwanzig Werst von hier, ein kleines Dörfchen; dorthin will ich mich begeben.«

»Es ist das kleine Dörfchen, das Sie von Glaphira Petrowna geerbt haben?«

»Dasselbe.«

»Aber um Gottes willen, Jegor Iwanitsch! Sie haben in Lawriky ein so schönes Haus.« Lawretzky runzelte kaum merklich die Stirn« .

»Ja . . . aber in jenem Dörfchen ist auch ein kleines Häuschen; und für jetzt brauche ich nichts mehr. Dieser Ort – ist für mich jetzt der passendste.«

Maria Dmitriewna ward wieder so verlegen, daß sie sich sogar gerade richtete und die Arme spreizte. Panschin kam ihr zu Hilfe und begann ein Gespräch mit Lawretzky. Maria Dmitriewna beruhigte sich, stützte sich auf die Lehne des Sessels und schaltete nur von Zeit zu Zeit ein kleines Wörtchen ein. Bei alle dem blickte sie so trübselig auf ihren Gast, seufzte so bedeutungsvoll, und schüttelte so traurig den Kopf, daß jener es nicht aushielt und sie endlich ziemlich scharf fragte, ob sie gesund sei.

»Gott sei Dank!« entgegnete Maria Dmitriewna – »und warum diese Frage?«

»So, mir schien es, daß Sie sich nicht ganz wohlfühlten.«

Maria Dmitriewna machte eine würdevolle und etwas beleidigte Miene. – »Wenn es so ist,« dachte sie, »so ist es mir ganz einerlei; Dir scheint, Freund, Alles, wie der Gans das Wasser zu sein; ein Anderer hätte vor Schmerz die Auszehrung bekommen und Du wirst bald vor Fett platzen.«

Mit sich selbst machte Maria Dmitriewna keine Ceremonien, gegen Andere aber und laut brauchte sie gewähltere Ausdrücke.

Lawretzky sah in der That nicht einem Schlachtopfer des Geschickes ähnlich. Von seinem rothwangigen, echt russischem Gesichte, mit hoher weißer Stirn, etwas dicker Nase und bereiten, regelmäßigen Lippen, wehten Steppengesundheit, feste, langdauernde Kraft. Er war vortrefflich gebaut und die blonden Haare auf seinem Kopfe lockten sich, wie bei einem Jünglinge. In seinen blauen hervorstehenden und etwas unbeweglichen Augen bemerkte man, wenn auch nicht Tiefsinn oder Müdigkeit, aber doch etwas Aehnliches, und seine Stimme klang zu gleichmäßig.

Panschin ließ inzwischen das Gespräch nicht stocken. Er lenkte es auf die Vortheile der Zuckersiedereien, worüber er ohnlängst zwei französische Brochüren gelesen hatte, und begann mit ruhiger Bescheidenheit deren Inhalt mitzutheilen ohne übrigens diese selbst auch nur mit einem einzigen Worte zu erwähnen.

»Ach, das ist ja Fedia!« erklang plötzlich in der Nachbarstube hinter der halb offenen Thür die Stimme von Martha Timotheewna. – »Fedia, in der That!« – Und die Alte eilte in das Gastzimmer. Lawretzky hatte nicht Zeit, sich vom Stuhle zu erheben, als sie ihn schon umarmt hatte. – »Laß Dich doch betrachten, laß Dich doch betrachten!« sagte sie, sich von seinem Gesichte entfernend. »Ach, wie gut siehst Du aus! Aelter bist Du geworden, aber wirklich nicht häßlicher. Warum küssest Du aber meine Hände? – Küsse mich selbst, wenn Dir meine runzeligen Wangen nicht zuwider sind. Nicht wahr, nach mir hast Du nicht gefragt; ob wohl die Tante noch lebe oder nicht? Und doch bist Du in meinen Armen geboren, Du Taugenichts. Nun, das ist aber alles einerlei; wie solltest Du an mich denken? Recht hast Du aber gethan, daß Du gekommen bist. Was aber,« fügte sie hinzu, sich zu Maria Dmitriewna wendend, »hast Du ihm schon etwas Vorgesetzt?«

»Ich habe nichts nöthig,« beeilte sich Lawretzky zu sagen.

»Nun, trinke wenigstens eine Tasse Thee. Du großer Gott! Und solltest keine Tasse Thee trinken. Liese geh’ und sorge dafür, aber schnell. Ich erinnere mich, er war, als kleiner Bursche, ein großer Vielfraß, – und auch jetzt liebt er wahrscheinlich zu essen!«

»Martha Timotheewna, ich habe die Ehre . . . « sagte Panschin von der Seite zu der, in Eifer gerathenen alten Dame tretend, und sie tief grüßend.

»Verzeihen Sie« mein Herr,« erwiderte Martha Timotheewna, »in meiner Freude habe ich Sie nicht bemerkt. – Deiner Mutter bist Du ähnlich geworden, der guten Frau,« fuhr sie, sich auf’s Neue zu Lawretzky wendend, fort, Du hattest nur Deines Vaters Nase, und Deines Vaters Nase ist Dir geblieben.« Bleibst Du lange bei uns?«

»Morgen, Tante, reife ich ab.«

»Wohin?«

»Zu mir nach Wassiliewskoie.«

»Morgen?«

»Morgen.«

»Nun, wenn morgen, so morgen. Du mußt es am Besten wissen, was Du zu thun hast. Höre aber, erst mußt Du kommen, um Abschied zu nehmen.« Die Alte kniff ihn in die Wange. – »Ich dachte nicht, Dich zu sehen; nicht, daß ich gerade zu sterben beabsichtigte; nein, ich lebe wenigstens zehn Jahre noch; wir alle, wir Pestoffs, wir leben lange. Dein Großvater nannte uns zweileberig; aber wer konnte es wissen, wie lange Du Dich noch im Auslande herumtreiben würdest. Nun, brav siehst Du aus, brav; hebst aus jeden Fall, wie früher, Deine zehn Pud mit einer Hand auf? Dein verstorbener Vater, verzeih’ es mir, war toll genug, etwas Gutes aber hat er gethan, daß er Dir einen Schweizer zum Hauslehrer gab; erinnerst Du Dich, wie ihr euch gegenseitig Faustschläge austheiltet? Gymnastik nennt man’s, nicht wahr? Aber was gackere ich da, wie eine Henne! Ich störe nur Herrn Panschin in seinen Dissertationen; übrigens laßt uns lieber Thee trinken! Ja; und kommt, ihn auf der Terrasse trinken; wir haben schöne Sahne – ihr habt ihresgleichen nicht in euren London und Paris. Kommt – kommt, und Du, Fedia, gieb mir den Arm. O, was für einen dicken Arm Du doch hast!«

Alle standen auf und gingen auf die Terrasse, mit Ausnahme Gedeonowsky’s, welcher sich still entfernte. Während des ganzen Gesprächs Lawretzky’s mit der Hausfrau, mit Panschin und Martha Timotheewna saß er in einem Winkel, aufmerksam mit den Augen blinzelnd und mit kindlicher Neugier die Lippen spitzend; er eilte jetzt die Nachricht von der Ankunft des neuen Geistes in der ganzen Stadt zu verbreiten. —


* * *

Folgendes geschah an diesem Tage, um elf Uhr Abends: Unten auf der Schwelle des Gastzimmers nahm Wladimir Nikolaitsch, eine günstige Gelegenheit benutzend, Abschied von Liesen und sprach zu ihr, sie an der Hand haltend: »Sie wissen, was mich hierherzieht, Sie wissen, warum ich so oft in Ihr Haus komme;« Liese antwortete ihm nichts und lächelte nicht, blickte aber, die Augenbrauen etwas erhebend, auf den Boden, ohne jedoch ihre Hand wegzuziehen.

Oben aber, im Zimmer von Martha Timotheewna, beim Lichte einer Ampel, die vor trüben, alten Heiligenbildern hing, saß Lawretzky, die Ellbogen auf die Kniee gestützt; die gute Alte strich, vor ihm stehend, von Zeit zu Zeit und schweigend seine Haare. Mehr als eine Stunde verbrachte er bei ihr, nachdem er von der Hausfrau Abschied genommen; kein Wort fast sagte er seiner alten guten Freundin und sie fragte ihn nicht aus . . .; was war auch zu fragen? Auch so verstand sie Alles, auch so nahm sie Theil an Allem, was sein Herz überfüllte.




Achtes Kapitel


Feodor Iwanitsch Lawretzky – (wir müssen den Leser um Erlaubniß bitten, auf einige Zeit den Faden der Erzählung zu unterbrechen) stammte aus einer altadligen Familie. Der Stammvater der Lawretzky hatte sich während der Regierung Wassili des Finstern aus Preußen übergesiedelt und von ihm zweihundert Tschetwert Land im Kreise Beschest erhalten. Viele der Lawretzkys verwalteten verschiedene Aemter, dienten unter Fürsten und angesehenen Leuten in entfernten Woiwodschaften; doch keiner derselben erhob sich höher als bis zum Slolnik oder erwarb sich ein großes Vermögen. Reicher und bemerkenswerther als die übrigen Lawretzkys war der Urgroßvater Feodor Iwanitsch’s, Andrei, ein hartherziger, zügelloser, kluger und listiger Mann. Bis zum heutigen Tage spricht man noch von seiner Verachtung aller Gesetze, von seinem jähzornigen Character, seiner wahnsinnigen Verschwendung und seiner unersättlichen Habgier.

Er war sehr dick und hoch, hatte ein braunes und bartloses Gesicht, stieß mit der Zunge an, und schien immer schläfrig; je leiser er aber sprach, desto mehr zitterten Alle, die ihn umgaben. Auch eine Frau hatte er gefunden, die zu ihm paßte; sie hatte hervorstehende Augen, eine Nase, die dem Schnabel eines Habichts ähnlich sah, ein rundes und gelbes Gesicht, war Zigeunerin von Geburt, jähzornig und rachsüchtig, stand in Nichts ihrem Manne nach, der sie bald in’s Grab gebracht hätte, und den sie nicht überlebte, obgleich sie im ewigem Zwist und Hader lebten.

Andrei’s Sohn, Peter, der Großvater von Feodor, war seinem Vater nicht ähnlich; es war ein einfacher Steppenjunker, mit ziemlich tollen Einfällen, Schreihals und Trendler, grob, aber nicht boshaft, gastfreundlich und Liebhaber von Treibjagden.

Er war über dreißig Jahre alt, als er von seinem Vater ein Gut mit zweitausend Leibeigenen, das schuldenfrei und wohlgeordnet war, erbte; doch bald hatte er einen Theil seines Vermögens vergeudet, den andern verkauft, und sein Hausgesinde verwöhnt. Gleich schwarzen Raben, krochen von allen Seiten bekannte und unbekannte kleine Leute in seinen geräumigen, warmen und unreinlichen Gemächern zusammen. Dieses Alles aß, was gerade da war, wurde aber satt, betrank sich und schleppte fort, was es nur konnte, den freundlichen Wirth pressend und ehrend. Dieser auch, wenn er nicht bei Laune war, beehrte seine Gäste – mit dem Namen: »Faulenzer und Halunken,« und langweilte sich doch ohne sie.

Die Gemahlin von Peter Andreiitsch war eine stille, sanfte Frau; sie hieß Anna Pawlowna, stammte aus einer benachbarten Familie und er hatte sie nach des Vaters Wahl und auf dessen Befehl geheirathet. Sie mischte sich in nichts, empfing freundlich alle Gäste und liebte es, selbst auszufahren, obgleich das Pudern, nach ihren Worten, ihr mehr zuwider war als der Tod. »Man setzt einem,« erzählte sie in ihrem Alter, »eine Kappe von Werg auf kämmt alle Haare in die Höh, beschmiert sie mit Talg, bestreut sie mit Mehl, steckt eiserne Stecknadeln hinein, so daß man sich nachher nicht rein waschen kann; aber ohne Puder kann man nicht ausfahren, die Leute würden sich beleidigt fühlen, – ein wahre Qual!« – Sie liebte es in einer Eguipage, die mit feurigen Pferden bespannt war, spazieren zu fahren, war bereit, von Morgens bis Abends Karten zu spielen, und bedeckte immer mit der Hand ihren Pfennigverlust, wenn ihr Mann an den Spieltisch trat; ihre ganze Mitgift aber, all ihr Geld hatte sie ihm völlig zur Verfügung gestellt. Sie hatte von ihm zwei Kinder: einen Sohn, Iwan, den Vater Feodor’s, und eine Tochter, welche Glaphira hieß. Iwan wurde nicht zu Hause, sondern bei einer reichen alten Taute, der Fürstin Kubensky, erzogen. Sie bestimmte ihn zu ihrem Erben, – ohne dem hätte sich der Vater nicht von ihm getrennt – kleidete ihn wie eine Puppe, gab ihm allerhand Lehrer, vertraute ihn der Obhut eines Hauslehrers, eines-Franzosen, gewesenen Abbé’s, eines Schülers von Jean Jacques Rousseau, eines gewissen Mr. Courtin de Vaucelles, eines geschickten und seinen Intriganten, die fine fleur der Emigration, wie die Fürstin sich ausdrückte, an und endigte damit, daß sie, fast siebzig Jahre alt, diese feine Blume heirathete; sie verschrieb auf seinen Namen ihr ganzes Vermögen und starb bald nachher, geschminkt, parfümirt mit à la Richelieu, umgeben von kleinen Negern, dünnfüßigen Windspielen und kreischenden Papageien auf einem krummen Divan aus den Zeiten Ludwig’s XV. mit einer emaillirten Tabaksdose, einer Arbeit Petitot’s in ihren Händen – und zwar von ihrem Manne verlassen. Der einschmeichelnde Herr Courtrin hatte es vorgezogen, sich mit ihrem Gelde nach Paris zu begeben. Iwan war kaum neunzehn Jahr, als dies unerwartete Gewitter sich über seinem Haupte entlud. Er wollte nicht in seiner Tante Haus bleiben, wo er, der eben noch der reiche Erbe gewesen, jetzt auf Gnadenbrod lebte; oder in Petersburg, wo die Gesellschaft, in der er aufgewachsen, sich plötzlich vor ihm verschloß; zum Dienst von den unteren Stufen an, einem schweren und dunklen Dienst, fühlte er Abscheu (das geschah im Anfang der Regierung des Kaisers Alexander); nothgedrungen mußte er auf seines Vaters Gut zurückkehren. Schmutzig, arm, elend, schien ihm sein heimathliches Nest; die Einsamkeit und der Schmutz des Steppenlebens beleidigten ihn auf jedem Schritte; es nagte an ihm die Langeweile, aber auch alle im Hause, seine Mutter ausgenommen, blickten unfreundlich auf ihn. Seinem Vater gefielen nicht seine Residenzgewohnheiten, seine Fracks, Chapeaux seine Flöte, seine Reinlichkeit, in welcher er nicht ohne Unrecht Ekel ahnte; auch klagte und brummte er oft auf den Sohn. – »Nichts will ihm hier gefallen,« sagte er, – »bei Mittag spielt er den Ekeln, ißt nicht, kann den üblen Geruch, die dumpfe Luft nicht ertragen; er ist außer sich, wenn er Betrunkene sieht; in seiner Gegenwart darf man es auch nicht wagen, Jemanden durchzuprügeln, dienen will er auch nicht; er sagt, er hätte eine zu schwache Gesundheit: Pfui Teufel, welch zärtliche Puppe! Und das Alles kommt daher, weil Voltaire in seinem Kopfe sitzt.« Der Alte liebte weder Voltaire noch auch den »ungläubigen« Diderot, obgleich er keine Zeile aus ihren Werken gelesen hatte: das Lesen war nicht seine Sache.

Peter Andreiitsch hatte Recht; wirklich saßen im Kopfe seines Sohnes Diderot und Voltaire – und nicht sie allein – auch Rousseau und Raynal und Helvetius und viele andere ihnen ähnliche Schriftsteller saßen in seinem Kopfe, – doch in seinem Kopfe allein. Der gewesene Lehrer Iwan Petrowitsch’s, der verabschiedete Abbé und Encyelopädist begnügte sich, die ganze Masse der Weisheit des achtzehnten Jahrhunderts in ihn hineinzuschütten, und er ging umher, von ihr voll; und sie befand sich in ihm, ohne sich aber mit seinem Blute zu vermischen, ohne in seine Seele zu dringen, ohne zur festen Ueberzeugung geworden zu sein. Ja, – konnte man aber vor fünfzig Jahren auch Ueberzeugung von einem jungen Manne fordern, wenn wir noch jetzt nicht zu derselben herangewachsen sind? Iwan Petrowitsch genirte auch die Gäste seines väterlichen Hauses; er ekelte sich vor ihnen, sie fürchteten ihn. Mit seiner Schwester Glaphira, welche zwölf Jahre älter war, als er, konnte er sich nicht befreunden. Diese Glaphira war ein besonderes Geschöpft häßlich, bucklig, mager, mit breit ausgeschlitzten strengen Augen und einem feinen, zusammengedrückten Munde, erinnerte sie durch ihr Gesicht, durch ihre Stimme, durch ihre eckigen schnellen Bewegungen an ihre Großmutter, die Zigeunerin, Andrei’s Gemahlin. Fest ihrem Ziele nachstrebend, herrschsüchtig, wollte sie nichts von Heirath hören. Die Rückkehr Iwan Petrowitsch’s wollte ihr ganz und gar nicht gefallen; so lange die Fürstin Kubensky ihn bei sich hatte, hoffte sie wenigstens die Hälfte des väterlichen Erbtheiles zu erhalten. Was den Geiz betrifft, war sie ihrer Großmutter ganz ebenbürtig.

Uebrigens war Glaphira auf ihren Bruder neidisch; er war so wohlerzogen, sprach so schön französisch und sie konnte kaum: »Bongschur« und »kommang wu portewu?« sagen. Freilich verstanden ihre Aeltern kein französisch«, – aber deshalb war sie nicht glücklicher. – Iwan Petrowitsch wußte nicht, was er vor Gram und Langweile thun sollte; nicht ganz ein Jahr hatte er im Dorfe zugebracht und ihm schien’s, er lebe dort über zehn Jahre. Nur gegen seine Mutter erleichterte er sein Herz und stundenlang saß er in ihren niedrigen Gemächern, das nicht allzukluge Geplauder der alten Frau anhörend, und übegaß sich an Eingemachtem.

Unter den Stubenmädchen von Anna Pawlowna befand sich ein sehr hübsches Mädchen mit hellen sanften Aeugelein, gut und bescheiden, Malania oder deutsch Melanie genannt. Sie war Iwan Petrowitsch schon aufgefallen, als er sie das erste Mal sah; er liebte sie, liebte sie ihres schüchternen Ganges, ihrer bescheidenen Antworten, ihrer sanften Stimme, ihres sanften Lächelns wegen; täglich erschien sie ihm reizender. Auch sie liebte Iwan Petrowitsch von ganzer Seele, wie nur russische Mädchen lieben können, und gab sich ihm hin.

Auf einem Landgute kann nichts lange geheim bleiben, bald wußten Alle von der Verbindung des Junkers mit Melanie; die Kunde von dieser Verbindung drang endlich auch bis zu Peter Andreiitsch. Zu einer andern Zeit hätte er wahrscheinlich solch eine unwichtige Sache nicht beachtet; er war aber schon lange seinem Sohne graut und freute sich jetzt auf die Gelegenheit, den Petersburger Weisen und Modenarren zu beschämen. Ein furchtbarer Sturm erhob sich; Melanie wurde in ein dunkles Zimmer gesperrt, man forderte Iwan Petrowitsch zu seinem Vater, Anna Pawlowna eilte auf den Lärm herbei. Sie suchte ihren Mann zu beruhigen, Fedor Andreiitsch hörte aber auf nichts mehr; gleich einem Geier stürzte er aus seinen Sohn los, warf ihm Sittenverderbniß, Gottlosigkeit und Heuchelei vor, ließ an ihm den langverhaltenen Groll gegen die Fürstin Kubensky aus, überschüttete ihn mit Schimpfworten.

Anfangs schwieg Iwan Petrowitsch und hielt sich zurück, doch als ihm fein Vater mit einer erniedrigenden Strafe drohte, hielt er es nicht mehr aus. »Der Gottesverächter Diderot ist wieder auf der Scene,« dachte er, »so schicke ich ihn denn zur Attaque, wartet nur; staunen sollt Ihr alle.« Und mit ruhiger, gleicher Stimme, obgleich innerlich an allen Gliedern zitternd, sagte er seinem Vater, er hätte Unrecht ihn der Sittenverderbniß zu zeihen; er hätte nicht im Geringsten die Absicht, seine Schuld zu beschönigen, doch wolle er sie sühnen, und mit desto größerem Vergnügen, da er allen Vorurtheilen fern stehe, nämlich – er sei bereit, Melanie zu heirathen.

Als er diese Worte aussprach, erreichte er, zweifelsohne sein Ziel; es erstaunte nämlich Peter Andreiitsch dergestalt, daß er die Augen weit aufsperrte und auf einige Augenblicke die Sprache verlor; doch bald kaut er wieder zu sich und, wie er war, in einem mit Grauwert gefütterten Schlafrock und mit Babuschen auf bloßen Füßen, warf er sich mit vorgestreckten Fäusten auf Iwan Petrowitsch, der, als wäre es absichtlich, diesen Tag die Haare àla Titus und einen neuen englischen blauen Frack, Stiefeln mit Quasten und elegante enge lederne Hosen trug.

Laut schrie Anna Pawlowna auf und bedeckte sich das Gesicht mit den Händen; ihr Sohn aber lief davon, lief durch das ganze Haus, sprang in den Küchengarten, lief dann in den Garten, aus dem Garten auf die Landstraße und lief ohne sich umzusehen, bis er seines Vaters schwere Tritte und sein lautes, oft unterbrochenes Geschrei nicht mehr hinter sich hörte.

»Halt Spitzbube!« schrie dieser, »halt, sonst verfluche ich Dich!« Iwan Petrowitsch verbarg sich bei Nachbarn und Fedor Andreiitsch kehrte nach Hause, matt und schweißtriefend, zurück, und kaum athmen könnend, sagte er, er enterbe seinen Sohn und versage ihm seinen Segen, befahl alle seine dummen Bücher zu verbrennen und die Magd Melanie sofort in ein entferntes Dorf zu schicken. Es fanden sich gute Leute, die Iwan Petrowitsch aufsuchten, und ihn von Allem benachrichtigten.

Beschämt, wüthend, schwor er, sich an seinem Vater zu rächen; und noch in derselben Nacht lauerte er dem Bauernkarren, auf welchem Melanie in die Verbannung geschickt wurde, auf, raubte sie mit Gewalt, sprengte mit ihr in die Stadt und ließ sich trauen. Mit Geld hatte ihn ein Nachbar, ein ewig betrunkener, aber sehr guter, verabschiedeter Seemann, ein großer Liebhaber von jeder, wie er sich ausdrückte, edlen Historie, versorgt.

Den folgenden Tag schrieb Iwan Petrowitsch seinem Vater einen giftig-kaltem doch in den artigsten Ausdrücken gehaltenen Brief, und reiste auf das Gut, wo sein Vetter Dmitri Pestoff, mit seiner Schwester, der den Lesern schon bekannten Martha Timotheewna, lebte. Er erzählte ihnen Alles, sagte, er beabsichtige nach Petersburg zu reisen, um sich ein Amt zu suchen, und bat sie, auf einige Zeit seine Frau aufzunehmen. Bei dem Worte: »Frau« – fing er bitterlich an zu weinen, und trotz seiner Philosophie und seiner Erziehung in der Residenz, warf er sich demüthig, nach russischer Weise auf die Knie vor seinen Verwandten und schlug selbst die Diele mit seiner Stirn. Die Pestoffs, mitleidige und gute Leute, willigten gern in seine Bitte ein; er blieb fast drei Wochen bei ihnen, im Geheimen eine Antwort von seinem Vater erwartend. Doch keine Antwort kam – und konnte nicht kommen. Als Peter Andreiitsch die Hochzeit seines Sohnes erfahren hatte, legte er sich krank in’s Bett und verbot in seiner Gegenwart den Namen Iwan Petrowitsch’s zu nennen; nur die Mutter hatte, im Geheimen von ihrem Manne, beim Erzpriester fünfhundert Rubel Assignation geborgt und schickte sie, sowie ein kleines Gottesbild der jungen Frau. Zu schreiben fürchtete sie sich, doch ließ sie Iwan Petrowitsch durch einen magern Bauer, der das Talent hatte, an zehn Meilen in vierundzwanzig Stunden zu gehen, sagen, er solle nicht zu traurig sein; so Gott wolle, würde sich Alles zum Besseren wendete und der Vater seinen Zorn in Gnade umwandeln; daß auch sie eine andre Schwiegertochter lieber gesehen hätte, doch wahrscheinlich hätte es Gott so gewollt, und sie schicke an Melanie Sergeiewna ihren mütterlichen Segen. Der magere Bauer bekam einen Rubel, bat um Erlaubniß seine neue Edelfrau, deren Gevatter er war, zu sehen, küßte ihre Hand und lief nach Hause.

Iwan Petrowitsch aber reiste leichten Herzens nach Petersburg, eine unbekannte Zukunft erwartete ihn; vielleicht drohte ihm sogar Armuth, doch er trennte sich von dem verhaßten Dorfleben, die Hauptsache aber – er hatte seine Lehrer nicht verrathen, er hatte durch seine That Rousseau, Diderot und la Declaration des droits da l’homme gerechtfertigt.

Das Gefühl der erfüllten Pflicht, des Triumphs, ein Gefühl des Stolzes erfüllte seine Seele: auch die Trennung von seiner Frau erschreckte ihn nicht so sehr; in großere Verlegenheit hätte ihn die Nothwendigkeit gebracht, beständig mit ihr leben zu müssen. Eine Sache war abgethan; jetzt mußte er sich um andere Sachen bekümmern.

Gegen seine eigene Erwartung glückte es ihm in Petersburg; die Fürstin Kubensky, welche Mr. Courtin schon verlassen hatte, die aber noch nicht Zeit gehabt hatte zu sterben, recommandirte ihn, um irgendwie ihre Schuld gegen ihren Neffen wieder gut zu machen, allen ihren Freunden, und schenkte ihm fünftausend Rubel, fast ihr letztes Geld und eine Uhr von Lepic mit seinem Namenszuge in einer Guirlande von Amorköpfen.

Keine drei Monate waren vergangen, so hatte er schon eine Stelle als Attachè bei der russischen Gesandschaft in London erhalten und reiste dorthin mit dem ersten abgehenden Schiffe ab. Nach einigen Monaten erhielt er einen Brief von Pestoff. Dieser gute Edelmann gratuliere ihm zu der Geburt eines Sohnes, welcher das Licht der Welt im Dorfe Pokrowskoie den 20. August 1807 erblickt hatte und Feodor, zu Ehren, des heiligen Feodor Stratilats, getauft worden war; wegen ihrer großen Schwäche fügte Melanie Sergeiewna nur einige Zeilen hinzu; aber auch diese wenigen Zeilen setzten Iwan Petrowitsch in Erstaunen; er wußte nicht, daß Maria Timotheewna seiner Frau hatte Schreiben gelehrt.

Uebrigens gab sich Iwan Petrowitsch nicht lange der süßen Wallung der Vatergefühle hin; er machte einer der berühmten damaligen Phrynen oder Lais die Cour (damals blühten noch die classischen Namen). Eben war der Friede von Tilsit geschlossen worden und Alles eilte, zu genießen, Alles drehte sich in einem rasenden Kreise; die schwarzen Augen einer gewandten Schönen hatten ihm den Kopf verdreht. Geld hatte er sehr wenig, aber er spielte sehr glücklich, schloß Bekanntschaften, nahm an allen möglichen Vergnügungen Theil, mit einem Worte er hatte alle Segel aufgezogen.




Neuntes Kapitel


Lange konnte der alte Lawretzky seinem Sohne die Hochzeit nicht verzeihen; wäre nach einem halben Jahre Iwan Petrowitseh zu ihm gekommen, um ihn um Verzeihung zu bitten, und hätte sich vor ihm aus die Knie geworfen, hätte er ihm wahrscheinlich verziehen, nachdem er ihn erst tüchtig ausgescholten, hätte vielleicht zum größeren Effect ihm ein paar leise Schläge mit seiner Krücke gegeben; so lebte aber Iwan Petrowitsch im Auslande und bekümmerte sich wenig um die Verzeihung. »Schweige! unterstehe Dich nicht, mir etwas zu sagen!« wiederholte Peter Andreiitsch seiner Frau jedesmal, wenn diese es wagte, ein Wort für ihren Sohn einzulegen; »der Lotterbube muß ewig Gott dafür danken; mein verstorbener Vater hätte ihn eigenhändig erschlagen und hätte Recht gethan.«

Bei solchen schrecklichen Reden kreuzigte Anna Pawlowna sich im Stillen, was aber die Frau Iwan Petrowitsch’s betrifft, so wollte Peter Andreiitsch nichts von ihr hören, und wollte selbst statt Antwort auf Pestoff’s Brief, in welchem dieser von seiner Schwiegertochter sprach, sagen, er kenne ganz und gar keine Schwiegertochter, daß aber die Gesetze es verbieten, flüchtige Leibeigene bei sich zu behalten, wovon ihn zu benachrichtigen er für seine Pflicht halte. Als er jedoch später von der Geburt seines Enkels hörte, ließ er sich erweichen, befahl, sich unter der Hand nach der Gesundheit der Mutter zu erkundigen, und schickte ihr, als käme es nicht von ihm, etwas Geld.

Fedia war noch nicht ein Jahr, als Anna Pawlowna tödtlich krank wurde. Einige Tage vor ihrem Tode, als sie das Bett nicht mehr verließ, sagte sie, mit furchtsamen Thränen in den verlöschenden Augen, ihrem Manne in Gegenwart des Beichtvaters, sie wünsche ihre Schwiegertochter zu sehen und von ihr Abschied zu nehmen und ihren Segen ihrem Enkel zu geben. Der betrübte Alte beruhigte sie und schickte sofort seine eigene Equipage nach seiner Schwiegertochter, sich zum ersten Male Melanie’s Ergebener nennend. Sie kam mit ihrem Sohne und mit Martha Timotheewna, die sie um keinen Preis allein zu ihrem Schwiegervater lassen wollte und nicht erlaubt hätte, sie zu beleidigen. Halb todt vor Furcht trat Melanie Sergeiewna in das Cabinet von Peter Andreiitsch; ihr folgte die Wärterin mit Fedia. Schweigend blickte Peter Andreiitsch auf sie; sie neigte sich zu seiner Hand hin, ihre zitternden Lippen konnten sich kaum zu einem lautlosen Kusse schließen.

»Nun, neugebackene Edelfrau,« sagte er endlich, – »guten Tag; komm zur Mutter.«

Er stand auf und beugte sich zu Fedia; das Kind lächelte und streckte zu ihm feine bleichen Aermchen aus. Der Alte hielt es nicht aus.

»Ach,« sagte er, »Du arme Waise. Du hast die Verzeihung Deines Vaters erfleht. Ich werde Dich nicht verlassen, armer Knabe.«

Kaum in die Stube Anna Pawlowna’s eingetreten, kniete Melanie Sergeiewna an der Thür nieder. Anna Pawlowna rief sie an das Bett, umarmte sie und segnete ihren Sohn, dann ihr von schmerzlicher Krankheit abgezehrtes Gesicht zu ihrem Manne wendend, wollte sie etwas sagen.

»Ich weiß, ich weiß, was Du sagen willst,« sprach Peter Andreiitsch, »sei ruhig, sie bleibt bei uns, und auch Iwan verzeihe ich um ihretwillen.«

Anna Pawlowna erhaschte mit Mühe die Hand ihres Mannes und drückte sie an ihre Lippen; denselben Abend war sie nicht mehr.

Peter Andreiitsch hielt sein Wort. Er benachrichtigte seinen Sohn, daß er wegen des Todes seiner Mutter, wegen des kleinen Feodor, ihm seinen Segen wiedergebe, und Melanie Sergeiewna bei sich behalte. Sie bekam zwei Zimmer in den Entresols, er stellte sie seinen geehrtesten Gästen, dem einäugigen Brigadier Skurechin und seiner Frau vor, schenkte ihr zwei Dienstmägde und einen kleinen Jungen zur Bedienung. Martha Timotheewna nahm von ihr Abschied; vom ersten Augenblick an haßte sie Glaphira und hatte sich im Laufe eines einzigen Tages mit ihr dreimal gezankt.

Schwer und unheimlich war es der armen Frau im Anfange; später aber fand sie sich in ihr Schicksal und gewöhnte sich an ihren Schwiegervater. Auch er gewöhnte sich an sie, gewann sie sogar lieb, obgleich in seinen Liebkosungen selbst immer etwas Verächtliches durchblickte, und er sehr selten mit ihr sprach. Am Meisten hatte aber Melanie Sergeiewna von ihrer Schwägerin zu leiden. Schon bei Lebzeiten ihrer Mutter hatte es Glaphira verstanden, die Zügel des Hauses in ihre Hände zu nehmen; Alle, vom Vater an, unterwarfen sich ihr; ohne ihre Erlaubniß erhielt Niemand selbst ein Stück Zucker; sie hätte den Tod vorgezogen, als mit einer andern Hausfrau die Gewalt zu theilen – und mit was für einer Hausfrau noch. Die Hochzeit ihres Bruders hatte sie noch mehr als ihren Vater aufgebracht, und sie nahm sich vor, die Erziehung des Emporkömmlings zu leiten; so wurde denn Melanie Sergeiewna vom ersten Augenblicke an ihre Sclavin. Wie konnte auch sie, die schweigsame, stets verlegene und erschrockene, schwache Frau mit der eigenwilligen, stolzen Glaphira ringen wollen? Kein Tag verging, ohne daß Glaphira sie an ihren früheren Stand erinnerte, ohne daß sie sie lobte: daß sie es nicht vergesse, wer sie sei. Melanie Sergeiewna hätte diese Mahnungen und Lobsprüche, so bitter sie auch waren, gern übersehen . . . man hatte ihr aber Fedia genommen und das schmerzte sie tief.

Unter dem Vorwande, sie sei nicht im Stande, sich mit seiner Erziehung zu befassen, ließ man sie fast nie zu ihm; das hatte Glaphira übernommen. Das Kind kam völlig in ihre Gewalt. Aus Kummer darüber begann Melanie Sergeiewna Iwan Petrowitsch anzuflehen, er solle doch zurückkehren; auch Peter Andreiitsch wünschte seinen Sohn zu sehen, doch fand dieser in seinen Briefen immer einen Vorwand, warum er nicht käme, er dankte dem Vater für die Sorge um seine Frau, für das Geld, das ihm geschickt wurde, versprach zu kommen, – und kam nicht, – Endlich rief ihn das Jahr 1812 aus dem Auslande. Sich nach einer sechsjährigen Trennung wiedersehend, umarmten sich Vater und Sohn und erwähnten mit keinem Worte ihre früheren Mißhelligkeiten; dazu war damals keine Zeit: ganz Rußland rüstete sich gegen den Feind und Beide fühlten, daß russisches Blut in ihren Adern rinne.

Auf seine Kosten uniformirte Peter Andreiitsch ein ganzes Regiment Miliz; doch der Krieg endigte, die Gefahr zog vorbei; wieder begann Iwan Petrowitsch, sich zu langweilen, wieder zog es ihn hin in die Ferne, in jene Welt, mit der er verwachsen war, und wo er sich zu Hause fühlte. Melanie Sergeiewna konnte ihn nicht zurückhalten, so bedeutungslos war sie für ihn. Selbst ihre Hoffnungen gingen nicht in Erfüllung. Auch ihr Mann fand, es sei viel schicklicher, Fedia’s Erziehung Glaphiren anzuvertrauen. Iwan Petrowitsch’s arme Frau brach unter diesem Schlage, unter dem Schmerze der zweiten Trennung zusammen. Ohne ein Wort des Vorwurfs zu sprechen, verlosch sie in einigen Tagen; während ihres ganzen Lebens hatte sie Niemandem zu widerstehen verstanden, so kämpfte sie auch mit ihrer Krankheit nicht; sie hatte schon die Sprache verloren, schon legten sich Grabesschatten auf ihr Antlitz, ihre Züge aber drückten, wie immer, noch den Zweifel der Geduld und sanfte Ergebung aus; mit derselben stummen Ergebung blickte sie auf Glaphiren, und wie Anna Pawlowna auf ihrem Todtenbette Peter Andreiitsch die Hand geküßt hatte, so drückte sie Glaphirens Hand an ihre Lippen, indem sie ihr, Glaphiren! – ihren einzigen Sohn anvertraute.

So endigte dieses stille und gute Wesen seine irdische Laufbahn, das, Gott weiß es warum, aus dem heimischen Boden gerissen und sofort wieder weggeworfen worden war, weggeworfen wie ein aus dem Erdboden gerissener Baum, die Wurzeln hin zur Sonne gekehrt; dieses Wesen welkte hin, es verschwand spurlos, – und niemand weinte um dasselbe. Melanie Sergeiewna wurde nur von ihren Kammermädchen und von Peter Andreiitsch bedauert. Dem Alten fehlte ihr gutes Gesicht, ihre schweigsame Gegenwart. – »Leb’ wohl, mein stummes Schäfchen,« murmelte er, sie zum letzten Male grüßend. Er weinte, als er eine Hand voll Erde auf ihren Sarg warf.

Er selbst überlebte sie nicht lange, nicht mehr als fünf Jahre. Er starb sanft in Moskau, wohin er mit Glaphiren und seinem Enkel sich übergesiedelt hatte, und befahl, man solle ihn neben Anna Pawlowna und Melanie begraben. Iwan Petrowitsch befand sich damals in Paris, zu seinem Vergnügen; er hatte seine Entlassung bald nach 1815 genommen. Als er vom Tode seines Vaters hörte, entschloß er sich, nach Rußland zurückzukehren. Er mußte daran denken, das Vermögen in Ordnung zu bringen, auch mußte er an Fedia denken, der, Glaphirens Briefe zu Folge, schon zwölf Jahre zählte, so daß es höchste Zeit war, ernstlich an seine Erziehung zu denken.




Zehntes Kapitel


Iwan Petrowitsch kehrte als Angloman nach Rußland zurück, trug kurz geschorene Haare, ein steifgestärktes Jabot, einen langen erbsenfarbigen Ueberrock mit einer Menge kleiner Kragen, sein Gesicht hatte einen sauren Ausdruck, sein Umgang war schneidend und zugleich gleichgültig, er sprach durch die Zähne, sein Lachen kam unerwartet und klang hohl, seine Unterhaltung drehte sich ausschließlich um Politik und politische Oeconomie; er hatte eine Leidenschaft für bluttriefende Rostbeefs und Portwein – von ihm wehte, so zu sagen, nur Großbrittannien, er war von dessen Geiste ganz durchdrungen; aber – sonderbar zu sagen, – zu derselben Zeit, als er sich in einen Angloman verwandelt hatte, war Iwan Petrowitsch Patriot geworden, wenigstens nannte er sich Patriot, obgleich er Rußland schlecht kannte, sich an keine russische Gewohnheit hielt und ein sonderbares Russisch sprach. In den gewöhnlichen Unterhaltungen strotzte seine Rede von Gallizismen; kaum aber drehte sich die Unterhaltung um ernste Gegenstände so gebrauchte Iwan Petrowitsch sofort Ausdrücke wie: »neue Beweise des Selbsteifers darbieten,« »dieses stimmt mit der Natur selbstesfalles nicht überein,« und so weiter.

Iwan Petrowitsch hatte einige Manuscripte von Entwürfen zur Regelung und Vervollkommnung der Regierung mitgebracht; er war mit Allem, was er sah unzufrieden, besonders erregte Mangel an System seine Galle. Als er mit seiner Schwester zusammentraf, waren seine ersten Worte: er wolle s gründliche Reformen einführen, Alles würde künftig bei ihm nach einem neuen Systeme gehen. Glaphira Petrowna gab keine Antwort, preßte die Zähne zusammen und murmelte vor sich hin: »wohin soll ich aber dann?« Als sie jedoch ins Dorf mit ihrem Bruder und ihrem Neffen gekommen war, beruhigte sie sich bald. – Wirklich fanden im Hause einige Veränderungen statt. Die Schmarotzer und alle nicht zum Hause Gehörigen wurden sofort verbannt; leider litten in ihrer Zahl zwei alte Frauen – eine Blinde und eine, die vom Schlage gelähmt war, und noch ein alter Major aus den Zeiten von Otschakoff, den man wegen seines in der That bemerkenswerthen Heißhungers nur mit Commisbrod und Linsen fütterte. Auch wurde der Befehl erlassen, die früheren Gäste nicht mehr zu empfangen, sie Alle ersetzte ein blonder, an Scropheln leidender Baron, ein entfernter Nachbar und sehr gebildeter und trotzdem sehr dummer Mensch.

Aus Moskau kamen neue Meubel an; Spucknäpfe, Klingeln, Waschtischchen wurden eingeführt; das Frühstück wurde anders servirt; ausländische Weine ersetzten die verschiedenen Branntweine und Ratasias; die Diener bekamen neue Livreen; zu dem Familienwappen kam noch das Motte: in recto virtus.

In der That war die Gewalt von Glaphira nicht im Geringsten vermindert worden; alle Ausgaben und Einkäufe hingen wie früher von ihr ab. Der aus dem Auslande mitgebrachte Kammerdiener, ein gebotener Elsässer, versuchte es zwar, mit ihr zu ringen, – verlor aber seinen Platz, obgleich der Herr selbst ihn begünstigte. Was die Landwirthschaft, die Verwaltung der Güter (auch in diese Sachen mischte sich Glaphira Petrowna) betrifft, so blieb Alles beim Alten, obgleich Iwan Petrowitsch oft seine Absicht aussprach: nettes Leben in dieses Chaos zu bringen. Der Pachtzins nur wurde hier und da gesteigert und die Robottarbeiten wurden schwerer, ja es wurde den Bauern sogar verboten, sich an Iwan Petrowitsch selbst zu wenden. Der Patriot hegte große Verachtung für seine Mitbürger; Iwan Petrowitsch’s System wurde in seiner ganzen Kraft nur auf Fedia angewandt: seine Erziehung, in der That, ward einer »gründlichen« Reform unterworfen, – mit ihm beschäftigte sich sein Vater ausschließlich.




Elftes Kapitel


Bis zur Rückkehr von Iwan Petrowitsch aus dem Auslande befand sich, wie wir schon gesagt haben, Fedia unter der Obhut von Glaphira Petrowna. Er war noch nicht acht Jahre, als seine Mutter starb; er sah sie nicht jeden Tag und liebte sie leidenschaftlich. Das Andenken an sie, an ihr sanftes und bleiches Antlitz, an ihre traurigen Blicke und schüchternen Liebkosungen grub sich auf ewig in sein Herz; dunkel ahnte er ihre Lage im Hause; er fühlte, zwischen ihm und ihr sei eine Grenze, die sie nicht zu überschreiten wage, die sie nicht, vernichten könne. Es zog ihn nicht zu seinem Vater, auch liebkoste ihn Iwan Petrowitsch selten; sein Großvater streichelte ihm von Zeit zu Zeit den Kopf und erlaubte ihm, seine Hand zu küssen, nannte ihn aber einen kleinen Bären und hielt ihn für dumm. Nach dem Tode von Melanie Sergeiewna nahm ihn seine Tante völlig in ihre Hände. Fedia fürchtete sie, fürchtete ihre hellen, scharfen Augen, ihre schneidende Stimme; in ihrer Gegenwart wagte er keinen Laut von sich zu geben; wenn er zuweilen sich kaum auf seinem Stuhle rührte, hörte er sie schon zischen: »wohin? Sitz ruhig.« – Sonntags, nach der Messe, war es ihm erlaubt, zu spielen, das heißt matt gab ihm ein dickes Buch, ein geheimnißvolles Buch, das Werk eines gewissen Maximowitsch-Ambodyk, unter dem Titel; »Symbole und Embleme.« In diesem Buche befanden sich an tausend räthselhafte Bilder, mit noch räthselhafteren Erklärungen in fünf Sprachen. In diesen Bildern spielte Cupido mit einem nackten dicken Körper eine große Rolle. Zu einem derselben unter dem Titel: »Safran und Regenbogen,« war die Erklärung: »Ihre Wirkung ist groß;« unter einem andern Bilde, welches einen fliegenden Reiher mit einem Veilchen im Schnabel darstellte, stand das Motiv: »Dir sind sie Alle bekannt.« – »Cupido und ein Bär, der seine Kleinen leckt,« bedeuteten »nach und nach.«

Fedia betrachtete diese Zeichnungen, alle waren ihm bis ins Kleinste bekannt: einige, immer ein und dieselben, machten ihn nachdenken und weckten seine Einbildungskraft; eine andere Zerstreuung kannte er nicht. Als die Zeit kam, ihm Sprachen zu lehren, miethete Glaphira Petrowna für einen Spottpreis eine alte Demoiselle, eine Schwedin mit rothen Kaninchenaugen, die sehr fehlerhaft französisch und deutsch sprach, kaum Clavier spielen konnte, aber vortrefflich Gurken einzusalzen verstand. In der Gesellschaft dieser Lehrerin, seiner Tante und noch einer alten Dienstmagd, Wassiljewna, verbrachte Fedia vier lange Jahre.

Zuweilen sitzt er in einem Winkel mit seinen »Emblemen,« – er sitzt; . . . in der niedrigen Stube riecht es nach Geranium, trübe brennt ein einziges Talglicht, ein Heimchen zirpt einförmig, als langweile es sich, die kleine Wanduhr pickt eilig an der Wand, verstohlen kratzt und nagt eine Maus hinter der Tapete und die drei alten Jungfern bewegen schweigend und eilig, den Parzen gleich, ihre Stricknadeln, die Schatten ihrer Hände laufen bald hin und her, bald zittern sie sonderbar im Halbdunkel, und sonderbare, sogar düstere Gedanken drängen sich im Kopfe des Knaben auf. Niemand hätte Fedia ein interessantes Kind genannt; er war ziemlich bleich aber dick, ungeschickt gebaut und ungelenk, – ein wahrer Bauer, wie Glaphira Petrowna sich, ausdrückte; die Blässe wäre bald von seinem Gesichte verschwunden, wenn man ihn öfter in freier Luft hätte herumlaufen lassen. Er lernte ziemlich gut, obgleich er oft faul war; niemals weinte er; doch zuweilen überkam ihn ein wilder Eigensinn; in solchen Augenblicken vermochte Niemand etwas über ihn, Fedia liebte Niemanden von denen, die ihn umgaben . . . weh’ dem Herzen, daß in der Jugend nicht geliebt hat.

So fand ihn Iwan Petrowitsch und wandte, ohne Zeit zu verlieren, sein System auf ihn an. – »Vor Allem will ich aus ihm einen Menschen machen, un homme,« sagte er zu Glaphira Petrowna, »und nicht allein einen Menschen, sondern auch einen Spartaner.« Um sein Ziel zu erreichen, begann Iwan Petrowitsch damit, daß er seinem Sohne ein schottisches Costume gab; der zwölfjährige Knabe ging mit nackten Waden und einer Hahnenfeder an seiner Mütze herum, die Schwedin ersetzte ein junger Schweizer, der alle Feinheiten der Gymnastik kannte; die Musik wurde als eine des Mannes unwürdige Kunst auf ewig verbannt; mit Naturgeschichte, allgemeinem Rechte, Mathematik, Tischlerei, nach- dem Rathe Jean Jacques Rousseau’s, und mit Heraldik, zur Stärkung der ritterlichen Gefühle, – mußte sich der zukünftige »Mensch« beschäftigen; man weckte ihn um vier Uhr Morgens, begoß ihn sofort mit eiskaltem Wasser, und er mußte an einem Stricke um eine hohe Säule herum laufen; er aß nur einmal am Tage, bekam ein einziges Gericht, ritt, schoß mit der Armbrust; bei jeder passenden Gelegenheit mußte er sich, nach dem Beispiele seines Vaters, in der Kraft des Willens üben, und jeden Abend mußte er sich in einem besonderen Hefte Rechenschaft über den vergangenen Tag und über seine Eindrücke geben; Iwan Petrowitsch seiner Seits schrieb ihm seine Verhaltungsregeln auf Französisch und nannte ihn in denselben mon fils und sagte zu ihm vous. Auf Russisch sprach Fedia zu seinem Vater, vous; durfte sich aber nicht in seiner Gegenwart setzen. Das »System« machte den Knaben ganz irre, brachte allerhand tolles Zeug in seinen Kopf und drückte denselben zusammen; auf seine Gesundheit dagegen wirkte die neue Lebensart ganz segensreich, Anfangs freilich bekam er das hitzige Fieber, bald aber wurde er wieder gesund und ward kräftig und rüstig. Der Vater war stolz auf ihn und nannte ihn in seiner sonderbaren Sprache: Sohn der Natur, meiner Schöpfung. Als Fedia sechzehn Jahre alt war, hielt es Iwan Petrowitsch für seine Pflicht, ihn sobald als möglich Verachtung des weiblichen Geschlechtes einzuflößen, und der junge Spartaner mit zaghaftem Herzen, mit dem ersten Flaum auf der Lippe, voll von Saft, Kraft und Blut, suchte schon gleichgültig, kalt und grob zu scheinen.

Inzwischen schwand die Zeit dahin, Iwan Petrowitsch verbrachte die größte Zeit des Jahres in Lawriky, so hieß das größte seiner Rittergüter, das zugleich auch das Stammgut seiner Familie war. Im Winter reiste er nach Moskau allein, wohnte im Gasthause, besuchte fleißig den Club, spielte den Redner, erklärte seine Pläne in den Salons, spielte mehr als je den Anglomanem den Difficilen, den Staatsmann. Doch da brach das Jahr 1825 an; nahe Bekannte und Freunde von Iwan Petrowitsch mußten schwere Prüfungen ertragen, Iwan Petrowitsch zog sich eilig in sein Dorf zurück und verschloß sich in seinem Hause. Es schwand noch ein Jahr dahin und die Gesundheit Iwan Petrowitsch’s brach plötzlich zusammen, er wurde schwach, er siechte hin. Der Freigeist besuchte jetzt fleißig die Kirchen, ließ Messen lesen; der Europäer nahm russische Schwitzbäder, aß um zwei Uhr zu Mittag, legte sich um neun Uhr schlafen, schlummerte beim Geschwätz eines alten Haushofmeisters ein; der Staatsmann verbrannte alle seine Pläne, seine Correspondenz, zitterte vor dem Gouverneur, schwänzelte vor dem Isprawnik; der Mann mit eisernem Willen schluchzte und klagte, wenn er ein kleines Geschwür bekam, wenn man ihm einen Teller kalte Sappe brachte. Wieder ward Glaphira Petrowna die Alleinherrscherin im Hause; wieder gingen die Verwalter, die Schulzen und einfache Bauern auf der Hintertreppe zum »alten Geizhals«, wie sie das Gesinde nannte.

Die Veränderung Iwan Petrowitsch’s setzte seinen Sohn höchlichst in Erstaunen, er war neunzehn Jahre, begann zu denken und die Last der auf ihm ruhenden Hand abzuschütteln; schon früher hatte er den Widerspruch zwischen den Thaten und den Worten seines Vaters, zwischen seinen freisinnigen Ideen und zwischen seinem engherzigen, kleinlichen Despotismus bemerkt; der alte Egoist sprach sich selbst offen aus. Der junge Lawretzky wollte eben nach Moskau reisen, um sich zur Universität vorzubereiten, als sich ein nettes, unerwartetes Unglück über dem Haupte Iwan Petrowitsch’s entlud: er erblindete, erblindete hoffnungslos und an einem einzigen Tage.

Der Geschicklichkeit der russischen Aerzte nicht trauend, suchte er um die Erlaubniß nach, in’s Ausland reisen zu dürfen; dies wurde ihm verweigert. Da nahm er seinen Sohn mit sich und wanderte drei Jahre in ganz Rußland von einem Arzte zum andern, fortwährend aus einer Stadt in die andere reisend und die Aerzte, den Sohn und seine Bedienung durch seine Kleinmüthigkeit und seine Ungeduld zur Verzweiflung bringend.

Vollkommen kraftlos, als stets weinendes, capriciöses Kind, kehrte er nach Lawriky zurück; für seine Umgebung begannen schwere Tage, Alle, die ihn umgaben, hatten viel von ihm zu leiden. Er war nur ruhig, wenn er zu Mittag aß; niemals hatte er so viel und mit solcher Gier gegessen; die übrige Zeit war er sich selbst und Allen zur Last. Er betete, murrte über die Vorsehung, schimpfte sich selbst, die Politik, sein System, schimpfte Alles, womit er geprahlt hatte und worauf er stolz gewesen war, Alles was er früher seinem Sohne als Beispiel zeigte; er wiederholte: er glaube an Nichts – und war den nächsten Augenblick in Gebet versunken; konnte keinen Augenblick allein bleiben und forderte von seiner Umgebung, daß sie beständig, Tag und Nacht, neben seinem Sessel sitzen und ihn mit Erzählungen, die er fortwährend durch die Ausrufungen: »Ihr lügt Alles, welch, ein Unsinn!« unterbrach, zerstreuen sollte.

Besonders hatte Glaphira Petrowna von ihm zu leiden; er konnte keinen Augenblick ohne sie sein, und bis zum letzten Augenblicke willfahrtete sie allen Launen des Kranken, obgleich sie zuweilen sich nicht entschloß, ihm sofort zu antworten, um nicht die sie erdrückende Wuth zu verrathen. So vegetierte er zwei Jahre hindurch und starb in den ersten Tagen des Mais, sich auf dem Balkon sonnend. »Glaphira, Glaphira! gieb mir Boullion, Du alte He . . . lispelte seine erstarrende Zunge, und schwieg ohne das letzte Wort aussprechen zu können, auf ewig. Glaphira Petrowna, welche eben eine Tasse Boullion aus den Händen des Haushofmeisters gerissen hatte, blieb stehen, blickte ihrem Bruder in’s Gesicht, schlug langsam ein großes Kreuz und entfernte sich schweigend. Der gleichfalls anwesende Sohn sprach ebenfalls kein Wort, er lehnte sich auf das Geländer des Balkons’s und blickte lange hinab in den Garten, der voll von Wohlgeruch und jungem Grün war, und in den Strahlen der goldenen Frühlingssonne glühte. Er war jetzt dreiundzwanzig Jahre; wie schrecklich, wie unbemerkt waren diese dreiundzwanzig Jahre entschwunden. Ihm erschloß sich jetzt das Leben.




Zwölftes Kapitel


Nach dem Begräbniß seines Vaters vertraute der junge Lawretzky die Verwaltung seiner Güter derselben unvermeidlichen Glaphira Petrowna an, und reiste nach Moskau, wohin ihn ein dunkles Gefühl, unwiderstehlich trieb. Er fühlte die Mängel seiner Erziehung und hatte die Absicht, das Verlorene nach Möglichkeit wieder gut zu machen. Die letzten fünf Jahre hatte er viel gelesen und so Manches gesehen, viele Gedanken hatten seinen Kopf durchkreuzt, so mancher Professor hätte ihn um viele seiner Kenntnisse beneidet, dagegen entging ihm aber auch so Manches, was jedem Gymnasiasten längst bekannt ist.

Lawretzky fühlte, daß er frei sei, fühlte sich aber auch im Stillen als Sonderling.

Einen schlechten Spaß hatte der Angloman seinem Sohne gespielt; die eigenwillige Erziehung hatte ihre Früchte getragen. Lange hatte er sich vor seinem Vater gebeugt; und als er ihn endlich durchschaut hatte, war das Unheil schon geschehen, die Gewohnheiten hatten Wurzel gefaßt. Er verstand es nicht, mit Leuten umzugehen; dreiundzwanzig Jahre alt, im beschämten Herzen nach Liebe dürstend, hatte er bisher nicht gewagt, einem Weibe in’s Auge zu schauen. Bei seinem hellen und gesunden, obgleich etwas schwerfälligen Verstande, bei seinem Hange zum Eigensinn, zur Selbstbetrachtung und Trägheit hätte er früh in den Strudel des Lebens gerathen sollen; man hatte ihn aber in einer erkünstelten Einsamkeit gehalten. Jetzt war der Zauberkreis zerrissen und doch blieb er auf derselben Stelle stehen, in sich selbst verschlossen.




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