Deportiert auf Lebenszeit
 




Markus Clarke

Deportiert auf Lebenszeit





Buch 1





Prolog


Am Abend des dritten Mai 1827 ereignete sich in dem Garten des großen, rothen Hauses mit Bogenfenstern, das »Nordend-Haus« genannt wird und von ausgedehnten Gärten und Parks umgeben, aus der östlichen Erhöhung der Hampstead-Heide zwischen dem Finchley-Wege und der Kastanien-Allee liegt – eine jener Familien-Tragödien, die den Dramatikern Stoff zu einem Trauerspiel und den Schriftstellern Stoff zu einem Roman liefern. Drei Personen standen auf dem Rasenplatz. Die Eine war ein alter Mann, dessen weißes Haar und gefurchtes Gesicht Zeugniß gab, daß er wenigstens sechzig Jahre alt war. Er stand hochaufgerichtet da, mit dem Rücken gegen die Mauer, welche den Garten von der Heide trennt, in der Stellung eines Mannes, der plötzlich in Leidenschaft gerathen ist. Er hielt seinen Ebenholzstock, auf den er sich sonst stützte, hoch erhoben. Ihm gegenüber stand ein junger Mann von zweiundzwanzig Jahren, ungewöhnlich groß und stark von Gestalt, der, in grobe Seemannstracht gekleidet, in Seinen Armen, wie beschützend, eine Dame in mittleren Jahren hielt. Das Gesicht des jungen Mannes trug einen Ausdruck von staunendem Entsetzen und die zarte Gestalt der grauhaarigen Dame war von Schluchzen erschüttert. Diese drei Personen waren Sir Richard Devine, seine Frau Lady Devine und sein einziger Sohn Richard, der erst diesen Morgen aus der Ferne nach Hause zurückgekehrt war.

»So, Madame,« sagte Sir Richard in jenem hohen Tone, der selbst den Gefaßtesten unter uns in Augenblicken großer Gemüthsaufregung eigen ist, – »so sind Sie also zwanzig Jahre lang eine lebende Lüge gewesen! Zwanzig Jahre lang haben Sie mich betrogen und verspottet. Zwanzig Jahre lang haben Sie in Gesellschaft eines vornehmen Schurken, dessen Name ein Ausdruck für Alles Liederliche und Gemeine ist, über mich gelacht und mich für einen leichtgläubigen, gehörnten Narren gehalten! Und jetzt, nun ich meine Hand erhebe gegen diesen leichtsinnigen Burschen, jetzt bekennen Sie Ihre Schande und rühmen sich dieses Geständnisses!«

»Mutter, Mutter, liebe Mutter,« rief der junge Mann in leidenschaftlichen Schmerz, »sage, daß Deine Worte nicht wahr sind , sage, daß Du sie nur im Zorn sprachst! Sieh, jetzt bin ich ruhig und er kann mich schlagen, wenn er will.«

Lady Devine schauerte zusammen und suchte sich an der breiten Brust ihres Sohnes zu verbergen. Der alte Mann fuhr fort: »Ich heirathete Dich, Ellinor Wade, wegen Deiner Schönheit, Du heirathetest mich wegen meines Vermögens. Ich war ein Plebejer, ein Schiffszimmermeister, was Du willst. Du warst edelgeboren; Dein Vater war ein Mann nach der Mode, ein Spieler, ein Freund von liederlichen Menschen und Verschwendern. Ich war reich. Man hat mich zum Ritter geschlagen. Ich war bei Hofe in Gunst. Er brauchte Geld und verkaufte Dich. Ich bezahlte den Preis den er forderte, aber es stand nichts von dem Vetter, dem Lord Bellasis und Wotton in dem Vertrage.«

»Schonen Sie meiner, schonen Sie meiner,« sagte Lady Ellinor leise.

»Sie schonen! Ach, haben Sie mich geschont? Hören Sie,« schrie er in plötzlicher Wuth, »ich lasse mich nicht so leicht zum Narren halten. Ihre Familie ist stolz. Oberst Wade hat noch mehr Töchter. Ihr Liebhaber, Lord Bellasis denkt jetzt gerade daran, sein zerrüttetes Vermögen durch eine vortheilhafte Heirath wieder herzustellen. Sie haben Ihre Schande gestanden. Gut. Morgen soll Ihr Vater, sollen Ihre Schwester, die Welt soll die Geschichte hören, die Sie mir so eben erzählt haben!«

»Beim Himmel, Herr, das wird nicht geschehen!« rief der junge Mann.

»Schweig, Bastard!« schrie Sir Richard. »Ha, beiße nur auf Deine Lippen, das Wort hat Deine kostbare Mutter erfunden.«

Lady Ellinor glitt aus ihres Sohnes Armen und fiel aus ihre Knie zu ihres Gatten Füßen.

»Thue das nicht, Richard. Ich bin Dir zweiundzwanzig Jahre lang treu gewesen. Ich habe alle Beleidigungen und Kränkungen ertragen, die Du auf mich gehäuft hast. Das schmachvolle Geheimniß meiner jungen Liebe verrieth sich, als Du in Deiner Wuth ihn bedrohtest. Laß mich von Dir gehen. Laß Dich von mir scheiden, tödte mich, aber belaste mich nicht mit der Schande.«

Sir Richard, der sich schon zum Gehen gewandt hatte, hielt plötzlich an und seine großen, weißen Augenbrauen zogen sich wild über dem rothen Gesicht zusammen. Er lachte und in diesem Lachen schien seine Wuth in kalten, grausamen Haß überzugehen.

»Sie wollen Ihren guten Namen bewahren, Sie wollen Ihre Schande vor der Welt verbergen. Ihr Wunsch soll erfüllt werden, aber nur unter einer Bedingung.«

»Welche Sir?« fragte sie zitternd vor dem unbestimmten, entsetzlichen Etwas, halb erhoben, die Arme herunterhängend und die Augen weit geöffnet.

Der alte Mann blickte sie einen Augenblick an und sagte dann langsam: »Daß dieser Betrüger, der fälschlicherweise so lange meinen Namen getragen mein Geld ungerechter Weise verschwendet und mein Brod ohne ein Recht darauf zu haben, gegessen, – daß er sich packe! Daß er für immer diesen angemaßten Namen ablege, aus meinen Augen gehe und nie wieder einen Fuß in mein Haus setze!«

»Du wirst mich doch nicht trennen von meinem einzigen Sohne!« rief das unglückliche Weib.

»So nimm ihn denn mit zu seinem Vater!«

Richard Devine löste sanft die Arme seiner Mutter, die um seinen Nacken geschlungen waren, küßte das bleiche Gesicht und wandte sein eigenes, nicht weniger bleich, zu dem alten Manne.

»Ich schulde Ihnen nichts,« sagte er, ,denn Sie haben mich immer gehaßt und zurückgestoßen. Als Sie mich durch Ihre Heftigkeit aus dem Hause trieben, hielten Sie sich Spione, die das von mir gewählte Leben bewachten. Ich habe nichts mit Ihnen gemein, das habe ich lange gefühlt. Jetzt, nun ich zum ersten Mal höre, wessen Sohn ich bin, freue ich mich, daß ich Ihnen noch weniger Dank schuldig bin, als ich glaubte. Ich nehme die Bedingungen an, die Sie anbieten. Ich will gehen. – Nein – Mutter, denke an Deinen guten Ruf.«

Sir Richard Devine lachte auf. »Ich freue mich, daß Du so gut gesinnt bist. Jetzt höre. Heute noch lasse ich Quaid holen, um mein Testament zu ändern. Meiner Schwester Sohn Maurice Frere soll an Deiner Stelle mein Erbe sein. Ich gebe Dir nichts. Du verlässest dies Haus binnen einer Stunde. Du änderst Deinen Namen; Du machst niemals durch Wort oder That einen Anspruch an mich oder die Meinigen. Unter keinem Vorwande der Noth oder der Armuth darfst Du es thun, selbst wenn Leben und Tod davon abhängen. In dem Augenblick, da ich höre, daß Jemand auf Erden lebt, der sich Richard Devine nennt, soll Deiner Mutter Schande öffentlich werden. Du kennst mich. Ich halte mein Wort. In einer Stunde kehre ich zurück, dann muß er gegangen sein, Madame.«

Und aufrecht, von Leidenschaft durchbebt, schritt er an ihnen vorüber, hinaus aus dem Garten, mit der Kraft, welche der Zorn verleiht. Er nahm den Weg nach; der Stadt.

»Richard,« rief die arme Mutter, »vergieb mir, mein Sohn, ich habe Dich in’s Verderben gestürzt.«

Richard Devine warf sein schwarzes Haar von seiner Stirn zurück, in leidenschaftlichem Kummer und zärtlicher Liebe.

»Mutter, liebe Mutter, weine nicht,« sagte er.

»Ich bin Deiner Thränen nicht werth. Vergieb! Ich, bin ungestüm und so undankbar während all dieser Jahre Deines Kummers, – ich brauche Vergebung. Laß mich Deine Bürde mittragen, damit sie Dir leichter werde. Er hat Recht. Ich muß gehen. Ich kann mir einen Namen erwerben, den ich ohne erröthen tragen kann und den Du ohne Erröthen hören sollst. Ich bin stark, ich kann arbeiten. Die Welt ist weit. Lebe wohl, meine theure Mutter!«

»Noch nicht! Ach sieh, er hat den Weg nach Belsize eingeschlagen. O Richard, bitte Gott, daß sie einander nicht begegnen.«

»Still, sie werden sich nicht begegnen. Du bist blaß und so schwach.«

»Ein Schrecken vor künftigem Unheil erfaßt mich. Ich zittere um der Zukunft willen. Richard, Richard, vergieb mir! Bete für mich!«

»Still, Liebste. Komm, laß mich Dich hineinführen. Ich werde schreiben. Ich werde Nachricht senden, ehe ich abreise. – Jetzt bist Du ruhiger, Mutter!«


* * *

Sir Richard Devine, Ritter, Schiffsbauer, Bau-Unternehmer und Millionär, war der Sohn eines Schiffszimmermeisters von Harwich. Er wurde früh zur Weise und hatte eine Schwester zu unterhalten. Sein einziger Lebenszweck wurde bald das Anhäufen von Geld. Unter dem Harwicher Bootschuppen hatte er vor fast fünfzig Jahren den Contrakt geschlossen, trotz des von allen Seiten ihm prophezeiten Mißlingens, eine Kriegschaluppe Hastings für die Lords von der Admiralität einer Majestät des Königs Georg des Dritten zu bauen. Dieser Contrakt war die scharfe Schneide, welche endlich den mächtigen Eichblock der Regierungs-Protektion in Dreidecker und Linienschiffe ; zerschnitt, welche gute Dienste thaten unter Pellew, Parker, Nelson und Hood. Weiter breitete Devine seine Thätigkeit aus und gelangte in die ungeheuren Docks zu Plymouth, Portsmouth und Sheerneß und die Früchte seiner Arbeit schiffte er in Gestalt von zahllosen Tonnen sinnigen Schweinefleisches und madigen Zwiebackes ein.

Der einzige Zweck des rohen, arbeitenden, hartköpfigen Sohnes von Dick Devine war, Geld zu machen. Er hatte zusammengekratzt und gescharrt, hatte gestrebt und sich geplagt, hatte den Staub geleckt von den Schuhen der großen Männer und sich in den Vorzimmern der Vornehmen herumgedrückt. Nichts war ihm zu niedrig, nichts war ihm zu hoch. Ein scharfer Geschäftsmann, ein vollendeter Meister in seinem Gewerbe, wenig beunruhigt von Bedenken der Ehre oder des Zartgefühls, machte er rasch Geld und sparte es, so wie er es gewann. Der erste Wink, der über seinen Reichthum in die Oeffentlichkeit drang wurde im Jahre 1796 gegeben, als es hieß, daß ein Mr. Devine, einer der Schiffscontraktoren der Regierung, ein verhältnißmäßig junger Mann von etwa vierundvierzig Jahren, fünftausend Pfund für die patriotische Anleihe unterschrieben hatte, welche erhoben wurde, um den französischen Krieg fortzusetzen. Im Jahre 1805, nachdem er gute und wie es hieß, nicht unvortheilhafte Dienste in dem Prozeß des Lord Melville, des Schatzkanzlers der Marine, geleistet hatte, verheiratete er seine Schwester an einen reichen Kaufmann von Bristol, einen gewissen Anthony Frere, und sich selbst verband er mit Ellinor Wade, der ältesten Tochter des Oberst Wotton Wade, eines Gefährten des Regenten und eines Onkels (durch Heirath) des als Verschwender und Gecken bekannten Lord Bellasis. Zu jener Zeit durch glückliche Spekulationen in Papieren, man flüsterte auch etwas von geheimen Nachrichten aus Frankreich während der stürmischen Jahre 13, 14 und 15 und durch rechtlichen Gewinn aus seinen Contrakten mit der Regierung, hatte er ein fürstliches Vermögen gesammelt und konnte in fürstlicher Pracht leben. Aber der alte Seemannsgeiz konnte nicht wieder so leicht abgeschüttelt werden und die einzige Art, wie er seinen Reichthum zeigte, war, daß er, als er geadelt war, das große aber behagliche Haus in Hampstead kaufte und sich öffentlich von den Geschäften zurückzog.

Seine Zurückgezogenheit war keine glückliche. Er war ein strenger Vater und ein eiserner Herr. Seine Diener haßten ihn und seine Frau fürchtete ihn. Sein einziger Sohn Richard schien des Vaters starren Willen und hochmüthige Art geerbt zu haben. Unter sorgfältiger Leitung und gerechter Hand hätte er wohl zum Guten geführt werden können. Da er aber draußen in der Welt sich selbst überlassen blieb und zu Hause durch das eiserne Joch des väterlichen Willens verbittert war, wurde er leichtsinnig und verschwenderisch. Die Mutter, die arme, schüchterne Ellinor, welche ihrer einzigen Liebe, ihrem Vetter Bellasis rauh entrissen war, versuchte, ihn zu ziehen, aber der eigensinnige Knabe, der zwar eine warme Liebe zu seiner Mutter besaß, wie sie solchen heftigen Naturen oft eigen ist, war nicht zu regieren und nach drei Jahren häuslichen Unfriedens war er auf den Continent gegangen, um dort das leichtfertige Leben fortzusetzen, das in London den geldscharrenden Vater so schwer beleidigt hatte. Darauf hatte Sir Richard nach Maurice Frere geschickt, seiner Schwester Sohn. Abschaffung des Sklavenhandels hatte das Bristol-Haus-Frere gänzlich ruiniert. Sir Richard kaufte seinem Neffen ein Patent in einem Linienregiment und ließ Winke fallen von künftigen Gunstbezeugungen. Diese offene Bevorzugung des Neffen hatte seine empfindliche Frau auf’s Lebhafteste gekränkt. Mit tiefem Schmerz verglich sie die vornehme Großmuth und Verschwendung ihres Vaters mit der genauen Sparsamkeit ihres Mannes. Zwischen den Häusern des Emporkömmlings Devine und des vornehmen Wotton Wade herrschte wenig Liebe. Sir Richard fühlte, daß der feine Edelmann ihn als einen Ritter der Handelsstadt verachtete und er wußte recht gut, daß bei dem Claret und bei den Karten Lord Bellasis und seine Freunde oft das harte Schicksal anklagten, das die schöne Ellinor einem so niedrigen Bräutigam überliefert hatte.

Armigell Esmé Wade, Viscount Bellasis und Wotton, war ein Geschöpf seiner Zeit. Von guter Familie (sein Ahnherr Armigell sollte in Amerika vor Gilbert oder Raleigh gelandet sein), hatte er den Herrensitz Bellasis oder Belsize von einem Sir Esmé Wade geerbt, der seiner Zeit Gesandter der Königin Elisabeth an den König von Spanien in der Angelegenheit des Mendoza gewesen und später Rath Jakobs des Ersten und Befehlshaber des Towers. Dieser Esmé war ein Mann von dunkeln Plänen. Er war es, der für Elisabeth mit Marie von Schottland unterhandelte ; er war es, der aus Cobham das Zeugniß gegen den großen Raleigh herausbrachte. Er wurde reich und seine Schwester (die Wittwe Heinrichs von Kirkhaven, Lord von Hemfleet) heirathete in die Familie der Wottons.

Der Reichthum des Hauses wurde ferner vermehrt durch eine Verbindung ihrer Tochter Sybille mit Marmaduke Wade. Derselbe war ein Lord der Admiralität und ein Patron von Pepys, der in seinem Tagebuche vom 17. Juli 1668 davon spricht, daß er ihn in Belsize besucht habe.

Er wurde im Jahre 1667 unter dem Titel eines Lord Bellasis und Wotton zum Pair erhoben und heirathete in weiter Ehe Anna, Tochter von Philipp Stanhope, zweitem Grasen von Chesterfield. Mit diesem mächtigen Hause verbunden, wuchs und blühte der Familienbaum der Wotton-Wade. Im Jahre 1784 heirathete Philipp, dritter Viscount, die berühmte Schönheit Miß Forvey und es stammte aus dieser Ehe Armigell Esmé, mit dessen Person die Familien-Klugheit ein Ende erreicht zu haben schien. Der vierte Lord Bellasis schien die Kühnheit des Abenteurers Armigell mit den üblen Anlagen des Tower-Kommandanten Esmé zu vereinigen. Kaum war er Herr des Vermögens geworden, so begann er zu würfeln, zu trinken und ausschweifend zu leben, wie immer nur das ausschweifende Jahrhundert es gestatten. Er war der Erste in allen Raufereien und der Bekannteste unter den Berüchtigten des Tages. Horace Walpole führt in einem Briefe an Selwyn von 1785 eine Thatsache an, die hier stehen mag – »Der junge Wade,« sagt er »soll in einer Nacht tausend Guineen an den gemeinsten aller Bourbonen, den Herzog von Chartres, verloren haben und der junge Narr ist noch nicht neunzehn Jahre alt.« Aus der Taube wurde ein Habicht und als Armigell Wade außer seinem Vermögen auch die Hoffnung auf den Besitz der einzigen Frau, die ihn hätte retten können, seiner Cousine Ellinor – verloren hatte, wurde er der unglücklichste aller Sterblichen, ein vornehmer Schuft. Als ihm Kapitain Wade mit seinen dünnen Lippen und kaltem Lächeln erzählte, daß der reiche Schiffbauer Sir Richard Devine eine Verbindung mit seiner schönen, blonden Ellinor begehre, schwor er mit zusammengezogenen Brauen, daß kein Gesetz im Himmel und auf der Erde ihn nun von seiner Verschwender-Laufbahn zurückhalten solle. »Sie haben Ihre Tochter verkauft und mich ruiniert,« sagte er. »Schreiben Sie sich selbst die Folgen davon zu.« Kapitain Wade spottete über seinen zornigen Verwandten. »Sie werden Sir Richards Haus sehr angenehm finden und für einen so erfahrenen Spieler wie Sie ist solch’ ein Haus ein ganzes Einkommen werth.« Lord Bellasis besuchte Sir Richards Haus während des ersten Jahres nach der Heirath seiner Cousine; als aber der Sohn geboren wurde, welcher der Held unsrer Geschichte ist, gab er vor, mit dem Handelsritter Streit gehabt zu haben, fluchte ihm vor dem Regenten und Poins als einem alten, elenden Geizknüppel, der weder würfeln noch trinken könne, wie es einem Edelmanne zukäme und suchte nun von Neuem seine alten, beliebten Plätze auf, stets im Kampfe mit dem Leben.

Im Jahre 1827 war er ein verhärteter, hoffnungsloser alter Mann von sechzig Jahren, gebrochen in seiner Gesundheit – und ruiniert in seinen Verhältnissen. Mit Hilfe von allerlei Toilettenkünsten aber und einigem Muth zeigte er der Welt noch dreist seine Stirn und speiste fröhlich in dem überschuldeten Belsize wie er es früher an der Tafel des Regenten gethan. Von allen Besitzungen des Hauses Wotton-Wade blieb ihm nur noch dies kahle Haus, von keinem Walde mehr umgeben, das er, als Herr, auch nur selten besuchte.

Am Abend des 3. Mai 1827 hatte Viscount Bellasis einem Tauben Wettflug in Hornsey beigewohnt und dem Vorschlage seines jungen Gefährten, Sir Lionel Crofton, eines leichtsinnigen Menschen, dessen Ruf bei den Wettrennen u.s.w. nicht der sicherste war, in die Stadt zu gehen, sich widersetzend, hatte er die Absicht geäußert quer über die Hampstead-Heide nach Belsize zu geben. »Denn,« sagte er, »ich habe eine Verabredung getroffen, bei den Tannen auf der Heide zu sein.«

»Mit einer Frau?« fragte Mr. Crofton.

»Durchaus nicht. Mit einem Prediger.«

»Einem Prediger!«

»Sie staunen. Nun, er ist gerade ordiniert. Ich habe ihn voriges Jahr in Bath getroffen, wohin er von Cambridge in den Ferien gekommen war. Er war so freundlich, einiges Geld an mich zu verlieren.«

»Und nun will er es Seiner Lordschaft aus seinem ersten Pfarrergehalt bezahlen. Ich wünsche von ganzem Herzen Glück dazu. Dann müssen wir uns daran halten. Es wird spät.«

»Danke für das »wir,« mein Lieber. Aber ich muß allein gehen,« sagte Viscount Bellasis trocken. »Morgen können Sie mit mir wegen der letzten Woche abrechnen. Horch, die Uhr schlägt neun. Gute Nacht.«


* * *

Um halb zehn Uhr verließ Richard Devine seiner Mutter Haus, um das neue Leben zu beginnen, das er gewählt hatte und so zu einander geführt durch die wunderbaren Schicksalsfäden, welche oft die Ereignisse verbinden, näherten sich Vater und Sohn.


* * *

Als der junge Mann ungefähr die Mitte des Weges erreichte, welcher nach der Heide führt, begegnete er Sir Richard, der von dem Dorfe zurückkehrte. Es lag nicht in seinem Plan, noch eine Unterredung mit dem Manne in suchen, dem seine Mutter so schweres Unrecht gethan und er wollte in den Schatten der Bäume treten, aber, da er ihn so allein sah, in das verödete Haus zurückkehrend, fühlte sich der verlorene Sohn versucht, einige Worte des Abschiedes und des Bedauerns auszusprechen. Doch zu seinem Erstaunen schritt Sir Richard schnell weiter, den Körper vorgebeugt, wie Einer, der im Begriff ist, zu fallen und mit Augen, welche in die Ferne starrend, nicht sahen, was in der Nähe vorging. Entsetzt über diese sonderbare Erscheinung, eilte Richard weiter und bei einer Biegung des Pfades stolperte er über Etwas, das wohl das sonderbare Benehmen des alten Mannes erklären mußte. Ein todter Körper lag im Haidekraut auf dem Gesicht; daneben eine schwere Reitpeitsche, deren Griff voll Blut war und ein offenes Taschenbuch. Richard hob das Buch auf und las aus dem Deckel unter dem goldnen Wappen »Viscount Bellasis.« Der unglückliche junge Mann warf sich neben dem Körper nieder und hob ihn auf.

Der Schädel war durch einen Schlag gespalten, aber es schien, als ob noch Leben in dem Körper sei. Von Entsetzen erfaßt, – denn er konnte nicht zweifeln, daß seiner Mutter schrecklichste Ahnung zur Gewißheit geworden, kniete er nieder und hielt seinen gemordeten Vater in seinen Armen. Er wartete bis der Mörder, dessen Namen er ja trug, in Sicherheit war. Es schien ihm fast eine Stunde zu vergehen in seiner Aufregung, ehe er ein Licht hinter den Fenstern des Hauses sich bewegen sah, das er so eben verlassen. Jetzt wußte er, daß Sir Richard sicher in seinen Zimmern war. Mit der undeutlichen Absicht Hilfe herbeizuholen, verließ er jetzt den Körper und schlug den Weg nach der Stadt ein. Als er auf dem Pfade weiter ging, hörte er Stimmen und in demselben Augenblicke stürzten ich etwa ein Dutzend Männer, von denen Einer ein Pferd hielt, auf ihn, ergriffen ihn wüthend und schlugen ihn zu Boden. Zuerst begriff der junge Mann, der so plötzlich angegriffen wurde, seine eigene Gefahr gar nicht. Seine Gedanken beschäftigten sich nur mit der einen schrecklichen Lösung des Verbrechens und wandten sich nicht derjenigen zu, die dem Wirth von den »Drei Spaniern« schon so schnell in den Sinn gekommen war.

»Gott schütze mich,« rief Mr. Mogford, indem er bei dem bleichen Lichte des Mondes die Züge des ermordeten Mannes prüfte; »es ist Lord Bellasis! O Du blutgieriger Schurke! Jem, bringe ihn heran, vielleicht erkennt ihn der Lord noch.«

»Ich war es nicht,« rief Richard Devine. »Um’s Himmels willen, Mylord, sagen Sie« – — er schwieg plötzlich und starrte, da ihn die Männer auf die Knie zwangen, den sterbenden Mann in haarsträubender Furcht an.

Die Menschen, deren Blut in Augenblicken der Erregung in schnelleren Lauf geräth, urtheilen rasch in der Gefahr und – so hatte Richard Devine in dem schrecklichen Augenblick, als seine Augen denen des Lord Bellasis begegneten, ganz und voll die Gefahr erkannt, in der er sich persönlich befand und die Wechselfälle seiner Zukunft ahnend vorausgesehen. Das fortgelaufene Pferd hatte die Leute beunruhigt. Die trinkenden Gäste in den Drei Spaniern waren ausgebrochen, um die Heide abzusuchen und hatten einen Menschen in gewöhnlicher Kleidung entdeckt, der ihnen unbekannt war und der eiligst einen Platz verließ, auf welchem neben einem geplünderten Taschenbuch und einer blutbefleckten Reitpeitsche der Körper eines sterbenden Mannes lag.

Ein Gewebe von anklagenden Umständen umspann ihn. Eine Stunde zuvor wäre das Entkommen leicht gewesen. Er hätte nur zu sagen brauchen: »Ich bin der Sohn von Sir Richard Devine. Kommt mit mir in jenes Haus und ich will Euch beweisen, daß ich es nur so eben verlassen habe.«

So hätte er seine Unschuld für den Augenblick beweisen können. Das war jetzt unmöglich geworden. So wie er Sir Richard kannte und da er überdies glaubte, daß der alte Mann in wüthender Leidenschaft dem Zerstörer seiner Ehre begegnet sei und denselben gemordet habe, sah sich der Sohn von Lord Bellasis und Lady Ellinor Devine in einer Lage, die ihm nur gestattete, sich schweigend zu opfern. Oder er hätte sich eine zweifelhafte Sicherheit erkaufen können durch ein Geständniß, das seiner Mutter Ehre bloßgestellt und dem Manne den Tod bereitet hätte, den seine Mutter betrogen. Wenn der verstoßene Sohn als Gefangener nach Nordend-Haus gebracht wäre, so würde Sir Richard, durch sein Schicksal jetzt doppelt niedergedrückt, ihn sicher verleugnet haben und er würde in seiner Selbstvertheidigung gezwungen gewesen sein, seine Mutter der öffentlichen Schande auszusetzen und den Mann an den Galgen zu bringen, der zwanzig Jahre lang betrogen wurde und dessen Güte er doch seine Erziehung und seinen Unterhalt bis jetzt verdankte. Er kniete noch immer, unfähig zu sprechen, oder sich zu bewegen.

»Hier, Mylord,« rief Mogford, »Mylord, sprechen Sie, ist dies der Schurke ?«

Lord Bellasis sammelte noch einmal seine schwindenden Sinne, öffnete die glasigen Augen, starrte mit angstvollem Eifer in seines Sohnes Antlitz, schüttelte den Kopf, hob den schwachen Arm, als ob er anderswohin zeigen wollte und fiel todt zurück.

»Wenn er ihn nicht gemordet hat, so hat er ihn doch beraubt,« murrte Mogford ärgerlich, »und er soll diese Nacht in Bowstreet schlafen. Tom, laufe nach der Wache und sage, sie sollen am Thor melden, daß ich Einen für die Kutsche habe. Bringe ihn jetzt mit, Jack! Wie heißt Ihr, he ?«

Er wie erholte die rauhe Frage zwei Mal, ehe der Gefangene antwortete. Endlich hob Richard Devine sein bleiches Antlitz, dem ein fester Entschluß den Ausdruck trotziger harter Männlichkeit ausgeprägt hatte und sagte,

»Dawes – Rufus Dawes.«


* * *

Sein neues Leben hatte jetzt begonnen; denn in dieser Nacht lag ein gewisser Rufus Dawes wachend im Gefängnis und wartete auf die Ereignisse des nächsten Tages. Er war des Mordes und des Raubes angeklagt.

Zwei andere Männer warteten auch ängstlich. Der Eine Mr. Lionel Crofton, der Andere jener Reiter, welcher mit dem ermordeten Lord Bellasis eine Zusammenkunft unter den Tannenbäumen auf der Hampstead-Heide verabredet hatte.

Was Sir Richard Devine anbetraf, so erwartete er Niemand. Als er sein Zimmer erreichte, war er besinnungslos niedergestürzt, von einem Schlaganfall getroffen.




Erstes Capitel.

Das Gefangenenschiff


Es herrschte eine Stille an diesem tropischen Nachmittage, die kein Hauch störte. Die Luft war heiß und schwer, der Himmel bleiern und wolkenlos und nur der Schatten des Malabar lag auf der Oberfläche des großen glänzenden Meeresspiegels.

Die Sonne, welche jeden Morgen zur linken Hand wie eine glühende Kugel aufging, um langsam durch das stets unveränderte Blau nach Rechts hinüber zu wandern, bis sie flammend Himmel und Ocean im Untergehen verband, war gerade tief genug gesunken, um unter das Zelt zu streifen, das auf dem Hinterdeck befestigt war. Sie weckte hier einen jungen Mann, der, in Interims-Uniform gekleidet, auf einem zusammengerollten Seile geschlummert hatte.

»Verdammt,« sagte er, erhob und streckte sich mit dem müden Seufzer der Leute die nichts zu thun haben. »Ich muß geschlafen haben.« Dann hielt er sich an einer Leiter und blickte hinab in das Schiff. Außer dem Mann am Ruder und der Wache an der Ouarterreeling war er allein auf Deck. Einige Vögel flogen um das Schiff herum und schienen unter den Sternfeuern nur zu verschwinden, um am Bug wieder zu erscheinen. Ein fauler Albatroß, von dessen Flügeln noch das Wasser tropfte, schwang sich leewärts auf, mit einem plätschernden Ton und an der Stelle, von wo er aufgeflogen, glitt die scheußliche Flosse eines leise schwimmenden Hai’s dahin. Die Ritzen des wohlgescheuerten Decks klebten von dein geschmolzenen Theer und die Messingplatte des Compaßhäuschens blitzte in der Sonne wie ein Edelstein. Es ging kein Wind und sobald das ungeschickte Schiff aus den sich hebenden und senkenden Wellen hin und her rollte , schlugen die schlaffen Segel mit regelmäßig wiederkehrendem Geräusch an die Masten und das Bugspriet hob sich mit den Wellen höher und höher und tauchte dann mit einem Stoß wieder ein, daß jedes Tau zitterte und ächste.

Auf dem Vorderkastell lungerten ein halbes Dutzend Soldaten herum, in der verschiedensten Art beinahe halb entkleidet. Sie spielten Karten, tauchten oder beobachteten die Angelleinen, die sie über die Katzenköpfe ausgehängt hatten.

So weit war das Aussehen des Schiffes in keiner Weise von dem eines gewöhnlichen Transportschiffes unterschieden. Aber aus dem Mitteldeck zeigte sich ein merkwürdiger Anblick. Es war, als ob man dort eine Viehhürde gebaut hätte. Am Fuß des Vordermastes und am Quarterdeck lief eine starke, mit Schießscharten versehene Barrikade von einem Bollwerk zum andern quer über das Deck. Es waren Thüren darin zum Eingang und Ausgang. Außerhalb stand eine bewaffnete Schildwache.

Innerhalb standen, saßen oder wanderten unablässig auf und ab, stets im Bereich der glänzenden Flintenläufe auf dem Hinterdeck, ungefähr sechzig Männer und Knaben, Alle in einförmiges Grau gekleidet. Diese Männer und Knaben waren Gefangene der Krone und die Viehhürde war ihr Platz, wo sie sich bewegen durften.

Ihr Gefängnis war unten im Zwischendeck. Die Barrikade bildete dort unten fortgesetzt die Seitenwände. Es ging gegen das Ende der zwei Stunden, die Seine Majestät Georg der Vierte alle Nachmittag gnädigst den Gefangenen der Krone als Erholung gestattet hatte und dieselben genossen diese Vergünstigung. Es war freilich nicht so angenehm wie unter dem Zelt des Hinterdecks, aber dieser heilige Schatten war nur für so hohe Personen bestimmt wie der Kapitain und seine Offiziere, Wundarzt Pine, Lieutnant Maurice Frere und der größte Stern unter Allen, Kapitain Vickers und Gemahlin.

Gewiß wäre der Deportierte, der jetzt dort an der Schanzkleidung lehnte, gern seinen Feind, die Sonne, los geworden, wenn auch nur für einen Augenblick. Seine Kameraden saßen an den Luken oder lagen und hockten gleichgültig in den verschiedensten Stellungen auf der schattigen Seite der Barrikade. Sie lachten und plauderten mit einer widerwärtigen und unanständigen Lustigkeit, die gräulich anzuhören war. Der einsame Gefangene aber hatte seine Kappe bis tief in die Augen gedrückt, seine Hände in dir Taschen seiner groben, grauen Kleider gesteckt und hielt sich fern von ihrer störenden Fröhlichkeit. Die Sonne sendete ihre heißesten Strahlen auf seinen Kopf. Er achtete nicht darauf und obgleich jede Spalte und Ritze im Schiff glühend heiß und ausgedorrt war, so stand er doch düster und bewegungslos da und starrte in die stille See. So hatte er da gestanden, bald hier, bald dort, seit das ächzende Schiff den großen Wogen des biskaischen Meeres entgangen und seit die elenden hundertundachtzig Geschöpfe, zu denen er gehörte, von ihren Ketten befreit worden waren und ihnen erlaubt wurde, zwei Mal täglich frische Luft zu schöpfen.

Die rohen Verbrecher mit niedriger Stirn und groben Zügen, welche auf dem Deck umherstanden, warfen manchen Blick schweigender Verachtung auf ihn, doch machten sie ihre Bemerkungen bisher nur durch Bewegungen kund. Auch unter den Verbrechern gibt es Abstufungen und Rufus Dawes, der Deportierte Uebelthäter, der dem Galgen nur entgangen war, um sein Leben in Ketten hinzubringen, war ein Mann von einiger Bedeutung.

Er war des Raubes und des Mordes an Lord Bellasis angeklagt. Dem unbekannten Vagabunden glaubte man die Geschichte nicht, daß er den Sterbenden auf der Heide aufgefunden, aber das Zeugniß des Wirths zu den drei Spaniern sprach für ihn. Der Mann sagte aus, daß der ermordete Edelmann den Kopf geschüttelt, als man ihn gefragt, ob dieser der Mörder sei. So wurde er von der Anklage des Mordes freigesprochen, aber wegen des Raubes zum Tode verurtheilt. London interessierte sich für seinen Prozeß und pries ihn glücklich, daß sein Urtheil in Deportotion auf »Lebenslänglich« verwandelt wurde. Es war Sitte an Bord dieser schwimmenden Gefängnisse, jedes Mannes Verbrechen vor seinen Gefährten geheim zu halten, so daß, wenn er wollte und seine Gefangenenwärter es gestatteten, er ein neues Leben in dem neuen Lande beginnen konnte, ohne wegen feiner früheren Unthaten beleidigt zu werden.

Aber dies blieb nur wie viele ähnliche Dinge eine gute Absicht und Wenige nur von den Hundertundachtzigen gab es, welche nicht die Thaten ihrer Gefährten kannten. Die Schuldigsten rühmten sich ihrer Verbrechen; die weniger Schuldigen schworen laut, daß ihre Schuld viel größer sei, als sie erscheine. Der Name von Rufus Dawes hatte einen entsetzlichen Ruf erlangt, denn seine vermeintliche That schien so scheußlich und so unerklärlich, gerade weil er eine höhere, geistige Ausbildung hatte. Auch fein hochmüthiger Sinn und seine mächtige Gestalt trugen dazu bei, ihn auszuzeichnen. Er, ein junger Mann von zweiundzwanzig Jahren, ohne Verwandte und Freunde, lebte unter ihnen nur, weil er ein Verbrechen begangen und wurde geachtet und bewundert. Der niedrigste unter den Niedrigsten dieser Horde lachte wohl hinter seinem Rücken über die vornehme Art, die er hatte, beugte sich aber vor ihm und unterwarf sich ihm, wenn er ihn von Angesicht zu Angesicht traf. Auf einem Gefangenenschiff ist der größte Schurke der größte Held und der einzige Adel, der von dieser entsetzlichen Gemeinschaft anerkannt wird, ist der des Ordens vom Strick, den der Henker austheilt.

Der junge Mann auf dem Hinterdeck erblickte jetzt die stattliche Gestalt von Rufus Dawes am Schanzbord und fand darin eine Gelegenheit, die Einförmigkeit seines Amtes ein wenig zu unterbrechen.

»Ihr da,« rief er fluchend, »fort da aus dem Gange!«

Rufus stand gar nicht im Gange, war wohl zwei Fuß davon ab, aber bei dem Ton von Lieutnant Frere’s Stimme fuhr er auf und ging gehorsam nach der Mitte.

»Wird der Hund grüßen,« schrie Frere und kam bis an die Quarterreeling. »Wird er grüßen. Hört er!«

Rufus Dawes berührte seine Mütze in militairischer Weise.

»Ich werde die Kerls Höflichkeit lehren, wenn sie sich nicht in Acht nehmen,« brummte der ärgerliche Frere, halb für sich, halb laut sprechend. »Unverschämte Buben!«

Da gab das Geräusch, das die Wache auf dem Quarterdeck beim Präsentiren machte, seinen Gedanken eine andre Richtung. Ein magerer, großer Mann, von militairischem Aeußeren, mit kaltem, blauem Auge und knappen Zügen kam aus der Kajüte von unten und führte eine blonde, gezierte, ängstliche Dame mittleren Alters hinauf. Kapitain Vickers von Frere’s Regiment, der nach Van Diemens Land kommandiert war, brachte seine Gemahlin auf Deck, damit dieselbe Appetit zum Mittag bekäme.

Mrs. Vickers war zweiundvierzig Jahre alt, – sie gestand nur dreiunddreißig zu und war elf Jahre lang eine Garnison-Schönheit gewesen, ehe sie Kapitain Vickers heirathete. Die Ehe war nicht glücklich. Vickers fand seine Frau eitel, verschwenderisch und bissig. Sie fand ihn hart, gewöhnlich und prosaisch. Eine Tochter, nach zweijähriger Ehe geboren, war das einzige Kind, das diese unpassende Ehe zusammenhielt. Vickers vergötterte die kleine Sylvia und als ihm seiner Gesundheit wegen eine lange Seereise angerathen wurde und er sich deshalb in das —ten Regiment versetzen ließ und darauf bestand, das Kind mitzunehmen, machte seine Frau sehr viele Einwendungen ihrer Erziehung wegen.

»Er würde sie selbst erziehen,« sagte er, »sie solle nicht zu Hause bleiben.«

So gab denn Mrs. Vickers nach langem Sträuben ihre Träume von Bath u.s.w. auf und folgte ihrem Manne mit so guter Miene, als sie nur irgend machen konnte. Einmal auf hoher See, versöhnte sie sich mit ihrem Schicksal und wandte ihre Zeit dazu an, ihre Tochter zu schelten, ihr Mädchen zu quälen und den bäurischen jungen Lieutnant Maurice Frere zu bezaubern.

Koketterie gehörte zu Julia Vickers Natur; sie lebte nur, um bewundert zu werden. Selbst auf einem Gefangenenschiff, neben ihrem Gatten mußte sie kokettieren, oder umkommen in der Langeweile ihres geistigen Lebens.

Es war in ihr grade nichts Böses. Sie war nur ein eitles Weib in mittleren Jahren und Frere nahm ihre Aufmerksamkeiten noch dem Werth derselben auf. Ueberdies war ihre Freundlichkeit gegen ihn ihm nützlich aus Gründen, die bald an den Tag treten werden. Er lief die Treppe hinab, seine Mütze in der Hand haltend und bot seinen Beistand an.

»Danke, Mr. Frere. Diese abscheulichen Treppen! Ich zittre wirklich immer davor. Heiß! Ja, es ist erdrückend. John, den Feldstuhl. Bitte, Mr. Frere, oh, danke sehr. Sylvia! Sylvia!l John, hast Du mein Riechsalz? Noch immer Windstille, nicht wahr? Diese schrecklichen Windstillen.«

Dieses halb elegante Geschwätz zwanzig Schritt von der Hürde der wilden Thiere, auf der andern Seite der Barrikade, klang sonderbar. Mr. Frere dachte sich nichts dabei. Vertrautheit mit einer Sache nimmt ihr alle Schrecken und die unheilbare Kokette breitete ihre Mullröcke aus und zeigte ihre verbrauchte Anmuth vor den Augen der grinsenden Gefangenen mit eben so viel Selbstgefälligkeit, als ob sie in einem Ballzimmer in Chatham gewesen wäre. Ja, gewiß, wenn Niemand sonst da gewesen wäre, ist es nicht unwahrscheinlich, daß sie selbst das Zwischendeck mit ihrer Aufmerksamkeit beglückt und dem Stattlichsten unter den Gefangenen Blicke zugeworfen hätte.

Vickers mit einer Verbeugung gegen Frere begleitete seine Frau bis auf’s Deck und ging dann, um seine Tochter zu holen.

Sie war ein zartes Kind von sechs Jahren mit blauen Augen und lichtem Haar. Obgleich sie von ihrem Vater verwöhnt war und von ihrer Mutter verzogen, so hatte ihre natürliche Liebenswürdigkeit sie bisher davor beschützt, unangenehm zu werden und die Wirkung ihrer Erziehung zeigte sich nur in tausend kleinen, launischen Zierlichkeiten, die sie zum Liebling des ganzen Schiffes machten. Die kleine Miß Sylvia satte die Erlaubniß, überall hinzugehen und Alles zu thun. Selbst die Verbrecher wagten kein schlechtes Wort in ihrer Gegenwart.

Das Kind lief zu seinem Vater, schwatzte mit der Geläufigkeit geschmeichelter Selbstgefälligkeit, lief hierhin und dahin, fragte, erfand Antworten, lachte, sang, sprang, guckte in das Compaßhäuschen, befühlte die Taschen des Mannes am Ruder, steckte ihre kleine Hand in die große Tasche des wachthabenden Offiziers und lief selbst aus das Quarterdeck um die Schöße der Schildwache zu zupfen.

Endlich, des Umherlaufens müde, nahm sie einen kleinen, gestreiften Lederball aus ihrer Rocktasche, rief ihrem Vater zu und warf ihm den Ball hin, als er auf dem Hinterdeck stand. Der Vater warf den Ball zurück und das Kind fing ihn auf und war unermüdlich in dem Spiel, wobei sie glückselig lachte und in die Hände klatschte.

Die Gefangenen, deren Zeit in frischer Luft zu Ende ging, verfolgten eifrig mit ihren Blicken diese neue Quelle des Vergnügens. Unschuldiges Lachen und kindisches Plaudern waren ihnen ganz fremd. Einige lächelten und nickten voller Interesse bei den Glücksfällen des Spieles.

Ein junger Bursche konnte sich kaum enthalten, in die Hände zu klatschen. Es war, als ob in der drückenden Hitze ein erfrischender Hauch über das Schiff gezogen war. Mitten in dieser Lustigkeit blickte der wachthabende Offizier nach dem glühendrothen Horizont, fuhr plötzlich zusammen, legte seine Hand über die Augen und blickte gespannt nach Westen. Frere, der Mrs. Vickers Unterhaltung etwas langweilig fand, sah öfter nach seinem Kameraden hin, als ob er irgend eine Unterbrechung erwartete und bemerkte dessen Bewegung.

»Was gibt es, Mr. Best?«

»Ich weiß es nicht genau. Es sieht aus wie eine Rauchwolke.«

Und das Glas aufhebend, blickte er wieder nach dem Horizont. »Lassen Sie mich sehen!« sagte Frere und blickte auch hin.

Am äußersten Horizont, gerade links neben der sinkenden Sonne, ruhte oder schien eine ganz kleine schwarze Wolke zu ruhen. Das rothglühende Gold des Himmels überfluthete Alles und machte eine sichere Aussicht ganz unmöglich.

»Ich kann nichts ausfindig machen,« sagte Frere und gab das Teleskop zurück. »Wenn die Sonne unter ist, können wir genau sehen, was es ist.«

Dann mußte Mrs. Vickers natürlich auch durchsehen und war sehr bedenklich wegen des Focus und sah endlich mit vielem Kichern durch das Glas, hielt ein Auge zu und konnte doch schließlich »nichts als Himmel« sehen, so daß sie glaubte, dieser böse Mr. Frere »thäte es mit Absicht.«

Nun kam auch Kapitän Blunt herbei, nahm das Glas von dem Offizier und sah lange und sorgfältig hindurch. Dann wurde der Mann auf dem Mast angerufen, aber er erklärte, er könne nichts sehen. Endlich ging die Sonne mit einem plötzlichen Sprung unter, als ob sie durch einen Riß in das Meer versunken sei und der schwarze Fleck verschwand in dem aufziehenden Dunst und war nicht mehr zu sehen.

Als die Sonne gesunken war, kam die Ablösung durch die Hinterdeckluken herauf und die abgelöste Wache schickte sich an, die Gefangenen hinab zu begleiten.

In diesem Augenblicke vermißte Sylvia ihren Ball, welcher bei einem plötzlichen Schwanken des Schiffes über die Barrikade gesprungen war. Hier rollte er vor die Füße von Rufus Dawes, der noch, in Gedanken versunken, seitwärts stand. Der helle bunte Ball, wie er über das weiße Deck rollte, fesselte seinen Blick und sich fast mechanisch bückend nahm er ihn auf und trat vor, um ihn zurück zu geben. Die Thür der Barrikade stand offen und die Schildwache, ein junger Soldat, der nach der Ablösung hinblickte, bemerkte nicht, wie der Gefangene hindurchschritt. Im nächsten Augenblick stand dieser auf dem geheiligten Quarterdeck.

Erhitzt vom Spiel, mit glühenden Wangen und blitzenden Augen, ihr goldenes Haar lang herabflatternd, wandte sich Sylvia, um ihrem Schatze nachzueilen, als aus dem Schatten der Kajütsthür ein runder weißer Arm und eine feine Hand auftauchte und das Kind am Gürtel zurückzog.

Im nächsten Augenblick legte der junge Mann in der grauen Kleidung den Ball in Sylvia’s Hand.

Maurice Frere, der gerade die Hinterdeckleiter hinabstieg, hatte dies nicht gesehen, bemerkte aber, als er auf das Deck trat, die ihm unerklärliche Gegenwart des Gefangenen.

»Danke,« sagte eine Stimme, als Rufus Dawes vor der kleinen schmollenden Sylvia stand.

Der Gefangene hob seinen Blick und sah ein junges Mädchen von achtzehn bis neunzehn Jahren, groß, wohlgebildet, die in ein Kleid von weißem Stoffe, mit großen, offenen Aermeln gekleidet, vor ihm stand. Sie hatte schwarzes Haar, das um ihren kleinen Kopf geschlungen war , einen kleinen Fuß, weiße Haut, schön geformte Hände und große, braune Augen. Als sie ihn jetzt anlächelte, ließen ihre frischen, rothen Lippen die schönen, weißen Zähne sehen. Er kannte sie sogleich. Es war Sara Purfoy, Mrs. Vickers’ Mädchen, aber er war ihn noch nie so nahe gewesen und sie erschien ihm wie eine herrliche, tropische Blume, die einen betäubenden Geruch ausströmt.

Einen Augenblick blickten Beide einander an, dann fühlte Rufus sich von hinten im Genick gepackt und heftig zu Boden geworfen. Wieder auf seine Füße springend, war sein erster Gedanke, sich auf seinen Angreifer zu stürzen, aber er sah das gefällte Bajonett der Schildwache blitzen und beherrschte sich. Sein Angreifer war Mr. Maurice Frere.

»Was zum Teufel habt hier zu suchen,« brüllte dieser Herr mit vielen Flüchen. »Er fauler, schleichender Hund, was macht er hier ? Wenn ich ihn noch ein Mal treffe, wenn er einen Fuß auf das Quarterdeck setzt, so kriegt er eine Woche in Eisen.«

Rufus Dawes, bloß vor Wuth und Aerger, wollte sich rechtfertigen, aber die Worte erstarben auf seinen Lippen. Wozu?

»Hinunter mit Euch und denkt an das, was ich gesagt habe,« rief Frere und begreifend, was vorgefallen, prägte er sich den Namen der schuldigen Schildwache fest in sein Gedächtnis.

Der Gefangene wischte sich das Blut vom Gesicht, drehte sich ohne ein Wort zu sprechen um und ging durch die schwere Eichenthür wieder hinein in seine Höhle.

Frere beugte sich vor und nahm des Mädchens weiße Hand in die seine, aber sie entzog sie ihm schnell mit einem Blitz aus ihren schwarzen Augen.

»Sie Feigling,« sagte sie.

Der Soldat in ihrer Nähe hörte das und seine Augen lachten.

Frere biß sich im Aerger auf die dicken Lippen und folgte dem Mädchen in die Kajüte. Aber das Mädchen nahm die Hand der erstaunten Sylvia und glitt mit verächtlichem Lachen an ihm vorüber, hinein in ihrer Herrin Kajüte, deren Thür sie hinter sich schloß.




Zweites Capitel.

Sara Purfoy


Die Deportierten waren sicher wieder eingesperrt und gingen zu Bett, wozu die Regierung dem Manne sechzehn Zoll Raum gestattete, der allerdings wegen verschiedener Verhältnisse aus dem Schiffe noch etwas verkürzt wurde.

Die Kajüte brachte ihre Abende mitunter recht vergnügt zu. Mrs. Vickers war poetisch und besaß eine Guitarre und da sie auch musikalisch war, sang sie dazu. Kapitain Blunt war ein lustiger, etwas gewöhnlicher Herr; Sergeant Pine hatte eine wahre Wuth, Geschichten zu erzählen und wenn Vickers auch meist langweilig erschien, so war Frere doch fröhlich. Ueberdies war die Tafel gut bedient und mit Mittagessen, Tabak, Whist, Musik und Branntwein und Wasser gingen die Abende mit einer Schnelligkeit vorüber, von der die wilden Thiere dort unter dem Deck, die zu Sechsen in einem Raume von fünf Fuß drei Zoll zusammen gedrängt waren, keine Vorstellung hatten.

An diesem Abend aber war die Kajüte etwas verstimmt. Das Mittagessen ging still vorüber und die Unterhaltung war ohne Lebhaftigkeit.

»Kein Anzeichen von Wind, Mr. Best? « fragte Blunt als der erste Offizier hereinkam und sich setzte.

»Mein Herr.«

»Diese – ach diese abscheulichen Windstillen,« sagte Mrs. Vickers. »Schon eine Woche, nicht wahr, Kapitain Blunt?«

»Dreizehn Tage, Madame,«s brummte Blum.

»Ich erinnere mich, daß wir auf der Höhe der Koromandel-Küste, als wir die Pest in der »Klapperschlange« hatten —«

»Kapitain Vickers, noch ein Glas Wein?« rief Blunt, um die Erzählung abzuschneiden.

– »Danke, nicht mehr. Ich habe Kopfweh.«

»Kopfweh – ja, das wundert mich nicht, wenn man zu den Kerls hinuntergeht. Es ist schändlich, wie diese Schiffe überfüllt werden. Wir haben über zwei hundert Seelen an Bord und nur Platz für die Hälfte.«

»Zweihundert Seelen! Gewiß nicht,« sagte Vickers. »Noch den königlichen Verordnungen —«

»Hundertundachtzig Gefangene, fünfzig Soldaten, dreißig Mann Schiffsbedienung, Alles in Allem und wie viele? – eins zwei, drei, sieben in der Kajüte. Wie viel macht das ?«

»Wir sind ein wenig beengt,« sagte Best.

»Es i sehr Unrecht,« sagte Vickers feierlich. »Seht Unrecht, nach den königlichen Verordnungen.« – Aber die königlichen Verordnungen waren in der Kajüte noch unbeliebter als Pine’s unendliche Anekdoten und Mrs. Vickers gab der Unterhaltung schnell eine andere Wendung.

»Sind Sie nicht dieses Lebens gänzlich müde, Mr. Frere?«

»Nun, es ist nicht gerade ein Leben, wie ich es zu führen wünschte,« sagte Frere und strich mit der von Sommerflecken gesprenkelten Hand durch sein hartes, rothes Haar, »aber man muß aus Allem das Beste ziehen.«

»Ja,« sagte die Dame in jenem leisen, mitleidigen Ton, in dem man von irgend einem Unfall spricht, »es muß ein harter Schlag für Sie gewesen sein, so plötzlich eines großen Vermögens beraubt zu werden.«

»Nicht das allein, sondern auch noch ausfindig zu machen, daß das schwarze Schaf, welches Alles bekommt, eine Woche vor meines Onkels Tode noch Indien abgesegelt ist. Lady Devine erhielt am Begräbnißtage einen Brief, worin ihr Sohn ihr anzeigte, daß er im Hydaspes nach Calcutta gegangen sei und nie wiederkommen wolle!«

»Sir Richard Devine hinterließ keine andern Kinder ?«

»Nein, nur diesen geheimnißvollen Richard, den ich nie gesehen habe, der mich aber gehaßt haben muß.«

»So so. O diese Familienzwistigkeiten sind schrecklich. Die arme Lady Devine, sie verlor an einem Tage den Gatten und den Sohn!«

»Ja und am nächsten Morgen hörte sie von dem Morde, der an ihrem Vetter, dem Lord Bellasis begangen war! Sie wissen, daß wir mit den Bellasis verwandt sind. Meiner Tante Vater heirathete eine Schwester des zweiten Viscounts.«

»Wirklich. Das ist ein schrecklicher Mord. Und Sie glauben, daß der schreckliche Mann, den Sie mir neulich zeigten, es gethan hat?«

»Die Geschworenen haben es verneint,« sagte Mr. Frere lachend. »Aber ich begreife nicht, wie sonst irgend Jemand einen Beweggrund dazu haben konnte. Ich will aber jetzt auf Deck gehen und rauchen.«

»Warum nur der alte Geizhals von Schiffsbauer seinen einzigen Sohn zu Gunsten dieses Burschen enterben wollte,« sagte Sergeant Pine zu Kapitain Vickers, als der breite Rücken von Maurice Frere auf der Kajütstreppe verschwand.

»Wahrscheinlich leichtsinnige Streiche, die der Sohn auf dem Continent gemacht; solche Emporkömmlinge haben nie Geduld mit den Verschwendern. Aber es ist hart für Frere. Er ist bei aller seiner Rauhheit kein schlechter Mensch und wenn ein junger Mann die Erfahrung macht, daß ein Zufall ihm die Aussicht auf eine Viertel Million raubt und er nichts hat als sein Patent in einem dienstthuenden Regiment, das in eine Strafkolonie kommandiert ist, so hat er wirklich Grund, gegen das Schicksal zu murren.«

»Wie kam es denn, daß der Sohn nun doch das ganze Vermögen erhielt?«

»Ja, es scheint, daß der alte Devine gerade, als er noch seinem Advokaten geschickt hatte, um sein Testament zu ändern, einen Schlaganfall bekam, vermuthlich eine Folge seiner Wuth. Als sie am Morgen in sein Zimmer kamen, fanden sie ihn todt.«

»Und der Sohn ist fort zur See,« sagte Mrs. Vickers, »und weiß nichts von Allem. Es ist ganz romantisch.«

»Es freut mich, daß Frere das Geld nicht bekam,« sagte Pine, an seinem üblen Vorurtheil festhaltend. »Ich habe selten ein Gesicht gesehen, das ich weniger leiden mochte, selbst unter meinen Gelbjacken unten.«

»O Mr. Pine, wie können Sie so sprechen?« rief Mrs. Vickers.

»Bei meiner Seele, Madame, Einige von ihnen sind in guter Gesellschaft gewesen, – das kann ich Ihnen sagen. Da unten sind Taschendiebe und Schwindler, die sich in der besten Gesellschaft bewegt haben.«

»Schreckliche Menschen,« rief Mrs. Vickers und legte ihre Kleider zurecht. »John, ich will auf Deck gehen.«

Die ganze Gesellschaft erhob sich bei diesem Signal.

»Nun, Pine,« sagte Kapitain Blunt, als er allein mit demselben blieb, »wir Beide treten ihr stets auf die Schleppe!«

»Weiber sind immer im Wege an Bord,« erwiderte Pine.

»Ach Doktor, das meinen Sie doch nicht im Ernst, das weiß ich,« sagte eine weiche, volle Stimme hinter ihm.

Es war Sara Purfoy, welche so eben aus ihrer Kajüte trat.

»Hier ist das Mädchen,« rief Blunt. »Wir sprachen gerade von Ihren Augen, meine Liebe.«

»Nun sie werden es wohl vertragen, daß man von ihnen spricht,« sagte sie und richtete ihre Blicke gerade auf ihn.

»Beim Himmel, das können sie,« rief Blunt und schlug mit der Hand auf den Tisch. »Es sind die schönsten Augen, die ich je in meinem Leben gesehen habe und darunter die rothesten Lippen —«

»Lassen Sie mich vorüber, Kapitain Blunt, bitte sehr. Ich danke Ihnen, Doktor.«

Und ehe der sie bewundernde Kapitain es verhindern konnte, war sie bescheiden aus der Kajüte gewichen.

»Ein schönes Stück Waare, – nicht?« fragte Blunt, ihr nachblickend. »Aber es sitzt ein Stück Teufel in ihr.«

Der alte Pine nahm eine mächtige Prise.

»Teufel! Ich will Ihnen etwas sagen, Blunt. Ich weiß nicht, wo Vickers sie aufgetrieben hat, aber das weiß ich, daß ich mein Leben lieber dem schlimmsten Schurken dort unten anvertrauen möchte, als ihr, wenn ich sie beleidigt hätte.

Blunt lachte herzlich.

»Nun, ich glaube doch nicht, daß sie es versteht, einem Manne das Messer in den Leib zu rennen,« sagte er, aufstehend. »Aber ich muß auf Deck, Doktor.«

Pine folgte ihm langsam.

»Ich will nicht behaupten , daß ich mich sehr gut auf die Weiber verstehe,« sagte er vor sich hin, »aber wenn das Frauenzimmer nicht eine ganz besondere Geschichte hat, so müßte ich mich sehr irren. Was hat sie hier an Bord als Kammerjungfer zu thun, das begreife ich nicht.«

Er steckte sich die Pfeife zwischen die Zähne und ging auf dem nun verlassenen Deck bis zur Hauptluke auf und ab. Oefter wandte er sich, um Sara’s weiße Gestalt auf dem Hinterdeck auf und ab schreiten zu sehen. Dann sah er wie eine andere, dunklere Gestalt sich zu ihr gesellte und er murmelte: »Sie hat nichts Gutes vor, darauf möchte ich schwören.«

In demselben Augenblick berührte ein Soldat im Interimsrock seinen Arm. Er war von unten gekommen.

»Was gibt es ?«

Der Mann richtete sich auf und grüßte.

»Verzeihen Sie, Doktor, einer der Gefangenen ist krank geworden und da der Mittag vorüber ist und er immer schlechter wird, habe ich gewagt, Euer Ehren zu stören.«

»Du Esel,« brummte Pine, der wie alle groben Leute ein gutes Herz unter der rauhe Schaale barg – »warum hast Du mir das nicht früher gesagt?« Er klopfte die Asche ans seiner kaum angezündeten Pfeife, stopfte Papier hinein und folgte dem Manne hinab.

Inzwischen genoß das Frauenzimmer, welches der Gegenstand von Pine’s Verdacht war, die frische Kühle der Nacht. Ihre Herrin und die Tochter ihrer Herrin bedurften ihrer nicht und die Herren hatten ihre Abendpfeife noch nicht beendet. Das Zelt war aufgerollt, die Sterne standen am mondlosen Himmel, die Hinterdeckswache war auf das Ouarterdeck gekommen und Fräulein Sara wanderte auf und ab mit keiner geringeren Person als Kapitain Blunt selbst. Sie war an ihm vorüber gegangen und wieder vorüber gegangen bis beim dritten Mal der alte Bursche, ganz unsicher in das Zwielicht starrend, dem Schimmer ihrer Augen folgte und sich ihr näherte.

»Sie waren doch nicht böse, mein Kind, über das was ich unten sagte ?«

Sie that ganz überrascht.

»Was meinen Sie ?«

»Nun, ich meine, ich war etwas – etwas dreist und unhöflich.«

»O nein, Sie waren nicht unhöflich.«

»Freut mich, daß Sie so denken,« erwiderte Phineas Blunt, ein wenig beschämt über seine gebeichtete Schwäche.

»Sie würden unhöflich gewesen sein, wenn ich es gestattet hätte.«

»Woher wissen Sie das ?«

»Ich sah es in Ihrem Gesicht. Denken Sie nicht, eine Frau kann es einem Mann am Gesicht ansehen, wenn er sie beleidigen will ?«

»Beleidigen! Auf mein Wort —«

»Ja, mich beleidigen. Sie sind alt genug , um mein Vater zu sein, Kapitain Blunt, aber Sie haben kein Recht mich zu küssen, wenn ich Ihnen nicht das Recht dazu gebe.«

»Ha, ha,« lachte Blunt, das mag ich leiden. Mir das Recht dazu geben, – ich wünschte, das thätest Du, Du Hexe, Du schwarzäugige.«

»Das wünschen andre Leute auch, – ohne Zweifel.«

»Zum Beispiel, der Offizier. Hu, Fräulein Bescheidenheit? Ich habe gesehen, wie er Sie anblickte, als ob er es auch versuchen wollte.«

Das Mädchen blitzte ihn von der Seite an.

»Sie meinen Lieutnant Frere. Sind Sie eifersüchtig auf ihn ?«

»Eifersüchtig! Was, der Bursche hat kaum seine ersten Hosen angezogen. Eifersüchtig!«

»Ich glaube, Sie sind es und Sie brauchen es nicht zu sein. Er ist ein dummer Tölpel, obgleich er Lieutnant Frere ist.«

»Das ist er. Da haben Sie Recht, beim Himmel.«

Sara Purfoy lachte leise und doch in so vollem Ton, daß dem mittelalterlichen Blunt der Puls schneller ging, und das Blut ihm bis in die Fingerspitzen schlug.

»Kapitain Blunt,« sagte sie, »Sie wollen etwas sehr Törichtes thun.«

Er kam dicht an sie heran und nahm ihre Hand.

»Was ?«

Sie antwortete mit einer andern Frage.

»Wie alt sind Sie?«

»Zweiundvierzig, wenn Sie es denn wissen wollen.«

»O, – und Sie wollen sich in ein Mädchen von neunzehn verlieben?«

»Wer ist das ?«

»Ich,« sagte sie und gab ihm die Hand und lächelte ihn mit ihren vollen, rothen Lippen an.

Der Besanmast verbarg sie dem Mann am Ruder und das Zwielicht der tropischen Sterne lag auf dem Hauptdeck.

Blunt fühlte den gesunden Hauch dieses sonderbaren Mädchens auf seiner Wange; ihre Augen schienen größer und kleiner zu werden und ihre feste, kleine Hand brannte in der seinen wie Feuer.

»Ich glaube, Sie haben Recht,« rief er. »Ich bin schon halb in Sie verliebt.«

Sie blickte ihn an und senkte fast verächtlich ihre Augenlider mit den langen, dunkeln Wimpern. Darm entzog sie ihm ihre Hand.

»Dann hüten Sie sich vor der andern Hälfte, oder Sie werden es bereuen.«

»Werde ich das ?« sagte Blunt. »Nun, das ist meine Sache; komm, kleine Hexe , gib mir den Kuß, zu dem Du mir das Recht geben willst.«

Und er nahm sie in seine Arme. In demselben Augen- blick hatte sie sich frei gemacht und stand ihm mit blitzenden Augen gegenüber.

»Sie wagen es,« rief sie. »Mich mit Gewalt küssen wollen! Ha, sie betragen sich wie ein Schulbube. Wenn Sie es zu Stande bringen, daß ich Sie liebe, dann will ich Sie küssen, so oft Sie wollen. Wenn Sie das nicht können, dann bitte, bleiben Sie mir fern!«

Blunt wußte nicht, ob er lachen sollte oder ärgerlich sein über diese Zurückweisung. Er fühlte, daß er sich in einer ziemlich unbequemen Lage befand und entschloß sich deshalb zu lachen. »Sie sind ein Sprühteufel. Was muß ich thun, damit Sie mich lieben?«

Sie machte ihm einen Knicks. »Das ist Ihre Sache,« sagte sie. Und da der Kopf von Mr. Frere gerade in der Kajütsthür erschien, so ging Blunt davon, ganz verwirrt und doch nicht unwillig.

»Sie ist ein Prachtmädchen, bei Jingo,« sagte er und drückte sich seine Mütze fest. »Ich will mich hängen lassen, wenn sie nicht verliebt in mich ist.«

Und dann fing er an zu pfeifen und das Deck entlang zu schreiten. Hin und wieder blickte er auf den Mann, der seine Stelle eingenommen hatte, freilich nicht mit freundlichen Augen. Aber eine Art von Scham hielt ihn zurück, und er blieb in der Entfernung.

Maurice Frere’s Gruß war sehr kurz.

»Nun, Sara,« sagte er »Sind Sie noch übler Laune?«

Sie runzelte die Stirn.

»Warum schlugen Sie den Mann? Er that kein Unrecht.«

»Er war, wo er nicht hingehörte. Was hatte er dahin zu kommen ? Man muß die Schufte niederhalten, mein Kind.«

»Oder Sie werden Ihnen über den Kopf wachsen? Glauben Sie , daß ein Mann ein Schiff einnehmen kann, Maurice?«

»Nein, aber hundert können es.«

»Unsinn! Was können Sie gegen die Soldaten thun? Da sind fünfzig Soldaten.«

»Ja. – aber —«

»Was ?«

»Nichts. Es ist gegen die Gesetze und ich will es nicht sagen.«

»Nicht nach den »königlichen Befehlen,« wie Kapitain Vickers zu sagen pflegt.«

Frere lachte über ihr Nachahmen des pathetischen Kapitains.

»Sie sind ein sonderbares Mädchen. Ich kann nicht klug aus Ihnen werden. Kommen Sie,« und er nahm ihre Hand, »sagen Sie, was Sie wirklich sind?«

»Wollen Sie mir versprechen, es nicht weiter zu sagen?«

»Natürlich.«

»Auf ihr Wort?«

»Auf mein Wort.«

» Nun denn, – aber Sie werden es weiter sagen?«

»Gewiß nicht! Schnell, sagen Sie.«

»Kammerjungfer in der Familie eines Herrn, der über See geht.«

»Sara, können Sie nicht ernsthaft sein?«

»Ich bin ernsthaft. Das war die Anfrage, die ich beantwortete.«

»Aber ich meine, was Sie gewesen sind. Sie waren nicht immer eine Kammerjungfer.«

Sie zog ihren Shawl dichter um ihre Schultern und fröstelte.

»Die Menschen sind natürlich keine geborenen Kammerjungfern.«

»Nun, wer sind Sie denn? Haben Sie keine Freunde? Was sind Sie denn gewesen?«

Sie blickte den jungen Mann in’s Gesicht, das in diesem Augenblick vielleicht einen weniger harten Ausdruck hatte, als gewöhnlich und trat ihm näher.

»Maurice, lieben Sie mich?«

Er hob eine ihrer kleinen Hände, die auf der Reeling lagen, in die Höhe und küßte sie unter dem Schutze der Finsterniß.

»Sie wissen, daß ich Sie liebe,« sagte er. »Sie mögen eine Kammerjungfer gewesen sein oder was Sie wollen, aber Sie sind das liebreizendste Weib, das ich je gesehen.«

Sie lächelte über seine Heftigkeit. »Also, wenn Sie mich lieben, was hat es dann auf sich?«

»Wenn Sie mich liebten, würden Sie es mir sagen,« sagte er mit einem Eifer, der ihn selbst überraschte.

»Aber ich habe Ihnen nichts zu sagen und ich liebe Sie – noch nicht!«

Er ließ ihre Hand mit ungeduldiger Geberde fallen und in dem Augenblick kam Blunt, der sich nicht länger halten konnte, herbei.

»Eine schöne Nacht, Mr. Frere ?«

»Ja, ziemlich schön.«

»Noch kein Zeichen von Wind?«

»Nein, noch nicht.«

Grade in diesem Augenblick schien ein lichter Schein aus dem tief violetten Streifen der über dem Horizont hing, hervorzubrechen.

»Hallo,« rief Frere, »sahen Sie das?«

Alle hatten es gesehen, aber warteten vergeblich auf eine Wiederholung.

Blunt rieb sich die Augen.

»Ich sah es deutlich,« sagte er, »ein Blitz.«

Sie strengten ihre Augen an, um die Dunkelheit zu durchdringen.

»Best sah etwas Aehnliches vor dem Essen. Es muß ein Gewitter in der Luft sein.«

Da schien ein lichter Streifen plötzlich in die Höhe zu fahren, dann sank er wieder hinab.

Jetzt war keine Täuschung mehr möglich und ein einstimmiger Ruf ertönte von dem Deck. Aus dem düsteren Horizont schoß eine Flammensäule auf, welche die Nacht einen Augenblick völlig erhellte. Dann sank sie wieder und ließ nur einen rothen Schein auf dem Wasser zurück.

»Ein Schiff brennt!« rief Frere.




Drittes Capitel.

Die Einförmigkeit wird unterbrochen


Sie blickten wieder hin; der kleine Funke brannte fort und unmittelbar darüber aus der Dunkelheit brach ein feuerrother Fleck hervor, der wie ein glühender Stern am Himmel stand.

Die Soldaten und Matrosen auf dem Vorderkastell hatten es auch bemerkt und sogleich war das ganze Schiff lebendig.

Mrs. Vickers mit er kleinen Sylvia, die ach an der Mutter Kleid festhielt, erschien, um diese neue Aufregung zu genießen und beim Anblick ihrer Herrin zog sich die bescheidene Kammerjungfer schnell von Frere’s Seite zurück. Sie hätte es kaum nöthig gehabt, denn Niemand achtete auf sie. Blunt hatte in seinem Amtseifer fast schon ihre Gegenwart vergessen und Frere selbst war in ernster Unterhaltung mit Vickers begriffen.

»Ein Boot nehmen,« sagte dieser Herr. »Gewiß, unter allen Umständen. Das heißt, wenn der Kapitain nichts dagegen hat und wenn es nicht den königlichen Verordnungen zuwider ist —«

»Kapitain, wollen Sie mir ein Boot geben? Wir könnten vielleicht Einige von den armen Teufeln retten,« rief Frere und sein Mut wuchs bei der Aussicht auf diese aufregende Fahrt.

»Boot«t« sagte Blunt, – »das Schiff ist zwölf Meilen entfernt und es ist kein Windhauch in der Luft!«

»Aber wir können sie doch nicht braten lassen, wie Kastanien!« rief der Andere, als die Gluth am Himmel sich immer mehr ausbreitete und tiefer und tiefer wurde.

»Was nützt ein Boot?« sagte Pine. »Das Langboot hält nur dreißig Mann und das dort ist ein großes Schiff.«

»Nun so nehmt zwei, drei Boote,« Beim Himmel, Ihr werdet sie doch nicht lebendig verbrennen lassen, ohne einen Finger zu rühren.«

»Sie haben ihre eignen Boote,« sagte Blunt, dessen Ruhe einen starken Gegensatz zu dem Ungestüm des jungen Offiziers bildete; »wenn das Feuer um sich greift, so werden sie sich in die Boote retten, darauf können Sie sich verlassen. In der Zwischenzeit wollen wir ihnen zeigen, daß Jemand in der Nähe ist.« Während er noch sprach, schoß ein blaues Licht zischend in die Luft.

»Da, das werden sie sehen, glaube ich,« sagte er, als die bleiche Flamme auffuhr und für einen Augenblick die Sterne verschwinden ließ, damit sie dann an dem wiederum verdunkelten Himmel nur um so lichter erschienen.

»Mr. Best, lassen Sie die Ouarterboote hinab und bemannen Sie dieselben! Mr. Frere, Sie können in dem Einen mitgehen und einen oder zwei Freiwillige von Ihren Graujacken unten mitnehmen. Ich brauche alle Hände, die ich missen kann, um das Langboot und den Kutter zu bemannen, im Fall wir dieselben nöthig haben. Schnell daran, Kinder, flink!« Als die ersten acht Mann, welche das Deck erreichten, sich theils nach dem Steuerbordboot, theils nach dem Backbordboot wandten, lief Frere hinab in das Zwischendeck.

Mrs. Vickers war natürlich im Wege und schrie ein wenig auf, als Blunt ohne Weiteres mit kaum verständlicher Entschuldigung an ihr vorübereilte; aber ihr Mädchen stand aufrecht und bewegungslos an der Ouarterreeling und als der Kapitain eine Sekunde still stand, um sich umzublicken, sah er ihre dunkeln Augen nicht ohne Bewunderung auf sich gerichtet. Er war über zweiundvierzig stark und grauhaarig aber er erröthete wie ein Mädchen unter diesem bewundernden Blicke. Doch sagte er nur für sich: »Das Mädchen ist ein Staatsmädchen!« und fluchte ein wenig dabei.

Frere war an der Wache vorüber in’s Zwischendeck hinab geeilt. Auf seinen Wink wurde die Thür des Gefängnisses geöffnet. Die Luft war heiß und jener eigenthümliche, entsetzliche Geruch von zu eng eingeschlossenen Menschen erfüllte den ganzen Raum. Es war grade, als ob man in einen angefüllten Stall käme.

Sein Blick lief die doppelte Reihe der Kojen entlang, welche an der Seite des Schiffes befestigt waren und hielt bei der vorderen an. Es schien hier etwas vorgefallen zu sein, denn statt der sechs Paar Füße, welche heraushängen sollten, sah man nur vier Paar bei dem schwachen Licht der Kugellampe.

»Was ist hier geschehen?« fragte er die Wache.

»Ein Gefangener ist krank. Wer Doktor hat ihn in’s Hospital geschickt.«

»Aber es fehlen zwei?«

Der Andre kam Hinter den Kojen vor. Es war Rufus Dawes. Er hielt sich etwas zur Seite und grüßte.

»Ich fühlte mich krank, Herr, und versuchte, das Fenster zu öffnen.«

Die Köpfe erhoben sich alle und Augen und Ohren strebten zu sehen und zu hören, was vorfiel.

Maurice Frere stampfte ungeduldig mit dem Fuß.

»Krank, weshalb seid Ihr krank? Ich werde Euch zu thun geben, damit Ihr die Krankheit ausschwitzt. Steht hier auf dieser Seite zurück.«

Rufus Dawes gehorchte staunend. Er schien bedrückt und leidend zu sein, strich wiederholt mit der Hand über die Stirn, als ob er einen Schmerz bannen wollte.

»Welcher von Euch Burschen kann ein Ruder führen ?« fuhr Frere fort.

»Verdammt, ich brauche nicht fünfzig. Drei ist genug. Heran, schnell!«

Die schwere Thür schlug wieder zu und im nächsten Augenblick waren die vier Freiwilligen auf Deck. Die rothe Gluth verwandelte sich jetzt in gelb und breitete sich weiter über den Himmel aus.«

»Zwei in jedem Boot!« rief Blunt. »Ich werde jede Stunde ein blaues Licht für Sie abbrennen, Mr. Best und nehmen Sie sich in Acht, daß Ihr Boot nicht sinkt. Fort, Burschen!«

Als der zweite Gefangene in Frere’s Boot zum Ruder griff, stieß er einen schwachen Schrei aus, fiel vornüber, erholte sich aber wieder. Sara Purfoy, welche über die Reeling sah bemerkte es.

»Was ist’s mit dem Mann?« fragte sie. »Ist er krank?«

Pine war in ihrer Nähe, hörte sie und blickte hinab. »Das ist der große Bursche aus Nr. 10. Hier Frere!«

Aber Frere hörte ihn nicht. Er blickte nur nach dem Feuerzeichen, das in der Entfernung noch hell schimmerte.

« »Fort, Kinder!« schrie er. Und unter dem Hurrah des Schiffsvolkes schossen die beiden Boote aus dem fahlen blauen Licht hinaus in die Dunkelheit. Sara Purfoy blickte Pine an, wie um eine Erklärung fragend. Aber er wandte sich kurz ab. Einen Augenblick zögerte das Mädchen, dann aber, ehe er sich wieder umkehrte, warf sie einen schnellen Blick um sich schlüpfte die Leiter hinab und ging in das Zwischendeck. Die eisenbeschlagene Eichenthür der Barrikade, die mit Schießlöchern und mit starken Fallthüren für besondere Gelegenheiten versehen war und welche die Soldaten von den Gefangenen trennte, lag zu ihrer Linken. Die Wache an der Thür sah sie fragend an. Sie legte ihre kleine Hand auf seine große, rauhe Hand – eine Wache ist auch menschlich – und sah ihn mit ihren großen, braunen Augen an.

»Zum Hospital,« sagte sie. »Der Doktor schickt mich.« Und ehe er noch antworten konnte, war sie schon in der Luke verschwunden und ging um den Bretterverschlag herum, hinter welchem der kranke Mann lag.




Viertes Capitel.

Das Hospital


Das Hospital war nichts mehr oder weniger als ein Theil des unteren Decks und war von dem Platz abgenommen, der eigentlich den Soldaten zukam. Es ging bis an die Sternfenster und war, so zu sagen, eine künstliche Sternkajüte. Allerhöchstens konnte es ein Dutzend Menschen aufnehmen.

Obgleich es hier nicht so heiß war, wie in dem Gefängnis, so war die Atmosphäre doch ungesund und dick und das Mädchen, das still stand, um der summenden Unterhaltung der Soldaten in ihren Kajüten zu lauschen, fühlte sich ganz schwindlig und übel. Doch nahm sie sich zusammen und reichte ihre Hand einem Manne hin, der schnell bei dem unsichern Lichte und durch die unheimlichen Schatten, welche die hin- und herschwingende Laterne warf, auf sie zuschritt. Es war der junge Soldat, welcher an demselben Tage bei den Gefangenen Wache gestanden hatte.

»Nun, Fräulein,« sagte er. »Hier bin ich und warte auf Sie.«

Sie sind ein guter Junge, Miles, aber ich bin doch des Wartens werth?«

Miles grinste von einem Ohr zum andern.

»Gewiß sind Sie das ,« sagte er. Sara Purfoy runzelte die Stirn, dann lachte sie.

»Kommen Sie her, Miles, ich habe etwas für Sie.«

Miles kam näher und grinste noch mehr. Sie nahm etwas aus ihrer Tasche. Wenn Mrs. Vickers es gesehen hätte, würde sie sehr ungehalten gewesen sein, denn es war nichts Geringeres als des Kapitains Branntweinflasche.

»Trinken Sie. Es ist derselbe, den sie oben trinken, es wird Ihnen nichts schaden.«

Der Bursche ließ sich nicht nöthigen. Er trank die Hälfte auf einen Zug, holte dann tief Athem und starrte sie an.

»Das ist vorzüglich.«

»So. Das glaube ich.« Sie hatte ihm mit unverhaltenem Ekel zugesehen, als er trank.

»Branntwein ist das Einzige, wovon Ihr Männer etwas versteht.«

Miles, seinen Athem anhaltend, kam ihr einen Schritt näher. »So,« sagte er mit einem lachenden Blick in seinen kleinen Schweinsaugen, – »so ? Aber ich verstehe noch etwas mehr, Fräulein.«

Sein Ton schien sie aus ihren Gedanken zu wecken und sie an etwas fast Vergessenes zu erinnern. Sie lachte so laut und fröhlich, wie sie an diesem Ort zu lachen wagte und legte ihre Hand auf des Sprechers Arm.

Der Knabe erröthete heftig, – er war fast noch ein Knabe, einer von diesen schlecht berathenen Burschen, welche den Pflug verlassen um eines Schillings täglich, der Muskete und des »Pompes« und ruhmreichen Kriegswerks willen.

»Das ist nahe genug, Miles. Sie sind nur ein gewöhnlicher Soldat und müssen nicht mit mir liebeln.«

»Nicht mit Ihnen liebeln? Und wozu sollte ich Sie denn hier treffen ?«

Sie lachte auf.

»Was für ein praktischer Mensch. Wenn ich Ihnen nun etwas zu sagen hätte?«

Miles verzehrte sie fast mit seinen Blicken.

»Es ist schwer, einen Soldaten zu heirathen,« sagte Miles. »Aber Sie könnten auch noch schlechter ankommen und ich will für Sie arbeiten wie ein Sklave.«

Sie sah ihn neugierig und mit Wohlgefallen an. Es schien als ob sie, wenn auch ihre Zeit nur gemessen war, als Versuchung nicht widerstehen konnte, ihr eignes Lob anzuhören.

»Ich weiß, Sie stehen weit über mir, Fräulein Sara. Sie sind eine Dame, aber ich liebe Sie und Sie machen mich ganz wild mit Ihrem Spiel.«

»Thue ich das?«

»Ja, das thun Sie. Warum fingen Sie mit mir an und dann geben Sie sich wieder mit den Andern ab ?«

»Was für Andern?«

»Nun mit denen in der Kajüte und mit dem Pastor und dem – Frere. Ich sehe Sie spät Abends mit ihm auf dem Deck gehen. Ich möchte ihm lieber eine Kugel durch den rothen Kopf jagen, als Sie mit ihm gehen sehen.«

»Still, Miles, lieber Miles, sie werden Dich hören.«

Ihr Gesicht glühte und ihre Nasenlöcher öffneten sich weiter. Schön war sie, aber sie hatte in diesem Augenblick einen wahren Tigerblick.

Ermuthigt durch ihre Worte legte Miles den Arm um sie, gerade wie Blunt gethan, aber sie wurde nicht so böse darüber. Miles hatte ihr noch etwas versprochen.

»Still,« flüsterte sie mit wohl gespielter Ueberraschung – »ich höre ein Geräusch!«

Der Soldat fuhr auf und sie strich ihr Kleid zurecht.

»Es ist Niemand da!« rief er.

»Nicht. Dann irrte ich mich.«

»Jetzt komm her, Miles.«

Miles gehorchte.

»Wer ist in dem Hospital?«

»Ich weiß nicht.«

»Ich will hinein gehen.«

Miles kratzte sich den Kopf und lachte.

»Sie können nicht.«

»Warum nicht? Du hast mich doch früher hinein gelassen?«

»Es ist gegen des Doktors Befehl. Er hat mir ganz besonders gesagt, Niemand als ihn allein hinein zu lassen.«

»Unsinn.«

»Es ist kein Unsinn. Es ist ein Gefangener heute Abend hinein gebracht und Niemand soll zu ihm.«

»Ein Gefangener?« Sie wurde immer dringender. »Was fehlt ihm ?« »Ich weiß nicht. Aber er soll ganz ruhig gehalten werden, bis der alte Pine wieder herunter kommt.«

Sie nahm jetzt eine hochmüthige Miene an.

»Miles, laß mich hinein.«

»Bitten Sie mich nicht darum, Fräulein. Es ist gegen die Befehle und – «

»Gegen die Befehle? Was und Du wolltest gewisse Leute sogar niederschießen ?«

Der gequälte Miles wurde böse.

»Wollte ich? So, – gut, ob oder ob nicht, – Sie gehen nicht hinein.« Sie wandte sich wie zum Gehen.

»Sehr gut. Das ist also der Dank dafür, daß ich meine Zeit hier mit Dir verschwende. Ich werde wieder aus Deck gehen.«

Miles wurde unruhig.

»Da sind genug angenehme Leute.« Miles ging ihr einen Schritt nach. »Mr. Frere läßt mich gleich hinein, wenn ich ihn bitte.«

Miles stieß zwischen seinen Zähnen einen Fluch aus.

»Der verdammte Frere! Gehen Sie hinein, wenn Sie mögen,« sagte er. »Ich will Sie nicht aushalten, aber denken Sie daran, was ich für Sie thue.«

Sie wandte ich am Fuß der Treppe um und kam zurück.

»Du bist ein guter Schelm. Ich wußte wohl, daß Du es mir nicht abschlagen würdest.« Und dem armen Tropf zulächelnd, den sie so bethörte, ging sie in die Kajüte.

Es war keine Laterne darin und durch die halb zugesetzten Sternfenster drang nur ein sehr schwaches Licht. Das einförmige Anschlagen des Wassers an das Schiff, das sanft auf den langsamen Wellen hin- und hergeschaukelt wurde, gab einen recht melancholischen Ton und das schwere Athmen des kranken Mannes schien den ganzen Raum mit seinem Geräusch zu erfüllen. Das leise Geräusch des Oeffnens der Thür schien ihn zu erwecken. Er erhob sich, stützte sich auf seinen Ellenbogen und begann zu murmeln. Sara stand in der Thür still, um zu lauschen, aber sie konnte nichts von dem undeutlichen Murmeln verstehen. Ihren Arm erhebend, der, seines weißen Aermels wegen, leicht zu sehen – war, winkte sie Miles. »Die Laterne,« flüsterte sie. »Bringen Sie die Laterne.« Er nahm sie von dem Haken ab, an dem sie hing, und brachte sie ihr. In dem Augenblick richtete sich der kranke Mann auf und wandte sich gegen das Licht. »Sara,« rief er in scharfem Ton, »Sara!« Mit seinem schwachen Arm griff er in die Luft, als ob er sie fassen wollte.

Das Mädchen sprang wie ein Panther aus der Kajüte, riß ihrem Liebhaber die Laterne aus der Hand und war sogleich wieder neben dem Lager des Kranken. Der Gefangene war ein junger Mann von etwa vierundzwanzig Jahren. Seine Hände, krampfhaft gefaltet, waren wohlgeformt und klein und das unrasierte Kinn zeigte den Ansatz zu einem starken Barte. Seine wilden, schwarzen Augen blitzten im Feuer des Deliriums und während er nach Luft schnappte, stand der Schweiß in hellen Tropfen auf seiner bleichen Stirn.

Der Anblick des Mannes war erschreckend genug und Miles zog sich fluchend zurück und war nicht sehr erstaunt, daß Mrs. Vickers Mädchen ganz starr vor Entsetzen war.

Mit offenem Munde und todtenbleichem Gesicht stand sie mit der Laterne in der Hand mitten in der Kajüte, wie versteinert und starrte auf den Mann im Bett.

»Ja, das ist ein Anblick,« sagte Miles endlich. »Kommen Sie fort, Fräulein und machen sie die Thür zu. Er redet irre, sage ich Ihnen.«

Der Ton einer Stimme rief sie wieder zu sich.

Sie ließ die Laterne fallen und stürzte zu dem Lager.

»Du Narr! Er erstickt ja. Kannst Du das nicht sehen. Bringe Wasser herbei! Wasser! gib mir Wasser!«

Und die Arme um des Mannes Hals schlingend, legte sie seinen Kopf an ihre Brust und schaukelte ihn ganz außer sich hin und her.

Zum Gehorsam gezwungen durch ihre Stimme, tauchte Miles einen Becher in ein kleines, von ihr unbemerkt gebliebenes Faß in der Ecke der Kajüte und gab ihn ihr. Ohne zu danken, hielt sie den Becher an die heißen Lippen des Gefangenen. Er trank gierig und schloß dann seine Augen mit einem dankbaren Seufzer.

Da hörten die scharfen Ohren von Miles das Geräusch des Gewehr Präsentierens. »Da kommt der Doctor, Fräulein,« rief er. Ich höre wie die Wache präsentiert. Schnell fort!«

Sie ergriff die Laterne, öffnete sie und löschte sie schnell aus.

»Sage, sie ging aus,« sagte sie in befehlendem Tone flüsternd zu ihm, »und halte Deinen Mund. Laß mich nur machen.« Sie beugte sich über den Gefangenen, um seine Kissen zu ordnen und glitt aus der Kajüte, gerade als Pine den Gang herabkam.

»Hallo,« schrie er, als er ein wenig stolperte, »wo ist das Licht?«

»Hier, Herr,« rief Miles und machte sich mit der Laterne zu thun. »Alles in Ordnung, Herr, sie ging nur aus.«

»Ging aus! Wozu hast Du sie ausgehen lassen, Du Esel,« brummte Pine ganz ohne Verdacht. »Das ist Euch Schafsköpfen recht ähnlich. Wozu dient ein Licht, wenn man es ausgehen läßt, – was?«

Und während er mit ausgestreckten Armen seinen Weg im Dunkeln suchte, schlüpfte Sara Purfoy unbemerkt an ihm vorüber und gelangte glücklich auf das Deck.




Fünftes Capitel.

Die Baracken


Im Zwischendeck in dem Gefängnis herrschte tief Dunkelheit, unter deren Schutze sich ein summendes Geräusch von Stimmen hören ließ. Die Schildwache am Eingang hatte Befehl, »die Gefangenen an jedem Lärmen zu verhindern.« Dieser Befehl wurde auf die weitherzigste Weise befolgt. So lange die Gefangenen nicht brüllten , schrien und sich prügelten – lauter Dinge die zuweilen vorfielen, – störte man sie nicht. Diese Behandlung war ebenso durch die Klugheit geboten wie durch die Bequemlichkeit. Wurden sie zu streng gehalten, so begannen sie ein so thierisches Geschrei, in das Alle einstimmten und das, wenn es auch Lärm genug machte, doch jede Möglichkeit der Einzelbestrafung ausschloß. Man konnte nicht hundertundachtzig Mann aushauen und es war völlig unmöglich die Hauptthäter herauszufinden. So hatten die Gefangenen, dieses letzten Umstandes wegen, das stillschweigend anerkannte Recht sich angemaßt, im Flüsterton zu sprechen und innerhalb des eichenen Käfigs sich zu bewegen.

Für Einen, der von außen herein kam, herrschte eine undurchdringliche Finsterniß in dem Raum, aber das Auge des Gefangenen, an dies düstere Zwielicht gewöhnt, war im Stande, die ihn umgebenden Gegenstände mit ziemlicher Deutlichkeit zu unterscheiden. Das Gefängnis war ungefähr fünfzig Fuß lang und hatte die volle Höhe des Zwischendecks, also fünf Fuß, zehn Zoll. Die Barrikade war hier und da mit Schießscharten versehen und durch die Zwischenräume der Planken konnte auch leicht ein Flintenlauf gesteckt werden. Aus der Hinterseite dicht bei den Kajüten der Soldaten, war eine Fallthür angebracht, ähnlich dem Feuerloch eines Ofens. Beim ersten Blick glaubte man, sie sei zu dem menschlichen Zweck der Ventilation angebracht, aber bei einem zweiten Blick wurde man eines besseren belehrt. Die Oeffnung war gerade groß genug für den Lauf einer kleinen Haubitze, die im unteren Deck aufbewahrt wurde.

Im Fall einer Meuterei konnten die Soldaten das Gefängnis vollkommen mit Kartätschen bestreichen. So viel frische Lust, als das Gefängnis erhielt, kam theils durch die Schießscharten, theils wurde sie in etwas größerer Menge durch ein Windsegel zugeführt, das von dem Hauptgange aus in das Gefängnis eingesetzt war. Da aber das Windsegel nothwendiger Weise nur an einem Ende des Gefängnisses angebracht werden konnte, so wurde die Luft, welche es verbreitete, von den zwanzig oder dreißig glücklichen Burschen verbraucht, welche in der Nähe schliefen und die andern hundertundfünfzig kamen ganz schlecht dabei fort. Die Fenster waren freilich offen, aber da die Kojen davor gebaut waren, so kam die Luft nur denjenigen zu Gute, deren Schlafstellen grade davor lagen. Es gab achtundzwanzig solcher Kojen, jede enthielt sechs Mann. Sie liefen in einer doppelten Reihe um drei Seiten des Gefängnisses herum, auf jeder Seite zwanzig, und acht lagen auf der Seite der vorderen Barrikade, die der Thür gegenüber lag. Jede Lagerstätte sollte fünf Fuß sechs Zoll im Ouadrat haben, aber die Ladung hatte noch sechs oll davon gebraucht und selbst jetzt mußten noch zwölf Mann auf Deck schlafen.

Pine übertrieb nicht, als er von dem Ueberfüllen der Deportiertenschiffe sprach und da er für jeden Mann, den er lebendig nach Hobart Town brachte, eine halbe Guinee erhielt, so hatte er wohl Grund, sich zu beklagen.

Als Frere vor einer Stunde heruntergekommen war, lagen die Gefangenen Alle ruhig unter ihre Decken. Jetzt war es anders; freilich bei dem ersten Geräusch der Riegel wären sie wieder in ihren alten Stellungen gewesen und dem Anschein nach fest schlafend. Jetzt zeigte sich, wenn sich das Auge an die dicke Atmosphäre gewöhnt hatte, ein ganz anderes Bild.

Gruppen in allen möglichen Stellungen lagen, standen, – saßen oder schritten auf, und nieder. Es war die Scene vom Hinterdeck, nur daß die wilden Thiere sich hier ein wenig freier bewegten, da sie keine Furcht vor den wachsamen Wärtern zu haben brauchten. Es ist unmöglich in Worten eine Idee von der gräulichen Erscheinung dieser Glieder und Gesichter zu geben, welche sich in dem Zwielicht dieses entsetzlichen, übelriechenden Gefängnisses hin und her bewegten. Callot hätte vielleicht ein Bild davon gezeichnet, Dante hätte Einiges davon angedeutet, aber der Versuch einer genauen und richtigen Schilderung würde nur Ekel erregen. Es gibt Tiefen in der Menschheit, die man nicht aufdecken sollte, so wie es mephitische Höhlen gibt, in die man nicht einzudringen wagt.

Alte Männer, junge Männer und Knaben, kräftige Einbrecher und Straßenräuber schliefen Seite an Seite mit ausgedörrten Taschendieben und schlauen Betrügern. Der Fälscher lag in einer Koje oder Hängematte mit dem verbrecherischen Plünderer. Der gebildete Mann lernte merkwürdige Geheimnisse der Einbrecherkunst und der gemeine Schurke von St. Giles hatte ein gutes Beispiel an der Selbstbeherrschung, das ihm der schärfere Verstand des professionsmäßigen Schwindlers gab.

Der betrügerische Schreiber und der prahlerische Gauner tauschten Erfahrungen aus. Die Geschichten des Schmugglers, der von glücklichen Abenteuern und von gelungenen Fahrten sprach, wurden von den Erinnerungen des Straßenräubers abgelöst, der von nebeligen Nächten und von gestohlenen Uhren erzählte. Der Wilddieb, der in düsterem Grimm an sein krankes Weib und an seine verwaisten Kinder dachte, fuhr zusammen, als ihm der Diebskerl neben ihm einen Schlag auf die Schulter gab und ihm zuredete, er solle fröhlich und ein ganzer Mann sein.

Der feine Handlungsdiener dessen Vorliebe für vornehme Gesellschaft und gutes Leben ihn so weit gebracht, hatte bald die erste Scham abgelegt und horchte eifrig auf die Erzählungen der lasterhaften Erfolge, welche seinen älteren Gefährten so glatt von den Lippen gingen. Deportiert zu werden, war gar nicht solch’ ein ungewöhnliches Los. Die alten Kerle lachten und schüttelten ihre grauen Köpfe mit der Zufriedenheit langer Erfahrung und die aufhorchende Jugend sehnte sich nach der Zeit, da sie es ebenso machen würde. Die menschliche Gesellschaft war ihr gemeinsamer Feind und die Richter, Kerkermeister und Prediger waren das Wild, das alle vernünftigen Bursche hetzen mußten. Nur Narren waren ehrlich, nur Feiglinge küßten die Ruthe und übten nicht Rache an der hochachtbaren Welt, die so großes Unrecht ihnen gethan. Jeder Neue war ein Rekrut wehrt in den Reihen der Schurkerei und Keiner, der einmal m diese Höhle der Schmach einzog, ging daraus hervor, ohne ein geschworener Verächter des Gesetzes, der Ordnung und der »freien« Leute draußen zu werden. Was er vorher gewesen sein mochte, darauf kam es nicht an. Er war jetzt ein Gefangener, der mit in der stinkenden Baracke lebte, der ein Gefährte des Auswurfs der Menschheit geworden, dessen Auge und Ohr täglich und stündlich alle möglichen Scheußlichkeiten , Lästerungen und Unanständigkeiten sah und hörte. Er verlor bald seine Selbstachtung und wurde das, wofür ihn seine Kerkermeister von vornherein hielten – ein wildes Thier, das unter Schloß und Riegel gehalten werden mußte, damit er nicht ausbreche und sie zerreiße.

Die Unterhaltung drehte sich um die plötzliche Abholung der vier Leute.

Wozu brauchte man sie zu dieser Stunde?

»Ich sage Euch, es ist etwas auf Deck los,« sagte Einer aus der nächsten Gruppe. »Hört Ihr nicht das Rollen und den Lärm ?«

»Warum haben sie die Boote in See gelassen? Ich hörte das Einschlagen der Ruder.«

»Ich weiß nicht, Kamerad. Vielleicht ein Begräbniß,« sagte ein kurzer, kleiner Kerl als eine glücklich gefundene Erklärung.

»Einer aus der Kajüte!« sagte ein Anderer und Alle lachten.

»Solch’ Glück gibts nicht. Ihr werdet noch lange nicht Euren Klüver ihretwegen herunterlassen. Vielleicht ist der Schiffer fischen gegangen.«

»Der Schiffer fischt nicht, Du Narr. Was sollte er fischen, mitten in der Nacht?«

»Das wäre ja wie der alte Dovery,« sagte ein Fünfter und spielte auf einen alten, grauhaarigen Burschen an, der, ein rückfälliger Deportierter, wegen Plünderei verurtheilt war.

»Ja,« fügte ein junger Mann hinzu, der den Ruf des feinsten Spions der Einbrecher in London hatte, »Menschenfischer, wie der Pfaffe sagt.«

Die näselnde Stimme eines Methodistenpredigers wurde so gut von ihm nachgemacht, daß es ein großes Gelächter gab. In diesem Augenblick grade fiel ein elender kleiner Cockney-Taschendieb, der sich nach der Thür hin fühlte, mitten in den Kreis.

Eine Fluth von Schimpfreden und Flüchen empfing ihn.

»Ich bitte um Vergebung, meine Herren,« rief der erbärmliche Kerl, »aber ich muß Luft haben.«

»Dann laß Dich rasieren und Dir den Hals aufschneiden,« schrie der Kerl, welcher vorhin schon mit seinem Witz einigen Erfolg gehabt hatte.

»O Herr, mein Nacken!«

»Steht auf,« ächzte Jemand in der Dunkelheit.

Der Sprecher verbarg seinen Kopf unter der Decke, als ob er zu bescheiden sei, sich sehen zu lassen.

Während dieser ganzen Zeit war der Cockney , ein Schneider seines Zeichens, von den Andern unter die Füße getreten.

»Laßt mich auf, ihr Herren, laßt mich auf! Ich glaube, ich bin am Sterben, – o sicher!«

»Laßt den Herrn aufstehen,« sagte der Spaßmacher aus seiner Koje. Hört Ihr nicht, sein Wagen wartet schon, um ihn in die Oper zu fahren.«

Die Unterhaltung war etwas laut geworden und aus der nächsten, obersten Koje streckte sich jetzt ein Bullkopf heraus.

»Kann man denn hier nicht mal schlafen ?« schrie eine rauhe Stimme. »Bei meinem Blut, wenn ich aufstehe, schlage ich ein paar von Euren Strohköpfen zusammen!«

Es schien, als ob der Sprecher ein gutes Gewicht bei den Leuten hatte, denn der Lärm hörte sogleich auf und in der Stille, die nun folgte, ertönte ein durchdringender Schrei, den der elende Schneider ausstieß.

»Hilfe! Sie tödten mich! Ach, ach!«

»Was gibts?« brüllte der Mann, der eben Schweigen geboten hatte, sprang aus seiner Koje und warf die Kerls nach rechts und links auseinander.

»Laßt ihn in Ruhe, hört Ihr?«

»Luft!« schrie der arme Teufel, »Luft, ich sterbe!«

Da stöhnte der Mann in der nächsten Koje grade ganz schrecklich.

»Na, Gott soll mich segnen,« rief der Riese, als er den nach Luft schnappenden Schneider in die Höhe hielt und sich umblickte, »alle die Kücken hier haben den Kroup bekommen!«

Das Stöhnen des Mannes in seiner Koje wurde immer stärker.

»Sagt’s der Wache,« meinte Einer, der menschlicher fühlte als die Andern.

»Ja,« rief der Witzbold, »laßt ihn hinaus, wir wollen lieber Einen leeren Platz als ihn selbst haben.«

»Wache, ein Mann ist krank.«

Aber die Wache kannte ihre Pflicht besser, als daß sie geantwortet hätte. Es war ein junger Soldat, aber er war wohl vor den Listen und Ränken der Gefangenen gewarnt worden und überdies hatte ihm Kapitain Vickers auseinandergesetzt, »daß nach den Königlichen Befehlen er weder auf eine Frage noch auf eine Anrede eines Gefangenen antworten dürfe, sondern in solchem Falle dem Offizier, der das Kommando habe, Anzeige machen müsse.« Obgleich nun der Posten leicht die Wache auf dem Quarterdeck hätte anrufen können, so fühlte er doch eine sehr natürliche Abneigung, solches zu thun, – nur um eines kranken Deportierten willen – weil in wenigen Minuten die Ablösung kommen mußte. So beschloß er, zu warten. Der Schneider befand sich ebenfalls immer schlechter und fing jämmerlich an zu stöhnen.

»He, hallo,« schrie sein Beschützer unruhig werdend, »halt ich aufrecht. Was ist mit Dir? Da stehen ihm die großen Tropfen auf der Stirn. Laßt ihn hinaus, Ihr da!«

Der Bursche wurde bis an die Thür geschleppt.

»Vater,« stöhnte er und schlug schwach mit seiner Hand an die dicke Eichenthür. »Gebt Einem zu trinken, Herr, um Gottes Willen, zu trinken!«

Aber die kluge Schildwache antwortete nicht, bis endlich die Schiffsuhr die Ablösung ankündigte und da kam auch der alte, ehrliche Pine und erkundigte sich besorgt nach den Leuten. Man sagte ihm, daß noch ein Gefangener krank sei! Er ließ die Thüre aufschließen und sogleich war auch der Schneider draußen. Ein Blick auf das verstörte, glühende Gesicht sagte ihm genug.

»Wer stöhnt dort ?« fragte er. Es war der Mann, der schon seit einer Stunde nach der Wache gerufen hatte und Pine ließ ihn auch hinaus kommen.

»Führt Beide nach hinten in’s Hospital,« sagte er, »und Jenkins, wenn noch irgend ein Mann krank wird, so muß ich gleich gerufen werden. Ich bleibe auf Deck.«

»Wir haben das Fieber an Bord.«

»Bei Gott, Pine, ist das wahr«?«

Pine schüttelte traurig seinen grauen Kopf.

»Das ist die verdammte Windstille! Ich habe es zwar immer erwartet, denn das Schiff ist zu voll. Als ich in der Hekuba war —«

»Wer ist der Kranke ?«

Pine lachte halb mitleidig, halb ärgerlich:

»Natürlich, nur ein Gefangener. Wer sollte es sonst sein? Sie dampfen wie die Ochsen in ihren Ställen in Smithsield. Hundertundachtzig Mann in einen Raum gesperrt, der fünfzig Fuß lang ist und eine Luft hat wie ein Ofen. Was kann man anders erwarten?«

Der arme Blunt stampfte mit dem Fuß.

»Es ist nicht mein Fehler,« rief er. »Die Soldaten sind nach hinten gebracht. Wenn die Regierung die Schiffe überladen will, so kann ich nichts machen.«

»Die Regierung, ja die Regierung, die schläft nicht zu sechzig Mann in einer Kajüte, die nur sechs Fuß hoch ist. Die Regierung bekommt nicht den Typhus in den Tropen.«

»Nein – aber —«

»Aber woran denkt denn die Regierung?«

Blunt wischte sich die Stirn.

»Wer wurde zuerst krank ?«

»Kajüte Nr. 97. Zehn in der unteren Reihe. Er heißt John Rex.«

»Sind Sie sicher, daß es das Fieber ist ?«

»So sicher, wie daß ich hier stehe. Der Kopf wie eine Feuerkugel, die Zunge wie Leder! Ich soll es nicht wissen? He?« Pine grinste dabei. »Ich habe ihn in’s Hospital geschickt. Ein schönes Hospital! Dunkel wie ein Wolfsrachen. Ich habe schon Hundeställe gesehen, die besser waren.«

Blunt zeigte nach der leuchtenden Rauchsäule am Horizont: »Und wenn da eine ganze Schiffsladung von armen Teufeln herkommt, so muß ich sie aufnehmen.«

»Ja,« sagte Pine düster »das muß geschehen. Wir müssen sie wegstauen. Dann müssen wir mit dem ersten Wind das Kap anlaufen, – wenn sie kommen, – das ist das Einzige, was wir thun können.« Er wandte sich ab, um nach dem brennenden Schiff zu sehen.




Sechstes Kapitel.

Das Schicksal des Hydaspes


Indessen waren die beiden Boote grade auf den rothen Schein zu gerudert, der wie eine mächtige Fackel über dem Meer aufstieg.

Wie Blunt gesagt hatte, war das brennende Schiff gute zwölf Meilen entfernt von dem Malabar und der Weg war lang und ermüdend. Nachdem sie erst ganz die schützende Seite des Schiffes verlassen halten, das sie so weitaus ihrer unheilvollen Reise gebracht hatte, schienen die Abenteurer in eine ganz neue Welt zu kommen. Die Unendlichkeit des Oceans, über welchen sie sich langsam fortbewegten, offenbarte sich ihnen jetzt zum ersten Mal. An Bord des Gefangenenschiffes, umgeben von den Erinnerungen, wenn auch nicht von der Bequemlichkeit des Lebens an Land, hatten sie bis jetzt noch gar nicht ganz und voll begriffen, wie weit sie entfernt waren von der Civilisation, in der sie groß geworden. Die wohlerleuchtete und gut ausgestattete Kajüte, die einfache Fröhlichkeit auf dem Vorderkastell, die Ablösung der Wachen, ja selbst der Schrecken und die Finsterniß des fest geschlossenen Gefängnisses – Alles dies gab den Reisenden noch immer ein Gefühl der Sicherheit gegen die unbekannten Gefahren der See. Der Widerstand gegen die Elemente, der besonders stark ist wenn Menschen in Gesellschaft ihresgleichen sind, hatte sie bis dahin aufrecht erhalten und so fühlten sie auch jetzt, obgleich sie allein auf der ungeheuren Wasserfläche waren, daß die Gefahren, die Einer von ihnen zu bestehen haben würde auch von den Kameraden getheilt und vielleicht erfolgreich überwunden würden.

Jetzt aber – da das eine Schiff immer kleiner hinter ihnen wurde und das Andre vor ihnen, ein brennendes Wrack in der dunkeln Ferne, Schrecken und Grauen menschlicher Noth und Todesangst einschließend, – jetzt erst fühlten sie ihre eigne Schwäche und Ohnmacht recht. Der Malabar, das riesige Seeungeheuer, in dessen Innerem so viele Geschöpfe lebten und litten, war zu der Größe einer Walnussschale zusammengeschrumpft und wie war doch ihr eigenes Boot so verschwindend klein daneben erschienen, als es unter dein haushohen Stern hervorgeschossen war. Der schwarze Rumpf war für sie ein wahrer Riese an Stärke gewesen, der jede Macht von Wind und Wetter zu besiegen im Stande – jetzt war das Schiff nichts als ein Stück Holz, das über der grundlosen, schwarzen Tiefe schwamm. Das blaue Licht, das zuerst, über den Ocean blitzend, der Sterne Schein durch seinen Glanz erbleichen ließ, war jetzt nur noch ein heller glänzender, deutlicher Punkt, der aber durch seinen Glanz selbst das Schiff zwerghaft erscheinen ließ. Der Malabar lag auf dem Wasser wie ein Glühwurm auf einem schwimmenden Blatt und die Signalfeuer machten nicht mehr Eindruck in der Dunkelheit als das Licht eines einsamen Bergmannes in dem Abgrunde einer Kohlenmine.

Und doch enthielt der Malabar zweihundert Seelen, Menschen wie sie selbst waren!

Das Wasser, über das die Boote hinglitten, war schwarz und glatt, nur in ungeheuren schaumlosen Wogen sich hinwälzend, die um so schrecklicher waren wegen der völligen Stille. Wenn die See braust, so scheint sie zu sprechen und die Sprache unterbricht die Schrecken der Stille ; wenn die See unbeweglich ist, so ist sie stumm und scheint über allerlei Unheil zu brüten. Der Ocean in einer Windstille ist wie ein böser Riese; man fürchtet sein Brüten über neuen Plänen. Ueberdies sieht das aufgewühlte Meer nicht so ungeheuer groß aus, wie ein stilles Meer. Die steigenden Wellen bringen den Horizont näher und man sieht nicht, wie viele, viele Meilen die unbarmherzigen Wellen sich wiederholen. Um die entsetzliche Ausdehnung des Oceans zu erkennen, muß man ihn in der Ruhe sehen.

Der Himmel stieg ohne Wolken über dem stillen Meere auf. Die Sterne schienen so niedrig in dem ungeheuren Raum zu stehen und strahlten in einer Art von violettem Glanz. Kein Laut ertönte und jeder Schlag der Ruder hallte leise wieder in dem unendlichen Raum. Wenn die Ruder eintauchten, spritzten Funken auf und die Boote ließen zwei Streifen zurück, die wie ungeheure Schlangen auf einem Meer von Quecksilber sich zu bewegen schienen.

Bis jetzt hatte eine Art von Wettfahrt zwischen den beiden Booten stattgefunden; die Ruderer hatten mit zusammengebissenen Zähnen und fest geschlossenen Lippen Schlag auf Schlag gethan. Da hielt das vordere Boot plötzlich ein wenig an. Best ließ ein fröhliches Hurrah hören und schoß an ihm vorüber grade hinein in den rothen Lichtstreifen, der von dem brennenden Schiff aus sich über die See breitete. »Was gibts?« rief er.

Er hörte einen unterdrückten Fluch von Frere und dann machte Frere’s Boot eine ganz besondere Anstrengung, um ihn wieder zu überholen.

»Es war wirklich nichts von Bedeutung; nur ein Gefangener der nicht weiter konnte.«

»Verdammt,« murmelte Frere »was ist mit Euch ? O, es ist Dawes, natürlich Dawes. Von solchem schleichenden Hunde kann man auch nichts Besseres erwarten. Solch’ Unsinn gilt bei mir nicht. Es ist freilich nicht so angenehm, als sich am Schanzbord herumzutreiben, aber immer weiter, – fort.«

»Er ist krank Herr,« sagte ein mitleidiger Kamerad.

»Krank, – er! Alles Verstellung. Voran, voran, – legt Euch aus.«

Der Gefangene hatte sein Ruder wieder aufgenommen und das Boot schoß weiter.

Aber es half Frere nichts; er konnte die verlorene Strecke nicht wieder gewinnen und Best erreichte zuerst die schwarze Wolke, die über den roth schimmernden Wasser hing.

Auf sein Zeichen glitt das zweite Boot an seine Seite.

»Haltet zurück,« sagte er. »Wenn noch Viele an Bord sind, werden ihrer zu viele kommen, und ich glaube, es müssen noch viele da sein, denn wir sind keinen Booten begegnet.« Und während die erschöpften Ruderer zurücklehnten, erhob er seine Stimme und rief das Schiff an.

Es war ein sehr großes, schwerfällig gebautes Schiff von bedeutender Breite und sehr hohem Hinterdeck. Sonderbar genug war es, obgleich sie erst sehr kurze Zeit den Brand gesehen, ein vollständiges Wrack und gänzlich verlassen. Der Hauptherd des Feuers war in der Mitte und das Zwischendeck war eine Feuermasse.

Hier und da klafften schon Risse und Spalten in der Seite und das Feuer glühte furchtbar im Innern. Der große Mast war auf der Steuerbordseite in’s Wasser gesunken und die schwarzen überhängenden Trümmer hatten das Schiff stark auf die Seite gelegt. Das Feuer prasselte wie ein Wasserfall und ungeheure Wolken feurigen Rauches wälzten sich hervor und legen sich dicht über die ganze Umgebung.

Als Frere’s Boot langsam um den Stern des Schiffes ratterte, rief er es wiederholt an.

Doch kam keine Antwort und obgleich die Lichtfluth, welche das Wasser ringsum blutroth färbte und jedes Tau und jeden Sparren taghell erleuchtete, so konnte sein spähendes kluge doch kein lebendes Wesen entdecken.

Sobald sie näher kamen, konnten sie die vergoldeten Buchstaben des Namens unterscheiden.

»Wie heißt es,« rief Frere, dessen Stimme fast von dem Geräusch der prasselnden Flammen erstickt wurde. »Könnt ihr es lesen ?«

Rufus Dawes stand von Neugierde getrieben, hoch auf und beschattete seine Augen mit der Hand. Plötzlich schrie er auf.

»Nun, könnt Ihr nicht sprechen? Wie heißt es?«

»Der Hydaspes!«

Frere athmete schwer.

«Der Hydaspes! Das Schiff, in dem sein Vetter Richard Devine gesegelt war. Das Schiff, von dem er mit größter Angst auf Nachricht wartete. Das Schiff von dem er nirgends etwas gehört hatte, als über seinen verschwundenen Vetter gesprochen wurde.

»Zurück, ihr Männer! Fort! Rudert um Euer Leben!«

Best’s Boot näherte sich.

»Könnt ihr den Namen lesen ?«

Frere, todtenbleich vor Schrecken, brüllte eine Antwort:

»Der Hydaspes «! – »Ich kenne es. Es hat nach Calcutta geladen, hat fünf Tonnen Pulver an Bord!«

Es brauchte weiter keiner Worte. Das einzige Wort erklärte das ganze Geheimniß der Verlassenheit. Die Schiffsmannschaft war bei dem Ausbruch des Feuers in die Boote geflüchtet und hatte das todbringende Schiff seinem Schicksal überlassen. Sie waren wohl schon viele Meilen entfernt und hatten unglücklicher Weise eine andere Richtung eingeschlagen, als die, in welcher für sie Rettung zu finden war.

Die Boote flogen durch das Wasser. So eifrig sie vorher gewesen waren, um so eifriger waren sie jetzt, um zu entkommen. Die Flammen hatten gerade jetzt das Hintertheil erreicht. In wenigen Minuten wäre es zu spät für sie gewesen.

Zehn Minuten lang sprach Niemand ein Wort. Mit angestrengten Muskeln und keuchender Brust arbeiteten die Männer an ihren Rudern, ihre Augen auf die feurige Masse gerichtet, von der sie sich schnell entfernten. Frere und Best, den Blick ebenfalls auf den Gegenstand des Schreckens gerichtet, feuerten die Leute zu größerer Eile an. Schon leckten die Flammen an der Flagge und hatten die Verzierungen am Stern erreicht.

Noch ein Augenblick und Alles wird vorüber sein! Jetzt ist es so weit.

Ein dumpfes Rollen; das brennende Schiff barst auseinander. Eine Feuersäule, von schwarzen Massen unterbrochen, die aus Planken und Stangen bestanden, hob sich hoch über den Ocean. Es gab einen Furchtbaren Krach, als ob Himmel und Erde einstürzten. Dann stieg ein mächtiger Wasserberg auf, fiel zusammen, erreichte die Boote, wogte vorüber und sie waren allein – betäubt, entsetzt, athemlos in der fürchterlichen Finsterniß und in dem Todesschweigen.

Das Zusammenstoßen der letzten Ueberreste im Wasser erweckte sie aus ihrer Erstarrung. Da fuhr das blaue Licht vom Malabar in die Höhe und bezeichnete ihnen den Weg. Jetzt wußten sie, daß sie in Sicherheit waren.


* * *

Auf dem Deck des Malabar gingen zwei Männer unruhig auf und nieder und erwarteten den Tagesanbruch.

Endlich kam er. Der Himmel wurde licht, der Nebel zerging und ein bleicher Streifen zeigte sich am Horizont.

Bald blitzte das Wasser, die See veränderte die Farbe, aus schwarz wurde gelb, aus gelb ein leuchtendes Grün. Der Mann im Mastkorb rief die Männer auf Deck. Die Boote waren in Sicht, und wie sie sich nun langsam dem Schiffe näherten und das Wasser unter den im Takt sich bewegenden Rudern aufleuchtete, wurden sie von den eifrig ausschauenden Schiffsleuten mit Hurrah und Mützenschwenken begrüßt.

»Keine Seele,« rief Blunt. »Niemand als sie allein. Nun ich bin froh, daß sie glücklich wieder da sind.«

Die Boote legten bei, und in wenigen Sekunden war Frere auf Deck.

»Nun, Mr. Frere?«

»Nichts,« sagte Frere, sich schauernd. »Wir hatten gerade Zeit genug, um wieder abzukommen. Um ein Haar hätten wir daran glauben müssen, Sir.«

»Sahen Sie Niemand?«

»Keine Seele. Sie müssen sich in die Boote gerettet haben.«

»Dann können sie nicht weit gekommen sein,« rief Blunt und bestrich den Horizont mit seinem Glas.

»Sie müssen die ganze Zeit gerudert haben, denn es ist nicht genug Wind gewesen, um einen hohlen Zahn damit zu füllen.«

»Vielleicht haben sie eine falsche Richtung genommen, « sagte Frere. »Sie waren uns wohl vier Stunden voraus.«

Dann kam Best und erzählte den begierigen Zuhörern die ganze Geschichte. Die Matrosen hatten die Boote aufgehißt und festgemacht und eilten auf das Vorderkastell, um zu essen und zu trinken und dazwischen erzählten sie ihre Erlebnisse. Die vier Gefangenen wurden hinabgebracht und wieder eingesperrt.

»Sie sollten lieber hinuntergehen, Frere,« sagte Pine ärgerlich. »Es hilft nichts, hier den ganzen Tag zu stehen und nach Wind zu pfeifen.«

Frere lachte lustig. »Ja, das will ich. Ich bin hundemüde und so schläfrig wie eine Eule.« Damit stieg er in seine Kajüte hinab.

Pine ging noch einige Male auf dem Deck auf und ab, dann Blunt’s Blick auffangend, stand er gerade vor Vickers still.

»Vielleicht erscheint es Ihnen hart, Kapitain Vickers, wenn ich es sage, – aber es ist recht gut, wenn wir diese armen Teufel nicht finden. Wir haben genug mit uns selbst zu tun.«

»Was meinen Sie damit, Pine?« sagte Vickers und seine menschlichen Gefühle gewannen die Oberhand über seine Förmlichkeit. »Wir werden doch die Unglücklichen nicht ihrem Schicksal überlassen ?«

»Vielleicht,« erwiderte der Andere, »würden Sie es uns nicht danken, wenn wir sie aufnähmen.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Das Fieber ist ausgebrochen.«

Vickers zog seine Augenbrauen in die Höhe. Er hatte keine Erfahrung in solchen Dingen und obgleich die Nachricht recht unangenehm war, so erklärte sich die Sache doch durch die Ueberfüllung an Bord. An Gefahr für sich und die Seinen dachte er nicht.

»Das ist ein großes Unglück , aber Sie werden doch solche Maßregeln treffen —«

»Bis jetzt ist es nur im Gefängnis,« sagte Pine mit besonderem Ausdruck, »aber wer kann sagen, wie lange es sich darauf beschränkt. Drei Männer sind schon unten.«

»Gut, Herr. Die Sache liegt ganz in Ihren Händen. Alles, was Sie wünschen, soll geschehen. Ich will thun, was ich kann.«

»Danke. Vorerst muß ich mehr Raum für das Hospital haben. Die Soldaten müssen sich behelfen.«

»Ich will sehen, was geschehen kann.«

»Sie sollten Ihre Frau und Ihr kleines Mädchen so viel wie möglich auf Deck bleiben lassen.«

Vickers erbleichte, als Pine seines Töchterchens erwähnte.

»Himmel, glauben Sie, daß es Gefahr gibt?«

»Natürlich ist Gefahr für uns Alle vorhanden, aber mit Achtsamkeit kann man ihr entgehen. Da ist das Mädchen. Sagen Sie ihr, sie soll mehr für sich bleiben. Sie treibt sich überall im Schiff herum. Das gefällt mir nicht. Ansteckung verbreitet sich leicht und Kinder sind ihr mehr ausgesetzt, als Erwachsene.«

Vickers biß die Lippen zusammen. Dieser alte Mann mit seiner harten Stimme und seiner fürchterlichen Klarheit erschien ihm wie ein Vogel von böser Vorbedeutung.

Blunt, der sich bisher schweigend verhalten hatte, wagte jetzt ein Wort zur Vertheidigung der Abwesenden.

»Das Mädchen thut nichts Unrechtes, Pine. Was ist’s mit ihr.«

»O mit ihr ist nichts, sicher nicht. Sie wird nicht angesteckt werden, weniger als Einer von uns. Man kann ihr die Lebensfähigkeit am Gesicht ansehen. Sie hat neun Leben wie die Katzen. Aber sie kann die Ansteckung leichter verbreiten, als irgend ein Anderer.«

»Ich gehe, – ich will gleich zu ihr,« rief Vickers und wandte sich ab.

Das Mädchen, von dein sie so eben gesprochen, begegnete ihm an der Kajütstreppe. Ihr Gesicht war bleicher als gewöhnlich und dunkle Ränder um die Augen sprachen von schlaflos verbrachter Nacht. Sie öffnete ihre Lippen, um zu sprechen, hielt aber zurück, als sie Vickers sah.

»Was gibts ?«

Sie blickte von ihm zu den Andern.

»Ich wollte zu Dr. Pine.«

Vickers errieth mit dem schnellen Verständnis der Liebe ihr Vorhaben.

»Jemand ist krank ?«

»Ja, Herr; Fräulein Sylvia. Ich glaube, es ist nichts. Sie hat etwas Fieber und ist sehr heiß und Mrs. Vickers —«

Vickers eilte mit verstörtem Gesicht die Treppe hinab.

Pine faßte des Mädchens Arm hart an. »Wo sind Sie gewesen?«

Zwei feuerrothe Flecken zeigten sich auf ihren bleichen Wangen und sie blickte Blunt ärgerlich an.

»Pine, lassen Sie das Mädchen zufrieden.«

»Sind Sie gestern Abend bei dem Kinde gewesen?« fuhr Pine fort, ohne seinen Blick von ihr abzuwenden.

»Nein, ich bin seit gestern Mittag nicht in der Kajüte gewesen. Mrs. Vickers rief mich gerade jetzt herein. Lassen Sie meinen Arm los, Herr, Sie thun mir weh.«

Pine ließ sie los und schien mit ihrer Antwort Zufrieden zu sein. »Ich bitte um Verzeihung,« sagte er bereuend; »ich wollte Ihnen nicht weh thun. Aber das Fieber ist auf dem Schiff ausgebrochen und das Kind ist angesteckt. Sie müssen acht geben, wohin Sie gehen.«

Mit sorgenvollem Gesicht folgte er jetzt Vickers nach unten. Sara stand einen Augenblick ganz bewegungslos da, wie in tödtlicher Angst. Ihre Lippen waren offen, ihre Augen funkelten und sie machte eine Bewegung, als wenn sie sich zurückwerfen wollte.

»Arme Seele,« dachte der ehrliche Blunt, »wie sie sich um das Kind sorgt! Der verdammte ungeschickte Pflasterkasten hat ihr weh gethan! – Lassen Sie es gut sein,« sagte er laut zu dem Mädchen.

Es war helles Tageslicht und er hatte keinen Muth, mit ihr schön zu thun wie im Dunkeln.

»Fürchten Sie nichts. Ich bin schon früher auf Schiffen gewesen, auf denen das Fieber herrschte.«

Bei dem Ton seiner Stimme raffte sie sich zusammen und kam ihm näher.

»Aber Schiffsfieber,« sagte sie. »Davon habe ich gehört. Daran sterben die Leute wie die Schafe auf überfüllten Schiffen.«

»Still, – doch nicht. Fürchten Sie sich nicht. Sylvia wird nicht sterben und Sie auch nicht.« Er nahm ihre Hand. »Vielleicht gehen ein Dutzend Gefangene drauf, denn sie sind sehr enge da unten eingepackt, – aber —«

Sie entriß ihm heftig ihre Hand, dann aber sich fassend, gab sie sie ihm wieder.

»Was haben Sie ?«

»Nichts – einen plötzlichen Schmerz. Ich schlief vorige Nacht nicht.«

»Ja, ja, Sie sind übermüdet, das sehe ich. Gehen Sie und schlafen Sie.«

Sie starrte an ihm vorbei auf die See, wie in Gedanken verloren. So fest blickte sie hinaus, daß auch er unwillkürlich seinen Blick wandte. Dies brachte sie wieder zu sich selbst. Sie zog ihre schönen, geraden Brauen zusammen und dann in die Höhe wie ein Denker, der sich für irgend etwas entschieden hat.

»Ich habe Zahnweh,« sagte sie und hielt ihre Hand an ihre Wange.

»Nehmen Sie etwas Laudanum,« sagte er und dachte daran, wie seine Mutter solche Leiden kuriert hatte. »Der alte Pine kann Ihnen etwas geben.«

Zu seinem Erstaunen brach sie in Thränen aus.

»Was ist das? Weinen Sie nicht, meine Liebe. Verdammt, – ach weinen Sie nicht. Warum weinen Sie denn ?«

Sie wischte die glänzenden Tropfen fort und blickte ihn lächelnd mit Vertrauen an.

»Nichts. Ich bin so allein, so fern von Hause und – Dr. Pine that mir weh am Arme. Sehen Sie.«

Sie entblößte den schönen Arm, während sie sprach und wirklich waren drei kleine, rothe Flecke in dem weißen, festen Fleisch zu sehen.

»Der Bube,« rief Blunt. »Das ist zu arg.« Und nach einem schnellen Blick, ob Jemand ihn sähe, küßte der verliebte alte Bursche die Stelle auf dem Arm.

»Ich will Ihnen das Laudanum geben,« sagte er. »Sie sollen den alten Bären nicht darum bitten. kommen Sie in meine Kajüte.«

Blunts Kajüte war aus der Steuerbordseite des Schiffes, grade unter dein Zelt des Hinterdecks und hatte drei Fenster, eins an der Seite und zwei gingen auf Deck. Die Kajüte auf der andern Seite gehörte Frere. Er ging an die Thür und nahm einen Medizinkasten herunter, der grade über seinem Teleskop aufgehängt war.

»Hier,« sagte er und öffnete ihn. »Ich habe diesen kleinen Kasten schon seit Jahren mit herumgeschleppt, aber Gott sei Dank, benutze ich ihn nicht oft. Da, davon nehmen Sie in den Mund und halten es eine Weile darin.«

»Gott im Himmel, Kapitain Blunt, Sie wollen mich vergiften. Geben Sie mir die Flasche. Ich will mir selbst davon nehmen.«

»Nehmen Sie nicht zu viel,« sagte Blunt. »Es ist gefährliches Zeug, wissen Sie.«

»Ich weiß. Ich habe es schon früher gebraucht.«

Die Thür war zu und als sie die Flasche in die Tasche steckte, nahm sie der verliebte Kapitain in seine Arme.

»Nun, jetzt verdiene ich doch einen Kuß ?«

Ihre Thränen waren schon lange getrocknet und hatten ihr nur etwas Farbe gegeben. Dies liebenswürdige Frauenzimmer weinte niemals lange genug, um sich unangenehm zu machen. Sie hob ihre großen dunkeln Augen einen Augenblick zu ihm auf und blickte ihn mit schelmischem Lächeln an.

»Später,« sagte sie und entschlüpfte in ihre Kajüte. Dieselbe war dicht neben derjenigen ihrer Herrin und sie konnte das kranke Kind stöhnen hören. Ihre Augen füllten sich mit Thränen, – dies Mal mit wirklichen Thränen.

»Armes, kleines Ding,« sagte sie. »Ich hoffe, sie wird nicht sterben.«

Dann warf sie sich auf ihr Bett und verbarg ihr heißes Gesicht in ihre Kissen. Die Nachricht von dem Fieber schien sie furchtbar erschreckt zu haben, ja sie fast zum Entsetzen zu bringen. Es war, als ob diese Nachricht einen lange, sorgfältig bedachten Plan gestört hätte. Vielleicht hatte sie sich schon fast am Ziel geglaubt und nun vernichtete dies plötzliche Auftreten der Krankheit alle ihre sorgfältigen Berechnungen und legte ein fast unübersteigliches Hinderniß in ihren Weg.

»Wenn sie stürbe und durch mich! Wie konnte ich wissen, daß er das Fieber hat? Vielleicht bin ich selbst angesteckt. Ich fühle mich so krank.« Sie wälzte sich unruhig auf ihrem Lager, wie in Schmerzen, dann fuhr sie in die Höhe, wie von einem Schreckbild gepeinigt.

»Wenn er nun stürbe! Das Fieber verbreitet sich schnell und wenn das ist, so sind alle Pläne umsonst. Es muß sogleich geschehen. Jetzt darf ich nicht unterliegen.«

Sie nahm das Fläschchen aus ihrer Tasche, um zu sehen, wie viel darin war. Es war drei Viertel voll. »Genug für Beide,« murmelte sie zwischen den Zähnen. Das Fläschchen erinnerte sie an den verliebten Blunt und sie lächelte.

»Eine sonderbare Art, einem Mann seine Liebe zu zeigen,« flüsterte sie. »Aber er macht sich nichts daraus und mir ist jetzt Alles gleich. Ich will durch und wenn es zum Schlimmsten kommt, kann ich mich immer an Maurice halten.«

Sie löste den Korken des Fläschchens ein wenig, so daß sie ihn ganz ohne Geräusch herausnehmen konnte ; dann steckte sie es wieder in ihren Busen.

»Ich will ein wenig schlafen,« sagte sie. »Sie haben den Brief bekommen und es muß diese Nacht geschehen!«




Siebentes Capitel.

Der Typhus


Der Verbrecher Rufus Dawes hatte sich in seine Koje niedergelegt und versuchte zu schlafen. Aber obgleich er müde und erschöpft war und sein Kopf schwer wie Blei, so blieb er doch wach. Der lange Aufenthalt in der frischen Luft hatte ihm gut gethan und ihn gekräftigt, so daß er sich belebter fühlte, aber die schreckliche Krankheit hatte ihn einmal gefaßt, sein Puls ging schwer und sein Kopf glühte. In dem halb dunkeln engen Raum wälzte er sich umher und schloß seine Augen ; vergebens – es kam kein Schlaf. Mit der äußersten Anstrengung brachte er es nur dahin, daß er seine Gedanken ausruhen ließ von ihrem quälenden Umherschweifen, aber immer sah er vor seinen Augen das brennende Schiff glühen, – den Hydaspes, mit dessen Untergang nun auch jede Spur von dem unglücklichen Richard Devine verschwunden war.

Für ihn traf es sich glücklich, daß der Mann, welcher mit ihm draußen gewesen, etwas gesprächiger Natur war, denn derselbe mußte den Gefangenen die Geschichte ihrer Expedition wohl zwölf Mal wiederholen und Rufus selbst war aus seinem Halbschlummer aufgeweckt worden, um den Namen des Schiffes mit seinen eigenen Lippen zu nennen. Wenn die Leute nicht eine gewisse Achtung vor ihm gehabt hätten, so würde ihn wahrscheinlich nichts davon befreit haben, auch seinerseits die Sache zu schildern und sich an der lebhaft geführten Streitfrage zu betheiligen, ob und wie sich die Schiffsmannschaft des verbrannten Schiffes gerettet habe. So aber ließen sie ihn in Frieden ; er lag unbemerkt da und versuchte zu schlafen.

Eine Abtheilung von fünfzig Mann war auf Deck, um die Luft zu genießen und das Gefängnis war demzufolge nicht so heiß wie des Nachts. Viele der Gefangenen benutzten die leeren Kojen, um inzwischen auszuschlafen und die vier freiwilligen Ruderer durften, was sie versäumt, nachholen.

Noch hatte sich keine Unruhe wegen des Fiebers verbreitet. Die drei Fälle waren wohl besprochen worden, aber der Vorfall mit dem brennenden Schiffe hatte alles Interesse in Anspruch genommen, so das Pine’s Vorsichtsmaßregeln selbst vielleicht nicht genau beobachtet wurden. Die »Alten,« welche schon solche Reise mitgemacht hatten, waren aufmerksam geworden und hatten Verdacht, sagten aber nichts, denn wahrscheinlich würden doch die Schwächlichen und Kränklichen zuerst ergriffen und dann war ja für sie mehr Raum. So waren sie ganz zufrieden.

Drei von diesen Alten sprachen zusammen gerade hinter der Abtheilung der Koje, in der Dawes lag. Wie vorher gesagt wurde, waren die Kajüten fünf Fuß im Quadrat und enthielten jede sechs Mann. Nummer zehn, in welcher Dawes schlief, lag gerade in der Ecke, die von dem Steuerbord und den Mittelkojen gebildet wird und dahinter war ein kleiner Raum, in welchem sich das Fenster befand. Er hatte gerade jetzt nur drei Kameraden, denn John Rex und der Cockney-Schneider waren in das Hospital gebracht. Die drei Uebriggebliebenen waren die drei Männer, welche in diesem Augenblicke, in tiefe Unterhaltung versunken, in dem kleinen Fensterraum steckten. Der Riese, derselbe, der gestern die Ruhe wieder hergestellt hatte, schien das Haupt zu sein. Sein Name war Gabbett. Er war ein rückfälliger Sträfling, der jetzt auf dem Wege war, seine zweite Strafe wegen Straßenraubs anzutreten. Die andern Beiden waren ein Mann, Namens Sanders, der bekannt war als der Schnüffler und Jemmy Vetch, »die Krähe«. Sie flüsterten mit einander, doch konnte Rufus, der mit seinem Kopf dicht an der Holzwand lag, viel von dem verstehen, was sie sagten.

Zuerst war die Rede von dem brennenden Schiff und von der Möglichkeit der Rettung der Schiffsmannschaft. Dann erzählten sie Erlebnisse und Abenteuer von Schiffsbrüchen und endlich sagte Gabbett etwas, das den Horcher aus seinem halben Träumen und Schlafen zu klar bewußtem Wachen aufschreckte.

Sein eigener Name wurde genannt und zwar mit dem der Frau zusammen, welche er gestern auf dem Quarterdeck getroffen hatte.

»Ich sah sie mit Dawes gestern sprechen,« sagte der Riese mit einem Fluch. »Wir wollen Keinen mehr dabei haben. Ich will meinen Hals nicht wegen der Narrheiten von Rexens Weib wagen und das werd’ ich ihr sagen.«

»Es war nur etwas wegen des Kindes,« sagte die Krähe in ihrer eleganten Weise. »Ich glaube, sie hat ihn früher nie gesehen. Sie hält fest an Jack und läßt sich so leicht nicht mit einem Andern ein.«

»Wenn ich wüßte, daß sie uns verrathen wollte, ich würde ihr den Hals abschneiden, je eher, desto lieber,« brummte Gabbett ärgerlich.

»Da würde Jack auch ein Wort mitsprechen,« näselte der Schnüffler, »und der ist ein schlimmer Geselle, um mit ihm zu zanken.«

»Na, halte Deinen Rachen,« brummte Gabbett, »und schwatzt nicht weiter. Wenn wir von Geschäften sprechen wollen, so laßt es auch Geschäfte sein.«

»Was sollen wir thun,« fragte der Schnüffler jetzt, »Jack ist krank und das Mädchen wird ohne ihn sich nicht rühren.«

»Ja,« sagte Gabbett, »das ist schlimm.«

»Lieben, Leuten Freunde,« sagte die Krähe, – »meine verehrten und christlichen Freunde; es ist sehr zu beklagen, daß die Natur, als sie Euch solche dicken Schädel ab, nicht mehr hinein that. Ich sage Euch, – jetzt ist es Zeit. Jack ist im Hospital, – was schadet das. Es macht die Sache für ihn nicht besser. – Ganz und gar nicht, und wenn er Messer und Gabel niederlegt, so wird das Mädchen, glaube ich, sich nicht mehr rühren. Sie thut es doch nur um seinetwillen he?«

»Ja,« sagte Gabbett, wie Jemand, der nur halb überzeugt ist, »das glaube ich wohl.«

»Um so mehr Grund es schnell abzumachen. Noch eins, wenn die Burschen erst wissen, daß das Fieber ausgebrochen ist, dann sollt Ihr sehen, was es für einen Lärm gibt. Dann werden Alle bereit sein, zu uns zu stoßen. Wenn wir nur erst das Ding, den Schießprügel haben, dann sind wir zehn Mal so viel werth.«

Diese Unterhaltung die von Flüchen unterbrochen und mit Ausdrücken der Diebssprache gemischt war, hatte ein brennendes Interesse für Rufus. Bisher hatte er sich zurückgehalten von den Schurken, die ihn umgaben und hatte ihre ihm gräuliche Zuvorkommenheit zurückgewiesen, weil seine Verzweiflung und seine finstere Stimmung über sein unglückliches Schicksal, und die schnelle Verurtheilung, die ihn in’s Gefängnis gebracht, ihn schwer niederdrückten. Bon dem Tode seines Vaters und seinen dadurch veränderten Glücksumständen wußte er ja nichts.

Jetzt sah er seinen Irrthum ein. Er wußte, daß welchen Namen er auch früher getragen, derselbe jetzt gänzlich ausgelöscht war, daß von dem alten Leben jede Spur durch das Feuer des Hydaspes verzehrt worden war. Das Geheimniß, um dessentwillen Richard Devine seinen Namen aufgegeben und sich einem fürchterlichen und schmählichen Tode ausgesetzt hatte, war nun für immer gesichert. Richard Devine war todt; verloren gegangen auf der See mit der Mannschaft des unglücklichen Schiffes, in welchem seine Mutter ihn in Folge eines von ihm geschickt verfaßten Briefes auf der Reise nach Indien glaubte. Richard Devine war todt und das Geheimniß seiner Geburt war mit ihm begraben. Rufus Dawes, der Deportierte Verbrecher, der im Verdacht des Mordes stand, lebte, um sich seine Freiheit wieder zu verschaffen, um seine Rache zu üben. Mächtig durch die schrecklichen Erfahrungen in dem Gefängnis, mochte es ihm vielleicht gelingen Beides zu erreichen, trotz Kerker und Kerkermeister.

Mit glühendem Hirn und schwerem Kopfe horchte er eifrig auf das fernere Gespräch. Es schien, als ob das Fieber, das in ihm raste, seine gröberen Sinne gefangen hielt und ihm dafür das feinste Gehör gegeben.

Er war sich bewußt, krank zu sein. Seine Knochen schmerzten, seine Hände brannten, sein Kopf hämmerte, aber er konnte deutlich hören und er konnte über das, was er hörte, nachdenken.

»Aber wir können ohne das Mädchen nichts machen,« sagte Gabbett. »Sie muß die Wache besorgen und uns das Wort geben.«

Die bleichen Züge der Krähe belebten sich etwas und er grinste schlau. »Alter Handelsmann! Hört wie der Kaperer spricht,« sagte er. »Als ob er die Weisheit Salomons geschluckt hätte. Seht hier.« Damit zeigte er ein schmutziges Stückchen Papier, über das seine Gefährten eifrig die Köpfe beugten.

»Wo hast Du es her?«

»Gestern Nachmittag stand Sara aus dem Hinterdeck und warf den Möwen Brotkrumen hin. Da sah ich, daß sie scharf nach mir blickte. Endlich kam sie ganz nahe an die Barrikade und warf Krumen nach unserer Seite in die Höhe. Nach einer Weile kam ein ziemlich dickes Stück herüber, rund gedrückt und fiel gerade vor meine Füße. Das steckte ich ein. Inwendig war dieser Zettel.«

»Ach,« sagte Gabbett, – »das ist vernünftig. Lies es Jemmy.«

Die Handschrift war, wenn auch weiblich, so doch fest und deutlich. Sara hatte augenscheinlich an den Bildungsgrad ihrer Freunde gedacht und so geschrieben, um ihnen nicht zu viel Mühe beim Lesen zu verursachen.

»Alles ist in Ordnung. Paßt auf, wenn ich morgen Abend beim dritten Glas heraufkomme. Wenn ich mein Taschentuch fallen lasse, so geht an’s Werk zu der Stunde, die bestimmt ist. Die Wache wird in Sicherheit sein.«

Rufus Dawes, dessen Augenlider zufielen und dessen Glieder von fürchterlicher Müdigkeit fast gelähmt waren, horchte begierig auf jedes Wort. Sara Purfoy war im Bündniß mit den Gefangenen, war selbst die Frau oder die Geliebte Eines derselben. Sie war mit dem Plan an Bord gekommen ihn zu befreien, und dieser Plan sollte jetzt in’s Werk gesetzt werden. Er hatte von den Gräueln gehört, welche Meuterer begangen, die vom Erfolg begünstigt waren.

Eine Geschichte dieser Art nach der andern hatte oft die entsetzlichste Lustigkeit in dem Gefängnisse hervorgerufen. Er kannte den Charakter der drei Schurken, die, nur durch eine zweizöllige Planke von ihm getrennt, über ihre Aussicht auf Befreiung und Rache scherzten. Obgleich er sich wenig mit seinen Gefährten zu schaffen machte, so wußte er doch, was diese, seine Kajütskameraden, ausrichten würden, wenn sie ihre Rache an den Kerkermeistern ausließen.

Zwar war das Haupt dieses schrecklichen Bundes, John Rex, der Fälscher, nicht dabei, aber seine beiden Gehilfen, der Straßenräuber und der Ausbrecher, waren da und der schmächtige Mann, Krähe genannt, der freilich nicht den Kopf seines Meisters hatte, ersetzte seinen Mangel an starken Muskeln und an Kraft durch eine katzenartige Schlauheit und durch eine teuflische Behendigkeit und Geschicklichkeit, der nichts gleich kam. Und mit einem so mächtigen Verbündeten draußen, wie dies falsche Kammermädchen, war die Aussicht aus Erfolg sehr bedeutend. Es waren ihrer hundertundachtzig Deportierte und nur fünfzig Soldaten. Wenn der erste Schlag Erfolg hatte – und Sara’s Vorsichtsmaßregeln ließen das erwarten, so war das Schiff in ihrer Gewalt.

Rufus Dawes dachte an das kleine, blonde Mädchen, das ihm so voller Vertrauen entgegen gelaufen war und schauderte.

»Nun,« sagte die Krähe, spöttisch lachend, »sieht das nun danach aus, als ob das Mädchen uns eine Nase dreht?«

»Nein,« sagte der Riese und streckte seine Arme aus, wie man sich wohl in der Sonne zu dehnen pflegt. »Das ist recht, das ist gut. Das ist eine Sache!«

»England! – Heimath! – Schönheit,« rief Vetch mit pathetischer Geberde, die so lächerlich wenig zu der Sache paßte, von der die Rede war.

»Du möchtest wohl wieder nach Hause, – nicht so, alter Herr, wie?«

Gabbett wandte sich ärgerlich zu ihm. Seine niedrige Stirn gerunzelt, wie in wüsten Erinnerungen.

»Du,« sagte er.

»Du denkst wohl die Kette ist ein Vergnügen? Aber ich bin da gewesen; ich kenne die Geschichte und weiß, was es heißt.«

Sie waren einige Minuten still. Der Riese schien in düstere Gedanken versunken zu sein und die beiden Andern tauschten bezeichnende Blicke. Gabbett war zehn Jahre in der Strafkolonie von Macquarie Harbour gewesen und er theilte Keinem seiner Gefährten seine Erfahrungen mit. Wenn er sich in solche Erinnerungen vertiefte, so überließen ihn seine Freunde gewöhnlich sich selbst. Rufus Dawes verstand das plötzliche Schweigen nicht. Er horchte angestrengt, alle seine Sinne waren auf’s Aeußerste angespannt, so ergriff ihn diese plötzliche Unterbrechung der Unterhaltung. Alte Artilleristen sagen, daß wenn sie Tage lang in den Schanzgräben an das fortwährende Donnern der Kanonen sich gewöhnt haben, sie bei einer plötzlichen Pause im Feuern fast einen Schmerz empfinden. Etwas Aehnliches empfand Rufus jetzt. Seine Fähigkeit zu hören und zu denken, auf’s Höchste gespannt, versagte jetzt den Dienst. Es war, als ob ihm jede Stütze plötzlich genommen wäre. Die Anregung von außen fehlte plötzlich und so versagten ihm seine Sinne. Er fühlte, wie das Blut ihm in die Augen und in die Ohren schoß. Er machte irgend eine übernatürliche Anstrengung, um sein Bewußtsein zu bewahren, aber mit einem schwachen Schrei, den er nicht unterdrücken konnte, fiel er zurück und schlug mit dem Kopf gegen die Ecke der Koje.

Das Geräusch war von dem Straßenräuber vernommen worden. Es war Jemand in der Koje. Die Drei sahen einander in die Augen mit der Angst der Schuldigen, dann stürzte Gabbett um die Bohlenwand herum.

»Es ist Dawes,« sagte der Schnüffler. »Wir hatten ihn vergessen.« »Er wird zu uns gehören, Kamerad, – gewiß,« rief Vetch, der Blutvergießen fürchtete. Gabbett stieß einen fürchterlichen Fluch aus, stürzte sich auf den Unglücklichen und zog ihn mit dem Kopf voran auf den Boden. Der plötzliche Schwindel, der Rufus erfaßt hatte, rettete sein Leben. Der Räuber faßte mit einer sehnigen Hand in sein Hemde und die Knöchel ihm in den Puls drückend, wollte er eben einen Schlag führen, der ihn für immer still gemacht hätte, als Vetch ihm in den Arm fiel. »Er hat geschlafen. Schlage ihn nicht. Er ist noch nicht aufgewacht!« Andre sammelten sich im Kreise. Der Riese ließ los, eher der Deportierte stöhnte nur ein wenig und dann fiel sein Kopf wie leblos auf die Schulter.

»Du hast ihn todt gemacht,« schrie Einer.

Gabbett blickte noch ein Mal in das dunkelrothe Gesicht und auf die Stirn voller Schweißtropfen, dann sprang er plötzlich auf und rieb seine rechte Hand, als wenn etwas daran klebte.

»Er hat das Fieber!« brüllte er mit entsetztem Gesicht.

»Was?« schrieen zwanzig Stimmen.

»Das Fieber ihr, grinsenden Narren,« rief Gabbett. »Ich habe das schon früher gesehen. Der Typhus ist an Bord und er ist der vierte Mann, der ihn hat.«

Der Kreis der wilden Gesichter, die eifrig auf die zu erwartende Schlägerei geblickt hatten , wurde größer und größer, als dies Allen etwas unverständliche, aber entsetzliche Wort gesprochen wurde. Es war, als ob eine Bombe zwischen sie gefallen wäre. Rufus Dawes lag schwer athmend, aber ganz bewegungslos auf dem Boden. Die wüsten Gesellen starrten den Körper an. Das Gerücht verbreitete sich schnell durch das Gefängnis und Jeder beugte sich zu ihm nieder, um ihn prüfend zu betrachten. Plötzlich stieß Rufus einen tiefen Seufzer aus, drehte sich um, richtete sich etwas auf, indem er sich auf seine Arme stützte und versuchte zu sprechen. Aber kein Laut kam aus seinen krampfhaft verzogenen Lippen hervor.

»Es ist vorbei mit ihm,« sagte der Schnüffler roh. »Er hat nichts gehört, darauf will ich wetten. Das Geräusch der schweren Riegel, welche zurückgeschoben wurden, unterbrach die Leute. Die erste Abtheilung kam vom Deck herunter. Die Thüre wurde ausgerissen und die in der Sonne blitzende Waffe der Schildwache warf einen Schein bis in das Gefängnis. Dieser Sonnenstrahl, der bis in stinkende, stickige Gefängnis drang, erschien wie ein Spott auf das Elend derer, die dort sich aufhielten. Es war alt ob der Himmel sie angelacht hätte.

Die Menge, plötzlich erregt durch einen Gedanken, wie oft Massen belebt und zu Handlungen antreibt, stürzten sich wie ein Mann nach der Thür. Das Innere des Gefängnisses hatte in diesem Augenblick mit allen den nach der Thür gewandten Gesichtern ein ganz andres Ansehen. Die Dunkelheit wurde so zu sagen plötzlich erhellt durch alle die hochgehobenen Hände.

»Luft! Luft! Gebt uns Luft!«

»Seht Ihr,« sagte Sanders zu seinen Gefährten. »Ich dachte wohl, daß diese Nachricht sie aufregen würde.«

Gabbett, dessen Blut beim Anblick der wilden Gesichter und der blitzenden Augen hoch aufwallte, wollte sich schon mit den Leuten nach vorn stürzen, als Vetch ihn zurückhielt.

»Es wird sogleich vorüber sein,« sagte er. »Das ist nur ein Anfall!« Er sprach wahr. Durch den Lärm hindurch hörte man das Klirren der Waffen ; die Wachen fällten das Gewehr. Da drückten sich die Graujacken bei Seite, denn sie sahen die Flintenläufe. Es entstand eine augenblickliche Pause, dann schritt der alte Pine das Gefängnis hinab zu Rufus und kniete neben ihm nieder. Der Anblick des ihnen Allen so bekannten Mannes, der ruhig seine gewohnte Pflicht that, stellte schnell die Unterwürfigkeit wieder her, welche das Resultat enger Disziplin ist. Die Deportierten krochen zurück in ihre Kojen, oder liefen, um dem ,Doktor zu helfen, wobei sie sich ganz ungewöhnlich gehorsam anstellten. Das Gefängnis war wie ein Schulzimmer in das plötzlich der Schullehrer eingetreten.

»Zurück, Ihr Jungen! Hebt ihn auf, zwei von Euch, und tragt ihn an die Thür. Der arme Kerl thut Euch keinen Schaden!«

Seine Befehle wurden erfüllt und der alte Mann wartete, bis sein Patient draußen in Empfang genommen war, dann hob er die Hand, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und sagte: »Ich sehe, daß Ihr schon wißt, was ich Euch sagen wollte. Das Fieber ist ausgebrochen. Der Mann hat es bekommen. Es wäre dumm, wenn man dächte, daß es sonst Niemand bekommen würde. Ich kann es vielleicht selbst bekommen. Ihr liegt hier sehr eng, das weiß ich, – aber Kinder, ich kann es nicht ändern. Ich habe das Schiff nicht gemacht, das wißt Ihr.«

»Hört, hört!«

»Es ist sehr schlimm, aber Ihr müßt Euch ordentlich und ruhig verhalten und es wie Männer tragen. Ihr wißt, was Disziplin bedeutet, und daß es nicht in meiner Macht steht, sie zu ändern. Ich werde zu Eurem Besten thun was ich kann, und ich hoffe nur, Ihr werdet mir beistehen.«

Und sein graues Haupt stolz erhebend, ging der brave, alte Mann durch die Reihen entlang aus der Thür hinaus, ohne nach rechts oder links zu blicken.

Er hatte grade genug gesagt und erreichte die Thüre, während die Leute ihm zuriefen: »Hört, hört! Bravo! Hoch dem Doktor!« u.s.w. Als er hinaus war, athmete er tief auf. Er hatte eine heiklige Aufgabe gelöst, das wußte er.

»Hör’ nur,« brummte der Schnüffler aus seinem Winkel, »sie geben dem Blutsauger ein Hurrah!«

»Warte nur,« erwiderte der klügere Jemmy. »Gib ihnen nur Zeit. Ehe die Nacht vorüber ist, haben’s noch drei oder vier in den Knochen und dann wollen wir sehen!«




Achtes Capitel.

Eine gefährliche Krisis


Spät am Nachmittage erwachte Sara Purfoy von ihrem unruhigen Schlummer.

Sie hatte von der That geträumt, die sie ausführen wollte und war glühend heiß und fieberte. Sie dachte wohl an die Folgen, welche der Erfolg oder das Fehlschlagen ihres Unternehmens haben würde und sie faßte sich zusammen, wusch ihr Gesicht und ihre Hände und ging so ruhig, wie es ihr nur irgend möglich war, auf das Hinterdeck hinauf. Nichts hatte sich seit gestern verändert. Die Waffen der Schildwachen blitzten ebenso in dem erbarmungslosen Sonnenschein, das Schiff rollte und knarrte, auf den breiten Wogen sich schaukelnd und die Hürde der Gefangenen auf dem unteren Vorderdeck war eben so belebt wie sonst. Dieselben matten, traurigen Gestalten saßen und standen dort wieder in denselben verschiedenen Stellungen. Selbst Mr. Maurice Frere, der sich von seinen nächtlichen Anstrengungen ausgeruht hatte, lag grade wieder in derselben Stellung auf dem zusammengerollten Tau.

Und doch hatte das Auge eines scharfen Beobachters einen Unterschied entdecken können in dieser äußerlichen Gleichheit. Der Mann am Ruder blickte eifriger als sonst auf den Horizont und spie in das rauschende, ungesund düster aussehende Wasser mit niedergeschlagenerer Miene als sonst. Die Angelleinen hingen noch eben so von den Katzenköpfen herunter, aber Niemand sah danach. Die Soldaten und Matrosen, welche zu Zweien und Dreien auf dem Vorder-Kastell beisammen saßen, schienen nicht einmal Lust zum Rauchen zu haben, sondern starrten einander düster und verstimmt an. Vickers saß in der Kajüte und schrieb; Blunt war in seiner Kajüte und Pine war unter ihm mit zwei Tischlern beschäftigt, einige Verbesserungen für das Hospital zu treffen. Das Geräusch von Axt und Hammer klang düster in die Kajüte der Soldaten hinüber. Es war, als ob sie einen Sarg machten.

Im Gefängnis war es auffallend ruhig; es herrschte die Stille dort, die dem Gewitter vorangeht und die Deportierten auf Deck erzählten sich keine Geschichten heute, lachten nicht über zweideutige Witze, sondern saßen düster und schweigsam bei einander, als ob sie auf etwas warteten. Drei Mann waren krank geworden: zwei Gefangene und ein Soldat waren der Krankheit verfallen, seit Rufus Dawes in’s Hospital gebracht worden. Obgleich sich bis jetzt noch grade kein panischer Schrecken verbreitet hatte, so war doch dem Gesicht jedes Einzelnen – Soldaten, Matrosen oder Gefangenen ein eigenthümlicher Ausdruck der Erwartung ausgeprägt, als ob Alle daran dächten, wer nun zunächst an der Reihe sein würde. Ein fürchterlicher Schatten war auf das Schiff gefallen, das wie ein verwundetes Thier ruhelos von einer Seite zur andern schwankte über der durchsichtigen Tiefe des stillen, weiten Meeres.

Der Malabar war wie in eine elektrische Wolke eingehüllt, deren düstere Schwere durch einen einzigen Funken in ein Feuermeer verwandelt werden konnte.

Die Frau, welche in ihrer Hand die beiden Enden der Kette hielt, welche den Funken hervorbringen sollte, kam auf das Deck und nachdem sie sich umgeblickt hatte, lehnte sie sich gegen das Schanzbord und blickte hinunter in die Barrikade. Wie schon gesagt wurde, standen und saßen die Gefangenen zu Vieren und Fünfen beisammen und ihr Blick lenkte sich auf eine besondere Gruppe. Drei Männer, nachlässig gegen die Schanzkleidung gelehnt, bewachten jede ihrer Bewegungen.

»Da ist sie; – ganz richtig,« sagte der praktische Schnüffler.

»Geduld ist eine Tugend, mein sehr edler Knöchler,« sagte die Krähe mit einer Gleichgültigkeit, die nur geheuchelt war. »Gebt dem Mädchen Zeit.«

»Verdammt, wenn ich noch länger warte,« sagte der Riese und biß sich in seine dicken, blauen Lippen. Hier wird man so Tag für Tag hingehalten und muß nach der Pfeife der Dirne tanzen, wie ein abgerichteter Hund. Das Fieber ist an Bord und wir haben Alles bereit. Wozu noch warten? Zeichen oder keine Zeichen, – ich bin dafür, das Geschäft anzufassen! – Da seht,« fügte er hinzu, als die Gestalt von Maurice Frere an der Seite des Kammermädchens erschien und die Beiden auf dem Deck zusammen umkehrten.

»Es ist Alles in Ordnung, Du verdammter Kerl ,« schrie die Krähe, die Geduld verlierend über seinen hartnäckigen, dummen Kameraden. »Wie kann sie uns das Zeichen geben, wenn sie den Kerl neben sich hat?« Gabbett‘s einzige Antwort auf diese Frage war ein wildes Grunzen und eine erhobene, geballte Faust, die Mr. Vetch in großer Eile in die Flucht schlug. Der Riese folgte ihm nicht und Vetch, seine Arme übereinander schlagend, nahm eine Stellung verächtlicher Ueberlegenheit an und wandte Sara Purfoy seine Aufmerksamkeit zu. Sie schien ein Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit zu sein, denn in diesem Augenblick lief ein junger Soldat die Vorderkastelltreppe hinauf und richtete gespannt seinen Blick auf sie. Maurice Frere war hinter ihr her gegangen und hatte ihre Schulter berührt. Seit ihrer Unterhaltung am vorigen Abend, hatte er sich vorgenommen, er wolle sich nicht länger narren lassen. Das Mädchen spielte augenscheinlich mit ihm und er wollte ihr zeigen, daß er das nicht länger duldete.

»Nun Sara?«

»Nun, Mr. Frere?« sagte sie, ließ ihre Hand herunter hängen und wandte sich lächelnd zu ihm.

»Wie gut sehen Sie heute aus, ganz reizend!«

»Das haben Sie mir schon recht oft gesagt,« sprach sie und schmollte. »Haben sie mir gar nichts Neues zu sagen?«

»Nur, daß ich Sie liebe.« Dies wurde sehr leidenschaftlich herausgestoßen.

»Das ist auch nichts Neues. Das weiß ich.«

»Verdammt, Sara, was soll ich denn thun?« Seine Verderbtheit ließ ihn ganz im Stich. »Wozu spielen Sie immer Versteck mit mir ?«

»Sie sollten sich besser helfen können in solcher Lage, Mr. Frere. Ich habe Sie nicht gebeten, sich in mich zu verlieben. Wenn Sie mir nicht gefallen, ist das etwa nicht Ihr Fehler ?«

»Was meinen Sie ?«

»Sie Soldaten, Sie haben an so viele andre Dinge zu denken, an Wachen und Inspektion und Schildwachen und Andres und haben gar keine Zeit für unsereins übrig.«

»Keine Zeit übrig,« rief Frere. »Verdammt, Sie haben nichts für mich übrig. Ich wäre schnell genug dabei, wenn das Alles ist ?«

Sie senkte ihre Blicke und ein bescheidenes Erröthen flog über ihre Wangen. »Ich habe so viel zu thun,« sagte sie. »So viele Augen sehen auf mich; ich kann mich nicht rühren, ohne daß es bemerkt wird,« flüsterte sie.

Sie hob ihr Gesicht und um ihren Worten mehr Nachdruck zu geben, blickte sie rings auf dem Deck umher. Ihr Blick traf den des jungen Soldaten auf dem Vorderkastell und wenn die Entfernung auch zu groß war, um die Züge zu unterscheiden, so erkannte sie doch, daß es Miles und daß er eifersüchtig war.

Frere lächelte entzückt über ihre veränderte Manier und näherte sich ihr mehr und mehr und flüsterte etwas in ihr Ohr. Sie that, als ob sie erschrecke und wechselte bei der Gelegenheit einen Blick mit der Krähe.

»Ich will um acht kommen,« sagte sie mit bescheiden abgewandtem Gesicht.

»Um acht Uhr ist Ablösung,« sagte er mahnend.

Sie warf ihren Kopf zurück . . . »Gut, dann sehen Sie nach Ihrer Ablösung; ich mache mir nichts daraus.«

»Aber Sara, bedenke —«

»Als wenn man bedenkt, wenn man liebt.« rief sie und warf ihm einen brennenden Blick zu, der in der That auch kältere Männer als Frere erweicht hätte.

– Also sie liebte ihn! Was für ein Narr, wenn er sie jetzt zurückwiese. Das Erste war doch, daß sie einwilligte zu kommen. Wie seine Pflicht mit seinem Vergnügen in Einklang zu bringen wäre, das konnte er ja noch immer überlegen.

Ueberdies konnte die Ablösung auch dies eine Mal ohne seine Revision fertig werden.

»Gut, also um acht, Liebste.«

»Still,« sagte sie.

»Hier kommt der dumme Kapitain.«

Und da Frere sie verließ, wandte sie sich um und ihre Augen fest au die Barrikade der Deportierten gerichtet, ließ sie ihr Taschentuch, das sie in der Hand hielt, grade über die Hinterdeckreeling fallen. Es fiel genau vor die Füße des verliebten Kapitains und mit schnellem Blick auf sie, hob es der würdige Herr auf und brachte es ihr.

»O danke, Kapitain Blunt,« sagte sie und ihre Augen sagten mehr, als ihre Zunge.

»Haben Sie das Laudanum genommen ?« flüsterte Blunt mit Augenblinken.

»Etwas,« sagte sie. »Ich will heute Abend die Flasche zurückbringen.«

Blunt ging davon, lustig pfeifend und begrüßte Frere mit einem Schlag auf den Nacken. Die Beiden lachten, Jeder über seine eignen Gedanken, aber ihr Gelächter ließ ihre ganze Umgebung noch trostloser erscheinen als vorher.

Sara Purfoy blickte nach der Barrikade und sah, daß die drei Männer ihre Stellung verändert hatten. Sie waren wieder zusammen, aber die Krähe hatte ihre Mütze abgenommen und hielt dieselbe mit einer Hand in Armeslänge von sich fort, während er seine Stirn mit der andern Hand wischte. Ihr Zeichen war gesehen worden. Während dieser Zeit lag Rufus Dawes, der in’s Hospital gebracht war, flach auf seinem Rücken und starrte auf die Decke über sich und versuchte, sich an etwas zu erinnern, das er sagen wollte. Als die plötzliche Ohnmacht, welche der Anfang seiner Krankheit war, ihn überfiel, erinnerte er sich, aus seiner Koje gerissen zu sein. Wütende Gesichter hatten ihn angesehen und irgend eine Gefahr hatte ihm gedroht.

Er erinnerte sich, daß, als er so da gelegen im halben Fiebertraum, er irgend etwas gehört habe, das von der größten Wichtigkeit für ihn und das Schiff, – aber was es gewesen, war ihm gänzlich entschwunden. Vergebens versuchte er, es sich zurückzurufen, vergebens suchte er sich, vermöge seines Willens, im heftigsten Kampfe mit dem Delirium, das seine Sinne fesselte, Worte oder Gedanken zurückzurufen. Alles entschlüpfte ihm wieder, sowie er es zu fassen glaubte. Er fühlte sich wie erdrückt von dem Gewicht dieser halben Erinnerungen.

Er wußte, daß eine schreckliche Gefahr ihn bedrohe; er wußte, daß wenn er nur zehn Minuten hinter einander klar denken könne, er solche Auskunft geben würde, die ihn und das Schiff aus dieser Gefahr erretten sollte. Aber er lag da mit heißem Kopfe, trocknen Lippen und schwachem Körper und fühlte sich wie verzaubert. Er konnte weder Hand noch Fuß bewegen. Der Platz, wo er lag, war nur schwach erleuchtet. Pine hatte eine Art von Leinwandzelt erfunden, das vor der Thür hing, so daß die Sonne nicht in die Kabine scheinen konnte. Dies Zelt nahm fast alles Licht fort. Er konnte nur grade die Decke über seinem Kopf sehen und drei andre Kojen unterscheiden, die der Seinen ähnlich waren. Das einzige Geräusch, das die Stille unterbrach, war der gurgelnde Ton des Wassers unter dem Schiff und das Klopfen von Pine, der neue Krankenabtheilungen zurecht zimmerte. Bald hörte auch das Klopfen auf und Rufus unterschied jetzt das Stöhnen und Aechzen der andern Kranken, die mit ihm in derselben Kajüte lagen, – ein Zeichen, daß seine Gefährten noch lebten.

Plötzlich rief eine Stimme: »Freilich sind seine Wechsel vierhundert Pfund werth; aber lieber Herr, vierhundert sind für einen Mann in meiner Lage nichts nutze. Ich habe vierhundert Pfund für eine Laune von meiner Sara ausgegeben. Ist das Recht, Du Jezabel? Sie ist ein gutes Mädchen, ein sehr gutes Mädchen. Mrs. Lionel Crofton von Croft von Seven-Oaks-Kent-Seven-Oaks-Kent-Seven-Oaks.«

Ein Lichtstrahl brach in Rufus gequältes Gehirn. Der Mann war John Rex, sein Gefährte. Mit Anstrengung rief er:

»Rex!«

»Ja, ja, ich komme; seid nur nicht so eilig. Die Schildwache ist ganz sicher und die Haubitze steht nur fünf Schritte von der Thür. Ein Sturm auf Deck und das Schiff ist unser – Burschen! Nein meines ist es, mein und meiner Frau gehört’s. Mrs. Crofton von Seven-Oaks, nein – Croft von Oaks, nein Sara Purfoy, Kammermädchen und Wärterin – ha – ha – Kammermädchen, – Wärterin!«

Dieser letzte Satz war der Schlüssel zu dem Labyrinth, in dem Rufus in seinem vom Fieber gequälten Zustande umhergewandert war. »Sara Purfoy.« Jetzt war ihm plötzlich jedes Wort der Unterhaltung gegenwärtig, die er belauscht hatte und wie dringend war es, daß er augenblicklich die Verschwörung entdeckte, die das Schiff bedrohte.

Wie diese Verschwörung in’s Werk gesetzt werden sollte, daran dachte er weiter nicht. Er war sich nur bewußt, daß er an dem Rande des Deliriums schwebte, und daß er seine Mittheilung machen mußte, ehe sein Bewußtsein ganz verloren ging.

Er machte einen Versuch aufzustehen, aber seine Glieder versagten ihm vollständig den Dienst. Er wollte sprechen, aber seine Zunge klebte am Gaumen und seine Kinnladen waren nicht zu öffnen. Er konnte keinen Finger rühren und keinen Ton hervorbringen. Die Bretter über seinem Kopf schienen hin und her zu schwanken und die ganze Kajüte, wirbelte im Kreise herum, während der Lichtschein zu seinen Füßen auf und nieder flackerte wie das Licht einer Kerze. Er schloß seine Augen mit einem tiefen Seufzer der Verzweiflung und er ab sich in sein Schicksal. In diesem Augenblick hörte das Zaudern auf und die Thür öffnete sich. Es war sechs Uhr und Pine war gekommen, um noch einen Blick aus seine Patienten zu werfen. Es war noch Jemand bei ihm, denn eine freundliche, etwas gemessene Stimme sprach von der mangelhaften Einrichtung und der »Nothwendigkeit, der absoluten Nothwendigkeit, sich nach den Königlichen Anordnungen zu richten.«

Der ehrliche Vickers, obgleich er in Todesangst wegen seines Kindes schwebte, wollte in nichts seine Pflicht versäumen und war gekommen, um die Kranken zu besuchen. Freilich wußte er, daß er dieses Besuches wegen, sein eigenes krankes Kind nicht sehen durfte. Mr. Vickers hatte oft in den Garnisonsgesellschaften sich selbst beklagt und bedauert, weil »der gute John solch ein Sklave der Disziplin und des Dienstes sei.«

»Hier sind sie,« sagte Pine. »Ihrer sechs. Dieser Mann,« dabei ging er zu Rex heran, »ist am schwersten krank. Wenn er nicht eine Constitution wie ein Pferd hätte, würde er diese Nacht nicht mehr überleben.« »Drei, achtzehn, sieben, vier,« murmelte Rex, »trage Einen. Ist das eine Beschäftigung für einen Herrn? Nein Herr. Gute Nacht mein Lord, gute Nacht! Höre es schlägt neun, fünf sechs, acht! Ihr habt Eure Vergnügen gehabt und könnt Euch nicht beklagen.« »Ein gefährlicher Kerl,« sagte Pine, mit der hochgehobenen Laterne. »Ein sehr gefährlicher Kerl, – das heißt – das war er. Sehen Sie sich den Platz an; es ist ein wahres Rattenloch. Was soll man aber machen?« »Lassen Sie uns auf Deck gehen,« sagte Vickers schaudernd. Rufus Dawes fühlte den Angstschweiß in großen Tropfen auf seiner Stirn stehen. Sie ahnten nichts. Sie gingen wieder fort. Er muß sie warnen. Und mit übermäßiger Anstrengung wendet er sich in seine Koje herum und streckt die Hand weit aus seiner Decke heraus. »Hallo, was ist das?« ruft Pine und bringt ihm die Laterne näher. »Liegt still, Mann. Wasser, – ja – ja; da nehmt!« Und er hält den Becher an die trockenen, schwarzen Lippen. Der kühle Trunk befeuchtete ihm den trockenen Gaumen und der Deportierte machte eine letzte Anstrengung, um zu sprechen. »Sara Purfoy – heute Nacht – Gefängnis – Meuterei!!« Das letzte Wort, in der verzweifelnden Anstrengung des Unglücklichen fast herausgeschrieen, bringt John Rex wieder etwas zum Bewußtsein. »Still,« ruft er. »Bist Du es Jemmy? Sara hat Recht. Wartet bis sie das Zeichen gibt?«

»Er phantasiert,« sagt Vickers. Pine schüttelt den Deportierten an den Schultern. »Was sagst Du mein Mann? Eine Meuterei unter den Gefangenen?«

Rufus Dawes machte mit festgeschlossenen Händen und offenem Munde da liegend eine neue Anstrengung um wenigstens bejahend zu nicken, denn er war unfähig zu sprechen, – aber sein Kopf fiel auf seine Brust. Im nächsten Augenblicke schon schwanden das flackernde Licht, das düstere Gefängnis, das angstvolle Gesicht des Doktors und das erstaunte Gesicht von Vickers vor seinen umnachteten Sinnen. Er sah, wie die beiden Männer sich anstarrten in Unruhe und Zweifel, und dann schwamm er dahin auf dem kühlen, dunklen Strom seiner Kindheit und wollte mit Sara Purfoy und Lieutnant Frere zusammen eine Meuterei anstiften, um sich des Hydaspes zu bemächtigen, der im alten Hause zu Hampstead lag.




Neuntes Capitel.

Die Waffen einer Frau


Die Beiden, welche das schreckliche Geheimnis entdeckt hatten, hielten Rath mit einander. Vickers wollte die Wachen aufrufen und den Gefangenen ankündigen, daß eine Verschwörung entdeckt sei, aber Pine, der sich besser auf Deportiertenschiffe verstand, verwarf dies gänzlich. »Sie kennen die Burschen nicht so gut, wie ich sie kenne,« sagte er.

»Zuerst ist es auch möglich, daß gar keine Meuterei beabsichtigt ist. Vielleicht ist die ganze Geschichte eine Albernheit von dem Burschen, dem Dawes und wenn wir erst den Kerls den Gedanken an eine Meuterei in den Kopf setzen, so ist gar nicht zu sagen, was noch geschieht.«

»Aber der Mann schien ganz fest und seiner Sache sicher zu sein,« sagte der Andre. »Er erwähnte auch meiner Frau Mädchen.«

»Und wenn er es that? Ich glaube, daß er wahr gesprochen hat. Ich konnte niemals den Blick des Mädchens leiden. Aber wenn wir ihnen sagen, daß wir dies Mal ihr Vorhaben entdeckt haben, so wird sie das nächste Mal nicht abhalten, es wieder zu versuchen. Wir kennen ja auch ihren Plan nicht.« Wenn es eine Meuterei ist, so kann das halbe Schiff dabei betheiligt sein. Nein, Kapitain Vickers, ich habe als Oberarzt unser Handeln zu bestimmen. Sie wissen, daß – — «

»Daß den Königlichen Befehlen gemäß, Sie mit der vollen Macht betraut sind,« unterbrach ihn Vickers, der in solchen Fällen stets der Disziplin dachte. »Natürlich ich erlaubte mir nur anzudeuten. Ich weiß nichts von dem Mädchen, als daß sie ein gutes Zeugniß von ihrer letzten Herrschaft brachte – einer Mrs. Crofton, glaube ich – so war der Name. Wir waren froh, überhaupt Jemand für die Reise zu bekommen.«

»Gut,« sagte Pine. »Hören Sie. Voraus gesetzt, wir sagen diesen Schurken, daß ihre Absicht, wie sie auch gewesen sein mag, uns bekannt ist. Gut. Sie werden völlige Unwissenheit heucheln und ein andres Mal dasselbe wieder versuchen, wovon wir dann vielleicht nichts wissen. Auf alle Fälle wissen wir bis jetzt gar nichts von der Art der Verschwörung und kennen die Anführer nicht. Lassen Sie die Wachen verdoppeln und die Soldaten ruhig antreten. Lassen Sie Fräulein Sara thun was ihr gefällt, und wen n die Meuterei ausbricht, ersticken wir sie in der Knospe! Stecken alle Kerls, die dabei sind, in Eisen und übergeben sie den Behörden in Hobart-Town, sobald wir ankommen. Ich bin nicht grausam, Herr, aber wir haben eine Ladung wilder Thiere an Bord und wir müssen vorsichtig sein.«

»Aber Mr. Pine, haben Sie auch den Verlust an Menschenleben dabei in Anschlag gebracht? Ich möchte wirklich – in der That, – ein menschlicheres Verfahren. – Vorbeugen, – wissen Sie. – «

Pine wandte ich mit der grimmigen, kalten Art an ihn, die ihm zur Natur geworden »Haben sie denn die Sicherheit des Schiffes gedacht, Kapitain Vickers? Sie wissen oder haben wenigstens davon gehört, was für unerhörte Dinge bei diesen Meutereien vorfallen. Haben Sie daran gedacht, was das Schicksal der Soldatenfrauen sein wird? Haben Sie an Ihre eigene Frau und an Ihr Kind gedacht.«

Vickers schauderte.

»Machen Sie, wie Sie denken, Mr. Pine. Sie verstehen es besser. Aber schonen Sie so viele Leben wie möglich.«

»Sein Sie ruhig, Sir,« sagte der alte Pine. »Ich thue es zum Besten Aller, – bei meiner Seele! Sie wissen nicht, was für Leute Deportierte sind oder vielmehr, wozu sie das Gesetz gemacht hat, – doch – « .

»Arme Menschen,« sagte Vickers, der gleich manchen Kriegshelden ein zartfühlendes Herz hatte. »Güte vermöchte viel bei ihnen, immerhin sind sie unsre Mitmenschen.«

»Ja das sind sie. Aber wenn Sie das Argument brauchen wollen, wenn die Leute das Schiff genommen haben, dann werden Sie nicht weit damit kommen. Lassen Sie mich machen, Herr und um’s Himmelswillen, sagen Sie Niemand etwas. Unser Leben hängt vielleicht an einem Wort.«

Vickers versprach es und hielt sein Versprechen. – Er speiste mit Blunt und Frere und plauderte fröhlich mit ihnen, schrieb aber einen Zettel an seine Frau, daß, was sie auch immer hören möge, sie nicht aus ihrer Kajüte gehen solle, bis er zu ihr käme. Er wußte, daß sie, trotz ihrer Thorheiten, einem so gefaßten Befehl von ihm nicht ungehorsam sein würde. Nach der Gewohnheit auf den Gefangenenschiffen, wurden die Wachen alle zwei Stunden abgelöst und um sechs Uhr Abends wurde die Hinterdeckwache auf dem Quarterdeck aufgestellt, und die Waffen, welche bei Tage oben auf den Waffenkisten lagen wurden Nachts auf einem Reck aufgestellt, das auf dem Quarterdeck angebracht war. Frere erhielt keine Mittheilung und Vickers selbst befahl, daß sämmtliche Soldaten mit Ausnahme derer, die am Tage auf Wache gewesen waren, antreten sollten und verbot jede Mittheilung nach dem oberen Deck hin. An die Thür der Barracke stellte er als Schildwache seinen eignen alten Diener, einen Soldaten, auf dessen Treue er sich vollkommen verlassen konnte. Dann verdoppelte er die Wachen, nahm selbst die Schlüssel des Gefängnisses von dem Offizier in Verwahrung, der sie sonst aufzubewahren hatte und ließ die Haubitze auf dem unteren Deck mit Kartätschen laden. Um drei Viertel aus sieben faßten er und Pine Posten an dem Weg zur großen Luke und waren Beide entschlossen, bis zum Morgen zu wachen.

Ein Viertel nach Sieben hätte Jeder, der in Kapitain Blunts Kajüte hineinblickte, ein sehr sonderbares Schauspiel gehabt. Der tapfere Kommandeur saß auf seinem Bett mit einem Glas Rum und Wasser in der Hand und Mr. Vickers hübsches Kammermädchen saß auf einem niedrigen Stuhl an seiner Seite. Auf den ersten Blick konnte man bemerken, daß der Kapitain ganz betrunken war. Sein graues Haar hing nach allen Richtungen hin in Strähnen über sein rothes Gesicht und er blinkte und nickte wie eine Eule im Sonnenschein. Er hatte bei Tisch mehr Wein als gewöhnlich getrunken und hatte jetzt sogar die Rumflasche vor sich, um nach Tische noch einen ruhigen Schluck zu nehmen, als der Gegenstand seiner Liebe, das Opfer seiner Reize durch die nur angelehnte Thür schlüpfte und ihn bald dazu bewog, weiter zu trinken.

»Komm, Sara,« stammelte er. »Das ist Alles recht schön, aber Du brauchst nicht so stolz zu sein, mein Herz. Ich bin nur ein einfacher Seemann.sehr – sehr einfach Sara. Phineas Blunt, Kommandeur des Malabar. – Das ist doch gesprochen – he?« Sara lachte ein wenig und schob ihren hübschen Fuß vor. Der verliebte Phineas bog sich vor und versuchte ihre Hand zu nehmen.

»Du liebst mich und ich – ich liebe Dich, Sara. Und ein liebes süßes Geschöpf bist Du, gib einen Kuß Sara.«

Sara stand auf und ging nach der Thür.

»Was ist das? Fortgehen? Sara gehe nicht.« Und er richtete sich stramm in die Höhe und mit dem Glas Grog in der Hand, fürchterlich hin und herfuchtelnd, näherte er sich ihr.

Die Schiffsglocke schlug sieben. Jetzt oder nie war es Zeit. Blunt umfaßte Sie mit einem Arm und von Liebe und von Rum erhitzt, versuchte er, den begehrten Kuß zu rauben. Sie erfaßte den Augenblick und sich seiner Zärtlichkeit überlassend, zog sie aus ihrer Tasche das Laudanumfläschchen und ihre Hand über seine Schulter legend, goß sie die Hälfte des Inhalts in sein Glas.

»Du denkst, ich bin betrunken, nein, mein Liebchen.«

»Aber Sie werden es sein, wenn Sie noch mehr trinken. Jetzt trinken Sie das schnell aus und dann lassen Sie es gut sein oder ich gehe!«

Sie warf ihm einen herausfordernden Blick zu, der ihre Worte Lügen strafte und der das verdüsterte Gehirn von Blunt etwas aufhellte. Sich einen Augenblick aus seinen Hacken drehend, wobei er sich an einen Kajütsbalken festhielt, starrte er sie mit seligem, trunkenem Lächeln der Bewunderung an, dann sah er in sein Glas und von dem plötzlichen Gefühl unerfüllter Pflicht durchdrungen, stürzte er den ganzen Inhalt des Glases auf ein Mal herunter. Die Wirkung war fast augenblicklich. Er ließ das Glas fallen, wankte auf Sara zu und dann mit dem Schwanken des Schiffes selbst den Halt verlierend, fiel er auf sein Bett und schnarchte sogleich wie ein Wallfisch.

Sara Purfoy beobachtete ihn einige Augenblicke, dann blies sie das Licht aus, schritt aus der Kajüte und schloß die Thür recht fest hinter sich zu. Dieselbe düstere Finsterniß, welche in der vorigen Nacht aus dem Schiff geherrscht hatte, hüllte auch jetzt wieder das Deck ein. Eine Laterne hing am Vorderkastell und folgte den Bewegungen des Schiffes. Das Licht an der Gefängnistür warf einen Schein durch die Luke hinauf und zu ihrer rechten brannten in der Kajüte da Oellampen. Sie blickte mechanisch hinein, ob Vickers da sei, der immer zu dieser Stunde dort zu finden, aber die Kajüte war leer. Um so besser, und ihren dunklen Mantel fester um sich ziehend, klopfte sie an Freres Thür.

Indem sie es that, schoß ein heftiger Schmerz durch ihre Stirn und ihre Knie zitterten. Mit großer Anstrengung schüttelte sie den Schwindel ab, der sie zu umfangen schien und hielt sich aufrecht. Jetzt war keine Zeit zu unterliegen.

Die Thür öffnete sich und Maurice Frere zog sie herein, »So, sind Sie da?« sagte er.

»Ja, ach, wenn mich aber Jemand gesehen hätte!«

»Gesehen. Unsinn! Wer sollte Sie gesehen haben ?«

»Kapitain Vickers, Doktor Pine, irgend Jemand.«

»Ach die. Beide sind seit Mittag schon in Doktor Pine’s Kajüte. Die sind sicher.«

»In Doktor Pine’s Kajüte! Diese Nachricht erfüllte sie mit einer unbestimmten Angst. Was für eine Ursache zu diesem ungewöhnlichen Verfahren. Wenn sie nun etwas argwöhnten. »Was machen sie da,« fragte sie. Maurice Frere war nicht in der Stimmung, Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten zu erwägen. »Wer weiß? Ich nicht. Verdammt sollen sie sein,« fügte er hinzu. »Was geht es uns an? Wir brauchen sie doch hier nicht, Sara?« Sie schien auf etwas zu horchen und antwortete nicht.

Ihr ganzes Nervensystem war auf’s Aeußerste angespannt. Der Erfolg der Verschwörung hing von den nächsten fünf Minuten ab.

»Wonach blickst Du so starr? Sieh mich doch an? Was hast Du für Augen – und was für Haar!«

In demselben Augenblick unterbrach ein Flintenschuß die Stille. Die Meuterei hatte begonnen. Dieser Ton weckte in dem Soldaten das Plichtgefühl. Er sprang auf und die Arme lösend, die sich um seinen Hals geschlungen hatten, stürzte er nach der Thür. Der Augenblick, auf den die Mitschuldige der Deportierten gewartet, war gekommen. Sie hing sich mit aller acht an ihn. Ihr langes Haar berührte sein Gesicht, ihr warmer Atem strich über seine Wange, ihr herabgerissenes Kleid ließ die bebende Schulter sehen. Er wandte sich zurück, halb besiegt, halb trunken von Leidenschaft, als plötzlich die reiche Gluth ihres Antlitzes erbleichte; die Lippen wurden weiß und eine aschgraue Farbe überzog ihr Gesicht. Ihre Augen schlossen sich in Todesangst und ihn loslassend, schwankte sie auf ihren Füßen und ihre Hände ; aus die Brust drückend, stieß sie einen scharfen Angstschrei aus. Das Fieber, das sie seit zwei Tagen gepackt hatte, und das sie mit ihrem starken Willen und durch die große Aufregung in der sie sich befand, bisher niedergehalten hatte, brach in diesem wichtigen Augenblick plötzlich mit neuer Gewalt aus. Todtenbleich und krank taumelte sie an die Seite.

Ein zweiter Schuß fiel und ein heftiges Klirren von Waffen ließ sich hören. Frere überließ das unglückliche Weib , seinem Schicksal und sprang aus der Kajüte auf Deck.




Zehntes Capitel.

Das achte Glas


Um sieben Uhr war eine ungewöhnliche Bewegung ich dem Gefängnis gewesen. Die Nachricht von dem Ausbruch des Fiebers hatte in den Deportierten die Liebe zur Freiheit die während der einförmigen, langen Reise etwas geschlummert hatte, von Neuem wieder geweckt. Jetzt, nun der Tod sie bedrohte, sehnten sie sich heftig nach dein Entkommen aus dieser Gefahr, wie es doch freien Leuten möglich war. »Wir wollen hinaus,« sagten sie unter einander, »wir müssen hier sterben wie Schafe.« Düstere Gesichter und verzweifelte Blicke begegneten jedem Auge und nur zuweilen schoß ein wildes Feuer hervor, das die Nacht ein wenig aufhellte, wie wenn ein Blitz durch eine dunkelblaue Gewitterwolke fährt. Nach und nach kam Jedem, der mit seinem Kameraden sprach, der Gedanke, daß etwas gethan werden könne. Es war eine Verschwörung im Werk. Auf eine unbegreifliche Weise war die Nachricht verbreitet, daß sie von ihren Banden befreit werden sollten und daß Einige unter ihnen ihre Freiheit gewinnen wollten. Das Zwischendeck war sehr schweigsam über diese Sachen, aber in Bewunderung und Sorge versunken. Der Einfluß dieser vorherrschenden Idee zeigte sich in einer merkwürdigen Wendung der Dinge. Die Masse, welche aus Schurkerei, Unwissenheit und vielleicht auch Unschuld zusammen gesetzt war, wurde jetzt durch eine fast gemeinsame Bewegung belebt. Wahlverwandtschaften zeigten sich und Gleiches gesellte sich zu gleichem wie die bunten Glasstücke und Perlen in einem Kaleidoskop stets beim Zusammenfallen eine mathematische Figur geben.

Um sieben war das Gefängnis in drei Parteien getheilt: die Verzweifelten, die Furchtsamen und die Vorsichtigen. Diese drei Parteien hatten sich in natürlicher Folge entwickelt.

Die Meuterer von Gabbett, Vetch und dem Schnüffler angeführt hielten sich nächst der Thür; die Furchtsamen, – Knaben – alte Männer, unschuldige, elende Menschen, die auf Verdacht hin verurtheilt waren oder Landleute, welche als Diebe galten, weil sie eine Rübe ausgezogen hatten, hielten sich am hinteren Ende, in großer Furcht dicht zusammen gedrängt.

Die Vorsichtigen, das heißt, alle Uebrigen waren bereit , zu kämpfen oder zurückzuweichen, den Gefährten oder der Autorität beizustehen, je nachdem das Schicksal des Tages entscheiden würde. Sie nahmen die Mitte ein.

Die Meuterer zählten etwa dreißig und von diesen wußten kaum die Hälfte was geschehen sollte.

Die Schiffsglocke schlägt halb und als der Ruf der drei Schildwachen, die sich bis zum Quarterdeck hin anrufen, verhallt, stößt Gabbett, der mit seinem Rücken gegen die Thür lehnt, Jemmy Vetch an.

»Nun, Jemmy,« flüstert er. »Sage es ihnen.«

Das Flüstern, das die Nächststehenden gehört, verursachte tiefes Schweigen, welches sich immer weiter verbreitet, wie die gekräuselte Welle an dem See, so daß es selbst die letzten Kojen erreicht.

»Meine Herren,« sagt Jemmy Vetch, ein wenig sarkastisch in seiner Galgenmarnier, »ich und meine Freunde wollen das Schiff für Euch nehmen. Diejenigen, welche sich uns anschließen wollen, müssen sich erklären, denn in einer halben Stunde ist keine Gelegenheit mehr dazu.«

Er hält an und sieht mit einer so unverschämt sicheren Miene umher, daß Drei, welche noch schwankten aus der Mittel Partei zu ihm stoßen.

»Ihr braucht Euch nicht zu fürchten,« fügt Vetch hinzu. »Wir haben es Alles für Euch zurecht gelegt. Freunde wachen draußen für uns und die Thür wird sogleich geöffnet werden.

Alles, was wir brauchen, ist Ihre Stimme und Ihr Interesse meine Herren, – ich meine« —

»Das verdammte Geschwätz,« unterbrach ihn der Riese ärgerlich. »Zur Sache, kannst Du nicht zur Sache kommen. Sage ihnen, daß, ob sie wollen oder nicht, wir wollen das Schiff haben und die nicht dabei sein wollen, werden über Bord spedirt. Das ist deutlich gesprochen.«

Diese praktische Art, die Sache auseinander zu sehen, machte Aufsehen und die conservative Partei am andern Ende gerieth in große Unruhe. Ein wildes Murren läßt sich hören und Jemand in Gabbett’s Nähe lacht so wüst und gehässig, daß die Furchtsamen sich dadurch nicht beruhigt fühlen.

»Was hat’s auf sich mit den Soldaten,« schreit der Schnüffler, als ob er eine plötzliche Inspiration hätte. »Sie können uns ja nur erschießen und das ist mindestens eben so gut als am Typhus sterben.«

Jetzt war der richtige Ton angeschlagen und mit unterdrücktem Gelächter erkannte das Gefängnis die Wahrheit dieses Gedankens an. »Weiter, alter Herr,« ruft Jemmy Vetch dem Riesen zu und reibt sich die Hände in teuflischem Vergnügen. »Alles in Ordnung!« Sein feines Ohr hört fest das Klirren der Waffen und er fügt hinzu: »Jetzt fest an der Thür, – ein Sturm und es ist gethan!« Das achte Glas war abgelaufen und die Ablösung kam von dem Hinterdeck. Die Gefangenen, in der Nähe der Thür hielten fast ihren Athem an.

»Es ist Alles abgemacht,« murmelte Gabbett. »Wenn die Thür aufgeht, stürzen wir Alle hinaus und sind mitten in der Wache, ehe sie sich besinnen können. Schleppt sie schnell in’s Gefängnis, plündert den Waffenständer und Alles ist fertig.«

»Sie sind so sehr ruhig,« sagte die Krähe argwöhnisch. »Ich hoffe, Alles ist in Richtigkeit!«

»Laß mich herein, Miles,« hörte man jetzt Pine’s Stimme draußen, in seiner gewöhnlichen, ruhigen Art.

Die Krähe fühlte sich erleichtert. Der Ton war sein gewöhnlicher und Miles war der Soldat, welchen Sara bestochen hatte, daß er nicht schießen solle. Alles ging gut.

Die Schlüssel wurden in’s Schloß gesteckt und umgedreht und der Tapferste von der Partei der Vorsichtigen, der den Gedanken verfolgt hatte, ob er sein Leben wagen solle und im rechten Augenblick vorspringen, um die Wache zu warnen, hielt den Aufschrei zurück, der schon auf seiner Zunge schwebte, als er sah, wie die Männer an der Thür ein wenig zurück traten, um bereit zu sein und als er einen Blick auf des Riesen sich sträubendes Haar und seine gefletschten Zähne warf.

»Jetzt,« schrie Jemmy Vetch, als die eisenbeschlagene Eichenthür zurück schlug und mit dem tiefen Kehlton, den der wilde Eber ausstößt, sprang Gabbett aus dem Gefängnis hinaus.

Das rothe Licht, das einen Augenblick durch die geöffnete Thür gefallen, wurde schnell durch die Leiber verfinstert, die sich hinaus drängten. Das ganze Gefängnis stürzte vor und ehe das Auge blicken konnte, waren fünf, zehn, ja zwanzig der Wüthendsten draußen.

Es war, als ob die See, welche gegen einen Steinwall tobt, plötzlich eine Oeffnung gefunden durch welche das Wasser abfließt. Die Kampfeswuth steckte an. Die Vorsicht war vergessen und selbst die Letzten, als sie sahen, wie Jemmy Vetch auf dieser Welle von menschlichen Körpern, die so zu sagen, sich auf dem undeutlichen, fernliegenden Ufer brach, emporgehoben wurde, antworteten auf seinen Ermunterungsruf damit, daß sie wüthend vorwärts drängten. Plötzlich hätte man ein fürchterliches Gebrüll, wie das eines wilden Thieres, das gefangen ist. Der Strom stockte in der Thür und aus dem hellen Raum draußen, in den der Riese hinein gestürzt war, brach ein Feuerstrom, dem unmittelbar ein furchtbares Stöhnen folgte und die treulose Schildwache stürzte nieder, tödtlich durch die Brust geschossen. Die Menge in der Thür stockte unentschlossen und dann, durch das Gewicht der Nachfolgenden gedrängt, stürzten sie wieder ein wenig vor und als sie vorgingen, ächzten die schweren Thüren in ihren Angeln und sie flogen zu, da gerade eine Abtheilung hinaus gedrängt war und die Riegel schlossen sich.

Alles dies geschah fast gleichzeitig und zwar in dem Grade schnell als es langsam geschildert werden kann. In einem Augenblick wurde die Thür des Gefängnisses geöffnet, im nächsten war sie schon wieder geschlossen. Das Bild, das sich den Augen der Gefangenen zeigte, war nur ein »Augenblicksbild.« Die Zeit zwischen dem Oeffnen und dem Schließen der Thür war nur durch den Schuß bezeichnet.

Das Abfeuern eines weiten Schusses, ein Lärm von wirren Stimmen, untermischt mit dem Klang der Waffen ließ die Gefangenen merken, daß das Schiff alarmiert sei. Wie würde es nun den Kameraden auf Deck ergehen? Haben sie die Wachen überwältigt oder sind sie zurückgeschlagen? Bald werden sie es wissen und in dem heißen, dunkeln Raum strengten sie die Augen an, um einander zu sehen , während sie auf den Ausgang warteten. Plötzlich hörte der Lärm auf und ein sonderbares, rollendes Geräusch drang an die Ohren der Horcher.


* * *

Was war geschehen?

Dies: – der Strom der Männer, die aus der Dunkelheit in das Licht hinaus eilten, stürzte wild auf das Deck. Miles, treu seinem Versprechen, feuerte nicht, aber im nächsten Augenblick hatte Vickers das Gewehr ergriffen und mitten unter die Leute springend, schoß er in der Richtung des Gefängnisses ab.

Der Angriff war viel plötzlicher gewesen, als er erwartet hatte, aber er verlor seine Geistesgegenwart nicht. Der Schuß hatte einen doppelten Zweck. Er sollte die Männer in der Barracke bedrohen und den Strom in der Thür vielleicht durch den Fall eines Mannes aufhalten. Zurückgestoßen, kämpfend, wüthend gemacht, mitten unter den gräßlichen Gesichtern, schwand seine Menschenfreundlichkeit und er zielte gerade aus den Kopf von Jemmy Vetch; doch der Schuß ging fehl und tödtete den unglücklichen Miles.

Gabbett und seine Gefährten hatten mittlerweile den Fuß der Treppe erreicht, um dort die Flintenläufe der doppelten Wachen auf sich gerichtet zu sehen, die in dem Licht der Laternen ihnen entgegen leuchteten.

Ein Blick die Luke hinauf zeigte dem Riesen, daß die Waffen, deren sie sich bemächtigen wollten, von zehn Feuerwaffen vertheidigt wurden, während hinter der Abtheilung, welche am Besanmast entlang stand, die übrigen Soldaten in Reih und Glied aufgestellt waren. Selbst sein schwaches Hirn mußte jetzt begreifen, daß die Sache fehlgeschlagen und daß sie verrathen waren. Mit einem Gebrüll der Verzweiflung wandte er sich zurück, grade um zu sehen, wie die Leute vor dem Schuß aus Vickers Flinte zurückwichen und wie Pine und zwei Soldaten den Augenblick benützten, um bei dem momentanen Aufhören des Andrängens die Thür zu schließen, die Riegel vorzuschieben und so das Gefängnis wieder in Sicherheit zu haben. Die Meuterer waren in eine Falle gegangen.

Der enge Raum zwischen der Barracke und der Barrikade war mit kämpfenden Gestalten angefüllt. Einige zwanzig Deportierte und halb so viele Soldaten hieben und stießen im Gedränge aufeinander. Es war kaum Platz genug um Faustkampf und die Angreifer und die Angegriffenen wußten wenig auf wen sie losschlugen. Gabbett riß einem Soldaten den Säbel fort, schüttelte sein riesiges Haupt, rief dem Schnüffler zu, ihm zu folgen und sprang die Treppe hinauf, entschlossen der Gefahr des Schießens sich auszusetzen.

Der Schnüffler, dem Riesen folgend, warf sich auf den nächsten Soldaten und versuchte, denselben den Säbel zu entreißen. Ein starker, stiernackiger Kerl hieb mit geballter Faust den Soldaten grade in’s Gesicht, so daß dieser, halb betäubt, den Säbel losließ, aber seine Pistolen zog und seinen Angreifer grade durch den Kopf schoß. Der Knall dieses zweiten Schusses hatte Maurice Frere aufgerüttelt.

Als der junge Lieutnant auf Deck eilte, sah er an der Aufstellung der Wachen, daß Andre besser an die Sicherheit des Schiffes gedacht hatten, als er. Doch war keine Zeit zu Erklärungen, denn als er an die Luke kam, traf er auf den Riesen, der beim Anblick dieses unerwarteten Gegners einen fürchterlichen Fluch ausstieß und denselben, da er zu nahe war, um ihn niederzuschlagen, fest in seine Arme faste, um mit ihm zu ringen. Beide stürzten so nieder. Die Wache auf dem Quarterdeck wagte nicht auf die beiden Körper zu feuern, die ineinander geschlungen, auf dem Deck rollten und einen Augenblick hing Frere’s Leben wirklich nur an einem sehr dünnen Faden.

Der Schnüffler, bespritzt mit dem Blut und Hirn seines unglücklichen Kameraden, hatte schon den Fuß auf die unterste Stufe der Treppe gesetzt, als ihm der Säbel durch einen Flintenkolben aus der Hand geschlagen und er zurückgezogen wurde. Als er hinfiel, sah er, wie die Krähe aus der Masse der Gefangenen, die so eben noch mit den Wachen gerungen hatten, heraus sprang und da er den offen gelassenen Raum am Fuß der Treppe erreichte, seine Hände in die Höhe hielt, wie um sich vor einem Schlage zu schützen. Die Verwirrung war in diesem Augenblick etwas gehoben und in der Gruppe vor der Barrikade verbreitete sich ein gewisses geheimnißvolles Schweigen, das die Leute innerhalb des Gefängnisses sehr in Unruhe versetzte.

Sie blieben nicht lange in Ungewißheit. Die zwei Soldaten, welche mit Pine die große Thür so schnell im rechten Augenblick geschlossen hatten , öffneten jetzt eilig jene Art Fallthür in der Barrikade , von er schon gesprochen wurde und auf ein Zeichen von Vickers rollten drei Mann die geladene Haubitze aus dem düsteren Winkel an die Barrikade hervor und richteten die todtbringende Mündung grade auf die Oeffnung.

Dann standen sie zum Feuern bereit.

»Ergebt Euch!« rief Vickers, mit einer Stimme, aus der alle Menschenfreundlichkeit gewichen war. »Ergebt Euch und liefert die Anführer aus, oder ich will Euch in Stücke schießen.«

Es war keine Spur von Unsicherheit in seiner Stimme und wie er so neben der Kanone an Pines Seite stand, begriffen die Meuterer mit der Schärfe des Verstandes, welche die drohende Gefahr noch erhöht, daß sollten sie auch nur einen Augenblick zögern, er ein Wort wahr machen würde.

Ein fürchterlicher Augenblick des Schweigens, nur durch im eigenthümliches Geräusch innerhalb des Gefängnisses unterbrochen, das sich anhörte, als wenn Ratten im Mehlkasten gestört wären und nun sich in die Winkel flüchteten.

Dies Geräusch wurde dadurch verursacht, daß die Gefangenen sich so eilig wie möglich in ihre Kojen flüchteten, um sich einiger Maßen vor dem Geschoß zu schützen. Dies Geräusch sprach, zu den zwanzig Desperados, die gerade vor der Mündung er Haubitze standen, deutlicher als alle Worte.

Der Zauber war gebrochen. Niemand wollte sich jetzt ihnen anschließen.

Die Lage der Dinge in dieser Krise war eine sehr sonderbare. Aus der geöffneten Fallthür kam ein Geräusch, das sich dem Geräusch vergleichen läßt, wie man es in einer großen Seemuschel hört, aber in dem dunkeln Raum au den diese Thür führte, war nichts sichtbar. Die Fallthür könnte eben so gut ein Fenster gewesen sein das in einen Tunnel führte. Auf den Seiten dieses schrecklichen Fensters standen Pine, Vickers und die Wache. Vor dieser kleinen Gruppe lag der Körper des unglücklichen Burschen, den Sara Purfoy in’s Verderben gestürzt hatte und dicht vor der Haubitze , zurückweichend vor dem blutigen Körper, lagen und standen die wüthenden und entsetzten Meuterer, wohl zwanzig an der Zahl. Die Haubitze drohte Verderben, denn die Hand des treuen Dieners von Vickers hielt die brennende Lunte und hinter ihm drohten wohl zwanzig Flintenläufe. Die eingeschlossenen Leute sahen, daß die Wache den Weg zur Lunte wohl besetzt hielt und daß hinter denen sogar noch die Schiffsmannschaft bereit stand. Entkommen war einfach unmöglich.

»Eine Minute,« rief Vickers, überzeugt, daß eine Sekunde sogar genügte, – »eine Minute noch und dann —«

»Ergebt Euch, Kameraden, um’s Himmelswillen,« rief eine unbekannte Stimme aus der Finsterniß. »Wollt Ihr uns Alle in den Tod schicken?«

Jemmy Vetch fühlte, wie ja oft nervöse Naturen dergleichen fühlen , daß seine Kameraden von ihm erwarteten, daß er den Sprecher mache, und so erhob er seine schrille Stimme: »Wir ergeben uns,« sagte er. »Es nützt nichts , uns das Hirn ausblasen zu lassen.« Und seine Hände erhebend, folgte er einem Wink von Vickers und wandte sich nach der Thür der Barracke.

»Bringt die Eisen herbei,« rief,Vickers, seine gefährliche Stellung verlassend und fast ehe noch der letzte Mann an der rauchenden Lunte vorüber war, kündete der Hammerschlag an, daß der Krähe die Ketten wieder an ihre zarten Glieder angelegt waren, die ihr erst vor einem Monat in der Bai von Biskaya abgenommen waren.

Im nächsten Augenblick war die Fallthür wieder geschlossen, die Haubitze rollte zurück auf ihren Stand und das Gefängnis athmete wieder auf.

Indeß hatte eine andre Scene auf dem oberen Deck sich abgespielt, fast ebenso aufregend. Gabbett, der vor Wirth schäumte, wie alle solche rohen Naturen, wenn sie fühlen, daß ihnen ihr Unternehmen gänzlich mißglückt, packte Frere an der Kehle, entschlossen, wenigstens einen seiner Feinde zu verderben. Aber so verzweifelt er auch war, so viele Vortheile an Kraft und Stärke auch auf seiner Seite sich fanden, so wies sich doch der junge Lieutnant als ein viel furchtbarerer Gegner aus, als er vermuthet hatte.

Maurice Frere war kein Feigling. Wenn er auch roh und selbstsüchtig war, so hatten ihn seine Feinde selbst doch nie des Mangels an physischem Muth angeklagt. Er war früher in seinen lustigen Tagen selbst zu einer gewissen Berühmtheit gelangt in allen körperlichen Uebungen. Er war stolz auf manche Erfolge seiner Muskelkraft, die in Wirthshausschlägereien und bei mitternächtlichen Streitigkeiten sich gezeigt hatten und das Sprichwort, daß jedes Großmaul ein Feigling sei, bewies sich bei ihm als falsch. Er besaß die Hartnäckigkeit eines Bulldogs und wenn er ein Mal die Hände eingesetzt hatte, so hielt er fest bis in den Tod. In der That war er, soweit persönliche Stärke reichte, ein Gabbett mit der Erziehung eines Preiskämpfers und in einem Kampf dieser Beiden miteinander, die sich wohl gleich an Muth waren, trugen Kenntnisse den Sieg über die Stärke davon.

Doch war in ihrem jetzigem Kampfe davon bis jetzt wenig zu spüren, dem unerfahrenen Auge kam es so vor, als ob der wüthende Riese, der den unter ihm Liegenden an der Kehle gepackt hatte, als Sieger aus dem Kampfe hervorgehen müsse.

Rohe Kraft war Alles, was nöthig war ; es war weder Raum , noch, Zeit, noch Platz vorhanden, um irgend welche Künste beim Kampf in Anwendung zur bringen.

Doch gibt Wissen, wenn auch nicht oft, so doch Ueberlegung. Maurice Frere war zwar überrascht worden, verlor aber nicht seine Geistesgegenwart. Der Deportierte lag so dicht an ihm, daß er nicht schlagen konnte, aber als er heruntergerissen wurde, gelang es ihm, sein Knie um den Schenkel des Angreifenden zu schlingen und mit der einen Hand in seine Halsbinde zu greifen. Sie rollten über einander hin und die erschreckte Schildwache wagte nicht zu schießen. Da brachte ein plötzliches Rollen des Schiffes Frere oben auf. Er fühlte, daß Gabbett unter ihm lag und ihn mit aller Kraft seiner Muskeln niederdrückend, widerstand er dem Versuch des Riesen, ihn zurückzudrängen. Aber es war grade, als ob er gegen eine Steinmauer kämpfte. Die Augen fast herausquellend, die Muskeln aufs Aeußerste angestrengt, drückte ihn Gabbett langsam herum. Da fühlte Frere, daß Gabbett ein wenig los ließ, wahrscheinlich, um einen letzten Streich zu führen, Frere konnte eine linke Hand lösen, ließ sich plötzlich zurück fallen und sein rechtes Knie hinaufziehend, stieß er Gabbett heftig unter die Kinnlade. Der mächtige Kopf des Riesen fiel ein wenig zurück, dies nahm Frere wahr und schlug seine Faust dem Gabbett mit aller Gewalt gegen die Kehle. Der Riese taumelte zurück und auf seine Hände und Knie fallend, wurde er sofort von den Matrosen umringt.

Nun begann und endete in weit kürzerer Zeit als gebraucht wird, um die Sache zu schildern , einer dieser homerischen Kämpfe eines Mannes gegen zwanzig, der aber nicht weniger heroisch ist weil der Ajax nur ein Deportierter und die Trojaner nur gewöhnliche Matrosen sind. Die Matrosen von sich schüttelnd, wie ein wilder Eber die Hunde abschüttelt, die ihn packen, sprang er wieder auf seine Füße, ergriff einen Säbel und hielt sie Alle mit fürchterlichen Streichen von sich ab. Vier Mal hoben die Soldaten von der Wache ihre Flinten und vier Mal setzten sie wieder ab, aus Furcht, ihre Kameraden, welche sich auf den Wüthenden geworfen hatten, zu verwunden. Gabbett, sein wüstes Haar gesträubt, seine blutunterlaufenen Augen vor Wuth sprühend, seine großen Hände mit dem Säbel in der Luft umherfahrend, wandte sich von einer Seite zur Andern, brüllend wie ein verwundeter Stier. Sein grobes Hemde, das von der Schulter zur Hüfte ausgerissen war, zeigte die ungeheuer entwickelten Muskeln seines Körpers. Er blutete von einem Hiebe in die Stirn und das Blut, sein ganzes Gesicht entlang fließend, mischte sich mit dem Schaum auf seinen Lippen und träufelte schließlich auf die breite, behaarte Brust. Jedes Mal, wenn ein neuer Angreifer in seinen Bereich kam, überfiel ihn die fürchterlichste Wuth von Neuem und seine ganze Gestalt hob und dehnte sich, von Leidenschaft bewegt. Einen Augenblick war er fast erstickt von Gegnern; sie hingen sich an seine Arme, Beine, Schultern, – überall menschliche Körper; – im nächsten Augenblick stand er frei und allein da, mitten unter seinen Feinden, sein scheußliches Gesicht verzerrt von Haß und Wuth. Er schien kaum noch ein Mensch zu sein, sondern glich einem Teufel, oder vielmehr einem dieser wilden, ungeheuerlichen Affen, welche in den Wäldern Inner-Afrika’s leben. Den Haufen zurücktreibend, der ihn umgab, stürzte er sich von Neuem auf seinen erstandenen Gegner und holte zu einem Schlage gegen ihn aus, der dessen Tyrannei für immer ein Ende machen sollte. Ein unbestimmtes Gefühl, daß Sara Purfoy sie betrogen und daß dieser feine Soldat mit daran Schuld sei, hatte sich in seinem Kopf festgesetzt und deshalb war seine Wuth vorzugsweise gegen Frere gerichtet. Der Anblick des Schurken war so scheußlich, daß Frere, das Schwingen des Säbels bemerkend, seine Augen vor Entsetzen schloß und sich seinem Schicksal befahl. Als Gabbett den Säbel schwang, gab das Schiff, das bisher ganz langsam hin und her rollte, einen plötzlichen, heftigen Stoß, – der Deportierte verlor das Gleichgewicht , wankte und fiel. Ehe er sich rühren konnte, war er schon von zwanzig Händen festgehalten.

Die Autorität hatte fast gleichzeitig auf dem oberen wie auf dem unteren Deck gesiegt. Die Meuterei war vorüber.




Elftes Capitel.

Entdeckungen und Bekenntnisse


Der Stoß hatte sich im ganzen Schiffe fühlbar gemacht und Pine, der eben dem letzten Meuterer die Eisen hatte umlegen lassen, errieth sogleich die Ursache.

»Gott sei Dank,« rief er, »da ist endlich eine Brise.«

Als der überwältigte Gabbett, blutend, geschunden und gebunden herunter gebracht wurde, eilte der Doktor auf Deck und sah, daß der Malabar durch schäumende Wellen mit einer Geschwindigkeit von fünfzehn Knoten die Stunde lief.

»Rafft die Topsegel! Zieht das große ein!« schrie Best vom Quarterdeck und mitten in der freudigen Bewegung erzählte Frere, was er erlebt, ohne daß er aber seiner kurzen Pflichtvergessenheit gedachte. Pine runzelte die Stirn. »Glauben Sie, daß sie mit in der Verschwörung war?«

»Nein, – « rief Frere eifrig und dachte daran, wie eine Nachforschung zu verhüten sei. »Wie kann sie dabei gewesen sein? Verschwörung! Sie liegt krank am Fieber, oder ich müßte mich sehr irren.«

Als sie in die Kajüte traten, fanden sie Sara noch auf derselben Stelle, wohin sie vor einer Viertelstunde gefallen.« Das Rasseln der Säbel, das Schießen, – nichts hatte sie erweckt.

»Wir müssen irgendwo eine Krankenstation machen,« sagte Pine und warf keinen freundlichen Blick auf die geschmeidige Gestalt. »Aber ich glaube nicht, daß sie sehr krank werden wird. Verdammt, sie ist doch die Ursache von Allem. Ich will es ausfindig machen, ehe einige Stunden vergangen sind. Den Kerls unten habe ich schon gesagt, wenn sie nicht Alles vor morgen früh gestehen, bekommen sie jeder sechs aufgezählt, ehe wir nach Hobart-Town kommen. Ich will es , wirklich thun, ehe wir Anker werfen. Fassen Sie sie am Kopf, Frere und wir wollen sie hinausbringen, ehe Vickers herauf kommt. Was für ein Narr sind Sie , Frere. Ich wußte, daß es solchen Unsinn geben würde, mit Weibern an Bord. Obwohl Mrs. Vickers schon früher eine Reise gemacht hat. – Halt, – jetzt durch die Thür. Was, Mann, man sollte denken, Sie hätten noch nie ein Mädchen im Arme gehabt. Sehen Sie nicht so entsetzt aus, ich will nichts weiter sagen. Schnell, schnell, ehe der kleine Pastor kommt. Die Pfarrer klatschen grade wie alte Weiber.«

So. vor sich hin murmelnd, trug Pine mit Frere’s Hilfe Mrs. Vickers’ Kammermädchen in ihre Kajüte.

»Bei George, sie ist ein schönes Geschöpf; sagte er und sah den leblosen Körper mit den Augen eines Wundarztes an. »Ich wundre mich nicht, daß Sie sich ihretwegen zum Narren machen. – Vielleicht sind Sie auch schon angesteckt vom Fieber, aber dieser Wind wird uns darüber forthelfen. Der alte Schafskopf der Blunt auch. Er sollte sich schämen in seinem Alter.«

»Was meinen Sie,« fragte Frere eifrig, denn er hörte , Jemand kommen. »Was sagt Blunt von ihr?«

»O, ich weiß nicht,« erwiderte Pine. »Er war auch verliebt, wie viele Andre.«

»Viele Andre?« wiederholte Frere mit affektierter Gleichgültigkeit.«

»Ja,« lachte Pine. »Nun, sie liebäugelte mit Jedem Mann auf dem Schiff. Ein Mal traf ich sie, wie sie einen Soldaten küßte.«

Maurice Frere’s Wangen glühten. Er, der erfahrene Wüstling, war betrogen, vielleicht verlacht und verspottet von ihr. Die ganze Zeit über hätte er sich mit dem Gedanken – geschmeichelt, daß er das schwarzäugige Mädchen bezaubert hätte und nun mußte er erfahren, daß sie ihn um den Finger gewickelt und ihn vielleicht zum Spaß für ihren Soldaten-Liebhaber noch geäfft hatte. Das war kein angenehmer Gedanke und doch, so merkwürdig es klingt, der Gedanke an Sara’s Verrätherei brachte ihn nicht zum Haß gegen sie. Es gibt eine Art von Liebe, wenn man es Liebe nennen will, die unter übler Behandlung noch wächst. Indeß fluchte er ihr doch mit einer Art von Empörung.

Vickers traf sie an der Thür.

»Pine, Blunt hat das Fieber. Mr. Best fand ihn stöhnend in seiner Kajüte. Kommen Sie und sehen Sie nach ihm.«

Der Kommandeur des Malabar lag in seiner Koje in der unglücklichen Lage, in die Männer gerathen, wenn sie in ihren Kleidern schlafen. Der Doktor schüttelte ihn, beugte sich über ihn und machte ihm den Kragen auf. »Er ist nicht krank,« sagte er. »Er ist betrunken! Blunt, wachen Sie auf, Blunt.«

Aber Blunt rührte sich nicht.

»Hallo, rief Pine, als er an dem erbrochenen Glase gerochen. »Was ist das ? Das riecht sonderbar. Rum? nein, – Laudanum! Bei Gott, man hat ihm einen Trunk gemischt.«

»Unsinn!«

»Ich verstehe,« rief er und schlug sich auf die Seite. »Das ist das Teufelsweib gewesen. Sie hat’s ihm gegeben und hat es wollen noch andern geben (hier traf ihn ein flehender Blick von Frere), wenn Andre Narren genug waren, sich von ihr bethören zu lassen. Dawes hat Recht, Herr. Sie ist mit in der Verschwörung. Ich will darauf schwören.«

»Was , meiner Frau Kammerjungfer? Unsinn!« sagte Vickers.

»Unsinn,« wiederholte Frere.

»Es ist kein Unsinn. Der Soldat, welcher erschossen ist, – wie heißt er gleich – Mi – Miles, er, – doch das ist ganz gleich. Es ist Alles jetzt vorüber.«

»Die Männer werden vor morgen früh gestehen,« sagte Vickers. »Dann wollen wir sehen.« Und damit ging er zu seiner Frau hinein.

Seine Frau öffnete ihm die Thür. Sie hatte an des Kindes Bett gesessen, hatte auf die Schüsse gelauscht und ohne zu murren, auf ihres Gatten Rückkehr gewartet. Leichtsinnig, oberflächlich und widerspänstig wie Julia Vickers war, hatte sie doch schon oft in Zeiten der Noth einen Muth gezeigt, der die Bewunderung Aller erregte. Obgleich sie bei jedem Buche gähnte, das über eine gewöhnliche Liebesgeschichte hinausging, jeden jungen Menschen zu bezaubern suchte, der fast ihr Sohn sein konnte, bei dem Anblicke eines Frosches kreischte und über eine Spinne aufschrie, so konnte sie doch Stunden lang in solcher Ungewißheit zubringen und dabei einen Muth entwickeln, wie ihn nur je ein starker Geist aufzuweisen hat.

»Ist Alles vorüber?« fragte sie.

»Ja, Gott sei Dank,« sagte Vickers, auf der Schwelle stehen bleibend. »Alles ist jetzt sicher, obgleich wir nur mit genauer Noth davon gekommen sind. Wie geht es mit Sylvia?«

Das Kind lag in seinem Bett, das blonde Haar über die Kissen hängend und die Hände ruhelos hin und her bewegend.

»Ein wenig besser, glaube ich. Aber sie hat viel gesprochen.«

Die rothen Lippen standen offen und die hellen blauen Augen starrten ohne Bewußtsein herum. Ihres Vaters Stimme schien sie etwas erregt zu haben, denn sie fing ein kleines Gebet an zu sprechen: »Gott segne Papa und Mama und Gott segne Alle auf dem Schiff. Gott segne mich und mache mich zu einem guten, kleinen Mädchen, um Christi willen, unseres Herren; – Amen!«

Der Ton der unschuldigen, betenden Kinderstimme, hatte etwas Rührendes und John Vickers, der noch vor zehn Minuten sein eigenes Todesurtheil unterschrieben hatte, um das Schiff zu retten, fühlte seine Augen sich mit Thränen füllen.

Der Gegensatz war merkwürdig. Mitten auf dem unendlichen Ocean, aus dem Gefängnis, worin Fieber herrschte, unter Dieben und Mördern hervor, weit weit vom Lande entfernt, wandte sich ein unschuldiges Kind voll Vertrauen an den Himmel.


* * *

Zwei Stunden später, als der Malabar, der soeben einer großen Gefahr entgangen, kräftig durch die schäumenden Wellen segelte gestanden die Meuterer durch ihren Sprecher James Vetch Folgendes:

»Es thue ihnen sehr leid und sie hofften, daß man ihnen das Vergehen gegen die Disziplin vergeben werde. Die Furcht vor dem Typhus habe sie dazu gebracht. Sie hätten keine Mitschuldigen, weder innerhalb noch außerhalb des Gefängnisses, aber sie fühlten sich doch bewogen, zu gestehen, daß derjenige, welcher die Meuterei geplant habe, Rufus Dawes ist.«

Der boshafte Krüppel hatte richtig geahnt, von wem die Anzeige, die zu dem Scheitern der Verschwörung geführt hatte, gekommen war und dies war seine sehr charakteristische Rache.




Zwölftes Capitel.

Ein Zeitungs-Paragraph


Auszug aus dem Hobart Town Courier vom 12. November 1827: —

Das Verhör der Deportierten, welche bei dem Angriff auf den Malabar betheiligt waren, ist am letzten Dienstag geschlossen.

Die vier Aufrührer: Dawes, Gabbett, Vetch und Sanders wurden zum Tode verurtheilt, aber wir hören, daß durch die Gnade Seiner Excellenz des Gouverneurs dieser Urtheilsspruch in sechs Jahre Arbeit in der Straf-Kolonie von Macquarie Harbour verwandelt worden ist.




Buch 2





Erstes Capitel.

Topographie von Van Diemens Land


Die Südostküste von Van Diemens Land, von dem einsamen Mewstone bis zu den Basaltklippen von Tasman’s Head, von Tasman’s Head bis zu Cape-Pillar und von Cape-Pillar bis zu der zerrissenen, großartigen Küste der Piratenbai gleicht einem Zwieback, an dem die Mäuse genagt haben. Von der fortwährenden Bewegung des Meeres ausgespült, das immer von Osten nach Westen strömt, ist die Halbinsel von dem Festlande des australischen Continents abgerissen und das Meer hat mit Van Diemens Land das gethan, was es mit der Insel Wight gemacht, – die Küste ist vollständig eingeschnitten und gebrochen. Wenn man die Karte ansieht, so gleichen die phantastischen Formen der Inseln und der Vorgebirge, welche zwischen dem Südwestkap und dem größeren Swan-Port liegen, den sonderbaren Formen, die geschmolzenes Blei annimmt, wenn es in Wasser geworfen wird. Wenn der Vergleich nicht zu übertrieben wäre, so mochte man glauben, daß, als der australische Continent aus dem Schmelztiegel gegossen war, ein Riese den Schmelztiegel nahm und den Rest in die See goß und so Van Diemens Land entstand.

Die Küstenschifffahrt ist eben so gefährlich wie die des Mittelländischen Meeres. Wenn der Schiffer von Cap Bougainville nach dem Osten von Maria Island fährt, und zwischen die zahlreichen Felsen und Untiefen geräth, die zwischen den drei Höhen »Three Thumbs« liegen, so baut sich plötzlich Tasman’s Halbinsel vor ihm auf, die wie ein doppelter Ohrring von dem Festlande aus in die See hineinhängt. Wenn man um den Pillar Rock durch die Stormbay nach Storing Island fährt, so hat man das Italien dieses kleinen Adriatischen Meeres vor sich. Zwischen Hobart Town und Sorrell, Pittwater und dem Derwent, einer wunderlich geformten Landspitze, streckt sich der italienische Stiefel mit aufwärts gewandten Zehen in die Bai hinein. Ein enger Kanal, der diese Landzunge von dem Ausläufer trennt, ist mit Felsen wie besäet und bildet längs des Bruny Island’s zwischen dessen Westseite und den Klippen von Mount Royal die gefährliche Durchfahrt, welche unter dem Namen D’Encastreaux Kanal bekannt ist. An dem südlichen Eingang des D’Encastreaux Kanals liegt eine Reihe von Felsen unter dem Wasser, die unter dem allgemeinen Namen »Actaeon Riff« bekannt sind und die beweisen, daß Bruny Head einst mit der Küste der Recherche Bai verbunden war. Vom Südkap bis zu dem Eingang von Macquarie Harbour warnen die Brandungen der tief liegenden Felsen, oder auch die zerrissenen Spitzen der einzelnen Felsen, die ganz plötzlich mitten aus der See aufsteigen, den Schiffer, daß er sich von der Küste fern hält.

Es scheint, als ob die Natur, eifersüchtig auf die Schönheiten des silbernen Derwent, die Annäherung habe erschweren wollen. Ist man aber ein Mal durch den gefährlichen D’Encastreaux Kanal gelangt oder hat man die weniger gefährliche östliche Fahrt durch die Stormbay gemacht, so ist die Fahrt den Strom hinauf ganz köstlich. Von der tiefen Einsamkeit von Iron Port an bis zu den lachenden Ufern von New Norfolk hin, windet sich der Fluß fortwährend aufs Lieblichste, bis er sich wiederholt zwischen hohen, zerissenen Klippen verengt. Eine Linie vor der Quelle des Derwent nach Norden gezogen trifft einen andern Fluß, der sich nach dem nördlichen Zeit der Insel wendet gerade wie der Derwent nach Süden. Die Kraft der Wogen, welche wahrscheinlich den Isthmus zerstört hat, der vor zweitausend Jahren noch Van Diemens Land mit dem Continent von Australien verband, ist hier weniger stark gewesen. Die rollenden Wogen des Südmeeres, die an der Mündung des Tamar sich trafen, rollten über den Isthmus fort, den sie verschlangen und gegen die Südküste von Victoria drängend höhlten sie hier die Binnensee aus, welche Port Philipp Bai genannt wird. Wenn die Wogen die Südküste von Van Diemens Land ausgezackt haben, so haben sie ebenfalls ein Stück aus der Küste von Victoria gerissen. Die Bai gleicht einem Mühlenteich, mit einem Umfang von neun hundert Quadratmeilen und einem Ausfluß zwischen den »Heads«, der zwei Meilen breit ist.

Ungefähr ein hundert und siebzig Meilen südlich von diesen »Heads« liegt Van Diemens Land, fruchtbar schön und reich, bewässert von den fruchtbringenden Wolken, die sich um Frenchmans Kap, Wyld’s Cray oder um die hohen Spitzen von Mount Wellington und Dromedary zusammen ziehen. Kein glühend heißer Wind, die Qual auch der Gassenkehrer des Continents, dörrt das Korn und versengt die Ernten. Der kühle Südwind kräuselt sanft die Gewässer des Derwent und fächelt die Vorhänge in den offnen Fenstern der Stadt, die sich im breiten Schatten von Mount Wellington angesiedelt hat. Der heiße Wind, welcher in den glühenden Sandebenen des großen australischen Continents entsteht, weht über die verbrannten ausgedörrten Ebenen, um die Ströme aufzusaugen und das Gras zu versengen, bis er auf die Wogen der großen Südbai stößt. In seiner Wanderung über die Meerenge aber wird er seiner Gluth beraubt und sinkt zu den Füßen des bergansteigenden Launceston nieder.

Das Klima von Van Diemens Land ist eins der lieblichsten in der ganzen Welt.

Launceston ist warm geschützt und feucht und Hobart-Town, das durch Brany-Island und den Archipel vom D’Encastreaux Kanal und Storm-Bai vor den riesigen Wellen des Südmeeres geschützt ist, hat die mittlere Temperatur von Smyrna; der Distrikt aber zwischen diesen beiden Städten umfaßt eine Menge von schönen Thälern, durch welche klare, blitzende Ströme fließen. Aber an der Westküste von den Steeple Rocks von Kap Grim bis zu dem von dichtem Gebüschen umfaßten Sandy Kap und dem düstern Eingang von Macquarie Harbour ändert sich die Natur der ganzen Gegend. Längs der eisenfesten Küste, von Pyramid- Island und der tiefen Waldeinsamkeit von Rocky Point bis zu dem großen Ram Head und dem bewegten Hafen Port Davey ist Alles düster und trostlos. An dieser rauhen Küste vollenden die ungeheuren Wogen des Südmeeres ihren Umlauf um die Welt und der Sturm, der das Kap hier verwüstet hat und sich im östlichen Lauf mit den eisigen Winden vereinigt, die aus den unbekannte Breiten des Südpols nordwärts brausen, stürzt sich hier ungehindert auf die Huonfichtenwälder und wäscht mit strömendem Regen die Abhänge von Monat Direction.

Wüthende Orkane und plötzliche Windstöße erschrecken die Eingeborenen an dieser Küste. Die Schiffahrt ist gefährlich und die Hinfahrt in das »Höllenthor« von Macquarie Harbour, das zu der Zeit von der wir schreiben (1833) auf der Höhe seines schrecklichen Rufes als Deportierten-Ansiedlung stand, nur bei ruhigem Wetter möglich.

Die Rhede ist mit Wracks bezeichnet. Die unterseeischen Felsen tragen die Namen der Schiffe, die an ihnen gescheitert. Die Luft ist feucht und kühl, der Boden fruchtbar an hornigem Gebüsch und schädlichen Pflanzen, während die fauligen Dünste, die Sumpf und Moor aushauchen, dicht über dem schwammigen, nassen Boden hinziehen. Alles rings umher athmet Verlassenheit und auf dem Antlitze der Natur ruht ein ewiges Düster. Der schiffbrüchige Matrose, der mühsam auf die Basaltklippen sich rettet, oder der gefesselte Deportierte, der seinen Baumstumpf mit sich bis auf eine Höhe zieht, blicken nur hinab auf ein Meer von Nebel, aus dem einzelne Bergspitzen sich wie Inseln erheben, oder sie erblicken durch den beißenden Dunst nur eine Wüste von Buschwerk und Felsspitzen zu den Füßen von Mount Heemskirk und Mount Zeehan, die gleich zwei Schildwachen über die Seeküste Wache halten.




Zweites Capitel.

Der Einsame am Höllenthor


Das Höllenthor wird von einer Felsspitze gebildet, die plötzlich nach Norden vorspringt und auf der Ostseite fast eine Landzunge berührt, welche den Eingang zum »King’s river« beschützt. In der Mitte des Thores liegt ein natürlicher Riegel, nämlich eine Insel, welche von einer Sandbank gebildet, gerade mitten in dem Strom liegt und so einen Wirbel verursacht, der es bei rauhem Wetter unmöglich macht, hier einzufahren. Einmal am Thor vorüber erblickt der Deportierte, welcher auf dem Deck des einfahrenden Schiffes angekettet ist, vor sich den kahlen Gipfel von Frenchmans Kap, welcher die feuchte Luft in der Höhe von fünf tausend Fuß durchbricht, während die schwarzen Ufer, noch mehr verdüstert durch die überhängenden Felsen und die ungeheuren Wälder, sich an der Mündung des Gordon immer mehr verengen.

Der schäumende Strom hat eine tiefblaue Farbe und wird genährt durch viele kleine Zuflüsse, die sich alle ihren Weg durch faulende, vegetabilische Massen suchen und dadurch wird das Wasser nicht nur untrinkbar, sondern tödtet sogar die Fische, welche von der See bei stürmischem Wetter hineingetrieben werden. Wie man sich denken kann, haben die wüthenden Stürme, denen diese Wüste ausgesetzt ist, eine starke Brandungslinie gebildet. Wenn der Nordwestwind einige Tage geweht hat, so ist das Wasser des Gordon zwölf Meilen weit aufwärts noch salzig. Das Hauptquartier her Ansiedlung lag auf einer Insel, unweit der Mündung dieses ungastlichen Flusses, genannt Sara-Insel. Obgleich jetzt der ganze Platz verlassen ist und einige wenige Pfähle und Pfosten nur noch als stumme Zeugen vorhanden sind von Scenen der Todesqualen, die hoffentlich nie sich erneuern werden, so waren die Gebäude im Jahre 1833 doch sehr zahlreich und ausgedehnt. Auf Philipps Island an der Nordseite des Hafens, lag eine kleine Meierei, auf der Gemüse für die Offiziere der Ansiedlung gezogen wurden und auf Sara-Island waren Sägemühlen, Schmieden, Werfte, Gefängnis, Wachthaus, Barracken und der Hafendamm. Die militairische Gewalt bestand aus sechzig Mann, welche mit den Aufsehern und den Constablern zusammen mehr als dreihundertfünfzig Gefangene bewachten. Diese Elenden, welche jeder Hoffnung beraubt waren, wurden zu der niedriger Arbeit gebraucht. Kein Lastthier wurde in der Ansiedlung gebraucht; Alles wurde von Menschen gezogen und geschleppt. Ungefähr hundert Mann, die sich durch gutes Betragen ausgezeichnet hatten, durften die leichtere Arbeit verrichten, Holz nach der Werft bringen und beim Schiffbau helfen. Die Uebrigen fällten die Bäume, welche das Festland begrenzten und brachten dieselben auf ihren Schultern bis an die Küste. Die Dichtigkeit des Buschwerks und der Sträucher machte es nothwendig, daß ein Weg gebaut wurde, ungefähr eine Viertel Meile lang. Die Stämme der Bäume von Aesten und Zweigen befreit, wurden neben einander gerollt und dann wurde eine Schleife gebaut, um die schweren Stämme bis um Hafen zu bringen. Das Holz, das man so aufsammelte, wurde zu Flößen verbunden, in die Schuppen geschafft oder zum Transport nach Hobart Town zugerüstet. Die Deportierten wohnten auf er Sara-Insel in Barracken, die an ein zweistöckiges Gefängnis stießen, dessen Zellen der Schrecken selbst der verhärtesten Bösewichter war. Jeden Morgen erhielten sie zum Frühstück Mehlsuppe, Wasser und Salz. Dann wurden sie unter Bewachung auf die Holzfäll-Stationen gebracht, wo sie ohne Nahrung bis zum Abend arbeiteten. Das Fällen und Behauen der Bäume zwang sie, oft bis unter die Arme im Wasser stehend zu arbeiten. Manche von ihnen waren mit schweren Ketten belastet. Wenn sie starben, wurden sie auf einem kleinen Platz begraben, der Halliday Insel hieß, nach dem ersten Mann, der dort begraben war. Ein Brett mit den Anfangsbuchstaben ihrer Namen versehen, wurde in die Erde gesteckt und das war Alles, was an sie noch erinnerte.

Die Sara-Insel im Südostwinkel des Hafens gelegen, ist lang und niedrig.

Das Haus des Kommandanten lag in der Mitte. Das Haus des Pfarrers und die Baracken lagen zwischen der Kommandantur und dem Gefängnis. Das Hospital lag auf der Westküste und in einer Linie damit standen die beiden Zuchthäuser.

Reihen von hohen Palisaden umgaben die Ansiedlung und gaben ihr fast das Ansehen einer befestigten Stadt. Die Palisaden waren gebaut, um vor der Wuth des Sturmes ein wenig zu schützen, der durch die lange, enge Bay wie durch das Schlüsselloch einer Thür pfeifend, in früherer Zeit oft Dächer abgedeckt und Brotschuppen zerstört hatte. Die kleine Stadt war so zu sagen im Kampf mit der Natur gebaut, – auf der äußersten Grenze der Civilisation und die Bewohner lebten in fortdauerndem Kriege mit Wind und Wellen.

Aber das Gefängnis von Sara-Island war nicht das Einzige in dieser Region.

In einer kleinen Entfernung von dem Festlande ist ein Felsen, über dessen Westseite bei rauhem Wetter die Wogen sich brechen.

Am Abend des dritten December 1833, als die Sonne hinter den Baumspitzen auf der linken Seite des Hafens sank, erschien ein Mann auf der Spitze dieses Felsens. Er war in die grobe Kleidung der Deportierten gehüllt und trug an seinen beiden Knöcheln zwei Eisenringe, durch die eine kurze schwere Kette lief. An der Mitte der Kette war ein lederner Riemen befestigt, der sich theilend um seine Taille befestigt war und vermittelst dessen er die Kette so hoch ziehen konnte, daß er nicht beim Gehen darüber stolperte. Sein Kopf war bloß und sein grobes, blaugestreiftes Hemde am Halse offen, zeigte seinen braunen, muskulösen Nacken. Aus einer Art von Zelle oder Höhle heraustretend welche Natur oder Kunst an der Seite der Klippe gebildet hatte, legte er auf ein schwaches Feuer, das zwischen zwei Felsstücken brannte, ein kleines Stück Holz auf und dann brachte er aus seiner Höhle einen eisernen Topf, der anscheinend Wasser enthielt und mit seinen harten, verarbeiteten Händen stellte er ihn in die Asche oder setzte ihn auf das brennende Scheit. Augenscheinlich war die Höhle zugleich sein Vorrathshaus und seine Speisekammer und die beiden Felsstücke waren seine Küche.

Nachdem er so seine Vorbereitungen zu einem Mahle getroffen, stieg er einen Pfad hinauf, der zu dem höchsten Punkte des Felsens führte. Seine Fesseln gestatteten ihm nur kurze Schritte und wenn er ging, so zuckte er schmerzlich zusammen. Wahrscheinlich schnitten die Ringe in seine Beine ein. Bei genauerer Prüfung konnte man auch sehen, daß ein Tuch oder ein Lappen zwischen den Ring und den Knöchel gesteckt war, als ob ihn der Ring schon wund gerieben hatte. Mühsam und langsam erreichte er sein Ziel und sich niederwerfend blickte er um sich. Der Nachmittag war stürmisch gewesen und die Strahlen der untergehenden Sonne fielen roth auf die bewegten, schäumenden Wellen der Bai. Zur Rechten lag Sara-Island, zur Linken das schwarze Ufer der jenseitigen Küste und die hohe Spitze von Frenchman’s Kap. Ueber den kahlen Hügeln des Ostens hingen noch die dunkeln Wolken des letzten Sturmes. Unter ihm war das einzige Zeichen von Leben zu bemerken. Eine Brigg wurde in den Hafen hineingezogen von zwei Booten, die mit Deportierten bemannt waren.

Der Anblick der Brigg schien in dem Einsamen auf dem Felsen eine ganze Kette von Erinnerungen wach zu rufen. Er stützte sein Kinn in die Hand und blickte stark auf das hereinkommende Schiff, tief in Gedanken versunken. Mehr als eine Stunde verging, er bewegte sich nicht. Das Schiff ging vor Anker, die Boote verließen es, die Sonne sank und die Bai tauchte in nächtliche Dunkelheit. Lichter fingen längs der Küste an zu blinken. Das kleine Feuer ging aus und das Wasser im eisernen Topf wurde kalt; doch der Wachende auf dem Felsen bewegte sich nicht. Seine Augen starrten in die Finsterniß und seine Blicke verließen das Schiff nicht. Er lag neben dem kahlen Felsen seines einsamen Gefängnisses ebenso bewegunslos wie der Felsen selbst, auf dem er sich ausgestreckt hatte.

Dieser Mann war Rufus Dawes.




Drittes Capitel.

Ein geselliger Abend


Im Hause des Major Vickers, Kommandant von Macquarie Harbour, herrschte heute am Abend des dritten December eine ungewöhnliche Heiterkeit. Leutnant Maurice Frere, der zuletzt ein Kommando auf Maria Island gehabt hatte, war ganz unerwartet mit Nachrichten aus dem Hauptquartier gekommen. Das Schiff Ladybird, ein Regierungsschooner, besuchte die Ansiedlung gewöhnlich zweimal im Jahr und die Ansiedler erwarteten diesen Besuch mit nicht geringer Unruhe. Für die Deportierten bedeutete die Ankunft des Ladybird die Ankunft von neuen Gesichtern, Nachricht von alten Kameraden, Neuigkeiten aus der ewig fortschreitenden Welt, aus der sie nun verbannt waren. Wenn der Ladybird kam, dann fühlten die Gefangenen selbst, die arbeitsmüden, gefesselten Verbrecher, daß sie noch Menschen waren, daß der Horizont des Weltalls nicht von den düsteren Wäldern begrenzt wurde, die ihr Gefängnis umgaben, sondern daß es draußen noch eine Welt gab, in der Menschen wie sie, welche tauchten, tranken, lachten und ruhten – und frei waren. Wenn der Ladybird kam, dann hörten sie Nachrichten, die Interesse hatten für sie, das heißt, nicht allein übertriebene Gerüchte von Kriegen oder von der Ankunft von Schiffen oder Stadtklatsch, sondern Sachen, die aus ihrer eigenen Welt kamen – wie Tom jetzt bei den Wegearbeiten war, daß Dick einen Urlaubsschein hatte, Barth sich in den Busch geflüchtet und Jack im Hobart Down Gefängnis aufgehängt worden. Solche Dinge waren das Einzige, was ihnen wichtig war und die neuen Ankömmlinge wußten gut Bescheid darin. Für die Deportierten war der Ladybird Stadtgeschwätz, Theater, Börsennachrichten und neueste Telegramme. Das Schiff war ihre Zeitung und ihr Postamt die einzige Unterhaltung in ihrem trostlosen, traurigen Leben, das einzige Band zwischen ihrem eigenen Elend und dem Glück und Wohlstande ihrer Mitmenschen. Für den Kommandanten und die freien Leute war dieser Bote aus der Außenwelt nicht weniger willkommen. Es war Niemand auf der ganzen Insel, dessen Herz nicht schwerer wurde, wenn die weißen Segel wieder hinter den Hügeln verschwanden.

Bei dieser Gelegenheit war das Geschäftliche der Neuigkeiten für Kapitain Vickers von so großer Wichtigkeit, daß es ihn aufs Angenehmste berührte. Es war von Gouverneur Arthur beschlossen worden, die Niederlassung aufzulösen. Wiederholte Mordanfälle und Fluchtversuche hatten die öffentliche Aufmerksamkeit auf Macquarie Harbour gezogen. Die große Entfernung von Hobart Town machten es unbequem und sehr theuer. Arthur hatte die Tasman Halbinsel, der Ohrring, von dem wir gesprochen haben – als künftige Deportierten-Niederlassung ausersehen und sie Port Arthur, sich selbst zu Ehren genannt. Er hatte Leutnant Maurice Frere mit Instructionen an Vickers gesandt, der die Gefangenen von Macquarie Harbour überführen sollte.

Um die Größe und Wichtigkeit eines solchen Befehls gehört zu würdigen, müssen wir einen Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse der Strafkolonie zur Zeit unserer Geschichte werfen. Neun Jahre zuvor war Oberst Arthur, der frühere Gouverneur von Honduras, in einem sehr kritischen Augenblick angekommen. Der frühere Gouverneur, Oberst Sorrell, war ein Mann von freundlichem Sinne, aber von geringer Charakterstärke. Er war überdies sehr liederlich in seinem Privatleben und seine Offiziere, durch sein Beispiel ermuthigt, verletzten jede Regel gesellschaftlichen Anstandes. Es war ganz gewöhnlich, daß jeder der Offiziere einen der weiblichen Deportierten als Geliebte hatte. Ihrerseits erlangten diese Frauen durch Gefälligkeiten manche Vortheile, waren aber auch häufig üblen Verfolgungen ausgesetzt, wenn sie sich einfallen ließen, sich ihre Liebhaber selbst zu wählen. Diesen Ausschweifungen ein Ende zu machen, war Arthur’s erste Sorge und indem er die strengste Zucht in Beziehung auf Etiquette und Achtbarkeit einführte, fehlte er vielleicht wieder, was Güte und Nachsicht betraf. Während er rechtschaffen, brav und hochgesinnt sich zeigte, war er zugleich kalt und geizig und die geflissentliche Freundlichkeit der Kolonisten traf bei ihm nur auf höfliche Gleichgültigkeit.

Der offiziellen Gesellschaft, welche Oberst Arthur geschaffen, stand diejenige der freien Ansiedler und der beurlaubten gegenüber. Diese Letzteren waren viel zahlreicher, als man glauben sollte. Am 29. November 1829 standen achtunddreißig Freie, – Begnadigte – und sechsundfünfzig bedingungsweise Freigelassene in den Listen verzeichnet. Am 26. September desselben Jahres war die Zahl der Personen, die auf Urlaub waren, auf siebenhundertundfünfundvierzig gestiegen.

Von der gesellschaftlichen Stellung der Leute zu dieser Zeit ist es kaum möglich, ohne Erstaunen zu sprechen. Nach dem beglaubigten Zeugniß vieler achtbaren Leute, Regierungsbeamte, Offiziere und freie Ansiedler, war die Liederlichkeit der Kolonisten ganz bekannt, Trunkenheit war das Hauptlaster. Selbst Kinder fand man betrunken in den Straßen. An Sonntagen sah man Männer und Frauen vor den Thüren der Wirthshäuser stehen, wo sie das Ende der Gottesdienst-Stunden abwarteten, um dann sogleich ihr Trinken wieder beginnen zu können. Die Lage der Gefangenen-Bevölkerung ist in der That unbeschreiblich. Obgleich der geheime Grog-Verkauf hart bestraft wurde, so betrieb man denselben doch in ungeheurer Ausdehnung, Männer und Frauen wurden betrunken bei einander gefunden und eine Flasche Branntwein wurde als billig erstanden erachtet, wenn sie durch zwanzig Hiebe erkauft war. In der Faktorei – einem Gefängnisse für Frauen, wurden die scheußlichsten Dinge vollbracht und die Niederträchtigkeiten, welche als selbstverständlich unter den Kettengefangenen und in den Straf-Abtheilungen getrieben wurden, sind zu entsetzlicher Natur, als daß sie hier mehr als nur angedeutet werden können. Alles, was die niedrigsten und bestialischsten menschlichen Wesen nur erfinden und ausüben können, wurde in diesem unglücklichen Lande ohne Rückhalt und Scham erfunden und verübt.

Im Jahre 1826 wurden die Verbrecher in sieben Klassen eingetheilt, als man die neuen Barracken für die Gefangenen in Hobart Town beendet hatte. Der ersten Klasse war erlaubt, außerhalb der Barracken zu schlafen und Sonnabends für eigene Rechnung zu arbeiten; die zweite Klasse genoß nur das letztere Vorrecht; der dritten wurde nur der Sonnabend Nachmittag gewährt; die vierte und fünfte Klasse bestand aus den »Widerspänstigen und Unordentlichen, welche in Ketten arbeiteten;« die sechste waren »Männer von ganz schlechtem und unverbesserlichem Charakter,« welche in Ketten arbeiteten und ganz getrennt von den anderen Gefangenen gehalten wurden. Die siebente Klasse endlich bestand aus dem Auswurf des Auswurfs – den Mördern, Banditen, Schuften, welche weder durch Ketten noch durch Hiebe gezähmt werden konnten und die man als gesellschaftlich todt betrachtete. Sie wurden nach dem Höllenthor oder Maria-Island gebracht. Das Höllenthor war von allen Strafplätzen der gefürchteste. Die Disziplin war dort so streng und das Leben so schrecklich, daß die Gefangenen Alles wagten um zu entkommen. In einem Jahre starben von fünfundachtzig Leuten dort nur dreißig eines natürlichen Todes. Von den Uebrigen ertranken siebenundzwanzig acht kamen durch Unfälle um’s Leben, drei wurden von den Soldaten erschossen und zwölf von ihren Kameraden ermordet.

Im Jahre 1822 wurden hundertundneunundsechzig Mann aus hundertzweiundachtzig mit zweitausend Hieben bestraft. Während der zwölf Jahre, da diese Strafstationen bestanden, entflohen hundert und zwölf Mann, von denen nur zweiundsechzig wieder aufgefunden wurden und zwar – todt. Die Gefangenen tödteten sich, um nur nicht länger so zu leben und wenn sie so glücklich gewesen waren, die Wildniß von Gebüsch, Haide und Sumpf, welche zwischen ihrem Aufenthalt und den angebauten Distrikten lag; zu durchdringen, so zogen sie doch fast stets den Tod dem Wiederergreifen vor.

Die Reste dieser verzweifelten, wüsten Bande sicher nach der neuen Gefangenenstation Port Arthur zu bringen, war Maurice Frere’s Aufgabe.

Er saß an dem leeren Kamm, die Beine über einander geschlagen und unterhielt die Gesellschaft mit seiner gewöhnlichen Gleichgültigkeit. Die sechs Jahre, welche seit seiner Abreise von England vergangen waren, hatten ihn stärker und voller gemacht. Sein Haar erschien jetzt noch Höhen sein Gesicht röther und sein Auge härter, aber sein Benehmen war um nichts verändert. Vielleicht war er etwas ruhiger geworden, aber seine Stimme hatte jenen entschiedenen Ton angenommen, den solche Stimmen haben, die immer gewöhnt sind, zu kommandieren und seine schlechten Eigenschaften waren dieselben wie früher. Der fünfjährige Aufenthalt auf Maria-Island hatte seine Rohheit in Gedanken und Thaten und sein hochmüthiges Selbstvertrauen noch erhöht, hatte ihm aber auch zugleich eine Sicherheit gegeben, die manches Ueble in seinem Charakter verdeckte. Er wurde von den Gefangenen verabscheut.

Wie er sagte war »Wort und Schlag dasselbe bei ihm.«

Bei seinen Vorgesetzten galt er für einen Offizier der rechtschaffen und eifrig war, wenn auch rauh und streng.

»Nun, Mrs. Vickers,« sagte er, als er eine Tasse Thee aus den Händen der Dame nahm, »Sie werden auch sehr zufrieden sein, hier fortzukommen, wie? Vickers, bitte, den Toast!«

»Ja,« sagte Mrs. Vickers mit ihrer alten Jugendlichkeit, die allerdings sechs Jahre älter geworden war; »ich werde nur zu froh sein. Ein schrecklicher Ort! Aber Johns Pflichten gehen vor. Freilich dieser Wind hier! Lieber Mr. Frere, Sie können nicht glauben, wie sehr ich wünschte, Sylvia nach Hobart-Town zu schicken, doch wollte John nichts davon hören.

»O, wie geht es denn Fräulein Sylvia?« fragte Frere mit der erhabenen Miene, die Männer seiner Art immer annehmen, wenn sie von Kindern sprechen.

»Nicht sehr gut,« sagte Vickers.

»Sie sehen, es ist hier sehr einsam für sie. Es sind keine Kinder ihres Alters hier mit Ausnahme der kleinen Tochter des Lootsen und mit der kann sie doch nicht umgehen. Aber ich mochte sie nicht fortlassen und habe versucht, sie selbst zu unterrichten.«

»Hm, – da war doch eine Gouvernante oder dergleichen bei Ihnen,« sagte Frere, in seine Theetasse starrend. »Das Mädchen, – wie hieß sie doch?«

»Miß Purfoy,« sagte Mrs. Vickers, etwas ernst, »Ja, das arme Ding. Das ist eine traurige Geschichte, Mr. Frere.«

Frere’s Augen blitzten.«

»So. Sie wissen, ich reiste gleich nach der Verurtheilung der Meuterer ab und hörte niemals alle Einzelheiten.« Er sagte das wie Jemand, der Näheres zu hören wünscht, aber besonders auf die Art der Antwort begierig ist.

»Eine traurige Geschichte,« sagte Mrs. Vickers. »Sie war die Frau von dem elenden Menschen, dem John Rex und kam als mein Mädchen mit, um in seiner Nähe zu sein. Sie wollte mir niemals ihre Geschichte erzählen, obgleich ich sie, nach allen den Anklagen, die der schreckliche Doktor gegen sie richtete, – ich konnte den Mann niemals leiden – fast auf meinen Knieen darum bat. Sie wissen, wie sie die Sylvia und John pflegte. Wirklich ein ausgezeichnetes Wesen. Ich glaube, sie muß Gouvernante gewesen sein.«

Mr. Frere zog die Augenbrauen in die Höhe, als ob er sagen wollte: »Gouvernante, – wirklich. Das ist eine glückliche Idee. Merkwürdig, daß es mir vorher niemals einfiel.«

»Indeß war ihr Betragen ganz musterhaft, – wirklich durchaus musterhaft und während der sechs Monate, die wir in Hobart Town zubrachten, lehrte sie Sylvia sehr viel. Natürlich konnte sie ihrem elenden Gatten nicht helfen, nicht war?«

»Natürlich nicht,« sagte Frere zustimmend: »Ich hörte irgend etwas über ihn. Er gerieth in eine Widerwärtigkeit, ist nicht so? – Bitte eine halbe Tasse!«

»Miß Purfoy oder vielmehr Mrs. Rex, wie sie heißt, – obgleich ich glaube, das ist auch nicht ihr wirklicher Name, machte eine kleine Erbschaft von einer alten Tante in England. – Zucker und Milch, sagten Sie? —«

»Ja von einer alten Tante.«

Frere nickte, als ob er das gar nicht anders erwartet hätte.

»Dann verließ sie meinen Dienst. Sie miethete ein kleines Haus an dem Neuen Wege und Rex wurde ihr als Diener zugetheilt.«

»Ja, a, die alte Geschichte,« sagte Frere, roth werdend.

»Und nun?«

»Nun, der Bursche versuchte zu entfliehen und sie half ihm dabei. Er wollte nach Launceston kommen und von da zu Schiff nach Sydney, aber sie griffen den Mann und er wurde hierher geschickt. Sie hatte Strafe zu bezahlen, wurde aber ganz ruiniert.«

»Wieso ruiniert?«

»Ja, sehen Sie, wenige Leute nur konnten vorher ihr Verhältniß zu Rex und sie war ziemlich geachtet. Natürlich, als das bekannt wurde, wurde es mit der schrecklichen Untersuchung zusammen gehalten und allen den Anschuldigungen von Dr. Pine – ich konnte den Mann wirklich nie leiden – und sie war bald ganz verlassen. Sie bat sehr, ich möchte sie mit hierher nehmen, um Sylvia zu unterrichten, aber John meinte, daß sei nur, um in der Nähe ihres Mannes zu sein und wollte es nicht.«

»Natürlich war das der Grund,« sagte Vickers aufstehend.

»Frere, wenn Sie rauchen wollen, gehen wir auf die Varanda. Sie wird nie ruhen, bis sie den Schurken frei gemacht hat.«

»Er taugt nichts, wie?«, sagte Frere und öffnete die Glasthür, um in den sandigen Garten hinaus zu treten.

»Verzeihen Sie diese Gewohnheit, Mrs. Vickers, aber ich bin ein Sklave meiner Pfeife geworden. Sie ist Weib und Kind für mich.«

»O, er taugt gar nichts,« sagte Vickers. Er ist still und ruhig, aber bereit zu allen Schandthaten. Er ist Einer der schlechtesten Kerle, den wir haben. Mit Ausnahme von Einem oder zwei Anderen ist er der Allerschlechteste.«

»Warum werden sie nicht gepeitscht,« sagte Frere und steckte seine Pfeife an. »Beim Himmel, Herr, ich lasse meinen Kerls die Haut abreißen, wenn sie Unsinn machen.«

»Ich mache mir nichts aus dem zu vielen Peitschen. Barton, der früher hier war, ließ sie fürchterlich peitschen, aber es that nicht gut. Sie machten mehrere Versuche, ihn zu morden. Sie erinnern sich der zwölf Kerls, die gefangen wurden? Ach nein, Sie waren damals nicht hier.«

»Was fangen Sie denn mit ihnen an?«

»O ich lasse den Schlimmsten peitschen, aber ich peitsche nicht mehr als einen Mann wöchentlich, das ist Regel und dann nicht über fünfzig Streiche. Sie werden jetzt ruhiger. Dann legen wir sie in Eisen, sperren sie in Einzelzellen und schließlich setzen wir sie aus.«

»Was thun Sie?«

»Wir geben ihnen einsame Gefangenschaft auf Grummelt Island. Wenn ein Mann sehr schlecht wird, setzen wir ihn in ein Boot mit Lebensmitteln für eine Woche und bringen ihn nach Grummelt hinüber. Da sind Höhlen im Felsen und der Bursche, der seine Kette hinter ich herzieht, lebt da einen Monat oder noch länger ganz allein. Das zähmt sie merkwürdig.«

»So,« sagte Frere. »Bei Gott, das ist ein guter Gedanke, Ich wünschte, ich hätte solchen Platz auf Maria Island.«

»Ich habe jetzt einen Kerl da,« sagte Vickers. »Dawes, Sie erinnern sich natürlich seiner. Er war der Anführer bei der Meuterei auf dem Malabar. Ein fürchterlicher Mensch. Das erste Jahr hier war er sehr wild. Barton pflegte fürchterlich peitschen zu lassen und Dawes hatte eine kindische Furcht vor der Katze. Als ich hier ankam, wann war es – 29 – ja da bat er, daß man ihn in die Ansiedlung nähme. Er sagte, daß er unschuldig an der Meuterei gewesen und daß die Anklage falsch war.«

»Der alte Streich,« sagte Frere wieder. »Ein Streichholz bitte.«

»Natürlich konnte ich ihn nicht fortlassen, aber ich setzte ihn auf den Osprey. Sie sahen ihn im Deck als Sie herein kamen. Da arbeitete er eine Zeit lang sehr gut und dann versuchte er wieder, zu entfliehen.«

»Ha, ha, der alte Streich! Das wußte ich vorher,« sagte Frere und blies eine fürchterliche Rauchwolke in die Luft, womit er jedenfalls eine übernatürliche Weisheit ausdrücken wollte.

»Nun, wir griffen ihn und er bekam fünfzig Hiebe. Dann wurde er unter die Kettensträflinge geschickt, die Holz fällen. Dann brachten wir ihn in die Boote, aber er hatte Streit mit dem Bootsmann und wir brachten ihn wieder zur Arbeit beim Fällen. Vor sechs Wochen entfloh er mit Gabbett, dem Mann, der Sie beinahe getödtet hätte damals – aber sein Bein war von der Kette wund geworden und er wurde gefaßt. Gabbett und drei Andere entkamen.«

»Und Sie haben sie nicht gefunden?« fragte Frere, Wolken aus seiner Pfeife blasend.

»Nein, aber sie werden dasselbe Schicksal haben als alle Uebrigen, denke ich, »sagte Vickers mit einer Art von traurigem Stolz. »Noch nie entkam ein Mann aus Macquarie Harbour.«

Frere lachte: »Nun, es wird schlimm für sie sein, wenn sie nicht vor Ablauf des Monats kommen.«

»O,« sagte Vickers, »sie kommen sicher; doch wenn sich Jemand ein Mal im Busch verirrt hat, so hat er nicht mehr viel Hoffnung, länger zu leben.«

»Wann denken Sie bereit zu sein, abzugehen?« fragte Frere.

»So bald Sie es wünschen. Ich mag keinen Augen- blick länger hier bleiben, als ich muß. Es ist ein schreckliches Leben hier.«

»Finden Sie?« fragte sein Gefährte mit ungeheucheltem Erstaunen. »Ich mag es leiden. Freilich langweilig. Als ich zuerst nach Maria Island kam, langweilte ich mich fürchterlich, aber man gewöhnt sich bald daran. Ich finde eine Art Genugthuung darin, die Kerls in Ordnung zu halten. Ich mag gern die Augen der Burschen auf mich schielen sehen, wenn ich vorbei komme. Sie möchten mich in Stücke reißen, wenn sie könnten.« Er lachte wild, als ob er auf den Haß, den er einflößte, stolz war.

»Wie sollen wir die Reife machen? Sind darüber Bestimmungen getroffen?« fragte Vickers.

»Nein,« sagte Frere. Das ist Ihnen ganz überlassen. Bringen Sie sie so gut Sie können fort, sagte Arthur und schleppen Sie sie nach der neuen Halbinsel. Er meint Sie seien hier zu weit ab, – er will Sie in der Nähe haben.«

»Es ist sehr gefährlich, so Viele auf ein Mal zu transportieren,« meinte Vickers.

»Durchaus nicht. Schmieden Sie sie zusammen, stellen Sie Wachen genug hin und sie werden nichts unternehmen.«

»Aber Mrs. Vickers und das Kind?«

»Daran habe ich auch gedacht. Sie nehmen den Ladybird und die Gefangenen und ich komme mit Mrs. Vickers und Sylvia nach im Osprey.«

»Ja, das könnten wir thun. Das ist das Beste. Ich mag nicht, daß Sylvia unter den Schurken ist und doch mag ich sie nicht zurücklassen.«

»Gut,« sagte Frere, voller Vertrauen in seine eigene Geschicklichkeit. »Dann will ich den Ladybird nehmen und Sie kommen im Osprey mit Mrs. Vickers nach.«

»Nein, nein,« zagte Vickers mit seinem alten pomphaften Ton. »Nach den königlichen Anordnungen —«

»Ja, ja, ganz Recht,« unterbrach ihn Frere. »Sie brauchen sie nicht anzuführen.«

»Der kommandierende Offizier ist verpflichtet sich – — «

»Ganz Recht, lieber gern Ich habe nichts dagegen.«

»Ich achte nur an Sylvia dabei,« sagte Vickers.

»Gut,« rief der Andere, als die Thür, die in’s Zimmer führte, sich öffnete und eine kleine, weiße Figur auf die Veranda trat.

»Da ist sie selbst; fragen Sie sie selbst. Nun, Miß Sylvia, wollen Sie einem alten Freunde die Hand eben?« Das blonde Kind von Malabar war ein blondes Mädchen von etwa elf Jahren geworden und als es so dastand im weißen Kleidchen, im röthlichen Schimmer des Lampenlichtes, war selbst das unästhetische Gemüth Frere’s von ihrer Schönheit betroffen. Ihre hellen blauen Augen waren blauer und strahlender denn je. Ihre kleine Gestalt war gerade und biegsam wie eine Weidenruthe und ihr süßes, unschuldiges Gesicht war in den Glorienschein des goldenen Haares eingehüllt, das so fein und elektrisch war und von dem jedes einzelne Haar einen goldenen Glanz hatte. Mit solchem Haar malten die Maler des Mittelalters ihre Engel.

»Kommen Sie und geben Sie mir einen Kuß, Fräulein Sylvia!« rief Frere. »Sie haben mich doch nicht vergessen, he?«

Aber das Kind, das eine Hand leicht aus das Knie des Vaters stützte betrachtete Frere von Kopf bis zu Füßen mit der reizenden Unverschämtheit der Kinder. Dann schüttelte Sylvia den Kopf und sagte: »Wer ist’s, Papa?«

»Mr. Frere, mein Liebling. Erinnerst u Dich nicht an Mr. Frere, der mit Dir aus dem Schiffe Ball spielte und der so gütig gegen Dich war, als Du wieder wohl wurdest? schäme Dich, Sylvia.«

Der Ton, in dem diese Scheltworte gesagt wurden, enthielt so viel Zärtlichkeit, daß Sylvia nicht sehr bekümmert darum war. »Ich erinnere mich an Sie,« sagte Sylvia, die Haare zurückwerfend, aber damals sahen Sie besser aus als jetzt. Ich mag Sie gar nicht.«

»Sie erinnern sich nicht mehr an mich,« sagte Frere etwas in Verlegenheit und doch eine völlige Gleichgültigkeit heuchelnd. »Gewiß nicht. Wie heiße ich denn?«

»Leutnant Frere. Sie schlugen einen Gefangenen zu Boden, weil er meinen Ball aufhob. Ich mag Sie nicht leiden.«

»Sie sind eine sehr dreiste, kleine Dame, das muß wahr sein,« sagte Frere lachend. »Ha, ha, ja, das that ich, jetzt weiß ich’s auch. Was für ein Gedächtniß sie hat!«

»Er ist jetzt hier, Papa, nicht wahr?« fuhr Sylvia fort, ohne sich an die Unterbrechung zu kehren. »Rufus Dawes ist sein Name und er ist so sehr unglücklich. Der arme Mann, er thut mir so leid. Danny sagt, er wäre ein wenig sonderbar.«

»Und wer ist Danny?« fragte Frere unter erneutem Lachen.

»Der Koch,« sagte Vickers. »Ein alter Mann, den ich aus dem Hospital nahm. Sylvia, Du sprichst zu viel mit den Gefangenen. Ich habe es Dir schon einige Male verboten.«

»Aber Danny ist kein Gefangener, Danny ist ein Koch,« sagte Sylvia, um nichts eingeschüchtert. »Er ist ein sehr kluger Mann. Er hat mir Alles von London erzählt, wo der Lord Mayor in einer Glaskutsche fährt und alle Arbeit von freien Leuten gethan wird. Er sagt, dort sähe man nie Ketten! Ich möchte London sehen, Papa.«

»Das möchte Mr. Danny gewiß auch,« sagte Frere.

»O nein, das hat er nicht gesagt. Aber er möchte gern seine alte Mutter wiedersehen, sagte er! Denkt nur, Danny’s alte Mutter! Was für eine häßliche alte Frau sie sein muß. Er sagt, er wird sie im Himmel wiedersehen. Wird er das Papa?«

»Ich hoffe es, mein Kind.«

»Papa.«

»Ja.«

»Wird Danny im Himmel seine gelbe Jacke tragen oder wird er als ein freier Mann dort sein?«

Frere brach in ein schallendes Gelächter aus.

»Sie sind unverschämt, mein Herr,« rief Sylvia mit blitzenden Augen. »Wie können Sie so über mich lachen? Wenn ich Papa wäre, würde ich Ihnen eine halbe Stunde in den Triangeln geben. O, Sie Unverschämter!« Und roth vor Aerger, rannte die verwöhnte kleine Schönheit aus dem Zimmer. Vickers sah sehr ernst aus, aber Frere barst fast vor Lachen. »Gut, auf Ehre, sehr gut! Ha, ha, ha! Die kleine Hexe. Eine halbe Stunde Triangel.«

»Sie ist ein sonderbares Kind,« sagte Vickers und spricht merkwürdig für ihr Alter, – aber Sie müssen sich nicht daran kehren. Sie ist nicht mehr Kind und noch nicht Mädchen und ihre Erziehung ist vernachlässigt. Und diese düstere Umgebung und alle diese Menschen! Was können Sie von einem Kinde erwarten, das in einer Strafkolonie ausgewachsen ist?«

»Mein lieber Herr,« sagte der Andre, »sie ist entzückend. Ihre Unkenntnis der Welt ist bezaubernd.

»Sie muß drei oder vier Jahre in eine gute Schule nach Sydney. So Gott will, soll sie dahin, wenn wir zurückkommen, oder ich schicke sie nach England, wenn ich kann. Sie ist ein gutes Herz, aber sie bedarf der Erziehung.«

In diesem Augenblick kam Jemand den Gartenpfad herauf und grüßte.

»Was gibts, Troke?«

»Gefangener hat sich gestellt, Sir.«

»Welcher?«

»Gabbett. Er kam gestern Abend zurück.«

»Allein?«

»Ja, Herr. Die Andern sind gestorben, sagt er.«

»Wovon ist die Rede«, fragte Frere plötzlich aufmerksam geworden.

»Der Ausreißer, von dein ich Ihnen erzählte, – Gabbett Ihr alter Freund. Er ist zurückgekommen.«

»Wie lange war er fort?«

»Beinahe sechs Wochen, Herr,« sagte der Constabler an seine Mütze fassend.

»Nun, er muß so mit genauer Noth davon gekommen sein.

Ich möchte ihn wohl sehen.«

»Er ist noch unten im Schuppen,« sagte der gefällige Trocke. Einer von den »Gebesserten,« die für ihr gutes Betragen Vorrechte genossen. »Sie können ihn gleich sehen, meine Herren, wenn Sie mögen.«

»Was meinen Sie, Vickers.«

Gewiß, wenn es Ihnen genehm ist.«




Viertes Capitel.

Der Ausreißer


Es war nicht sehr weit bis zu den Schuppen und nach wenigen Minuten Weges durch die hölzernen Palisaden, erreichten sie ein langes Steingebäude, zwei Stockwerk hoch, aus dem ein gräuliches Brüllen hervor drang, untermischt mit schrillem, kreischendem Gesang. Bei dem Tone der Flintenkolben, die auf dem hölzernen Fußboden niedergesetzt wurden, hörte der Lärm auf und ein Schweigen, das unheimlicher war, als der frühere Lärm herrschte an dem Orte.

Zwischen zwei Reihen von Wärtern hindurch traten die beiden Offiziere in eine Art Vorzimmer vor dem Gefängnis, in dessen Mitte ein großer Block von Holz stand, auf dem irgend etwas lag. Auf einem rohen Stuhl neben dem Block saß ein Mann in der grauen Jacke (als Gegensatz zu der gelben Jacke) der Gebesserten. Der Mann hielt zwischen den Knieen eine Schüssel mit Suppe und versuchte augenscheinlich die Masse auf dem Blocke zu füttern.

»Will er nicht essen, Steve«? fragte Vickers.

Bei dem Ton der Stimme des Kommandanten stand Steve auf. »Ich weiß nicht, was mit ihm ist,« sagte er und legte den Finger an die Stirn. »Er scheint ganz dumm geworden zu sein. Ich kann nichts mit ihm machen.«

»Gabbett«

Der aufmerksame Troke, der sehr genau auf die Wünsche seiner Vorgesetzten achtete, brachte den Mann in eine sitzende Stellung und schüttelte ihn.

Gabbett, denn dieser war es, strich mit der Hand über das Gesicht und in der Stellung beharrend, in die ihn Troke gebracht hatte, starrte er die Besucher ganz verwirrt an.

»Nun, Gabbett, nun seid Ihr doch endlich zurück gekommen. Wann werdet Ihr denn Vernunft annehmen? Wo sind Eure Gefährten?«

Der Riese antwortete nicht.

»Hört Ihr mich? Wo sind Eure Gefährten?«

»Wo sind Eure Gefährten?« wiederholte Troke.

»Todt,« sagte Gabbett.

»Alle drei?«

»Ja.«

»Und wie kamt Ihr zurück?«

Gabbett hielt in beredtem Schweigen seinen Fuß ein wenig in die Höhe.

»Wir fanden ihn auf der Spitze drüben und brachten ihn im Boot zurück,« erklärte Troke. »Er hat Suppe bekommen, aber er scheint nicht hungrig zu sein.«

»Seid Ihr hungrig?«

»Warum eßt Ihr nicht Eure Suppe?«

Gabbett warf seine dicken Lippen auf.

»Ich habe sie gegessen. Könnt Ihr denn nichts Besseres thun, als einen Mann auspeitschen? Ihr seid gemeines Pack. Wie viel gibt es dies Mal, Major? Fünfzig?«

Und lachend warf er sich auf den Block zurück.

»Eine gute Sorte.« sagte Vickers, mit hoffnungslosem Lächeln. »Was kann man mit solchem Kerl thun?«

»Ich würde ihm die Seele aus dem Leibe peitschen lassen,« sagte Frere, »wenn er so zu mir spräche.«

Troke und die Andern, als sie dies hörten, bekamen gleich eine bedeutende Scheu vor dem neuen Herrn. Er sah aus, als ob er sein Wort halten würde.

Der Riese hob seinen großen Kopf etwas in die Höhe und sah den Sprecher an, ohne ihn indeß zu erkennen. Er sah nur ein fremdes Gesicht – einen Besucher vermuthlich.

»Sie können peitschen lassen und fallen bedankt sein, wenn Sie mir nur etwas Tabak geben wollten.« Frere lachte. Die rohe Gleichgültigkeit seiner Antworten gefiel ihm und mit einem Blick auf Vickers nahm er ein Stück Cavendish aus der Tasche seiner Schiffsjacke und gab es dem Gefangenen. Gabbett griff danach, wie ein Hund nach dem Knochen führt und steckte das ganze Stück in den Mund.

»Wie viele Gefährten hatte er?» fragte Maurice, indem er die fürchterlichen, kauenden Kinnladen betrachtet, wie man wohl ein wildes Thier betrachtet und fragte grade so, als ob ein »Gefährte« ein Ding sei, mit dem ein Deportierter geboren war, etwa wie mit einem Maal.

»Drei, Herr.«

»Drei; nun dann lassen Sie ihm dreißig Streiche geben, Vickers.«

»Wenn ich noch drei gehabt hatte,« brummte Gabbett,seinen Tabak kauend, – »hättet Ihr mich nicht wieder gekriegt.«

»Was sagt er?«

Aber Troke hatte ihn nicht verstanden und der »Gebesserte« der sich gern von dem Gefangenen zurückhielt, sagte, er habe nichts gehört.

Der Elende, der eifrig an seinem Tabak kaute, war wieder in sein voriges Schweigen zurückgefallen und that so, als ob er nie ein Wort gesprochen.

Wie er so da saß, kauend und kauend, bot er einen scheußlichen Anblick. Nicht grade wegen seiner natürlichen, abschreckenden Häßlichkeit, die tausendfach erhöht wurde durch die zerrissenen, schmutzigen Lumpen, mit denen er bedeckt war. Nicht grade wegen seines unrasierten Bartes, seiner Hasenscharte, seiner wunden, blutenden Füße, seiner hohlen Augen und seiner ganzen eingefallenen Gestalt. Nicht allein, weil er etwas Thierisches an sich hatte, wie er so da saß, ein Fuß über den andern geschlagen und der eine haarige Arm zwischen den Knien hängend. Er sah so wenig menschlich aus, daß man schauderte, wenn man daran dachte, daß zarte Frauen und schöne Kinder zu derselben Art gehörten, wie dies Ungeheuer. Nein er bot solchen scheußlichen Anblick, weil in diesem sich fortwährend bewegenden Munde, diesen zumalmenden Kinnladen, diesen ruhelosen Fingern, diesen blutunterlaufenen, unruhigen Augen, ein Etwas zu leben schien, das an entsetzlichere Dinge mahnte als an Verhungern, das, eine Tragödie ahnen ließ, die in den düsteren Tiefen der Wälder sich abgespielt hatte, die ihn jetzt wieder ausgespien hatten. Der Schatten dieses unbekannten Grauens hing über ihm und ekelte Jeden an und stieß Alle zurück. Es war als ob ihm ein Geruch von Blut anklebte.

»Kommen Sie,« sagte Vickers, »wir wollen zurückgehen. Ich werde ihn wohl wieder peitschen lassen müssen. O, dieser Ort! Kein Wunder, wenn sie es Höllenthor nennen.«

»Sie sind zu gutherzig, mein lieber Herr,« sagte Frere auf halbem Wege durch die Palisaden. »Man muß Bestien wie Bestien behandeln.«

Major Vickers, der diese Ansichten kannte, seufzte. »Es kommt mir nicht zu,« sagte er, »das System zu tadeln.« Er wollte, in seiner Hochachtung vor den Gesetzen seine Gedanken nicht äußern. »Zuweilen denke ich aber, ob Güte nicht mehr thun würde, als die Peitsche und die Kette.«

»Ihre alten Ideen,« lachte Frere. »Denken Sie daran, daß uns das auf dem Malabar beinahe unser Leben kostete. Nein, nein, ich habe genug von den Deportierten gesehen, obgleich meine Kerls nicht so schlimm sind, wie die Ihren; – aber es gibt nur einen Weg, um mit ihnen fertig zu werden. Sie niederhalten! Sie müssen fühlen, wer sie sind, – sie sind hier, um zu arbeiten und wenn sie nicht arbeiten, müssen sie gepeitscht werden, bis sie es thun. Wenn sie gut arbeiten, müssen sie zuweilen mal die Peitsche kosten, damit sie sich erinnern, was ihrer wartet wenn sie faul werden.«

Sie hatten jetzt die Veranda erreicht und der aufgehende Mond schien glänzend auf die Bucht unter ihnen und erleuchtete mit seinem weißen Licht auch die Spitze der Grummet Felsen.

»Das ist die allgemeine Meinung,« sagte Vickers, »das weiß ich. Aber bedenken Sie das Leben, das sie führen. Guter Gott,« fügte er mit plötzlicher Heftigkeit hinzu, als Frere still stand, um auf die Bai zu blicken, »ich in kein grausamer Mann und habe niemals unverdiente Strafe ertheilt, aber seit ich hier bin, haben sich zehn Gefangene von jenem Felsen aus ertränkt, – lieber als daß sie das elende Leben länger getragen hätten. Vor drei Wochen erst haben zwei Mann, die beim Holzfällen beschäftigt waren, den Leuten die Hand gegeben und sich dann an in Hand von dem Felsen da hinabgestürzt. Es ist schrecklich, daran zu denken.«

»Sie sollten sich nicht so betragen, daß sie hierher geschickt werden mußten,« sagte der praktische Frere. »Sie wissen, was sie zu erwarten haben. Es geschieht ihnen schon Recht.«

»Aber denken Sie nur, wenn ein Unschuldiger dazu verurtheilt ist.«

»Das kann ich nicht denken,« sagte Frere lachend. »Verdammt die Unschuldigen! Sie sind Alle unschuldig, wenn man ihrer Geschichte glaubt.«

»Hallo, was ist da oben für ein rothes Licht?«

»Das ist Dawes’ Feuer auf dem Grummet Felsen,« sagte Vickers und ging hinein.

»Das ist der Mann, von dem ich Ihnen erzählte. Kommen Sie herein und lassen Sie uns ein Glas trinken. Wir wollen die Thür nach außen schließen!«




Fünftes Capitel.

Miß Sylvia


»Nun,« sagte Frere, als sie hinein gingen, »Sie werden bald fort sein. Sie können Alles bis Ende des Monats zur Abreise bereit haben und ich will dann Mrs. Vickers begleiten.«

»Was sprechen Sie da von mir?« fragte die eifrige Mrs. Vickers von innen. »Sie sind recht böse Menschen, daß Sie mich so lange allein gelassen!«

»Mr. Frere ist so gütig gewesen, uns anzubieten, daß er Dich und Sylvia im Osprey mitnehmen will. Ich muß natürlich mit dem Ladybird gehen.«

»Sie sind sehr gütig, Mr. Frere, wirklich sehr gütig,« sagte Mrs. Vickers, sich an die kleine Courmacherei vor sechs Jahren erinnernd und im Gedanken daran erröthend. »Es ist wirklich äußerst liebenswürdig. Wird es nicht hübsch sein, Sylvia, wenn Du mit Mama und Mr. Frere nach Hobart Town gehen kannst?«

»Bitte, Mr. Frere,« sagte Sylvia, aus einer Ecke des Zimmers hervorkommend. »Es thut mir sehr leid, daß ich das gesagt habe. Bitte, vergeben Sie mir.«

Sie sagte das in so steifer, altväterischer Weise, wie sie so vor ihm stand, – die goldnen Haare über die Schultern hängend und ihre Hände über ihrer schwarz seidenen Schürze gefaltet, (Julia Vickers hatte ihre besondere Art, ihre Tochter zu kleiden,) daß Frere versucht war, wieder zu lachen.

»Natürlich will ich Ihnen vergeben, mein Kind,« sagte er. »Sie meinten es wohl nicht so schlimm?«

»O ja, ich meinte es wirklich so, deshalb thut es mir so leid. Ich bin zuweilen sehr unartig, obgleich Sie das vielleicht gar nicht glauben, (dies sagte sie im Bewußtsein ihrer Schönheit) besonders bei der Römischen Geschichte. Ich halte die Römer für lange nicht so tapfer wie die Karthager. Was meinen Sie, Mr. Frere?«

Maurice, etwas beunruhigt durch diese Frage, sagte nur: »Warum nicht?«

»Nun, ich mag sie nicht halb so gern,« sagte Sylvia mit weiblicher Verachtung aller Gründe. »Sie hatten immer so viele Soldaten, wenn auch die Andern so sehr grausam waren, wenn sie siegten.«

»Waren sie das?« fragte Frere.

»Waren sie das? Mein Gott, ja! Haben sie nicht dem armen Regulus die Augenlider abgeschnitten und haben ihn dann in einem Faß mit Nägeln herum gerollt? Wie nennen Sie das, das möchte ich wissen?«

Mr. Frere, sein rothes Haupt schüttelnd und eine ausgebreitete Kenntnis des Alterthums heuchelnd meinte nur, daß das allerdings nicht hübsch von den Karthagern gewesen sei.

»Sie sind sehr gelehrt, Miß Silvia,« bemerkte er und fühlte, daß dies selbstbewußte Mädchen ihn sehr bald ausgeforscht haben würde.

»Lesen Sie gern?«

»Sehr gern.«

»Was für Bücher lesen Sie?«

»O, eine Menge! »Paul und Virginia« »Das verlorene Paradies« »Shakspeares Schauspiele,« »Robinson Crusoe« »Blairs Predigten«, »Den Tasmania Kalender« und »das Buch der Schönheiten« und »Tom Jones.«

»Eine etwas gemischte Sammlung, fürchte ich,« sagte s Mrs. Vickers mit schwachem Lächeln. Sie machte sich aus; allen diesen Dingen nichts. »Aber unsre Bibliothek ist sehr beschränkt und ich bin kein großer Leser. John, Mr. Frere trinkt gewiß noch ein Glas Brandy und Wasser. O, lassen Sie nur, ich bin eines Soldaten Frau. Sylvia, sage Mr. Frere gute Nacht und gehe zu Bett.«

»Gute Nacht, Fräulein Sylvia, wollen Sie mir einen Kuß geben?«

»Nein.«

»Silvia, sei nicht unhöflich.«

»Ich bin nicht unhöflich,« rief Silvia noch ärgerlich über die Gleichgültigkeit, mit der ihre literarischen Mitheilungen aufgenommen worden. »Er ist unhöflich. Ich will Sie nicht küssen. Sie küssen, das fehlte noch!«

»Willst Du nicht, Du kleine Schönheit,« rief Frere, plötzlich vorspringend und seinen Arm um das Kind schlingend. »Dann muß ich Dich küssen!«

Zu ihrem größten Erstaunen war Miß Silvia in seinen Armen und wurde gegen ihren Willen geküßt. Sie wurde dunkelroth und ihre kleine Faust aufhebend, schlug sie ihn mit aller Kraft auf die Backe.

Der Schlag war so plötzlich und der augenblickliche Schmerz so groß daß Maurice in seiner natürlichen Rohheit einen derben Fluch ausstieß.

»Liebe Sylvia,« rief Vickers vorwurfsvoll.

Aber Frere lachte, faßte beide Hände des Kindes in eine der Seinen und küßte sie wieder und wieder trotz ihres Sträubens. »Da,« sagte er mit einer Art von kindischem Triumph »Du hast nichts dadurch erreicht, – siehst Du?«

Vickers stand auf, sehr ungehalten, was deutlich in seinem Gesicht zu lesen war und zog das Kind fort und als er das that, machte sie, schluchzend vor Wuth und ganz athemlos ihre Hand los und in einem Anfall kindischer Leidenschaft schlug sie ihren Quäler wieder und wieder.

»Mann,« schrie sie mit blitzenden Augen, »lassen Sie mich gehen. Ich hasse Sie, ich hasse Sie!«

»Das thut mir sehr leid, Frere,« sagte Vickers, als die Thür hinter ihr geschlossen war. »Ich hoffe, sie hat Ihnen nicht weh gethan.«

»Nein, nein, ich mag solche Wuth. So sind die Weiber auf der ganzen Welt. Man muß ihnen nur zeigen, daß man ihr Herr ist.«

Vickers änderte schnell den Gegenstand der Unterhaltung und unter allen Erinnerungen und Plänen für die Zukunft war bald der kleine Vorfall vergessen. Aber als Frere eine Stunde später über den Gang ging, der zu seinem Zimmer führte wurde er von einer kleinen Gestalt aufgehalten, die in ein großes Shawl gewickelt war. Es war sein kindlicher Feind.

»Ich habe auf Sie gewartet, Mr. Frere,« sagte sie. »Ich bitte sie um Verzeihung. Ich hätte Sie nicht schlagen sollen, ich bin ein schlechtes Mädchen. Sagen Sie nicht nein, denn es ist so und wenn ich nicht besser werde, kann ich nie in den Himmel kommen.«

Indem sie sprach, nahm sie ein Papier heraus, wie ein Brief zusammen gefaltet und übergab es ihm.

»Was ist das?« fragte er ganz bestürzt. »Geh zu Bett, Kind, du wirst Dich erkälten.«

Es ist eine geschriebene Entschuldigung und ich erkälte mich nicht, denn ich habe meine Strümpfe an. »Wenn Sie es nicht annehmen,« fügte sie hinzu und zog ihre Brauen ein wenig zusammen, »ist es nicht mein Fehler. Ich habe Sie geschlagen, aber ich bitte um Verzeihung. Da ich eine Frau bin, kann ich keine andre Genugthuung geben.«

Mr. Frere unterdrückte den Wunsch in lautes Gelächter auszubrechen und machte seinem höflichen Gegner eine tiefe Verbeugung.

»Ich nehme ihre Entschuldigung an, Miß Sylvia,« sagte er.

»Dann,« sagte Sylvia sehr förmlich, »habe ich also nichts mehr zu sagen und ich habe die Ehre, Ihnen gute Nacht zu wünschen, mein Herr.«

Sie zog ihr Shawl fester um ihre Schultern und ging mit solcher Würde und Ruhe den Gang hinab als ob sie Amadis von Gallien selbst gewesen wäre.

Frere eilte auf sein Zimmer, fast erstickt von Lachen, öffnete das Papier beim Licht seiner Talgkerze und las in steifer, kindischer Schrift geschrieben Folgendes:



»Mein Herr, ich habe Sie geschlagen. Ich bitte schriftlich um Verzeihung.

Ihre ergebene und dienstfertige Dienerin

Sylvia Vickers.«


»Aus welchem Buch mag sie das abgeschrieben haben?« sagte er. »Bei meiner Seele, sie muß ein wenig verdreht sein. Es ist ein sonderbares Leben für ein Kind hier. Das ist gewiß.«




Sechstes Capitel.

Ein Sprung im Dunklen


Zwei oder drei Tage nach der Ankunft des Ladybird bemerkte der Gefangene auf dem Grummet Felsen ungewohnte Bewegung längs der Küste der Insel. Die Gefangenenboote, welche jeden Morgen bei Sonnenaufgang unterhalb der gezimmerten Ladebrücken auf die andre Seite des Hafens gebracht waren, waren gar nicht zu sehen. Der Bau einer Art von Landungsbrücke, welche von dem westlichen Punkt nach der Ansiedlung hin führte, wurde unterbrochen und alle Hände schienen mit dem neu gebauten Osprey, der noch auf Land lag, beschäftigt zu sein. Abtheilungen von Soldaten kamen täglich von dem Ladybird und halfen bei der geheimnißvollen Arbeit. Rufus Dawes, er täglich seine kleine Runde machte, zerbrach sich den Kopf, was wohl diese ungewöhnliche Bewegung bedeute. Unglücklicher Weise kam Niemand in seine Nähe, um ihn aufzuklären.

Ungefähr vierzehn Tage später, etwa am 15. Dezember bemerkte er eine andre sonderbare Thatsache. Alle Boote der Insel gingen eines Morgens nach der andern Seite des Hafens hinüber und im Laufe des Tages erhob sich ein furchtbarer Rauch längs der Hügel. Am nächsten Tage wiederholte sich dieselbe geheimnisvolle Sache und am vierten Tage kehrten die Boote zurück und schleppten hinter sich etwas her, das wie ein ungeheures Floß aussah. Dieses Floß wurde an der Seite des Ladybird befestigt und war, wie er bald sah, aus Planken, Bäumen, Stangen u.s.w. zusammengesetzt, die alle an Bord gehißt und in der Brigg weggesteuert wurden.

Dies gab Rufus Dawes viel zu denken. Wahrscheinlich gab man das Holzfällen auf und die Regierung hatte etwas Anderes ausfindig gemacht, um die Arbeit der Deportierten auszunützen. – Er hatte schon Bäume gefällt, Boote gebaut, Felle gegerbt und Schuhe gemacht. War es möglich, daß er jetzt wieder ein andres Handwerk lernen sollte? Ehe er noch über diesen Punkt mit sich in’s Reine kommen konnte, setzte ihn schon wieder eine neue Bootfahrt in Erstaunen. Drei Boote gingen die Bai hinab und kamen, nachdem sie einen Tag fortgeblieben, mit zahlreicher Bemannung zurück, brachten vier Fremde, eine Menge Vorräthe und Ackergeräthe mit. Da Rufus Dawes diese sah, schloß er, daß die Boote nach Philips Island, wo der Garten sich befand, gewesen waren und die Gärtner und Gartenprodukte abgeholt hatten. Rufus Dawes entschied, daß der Ladybird einen neuen Kommandanten gebracht hatte, Seine Augen, die durch das halb wilde Leben unendlich geschärft waren, hatten schon Mr. Maurice Frere erkannt und nun glaubte er zu verstehen, daß alle diese Veränderungen mit zu den Neuerungen gehörten. Als er mit seinen Folgerungen so weit gekommen, ging er auch noch weiter und kam zu einem Schluß, der, wenn die Voraussetzung richtig, auch natürlicher Weise sich ergeben mußte.

Leutnant Frere wird ein viel strengerer Kammandant sein, als Major Vickers.

Nun hatte die Strenge, was ihn selbst anbetraf, schon das allerhöchste Maß erreicht und der Unglückliche faßte den Entschluß sich das Leben zu nehmen.

Ehe wir gegen die Sünde solchen Entschlusses angehen, wollen wir auseinander zu setzen versuchen, was der Sünder gelitten haben muß während der letzten sechs Jahre.

Wir haben schon eine schwache Vorstellung bekommen von dem Leben auf einem Deportiertenschiffe und wir haben gesehen, durch welch’ ein Fegefeuer Rufus Dawes schon gegangen war, ehe er noch einen Fuß auf die andern Felsen des Höllemthors gesetzt hatte. Doch um die volle Pein seiner Qualen zu verstehen, müssen wir das Grauen des Zwischendecklebens auf dem Malabar noch steigern. In jenem Gefängnis war wenigstens noch ein Lichtstrahl. Alle waren doch nicht verabscheuenswerth; Alle waren doch nicht der Scham und der Menschlichkeit ledig. So drückend auch die Gefängnisluft, so niederträchtig die Gesellschaft, so traurig die Erinnerung an vergangenes Glück, – so lebte man doch in Unwissenheit der Zukunft, – in der Hoffnung.

Aber hier in Macquarie Harbour mußten die Hefen des Bechers aller Leiden getrunken werden. Dies war das Schlimmste und dies Schlimmste blieb für immer, unverändert. Der Abgrund dieser Qualen war so tief, daß man den Himmel nicht mehr erblicken konnte. Keine Hoffnung so lange das Leben überhaupt dauerte. Der Tod allein hielt die Schlüssel zu diesem Gefängniseilande in Verwahrung. Kann man sich überhaupt nur eine Vorstellung davon machen, was ein unschuldiger Mann voller Ehrgeiz und Widerwillen gegen alles Gemeine, voll Sehnsucht nach Liebe und Achtung während einer einzigen Woche solchen Lebens erduldet haben muß? Wir gewöhnlichen Menschenkinder, die wir ein gewöhnliches Leben führen, die wir gehen, reiten, lachen, heirathen und verheirathet werden, können das Elend eines solchen Daseins nicht fassen. Vielleicht haben wir eine schwache Idee davon wie süß Freiheit ist und wie scheußlich die schlechteste Gesellschaft, – aber das ist auch Alles. Wir wissen, daß wenn wir mit Ketten beladen und erniedrigt wären, gefüttert wie Hunde, gebraucht als Lastthiere, mit Flüchen und Schlägen zu unsrer täglichen Arbeit getrieben; – wenn wir mit Elenden zusammen leben müßten, unter denen Alles was nach Anstand oder Menschlichkeit aussah, nur verspottet oder verhöhnt wurde, – dann würden wir – ja – was? Wahnsinnig werden oder sterben! Aber wir wissen nicht und können nicht wissen, wie unaussprechlich abschreckend das Leben für Jemand werden muß, der es mit Wesen zu theilen hat, wie diejenigen waren, welche die Baumstämme nach den Ufern des Gordon schleppten oder fluchend und Gott lästernd ihre Ketten in den trostlosen Sandgruben von Sara Island hinschleppten. Kein menschliches Wesen kann ermessen, zu welcher persönlichen Erniedrigung, zu welchem Abscheu vor sich selbst eine Woche dieses Lebens es bringen würde. Selbst, wenn der Mann die Kraft hätte, dies zu schildern, – er würde es nicht wagen. Wie Jemand, der in einer Wüste nach einem menschlichen Antlitz ausschaut und auf einen Blutpfuhl stoßend, sein eigenes Gesicht darin abgespiegelt sieht – entflieht, so würde auch Jeder die Schilderung seiner eigenen Todesqualen fliehen., Und nun denke man sich, daß diese Qualen schon sechs Jahre dauerten! Unbekannt damit, daß die Zeichen und Töne unter ihm die Symptome der gänzlichen Auflösung der Ansiedlungwaren und daß der Ladybird gekommen war, um die Gefangenen abzuholen, beschloß Rufus Dawes die Last des Lebens von sich zu werfen, welche so schwer auf ihm ruhte. Sechs Jahre lang hatte er Holz gehauen und Wasser getragen; sechs Jahre lang hatte er gehofft wider alle Hoffnung und sechs Jahre lang hatte er im Thal der Todesschatten gelebt. Er wagte sich nicht alle Leiden zurückzurufen, die er durchgemacht. Seine Sinne waren abgestumpft und getödtet durch alle diese Qualen. Er dachte nur noch an Eins: daß er gefangen war, – lebenslänglich gefangen! Sein erster Traum von Freiheit war vergeblich gewesen. Er hatte sein Bestes gethan, um sich durch gutes Betragen, Urlaub zu erwerben, aber die Schurkerei von Vetch und Rex hatte ihn der Frucht aller seiner Anstrengungen beraubt. Statt sich Lob zu erwerben dadurch, daß er die Verschwörung auf dem Malabar zur Anzeige brachte, wurde er selbst für schuldig gehalten und trotz aller seiner Betheurungen verurtheilt. Seine »Verrätherei«, wie seine Gefährten es nannten, brachte ihm nichts ein bei den Vorgesetzten, wohl aber haßten und verachteten ihn nun die Ungeheuer, unter denen er lebte. Bei seiner Ankunft am Höllenthor war er ein Gezeichneter, ein Ausgestoßener unter den Ausgestoßenen, 1 ein Paria unter denen, welche in der ganzen Welt als Parias da standen.

Drei Mal wurden Angriffe auf sein Leben gemacht, aber damals war er noch seines Lebens nicht ganz müde und vertheidigte es. Diese Vertheidigung wurde von einem Aufseher als Ruhestörung angezeigt und die Ketten, die ihm schon abgenommen waren, wurden ihm wieder angelegt. Seine Stärke, diese rohe Eigenschaft, die ihm allein nützte, verschaffte ihm jetzt Achtung und man ließ ihn in Frieden. Niemand sprach mit ihm. Zuerst war ihm diese Behandlung sehr genehm, aber nach und nach ärgerte sie ihn, dann schmerzte es ihn und zuletzt wurde es ihm ganz unerträglich.

Wenn er am Ruder saß, oder wenn er bis Brust im Schlamm arbeitete, oder fast erlag unter seiner Holzlast, schaute er begierig nach einem Vorwande um, mit Jemand zu reden. Er nahm die doppelte Last auf sich, wenn er ein Glied dieser Menschenraupe bildete, auf deren Rücken ein Baum fortgeschleppt wurde, wenn er nur ein Wort von einem Kameraden hörte. Er arbeitete das Doppelte für ein freundliches Wort. In seiner entsetzlichen Verlassenheit schmachtete er nach der Freundschaft von Räubern und Mördern. Dann kam der Rückschlag und er haßte selbst den Ton ihrer Stimmen. Er sprach nicht und weigerte sich selbst zu antworten. Er aß sogar sein ärmliches Abendbrot allein, wenn die Kette es ihm gestattete. Er kam in den Ruf eines finsteren, gefährlichen, halbverrückten Burschen. Kapitain Bartow, der Oberaufseher hatte Mitleiden mit ihm; und machte ihn zu seinem Gärtner. Er nahm dies an, aber nach etwa einer Woche, als Bartow des Morgens herab kam, fand er alle Sträucher ausgerissen, die Beete zertreten und Rufus Dawes mitten unter den zerbrochenen Gartengeräthen sitzend. Für diese rohe That wurde er gepeitscht. Sein Benehmen auf dem Triangel war sonderbar. Er weinte und flehte, man möge ihn loslassen, fiel dann vor Bartow auf die Knie und bat um Verzeihung. Bartow wollte nichts hören und der Gefangene wurde still. Von der Zeit an, wurde er düsterer denn je, und zuweilen bemerkte man, daß er, wenn er allein war, sich auf die Erde, warf und weinte wie ein Kind. Allgemein glaubte man, daß sein Gehirn etwas gelitten.

Als Vickers kam, bat Dawes um eine Unterredung und flehte, man möge ihn nach Hobart Town zurücksenden. Dies wurde ihm natürlich abgeschlagen, aber er wurde zur Arbeit auf dem Osprey kommandiert. Nachdem er einige Zeit dort gearbeitet und man ihm die Eisen abgenommen hatte, verbarg er sich eines Abends auf dem Schiff und schwamm quer durch den Hafen. Er wurde verfolgt, gefaßt und gepeitscht. Nun fing für ihn die ganze Runde der Strafen an. Er brannte Kalk, zog Balken und ruderte. Die schwerste und niedrigste Arbeit wurde ihm immer aufgebürdet. Vermieden und gehaßt von seinen Gefährten, gefürchtet von den Gefangenenwärtern und mit Unfreundlichkeit von den Vorgesetzten angesehen war Rufus Dawes jetzt völlig in den Abgrund des Elends gesunken, in den er sich theilweise allerdings freiwillig geworfen hatte. Von seinen eigenen Gedanken fast zur Verzweiflung getrieben hatte er sich mit Gabbett und den drei andern Unglücklichen vereinigt, – um zu entfliehen, aber wie Vickers gesagt, war er sogleich wieder gefangen worden. Die schweren Eisen, welche er trug, hatten ihn lahm gemacht und obgleich Gabbett, aus Gründen, die sich später erklären werden, eifrig darauf bestanden, er könne weiter kommen, so fiel der Aermste doch nach den ersten hundert Schritten des schrecklichen Wettrennens und wurde von zwei Freiwilligen ergriffen, ehe er sich noch wieder erheben konnte. Seine Ergreifung gab den Anderen die kurze Freiheit, denn Troke, der mit einem Gefangenen zufrieden war gab die Verfolgung auf dem ziemlich beschwerlichen und selbst gefahrvollen Boden auf und brachte im Triumph Dawes nach der Niederlassung zurück. Er brachte ihn gleichsam als Friedensboten zurück, damit die Nachlässigkeit in der Beaufsichtigung der Entflohenen nicht zu scharf bemerkt würde. Dieses wahnsinnigen Unternehmens wegen war der Deportierte nun zu der einsamen Haft auf dem Grummetfelsen verurtheilt.

In dieser fürchterlichen Einsamkeit war sein Geist, der fortwährend über seinem furchtbaren Schicksal brütete, fast gestört. Er sah Gesichter und träumte wachend. Er lag Stunden lang bewegunslos da und starrte in die Sonne oder in die See. Er sprach mit eingebildeten Wesen. Er lebte die Scene mit seiner Mutter wieder durch. Er redete die Felsen an und rief die Steine als Zeugen auf, daß er unschuldig geopfert. Die Schatten seiner früheren Freunde umgaben ihn und oft hielt er sein gegenwärtiges Leben nur für einen Traum. Aber, wenn er erwachte, befahl ihm stets eine Stimme, in die Wogen zu springen, welche an den Wänden des Felsens sich brachen und diese traurigen Träume für immer aufzugeben.

Mitten in dieser Erstarrung seines Körpers und seiner Seele weckten die sonderbaren Ereignisse längs der Küste der Ansiedlung in ihm einen noch wilderen Haß gegen das Leben. Er sah darin etwas Unverständliches und Unbegreifliches und schloß nur daraus, daß sein Elend wahrscheinlich noch größer werden würde. Hatte er gewußt, daß der Ladybird sich seefertig machte und daß schon der Befehl gegeben, ihn abzuholen, um ihn mit den Andern nach Hobart Town einzuschiffen, er hätte wohl mit der Ausführung seines Entschlusses gezögert, – aber er wußte nichts, als daß die Lebenslast nachgerade unerträglich geworden und daß die Zeit gekommen, wo er diese Last von sich werfen müsse.

Inzwischen war die ganze Niederlassung in großer Aufregung. In weniger als drei Wochen von der ersten Ankündigung an, war Alles zur Abreise in Bereitschaft gesetzt worden. Der Kommandant hatte mit Frere Alles endgültig festgesetzt. Er selbst wollte die Ladybird mit dem Haupttheil der Gefangenen übernehmen. Seine Frau und Tochter sollten zurückbleiben, bis der Osprey segelte, den Frere, sobald er Alles Zurückgelassene zerstört hatte führte.

»Ich will Ihnen eine Korporalswache und zehn Gefangene zurücklassen,« sagte Vickers.

»Sie können ihn mit solcher Zahl leicht regieren.« Worauf Frere, Mrs. Vickers einen lächelnden Blick zuwerfend, erwiderte, daß er, wenn es nothwendig wäre, auch mit fünf Gefangenen genug habe, denn er wisse, wie man die faulen Kerls zur Arbeit anhielte.

Unter den Vorfällen, welche sich während des Aufbruchs ereigneten, ist Einer, der nothwendig berichtet werden muß. Nahe Philips Island, auf der Nordseite des Hafens, liegt Coal Head, wo eine Abtheilung in der letzten Zeit gearbeitet hatte. Diese Abtheilung, welche von Vickers eiligst zurückgerufen war, um bei dem Werk der Zerstörung zu helfen, hatte Holz und Werkzeuge dort zurückgelassen und in der elften Stunde wurde noch ein Boot abgelassen, um diese Reste abzuholen. Die Werkzeuge wurden sorgfältig gesammelt und die Stämme, deren Jeder in Hobart Town fünfundzwanzig Schillinge werth war, zusammengekettet um als Floß eingeschifft zu werden. Die Deportierten ruderten Abends dem Osprey zu, das Floß hinter sich herziehend. Nun er ab es sich, daß in der allgemeinen Unruhe und Eile das Floß nicht gehörig befestigt war, so daß, als der starke Strom dagegen trieb, die Nachlässigkeit der Arbeit sich bestrafte. Die Männer lösten sich und obgleich die Bewegung des Bootes nach vorwärts die Ketten noch stramm hielt, so theilte sich doch die Masse etwas und in dem Augenblick als Troke an der Seite der Ladybird anlegte, sah er, wie ein ungeheurer Stamm sich von den Andern löste und in der Dunkelheit verschwand. Mit ärgerlichem Blick sah er ihm nach, als ob es ein widerspänstiger Gefangener gewesen, dem er nun gern zwei Tage einsame Haft gegeben hätte. Da glaubte er einen Schrei zu hören, der aus der Richtung des verschwundenen Stammes kam. Aber er war viel zu beschäftigt, das übrige Holz zu retten und zu verhindern, daß es dem Boote schaden brächte, als daß er darauf achten konnte.

Den Schrei hatte Rufus Dawes ausgestoßen. Von seinem einsamen Felsen aus hatte er gesehen, wie das Boot der Ladybird zusteuerte und er hatte mit kindischer Wunderlichten, die oft in solchen Augenblicken den Menschen erfaßt, beschlossen, daß wenn das Boot gänzlich für ihn in der Dunkelheit verschwände, er sich in die Tiefe stürzen wolle. Das schwer arbeitende Boot wurde undeutlich und immer undeutlicher, sowie die Ruderschläge es weiter führten. Nur die Gestalt von Troke auf der Hinterbank war noch sichtbar. Auch diese verschwand und als das Floß auf die nächste Welle gehoben, ebenfalls für ihn unsichtbar wurde, stürzte sich Rufus Dawes in die See. Schwer mit Ketten beladen, wie er war, sank er wie ein Stein. Er hatte beschlossen, nicht zu schwimmen und im ersten Augenblick hielt er seine Arme hoch über den Kopf, um schneller zu sinken. Aber als die kurze, scharfe Angst des Erschreckens ihn faßte, als der Schauer des eisig kalten Wassers den geistigen Nebel zerstreute, der ihn umfangen hielt, da griff er verzweifelt aus und gelangte, trotz des Gewichtes seiner Ketten schnell an die Oberfläche. Als das geschah, bemerkte er trotz der Verwirrung, in der er sich befand, daß eine ungeheure, schwarze Masse gerade auf ihn losschwamm. Einen Augenblick kämpfte er gegen den Strom, einen Moment versuchte er, dem Zusammenstoß zu entgehen, – dann fühlte er, daß das Gewicht an seinen Füßen ihn hinunter zog und daß der große Stamm ihn unfehlbar mit seinen rauhen, zerrissenen Seiten zerquetschen würde. Da verschwand in diesem höchsten Augenblick der Gefahr jeder Gedanke an Selbstmord und mit jenem schwachen Schrei, den Troke gehört hatte, breitete er die Arme aus, um sich an dem Ungethüm festzuhalten, das ihn sonst in den Tod stoßen würde.

Der Stamm ging ganz über ihm fort, ihn tief in das Wasser hinab drückend, aber seine Hand, an dem Holz entlang fahrend, griff in das Ende Tau, das noch an dem Stamme befestigt hing und er hielt sich mit Todesangst daran fest. Im nächsten Augenblick war sein Kopf wieder über dem Wasser und es gelang ihm, mit ungeheurer Anstrengung sich auf den Stamm zu schwingen. Einen Moment sah er in der Entfernung die hellen Fenster der Stern Kajüte in dem Schiff das vor Anker lag, dann verschwand der Grummet Felsen zu seiner Linken und erschöpft und athemlos schloß er die Augen. Der treibende Stamm führte ihn schnell und still in die tiefe Finsterniß hinaus.


* * *

Bei Tagesanbruch am nächsten Morgen, als Troke an dem Felsen des Gefangenen landete, fand er denselben verlassen. Die Mütze des Gefangenen lag am Strande der Klippe, aber der Gefangene selbst war verschwunden. Nach der Ladybird zurück rudernd, dachte der kluge Troke darüber nach, wie er dem Kapitain Vickers diese Nachricht überbringen sollte. Er erwähnte des sonderbaren Schrei’s, den er am Abend vorher gehört und sagte:

»Ich glaube, Sir, daß er sich durch Schwimmen hat retten wollen, aber er muß untergegangen sein, denn er hätte nicht fünf Ellen weit mit den Eisen schwimmen können.«

Vickers der sehr beschäftigt war, um auszulaufen, nahm diese anscheinend sehr natürliche Erklärung der Sache ohne Weiteres an. Der Gefangene hatte den Tod, entweder durch einen Unfall oder durch eigene Schuld gefunden. Es war entweder Selbstmord oder Fluchtversuch und das frühere Betragen des Rufus Dawes rechtfertigte die letztere Vermuthung durchaus. In jedem Falle war er todt. Wie Troke ganz richtig meinte, konnte Niemand mit den Ketten belastet, durch die Bai schwimmen und als die Ladybird eine Stunde später am Grummet Felsen vorüber kam, glaubten Alle an Bord, daß der Körper eines letzten Bewohners tief unter den Wellen läge, die seinen Fuß bespülten.




Siebentes Kapitel.

Das letzte von Macquarie Harbour


Rufus Dawes wurde von denen, die auf der Ladybird ausgingen, für todt gehalten; sein wunderbares Entkommen war denen die noch auf Sara-Island zurückgeblieben waren, ebenso unbekannt geblieben. Wenn Maurice Frere überhaupt au den Gefangenen auf dem Felsen dachte, so glaubte er, ihn längst mit der Ladybird auf dem Wege nach Hobart-Town. Die achtzehn Personen an Bord des Osprey wußten nichts davon, daß das abgesandte Boot ohne den Gefangenen zurückgekehrt sei. Auch hatten Alle keine Zeit, über dergleichen nachzudenken. Mr. Frere, dem es sehr darum zu thun war, seine Geschicklichkeit und seine Thatkraft zu zeigen, hielt seine zehn Leute so streng an der Arbeit, daß eine Woche schon nach dem Abgange der Ladybird der Osprey bereit war, in See zu stechen. Mrs. Vickers und ihr Kind hatten fast mit Bedauern die Zerstörung der alten Heimath mit angesehen. Sie hatten sich in der kleinen Kajüte der Brigg eingerichtet und am Abend des elften Januar theilte Mr. Bates, der Lootse, welcher als Kapitain handelte, der Mannschaft mit, daß Leutnant Frere Befehl gegeben, den nächsten Morgen den Anker zu lichten.

Bei Tagesanbruch wurden die Anker gelichtet und mit einer leichten Brise von Südwesten ging sie hinaus und ankerte um drei Uhr Nachmittags sicher außerhalb des Höllenthors. Unglücklicher Weise schlug der Wind nach Nordwesten um, so daß aus der Rhede die See sehr hoch stand. Der vorsichtige Mr. Bates, in Rücksicht auf Mrs. Vickers und das Kind ging zehn Meilen in die Wellington Bai zurück und ankerte dort um sieben Uhr Abends. Die Flut war sehr bedeutend und das Schiff rollte stark. Mrs. Vickers blieb in der Kajüte und schickte Sylvia zu Frere, um denselben zu unterhalten. Sylvia ging, aber unterhielt ihn nicht. Sylvia hatte eine ganz besondere Antipathie gegen Frere gefaßt, wie Kinder sie so oft ohne Grund hegen und seit jener Entschuldigung war sie kaum mehr höflich gegen ihn. Vergebens verwöhnte er sie und schmeichelte ihr; er konnte sie nicht dazu bringen, ihn gern zu haben. »Ich kann Sie nicht leiden, Herr,« sagte sie in ihrer steifen Art, »aber das kann Ihnen ja ganz gleich sein. Sie beschäftigen sich mit Ihren Gefangenen und ich amüsiere mich ohne Sie.«

»Ganz recht« sagte Frere, »ich will mich nicht aufdrängen.« Aber er fühlte sich doch etwas beleidigt. An diesem Abend war nun die junge Dame etwas herablassender. Ihr Vater war fort und ihre Mutter krank, so fühlte sie sich etwas einsam und folgte ihrer Mutter Gebot und ging zu Frere. Er ging rauchend auf dem Deck spazieren,

»Mr. Frere, Mama schickt mich, damit ich mit Ihnen sprechen soll.«

»So? Nun denn sangen Sie an.«

»O nein, es ist des Herren Aufgabe, zu unterhalten. Thun Sie das.«

»Dann kommen Sie und setzen sich zu mir,« sagte Frere, der in guter Laune war, weil er Alles in Ordnung hatte. »Wovon wollen wir sprechen?«

»Sie dummer Mensch! Als ob ich das wüßte. Sie müssen sprechen. Erzählen Sie mir ein Mährchen.«

»Jack und die Bohnenstange,« sagte Frere.

»Jack und seine Großmutter! Unsinn! Erfinden Sie eine Geschichte aus Ihrem Kopf.«

Frere gähnte.

»Das kann ich nicht,« sagte er. »Das that ich nie in meinem Leben.«

»Dann können Sie ja anfangen. Sonst gehe ich fort.« – Frere rieb sich die Stirn. »Gut, haben Sie Robinson Crusoe gelesen?« – Als ob dies ein ganz neuer Gedanke wäre.«

»Natürlich habe ich es gelesen,« sagte Sylvia ärgerlich. »Gelesen? Jeder Mensch hat Robinson Crusoe gelesen.«

»So haben Sie? Daß wußte ich nicht, Nun lassen Sie uns sehen.« Und stark an seiner Pfeife ziehend, versenkte er sich in literarische Erinnerungen. Sylvia saß maulend neben ihm und wartete auf den guten Gedanken, der niemals kam. »Was für ein dummer, dummer Mensch Sie sind! Ich werde froh sein, wenn ich wieder bei Papa bin. Er weiß so viele Geschichten, beinahe so viele wie der alte Danny.«

»Also Danny weiß welche?« »Danny!« Das sagte sie mit solchem Erstaunen, als wenn man sagen würde »Walter Scott?« »Natürlich weiß er Geschichten. Ich glaube wirklich,« und damit sah sie ihn mit sehr überlegener Miene an, »Sie haben niemals von der Geschichte der irischen Banshee gehört?«

»Nein niemals.«

»Auch nicht von dem weißen Pferde von Peppers?«

»Nein.«

»Auch nicht von dem Wechselbalg?«

»Nein.«

Sylvia stand von dem Kajütenfenster auf, worauf sie gesessen und blickte das rauchende Geschöpf neben sich mit tiefer Verachtung an. »Mr. Frere, Sie sind wirklich furchtbar unwissend. Verzeihen Sie, wenn ich Ihre Gefühle verletze, aber für Ihr Alter sind Sie wirklich entsetzlich unwissend.«

Maurice Frere wurde etwas ärgerlich-: »Sie sind sehr impertinent, Sylvia.«

»Miß Vickers ist mein Name, Leutnant Frere. Ich werde jetzt mit Mr. Bates sprechen.«

Diese Drohung machte sie sogleich wahr und Mr. Bates, der das gefährliche Amt eines Lootsen lange Zeit verwaltet hatte, erzählte ihr von Tauchern, von Korallenriffen und, von etwas apokryphen Abenteuern in dem chinesischen Meere.

Frere rauchte weiter, halb ärgerlich auf die kleine Fee, die ihn hartnäckig angriff. Er gestand sich, daß dies kleine, elfenhafte Geschöpf einen Zauber auf ihn ausübte, den er sich kaum zu erklären wußte. Indeß sah er sie an diesem Abend ] nicht wieder und beim Frühstück am nächsten Morgen empfing sie ihn mit einigem Hochmuth.

»Wann werden wir fertig sein zum Absegeln? – Mr. Frere, bitte um etwas Marmelade.«

»Ich weiß nicht, Fräulein,« sagte Bates. »Es weht noch? sehr stark draußen. Ich und Mr. Frere haben heute Morgen ausgeschaut und finden es noch nicht sicher.«

»Nun,« sagte Sylvia, »ich hoffe, wir werden nicht scheitern und dann gezwungen sein, Meilen weit zu schwimmen, um unser Leben zu retten.«

»Ha, ha,« lachte Frere, »haben Sie nur keine Angst, ich will für Sie sorgen.«

»Können Sie schwimmen, Mr. Bates,« fragte Sylvia.

»Ja, Miß, ich kann schwimmen.«

»Gut, dann können Sie mich nehmen. Mr. Frere kann für Mama sorgen. Wir wollen auf einer wüsten Insel leben, Mr. Bates und Kokosnüsse und Brodbäume pflanzen und, – ach was für abscheuliche, harte Zwiebäcke! – Ich will Robinson Crusoe sein und Sie sollen mein Mann Freitag sein. Ich möchte wohl auf einer wüsten Insel leben, wenn nur keine Wilde da wären und es immer genug zu essen gäbe.«

»Dann wäre es ganz gut, meine Liebe, aber solche Inseln findet man so leicht nicht.«

»Dann,« sagte Sylvia, mit sehr entschiedenem Ton, »wollen wir lieber nicht scheitern.«

»Ich hoffe, es wird nicht geschehen.«

»Stecken Sie einen Zwieback in Ihre Tasche, Sylvia, im Falle eines Unfalles,« meinte Frere, grinsend.

»O, Sie kennen schon meine Ansicht über Sie, mein Herr. Sprechen Sie nicht, ich brauche Ihre Meinung nicht.«

»So, das ist recht.«

»Mr. Frere,« sagte Sylvia und stand ernsthaft vor der Thür still, die zu ihrer Mutter Kajüte führte.

»Wenn ich Richard der Dritte wäre, wissen Sie, was ich dann mit Ihnen thun würde?«

»Nein,« sagte Frere, behaglich weiter essend, »was würden Sie thun?«

»Nun, ich würde Sie an der Thür der Kathedrale stehen lassen, im weißen Betttuch mit einer brennenden Kerze in der stand, bis Sie Ihre abscheuliche Art ablegten, – Sie – Mann!«

Das Bild von Frere, im weißen Betttuch mit einer brennenden Kerze in der Hand an der Thür der Pauls Kathedrale stehend war zu viel für Mr. Bates’ Ernst und er brach in ein schallendes Gelächter aus.

»Sie ist ein merkwürdiges Kind, nicht wahr, Sir? Sehr merkwürdig, aber doch sehr gutherzig.«

»Wann werden wir im Stande sein, zu segeln, Mr. Bates,« fragte Frere, dessen Würde sich durch die Lustigkeit des Lootsen verletzt fühlte.

Bates merkte den veränderten Ton und paßte sich schnell der Stimmung des Offiziers an.

»Ich hoffe, noch heute Abend, Sir,« sagte er. »Wenn die Fluth zurück geht, will ich es versuchen, aber jetzt können wir unmöglich segeln.«

»Die Leute wollten gern an Land gehen, um ihre Sachen zu waschen, sagte Frere. »Wenn wir noch bis Abend bleiben, können Sie die Leute nach Tische gehen lassen.«

»Ganz recht, Herr,« sagte Bates.

Der Nachmittag verlief günstig. Die zehn Gefangenen gingen an Land und wuschen ihre Sachen. Ihre Namen waren James Barker, James Lesley, John Lyon, Benjamin Riley, William Cheshire, Henry Shires, William Russen, James Porter, John Fair und John Rex.

Dieser letztere Schuft war noch ganz spät an Bord gekommen. Er hatte sich in der letzten Zeit etwas besser betragen und hatte sich während der Arbeit, die der Abreise der Ladybird voranging außerordentlich nützlich gezeigt. Sein Verstand und der Einfluß, den er auf seine Gefährten hatte, machten ihn zu einer ziemlich wichtigen Persönlichkeit und Vickers hatte ihm einige Vorrechte eingeräumt, die ihm früher versagt waren.




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