Frühlingsfluthen
Iwan Sergejewitsch Turgenew




lvan S. Turgenev

Frühlingsfluthen



		»Die Jahre der Gluthen,
		Die Tage voll Wonnen —
		Wie Frühlingsfluthen
		Sind sie verronnen!«

    (Aus einer alten Romanze.)

. . . Um zwei Uhr in der Nacht kehrte er in sein Arbeitszimmer zurück. Er schickte den Diener, der die Lichter angezündet hatte, hinaus, warf sich in seinen Sessel am Kamine und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.

Noch nie hatte er eine solche Müdigkeit – wie des Körpers so der Seele – gefühlt. Den ganzen Abend hatte er mit anmuthigen Damen, mit gebildeten Männern zugebracht; mehrere der Damen waren schön, beinahe alle Männer zeichneten sich durch Geist, durch Talente aus – er selbst hatte sich mit vielem Glücke und selbst glänzend an der Unterhaltung betheiligt . . . und bei alledem, hatte nach nie das taedium vitae, von dem schon die Römer sprachen, jener Widerwillen gegen das Leben, sich seiner mit so unwiderstehlicher Gewalt bemächtigt, nach nie so wie jetzt an ihm gewürgt. Wäre er etwas jünger gewesen, er hätte vor Gram, Langeweile, Aufregung geweint: eine Bitterkeit, beißend und brennend wie die des Wermuths, erfüllte seine Seele. Ein Gefühl des Ekels, zudringlich und schwer aufliegend, drang wie die dunkle Herbstnacht auf ihn von allen Seiten ein, und er wußte nicht, wie er diesem Dunkel, dieser Bitterkeit sich entziehen sollte. Auf Schlaf war nicht zu rechnen: er wußte, daß er nicht einschlafen werde.

Er überließ sich schweren Gedanken . . . sie kamen langsam, faul, bitter.

Er dachte nach über das Eitle, die Nutzlosigkeit und das elende Falsch des menschlichen Daseins. Die verschiedenen Altersstufen zogen an seinem seelischen Blick vorüber (er selbst hatte unlängst zwei und fünfzig Jahre zurückgelegt) und keine fand Gnade vor ihm. Ueberall dasselbe ewige Fällen des bodenlosen Fasses, dasselbe »Wasserkneten«, derselbe theils aufrichtige, theils bewußte Selbstbetrug – einerlei womit das Kind spielt, nur weinen soll es nicht – Und dann plötzlich – wie das Gewitter aus hellem Himmel, befällt uns das Alter – und mit ihm zusammen jene stets wachsende, Alles benagende und auffressende Furcht vor dem Tode – und marsch in den Abgrund! Noch gut, wenn das Leben sich so abspielt! – Sonst überziehen uns zu allerletzt, wie der Rost das Eisen, Krankheiten Qualen. . . Nicht mit brausenden Wellen überzogen, wie die Dichter es beschreiben, erschien ihm das Lebensmeer; nein – unbewegt, glatt, regungslos und durchsichtig bis zum düsteren Grunde dünkte ihm dieser See; er selbst sitzt im kleinen, schwankenden Kahne, – und dort auf jenem dunklen, schlammigen Grunde rühren sich, ungeheuren Fischen ähnlich, unförmliche Schreckensgebilde: sämmtliche menschliche Schwächen, Krankheiten, Leiden, Wahnsinn, Armuth, Blindheit . . . Er blickt hin: und siehe, eines der Gebilde löst sich ab aus dem Dunkel, erhebt sich immer höher und höher, wird immer deutlicher, immer wiederwärtiger deutlich . . . Noch ein Augenblick – und der von dem Ungethüm aufgehobene Kahn schlägt um! Doch es scheint wieder zu verschwinden, es entfernt sich, senkt sich auf den Grund – und liegt da, die Riesenflossen kaum bewegend . . . Doch kommen wird der verhängnißvolle Tag – und es wirft den Kahn um.

Er schüttelte den Kopf, sprang vom Sessel auf, ging in der Stube auf und ab, setzte sich zum Schreibtisch und fing, eine Schublade nach der anderen aufziehend, in seinen Papieren, alten, größtentheils von Frauen herrührenden Briefen, zu wühlen an. Er wußte selbst nicht, warum er es thue, er suchte nichts – er wollte einfach durch irgend eine äußere Beschäftigung die Gedanken, die ihn peinigten, verscheuchen. Nachdem er auf‘s Gerathewohl mehrere Briefe geöffnet (in einem derselben befand sich eine trockene Blume mit einem verblichenen Bändchen umwunden) zuckte er nur mit den Achseln, und legte sie, nachdem er einen Blick auf den Kamin geworfen, zur Seite, wahrscheinlich mit der Absicht, diesen unnützen Trödel zu verbrennen. Mit den Händen hastig bald in diesen, bald in jenen Kasten fahrend, öffnete er plötzlich weit die Augen, und nahm aus einem derselben langsam eine kleine, achteckige altmodische Schachtel, die er behutsam öffnete. In der Schachtel lag unter doppelter Schichte gelbgewordener Watte ein kleines, mit Granaten besetztes Kreuz.

Mit Verwunderung betrachtete er dieses Kreuz während einiger Augenblicke – und plötzlich ließ er – B – einen leisen Schrei verlauten . . . Weder Bedauern noch Freude drückten seine Gesichtszüge aus. Einen solchen Ausdruck nimmt das Gesicht eines Menschen an, der unerwartet einem anderen begegnet, den er längst aus den Augen verloren, den er früher zärtlich geliebt, und der jetzt plötzlich ihm gegenübertritt – immer der Alte und doch durch die Jahre ganz verändert.

Er stand auf – und zum Kamin tretend, ließ er sich wieder auf den Sessel nieder – wiederum bedeckte er mit den Händen sein Gesicht. . . Warum heute? gerade heute? dachte er – und erinnerte sich an vieles längst Geschehene.

Er erinnerte sich . . .

Doch zuerst ist sein Eigen, Vater- und Familien-Namen mitzutheilen. Er hieß Dimitrij Pawlowitsch Sanin.

Er erinnerte sich an Folgendes:




I


Es war im Sommer 1840. Sanin war eben zwei und zwanzig Jahre alt und befand sich in Frankfurt a. M. auf seiner Rückkehr aus Italien nach Rußland. Er hatte kein großes Vermögen, doch war er vollständig unabhängig und ohne Familie. Nach dem Tode eines entfernten Verwandten waren ihm einige Tausend Rubel zugefallen, und er hatte beschlossen, dieselben im Auslande zu verzehren, vor dem Eintreten in den Staatsdienst, vor dem definitiven Anlegen dieses Baumes, ohne welchen eine sorgenlose Existenz für ihn undenkbar war. Sanin führte sein Vorhaben gewissenhaft aus, und wußte es so geschickt einzurichten, daß am Tage seiner Ankunft in Frankfurt a. M. ihm gerade so viel Geld übrig blieb, als nöthig war, um Petersburg zu erreichen. Im Jahre 1840 waren nur sehr wenige Eisenbahnen vorhanden; die Herren Reisenden bedienten sich der Post. Sanin nahm einen Platz im »Beiwagen«, doch die Post fuhr erst um 11 Uhr Abends. Zeit blieb genug übrig. Zum Glück war das Wetter ausgezeichnet und Sanin, nachdem er in dem damals berühmten Gasthause »zum weißen Schwan« gespeist hatte, ging in die Stadt flaniren. Er sah sich die Ariadne von Danecker an, die ihm nur wenig gefiel; er besuchte das Haus von Goethe, von dessen Werken er bloß die Leiden des Werther gelesen – und dies in französischer Uebersetzung; er spazierte an den Ufern des Main, langweilte sich, wie es einem anständigen Reisenden geziemt; endlich gegen sechs Uhr Abends befand er sich, müde und mit bestaubten Stiefeln in einer der unbedeutendsten Straßen Frankfurts. Diese Straße konnte er nachher lange nicht vergessen. Auf einem der nicht zahlreichen Häuser derselben sah er ein Schild: die »Italienische Conditorei von Giovanni Roselli« empfahl sich den Vorübergehenden. Sanin trat hinein, um ein Glas Limonade zu trinken, doch im ersten Zimmer, wo hinter dem bescheidenen Ladentisch in dem gefärbten Schenk, an eine Apotheke erinnernd, mehrere Flaschen mit goldenen Aufschriften und ebenso viele Glasbüchsen mit Zwieback, Chocoladen und Brustbonbons standen – in diesem Zimmer befand sich keine Seele; nur auf dem hohen, geflochtenen Stuhl am Fenster blinzelte mit den Augen ein grauer Kater, bald die eine, bald die andere Pfote vorwärts streckend; auf der Diele, grell durch den schiefen Strahl der Abendsonne beleuchtet, lag ein großer Knäuel rother Wolle neben einem umgeworfenen Körbchen aus geschnitztem Holze. Ein undeutliches Geräusch war aus dem nächsten Zimmer zu vernehmen. Sanin blieb eine Weile stehen – dann, als die Glocke der Thür ausgetönt, rief er die Stimme erhebend:

»Ist Niemand hier?«

In demselben Augenblicke wurde die Nebenstube geöffnet – und Sanin mußte unwillkürlich staunen.




II


Mit den über die entblößten Schultern ausgeschütteten Locken, die nackten Arme nach vorwärts ausgestreckt, kam ein Mädchen von etwa neunzehn Jahren hastig in den Laden gelaufen und stürzte, Sanin erblickend, sofort auf ihn zu, ergriff ihn am Arme und tief, ihn nach sich ziehend, mit erstickender Stimme: »Schneller, schneller! hierher, hierher! Retten Sie!« Nicht augenblicklich folgte Sanin dem Mädchen, und zwar nicht aus Unlust, ihr zu gehorchen, sondern aus Uebermaß der Verwunderung: er fühlte sich wie an die Stelle gebannt. Noch nie in seinem Leben hatte er eine solche Schönheit gesehen! Sie wandte sich zu ihm – und rief mit solcher Verzweiflung in der Stimme, im Blick, in der Bewegung der geballten Hand, die sie krampfhaft zur blassen Wange führte: »Aber kommen Sie doch, kommen Sie!« – daß er durch die geöffnete Thür ihr jählings nacheilte.

Im Zimmer, in welches er hinter dem Mädchen eingetreten war, lag auf altmodischem, mit Roßhaarstoff überzogenem Sopha kreideweiß – weiß, mit gelben Schattierungen, wie die des Wachses oder alten Marmors, ein Knabe von vierzehn Jahren, dem Mädchen äußerst ähnlich, augenscheinlich ihr Bruder. Seine Augen waren geschlossen, der Schatten feiner dichten, schwarzen Haare fiel wie ein Fleck auf die wie versteinerte Stirn, auf die feingezeichneten, regungslosen Augenbrauen; durch die blau gewordenen Lippen sah man die fest zusammengedrückten Zähne. Es schien, daß er nicht athme – ein Arm hatte sich zur Diele gesenkt, der andere lag über dem Kopfe.

Der Knabe war angezogen und zugeknöpft, ein festgebundenes Tuch preßte seinen Hals.

Das Mädchen eilte schluchzend zu ihm.

»Er ist gestorben! er ist gestorben!« schrie sie. »Noch eben saß er hier, sprach mit mir – und mit einem Mal ist er umgefallen, bewegungslos geworden . . . Mein Gott! kann man denn wirklich ihm nicht helfen? Und die Mutter ist nicht da! – Pantaleone, Pantaleone!I wo ist der Doktor?« fügte sie plötzlich hinzu. – »Bist du nach dem Doctor gegangen?«

. . . »Signora, ich bin nicht hingegangen, ich habe Louise geschickt,« hörte man eine heisere Stimme hinter der Thüre – und in das Zimmer trippelte auf kurzen, krummen Beinen ein alter Mann im Lilafrack mit schwarzen Knöpfen besetzt, hoher, weißer Cravate kurzen Nanking-Hosen und blauen, wollenen Strümpfen. Sein kleines Gesichtchen verschwand gänzlich unter der ungeheuren Masse greifen eisenfärbiger Haare. Von allen Seiten sich hoch hinaufthürmend und dann wieder in unordentlichen Haarbüscheln zurückfallend, verliehen sie der Erscheinung des Alten eine Aehnlichkeit mit einem schopfigen Huhn, die um so auffallender war, als man unter ihrer dunkelgrauen Masse nur die gespitzte Nase und die großen, gelben Augen erkennen konnte.

»Louise wird schneller hinlaufen, ich kann ja nicht laufen,« fuhr der Alte italienisch fort, die platten, vorn Podagra gelähmten Füße, die in hohen, mit Schleifen gezierten Schuhen steckten, nach einander erhebend. »Da habe ich Wasser gebracht.«

In seinen trockenen krummen Fingern hielt er den langen Hals einer Flasche.

»Aber unterdessen wird Emil sterben!« rief das Mädchen und streckte die Hände nach Sanin aus. – »O mein Herr! – können Sie ihn denn nicht retten?«

»Man muß ihm zur Ader lassen – das ist der Schlag,« bemerkte der Alte, der Pantaleone hieß.

Obgleich Sanin nicht den geringsten Begriff von Heilkunde hatte, wußte er doch sicher, daß vierzehnjährige Knaben nicht vom Schlage getroffen werden.

»Das ist eine Ohnmacht, kein Schlag,« rief er, sich zu Pantaleone wendend. »Haben sie Bürsten?«

Der Alte erhob sein Gesichtchen – »Was?«

»Bürsten, Bürsten!« wiederholte Sanin deutsch und französisch. »Bürsten,« fügte er hinzu, sich den Anschein gebend, als wolle er Kleider reinigen.

Endlich begriff ihn der Alte:

»Ach, Bürsten! Spazzette! Freilich!«

»Bringen Sie sie her; wir wollen ihm den Rock ausziehen und ihn reiben.«

»Gut . . . Benone!« Und soll man ihm nicht Wasser auf den Kopf gießen?«

»Nein. . . nachher; holen Sie jetzt schnell die Bürsten.«

Pantaleone stellte die Flasche auf die Diele, lief hinaus und kehrte sofort mit zwei Bürsten, einer Haar- und einer Kleiderbürste zurück. Ein krauser Pudel begleitete ihn und blickte, eifrig mit dem Schwanze wedelnd, bald den Alten, bald das Mädchen, ja selbst Sanin neugierig an – als ob er wissen wollte, was diese ganze Unruhe bedeuten solle.

Sanin zog dem daliegenden Knaben rasch den Rock aus, band das Halstuch los, streifte die Aermel des Hemdes zurück und fing, mit der Bürste, bewaffnet, aus allen Kräften Brust und Arme zu reiben an. – Pantaleone rieb ebenso eifrig mit der anderen – der Haarbürste, Stiefel und Hosen des Knaben. Das Mädchen war neben dem Sopha niedergekniet und mit beiden Händen den Kopf ihres Bruders umfaßt haltend, blickte sie starr dessen Gesicht an, ohne selbst die Augenwimpern zu bewegen.

Sanin rieb – und blickte sie von der Seite an. Gott! war das eine Schönheit!




III


Ihre Nase war ein wenig groß, doch von edler Adlerform, die obere Lippe war unmerklich von leichtem Flaum beschattet; dafür war ihre Gesichtsfarbe gleichmäßig matt, wie Elfenbein oder wie milchweißer Bernstein; der schillernde Glanz ihrer Haare wie bei der Judith von Allori im Palazzo Pitti – und vor Allem ihre Augen dunkelgrau, mit schwarzen Rändern um den Augenstern, prachtvoll, triumphierend – selbst jetzt – wo Schrecken und Schmerz ihren Glanz verdunkelten . . . Unwillkürlich wurde Sanin an das schöne Land erinnert, von dem er zurückkehrte . . . Aber auch in Italien hatte er nichts Aehnliches gesehen! Das Mädchen athmete selten und ungleichmäßig; es schien, daß sie bei jedem Athemzuge erwarte, ob nicht ihr Bruder zu athmen anfangen werde? Sanin rieb immer weiter; doch blickte er nicht das Mädchen allein an. Die originelle Figur von Pantaleone fesselte ebenfalls seine Aufmerksamkeit. Der Alte war ganz schwach geworden und außer Athem gerathen; bei jedem Rucke mit der Bürste hüpfte er und ächzte er wimmernd; die langen Haarbüschel aber, vom Schweiß naß geworden, wogten schwerfällig hin und her, wie die Wurzeln einer großen Pflanze, die das Wasser untergraben.

»Ziehen Sie ihm wenigstens die Stiefel aus,« wollte Sanin ihm sagen . . .

Der Pudel, wahrscheinlich durch das Ungewöhnliche des Vorganges aufgeregt, stemmte die Vorderbeine auseinander – und fing zu bellen an. – »Tartaglia – canaglia!« herrschte der Alte ihn an . . . Doch in diesem Augenblick veränderte sich das Gesicht des Mädchens. Ihre Augenbrauen erhoben sich, ihre Augen wurden noch größer und strahlten vor Freude.

Sanin wandte sich um . . . Auf dem Gesichte des Knaben zeigte sich Röthe; die Augenlider regten sich . . . die Nasenlöcher erzitterten. Er zog durch die noch zusammengepreßten Zähne Luft ein, er athmete . . .

»Emil!« rief das Mädchen . . . »Emilio mio!«

Langsam öffneten sich die großen, schwarzen Augen. Sie blickten noch stumpf, doch lächelten sie bereits, wenn auch schwach; dasselbe schwache Lächeln breitete sich über die bleichen Lippen aus. Dann bewegte er den herabhängenden Arm – und ließ ihn schwer auf seine Brust fallen . . .

»Emilio!« wiederholte das Mädchen und erhob sich. Der Ausdruck ihres Gesichtes war so heftig und gespannt, daß es schien, sie werde sofort entweder in Weinen oder in Lachen ausbrechen.

»Emil! Was soll das? Emil!« hörte man hinter der Thüre rufen, und mit schnellen Schritten trat in das Zimmer eine gut gekleidete Dame mit silberweißem Haare und von dunkler Gesichtsfarbe. – Ein Mann gesetzten Alters folgte ihr; hinter dessen Rücken erblickte man das Gesicht der Dienerin.

Das Mädchen lief ihnen entgegen.

»Mutter, er ist gerettet, er lebt!« rief sie, die eingetretene Dame krampfhaft umarmend.

»Was ging denn hier vor?« wiederholte diese.

»Ich kehre zurück. . . und begegne plötzlich dem Herrn Doctor und Louise.«

Das Mädchen begann zu erzählen, was vorgefallen, der Doktor aber trat zu dem Kranken, der immer mehr und mehr zu sich kam – und fortwährend lächelte: er schien sich über die von ihm verursachte Unruhe zu schämen.

»Sie haben, wie ich sehe, ihn mit Bürsten gerieben,« wandte sich der Doktor zu Sanin und Pantaleone, »das ist ausgezeichnet . . . Ein glücklicher Gedanke . . . Jetzt will ich zusehen, welches Mittel . . .«

Er fühlte den Puls des Knaben. – »Hm! zeigen Sie die Zunge!«

Die Dame neigte sich besorgt über ihn. Er lächelte noch freimüthiger, richtete seine Augen auf sie – und s erröthete . . .

Sanin glaubte, er sei überflüssig und trat in die Conditorei hinein. Doch er hatte noch nicht die Klinke der Straßenthür erfaßt, als das Mädchen schon wieder vor ihm stand und ihn zurückhielt.

»Sie gehen weg?« fing sie an ihm freundlich in die Augen blickend; »ich halte Sie nicht zurück, doch Sie müssen durchaus heute Abend zu uns kommen; wir sind ihnen so verbunden. – Sie haben ja den Bruder vielleicht gerettet – wir wollen uns bei Ihnen bedanken – die Mutter will es durchaus. Sie müssen uns sagen, wer Sie Sind, Sie müssen an unserer Freude theilnehmen . . .«

»Ich fahre aber heute nach Berlin,« wagte Sanin zu entgegnen.

»Sie werden noch Zeit haben,« entgegnete das Mädchen. »Kommen Sie zu uns in etwa einer Stunde zu einer Tasse Chocolade. Sie versprechen es? Ich muß zu ihm! . . . Sie kommen doch?«

Was blieb Sanin übrig?

»Ich komme,« antwortete er.

Die Schöne drückte ihm rasch die Hand, eilte in das Hinterzimmer – und er befand sich auf der Straße.




IV


Als Sanin nach anderthalb Stunden in die Conditorei von Roselli zurückkehrte, wurde er wie ein Verwandter empfangen. Emilio saß auf demselben Divan, auf dem man ihn gerieben hatte; der Doktor hatte ihm eine Arznei verschrieben und ihn sorgfältig »vor Gemüthserschütterung zu behüten« anempfohlen – da das Subjekt von nervösem Temperament und zu Herzleiden geneigt sei. Bereits früher hatte er an Ohnmachten gelitten, doch noch nie war der Anfall so anhaltend und stark gewesen. Im Uebrigem hatte der Doktor erklärt, jede Gefahr sei vorüber. Emil hatte, wie es einen Genesenden ziemt, einen weiten Schlafrock an; die Mutter hatte ein blaues wollenes Tuch um seinen Hals gewickelt; sein Aussehen war heiter, ja festlich; auch Alles umher sah festlich aus. Vor dem Divan erhob sich auf einem mit reiner Serviette bedeckten runden Tische, von Tassen, Caraffen mit Fruchtsäften, Biskuits, Brötchen – selbst Blumen umgeben – eine große Porzellankanne mit duftender Chocolade gefüllt; sechs dünne Wachskerzchen brannten in zwei alten, silbernen Armleuchtern; aus der einen Seite des Divans breitete ein behaglicher Lehnstuhl seine weichen Arme aus – und Sanin mußte in demselben Platz nehmen. Alle Bewohner der Conditorei, mit denen er an dem Tage bekannt geworden, waren anwesend, der Pudel Tartaglia und der Kater nicht ausgenommen; alle schienen überaus glücklich zu sein: der Pudel nieste sogar vor Vergnügen, nur der Kater war wie früher, verlegen und blinzelte mit den Augen. Sanin mußte sagen, wer er sei, woher er komme und wie er heiße; als er sagte, er sei Rasse – wunderten sich die beiden Damen, ließen selbst ein leises »Ach!« vernehmen – und erklärten sofort übereinstimmend, daß er ausgezeichnet deutsch spreche; daß aber, wenn es ihm geläufiger sei, französisch zu sprechen, er sich dieser Sprache bedienen möge – da sie dieselbe kennen. Sanin benutzte sofort diesen Vorschlag. »Sanin! Sanin!« die Damen hatten gar nicht erwartet, daß ein russischer Name so leicht auszusprechen sei; sein Eigenname »Dimitrij« gefiel auch außerordentlich. Die ältere Dame bemerkte, daß sie in ihrer Jugend eine Oper: »Demetrio e Polibio« gehört habe, daß aber »Dimitri« viel hübscher sei als »Demetrio.« In solcher Weise unterhielt sich Sanin über eine Stunde. Ihrerseits f weihten ihn die Damen in alle Einzelheiten ihrer Lebensweise ein. Am meisten sprach die Mutter, die Dame mit weißen Haaren. Sanin erfuhr von ihr, daß sie Lenora Roselli heiße; daß ihr verstorbener Mann Giovanni Battista Roselli vor fünf und zwanzig Jahren sich in Frankfurt als Conditor angesiedelt hatte; daß Giovanni Battista aus Vicenza gebürtig war und ein ausgezeichneter, wenn auch ein wenig heftiger und leidenschaftlicher Mensch, ja sogar Republikaner gewesen sei. Bei diesen Worten zeigte Frau Roselli auf sein Bild in Oelfarbe, das über dem Divan hing. Man mußte annehmen, daß der Maler – »ebenfalls ein Repuplikaner!« bemerkte mit einem Seufzer Frau Roselli – nicht ganz die Aehnlichkeit fassen konnte, denn auf dem Bilde glich der selige Roselli einem finsteren und grimmigen Briganten – in der Art des Rinaldo Rinaldini. Die Frau Roselli selbst war aus der alten, wunderschönen Stadt Parma gebürtig, wo sich die prachtvolle Kirchenkuppel mit den Fresken des unsterblichen Correggio befindet; doch durch den langen Aufenthalt in Deutschland war sie beinahe ganz zur Deutschen geworden. Dann fügte sie, den Kopf traurig schüttelnd, hinzu, daß ihr Nichts geblieben sei, als diese Tochter und dieser Sohn (sie zeigte auf Beide nach einander mit dem Finger), daß die Tochter Gemma, der Sohn Emilio heiße; daß sie Beide gute und gehorsame Kinder seien, namentlich Emilio (»Und ich nicht?« warf hier die Tochter ein. »Ach, Du bist auch eine Republikanerin!« antwortete die Mutter), – daß die Geschäfte jetzt allerdings nicht so gut wie bei ihrem Manne gingen, der im Conditorfach ein großer Meister gewesen . . . (»Un grand uomo!« rief mit finsterer Miene Pantaleone); daß man dennoch, Gott sei Dankt leben könne.




V


Gemma hörte der Mutter zu – lächelte, seufzte, streichelte sie am Rücken, drohte ihr mit dem Finger-, sah Sanin au; endlich sprang sie auf, umarmte und küßte die Mutter gerade auf den Hals in der Gegend ( des Zäpfchens, worüber diese viel, ja selbst ausgelassen lachte. Pantaleone wurde ebenfalls Sanin vorgestellt. Es stellte sich heraus, daß er einst Opernsänger für Bariton-Partien gewesen, doch schon längst seine theatralischen Beschäftigungen aufgegeben und sich bei der Familie Roselli als Mittelding zwischen Hausfreund und Diener aufhalte. Trotz seines langjährigen Aufenthaltes in Deutschland sprach er die deutsche Sprache nur schlecht, und kannte eigentlich nur die Schimpfreden derselben, die er übrigens gleichfalls unbarmherzig verstümmelte. »Ferrotiucto Spiccebubbio!« nannte er beinahe jeden Deutschen. Italienisch aber sprach er meisterhaft, denn er war gebürtig aus Sinigaglia, wo man die »lingua toscana in bocca romana« hört. Emilio fühlte sich augenscheinlich sehr behaglich und überließ sich ganz den angenehmen Gefühlen eines, Menschen, der eben einer bedeutenden Gefahr entronnen und in Genesung begriffen ist; außerdem konnte man bemerken, daß sämmtliche Hausgenossen ihn verhätschelten. Er bedankte sich verlegen bei Sanin und machte sich namentlich mit Syrup und Confect zu schaffen. Sanin sah sich genöthigt, zwei Tassen köstlicher Chocolade zu trinken und eine erstaunenswerthe Menge von Biskuits zu essen: kaum hat er den einen heruntergeschluckt, da bietet ihm Gemma einen anderen an – und keine – Möglichkeit, abzuschlagen! Er fühlte sich bald wie zu Hause, die Zeit verging mit unglaublicher Schnelligkeit. Er mußte viel erzählen – über Rußland im Allgemeinen, über russisches Klima, russische Gesellschaft, russische Bauern – und namentlich über Kosaken; über den Krieg von 1812, über Peter den Großen, über den Kreml, über russische Lieder und Glocken. Die beiden Damen hatten nur, wenige Begriffe von unserem weiten und entfernten Vaterlande; Frau Roselli, oder wie sie häufiger genannt wurde, Frau Lenora, versetzte selbst Sanin in Erstaunen durch die Frage: ob das berühmte, im vorigen Jahrhundert in Petersburg gebaute Haus aus Eis noch existire, über welches sie unlängst in einem Buche ihres verstorbenen Mannes: »Bellezze delle arti« einen interessanten Aufsatz gelesen hatte.

Als Antwort auf Sanin‘s Ausruf: »Glauben Sie denn, daß es in Rußland keinen Sommer gebe?« entgegnete Frau Lenora, daß sie bis jetzt sich Russland folgendermaßen vorgestellt: ewiger Schnee, Alle gehen in Pelzem, Alle sind Soldaten – die Gastfreundschaft, aber ist außerordentlich und die Bauern sehr gehorsam! Sanin bemühte sich, ihr und ihrer Tochter genauere Kenntnisse beizubringen. Als die Rede aus russische Musik kam, bat man ihn, ein russisches Lied zu singen und deutete auf ein im Zimmer stehendes kleines Pianoforte, mit schwarzen Tasten statt der weißen und mit weißen statt der schwarzen. Er gehorchte, ohne weitere Umstände zu machen und sang, sich mit zwei Fingern der rechten und mit drei (dem großen, mittleren und kleinen) der linken Hand begleitend, mit dünner Tenor-Stimme erst den »Sarafan« dann das »Dreigespann«. Die Damen lobten seine Stimme und die Musik, doch waren sie noch mehr von der Weichheit und dem Wohlklange der russischen Sprache entzückt und verlangten eine Uebersetzung der Lieder. Sanin erfüllte ihren Wunsch – doch, da die Liederworte in seiner Uebersetzung keinen großen Begriff von russischer Poesie bei den Zuhörerinnen erwecken konnten, so trug er Gedichte vor und übersetzte sie sodann; schließlich sang er eine von Glinka komponirte Dichtung Puschkins, bei den Mollnoten dieser Musik zeigte er jedoch einige Unsicherheit. Hier geriethen die Damen in Ekstase – Frau Lenora fand sogar in der russischen Sprache eine merkwürdige Aehnlichkeit mit der italienischen, ja, selbst die Namen Puschkin (sie sprach ihn Pussekin aus) und Glinka klangen ihr ganz heimisch.

Dann bat Sanin die Damen, ihrerseits etwas zu singen; sie ließen sich nicht lange bitten. Frau Lenora setzte sich zum Pianoforte und sang mit Gemma einige Duette und »Stornelli«. Die Mutter hatte einst einen guten Contre-Alt gehabt; die Stimme der Tochter war ein wenig schwach, doch angenehm.




VI


Nicht die Stimme von Gemma bewunderte Sanin, sondern sie selbst. Er saß ein wenig seitwärts nach hinten und dachte, daß keine Palme – selbst die im Gedichte Benedictoffs, der zur Zeit in Mode war, nicht ausgenommen – sich mit dieser zierlichen, schlanken Gestalt wessen konnte. Als sie aber bei den gefühlvollen Stellen die Augen nach oben richtete, so glaubte man, es könne keinen Himmel geben, der sich nicht einem, solchen Blick geöffnet hätte. Selbst der alte Pantaleone, der mit der Schulter an die Thüre gelehnt, das Kinn und den Mund im weiten Halstuch versteckt, wichtig, mit dem Aussehen eines Kenners, zuhörte, selbst dieser bewunderte das Gesicht des schönen Mädchens und staunte es an – und doch konnte er, wie es schien, an diesen Anblick schon gewöhnt sein! Als sie ihr Duett mit der Tochter beendet, bemerkte Frau Lenora, daß Emilio eine prachtvolle Stimme, rein wie Silber, habe – doch jetzt sich in einem Alter befinde, in welchem die Stimme breche (er sprach wirklich mit einer beständig durch Fistellaute unterbrochenen Baßstimme) und daß ihm deshalb das Singen verboten sei; Pantaleone aber der könne, den Gast zu ehren, alte Zeiten erneuern. Pantaleone nahm sofort eine unzufriedene Miene an, wurde finster, brachte seine Haare nach mehr in Unordnung und erklärte, daß er dieses Alles schon längst an den Nagel gehängt habe, obgleich er wirklich in seiner Jugend für sich habe einstehen können – und überhaupt zu jener großen Epoche gehört habe, als es wirklich classische Sänger gab – nicht den heutigen Schreihälsen ähnlich! und als eine wirkliche Gesangschule vorhanden war; daß man ihm, Pantaleone Cippatola aus Varese, einst in Modena einen Lorbeerkranz dargebracht und ihm zur Ehre sogar im Theater weiße Tauben habe fliegen lassen; daß unter anderen hohen Gönnern ein russischer Fürst Tarbuski – il principe Turbuski – mit dem er sehr befreundet gewesen, ihn beim Abendessen stets nach Rußland geladen und ihm Berge von Gold versprochen habe . . . doch er habe Italien, das Land von Dante – il paese del Dante – nicht verlassen wollen. Nachher hätten sich allerdings unglückliche Zufälle ereignet, er selbst sei nicht vorsichtig gewesen . . . Hier unterbrach sich der Alte, seufzte tief, versank in Gedanken – und sprach wieder von der classischen Epoche des Gesanges, vom berühmten Tenor Garcia, für den er tiefe, grenzenlose Hochachtung gefühlt. »Das war ein Mann!« rief er. »Nie hätte der große Garcia – il gran Garcia – sich so weit erniedrigt, um, wie die jetzigen, widrigen – Tenörchen – tenoracci – mit Falsett zu singen: stets sang er mit der Brust, voce di petto, si!« – Und der Greis schlug mit der kleinen, vertrockneten Faust heftig auf seine Brust. »Und welcher Schauspieler war das! Ein Vulkan, signori miei, ein Vulkan, un Vesuvio! Ich hatte die Ehre und das Vergnügen, mit ihm in der Oper – »del illustrissimo muëstro Rossini« – im Othello zu singen! Garcia war Othello – ich sang den Jago – und wenn er diesen Satz aussprach . . .

Hier stellte sich Pantaleone in Positur und sang mit zitternder, heiseren doch noch immer pathetischer Stimme:

		Li . . . ra d‘aver . . . so d‘aver . . . so il fato
		Lo piu no . . . no . . . no . . . non temerò!

»Das Theater zitterte, signori miei! doch ich blieb nicht zurück und sang ihm nach:

		Li . . . ra d‘aver . . . so d‘aver . . . so il fato.
		Temèr pici non dovrò!

»Er aber – plötzlich wie der Blitz, wie der Tiger:

		Morrò! . . . ma vendicato . . .

»Oder, wenn er sang: wenn er jene berühmte Arie aus dem Matrimonio segreto: Pria che Spunti . . . sang, da machte er, il gran Garcia, nach den Worten: I cavalli di galoppo – da machte er bei den Worten: Senza posa caccierà – hören Sie, wie bewundernswürdig, com’è stupendo! er es machte. . . Hier fing der Alte eine ganz ungewöhnliche – Fioritur an, doch bei der zehnten Note blieb er stecken, hustete, und nachdem er mit der Hand eine abwehrende Bewegung gemacht hatte, wandte er sich hinweg – und murmelte:

»Warum quälen Sie mich?« Gemma sprang sofort vom Stuhle auf, lief, laut mit den Händen klatschend und »bravo! Bravo!« rufend, zum armen, verabschiedeten Jago und klopfte ihm freundlich mit beiden Händen auf die Schultern Emil allein lachte erbarmungslos. Cet age est sann pitié – dieses Alter kennt kein Mitleid, hat bereits Lafontaine gesagt.

Sanin versuchte, den greifen Sänger zu trösten und redete ihn italienisch an (während seiner Reise hatte er einige Brocken davon aufgeschnappt) er sprach vom paese del Dante, dovo il si suona. Diese Phrase, zusammen mit »Lasciate ogni speranza« bildete das ganze poetisch-italienische Gepäck des jungen Reisenden. – doch der Alte zeigte sich unempfindsam für sein Entgegenkommen. Noch tiefer als früher, steckte er das Kinn in das Halstuch, ließ finster das Auge hervortreten und glich noch mehr einem Vogel, einem bösen Vogel – etwa einem Raben oder einem Geier. Emil wandte sich dann sofort leicht erröthend, wie es Kindern gewöhnlich ist, zu seiner Schwester und sagte ihr, daß, wenn sie den Gast unterhalten wollte, sie doch eine von den kleinen Komödien von Malz, die sie so gut lese, vortragen möchte. Gemma lachte, schlug den Bruder auf die Hand, ging sofort in ihr Zimmer, kehrte mit einem kleinen Buche zurück, setzte sich an den Tisch zur Lampe, wandte sich um, hob den Finger in die Höhe: – »Jetzt bitte, zu schweigen!« – eine echt italienische Geste – und begann zu lesen.




VII


Malz war ein Frankfurter Schriftsteller der dreißiger Jahre, welcher in seinen kurzen, leicht hingeworfenen Komödien im Localdialect, mit drolligem und scharfem, wenn auch nicht tiefem Humor geschrieben, Frankfurter Typen vorführte. Es zeigte sich, daß Gemma prachtvoll – ganz wie eine Schauspielerin vortrug.

Jeder Person gab sie einen derselben entsprechenden Charakter und führte diesen bis zu Ende durch; sie wandte alle Komik auf, die sie zusammen mit dem italienischen Blute geerbt hatte; ohne Mitleid für ihre zarte Stimme, für ihr schönes Gesicht, schnitt sie, wenn es galt, eine verrückt gewordene alte Frau oder einen dummen Bürgermeister darzustellen, die allerdrolligsten Gesichtchen, sie zwängte die Augen ein, rümpfte die Nase, schnarrte, kreischte sogar . . . Sie selbst lachte beim Lesen nicht, doch wenn die Zuhörer (allerdings mit Ausnahme von Pantaleone, der sich, als die Rede auf den forroflucto Tedesco kam, sofort mit Unwillen entfernt hatte) sie durch den einmüthigen Ausbruch des Gelächters unterbrochen – dann lachte sie auch hell auf, den Kopf zurückwerfend, das Buch auf die Knie fallen lassend, und ihre schwarzen Locken hüpften dann in zarten Ringen um den Hals und auf den erschütterten Schultern. Das Lachen hörte auf – sofort erhob sie das Buch, verlieh ihrem Gesichte den grade entsprechenden Ausdruck und las ernst weiter. Sanin konnte sie nicht genug bewundern; namentlich, staunte er darüber: durch welches Wunder ihr so ideal schönes Gesicht plötzlich einen so komischen, ja manchmal trivialen Ausdruck erlangen konnte. Weniger befriedigend trug Gemma die Rollen junger Damen, sogenannter jeunes premières vor; die Liebesscenen wollten ihr gar nicht gelingen; sie fühlte es selbst und verlieh ihnen daher einen leichten Anstrich des Lächerlichen – als ob sie allen diesen erhabenen Schwüren und entzückten Reden – deren sich übrigens der Autor selbst, soweit es ging, enthielt – keinen Glauben schenke.

Sanin bemerkte nicht, wie der Abend vergangen war – und erinnerte sich der bevorstehenden Reise erst, als die Uhr Zehn schlug. Er sprang vom Stuhle auf wie von einer Biene gestochen.

»Was fehlt Ihnen?« fragte Frau Leonore.

»Ich sollte ja heute nach Berlin fahren – und habe bereits einen Platz im Postwagen genommen!«

»Und wann geht die Post?«

»Um halb elf!«

»Nun, dann ist es schon zu spät, um hinzukommen, bemerkte Gemma, »bleiben Sie . . . ich werde weiter lesen.«

»Haben Sie das ganze Geld für den Platz bezahlt oder nur einen Theil?« fragte Frau Lenora mit Antheil.

»Das Ganze!« rief Sanin mit trauriger Miene.

Gemma sah ihn scharf an – und lachte; die Mutter tadelte sie. – »Der junge Mensch hat unnütz Geld ausgegeben – und Du lachst!«

»Das thut nichts,« antwortete Gemma, »es wird ihn nicht ruiniren, wir aber wollen ihn trösten. Wünschen Sie nicht Limonade?«

Sanin trank die Limonade, Gemma nahm wieder Malz vor – und Alles kam wieder in den alten Gang.

Die Uhr schlug zwölf und Sanin wollte sich verabschieden.

»Sie müssen jetzt einige Tage in Frankfurt bleiben sagte Gemma zu ihm; »wo wollen Sie hineilen? Lustiger wird es in einer anderen Stadt auch nicht sein.« Sie schwieg. »Wirklich nicht,« fügte sie hinzu und lächelte.

Sanin antwortete Nichts und dachte, daß er jetzt unter allen Umständen, schon wegen der Leere seines Beutels einige Tage in Frankfurt werde zubringen müssen, bis eine Antwort von seinem Berliner Bekannten anlange, an den er sich wegen Geld zu wenden die Absicht hatte.

»Bleiben Sie, bleiben Sie,« rief auch Frau Lenora. »Wir werden Sie mit dem Bräutigam von Gemma, Herrn Carl Klüber bekannt machen. Heute konnte er nicht kommen, weil er in seinem Laden sehr beschäftigt ist. – Sie haben wohl sicher das größte Magazin von Tuch und seidenen Waaren auf der Zeil bemerkt – dort ist er der erste Commis. Es wird ihm sehr angenehm sein, sich Ihnen vorstellen zu können.«

Sanin wurde – Gott weiß warum – von dieser Nachricht betroffen.

»Ein Glückskind muß dieser Bräutigam sein!« ging ihm durch den Kopf.

Er blickte Gemma an – und er glaubte einen schelmischen Ausdruck in ihren Augen zu bemerken. Er verabschiedete sich.

»Auf morgen? Nicht wahr auf morgen?« fragte Frau Lenora.

»Auf morgen!« rief Gemma nicht in fragendem, sondern bejahendem Tone, als ob es nicht anders sein könne.

»Auf morgen!« antwortete Sanin.

Emil, Pantaleone und Tartaglia begleiteten ihn bis zur Straßenecke. Pantaleone konnte nicht umhin, seiner Unzufriedenheit über das Lesen Gemma’s Ausdruck zu geben.

»Wie, schämt sie sich nicht! sie schneidet Fratzen, sie schnarrt – una carricatura! Sie sollte Merope oder Klytämnestra vorstellen – etwas Großes, etwas Tragisches, sie aber äfft eine eklige Deutsche! Das kann ich ja auch. .. Merz, Kerz, Smerz,« fügte er mit rauher Stimme hinzu, das Gesicht nach vorn schiebend und die Finger auseinander ziehend. Tartaglia bellte ihn an, Emil lachte. Der Alte kehrte schroff um.

Sanin kam nach dem Gasthaus zum »weißen Schwan« – er hatte vorher bloß sein Gepäck dort gelassen – in ziemlich verwirrter Gemüthsstimmung. Alle diese deutsch-französisch-italienischen Gespräche klangen in seinen Ohren nach.

»Braut!« flüsterte er, schon im Bette des ihm zugewiesenen Zimmers liegend. »Und welche Schönheit! Warum aber bin ich geblieben?«

Am nächsten Tage schickte er jedoch den Brief an seinen Berliner Freund ab.




VIII


Noch hatte er nicht Zeit gehabt sich anzukleiden, als ihm der Kellner die Ankunft zweier Herren meldete. Der eine derselben war Emil, der andere – ein stattlicher, junger Mann von hohem Wuchse und dem wohlgestaltetesten Gesichte von der Welt, war Herr Carl Klüber, der Bräutigam der schönen Gemma.

Man muß annehmen, daß es zu jener Zeit in ganz Frankfurt in keinem Laden einen so höflichen, anständigen, ansehnlichen, freundlichen Commis gegeben hat, wie solcher durch Herrn Klüber zur Erscheinung kam. Die Tadellosigkeit seiner ganzen Toilette glich der Würde seiner Haltung und der allerdings ein wenig steifen und zurückhaltenden Eleganz, nach englischer Art (er hatte zwei Jahre in England zugebracht) – doch immer bezaubernden Eleganz seiner Manieren. Beim ersten Blick war man überzeugt, daß dieser ein wenig strenge, prachtvoll erzogene und prachtvoll gewaschene junge Mann den Oberen zu gehorchen und den Untergebenen zu befehlen gewohnt war, und daß er hinter dem Ladentische seines Magazins nothwendiger Weise den Käufern selbst Achtung gebieten mußte. Hinsichtlich seiner übermenschlichen Ehrlichkeit konnte auch nicht der leiseste Zweifel aufkommen: man brauchte ja nur einen Blick auf seinen steifgestärkten Kragen zu werfen! Auch seine Stimme zeigte sich, wie zu erwarten war, voll und selbstbewußt, doch nicht zu laut, sogar nicht ohne eine gewisse Freundlichkeit im Timbre. Mit solcher Stimme muß es bequem sein, dem untergebenen Commis Befehle zu ertheilen: »Zeigen Sie jenes Stück Lyoner Pensée-Sammt« – oder: »Bieten Sie dieser Dame einen Stuhl an!«

Herr Klüber begann damit, daß er sich vorstellte, wobei er so edel seine Figur nach vorn beugte, so angenehm die Füße zusammenführte und so höflich die Hacken an einander schlug, daß Jeder sich sagen mußte: »Bei diesem Menschen ist die Wäsche und die moralischen Eigenschaften von Prima-Qualität!« Die Behandlung der entblößten rechten Hand (in der linken mit schwedischem Handschuh bekleidet, hielt er den, bis zur Spiegelglätte gebügelten Hut, auf dessen Boden der andere Handschuh lag), die Behandlung dieser rechten Hand, die er bescheiden, aber entschlossen Sanin reichte, übertraf alles Denkbare: jeder Nagel war für sich eine Vollkommenheit!

Darauf theilte er in ausgezeichnetem Deutsch mit, daß er dem Herrn Fremden, der seinem zukünftigen Verwandten, dem Bruder seiner Braut, einen so großen Dienst erwiesen, seine Hochachtung und Dankbarkeit bezeugen wolle; dabei führte er die linke Hand, die den Hut hielt, nach der Richtung des Platzes von Emil, der sich, wie beschämt, zum Fenster gewandt hatte und einen Finger im Munde hielt. Herr Klüber fügte hinzu, daß er sich glücklich schätzen würde, wenn er seinerseits dem Herrn Ausländer etwas Angenehmes erweisen könnte. Sanin antwortete nicht ohne Zwang und gleichfalls deutsch, daß er sehr erfreut sei. . . daß der Dienst, den er geleistet, nur gering sei. . . und bat die Herrn, Platz zu nehmen. Herr Klüber dankte und ließ sich, die Schöße seines Fracks rasch aufnehmend, auf den Stuhl nieder – ließ sich so leicht nieder und saß darauf so wenig, daß man nur zu klar sah, daß dieser Mensch nur aus Höflichkeit sich gesetzt habe – und sofort auffliegen werde. – Und wirklich, er flog in die Höhe, änderte wie beim Tanze ein paar Mal seine Fußstellung und erklärte, daß er leider nicht länger bleiben könne, da er nach seinem Laden eilen müsse: das Geschäft vor Allem! – Doch da morgen Sonntag sei, so habe er mit Zustimmung von Frau Lenora und Fräulein Gemma eine Landpartie nach Soden vorbereitet, zu der er den Herrn Fremden einzuladen hiermit die Ehre habe und sich mit der Hoffnung schmeichle, daß dieser nicht abschlagen werde, dieselbe durch seine Gegenwart zu verschönern. Sanin schlug die Verschönerung nicht ab – und Herr Klüber empfahl sich zum zweiten Male und ging weg, das Beinkleid von der zartesten Erbsfarbe lieblich schimmern und ebenso angenehm die Sohlen der allerneuesten Stiefel knarren lassend.




IX


Emil, der noch immer am Fenster stand, selbst nach der Einladung von Sanin, Platz zu nehmen, machte sofort, als sein zukünftiger Verwandter weggegangen war, links kehrt – und fragte Sanin mit kindlicher Verlegenheit und erröthend, ob er noch ein Bischen bei ihm bleiben dürfe? – »Ich fühle mich heute viel wohler,« fügte er hinzu, »doch der Doctor hat mir zu arbeiten verboten.«

»Freilich, bleiben Sie! Sie stören mich nicht im Geringsten!« rief sofort Sanin, der als echter Russe froh war, den ersten besten Vorwand zu ergreifen, um nicht in die Lage zu kommen, selbst etwas thun zu müssen.

Emil dankte – und war in der kürzesten Zeit vollständig vertraut mit Sanin und dessen Wohnung, er betrachtete seine Sachen, fragte beinahe bei jeder, wo sie gekauft sei und welchen Werth sie habe? Er half Sanin beim Rasiren, wobei er bemerkte, daß demselben ein Schnurrbart prachtvoll stehen würde; theilte ihm endlich eine Masse Einzelheiten über seine Mutter, seine Schwester, über Pantaleone, selbst über den Pudel Tartaglia – kurz über ihr ganzes Leben und Treiben mit. Jede Spur von Schüchternheit war bei Emil verschwunden; er fühlte sich plötzlich unwiderstehlich zu Sanin hingezogen – und gar nicht deshalb, weil dieser ihm den Tag zuvor das Leben gerettet, sondern weil dieser eben ein so sympathischer Mensch wart Er ermangelte nicht, Sanin alle seine Geheimnisse mitzutheilen. Mit besonderer Lebhaftigkeit vertraute er, daß die Mutter aus ihm durchaus einen Kaufmann machen wolle, er aber wisse, wisse genau, daß er zum Künstler, Musiker oder Sänger geboren sei; das Theater sei sein wirklicher Beruf; Pantaleone bekräftige ihn darin, doch Herr Klüber halte es mit der Mutter, auf die er einen großen Einfluß übe, daß sogar der Gedanke, aus ihm einen Händler zu machen, eigentlich Herrn Klüber gehöre, nach dessen Begriffen Nichts in der Welt sich mit dem Stande eines Kaufmannes vergleichen könne! Tuch und Sammt zu verkaufen – das Publikum zu betrügen, ihm Narren – oder Russenpreise abzunehmen, das sei sein Ideal![1 - In früheren Zeiten – auch jetzt ist es noch der Fall – wurden, wenn gegen Monat Mai, eine große Menge Russen in Frankfurt erschienen, die Preise in allen Läden erhöht und bekamen den Namen: »Russen« – und leider – »Narren- Preise.«.]

»Nun, jetzt ist es Zeit, zu uns zu kommen!« rief er, sobald Sanin seine Toilette beendet und den Brief nach Berlin geschrieben hatte.

»Jetzt ist es noch zu früh,« bemerkte Sanin.

»Das schadet nicht,« entgegnete Emil, sich an ihm schmiegend. »Gehen wir! Wir gehen nach der Post und von dazu uns. Gemma wird sich so freuen! Sie werden bei uns frühstücken . . . Sie werden vielleicht bei der Mutter ein Wörtchen über mich, über meine Bestimmung fallen lassen.«

»Gut, gehen wir,« sagte Sanin – und sie gingen hin.




X


Gemma war wirklich froh über Sanins Kommen, und Frau Lenora begrüßte ihn sehr freundlich: man sah, daß er den Tag vorher den besten Eindruck auf beide Damen gemacht hatte. Emil lief weg, um das Frühstück anzuordnen und flüsterte zuvor Sanin ins Ohr: »Vergessen Sie es nicht!«

»Ich vergesse es nicht,« antwortete Sanin.

Frau Lenora war nicht ganz wohl: sie litt an Migraine – und bemühte sich, halb liegend im Sessel bewegungslos zu bleiben. Gemma hatte einen weiten, gelben Hausrock an, der mit schwarzem, ledernem Gurte zusammengehalten war; sie schien ebenfalls müde zu sein und war ein wenig blaß; dunkle Ringe beschatteten ihre Augen, doch der Glanz derselben wurde dadurch nicht vermindert, die Blässe aber verlieh den streng classischen Zügen ihres Gesichtes etwas Geheimnißvolles und Anmuthiges. Sanin bewunderte am Tage namentlich die zierliche Schönheit ihrer Hände; wenn sie ihre dunklen, glänzenden Locken ordnete und sie in die Höhe faßte, da konnte sein Blick sich nicht von ihren geschmeidigen, langen Fingern trennen, die sich daraus wie bei der Rafaelschen Fornarina abhoben.

Draußen war es sehr heiß, nach dem Frühstück versuchte Sanin, sich zu entfernen, doch man bemerkte ihm, daß an einem solchen Tage es am allerbesten sei, sich nicht vom Platze zu rühren – und er war damit einverstanden. In dem hinteren Zimmer, in dem er mit seinen Wirthinnen saß, herrschte Kühle; die Fenster desselben gingen in einen kleinen, ganz mit Akazien bewachsenen Garten hinaus. Eine Menge Bienen, Wespen, Hummeln summten zusammen und hungrig in den dichten, mit goldenen Blüthen übergossenen Aesten derselben, durch die halb geöffneten Fensterläden und durch die heruntergelassenen Vorhänge summte es ohne Aufhören in das Zimmer hinein: Alles zeugte von der Schwüle, die draußen herrschte – und um so süßer wurde die Kühle dieser geschützten und behaglichen Häuslichkeit.

Sanin sprach wie gestern viel, doch nicht über Rußland und russisches Leben. In der Absicht, seinem jungen Freunde, der sofort nach dem Frühstück zu Herrn Klüber – sich in der Buchhaltung zu üben – geschickt worden, zu dienen, lenkte er das Gespräch auf die gegenseitigen Licht- und Schattenseite der Kunst und des Handelsstandes. Er wunderte sich nicht, daß Frau Lenora für den Handel Partei ergriff – das hatte er erwartet, doch auch Gemma war ihrer Meinung.

»Wenn Du Künstler bist – und namentlich Sänger,« behauptete sie, energisch die Hand von oben nach unten führend, »so mußt Du durchaus den ersten Platz einnehmen. Der zweite taugt schon Nichts, und wer weiß, ob du den ersten Platz erlangen kannst?«

Pantaleone, der am Gespräche theilnahm (als langjährigem Diener und älterem Manne war ihm sogar gestattet, in Gegenwart der Herrschaft zu sitzen; die Italiener sind überhaupt nicht streng hinsichtlich der Etiquette), Pantaleone freilich war entschieden für die Kunst. Man muß gestehen, daß seine Gründe ziemlich schwach waren: er sprach beständig davon, daß man un certo estro d‘inspirazione, einen gewissen poetischen Hauch der Begeisterung besitzen müsse! Frau Lenora bemerkte ihm, daß auch er wahrscheinlich diesen estro besessen habe – und trotzdem . . . »Ich hatte Feinde!i« entgegnete finster Pantaleone. – »Woher weißt Du, (bekanntlich duzen sich die Italiener leicht), daß Emil keine Feinde haben wird, wenn sich auch in ihm dieser estro offenbart?« – »Nun, dann machen Sie aus ihm einen Händler,« rief Pantaleone mit Aerger, »doch Giovanni Battista hätte anders gehandelt, obgleich er ein Conditor war!« – »Giovanni Battista, mein Mann, war ein vernünftiger Mann, und wenn er sich in seiner Jugend hinreißen ließ. . . « Doch der Alte wollte Nichts mehr hören und entfernte sich, nachdem er vorwurfsvoll noch ein Mal »Giovan’ Battista!« gerufen . . .

Gemma rief, daß, wenn Emil genug Vaterlandsliebe fühle und alle seine Kräfte der Befreiung von Italien widmen wolle – man allerdings für eine so hohe und heilige Sache die gesicherte Zukunft opfern könne – aber nicht für das Theater! Hier wurde Frau Lenora aufgeregt und bat ihre Tochter inständig, doch den Bruder nicht vom rechten Wege abzubringen und sich zu begnügen, daß sie selbst eine so schreckliche Republikanerin sei! Nach diesen Worten stöhnte Frau Lenora und beklagte sich über ihren Kopf, der dem Platzen nahe sei (Frau Lenora sprach aus Achtung für den Gast französisch).

Gemma schickte sich sofort an, sich mit ihrer Pflege zu beschäftigen: sie hauchte sanft auf ihre Stirne, nachdem sie dieselbe vorher mit Eau da Cologne gefeuchtet hatte, sie küßte sachte ihre Wangen, schob ein Kissen unter ihren Kopf, verbot ihr zu sprechen – und küßte sie wieder. Dann erzählte sie, zu Sanin gewandt, halb scherzend, halb gerührt, was für eine ausgezeichnete Mutter sie habe und welche Schönheit sie gewesen. »Was sage ich: gewesen? sie ist noch jetzt – entzückend! Sehen Sie, sehen Sie bloß, was sie für Augen hat!«

Gemma zog rasch ein weißes Taschentuch hervor und bedeckte das Gesicht der Mutter – und langsam es von oben nach unten ziehend – deckte sie allmählig die Stirn, die Augenlider und die Augen der Frau Lenora auf; wartete ein wenig und bat sie, dieselben zu öffnen. Diese gehorchte, Gemma schrie vor Entzücken auf (die Augen der Frau Lenora waren wirklich schön) und, schnell das Taschentuch über die untere, weniger regelmäßige Hälfte des Gesichtes ziehend, küßte sie die Mutter wieder. Frau Lenora lachte, wandte sich etwas ab und suchte mit erkünstelter Anstrengung die Tochter zurückzudrängen. Diese stellte sich ebenfalls, als ob sie mit der Mutter ringe und schmiegte sich an dieselbe – doch nicht nach Katzenart, nicht auf französische Manier, aber mit jener italienischen Grazie, bei der man stets die Gegenwart der Kraft fühlt.

Endlich erklärte Frau Lenora, daß sie müde sei . . . Gemma rieth ihr, ein wenig zu schlafen, hier im Sessel; »wir aber mit dem Herrn Russen – avac le monsieur Russe – werden ganz, ganz stille sein . . . wie kleine Mäuse – comme les petites souris« Frau Lenora lächelte statt aller Antwort ihr zu, schloß die Augen, seufzte ein wenig und schlummerte ein. Gemma ließ sich behende neben ihr auf eine Bank nieder und regte sich nicht mehr; nur führte sie zuweilen den Finger der einen Hand – mit der anderen stützte sie das Kissen unter dem Kopfe der Mutter – zu den Lippen und lispelte leise, Sanin von der Seite anblickend, wenn dieser sich die leiseste Bewegung gestattete. Zuletzt saß derselbe ebenfalls unbeweglich, wie leblos, wie verzaubert da, mit allen Kräften seiner Seele das Bild in sich aufnehmend, welches ihm gegenübertrat, sowohl in diesem halbdunklen Zimmer, wo hier und da wie lichte Punkte die frischen, üppigen – Rosen in altmodischem grünen Gläsern in Purpur schillerten, als auch in der eingeschlafenen Frau mit den bescheiden hingelegten Armen und dem guten, ermüdeten Gesichte, welches das blendende Weiß des Kissens umfaßte – und in diesem jungen, wachsamen und ebenfalls guten, klugen, reinen und unaussprechlich schönen Wesen mit so schwarzem tiefen, mit Schatten übergossenen und doch so glänzenden Augen . . .

»Was ist das? Traum? Märchen? Und wie kommt er hierher?




XI


An der Thüre nach der Straße ließ sich die Klingel hören. Ein junger Bauernbursche mit Pelzmütze und rother Weste trat in die Conditorei. Vom frühen Morgen an hatte sich noch kein Käufer blicken lassen . . .

»Solche Geschäfte machen wir!« hatte beim Frühstück Frau Lenora mit einem Seufzer zu Sanin gesagt. Sie schlief weiter. Gemma hatte Angst, die Hand hinter dem Kissen vorzuziehen und flüsterte zu Sanin:

»Gehen Sie, verkaufen Sie statt meiner!« Sanin begab sich sofort auf den Zehen in den Laden.

Der Bursche wollte ein Viertel Pfund Pfeffermünzkuchen haben.

»Was habe ich von ihm zu bekommen?« fragte Sanin durch die Thüre Gemma zuflüsternd.

»Sechs Kreuzer,« antwortete sie ihm ebenfalls leise. Sanin wog ein Viertel Pfund ab, suchte Papier, machte daraus eine Düte, wollte die Kuchen hineinschütten, schüttete sie vorbei, bei wiederholtem Versuche schüttete er sie wiederum vorbei, gab sie endlich hin und bekam das Geld.

Der Bursche, der seine Mütze auf dem Bauch zusammendrückte, sah ihn verwundert an und im Nebenzimmer wollte Gemma, den Mund fest geschlossen haltend, sich fast zu Tode lachen. Kaum hatte sich dieser Käufer entfernt, da kam der zweite, dann der dritte . . .

»Ich habe wohl eine glückliche Hand!« dachte Sanin. Der zweite verlangte Orgeade, der dritte ein halbes Pfund Confect. Sanin befriedigte sie, eifrig mit den Löffeln klimpernd, die Untertassen herumschiebend und die Finger kühn in Kasten und Büchsen steckend. Bei der Berechnung stellte sich heraus, daß er die Orgeade zu billig gelassen, für das Confect zwei Kreuzer zu viel bekommen hatte. Gemma hörte nicht auf, still zu lachen und Sanin selbst fühlte eine unbeschreibliche Lustigkeit, eine besonders glückliche Gemüthsstimmung. Eine Ewigkeit wäre er hinter dem Ladentisch gestanden, hätte mit Orgeade und Confect gehandelt, während das liebe Wesen mit den freundlich-schelmischen Augen ihn durch die Thüre anblickt, die Sonne durch die mächtige Blätterschicht der vor dem Fenster auf der Straße wachsenden Castanien dringend, das ganze Zimmer mit dem grünlichen Golde der Mittagsstrahlen füllt und das Herz in der süßen Lust der Trägheit, der Sorglosigkeit und der Jugend, der urwüchsigen Jugend, schwelgt!

Der vierte Gast verlangte eine Tasse Caffee.

Man mußte sich an Pantaleone wenden (Emil war vom Herrn Klüber noch nicht zurückgekehrt), Sanin setzte sich wieder neben Gemma. Frau Lenora schlummerte immer fort, zur großen Freude ihrer Tochter.

»Bei der Mutter vergeht während des Schlafens die Migraine,« bemerkte sie. Sanin sprach flüsternd über sein »Geschäft«, erkundigte sich in allem Ernst nach den Preisen verschiedener Conditorwaaren; Gemma theilte ihm ebenso ernst diese Preise mit und unterdessen lachten Beide innerlich, als ob sie fühlten, daß sie die lustigste Komödie spielten. Plötzlich ließ auf der Straße ein Leierkasten die Arie aus dem Freischütz: »Durch die Felder, durch die Auen . . . « hören. Die weinerlichen Klagetöne des Instrumentes erklangen zitternd und pfeifend in der regungslosen Luft.

Gemma fuhr auf . . . »Er weckt die Mutter!« Sanin lief sofort auf die Straße, gab dem Leiermann einige Kreuzer, hieß ihn schweigen und sich entfernen. Als er zurückgekehrt war, dankte ihm Gemma mit leichtem Kopfnicken und, nachdenklich lächelnd, fing sie selbst, kaum hörbar, die hübsche Melodie von Weber, in welcher Max alle Bedenken der ersten Liebe ausdrückt, zu singen an. Dann fragte sie Sanin, ob er den Freischütz kenne, ob er Weber liebe und fügte hinzu, daß, obgleich sie selbst Italienerin sei, sie solche Musik über Alles liebe. Von Weber kam das Gespräch auf Poesie und Romantik, auf Hoffmann, welcher zu jener Zeit von Allen gelesen wurde . . .

Und Frau Lenora schlummerte immer zu, ja schnarchte selbst ein wenig, und die Strahlen der Sonne, in schmalen Streifen durch die Laden dringend, bewegten sich und wanderten zwar unmerklich, doch rastlos auf der Diele, über die Möbel, über das Gewand Gemmas, über die Blätter der Blumen.




XII


Es zeigte sich, daß Hoffmann in nicht allzu großem Ansehen bei Gemma stand, daß sie ihn sogar. . . langweilig fand! Das phantastisch dunkle, nordische Element seiner Erzählungen war nur wenig ihrer lichten, südlichen Natur zugänglich. »Das sind lauter Märchen, das Alles ist für Kinder geschrieben!« äußerte sie nicht ohne Geringschätzung. Der Mangel an Poesie bei Hoffmann wurde von ihr ebenfalls dunkel empfunden. Doch eine Erzählung, deren Namen sie übrigens vergessen, gefiel ihr außerordentlich; eigentlich gefiel ihr aber bloß der Anfang dieser Erzählung; ihr Ende hatte sie entweder nicht gelesen, oder ebenfalls vergessen. Es handelte sich um einen jungen Mann, der irgendwo, ich glaube in einer Conditorei, einem Mädchen von erstaunlicher Schönheit, einer Griechin, begegnet; diese wird vom einem geheimnißvollem sonderbaren, und bösartigen Greise begleitet. Der junge Mann verliebt sich vom ersten Blicke in das Mädchen; sie sieht ihn so trostlos an, als ob sie ihn anflehte, sie zu befreien . . . Er entfernt sich für einen Augenblick – in die Conditorei zurückgekehrt, findet er weder das Mädchen noch den Greis; leidenschaftlich forscht er nach den Beiden, er findet beständig ganz frische Spuren von ihnen, eilt ihnen nach – und vermag auf keine Weise, nirgends, nie sie einzuholen. – Die Schöne entschwindet ihm für alle Ewigkeit – und nicht im Stande ist er, ihren flehenden Blick zu vergessen, und es plagt ihn der Gedanke, daß vielleicht sein ganzes Glück seinen Händen entschlüpft ist. . .

Schwerlich hat Hoffmann seine Erzählung in dieser Weise beendet, doch so hatte sie sich bei Gemma gestaltet, war so in ihrer Erinnerung geblieben.

»Es scheint mir,« sagte sie, »daß solches Begegnen und Trennen häufiger in der Welt vorkomme, als wir denken.« Sanin schwieg und sprach einen Augenblick nachher. . . über Herrn Klüber. Es war das erste Mal, daß er desselben erwähnte; bis zu diesem Augenblicke hatte er sich seiner nicht einmal erinnert.

Gemma ihrerseits schwieg, wurde nachdenkend und ein wenig auf den Nagel ihres Zeigefingers beißend, wandte sie die Augen nach der Seite. Dann lobte sie ihren Bräutigam, erwähnte der von ihm auf Morgen vorbereiteten Landpartie und, nach einem raschen Blick auf Sanin, schwieg sie wieder.

Sanin wußte nicht, worüber er sprechen solle.

Emil kam geräuschvoll hereingelaufen und weckte Frau Lenora . . . Sanin war froh, daß er gekommen. Frau Lenora stand vom Sessel auf. Es erschien Pantaleone und eröffnete, daß das Mittagessen fertig sei. Der Hausfreund, der Exsänger und Diener, verwaltete ebenfalls das Amt des Koches.




XIII


Sanin blieb auch nach dem Mittagmahle. Wieder unter dem Vorwand der großen Hitze – ließ man ihn nicht fort, und als diese vergangen, schlug man ihm vor, nach dem Garten zu gehen, um im Schatten der Akazien Caffee zu trinken. Sanin willigte ein. Er fühlte sich sehr wohl. In der einförmigen und ruhigen Strömung des Lebens sind große Reize enthalten – und er überließ sich ihnen mit Entzücken, nichts Besonderes vom heutigen Tage verlangend, aber auch nicht über den künftigen nachdenkend und des gestrigen sich nicht erinnernd. Welchen Werth hatte schon die bloße Nähe eines Mädchens wie Gemma? Er wird sie bald verlassen, und wahrscheinlich für immer; doch so lange derselbe Kahn, wie in der Romanze von Uhland, sie Beide auf den bemeisterten Lebensfluthen dahin führt – freue Dich, genieße, Wanderer! Und Alles erschien dem glücklichen Wanderer angenehm und lieb.

Frau Lenora schlug ihm vor, sich mit ihr und Pantaleone in »tresette« zu messen, sie lehrte ihn dieses einfache italienische Kartenspiel – gewann von ihm einige Kreuzer – und er war zufrieden; Pantaleone ließ auf die Bitte von Emilio den Pudel alle seine Kunststücke durchmachen – und Tartaglia sprang über den Stock, »sprach«, d. h. bellte, nieste, machte die Thüre mit der Nase zu, brachte einen ausgetragenen Pantoffel seines Herrn – und stellte endlich, mit alter Soldatenmütze auf dem Kopf, den Marschall Bernadotte dar, welcher für seinen Verrath die bittersten Vorwürfe vom Kaiser Napoleon I. hören muß. Napeleon stellte natürlich Pantaleone vor – und gab ihn äußerst gelungen: er kreuzte die Arme über die Brust, setzte sich den dreieckigen Hut tief bis zu den Augen auf – und sprach grob und anmaßend, französisch, doch Himmel! welches Französisch! Tartaglia saß vor seinem Herrscher ganz zusammengekauert, mit eingeklemmtem Schwanz, verlegen blinzelnd und die Augen, unter dem Schirm der schief ausgesetzten Soldatenmütze, zusammendrückend; von Zeit zur Zeit, wenn Napoleon die Stimme erhob, stellte sich Bernadotte auf die Hinterpfoten. »Fuori, traditore!« schrie endlich Napoleon in seinem scenischen Eifer vergessend, daß er bis zu Ende seinem französischen Charakter treu zu bleiben habe – und Bernadotte lief kopfüber unter den Divan, doch sprang er sofort mit freudigem Bellen hervor, auf diese Weise gewissermaßen bekannt gebend, daß die Vorstellung zu Ende sei. Alle Zuschauer lachten sehr viel – doch Sanin am meisten.

Gemma war ein allerliebstes, nettes, unausgesetztes, doch stilles, mit kleinen drolligen Aufschreien untermischtes Lachen eigen . . . Sanin wurde es so wohlig von diesem Lachen ums Herz – todtgeküßt hätte er sie für dieses Aufschreien!

Endlich kam die Nacht. Man mußte vernünftig sein! Nachdem er mehrere Mal sich von Allen verabschiedet und Jedem wiederholt »auf morgens« gerufen hatte (mit Emil wechselte er selbst Küsse) ging Sanin nach Hause und trug das Bild des Jungen, bald lachenden, bald nachdenkenden, ruhigen und selbst kaltblütigen – und doch stets so anziehenden Mädchens mit sich fort! Ihre Augen bald weit geöffnet, hell und freudig wie der Tag, bald von den Augenwimpern halb bedeckt, dunkel und tief wie die Nacht, schienen immer ihn anzublicken, sonderbar und süß alle anderen Gebilde und Vorstellungen durchdringend.

An Herrn Klüber, an die Ursache, die ihn in Frankfurt zu bleiben bewogen – kurz an Alles, was ihn die Nacht vorher so beunruhigt hatte – dachte er kein einziges Mal.




XIV


Ein paar Worte sind endlich über Sanin selbst zu sagen.

Erstens war er gar nicht übel: stattlicher, schlanker Wuchs, angenehme, ein wenig verschwindende Gesichtszüge, freundlich bläuliche Augen, helles, goldenes Haar, weiße mit frischem Roth eingehauchte Gesichtsfarbe – und vor Allem jener gutmüthig lustige, vertrauende, aufrichtige, vom ersten Anblick selbst etwas beschränkt scheinende Gesichtsausdruck, an dem man sofort in früheren Zeiten die Söhne unserer adeligen »Steppen«– Familien, die Muttersöhnchen, in unseren grenzenlosen Steppengegenden geboren und aufgefüttert, erkennen konnte— ein schleppendes Gehen, leises etwas zischendes Sprechen, Lächeln wie beim Kinde, das man anblickt . . . endlich die Frische, die Gesundheit – und Weichheit, grenzenlose Weichheit des ganzen Wesens – da haben Sie Sanin. Ferner war er nicht dumm, und hatte auf seiner Reise ins Ausland etwas gelernt: die dunklen, stürmischen Gefühle, welchen der bessere Theil – damaliger Jugend ausgesetzt war, waren ihm fern geblieben.

In den letzten Jahren hat man in unserer Literatur nach langem, vergeblichem Suchen nach »neuen Leuten« Jünglinge vorzuführen angefangen, die sich entschlossen haben, frisch zu erscheinen, frisch – wie Flensburger Austern, die im Winter nach Petersburg gebracht werden. . . Sanin glich ihnen nicht. Da wir einmal auf Vergleiche gekommen sind, so erinnerte Sanin an einen jungen, vollen, unlängst angepfroften Apfelbaum unserer humusreichen Gärten, oder noch mehr an ein gut gepflegtes, glattes, dickfüßiges, zartes, dreijähriges Pferd unserer früheren herrschaftlichen Gestüte, das man eben an einem Strick zu laufen zwingt. Diejenigen, die Sanin später, als das Leben gehörig an ihm gerüttelt und das in den jungen Jahren angefütterte Fett verschwunden war, kennen lernten, erblickten in ihm freilich einen ganz anderen Menschen .

Am nächsten Tage lag Sanin noch im Bett, als Emil in Sonntagskleidern, mit einem Stückchen in der Hand und stark pomadirt, in sein Zimmer hinein- stürmte und erklärte, daß Herr Klüber sofort mit dem Wagen erscheinen werde, daß das Wetter ausgezeichnet zu bleiben verspreche, daß bei ihnen bereits Alles fertig sei, die Mutter jedoch, die wieder an Kopfschmerzen leide, nicht mitfahren werde. Er trieb Sanin, soweit schicklich, zur Eile, indem er versicherte, man habe keinen Augenblick zu verlieren . . . Und wirklich: Herr Klüber fand Sanin noch mit seiner Toilette beschäftigt. Er klopfte, kam herein, grüßte, verbeugte den ganzen Körper, äußerte seine Bereitwilligkeit zu warten, so lange es beliebe und setzte sich, den Hut zierlich auf die Kniee stützend. Der wohlgestaltete Commis hatte sich bis aufs Aeußerste fein gemacht und parfumirt, jede seiner Bewegungen wurde von einem stets zunehmenden Zuströmen des feinsten Aromas begleitet. Er war in einem bequemen, offenen Wagen angekommen, einem sogenannten Landauer, der von zwei starken, großen, wenn auch nicht schönen Pferden gezogen wurde. In diesem Wagen fuhren nach einer Viertelstunde Sanin, Klüber, Emil feierlich bei der Thür der Conditorei vor. Frau Roselli weigerte sich entschieden, an der Landpartie Theil zu nehmen; Gemma wollte bei der Mutter bleiben, doch diese, jagte sie fort, wie man scherzhaft sagt.

»Ich brauche Niemand,« versicherte sie; »ich werde schlafen. Ich hätte selbst Pantaleone mit Euch geschickt – doch wer soll beim Geschäft bleiben?«

»Kann man Tartaglia mitnehmen?« fragte Emil.

»Freilich kann man es.«

Tartaglia kletterte mit freudigem Gebell auf den Bock, setzte sich und beleckte sich; man sah, daß das, was vorging, ihm nichts Ungewohntes war. Gemma setzte einen Strohhut mit braunen Bändern auf; der Vorderrand desselben war nach unten gebogen und – schützte beinahe ihr ganzes Gesicht vor der Sonne. Die Schattenlinie hörte gerade bei den Lippen auf; sie glänzten zart und jungfräulich in Purpurfarbe wie die Blätter der Centifolie, hinter ihnen blitzten die Zähne wie verstohlen hervor und zeigten sich harmlos wie im Munde der Kinder. Gemma nahm mit Sanin den Hauptsitz ein, Klüber und Emil saßen ihnen gegenüber. Die bleiche Gestalt der Frau Lenora zeigte sich am Fenster, Gemma winkte mit dem Taschentuch – und die Pferde setzten sich in Bewegung.




XV


Soden – ein kleines Städtchen etwa eine halbe Stunde von Frankfurt – liegt in reizender Lage an den Ausläufern des Taunus und ist bei uns in Rußland durch seine Quellen, die Leuten, welche an schwacher Brust leiden, nützlich sein sollen, berühmt. Die Frankfurter fahren meist zu ihrer Zerstreuung hin, da Soden einen prachtvollen Park mit zahlreichen Wirthschaften besitzt, wo man im Schatten hoher Linden und Buchen Caffee und Bier trinkt. Der Weg von Frankfurt nach Soden zieht sich längst des rechten Mainufers: er ist an beiden Seiten mit Fruchtbäumen bewachsen. So lange der Wagen auf der schönen Chaussée rollte, beobachtete Sanin verstohlen, wie Gemma mit ihrem Bräutigam umgehe: er sah sie Beide zum ersten Male zusammen. Sie war ruhig und einfach – doch etwas zurückhaltender und ernster als sonst; er erinnerte an einen nachsichtigen Lehrer, der sich selbst und seinen Anbefohlenen ein bescheidenes und stilles Vergnügen erlaubt hat. Ein besonderes Hofmachen Gemma gegenüber, das, was die Franzosen empressement nennen, konnte Sanin bei ihm nicht bemerken. Man sah, daß Herr Klüber Alles für ausgemacht hielt, und daher keinen Grund sah, sich zu bemühen und sich aufzuregen. Die Nachsicht aber verließ ihn für keinen Augenblick! Selbst während des großen Spazierganges in den waldigen Bergen und Thalern hinter Soden, der vor dem Mittagessen unternommen wurde, die Schönheiten der Natur bewundernd, verhielt sich Klüber selbst ihr, der Natur, gegenüber mit derselben Nachsicht, durch welche zuweilen die Strenge des Vorgesetzten zum Vorschein kam. So bemerkte er von einem Bache, daß er zu gerade durch das Thal fließe, statt einige malerische Biegungen zu machen; er billigte nicht die Ausführung eines Vogels – eines Finken – der nicht genug Abwechslung in seinen Gesang bringe! Gemma langweilte sich nicht und schien sogar Vergnügen zu haben, doch die frühere Gemma konnte Sanin in ihr nicht erkennen: nicht als ob eine Wolke sie umhüllte, ihre Schönheit war noch nie so strahlend gewesen, doch ihre Seele war in sich, nach innen gekehrt. Mit ausgebreitetem Schirm, mit unaufgeknöpften Handschuhen spazierte sie, gesetzt, langsam, wie artige Mädchen spazieren, und sprach wenig. Emil fühlte sich auch gezwungen – und Sanin noch mehr. Er war schon davon unangenehm berührt, daß das Gespräch beständig in deutscher Sprache geführt wurde. Tartaglia allein fühlte sich wohl. Mit tollem Gebell jagte er den ihm begegnenden Krammetsvögeln nach, sprang über Gräben, über Baumstümpfe und gefällte Baume, warf sich mit Wuth ins Wasser, schlürfte es hastig, schüttelte sich, bellte und rannte wieder wie ein Pfeil, die rothe Zunge fast bis zu den Schultern ausstreckend. Herr Klüber machte seinerseits Alles, was er zur Belustigung der Gesellschaft für nöthig hielt; er schlug vor, sich im Schatten einer üppigen Eiche zu setzen – und, aus der Tasche ein kleines Buch mit dem Titel: »Knallerbsen – oder Du sollst und wirst lachen« ziehend, fing er, die auf Witz Anspruch machenden Anekdoten, mit denen das Buch gefüllt war, vorzulesen an. Er trug über ein Dutzend vor, doch erregten sie nur wenig Lustigkeit: « Sanin allein ließ aus Höflichkeit, als hätte er gelacht, die Zähne sehen, und er selbst, Herr Klüber, ließ nach jeder Anekdote ein kurzes, geschäftliches – und doch nachsichtiges Lachen vernehmen. Um zwölf Uhr Mittags kehrte die ganze Gesellschaft nach Soden in die beste Wirthschaft zurück.

Man mußte an das Mittagessen denken.

Herr Klüber schlug vor, das Mittagessen in einem geschlossenen Gartenhäuschen, dem »Gartensalon« einzunehmen, doch Gemma rebellirte und erklärte, daß sie nicht anders als im Garten, an einem der sich vor dem Restraurant befindenden runden Tischchen essen werde; es sei ihr zu einförmig, stets dieselben Gesichter zu sehen, sie wolle andere sehen! An einigen Tischen saßen bereits neu angekommene Gäste.

Während Herr Klüber, wohlwollend der Caprice seiner Braut nachgebend, sich mit dem Oberkellner berathen ging, stand Gemma unbeweglich, mit gesenkten Augen und zusammengepreßten Lippen; sie fühlte, daß Sanin sie unaufhörlich gleichsam forschend betrachtete – und dies schien sie zu ärgern. Endlich kam Klüber zurück, erklärte das Mittagessen würde in einer halben Stunde fertig sein, und schlug vor, bis dahin Kegel zu schieben, indem er hinzufügte, »das sei dem Appetit dienlich, he, he, he!« Er schob meisterhaft Kegel; die Kugel werfend gab er sich einen äußerst kühnen Anstrich, setzte seine Muskeln mit Zierlichkeit in Bewegung, holte zierlich mit dem Fuße aus. Er war in einer Art ein Athlet, so prachtvoll war er gebaut! Dabei waren seine Hände so weiß und schön, und er wischte sie an einem so reichen, bunt und goldgefärbten indischen Foulard ab.

Der Augenblick des Mittagessens war gekommen, und die ganze Gesellschaft nahm an dem Tischchen Platz.




XVI


Wer weiß nicht, was ein deutsches Mittagessen ist? Eine wässerige Suppe mit unförmlichen Klößen und Muskat, ausgekochtes Rindfleisch, trocken wie ein Korb mit angewachsenem Stück weißen Fett, mit wässerigen Kartoffeln, aufgedunsenen Rüben und gekautem Meerrettich, Karpfen in Blau mit Kapern und Essig, Braten mit Eingemachtem, und die unausbleibliche Mehlspeise, etwas Puddingartiges, mit rothem, säuerlichem Aufguß; dafür aber auch ausgezeichneter Wein und köstliches Bier. Mit solchem Mittagessen tractirte der Sodener Restraurateur seine Gäste. Das Mittagessen verlief übrigens glücklich. Besonders lebhaft ging es allerdings nicht zu: selbst dann nicht, als Herr Klüber einen Toast vorschlug für das, »was wir lieben.« Alles ging eben zu steif und anständig zu. Nach dem Essen brachte man dünnen, röthlichen, kurz deutschen Caffee. Herr Klüber bat als echter Cavalier bei Gemma um die Erlaubniß, eine Cigarre anzuzünden. . . Doch da ereignete sich etwas Unvorgesehenes, wirklich Unangenehmes und selbst Unanständiges!

An einem der benachtbarten Tischchen hatten einige Officiere der Mainzer Garnison Platz genommen.

Aus ihren Blicken und ihrem Flüstern konnte man leicht errathen, daß die Schönheit von Gemma ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte; Einer von ihnen, der wohl Gelegenheit gehabt, in Frankfurt zu sein, blickte sie beständig wie eine ihm gut bekannte Persönlichkeit an, er wußte augenscheinlich, wer sie sei. Plötzlich erhob er sich und näherte sich mit dem Glase in der Hand – die Herren Officiere hatten tüchtig getrunken und ihr Tisch war ganz von Flaschen bedeckt – dem Tische, an welchem Gemma saß. Es war ein sehr junger, ganz blonder Mann mit ziemlich angenehmen, selbst sympathischen Gesichtszügen: doch der genossene Wein verunstaltete dieselben: seine Wangen bewegten sich krampfhaft hin und her, die entzündeten Augen irrten umher und blickten frech. Seine Kameraden versuchten ihn anfangs zurückzuhalten, doch ließen sie ihn gehen: geschehe was da wolle – was wird daraus entstehen?

Ein wenig auf den Füßen wankend, blieb der Officier vor Gemma stehen und rief mit herausgedrängter und geschrieener Stimme, in der man doch den Kampf mit sich selbst bemerken konnte . . . »Ich trinke auf das Wohl der schönsten Caffeemamsel in ganz Frankfurt und der ganzen Welt!« hier stürzte er das Glas hinunter – »und nehme mir zum Lohne diese Blume, die von Ihren göttlichen Fingern gepflückt ist.« Und er nahm die vor Gemmas Teller liegende Rose. Sie war erstaunt, erschrocken und schrecklich bleich . . . dann empört, sie wurde ganz roth bis zu den Haaren, und ihre Augen, gerade auf ihren Beleidiger gerichtet, zu gleicher Zeit sich verdunkelnd und ganz flammend, nahmen einen finsteren Ausdruck an und sprühten im Feuer des unbezähmbaren Zornes. Dieser Blick machte den Officier sichtbar verlegen; er brachte etwas Unverständliches hervor, verbeugte sich – und kehrte zu den Anderen zurück.

Herr Klüber erhob sich plötzlich von seinem Stuhle, reckte sich, so weit es ging, in die Höhe, setzte seinen Hut auf und rief mit Würde, doch nicht allzu laut: »Unerhört! unerhörte Frechheit!« Er rief sofort den Kellner und verlangte mit strenger Stimme die Rechnung . . . doch damit begnügte er sich nicht: er ließ den Wagen anspannen, wobei er erklärte, daß anständige Leute hierher nicht kommen können, da sie Beleidigungen ausgesetzt seien. Bei diesen Worten lenkte Gemma, die immer regungslos auf ihrem Platze saß – nur ihre Brust wogte hoch und ungestüm – ihre Augen auf Herrn Klüber . . . und sah ihn ebenso scharf, mit demselben Blick, wie den Officier an. Emil zitterte förmlich vor Wuth.




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notes



1


In früheren Zeiten – auch jetzt ist es noch der Fall – wurden, wenn gegen Monat Mai, eine große Menge Russen in Frankfurt erschienen, die Preise in allen Läden erhöht und bekamen den Namen: »Russen« – und leider – »Narren- Preise.«.


