Denkwürdigkeiten eines Fechtmeisters
Alexandre Dumas der Ältere




Dumas Alexandre (père)

Denkwürdigkeiten eines Fechtmeisters



– Ei! Potztausend! das ist ja ein Wunder, sagte Griesier zu mir, als er mich in der Thür des Fechtbodens erscheinen sah, auf welchem er ganz allein noch zurück geblieben war.

In der That, seit dem Abend, an welchem uns Alfred von Nerval die Geschichte Paulinens erzählt, hatte ich keinen Fuß wieder in die Faubourg Montmartre No. 4 gesetzt.

– Ich hoffe, fuhr unser würdiger Lehrer mit der väterlichen Sorge, die er für seine ehemaligen Schüler hegte, fort, daß es nicht etwa irgend ein schlimmer Handel ist, der Sie zu mir führt?

– Nein, mein theurer Meister, und wenn ich Sie um einen Dienst zu bitten habe, antwortete ich ihm, so gehört er nicht zu denjenigen, welche Sie mir in ähnlichen Fällen zuweilen erwiesen haben.

– Sie wissen, daß, was es auch sein möge, ich immer ganz der Ihrige bin. Reden Sie demnach.

– Nun denn, Mein Theurer, Sie müssen mich aus einer Verlegenheit reißen.

– Wenn die Sache möglich, so ist sie schon geschehen.

– Ich habe auch nicht an Ihnen gezweifelt.

– Reden Sie.

– Denken Sie sich, daß ich so eben einen Vertrag mit meinen: Buchhändler abgeschlossen, und ihm Nichts zu geben habe.

– Teufel auch!

Nun komme ich zu Ihnen, damit Sie mir Etwas liefern möchten.

– Ich?

– Gewiß, Sie haben mir wohl fünfzig Mal von Ihrer Reise nach Rußland erzählt.

– Hm, wahrlich!

– Zu welche: Zeit waren Sie dort?

– Während der Jahre 1824, 1825 und 1826.

– Gerade während der interessantesten Jahre: dem Ende der Regierung des Kaisers Alexander und der Thronbesteigung des Kaisers Nicolaus.

– .ich habe den einen begraben, und den anderen krönen sehen. Aber, warten Sie doch!

– ich wußte es wohl! . . .

– Eine wundervolle Geschichte.

– Das ist gerade, was ich brauche.

– Denken Sie doch . . . . Aber so ist es besser, haben Sie Geduld?

–Sie fragen das einen Mann, der sein Leben damit zubringt, Wiederholungen zu machen.

–Nun, dann warten Sie! – Er ging an einen Schrank, und zog aus demselben einen mächtigen Stoß Papier – Da, das ist, was brauchen.

– Ein Manuskript, Gott verzeihe mir!

– Die Bemerkungen eines meiner Zunftgenossen der zur selben Zeit, als ich, in Petersburg war, der alles das gesehen hat, was ich gesehen habe, und in den Sie dasselbe Vertrauen setzen können, als in mich selbst.

– Und Sie geben mir das?

– Ganz als Ihr Eigenthum.

– Aber das ist ein Schatz.

– In dem mehr Kupfer als Silber, und nicht Silber als Gold ist. Ziehen Sie das Beste davon heraus.

– Mein Theurer, noch heute Abend mache ich mich ans Werk, und in zwei Monaten . . .

– In zwei Monaten? . . .

– Wird Ihr Freund eines Morgens ganz lebendig, gedruckt wieder erwachen.

– Wahrhaftig?

– Sie dürfen unbesorgt sein.

– Nun denn! auf Ehre, das wird ihm Vergnügen machen.

– Apropos, es fehlt Ihrem Manuscript Etwas.

– Was?

– Ein Titel.

– Wie, ich muß Ihnen auch den Titel geben?

– Weil Sie einmal daran sind, mein Theurer, so machen Sie die Sache nicht halb.

– Sie haben nicht recht gesehen, das Manuscript hat einen.

– Wo denn?

– Auf dieser Seite, – - sehen Sie: —

Der Fechtmeister oder achtzehn Monate in Sanct- Petersburg.

– Nun! da er denn da ist, so lassen wir ihn.

– Also?

– Angenommen.

Durch diese Vorrede wird das Publikum sich in Kenntniß gesetzt glauben, daß Nichts von dem, was es hier liest, von mir ist, nicht einmal der Titel.

Außerdem ist es Grisiers Freund, welcher spricht.




Erster Band





I


Ich war noch in dem Alter der Täuschungen, besaß eine Summe von vier Tausend Franken, die mir ein unerschöpflicher Schatz schien, und hatte von Rußland als von einem wahrhaften Eldorado für alle in ihrer Kunst ein wenig ausgezeichnete Künstler reden hören: da es mir nun nicht an Selbstvertrauen fehlte, so entschloß ich mich nach St. Petersburg zu reisen.

Dieser Entschluß einmal gefaßt, wurde bald ausgeführt: ich war ledig, ließ nichts zurück, selbst nicht einmal Schulden; ich brauchte demnach nur einige Empfehlungsbriefe und meinen Paß zu nehmen, was nicht langer Zeit bedurfte, und acht Tage nachdem ich mich zur Abreise entschlossen hatte, befand ich mich auf dem Wege nach Brüssel.

Ich hatte den Weg zu Lande gewählt, zuvörderst, weil ich in den Städten, durch welche ich kam, öffentliche Fechtübungen zu geben gedachte, um auf diese Weise die Reisekosten durch die Reise selbst zu decken, und ferner deshalb, weil ich, begeistert für unseren Ruhm, einige jener schönen Schlachtfelder zu besuchen wünschte, wo, wie ich glaubte, die Lorberen wie auf den Gräbern Virgils von selbst wachsen müßten.

Ich verweilte zwei Tage lang in der Hauptstadt Belgiens, am ersten Tage gab ich daselbst eine

öffentliche Fechtübung, und am zweiten hatte ich daselbst ein Duell. Da ich mich aus dem einen

wie aus dem anderen ziemlich glücklich herauszog, so machte man mir sehr annehmbare Vorschläge, um

in der Stadt zu bleiben, welche ich indessen nicht annahm, da es mich weiter trieb.

Nichts desto weniger hielt ich mich einen Tag in Lüttich auf, ich hatte dort bei dem Stadt-Archiv einen früheren Schüler, an dem ich nicht vorüber gehen wollte, ohne ihm meinen Besuch abzustatten. Er wohnte in der Straße Pierreuse, und von der Terrasse seines Hauses konnte ich, während dem ich mit dem Rheinweine Bekanntschaft machte, die Stadt von dem Dorfe Herstall an, wo Pepin geboren wurde, bis zu dem Schlosse Ranioulle, von wo aus Gottfried nach dem heiligen Lande wanderte, sich unter meinen Füßen entfalten sehen. Diese Betrachtung geschah nicht, ohne daß mir mein Schüler über alle diese alten Gebäude fünf oder sechs alte Legenden erzählte, von denen die eine immer merkwürdiger als die andere war; eine der tragischsten davon ist ohne Widerspruch die, welche den Titel das Banket von Varfusen führt, und deren Gegenstand die Ermordung des Bürgemeisters Sebastian Laruelle ist, von dem noch heutigen Tages eines der Stadt-Thore den Namen trägt.

Beim Einsteigen in den Postwagen nach Aachen, hatte ich meinem Schüler von meiner Absicht gesagt, daß ich in den bedeutendsten Städten aussteigen und auf den berühmtesten Schlachtfeldern anhalten wollte; aber er hatte über meine Anmaßung gelacht und mich belehrt, daß man in Preußen nicht anhält, wo man will; sondern wo es der Schirrmeister will, und daß man, einmal in seinen Kasten eingeschlossen, ganz zu seiner Verfügung steht. In der That, von Köln bis Dresden, wo es meine bestimmte Absicht war, drei Tage zu bleiben, ließ man uns aus unserem Käfig nur zu den Stunden der Mahlzeiten, und ließ uns gerade nur so

lange Zeit, um die zu unserm Unterhalt nothwendigte Nahrung zu uns zu nehmen. Nach Verlauf von drei Tagen dieser Einkerkerung, gegen welche übrigens niemand murrte, so sehr ist man in den Staaten Seiner Majestät, Friedrich Wilhelms, daran gewöhnt, langten wir in Dresden an.[1 - gibt es denn in Frankreich Posten, die nach Willkühr des Einzelnen anhalten wo es ihm beliebt? Glosse des Übersetzers.]

In Dresden war es, wo Napoleon im Jahre 1812 bei seinem Zuge nach Rußland diesen großen Halt machte, wohin er einen Kaiser, drei Könige und einen Vice-König rief; was die souverainen Fürsten anbelangt; so waren sie an den Thüren des Kaiserlichen Zeltes so gedrängt, daß man sie mit den General-Adjutanten und den Ordonanz-Officieren vermengte; der König von Preußen mußte drei Tage lang warten.

Alles ist bereit, um Asien seine Einfälle der Hunnen und der Tartaren zu vergelten. Sechs mal Hundert und siebzehn Tausend Mann, die in acht verschiedenen Sprachen: es lebe Napoleon! riefen, sind von den Ufern des Guadalquivir und dem Meere von Calabrien durch die Hand des Riesen bis an die Ufer der Weichsel getrieben worden; sie führen dreizehn Hundert zwei und siebzig Stück Kanonen mit sich, sechs Schiffbrücken, ein Belagerungsgeräth; an ihrer Spitze marschieren vier Tausend Wagen mit Lebensmitteln, drei Taufend Pulver-Wagen, fünfzehn Hundert Lazareth-Fuhren, und überall, wo sie durchkamen, begleitet sie der Jubel Europas.

Am 29. Mai verläßt Napoleon Dresden, hält sich in Polen nur auf, um den Polen einige Freundes-Worte zu sagen, verschmähet Warschau, hält sich in Thorn nur so lange auf, als durchaus nothwendig ist, um die Festungswerke und die Magazine zu besuchen, geht die Weichsel hinab, läßt Friedland, ruhmwürdigen Andenkens, zu einer Rechten, und langt endlich in Königsberg an, wo er im Herabgehen nach Gumbinnen vier oder fünf seiner Armee-Corps die Musterung passieren läßt. Der Befehl über die Bewegung ist gegeben: der ganze Raum, der sich von der Weichsel bis zu dem Niemen erstreckt, bedeckt sich mit Menschen; der Pregel, welcher von einem Flusse zum andern wie eine Ader rollt, die zwei Hauptadern mit einander in Verbindung setzt, bedeckt sich mit Schiffen voller Lebensmittel. Endlich gelangt Napoleon am 25. Juni vor Tagesanbruch an den Saum des preußischen Waldes von Pilwiski; eine Hügel-Kette breitet sich vor ihm aus, und an der anderen Seite dieser Hügel rollt der russische Fluß. Der Kaiser, welcher bis dahin zu Wagen gekommen ist, steigt um zwei Uhr Morgens zu Pferde, kommt bei Kowno an die Vorposten, nimmt die Mütze und den Mantel eines polnischen Chevaulegers, und sprengt im Galop mit dem General Haro und einigen Mann davon, um selbst den Fluß zu recognosciren; im Anlangen an den Ufern stürzt sein Pferd, und wirft ihn einige Schritte von sich in den Sand: – Das ist eine schlimme Vorbedeutung, sagt Napoleon, indem er wieder aufstand; ein Römer wäre zurückgewichen.

Die Recognoscierung ist gemacht: die Armee soll den ganzen Tag über ihre Stellung behalten, welche sie den Augen der Feinde verbirgt; während der Nacht wird sie auf drei Brücken über den Fluß gehen.

Als der Abend gekommen, nähert sich Napoleon dem Flusse; einige Sappeure gehen in einem Nachen über den Fuß, der Kaiser folgt ihnen mit den Augen in die Finsterniß, in der sie sich verlieren; sie landen und steigen an dem russischen Ufer aus: die feindliche Armee, welche sich am Tage zuvor hier befand, scheint verschwunden zu sein. Nach Verlauf eines Augenblickes der Stille und der Bangigkeit zeigt sich ein Kosacken-Offizier: er ist allein und scheint erstaunt, um diese Stunde Fremde am Ufer des Flusses zu finden.

– Wer seyd Ihr? fragt er.

– Franzosen, antworten die Sappeure.

– Was wollt Ihr?

– Ueber den Niemen gehen.

– Was wollt Ihr in Rußland machen?

– Krieg, bey Gott!

Auf diese Erklärung des subalternen Herolds sprengt der Kosacke ohne zu antworten in der Richtung von Wilna davon, und verschwindet wie eine nächtliche Erscheinung. Drei Flintenschüsse verfolgen ihn ohne ihn zu treffen, Napoleon erbebt bei diesem Knall, der Feldzug ist eröffnet.

Der Kaiser befiehlt sogleich drei Hundert Woltigeuren über den Fluß zu gehen, und die Herstellung der Brücken zu decken; zu gleicher Zeit werden Ordonanz-Officiere nach allen Richtungen hin versendet. Nun setzen sich die französischen Massen in der Dunkelheit in Bewegung, und rücken versteckt durch das Gebüsch und sich in das Korn bückend vor, die Nacht ist so finster, daß die Spitzen der Kolonnen bis auf zwei Hundert Schritt vom Fluss angelangt sind, ohne von Napoleon bemerkt zu seyn; er hört nur ein dumpfes Brausen gleich dem eines herannahenden Sturmes; er sprengt nach dieser Seite zu; das Wort Halt! mit leiser Stimme wiederholt, verbreitet sich über die ganze Linie; man zündet kein Feuer an, Stille ist befohlen, jeder soll sich, das Gewehr im Arme, in seiner Reihe niederlegen. Um zwei Uhr Morgens waren die drei Brücken geschlagen.

Der Tag bricht an, das linke Ufer des Niemen ist mit Menschen, Pferden und Wägen bedeckt, das rechte Ufer ist verödet und todtenstille, der Boden selbst scheint, indem er russisch wird, die Ansicht zu verändern, alles, was nicht finsterer Wald ist, ist ein dürrer Sand.

Der Kaiser tritt aus seinem, auf einem der höchsten Hügel und in Mitte dieser Menge errichteten Zelte; sogleich sind die Befehle ertheilt, die General-Adjutanten sprengen nach den bezeichneten Punkten, auseinander fliegend, wie die Strahlen eines Sternes. Fast zu gleicher Zeit setzen sich diese verworrenen Massen in Bewegung, vereinigen ich in Armee-Corps, verlängern sich in Kolonnen, und sich nach den Krümmungen des Bodens windend, gleichen sie eben so vielen Bächen, die nach dem Flusse hinabrollen.

In dem Augenblicke, wo drei Avantgarden den Fuß auf das russische Gebiet setzen, nahm der Kaiser Alexander einen Ball an, den ihm die Stadt Wilna gab, und tanzte mit der Frau Barclay de Tolly, deren Gatte als Oberfeldherr seine Armee kommandirte. Um Mitternacht hatte er durch den Kosacken-Officier, dem unsere Sappeure begegnet waren, die Ankunft der französischen Armee an dem Niemen erfahren, aber er hatte das Fest nicht unterbrechen wollen.

Kaum hatte die Avantgarde durch den dreifachen Uebergang, der ihr offen stand, auf dem rechten Ufer des Niemen Fuß gefaßt, als Napoleon, gefolgt von seinem Generalstabe, auf die mittlere Brücke herbei sprengt, und sie seiner Seits passirt. Auf dem anderen Ufer angelangt, beunruhigt, verwundert er sich: dieser ihm entschlüpfende Feind scheint ihm viel drohender durch seine Abwesenheit, als er es durch seine Gegenwart gewesen seyn würde; in diesem Augenblicke hält er an, er hat geglaubt, Kanonen zu hören; er irrt sich, es ist der Donner; ein Gewitter zieht sich über der Armee zusammen, das Wetter bedeckt und verfinstert sich, als ob die Nacht bereit wäre, hereinzubrechen, Napoleon vermag seiner Ungeduld nicht zu widerstehen, er umgibt sich nur mit einigen Mann, stürzt in diese graue Atmosphäre, und mit der ganzen Schnelligkeit seines Pferdes dahin sprengend, verschwindet er in der Tiefe eines Waldes. Das Wetter fährt fort sich zu bedecken. Nach Verlauf einer halben Stunde sieht man den Kaiser beim Schein eines Blitzes zurückkommen: er hat mehr als zwei Stünden gemacht, ohne einer lebenden Seele zu begegnen. In diesem Augenblicke bricht das Gewitter aus; Napoleon sucht in einem Kloster ein Obdach.

Gegen fünf Uhr Abends, während dem die Armee fortfährt über den Niemen zu gehen, rückt Napoleon, den diese Einöde beunruhigt, bis nach der Wilia vor, welcher er eine Viertelstunde oberhalb des Ortes, wo sie sich in den Niemen ergießt, begegnet; die Russen haben im sich Zurückziehen die Brücke verbrannt, es würde zu lange dauern, um eine andere zu errichten: die Polnischen Chevaulegers sollen eine Fuhrt suchen.

Auf den Befehl Napoleons stürzt sich eine Eskadron Cavalerie in den Fluß, anfangs bewahrt die Eskadron ihre Linie, was einige Hoffnung gibt; nach und nach sinken Menschen und Pferde tiefer, sie verlieren den Boden, dringen aber nichts desto weniger vorwärts; bald, trotz ihrer Anstrengung, lösen sie sich auf. In Mitte des Flusses angelangt reißt sie die Heftigkeit des Stromes fort, einige Pferde sind bereits verschwunden, die anderen, erschreckt, wiehern als Zeichen der Angst, die Menschen kämpfen und matten sich ab, aber die Gewalt des Wassers ist so groß, daß sie fortgerissen werden. Kaum gelingt es einigen wenigen, das andere Ufer zu erreichen, die anderen versinken und verschwinden unter dem Rufe: es lebe der Kaiser und diejenigen von der Armee, welche auf dem Niemen geblieben, sehen die Leichname von Menschen und Pferden auf sich zu schwimmen, welche ihnen Nachrichten von ihrer Avant-Garde bringen.

Die französische Armee bedurfte dreier ganzer Tage, um den Fluß zu passiren.

In zwei Tagen erreichte Napoleon die Engpässe, welche Wilna beschirmen; er hofft, daß der Kaiser Alexander ihn in dieser schönen Stellung erwartet haben wird, um die Hauptstadt Litthauens zu beschützen; die Engpässe sind verlassen, er kann seinen Augen nicht glauben; die Avant-Garden haben sie schon ohne Hinderniß passirt; er wird zornig, er flucht, er drohet; der Feind ist nicht allein unerreichbar, sondern auch noch unsichtbar. Das ist ein gefaßter Plan, das ist ein berechneter Rückzug, denn er kennt die Russen, weil er mit ihnen zu thun gehabt hat, und er weiß, daß wenn sie den Befehl zum Schlagen erhalten haben, es lebendige Mauern sind, die man zurückwirft, die aber nicht, zurückweichen.

Inzwischen, welche Gefahr er auch verbirgt, man muß wohl den Rückzug des Feindes benutzen. Napoleon begibt sich in die Mitte der Polen, und hält mit ihnen seinen Einzug in Wilna. Bei dem Anblicke derjenigen, welche sie als ihre Landsleute betrachten, und desjenigen, auf den sie wie auf einen Erlöser hoffen, strömen die Litthauer unter freudigem Jubel und voll Begeisterung herbei; aber Napoleon geht ohne etwas zu sehen, ohne etwas zu hören, sorgenvoll durch Wilna, und eilt nach den Vorposten, welche schon die Stadt überschritten haben; dort endlich hat er Nachrichten von den Russen: das 8. Regiment Husaren, das sich unvorsichtiger Weise, und ohne unterstützt zu seyn, in einen Wald vertieft hat, ist daselbst in Stücken gehauen worden. Napoleon athmet wieder auf, er hat es also mit keiner Armee von Gespenstern zu thun; der Feind hat sich in der Richtung von Drissa zurückgezogen; Napoleon schickt Murat und seine Cavalerie ihm nach, dann kehrt er nach Wilna zurück, um Besitz von dem Palaste zu nehmen, den Alexander am Tage zuvor verlassen hat.

Napoleon verweilt daselbst, um seine rückständigen Arbeiten nachzuholen. Was seine Armee anbelangt, so soll sie fortfahren, unter der Anführung ihrer Heerführer vorzurücken, da es eine russische Armee gibt; so ist es an ihnen, sie einzuholen. Unsere Zufuhren, unsere Packwägen, unsere siegenden Lazarethe sind noch nicht angelangt, was liegt daran? was vor allem Noth thut, ist eine Schlacht, denn eine Schlacht wird ein Sieg seyn, und Napoleon treibt viermal Hundert Tausend Mann in ein Land, das weder Karl XII. noch seine zwanzig Tausend Schweden hat ernähren können.

Die traurigsten Nachrichten gelangen demnach auch von allen Seiten zu ihm. Die Armee, der die Lebensmittel fehlen, kann sich nur durch die Plünderung erhalten, und auch die Plünderung ist noch unzureichend; nun, obgleich in Freundes Land, drohet, sengt und brennt man; ohne Zweifel ist es durch Zufall, daß sich dieses letztere Unglück ereignet, aber ganze Dörfer sind das Opfer dieser Zufälle. Und trotz alle dem leidet das Heer; schon zeigt sich die Entmuthigung: man spricht von jungen Conscribierten, minder an Entbehrungen gewöhnt, als ihre alten Kameraden, welche, indem sie vor ihren Blicken sich lange Tage des Leidens, ähnlich denen, welche sie verlebt, entfalten sehen, ihre Stirn auf ihre Gewehre gestützt, und sich den Kopf in Mitte des Weges gesprengt haben. Kurz, man sagt, daß man auf der Straße nichts, als verlassene Munitionswägen, geöffnete und geplünderte Packwägen, als ob sie vom Feinde genommen gewesen wären, erblicke, denn an zehn Tausend Pferde sind todt, getödtet durch das grüne Korn, welches sie gefressen haben.

Napoleon hört alle diese Berichte, indem er thut, als ob er nicht daran glaube. Zu welcher Stunde man zu ihm kommt, so findet man ihn über ungeheure Karten gebückt, indem er den Weg zu errathen sucht, welchen die russische Armee einschlagen wird; in Ermangelung bestimmter Nachrichten erleuchtet ihn fein Genie, und er glaubt den Plan Alexanders durchdrungen zu haben. Die Geduld des Czar hält sich daran, daß die Franzosen den Boden des alten Rußlands. noch nicht betreten haben, und nur noch auf den neuen Eroberungen marschiren; aber ohne Zweifel wird er seine ganze Macht vereinigen, um das Moskovitische Gebiet zu vertheidigen. Das Moskovitische Gebiet beginnt aber erst achtzig Stunden hinter Wilna. Zwei große Flüsse sind es, die seine Gränzen bezeichnen: der eine ist der Dnieper, und der andere die Dwina, der eine entspringt oberhalb von Viasma, und der andere bei Toropez; alle beide laufen nach einem Raume von ohngefähr sechzig Stunden von Osten nach Westen in paralleler Linie zu beiden Seiten dieser großen Gebirgskette, deren beide Abhänge sie benetzen, welche, von den Karpathen bis zu dem Uralgebirge sich erstreckend, das Rückgrath Rußlands bilden. Mit einem Male entfernen sie sich bei Polosk und bei Orkha plötzlich der eine nach der Rechten, und der andere nach der Linken, die Dwina, um sich bei Riga in das Baltische Meer zu ergießen, und der Dnieper, um bei Cherson in das schwarze Meer zu fallen; aber bevor sie sich auf diese Weise trennen, schließen sie sich ein letztes Mal enger zusammen, indem sie zwischen sich Smolensk und Witebsk, diese beiden Schlüssel von St. Petersburg und Moskau, einschließen.

Es ist nicht mehr daran zu zweifeln: dort ist es, wo Alexander Napoleon erwarten wird.

Von nun an ist dem Kaiser alles erklärt: Barclay de Tolly zieht sich über Drissa auf Witebsk zurück, und Bagration über Borisoff nach Smolensk, dort werden sie sich vereinigen, um Frankreich den Eintritt in Rußland zu versperren.

Sogleich sind dem zu Folge die Befehle ertheilt: Dovoust wird sich des Dnieper bemächtigen, und mit dem Könige von Westphalen, der unter seinen Befehl gestellt wird, versuchen Bagration den Weg abzuschneiden, indem er vor ihm nach Minsk gelangt; Murat, Qudinot und Ney werden Barclay de Tolly verfolgen, und er, Napoleon, mit dem Kern seiner Armee, mit der Armee von Italien, den Bayern, der kaiserlichen Garde, den Polen, kurz mit fünfmal Hundert Tausend Mann, wird zwischen den beiden Korps durchgehen, und eine scharfe Spitze bilden, bereit sich mit Davoust, oder mit Murat zu vereinigen, sey es nun, daß sie Hilfe nöthig hätten, um nicht besiegt zu werden, oder sey es, daß sie der Unterstützung bedürften, um den Sieg zu vollenden.

Ein Streit über das Vorrecht zwischen Davoust und dem Könige von Westphalen läßt Bagration einen Ausweg; Davoust holt ihn nichts desto weniger bei Mohilof ein, aber das, was eine Schlacht hätte sein sollen, ist nur ein Gefecht, inzwischen ist der Zweck zum Theil erreicht, Bagration ist von seinem Wege abgebracht und gezwungen, einen großen Umweg zu machen, um Smolensk zu erreichen.

Auf dem linken Flügel begegnet Murat dasselbe, es ist ihm endlich gelungen, Barclay de Tolly einzuholen, und jeden Tag finden zwischen der russischen Arrier-Garde und der französischen Avantgarde Gefechte statt. Subevic ist es und seine leichte Cavalerie, der die Russen an der Wisna niedermezelt, und ihnen zwei Hundert Gefangene nimmt. Montbrun und seine Artillerie ist es, der die Division des General Korf mit Kartätschen niederschmettert, als er vergeblich sucht, eine Brücke hinter sich abzuschneiden. Sebastiani ist es, der in Vidzi anlangt, von wo der Kaiser Alexander erst am Abende zuvor abgegangen ist.

Barclay de Tolly faßt nun den Entschluß, die Franzosen in dem verschanzten Lager von Drissa zu erwarten, wo er hofft, daß sich Bagration mit ihm vereinigen wird; aber nach Verlauf von drei oder vier Tagen erfährt er den Verlust des russischen Fürsten und das von Napoleon ausgeführte Manöver. Wenn er sich nicht eilt, werden die Franzosen vor ihm in Witebsk seyn; der Befehl zum Aufbruche wird demnach auch gegeben, und nach einem Halt von einem Augenblicke begibt sich die russische Armee wieder auf den Rückzug.

Was Napoleon anbelangt, so ist er von Wilna am 16. abgereist, am 17. ist er zu Swentrioni, am 18. zu Klupokoe. Dort erfährt er, daß Barclay sein Lager von Drissa verlassen hat, er glaubt ihn schon in Witebsk; vielleicht bleibt ihm noch die Zeit, vor ihm daselbst anzugelangen. Er bricht sogleich nach Kamen auf. Sechs Tage vergehen in Eilmärschen, ohne daß man einem einzigen Feinde begegnet. Die Armee rückt lauernd vor, damit sie sich dorthin begeben kann, wohin sie der Donner rufen wird. Endlich brüllen die Kanonen am 24. aus der Gegend von Bezenkowiczi her: es ist Eugen, der an der Dwina mit der Arrier-Garde Barclays im Gefecht ist. Napoleon stürzt sich nach der Seite des Feuers; aber das Feuer erlischt, bevor er die Kämpfenden erreicht, und als er ankommt, findet er Eugen beschäftigt, die Brücke wieder herzustellen, welche Doktoroff bei seinem Rückzuge verbrannt hat. Er überschreitet dieselbe, sobald sie gangbar ist, nicht, weil er Eile hätte, sich dieses Flusses, seiner neuen Eroberung, zu bemächtigen; sondern um selbst zu sehen, wie weit die russische Armee in ihrem Marsche ist. Nach der Richtung der feindlichen Arrier-Garde, nach den Antworten einiger Gefangenen, urtheilt er, daß Barclay in diesem Augenblicke in Witebsk sein muß. Demnach hat er sich also über den Plan eines Feindes nicht getäuscht, dort ist es, wo ihn Barclay erwarten wird.

Napoleon ist an das Ziel gelangt, wo er seinen Soldaten vor einem Monate den Sammelplatz bestimmt hat. Im sich Umwenden sieht er auf drei entgegengesetzten Punkten, drei von dem Niemen aus zu verschiedenen Zeiten und auf verschiedenen Wegen aufgebrochene Colonnen hervorbrechen. Alle diese Korps finden sich hundert Stunden weit her auf dem angegebenen Sammelplatze nicht allein an dem bestimmten Tage, sondern fast auch zu derselben Stunde ein. Das ist ein Wunder der Feldherrnkunst.

Alle diese Korps kommen zusammen zu Bezenkowiczi und in der Umgegend an; Infanterie, Cavalerie, Artillerie, drängt, kreuzt sich, stößt auf einander, drängt sich lärmend zurück. Die einen suchen Lebensmittel, die andern Fourage, die anderen Quartiere; die Straßen sind mit Ordonanz-Officieren und General-Adjutanten, welche durch die Soldaten nicht hindurch können, überfüllt, so sehr beginnt der unterschied des Ranges zu verschwinden, so sehr gleicht dieses Vorrücken schon einem Rückzug. Sechs Stunden lang verlangen zweimal Hundert Tausend Mann sich in einem Dorfe von fünf Hundert Häusern einzuquartieren.

Endlich gegen zehn Uhr Abends suchen die Befehle Napoleons alle diese in der Menge verlornen Anführer auf, von denen zwei Drittheile seit zwölf Stunden weder getrunken noch gegessen haben, und die bereit scheinen, handgemein zu werden. Die Anführer steigen zu Pferde, und reden im Namen des Kaisers, des einzigen Namens, auf den geachtet wird. In einigen Augenblicken, und wie durch einen Zauber entwirren alle diese verworrenen Massen sich, jeder kehrte zu einer Waffe zurück und drängte sich um eine Fahne; lange Reihen bilden sich, und treten aus dieser Masse heraus wie Bäche, die aus einem See kommen, und rücken, die Musik an der Spitze, vorwärts. Die Wellen rollen nach Ostrowno zu, und auf das entsetzlichste Getümmel folgt in Bezenkowiczi die dumpfeste Stille. Das kommt daher, weil nach der Strenge der Befehle und nach der Schnelligkeit, mit der sie überbracht sind, jeder war, daß am andern Tage eine Schlacht stattfinden würde, und eine solche Ueberzeugung erweckt immer in einer Armee feierliche Gefühle.

Als der Tag anbrach, befand sich die Armee auf einer breiten, mit Birken besetzten Straße aufgestellt. Murat marschierte als Avant-Garde mit seiner Cavalerie. Er hat unter seinen Befehlen Dumont, du Contlosquet und Carignan; ihnen ist das 8. Regiment Husaren als Späher voraus, welches in der Meinung steht, daß ihm selbst an einen Flanken zwei Regimenter der Division, wozu es gehört, voraus marschieren, und das demnach voller Sicherheit nach Ostrowno zu vorrückt, indem es nicht weiß, daß Zufälle des Terrains den Marsch der Regimenter aufgehalten haben, und daß es, anstatt ihnen zu folgen, vor ihnen her schreitet. Plötzlich, auf zwei Drittheile eines Hügels angelangt, erblickt die Spitze der französischen Colonne auf seinem Gipfel eine in Schlachtordnung aufgestellte Linie Cavalerie, und hält sie für die beiden als Späher vorausgesandten Regimenter. Der General Piré erhält den Befehl anzugreifen, aber er kann nicht glauben, daß das der Feind sey, den er vor sich sieht; er sendet einen Officier ab, um diese Truppe zu recognosciren, und fährt fort vorzurücken. Der Officier sprengt im Galop davon, aber kaum ist er auf dem Gipfel angelangt, als er umringt und zum Gefangenen gemacht ist. Zugleich erdonnern auf einmal sechs Stück Kanonen, und reißen ganze Glieder weg. Es ist keine Zeit, Kriegskunst zu üben, der Ruf: Vorwärts, ertönt, das 8. Regiment Husaren, und das 16. Chasseur sprengen vor, und nach dem ersten Abfeuern, bevor man noch Zeit gehabt hat, ein zweites Mal wieder zu laden, fallen sie über die sechs Stück her, bemächtigen sich ihrer, werfen das sich ihnen widersetzende Regiment über den Haufen, durchbrechen die Linie von einem Ende bis zu dem andern, und befinden sich den Russen im Rücken. Da sie nichts mehr vor sich erblicken, so wenden sie um, und sehen das feindliche Regiment, welches sie zur Rechten gelassen, bestürzt über diesen Ungestüm. Sogleich kehren sie auf dasselbe in dem Augenblicke zurück, wo es seine Viertelwendung ausführt, und vernichten es; hierauf wenden sie sich wieder um, erblicken das Regiment zur Linken, das sich zurückzuziehen beginnt, sie verfolgen dasselbe, erreichen es, zerstreuen es, und jagen bis in den Wald, der die Stadt Ostrowno wie ein Gürtel einhüllt. In diesem Augenblicke lagt Murat mit alle dem, was er an Mannschaft hat zusammenraffen können, auf dem Hügel an; er vereinigt diese Verstärkung mit der Avant-Garde und treibt alles auf den Wald, denn er glaubt nur mit einer Arrier-Garde zu thun zu haben; aber der Widerstand beginnt, aller Wahrscheinlichkeit nach befindet sich die russische Armee in Ostrowno. Murat wirft einen Blick auf die Stellung, und erkennt, daß sie in der That vortrefflich ist; er selbst ist in diesem Augenblicke mehr, als er wünschte, handgemein, aber Murat gehört zu denen, welche niemals zurückweichen; er befiehlt seinen beiden, aus den Divisionen. Bruyère und Saint-Germain bestehenden Vordertreffen, sich auf dem von ihnen eroberten Schlachtfelde zu behaupten. Als diese Maßregel getroffen, setzt er sich an die Spitze einer leichten Cavalerie, und erwartet den Feind, welcher seiner Seits bald hervorbricht. Alles, was aus dem Walde hervorkommt, ist im Augenblicke selbst überfallen: die Russen kamen um anzugreifen, und sie sind gezwungen sich zu vertheidigen. Die Cavalerie ist durch die langen Lanzen der Polen niedergestochen, die Infanterie durch die Husaren und die Chasseurs zusammengehauen. Aber diese Waldungen sind für die Russen, was die Erde für Antäus: kaum sind sie in dieselben zurückgekehrt, als sie zahlreicher wieder aus demselben herauskommen. Durch die Arbeit sind die Lanzen gebrochen und die Säbel abgestumpft; die Infanterie hat so viel geschossen, daß sie keine Patronen mehr hat. In diesem Augenblicke erscheint die Division Delzons auf dem Hügel, die ungeduldig mit zu kämpfen, im Eilschritt anlangt. Murat, der sie erblickt, beeilt ihre Ankunft noch mehr, und wirft sie auf die Rechte des Feindes. Bei dem Anblicke dieser Verstärkung wird der Feind bange; Murat befiehlt einen letzten Angriff, dieses Mal widersteht nichts mehr, die Russen sind im Rückzuge; die französische Armee dringt in die Waldung, die aufgehört hat, Flammen zu speien, geht hindurch, und im Ankommen an dem Saume desselben erblickt sie die russische Arrier-Garde, welche in einem andern Waldgürtel verschwindet.

In diesem Augenblicke eilt Eugen herbei, indem er eine neue Verstärkung mitbringt; aber es ist zu spät, um sich in diese unbekannten Engpässe zu wagen, die Nacht bricht herein, und man will den andern Morgen abwarten. Murat und Eugen bezeichnen jedem seine Stellung, errichten auf einer Höhe alles was sie von Geschütz besitzen, zu einer Batterie, und kehren zurück, um sich ganz angekleidet unter demselben Zelte niederzulegen.

Mit Anbruch des Tages stehen sie auf. Die Russen sind ihrer Seits aufgestellt; aber es ist nicht mehr eine einfache Arrier-Garde, mit der Murat und Eugen zuthun haben, es ist ein ganzes Armee-Korps. Pahlen und Konownizin haben sich mit Ostermann vereinigt; was liegt daran! sind sie nicht selbst die Avant-Garde der großen Armee, und wird nicht selbst Napoleon zu ihnen stoßen?

Um fünf Uhr Morgens sind die Franzosen auf den Beinen, Murat ordnet seinen Angriff an, und schon rückt der linke Flügel gegen die Russen, als der rechte noch seine Befehle empfängt. Plötzlich hört Murat lautes Geschrei: es ist das Hurrah von zehn Tausend Russen, die unseren Angriff nicht abwarten, und die in dichten Massen aus dem Walde rückend, auf unsere Cavalerie und unsere Infanterie stoßen, und sie zweimal zurückdrängen. Diese Tapferen sind zu lange zurückgewichen; der Befehl ist ihnen gegeben, vorwärts zu gehen, und sie benutzen ihn.

Murat sieht sie auf unsere Artillerie anrücken, die anfängt, besorgt zu werden, da sie sieht, wie sie vergeblich schießt, und wie die Furchen, die sie in diesen dichten Colonnen zieht, sich augenblicklich wieder schließen. Das 84. Regiment und ein Bataillon Kroaten halten inzwischen vor diesen Massen, und weichen nur Schritt vor Schritt zurück; aber in dem Maße, als sie zurückweichen, sieht man in dem mit jedem Augenblick enger werdenden Raume, daß sich ihre Todten aufhäufen, während dem daß es hinter ihnen von Verwundeten wimmelt, die man fortbringt, und einigen Flüchtlingen die schon das Weite suchen: entweder werden sie über den Haufen geworfen und vernichtet werden, oder sie werden sich auflösen und unsere Kanonen ohne andere Bedeckung lassen, als ihre Artilleristen. Bei diesem Anblicke wird der rechte Flügel, der noch nicht angegriffen hat, unruhig, Vorboten der Verwirrung brechen aus; es ist kein Augenblick zu verlieren, denn in den Engpässen würde jeder Rückzug eine Niederlage seyn.

Murat ertheilt seine Befehle mit der Schnelligkeit und der Strenge, welche eine solche Lage erheischt. Der rechte Flügel, anstatt abzuwarten, daß man ihn angreift, soll angreifen. Es ist der General Piré, der mit dieser Bewegung beauftragt ist.

Der General Anthouard eilt zu seinen Kanonieren, und läßt sie ihren Posten behaupten: es ist ihre Pflicht, sich auf ihren Stücken niedersäbeln zu lassen.

Der General Girardin soll das 106. Regiment, das in vollem Rückzuge ist, wieder sammeln, und sie wieder gegen den rechten Flügel der Russen, der fortfährt vorzurücken, führen, während dem daß Murat sie von der Seite mit einem Regimente polnischer Uhlanen angreifen wird.

Jeder begibt sich mit der Schnelligkeit des Blitzes auf seinen Posten. Murat eilt vor die Fronte der Polen, um sie durch eine Anrede anzufeuern; das Regiment, welches glaubt, daß der König sich an ihre Spitze setze, stößt ein lautes Geschrei aus, senkt seine Lanzen und stürzt vorwärts. Murat hat sie nur anreden wollen, er muß sie führen: die Lanzen treiben ihn von hinten, sie nehmen die ganze Breite des Weges ein, er kann weder anhalten, noch sich zur Seite werfen, er ergreift daher sein Theil als Tapferer, zieht seinen Säbel, ruft vorwärts, greift zuerst wie ein einfacher Kapitain an, und verschwindet mit seinem ganzen Regimente in den feindlichen Reihen, welche er von einer Seite zur andern durchschneidet, und in die er durch diese ungeheure Lücke die Verwirrung wirft.

Auf der andern Seite findet er Girardin und sein Regiment wieder, von der Höhe des Hügels sieht er das Feuer seiner Artilleristen sich verdoppeln, während dem daß ein wohlunterhaltenes Gewehrfeuer auf der äußersten Rechten ihn benachrichtigt, daß der General Piré seinen guten Ruf behauptet.

Nun stellt sich der Kampf wieder her, und dauert mit einem gleichen Vortheile während zweier Stunden. Hierauf weichen die Russen und fangen an Terrain zu verlieren, aber Schritt vor Schritt und als Männer, die eher Befehlen nachgeben, als wie als Besiegte, die sich zurückziehen; endlich kehren sie langsam in ihre Waldung zurück, in der sie verschwinden, und die Franzosen befinden sich wieder in der Ebene. Murat und Eugen zögern, sie in diesen dichten Forsten zu verfolgen. In diesem Augenblicke erscheint der Kaiser, setzt ein Pferd in Galop, langt auf dem Hügel an, welcher das Schlachtfeld beherrscht, und dort, in Mitte der Artillerie, hält er ohne Bewegung und gleich einer Reiterstatue an. Murat und Eugen befinden sich bald an seiner Seite; sie berichten ihm, was vorgefallen ist, und die Ursache, welche sie zurückhält.

– Durchbrecht diesen Wald, sagt Napoleon, er ist nur ein Vorhang, in dem sich die Russen nicht halten werden.

Bald hört man die Musik von ankommenden Regimentern. Sicher, unterstützt zu werden, setzen sich Murat und Eugen von neuem an die Spitze ihrer Soldaten, und dringen entschlossen in den Wald ein, den sie einsam und düster, wie den bezauberten Wald Tassos finden.

Nach Verlauf einer Stunde kommt ein General-Adjutant, um Napoleon zu melden, daß die Avant-Garde den Wald passiert hat, und daß von der, von ihr eingenommenen Stellung aus, man Witebsk erblickt,

– Dort ist es, wo sie uns erwarten, sagt Napoleon, ich hatte mich nicht getäuscht.

Nun gibt er den Befehl, daß die ganze Armee ihm folge; dann, ein Pferd in Galop setzend, sprengt auch er nun durch den Wald, und holt Murat und Eugen wieder ein. Seine Lieutenants haben die Wahrheit gesagt, Witebsk erhebt sich amphitheatralisch auf seinem doppelten Hügel vor seinen Augen.

Aber der Tag ist schon zu weit vorgerückt, um etwas zu unternehmen; er bedarf Zeit, um zu recognosciren, das Land zu erforschen und einen Plan zu fassen; außerdem ist der übrige Theil der Armee noch in den Engpässen verwickelt, die Napoleon selbst erst kaum seit drei Stunden verlassen hat. Er befiehlt, daß man ein Zelt auf einer Höhe zur linken der großen Straße aufschlage, läßt seine Karten entfalten, und beugt sich über sie.

Die Nacht bricht herein, die Feuer entzünden sich; nach ihrer Ausdehnung und nach ihrer Zahl ist nicht mehr daran zu zweifeln, daß man die russische Armee erreicht hat, sie ist da, sie erwartet ihn.

Stunde vor Stunde erwacht Napoleon und fragt, ob die Russen noch immer auf ihren Posten sind; man antwortet ihm mit ja. Sieben Male läßt er in dieser Nacht Berthier kommen, das letzte Mal führt er ihn selbst bis an die Thüre seines Zeltes zurück und versichert sich mit seinen eigenen Augen, daß man ihn nicht getäuscht hat; dann endlich schläft er ein wenig ruhiger ein, indem er den Befehl gibt, daß man ihn mit Tagesanbruch wecke.

Aber dieser Befehl ist unmöthig, er selbst ist es, der um drei Uhr Morgens seine Generaladjutanten ruft und ein Pferd verlangt. Da immer eins bereit stand, so führt man es ihm herbei. Er springt hinauf, und nur von einigen Stabs-Officieren begleitet, durcheilt. er die ganze Linie. Russen und Franzosen sind an ihren Posten, und als der Tag anbricht, sieht Napoleon voller Freuden die ganze feindliche Armee auf den Terrassen, welche die Zugänge von Witebsk beherrschen. Drei Hundert Fuß unter ihnen fließt die Luczissa, ein reißender Strom, der von den Gebirgen herab sich in die Dwina ergießt. Vor der Armee stehen gleich Vorposten zehn Tausend Mann Cavalerie, die sich zu ihrer Rechten an die Dwina, und zu ihrer Linken an einen mit Infanterie besetzten und mit Kanonen bespickten Wald lehnen. Alles zeigt, wie man sieht, von einem festen Willen zu schlagen.

Napoleon hat mit einem einzigen Blicke die ganze feindliche Linie aufgefaßt, und seine Befürchtung ist verschwunden. Wenn die Russen nicht geneigt sind, uns anzugreifen, so scheinen sie zum mindesten entschlossen, sich zu vertheidigen. In diesem Augenblicke kommt der Vice-König zu Napoleon, der ihm seine Befehle ertheilt, und sogleich reitet er auf einen abgelegenen Berg zur Linken der Herrstraße, von wo aus er, zur Seite des Schlachtfeldes gestellt, die beiden Armeen übersehen kann.

In einem Augenblicke sind die gegebenen Befehle überbracht. Die Division Broussier, gefolgt von dem 18. Regimente leichter Infanterie und der Cavalerie-Brigade des General Piré wendet sich zur Rechten, überschreitet die Heerstraße und wird eine kleine Brücke wieder herstellen, die der Feind zerstört hat, und welche ihr den Uebergang über eine Schlucht gewähren wird, welche sich vor unserer Fronte, wie die Luczissa vor jener der Russen ausdehnt. Nach Verlauf von einer Stunde ist die Brücke wieder hergestellt, ohne daß der Feind den mindesten Widerstand gezeigt.

Die ersten, welche über die Schlucht gehen, sind zwei Hundert, Voltigeure von dem 9. Linien-Regimente, angeführt von den Kapitainen Gayard und Savary, sie werfen sich sogleich auf die Linke, wo sie, das äußerste Ende unseres Flügels bilden sollen, der sich, wie der russische, an die Dwina stützen wird. Ihnen folgt das von Murat geführte 16. Regiment Chasseur zu Pferde, hinter welchem einige Stücke leichter Artillerie marschieren. Die Division Delzons rückt ihrer Seits vor, als plötzlich, sey es nun, daß er sich durch seine gewöhnliche Hitze hat hinreißen lassen, oder sey es, daß er einen empfangenen Befehl übel ausgelegt, Murat sich an die Spitze des 16. Chasseur-Regiments stellt, und es auf die russischen Cavalerie-Massen stürzt, welche uns bis dahin ohne Bewegung und als ob es sich um eine Parade handele, haben defilieren sehen.

Man sieht nun, mit einem mit Schrecken gemischten Erstaunen sechs Hundert Mann zu einem Angriffe auf zehn Tausend vorrücken; aber bevor sie nur noch angelangt sind, hat schon die Beschaffenheit des durch den Winterregen eingesunkenen Bodens ihre Linien gebrochen, so daß, indem sie fühlen, daß jeder Widerstand ohnmöglich ist, sie bei der ersten Bewegung der russischen Uhlanen den Rücken wenden und die Flucht ergreifen; aber die Gräben, welche ihrem Angriffe geschadet, hemmen auf eine noch unglücklichere Weise ihren Rückzug. Auf das heftigste von den Piken verfolgt, sind die Chaffeurs überfallen, in den Gräben über den Haufen geworfen, und vereinigen sich nicht eher wieder, als unter dem Feuer des 53. Linien-Regiments. Murat allein, mit ohngefähr ein sechzig Officieren und Reitern hat sich gut gehalten, und immer fechtend ist er von den feindlichen Reitern überholt worden, mit denen er so vermengt ist, daß er es ist, der sie zu verfolgen scheint. Zwei Mal rettet ihm in diesem Handgemenge sein Reitknecht das Leben, ein Mal, daß er durch einen Pistolenschuß einen Soldaten tödtet, der im Begriffe steht, ihn mit der Lanze zu durchbohren, und das andere Mal dadurch, daß er einem Cavaleristen die Faust abhauet, der schon den Säbel über ihn erhoben hat. Plötzlich erblicken die russischen Uhlanen auf dem Hügel, wo er nur von einigen Garde-Chasseuren umgeben steht, den Kaiser, von dem sie nur noch einige Hundert Schritte entfernt sind: sie sprengen gerade auf ihn zu; die ganze Armee entsetzt sich, die zwei Hundert Voltigeure kehren im Laufschritte zurück; Murat mit seinen wenigen Tapferen dringt mit der Schnelligkeit eines Pfeiles durch sie, überholt sie und stellt sich am Fuße des Hügels auf, die Chasseurs steigen vom Pferde, und umringen Napoleon den Karabiner in der Hand, Murat selbst bemächtigt sich eines Gewehres und feuert. Dieser Widerstand, auf welchen die Uhlanen nicht gefaßt sind, hält sie auf, das Gewehrfeuer verdoppelt sich, die Division Delzons kommt im Sturmschritte herbei; nun sind es die fünfzehn oder achtzehn Hundert Uhlanen, die sich gefährlich verwickelt sehen: sie wenden sich plötzlich um, und sprengen im Galopp davon; aber auf halbem Wege begegnen sie den zwei Hundert französischen Voltigeuren, welche sich jetzt allein zwischen den beiden Armeen befinden: sie werden für alle bezahlen.

Einen Augenblick lang hält jeder diese zwei Hundert Tapfern für verloren, als man plötzlich im Mittelpunkte dieses Kreises, der sie einhüllt, und der sie fast den Blicken entzieht, ein wohlunterhaltenes Gewehrfeuer hört, von dem man zu gleicher Zeit die Verwüstungen sieht: das kam allein daher, weil diese wenigen Tapferen nicht an sich selbst verzweifelt hatten. Durch ein rasches Manöver haben die beiden Kapitaine ein Batailloncarrée aus ihnen gebildet, dessen vier Seiten das Eisen zeigen und den Tod ausspeien, die Uhlanen ihrerseits werden erbittert auf sie; inzwischen weicht das mörderische Bataillon kämpfend zurück, und erreicht ein von Gräben und Gebüsch durchschnittenes Terrain. Die Uhlanen, sie immer einhüllend, verfolgen, drängen sie, aber der ganze Weg, den sie schon zurückgelegt, bedeckt sich mit Todten und Verwundeten, und mehr als zwei Hundert Pferde ohne Reiter schwärmen in der Ebene herum. Die Russen werden halsstarrig, verwickeln sich in dem Gestrüppe, stürzen in die Gräben; das Gewehrfeuer fährt ohne Unterbrechung und mit einer Regelmäßigkeit fort, welche anzeigt, daß das Carrée immer unangetastet bleibt; endlich wenden die Uhlanen, dieses Kampfes überdrüssig, in welchem Gefahr für sie ist, ihrerseits den Rücken, und schließen sich wieder an die anderen Regimenter an, welche, gleich uns, bewegungslose Zuschauer dieses sonderbaren Turniers gewesen sind; ein letztes Gewehrfeuer verfolgt sie, und unsere ganze Armee stößt ein lautes Freudengeschrei aus, als es diese, durch ihren eigenen Muth, auf eine so außerordentliche und wundervolle Art befreiete Handvoll Menschen sieht.

Napoleon, der die augenblickliche Gefahr, in der er geschwebt, vergessen hat, um sein Theil an diesem kriegerischen Schauspiele zu nehmen, sendet einen General-Adjutanten ab, um diese zwei Hundert Tapfern zu fragen, von welchem Korps sie sind, der General-Adjutant bringt folgende Antwort zurück: Vom 9ten, Sire, und alles Kinder von Paris.

– Kehrt zurück, ihnen zu sagen, daß sie tapfere Leute sind, die alle das Ehren-Kreuz verdienten, und daß sie zehn Decorationen empfangen, die sie selbst unter sich verheilen sollen.

Diese Nachricht wird mit dem Rufe: Es lebe der Kaiser! empfangen.

Aber alles, was bis jetzt geschehen, ist nur noch ein Spiel gewesen, und die wahre Schlacht beginnt: die Division Broussier bildet sich Regimenterweise in ein doppeltes Carrée, und durch seine Artillerie beschützt geht es gerade auf den Feind los, während dem daß die Armee von Italien, die drei Divisionen des Grafen von Lobau und Murat’s Cavalerie die Heerstraße und den Wald angreifen, auf welchen die Russen ihren linken Flügel stützen. In zwei Stunden sind alle vorgeschobenen Stellungen in unserer Gewalt, und der Feind hat sich hinter die Luczissa zurückgezogen; jeder Mann hat das Beispiel der zwei Hundert Voltigeure befolgt, und fein Möglichstes gethan; besonders Murat, der eine Scharte auszuwetzen hatte, hat Wunder gethan.

Es war noch nicht Mittag, es blieb demnach Zeit genug übrig, um die Schlacht wieder anzuknüpfen, aber ohne Zweifel sieht Napoleon voraus, daß die Russen, erschreckt durch diese erste Niederlage, uns mit einer Arrier-Garde unterhalten, und sich von neuem auf den Rückzug begeben; er will den Anschein haben zu zögern, um weniger gefürchtet zu seyn. Dem zu Folge befiehlt er, mit dem Angreifen aufzuhören, durchwandert ruhig die ganze Linie, fordert jeden auf, sich zum Kampfe für den anderen Tag vorzubereiten, und geht zum Frühstücken auf einen Hügel in Mitte der Scharfschützen, wo eine Kugel einen Soldaten drei Schritte weit von ihm verwundet.

Während des Tages vereinigen sich die verschiedenen Armee-Korps, und langen nach und nach an.

Am Abende verläßt Napoleon Murat, indem er ihm sagt: – Auf morgen früh um fünf Uhr, die Sonne von Austerlitz.

Murat schüttelt als Zeichen des Zweifels den Kopf, und läßt sein Zelt an den Ufern der Luczissa, einen halben Flintenschuß weit von den feindlichen Vorposten aufschlagen.

Napoleon hatte sich nicht getäuscht: Barclay de Tolly hatte die Absicht sich zu halten, und den Eintritt von Smolensk zu vertheidigen, das er Bagration zum Sammelplatze bestimmt hatte, und wo von einem Augenblicke zum andern sich derselbe mit ihm vereinigen mußte; aber um elf Uhr in der Nacht erfährt der russische General, daß Bagration bei Mohilow geschlagen, und hinter den Dnieper zurückgeworfen ist; so daß, da alle Verbindungen abgeschnitten sind, er gezwungen ist, Smolensk wieder zu erobern, wo er die Befehle des Generals en Chef erwarten wird.

Um Mitternacht befiehlt Barclay de Tolly den Rückzug, der mit einer solchen Ordnung und in solcher Stille geschieht, daß Murat selbst nicht die mindeste Bewegung hört, in der That, da die für die Nacht angezündeten Feuer brennend geblieben sind; so glaubt die ganze Armee noch an die Gegenwart der Russen. Mit Anbruch des Tages erwacht Napoleon und tritt vor die Schwelle eines Zeltes, alles ist still und öde dort, wo am Abende vorher noch sechzig Tausend Mann standen; die Russen sind ihm nochmals zwischen den Händen entschlüpft.

Napoleon kann noch nicht an ihren Rückzug glauben, so sehr hat er ihre Gegenwart gewünscht, er befiehlt, daß die Armee nicht ohne eine starke Avantgarde und mit Spähern auf den Flügeln vorrückt, so sehr ist er besorgt, überrascht zu werden; aber bald ist er gezwungen, sich der Wirklichkeit zu ergeben: er befindet sich in Mitte des Lagers von Barclay selbst, und ein Soldat, den man unter den Gebüschen entschlafen überrascht, ist alles, was von der russischen Armee übrig geblieben.

Zwei Stunden nachher zieht man in Witebsk ein: Witebsk ist verlassen; mit Ausnahme einiger Juden begegnet man darin keinem Einwohner. Napoleon, der noch nicht an diesen ewigen Rückzug glauben kann, läßt sein Zelt im Hofe des Schlosses aufschlagen, wohl um anzudeuten, daß er nur einen Halt macht. Zwei Recognoseirungen sind angeordnet, die eine geht den Lauf der Dwina hinauf, die andere soll den Weg von Smolensk durchsuchen; die eine wie die andere kehren zurück, ohne etwas anderes gesehen zu haben, als einige herumziehende Kosacken, die sich bei ihrer Annäherung zerstreueten; aber von den sechzig Tausend Mann, die man am Abende zuvor vor den Augen hatte, ist keine Spur mehr da, sie sind gleich Gespenstern verschwunden.

Zu Witebsk überfallen Napoleon die traurigsten Nachrichten; nach den Berichten Berthiers ist der sechste Theil der Armee von der Ruhr befallen; der zu Rath gezogene Belliard antwortet: daß, noch sechs Tage eines solchen Marsches, es keine Cavalerie mehr geben würde. Nun wirft Napoleon von den Fenstern des Schlosses aus die Blicke auf die Stadt, die er durch die Natur so bewunderungswürdig vertheidigt sieht, daß die Kunst fast nichts mehr für sie zu thun hat. Sogleich folgen sich in feinem Kopfe die Ideen einander: man ist sechs Hundert Stunden von Frankreich, Litthauen ist erobert, es muß organisiert werden; man ist Besieger, freilich nicht von Menschen, aber man ist Besieger von Orten; es ist demnach erlaubt still zu halten, und den frühzeitigen und schrecklichen Winter Rußlands abzuwarten. Witebsk wird ein herrlicher Kantonnirungs-Hauptort seyn; der Lauf der Dwina und des Dnieper werden die französische Linie bezeichnen; das Belagerungsgeschütz wird nach Riga gehen, der linke Flügel der Armee sich auf diese letztere Stellung stützen. Witebsk, dem die Natur Wälder gegeben hat, und dem Napoleon Mauern geben will, wird als verschanztes Lager im Centrum dienen; der rechte Flügel wird sich bis nach Bobruisk erstrecken, dessen man sich bemächtigt! Blockhäuser werden auf der ganzen Linie erbaut.

Auf diese Weise gelagert, wird der großen Armee nichts fehlen; außer den Magazinen von Danzig, von Wilna und von Minsk, wird man Kurland und Samogitien in Contribution setzen; sechs und dreißig ungeheure Backöfen werden erbaut werden, welche auf einmal dreißig Tausend Pfund Brod liefern können. – Das für die materielle Nothdurft.

Elende Hütten verderben den Schloßplatz, sie sollen abgebrochen und die Trümmern fortgeschafft werden; die Stadt ist verlassen, man wird die reichsten Herren und die elegantesten Frauen von Wilna und Warschau einladen, um den Winter daselbst zuzubringen; man wird ein Schauspielhaus bauen, und zu seiner Einweihung werden Talma und Demoiselle Mars nach Witebsk kommen, wie sie nach Dresden gekommen sind. – Das für den Luxus.

Nachdem dieser Plan, zu dessen Reifwerden eine halbe Stunde ausgereicht, einmal in seinem Geiste gefaßt war, schnallt Napoleon seinen Degen ab, wirft ihn auf einen Tisch, und sich dann an den eben eintretenden König von Neapel wendend, sagte er zu ihm:

– Murat, der erste Feldzug von Rußland, ist beendigt: pflanzen wir hier unsere Adler auf, ich will hier zu mir selbst kommen und mich sammeln; zwei große Flüsse bezeichnen unsere Stellung; bilden wir das geschlossene Carrée; Kanonen an die Ecken und ins Innere, damit ihr Feuer sich überall kreuzt; 1813 wird uns zu Moskau sehen, 1814 zu St. Petersburg. Der Krieg von Rußland ist ein Krieg von drei Jahren.

Das war der gute Genius Napoleons, der auf diese Weise in diesem Augenblicke sprach, aber der Dämon des Krieges sollte nicht zögern, seine Herrschaft wieder zu ergreifen; nach Verlauf von vierzehn Tagen waren alle diese großen Pläne wieder verschwunden; und gleich einem ermüdeten Riesen, der wieder Athem geschöpft, setzte er nach vierzehn Tagen seinen Lauf fort. Am 18. August fiel Smolensk in unsere Gewalt; am 16. September stand Moskau in Flammen, und am 13. December ging Napoleon nächtlicher Weise flüchtig wieder über den Niemen, allein und verfolgt durch das Gespenst der großen Armee.

Ein andächtiger Pilger unseres Ruhmes wie unsrer Unglücksfälle, war ich seit Wilna demselben Wege gefolgt, den Napoleon zwölf Jahre zuvor gemacht hatte, indem ich alle die Sagen sammelte, welche die guten Litthauer über seinen Durchzug bewahrt hatten. Gern hätte ich auch noch Smolensk und Moskau, dieses neue Pultawa, sehen mögen; aber dieser Weg hätte mich gezwungen, zwei Hundert Stunden mehr zu machen, und das war mir ohnmöglich. Nachdem ich einen Tag in Witebsk geblieben und das Schloß besucht, auf welchem sich Napoleon vierzehn Tage aufgehalten hatte, ließ ich Pferde und einen jener kleinen Wägen kommen, deren sich die russischen Couriere bedienen, und die man Perekladnoi’s nennt, weil man sie auf jeder Post wechselt. Ich warf meinen Mantelsack hinein und hatte bald Witebsk hinter mir, fortgeführt durch meine drei Pferde, von denen das mittlere mit hochgehobenem Kopfe trabt, während die beiden anderen zur Rechten und zur Linken galoppieren, indem sie wiehern und den Kopf senken, als ob sie die Erde verzehren wollten.

Uebrigens verließ ich nur eine Erinnerung für eine andere. Dieses Mal folgte ich dem Wege, welchen Katharina bei ihrer Reise nach Tauris eingeschlagen hatte.




II


Aus Witebsk herausfahrend fand ich die russische Zollstätte; da ich aber nur einen Mantelsack bei mir hatte, so dauerte trotz der sichtlich guten Absicht, welche der Beamte des Postens die Untersuchung in die Länge zu ziehen hatte, dieselbe doch nur zwei Stunden zwanzig Minuten, was in den Annalen des moscowitischen Zollwesens beinahe unerhört ist. Nachdem diese Untersuchung geschehen, so konnte ich in dieser Beziehung bis nach St. Petersburg unbesorgt sein.

Am Abende gelangte ich nach Veliki-Louki, dessen Name großer Bogen bedeutet, es verdankt diese malerische Bezeichnung den Krümmungen des Flusses Lova, welcher unter seinen Mauern hinfließt. Im 11. Jahrhunderte erbauet, wurde diese Stadt im 12. Jahrhunderte von den Litthauern verwüstet, dann von dem Könige von Polen, Ballori, erobert, hierauf Iwan Wasiewith wiedergegeben, und dann endlich durch den falschen Demetrius verbrannt. Neun Jahre lang öde geblieben wurde sie wieder durch die Kosacken vom Don und vom Jaik bevölkert, von denen die gegenwärtige Bevölkerung fast ganz abstammt, Sie hat drei Kirchen, von welchen zwei an der Hauptstraße liegen, und vor welchen mein Postillon im Vorüberfahren nicht ermangelte, das Zeichen des Kreuzes zu machen.

Trotz der Härte des nicht hängenden Wagens, den ich gekommen, und dem schlechten Zustande der Straßen, war ich doch entschlossen, mich durchaus nicht aufzuhalten; denn man hatte mir gesagt, daß ich die hundert und zwei und siebzig Stunden, welche Witebsk von St. Petersburg trennen, in acht und vierzig Stunden machen könnte, ich hielt mich demnach vor den Posthäusern nicht länger auf, als Zeit nöthig die Pferde anzuspannen, und fuhr gleich wieder weiter. Es ist unnöthig zu sagen, daß ich die ganze Nacht keine Stunde lang schlief, ich tanzte in meinem Karren, wie eine Nuß in ihrer Schaale. Ich versuchte wohl, mich an der hölzernen Bank, über welche man eine Art von ledernem Kissen von der Dicke eines Buches Papier ausgebreitet hatte, festzuklammern, aber nach Verlauf von zehn Minuten waren meine Arme, verstaucht und ich gezwungen, mich von Neuem diesem entsetzlichen Gerüttel zu überlassen indem ich von Grund meines Herzens die ungleichen russischen Courier bedauerte, die zuweilen ein Tausend Meilen in einem solchen Wagen machen.

Schon war der Unterschied der moscowitischen Nächte und der Nächte Frankreichs fühlbar. In jedem anderen Wagen würde ich haben lesen können, ich muß sogar gestehen, daß ich, ermüdet durch meine Schlaflosigkeit, es versuchte; aber bei der vierten Zeile sprang mir das Buch bei einem Stoße aus den Händen, und da ich mich bückte, um es wieder aufzuraffen, warf mich ein anderer Stoß von der Bank. Ich brachte eine gute halbe Stunde damit zu, mich in meinem Kasten abzukämpfen, bevor ich mich wieder auf meine Beine setzen konnte, und ich war von dem Belangen meine Lektüre fortzusetzen,geheilt.

Mit Tages Anbruch befand ich mich in Bejanitzi, einem kleinen Dorfe ohne Bedeutung, und um vier Uhr Nachmittags zu Porkhoff, einer alten an der Chelonia gelegenen Stadt, welche ihren Leinsaamen und ihr Getreide nach dem Ilmer-See bringt, von wo diese Erzeugnisse durch den Fluß, der diese beiden Seen unter sich verbindet, den Ladoga erreichen: ich war auf der Hälfte meines Weges. Ich gestehe daß meine Versuchung groß war, eine Nacht anzuhalten aber die Unsauberkeit des Wirthshauses war so fürchterlich, daß ich mich wieder in meinen Karren warf. Ich muß auch gestehen, daß die mir vom Postillon gegebene Versicherung, daß der Weg, welchen ich noch zu machen hatte, besser sey, als der, welchen ich zurückgelegt, viel zu diesem heroischen Entschlusse beitrug. Dem zu. Folge fuhr mein Perekladnoi wieder im Galop davon, und ich fuhr fort, mich wieder im dem Inneren meines Kastens abzukämpfen, während dem daß mein Postillon auf einem Bocke ein schwermüthiges Lied sang, von dem ich zwar die Worte nicht verstand, dessen Melodie mir aber auf eine wundervolle Weise auf meine schmerzliche Lage anwendbar schien. Wenn ich sage, daß ich einschlief, so wird man mir nicht glauben, und ich würde es selbst nicht geglaubt haben, wenn ich nicht mit einer fürchterlichen Beule an der Stirn erwacht wäre. Es hatte eine solche heftige Erschütterung stattgefunden, daß der Postillon von seinem Bocke geschleudert worden war. Was mich anbetrifft, so war ich durch das Dach meines Karrens zurückgehalten worden, und die Beule, welche mich erweckt hatte, kam von der Berührung meiner Stirn mit dem Weidenholze. Ich hatte nun die Idee, den Postillon in den Wagen, und mich auf den Bock zu setzen; aber welche Anerbietungen ich ihm auch machte, er wollte nicht einwilligen, sey es nun, daß er nicht verstand, was ich von ihm verlangte, oder sey es, daß er seine Pflicht zu verletzen glaubte, wenn er meiner Aufforderung gehorche. Dem zu Folge begaben wir uns wieder auf den Weg; der Postillon begann seinen Gesang wieder, und ich meinen Tanz. Gegen fünf Uhr Morgens kamen wir nach Selogorodez, wo wir anhielten, um zu frühstücken. Dem Himmel sey Dank, es blieben uns nur noch ein fünfzig Stunden zu machen.

Seufzend kehrte ich in meinen Käfig zurück, und setzte mich wieder auf meinen Stock. Nur fiel mir jetzt ein zu fragen, ob es nicht möglich wäre, das Dach meines Karrens abzunehmen, worauf man mir antwortete, daß nichts leichter von der Welt sey. Ich befahl demnach, daß man sogleich an’s Werk schritte, und es war jetzt nur noch der untere Theil meiner Person, der sich fortwährend in Gefahr befand.

Zu Louga hatte ich einen nicht minder glücklichen Einfall, als den ersteren, er bestand darin, die Bank wegzunehmen, Stroh auf dem Boden meines Wagens auszubreiten, und mich darauf zu legen, indem ich mir aus meinem Mantelsacke ein Kopfkissen machte. So von Verbesserung zu Verbesserung schreitend, wurde mein Zustand am Ende beinahe erträglich.

Mein Postillon ließ mich nach und nach vor dem Schlosse von Garchina, wohin Paul I. während der ganzen Zeit der Regierung Katharinas verbannt war, und vor dem Palast von Zarsko-Selo, der Sommer-Residenz des Kaisers Alexander, anhalten; aber ich war so ermüdet, daß ich mich nur den Kopf zu erheben begnügte, um diese beiden Wunder anzuschauen, indem ich mir vornahm, später in einem bequemeren Wagen zurückzukehren, um sie zu sehen.

Beim Hinausfahren aus Zarsko-Selo brach plötzlich die Achse einer Droschke, welche vor mir fuhr, und der Wagen legte sich ohne umzuwerfen auf die Seite. Da ich auf Hundert Schritte hinter der Droschke war; so hatte ich Zeit, bevor ich sie einholte, aus derselben einen langen und mageren Herrn steigen zu sehen, der in der einen Hand einen Claquehut, und in der anderen eine jener kleinen Violinen hielt, die man Sackgeigen nennt. Er war in einen schwarzen Rock, wie man sie im Jahre 1812 in Paris trug, in schwarze Beinkleider, schwarzseidene Strümpfe und Schnallen-Schuhe gekleidet, und sobald er sich auf der Heerstraße befand, begann er Battierungen mit dem rechten Beine, dann mit dem linken Beine, hierauf Entrechats mit allen beiden Beinen zu machen, und endlich sich dreimal um sich selbst zu drehen, ohne Zweifel um sich zu überzeugen, daß er nichts gebrochen hätte. Die Besorgniß, welche dieser Herr für seine Erhaltung zeigte, fesselte mich dermaßen, daß ich nicht an ihm vorüber gehen zu können glaubte, ohne still zu halten und ihn zu fragen, ob ihm etwa ein Unfall begegnet sey.

– Keiner, mein Herr, keiner, antwortete er, wenn es nicht der ist, daß ich meine Stunde verfehlen werde, eine Stunde, die man mir mit einem Louisdor bezahlt, mein Herr, und der hübschesten Person von St. Petersburg, an Fräulein von Vlodeck, welche übermorgen Philadelphie, eine der Töchter des Lord Warton, in dem Tableau Anton Vandyks bei dem Feste vorstellt, welches der Hof der Erb-Herzogin von Weimar gibt!

– Mein Herr, antwortete ich ihm, ich verstehe nicht recht, was Sie mir sagen, aber es macht nichts, wenn ich Ihnen in etwas dienen kann?

– Wie, mein Herr, ob Sie mir in etwas dienen können? Mein Gott, Sie können mir das Leben retten. Denken Sie sich, mein Herr, ich komme so eben von einer Tanzstunde, welche ich der Prinzessin Lubomirska gegeben habe, deren Landhaus zwei Schritte weit von hier ist, und die die Cornelia vorstellt. Eine Stunde von zwei Louis d’or, mein Herr, ich gebe für weniger keine; ich habe den Zulauf, ich benutze ihn; das ist ganz einfach, es gibt in St. Petersburg keinen andern französischen Tanzmeister, als mich. Nun denken Sie sich, daß dieser Schelm da mir einen Wagen gibt, der zerbricht, und der mich beinahe lahm gemacht hätte; glücklicher Weise sind die Beine heil. Ich werde mir Deine Nummer merken, geh, Schurke.

– Wenn ich mich nicht irre, mein Herr, antwortete ich ihm, so besteht der Dienst, welchen ich Ihnen erweisen kann, darin, daß ich Ihnen einen Platz in meinem Wagen anbiete?

– Ja, mein Herr, Sie haben es gesagt, das würde ein unermeßlicher Dienst sein, aber wahrlich, ich wage nicht . . .

– Wie denn, unter Landsleuten . .

– Mein Herr ist Franzose?

– Und unter Künstlern . . .

– Mein Herr ist Künstler? Ach! mein Herr, St. Petersburg ist ein recht schlechter Platz für Künstler. Der Tanz, vor allen der Tanz; o! er geht nur auf einem Beine. Mein Herr ist doch nicht zufällig Tanzmeister?

– Wie, der Tanz geht nur noch auf einem Beine, aber Sie sagten mir doch eben, daß man Ihnen die Stunde mit einem Louis d’or bezahlt: sollte das vielleicht zufällig sein, um auf einem Beine hüpfen zu lernen? Ein Louis d’or, mein Herr, das ist inzwischen ein hübsches Geld, wie mir scheint?

– Ja, ja, in diesem Augenblicke, wegen der Umstände, ohne Zweifel, aber, mein Herr, es ist nicht mehr das alte Rußland. Die Franzosen haben alles verdorben. Mein Herr ist doch nicht Tanzmeister, denke ich?

– Man hat mir inzwischen von St. Petersburg als von einer Stadt gesprochen, in der jeder sich Auszeichnende gewiß wäre, eine gute Aufnahme zu finden?

– Ach ja! ja, mein Herr, früher war es so bis zu dem Grade, daß es daselbst einen elenden Perückenmacher gab, der bis auf 600 Rubel täglich verdiente, während dem ich Mühe habe, wenn ich deren 80 verdiene. Mein Herr ist doch nicht Tanzmeister, hoffe ich?

– Nein, mein lieber Landsmann, antwortete ich endlich, indem ich Mitleiden mit seiner Besorgniß hatte, und Sie können ohne Furcht, sich neben einem Nebenbuhler zu befinden, in den Wagen steigen.

– Mein Herr, ich nehme es mit dem größten Vergnügen an, rief sogleich mein Vestris aus, indem er sich neben mich setzte. Und Dank sei Ihnen, ich werde noch zu rechter Zeit in St. Petersburg sein, um meine Stunde zu geben.

Der Kutscher fuhr im Galopp davon; drei Stunden nachher, das heißt, mit einbrechender Nacht zogen wir in Petersburg durch das Thor von Moskau ein, und zu Folge der Auskunft, welche mir mein Reisegefährte gegeben, der mir, seitdem er die Ueberzeugung erlangt, daß ich kein Tanzmeister wäre, eine bewunderungswürdige Artigkeit gezeigt, stieg ich in dem Hotel von London, auf dem Admiralitäts-Platze, an der Ecke der Newskischen Perspective, ab.

Dort verließen wir uns; er sprang in eine Droschke, und ich trat in das Hotel.

Ich habe nicht nöthig zu sagen, daß, welche Lust ich auch hatte, die Stadt Peter I. zu besuchen, ich die Sache auf den andern Tag verlegte, ich war buchstäblich zerschmettert, und konnte mich nicht mehr auf meinen Beinen halten: kaum hatte ich die Kraft, in mein Zimmer hinauf zu gehen, wo ich glücklicher Weise ein gutes Bett fand, ein Möbel, das ich seit Wilna gänzlich entbehrt hatte.

Am andern Tage erwachte ich um Mittag, das erste, was ich that, war an mein Fenster zu eilen: ich hatte den Admiralitäts-Palast mit seinem langen, von einem Schiffe überragten goldenen Pfeile und seinem Baumgürtel vor mir; zu meiner Linken befand sich das Senats-Gebäude, zu meiner Rechten der Winterpalast und die Eremitage, dann in Zwischenräumen jene glänzenden Monumente, schmale Aussichten auf die Newa, die mir breit wie ein Meer schien.

Ich frühstückte während des Ankleidens, und sobald ich angekleidet war, eilte ich auf den Kai des Palastes, den ich bis an die Troitskoi-Brücke hinaufging, eine Brücke, die im Vorbeigehen gesagt, achtzehn Hundert Fuß lang ist, und von wo aus zuerst die Stadt zu übersehen man mich aufgefordert hatte. Das war der beste Rath, den ich in meinem Leben empfangen habe.

In der That, ich weiß nicht, ob es in der ganzen Welt ein dem ähnliches Panorama gibt, als das, welches sich vor meinen Augen entfaltete, als ich, den Rücken nach dem Stadtviertel von Wiborg drehend, meine Blicke bis nach den Inseln von Volnoi und nach dem Finnischen Meerbusen schweifen ließ.

Neben mir zu meiner Rechten, durch zwei leichte Brücken wie ein Schiff vor Anker liegend, erhob sich auf der Insel Aptekarsko die Festung, die erste Wiege von St. Petersburg, über deren Mauern sich der goldene Pfeil der Sanct Peters- und Sanct Pauls-Kirche, in welcher die Czaren begraben sind, schwenkte, und das ganz grüne Dach des Münzgebäudes. Der Festung gegenüber und auf dem andern Ufer hatte ich zu meiner Linken den Marmor-Palast, dessen großer Fehler ist, daß der Baumeister ihm ein Façade zu geben vergessen zu haben scheint; die Eremitage, eine von Katharina II. gebaute allerliebste Zufluchtsstätte gegen das Hofceremoniell, der kaiserliche Winterpalast, merkwürdiger durch seine Masse, als durch seine Gestalt, durch seine Großartigkeit, als durch seine Bauart, die Admiralität, mit ihren beiden Flaggen und ihren Granittreppen, die Admiralität, dieses riesenhafte Centrum, von wo aus die drei Hauptstraßen von St. Petersburg auslaufen; die Newskische Perspective, die Erbsenstraße, und die Auferstehungsstraße; – endlich, jenseits der Admiralität, der englische Kai mit seinen prachtvollen Gebäuden, welche die neue Admiralität beschließt.

Nachdem ich meine Blicke dieser langen Reihe majestätischer Gebäude hatte folgen lassen, richtete ich sie wieder nach der mir gegenüber liegenden Seite: dort erhob sich an der Spitze der Insel Wasiliefsko die Börse, ein neueres Denkmal, das, man weiß nicht recht warum, zwischen zwei, mit Schiffsschnäbeln verzierten Säulen gebaut ist, deren halbrunde Treppen ihre letzten Stufen in dem Flusse baden. Nach ihr befindet sich auf dem Ufer, welches nach dem englischen Kai geht, die Reihe der zwölf Kollegien, die Akademie der Wissenschaften, die der schönen Künste, und am Ende dieser prachtvollen Aussicht, die Bergwerksschule, welche am äußersten Ende der vom Flusse beschriebenen Biegung liegt.

An der andern Seite dieser Insel, welche ihren Namen einem Lieutenant Peters I., Namens Basilius verdankt, welchem dieser Fürst das Kommando übergeben hatte, während dem er selbst mit dem Baue der Festung beschäftigt, seine kleine Hütte auf der Insel Petersburg bewohnte, läuft nach den Inseln Volnoi der Arm des Flusses, den man die kleine Newa nennt. Dort ist es, wo in Mitte von köstlichen, mit vergoldeten Gittern verschlossenen Gärten, die alle für die drei Sommer-Monate, welche Petersburg genießt, mit Afrika und Italien entlehnten Blumen und Staudengeschmückt sind, die während der anderen neun Monate des Jahres die Temperatur ihres Mutterlandes in den Gewächshäusern finden, dort ist es, sage ich, wo die Landhäuser der reichsten Großen St. Petersburgs liegen. Eine dieser Inseln gehört selbst ganz der Kaiserin, welche daselbst einen allerliebsten Palast hat aufrichten lassen und sie ganz in Gärten und Spaziergänge verwandelt hat.

Wenn man den Rücken der Festung zuwendet, und wenn man den Blick dem Laufe des Flusses nach hinauf, anstatt hinunter wendet, so wechselt die Aussicht den Charakter, indem sie immer großartig bleibt. In der That, von dieser Seite aus hatte ich an den beiden Enden der Brücke selbst, auf welcher ich stand, auf der einen Seite die Kirche der Dreieinigkeit, und auf der anderen den Sommer-Garten; dann auf meiner Linken das kleine hölzerne Haus, welches Peter I. bewohnte, während dem er die Festung bauen ließ. Neben dieser Hütte befindet sich noch ein Baum, an welchem in der Höhe von ohngefähr zehn Fuß ein Mutter-Gottes-Bild angenagelt ist. Als der Gründer von St. Petersburg frug, zu welcher Höhe sich bei großem Steigen der Fluß erhöbe, so zeigte man ihm dieses Mutter-Gottes-Bild, und bei diesem Anblicke war er nahe dran, sein riesenhaftes Unternehmen aufzugeben. Der heilige Baum und das unsterblich gewordene Haus sind von einem Gebäude mit Säulenhallen umgeben, das bestimmt ist gegen den Zahn der Zeit und die Angriffe des Climas diese Hütte zu beschützen, die von einer plumpen. Einfachheit nur aus drei Gemächern besteht, einem Speise-Saal, einem Salon und einem Schlaf-zimmer. Peter gründete eine Stadt, und hatte sich nicht die Zeit genommen, für sich ein Haus zu bauen.

Ein wenig weiter, immer zur Linken und auf der anderen Seite der großen Newa, liegt das alt Petersburg, das Militair-Hospital, die medicinische Akademie, endlich das Dorf Okla und seine Umgebungen; – diesen Gebäuden gegenüber, zu Rechten die Kaserne der Ritter-Garden, der taurische Palast mit seinem smaragdenen Dache, die Artillerie-Kasernen, das Armenhospital, und das alte Kloster von Smolna.

Ich vermag nicht zu sagen, wie lange ich in Entzücken versunken vor diesem doppelten Panorama verblieb. Auf den zweiten Blick glichen vielleicht alle die Paläste ein wenig zu sehr einer Opern-Decoration, und alle diese Säulen, die in der Ferne Marmor ähnlich sahen, wären in der Nähe vielleicht zu Backstein geworden; aber auf den ersten Blick ist es etwas Wundervolles, welches, so groß auch die Idee seyn möge, die man sich davon gemacht, sie dennoch übertrifft.

Es schlug vier Uhr. Man hatte mir gesagt, daß um halb fünf die Table d’hote angerichtet sey, ich schlug demnach zu meinem großen Bedauern den Weg nach dem Hotel ein, indem ich dieses Mal vor der Admiralität vorüber ging, um in der Nähe die kolossale Statue Peter I. zu sehen, die ich von meinem Fenster aus erblickt hatte.

Erst im Zurückkehren war es, so sehr war ich bis dahin mit den großen Massen beschäftigt gewesen, daß ich einige Aufmerksamkeit auf die Bevölkerung verwandte, welche es inzwischen durch den sehr verschiedenen Charakter, den sie zeigt, wohl verdient, daß man sich mit ihr beschäftigt. Zu St. Petersburg ist alles bärtiger Sklave, oder großer Herr mit Ordensbändern; es gibt keine Mittelklasse.

Freilich reizt auf den ersten Anblick der Moujick das Intresse eben nicht: im Winter umgewandte Schaffelle, im Sommer gestreifte Hemden, die anstatt in den Beinkleidern zu stecken, auf die Knie fallen, Sandalen, mit Riemen an den Füßen befestigt, die sich über die Beine kreuzen, kurze und gerade unter dem Nacken abgeschnittene Haare, ein langer Bart, der sich so struppig, wie es der Natur gefällt, entwickelt, das sind die Männer; – Pelze von gemeinem Stoffe, oder lange Kamisöler mit dicken Falten, die bis über den halben Unterrock hinabgehen, ungeheure Stiefel, in denen die Füße und das Bein ihre Form verlieren, das sind die Frauen.

Dagegen muß man aber auch sagen, daß man vielleicht in keinem Lande der Welt unter dem Volke einer solchen Heiterkeit der Gesichtszüge begegnet. In Paris drückt sich unter zehn der untersten Klasse der Gesellschaft angehörenden Gesichtern zum mindesten auf fünf oder sechs das Leiden, das Elend, oder die Angst aus. In St. Petersburg niemals etwas von dem allen. Der Sklave, der immer sicher der Zukunft, und fast immer zufrieden mit der Gegenwart, der sich weder um seine Wohnung, noch um seine Kleidung, noch um seine Nahrung zu bekümmern braucht, Sorgen, die sein Herr für ihn zu übernehmen gezwungen ist, wandert in das Leben ohne eine andere Bekümmerniß hinein, als die, einige Peitschenhiebe zu empfangen, an welche seine Schultern sei langer Zeit gewöhnt sind. Diese Hiebe vergißt er außerdem, Dank dem abscheulichen Kornbrandwein, den er zu seinem gewöhnlichen Getränk macht, sehr bald, und dieser gibt ihm anstatt ihn aufzureizen, wie der Wein, in dem sich unsere Lastträger berauschen, die demüthigste und tiefste Verehrung für seine Vorgesetzten, für seines Gleichen eine zärtlichere Freundschaft, und für alle endlich ein Wohlwollen der drolligsten und rührendsten Art, die ich kenne.

Das ist also wohl ein Grund, wieder auf den Moujick zurückzukommen, von dem uns ein ungerechtes Vorurtheil anfangs entfernt hat.

Eine andere Eigenthümlichkeit, die mich auch überraschte, ist die freie Cirkulation in den Straßen, ein Vortheil, den die Stadt ihren drei großen Kanälen, die sie einkreisen, verdankt, und durch – welche die Abfälle weggeschlemmt, die Aus- und Einzüge besorgt werden, die Nahrungsmittel ankommen und das Holz gefahren wird. Auf diese Weise findet niemals eine Versperrung von Karren statt, die uns zwingen, drei Stunden lang zu Wagen auf einem Wege zuzubringen, den man zu Fuße in zehn Minuten machen würde. Im Gegentheile, überall ist Raum: die Straße für die Drosky, die Kibick, die Briska und die Kutschen, welche sich nach allen Richtungen hin mit einer unsinnigen Schnelligkeit kreuzen, was nicht verhindert, daß man jeden Augenblick das Wort: pascaré, pascaré, schneller, schneller, hört; – die Trottoirs für die Fußgänger, die niemals überfahren werden, als wenn sie es durchaus seyn wollen; auch haben die russischen Kutscher eine solche Gewandheit, um ihr im stärksten Galopp dahin sprengendes Gespann kurz aufzuhalten, daß man dann noch viel geschickter, als der Kutscher seyn muß, damit einem kein Unfall begegnet.

Ich vergaß noch eine andere Vorsichtsmaßregel der Polizei, um den Fußgängern anzudeuten, daß sie auf den Trottoirs gehen müssen: die ist, daß wenn sie sich nicht wie die Pferde mit Eisen beschlagen lassen, es sehr ermüdend wird, auf dem Pflaster zu gehen, das auf eine angenehme Weise an die kleinen Kiesel Lyons erinnert. Demnach sagt man auch von St. Petersburg, daß es eine vornehme und schöne Dame ist, die prachtvoll gekleidet, aber abscheulich chauffiert sey.

Unter den Zierden, welche ihm seine Czare verliehen, ist ganz gewiß eine der ersten die Statue Peter I., welche es der Freigebigkeit Katharina II. verdankt. Der Czar reitet auf einem wilden Pferde, das sich bäumt, das Bild des moscowitischen Adels, den er so viele Mühe gehabt hat zu bändigen. Er sitzt auf einer Bärenhaut, welches den Zustand der Barbarei vorstellt, in welchem er sein Volk gefunden hat. Dann rollte man, als der Künstler seine Statue beendigt hatte, damit die Allegorie vollständig sey, einen rohen Felsen nach St. Petersburg, um ihr als Fußgestell zu dienen, zum Sinnbilde der Schwierigkeiten, welche der Civilisator des Nordens zu übersteigen gehabt hätte. Folgende lateinische Inschrift, welche auf der anderen Seite in russischer Sprache wiedergegeben ist, ist in den Granit gegraben:

Petro primo Catharina secunda. 1782.

Es schlug halb fünf, als ich zum dritten Male die Runde um das Gitter machte, welches dieses Monument einschließt, ich war demnach gezwungen, das Meisterstück unseres Landsmannes Falconnet zu verlassen, indem ich sonst große Gefahr gelaufen hätte, keinen Platz mehr an der Table d’hote zu finden. "

St. Petersburg ist die größte kleine Stadt welche ich kenne. Die Nachricht von meiner Ankunft hatte sich schon durch meinen Reisegefährte verbreitet, und da er nichts anderes von mir hatte sagen können, als daß ich mit Post reisete und kein Tanzmeister wäre; so hatte die Nachricht die Besorgniß, unter den Haufen französischer Industrie Ritter, welche den Titel Kolonie angenommen, geworfen, denn jeder empfand in Beziehung auf mich die Angst, welche mir mein Pirouetten-Macher so treuherzig an den Tag gelegt, und befürchtete in mir einem Conkurrenten oder einem Nebenbuhler zu begegnen.

Mein Eintritt in den Saal veranlaßte demnach auch ein so allgemeines Geflüster unter den ehren werthen Tischgenossen der Table d’hote, welche fast alle zur Kolonie gehörten, und jeder suchte in meinen Zügen zu lesen und aus meinen Manieren zu errathen, welcher Classe ich angehöre. Das war schwer, und erforderte zum mindesten einen großen Scharfsinn, denn ich begnügte mich zu grüßen und mich zu setzen.

Durch den Eifer des ersten Angriffes und der Scheu des ersten Zusammentreffens wurde mein Incognito während der Suppe noch ziemlich respektiert. Aber nach dem Rindfleisch machte sich die so lange unterdrückte Neugierde durch meinen Nachbar zur Rechten Luft.

– Mein Herr ist in St. Petersburg fremd, sagte er zu mir, indem er mir sein Glas hinreichte und sich verbeugte.

– Ich bin gestern Abend angekommen, sagte ich, indem ich ihm zu trinken einschenkte, und mich meinerseits verbeugte.

– Mein Herr ist ein Landsmann, sagte nun mein Nachbar zur Linken mit einem Tone falscher Brüderschaft zu mir.

– Ich weiß nicht, mein Herr, ich bin aus Paris.

– Und ich von Tours, dem Garten Frankreichs, der Provinz, in welcher man, wie Sie wissen, den schönsten Dialekt redet. Ich bin demnach auch nach St. Petersburg gekommen, um daselbst Dutchitel zu werden.

– Ohne Unbescheidenheit, mein Herr, fragte ich meinen Nachbar zu Rechten, darf ich Sie fragen, was das ist, ein Dutchitel?

– Ein Partizipien-Händler, antwortete mir mein Nachbar mit der verächtlichsten Miene.

– Ich will hoffen, fuhr mein Tourainer fort, daß mein Herr nicht aus derselben Absicht als ich kommt, sonst würde ich ihm einen freundschaftlichen Rath geben: nämlich ganz geschwind wieder nach Frankreich umzuwenden.

– Und warum das, mein Herr?

– Weil die letzte Professoren-Messe in Moskau sehr schlecht ausgefallen ist.

– Wie die Professoren-Messe? rief ich verdutzt aus.

– Ei! ja, mein Herr Wissen Sie nicht, daß dieser arme Herr Le Duc dieses Jahr die Hälfte auf seine Waare verloren hat?

– Mein Herr, sagte ich, indem ich mich an meinen Nachbar zur Rechten wandte, wollten Sie mir nicht. Sie zu fragen erlauben, was dieser Herr Le Duc ist?

– Ein ehrenwerther Speisewirth, mein Herr, der Unterricht-Ertheiler feil hält, sie beherbergt und sie nach ihren Verdiensten taxiert, und der, wenn Ostern und Weihnachten, diese hohen Feste der Russen, herbeigekommen, während welcher die Großen sich nach der Hauptstadt zu begeben gewöhnt sind, seine Magazine öffnet, und außer den Kosten, welche er für die Professoren aufgewandt, noch eine Comissions-Gebühr hat. Nun ist ihm denn dieses Jahr der dritte Theil seiner Schulfüchse übrig geblieben, und man hat ihm ein Sechstel von denen, welche er in die Provinz expediert, zurückgesandt, so daß der arme Mann auf dem Punkte steht zu fallen.

– Ha! wahrlich!

– Demnach sehen Sie, mein Herr, daß der Augenblick übel gewählt ist, wenn Sie gekommen sind, um Hofmeister zu werden, da Leute, die in der Touraine geboren sind, das heißt in der Provinz, wo man die französische Sprache am besten spricht, einige Mühe unterzukommen haben.

– Nun denn, mein Herr, beruhigen Sie sich über meine Person, antwortete ich, ich treibe einen anderen Zweig der Industrie.

– Mein Herr, sagte mein Gegenüber mit einer Aussprache zu mir, die sein Bordeaux eine Meile weit verkündigte, wenn Sie in Wein Geschäfte machen, so will ich Ihnen nur vorher sagen, daß das ein erbärmliches Geschäft ist, bei dem nichts mehr als Wasser zu trinken ist.

– Wie denn, mein Herr? antwortete ich, haben die Russen sich etwa an das Bier gemacht, oder haben sie vielleicht zufällig Weinberge in Kamtschatka angelegt?

– Lumperei! wenn es nichts als das wäre; so würde man ihnen Conkurrenz machen; aber die großen russischen Herren kaufen immer, und bezahlen niemals.

– Ich danke Ihnen, ’ mein Herr, für die Nachricht die Sie mir geben, aber ich habe die Gewißheit, daß man auf meine Lieferungen nicht Bankerott machen wird. Ich thue nichts in Weinen.

– In jedem Falle, mein Herr, sagte nun mit einem echt ausgesprochenem Lyonner-Accent eine, in eine Polonaise mit einem Pelzkragen gekleidete Person, obgleich es in Mitte des Sommers war, zu mir, in jedem Falle rathe ich Ihnen, wenn Sie Tuch- und Pelz-Händler sind, zuvörderst das Beste Ihrer Waare für sich selbst zu verwenden, indem Sie nicht das Aussehen einer sehr festen Constitution haben, und, sehen Sie, die mit schwacher Brust, die sind hier bald hin. Wir haben im letzten Winter fünfzehn Franzosen begraben. Sie sind demnach gewarnt.

– Ich werde meine Maßregeln nehmen, mein Herr, und da ich mich bei Ihnen zu versehen gedenke, so hoffe ich, daß Sie mich als Landsmann behandeln werden.

– Gewiß, mein Herr, mit dem größten Vergnügen. Ich bin aus der Stadt Lyon, der zweiten Hauptstadt Frankreichs, und Sie wissen, daß wir Lyonner den Ruf der Gewissenhaftigkeit haben, und wenn Sie nicht selbst Tuch- und Pelzhändler sind. . . .

– Ei! sehen Sie denn nicht, daß unser lieber Landsmann uns nicht sagen will, was er ist? lispelte ein Herr zwischen den Zähnen, dessen mit dem Eisen gelocktes Haar einen abscheulichen Geruch von Jasmin-Pomade verbreitete, und der seit einer Viertelstunde, ohne daß es ihm gelingen wollte, das Gelenk eines Geflügels zu finden suchte, von dem jeder ein Stück erwartete. Sehen Sie denn nicht, wiederholte er, indem er jedes Wort betonte, daß uns der Herr nicht sagen will, was er ist?

– Wenn ich das Glück hätte, Manieren wie die Ihrigen zu haben, mein Herr, antwortete ich, und einen so köstlich gewürzten Geruch zu verbreiten, so würde die Gesellschaft nicht so viel Mühe haben, zu errathen was ich bin, nicht wahr?

– Was soll das heißen, mein Herr, rief der junge frisierte Mann aus, was soll das heißen?

– Das soll heißen, daß Sie Perückenmacher sind.

– Mein Herr, haben Sie die Absicht mich zu beleidigen?

– Man beleidigt. Sie also, wie es scheint, wenn man Ihnen sagt, was Sie sind?

– Mein Herr, sagte der frisierte junge Mann, indem er die Stimme erhob, und aus seiner Tasche eine Karte zog, hier ist meine Adresse.

– Ei was! mein Herr, antwortete ich, zerlegen Sie Ihr Huhn.

– Das heißt, Sie weigern sich, mir Genugthuung zu geben?

– Sie wollten meinen Stand wissen, mein Herr? nun denn! mein Stand verbietet mir, mich zu schlagen.

– Sie sind also ein Feiger, mein Herr.

– Nein, mein Herr, ich bin Fechtmeister.

– Ah! sagte der frisierte junge Mann, indem er sich wieder setzte. Es entstand ein Augenblick des Schweigens, während welchem mein Sprecher, obgleich noch vergeblicher als bis jetzt, versuchte, von seinem Huhne einen Flügel abzutrennen; endlich, des Krieges müde, reichte er es seinem Nachbar.

– Ah! Sie sind Fechtmeister, sagte mir nach Verlauf einiger Secunden mein Nachbar, der Bordeauxer; ein hübscher Stand, mein Herr, als ich jung war, und einen wilden, hitzigen Kopf hatte, habe ich auch ein wenig darin gethan.

– Das ist ein wenig cultivierter Zweig der Industrie, der hier nicht fehlen kann zu blühen, sagte der Professor, vor allem durch einen Mann, wie der Herr, gelehrt.

– Ja, ohne Zweifel, begann nun der Lyonner: aber ich rathe dem Herrn, Jacken von Flanell zu. tragen, wenn er seine Stunden gibt, und sich einen Mantel von Pelzwerk machen zu lassen, um sich darin jedes Mal einzuhüllen, wenn er seine Fechtübungen gegeben hat.

– Meiner Treue, mein lieber Landsmann, sagte nun der frisierte junge Mann, welcher während der Zeit seine Unbefangenheit wieder angenommen, indem er sich ein Stück von dem Huhne nahm, das er nicht hatte zerschneiden können, und das sein Nachbar für ihn zerschnitten hatte, meiner Treue, mein lieber Landsmann, denn Sie sind von Paris, wie Sie mir gesagt . . .

– Ja, mein Herr.

– Ich auch. . . . Sie haben da, wie ich glaube, eine vortreffliche Speculation gemacht; denn wir haben nach meiner Meinung hier nur eine Art von schlechtem Vorfechter, einen früheren Figuranten vom Theater de Gaieté, dem es gelungen ist, sich zum Fechtmeister der Garde ernennen zu lassen, indem er die Gefechte auf dem kleinen Theater anordnete. Sie sehen es da, an der Aussicht, und der seinen Schülern die vier Stöße lehrt. Ich hatte ihn kommen lassen, um mit ihm fortzusetzen; aber bei dem ersten Stoße habe ich gesehen, daß ich der Meister, und er der Schüler war, so daß ich ihn wie einen Pinsel fortgeschickt habe, indem ich ihm seine Marke mit der Hälfte von dem bezahlt, was ich für meine Frisur nehme, und der arme Teufel ist noch sehr damit zufrieden gewesen.

– Mein Herr, sagte ich zu ihm, ich kenne den Mann, von dem sie reden. Als Fremder und als Franzose hätten Sie das nicht sagen sollen, was Sie gesagt haben; denn als Fremder sind Sie der Wahl des Kaisers Achtung schuldig, und als Franzose dürfen Sie keinen Landsmann anschwärzen. Das ist eine Lection, je ich Ihnen meinerseits gebe, mein Herr, und die ich Sie nicht bezahlen lasse, selbst nicht einmal mit einer halben Marke, Sie sehen, daß ich großmüthig bin.

Bei diesen Worten stand ich vom Tische auf, denn ich hatte schon genug an der französischen Kolonie, und es drängte mich, sie zu verlassen. Ein junger Mann, der während der ganzen Dauer des Mittagessens kein Wort gesagt hatte, stand auch auf und ging mit mir zu gleicher Zeit hinaus.

– Es scheint, mein Herr, sagte er lächelnd zu mir, daß Sie keiner langen Sitzung bedurft haben, um unsere theuren Landsleute zu beurtheilen.

– Nein, gewiß nicht, und ich muß gestehen, daß das Urtheil ihnen nicht günstig ist.

– Nun denn, erwiederte er die Achseln zuckend, das ist inzwischen ohngefähr die Ansicht, nach welcher man uns in St. Petersburg beurtheilt. Die anderen Nationen senden ins Ausland, was sie bestes haben, wir senden im allgemeinen dasjenige dahin, was wir schlechtestes haben, und dennoch halten wir überall ihrem Einflusse die Wage. Das ist wohl ehrenvoll für Frankreich, aber es ist sehr traurig für die Franzosen.

– Und Sie wohnen in St. Petersburg, mein Herr? fragte ich ihn.

– Seit einem Jahre, aber ich verlasse es heute Abend.

– Wie?

– Ich gehe, um meinen Wagen zu bestellen. Mein Herr, ich habe die Ehre . . .

– Mein Herr, Ihr ergebenster . . .

Bei Gott! sagte ich zu mir selbst, indem ich meine Treppe hinaufstieg, während dem der, welcher mit mir gesprochen, die Thür erreichte, ich habe Unglück, ich begegne zufällig einem Manne, wie er sein muß, und er reiset an demselben Tage fort, an dem ich ankomme.

Ich fand in meinem Zimmer den Aufwärter beschäftigt, mir mein Bett für die Mittagsruhe zurecht zu machen. Zu St. Petersburg schläft man gewöhnlich wie in Madrid nach dem Mittagsessen; weil es in Rußland während zwei Monaten heißer als in Spanien ist.

Diese Ruhe that mir wundervoll gut, mir, der ich noch ganz gerädert von den zwei letzten Tagen war, die ich auf der Reise zugebracht, und der sobald als möglich eine jener schönen Nächte der Newa zu genießen wünschte, die man mir so sehr gepriesen hatte. Ich fragte demnach den Aufwärter, was man thun müsse, um sich eine Gondel zu verschaffen; er antwortete mir, daß das etwas sehr einfaches sey, daß ich nur zu befehlen nöthig habe, und daß mittelst zehn Rubeln, die Besorgung mit bezahlt, er diesen Auftrag übernehmen würde. Ich hatte schon einiges Geld in Papier umgewandelt, ich gab ihm daher ein rothes Billet, und empfahl ihm, mich um neun Uhr zu wecken.

Das rothe Billet hatte seine Wirkung hervorgebracht: um neun Uhr klopfte der Aufwärter an meine Thür, und der Schiffer erwartete mich unten.

Die Nacht war nur eine sanfte und klare Dämmerung, bei der man leicht hätte lesen können, und die erlaubte, in einer beträchtlichen Ferne die Gegenstände in einem köstlichen Dunst und mit selbst unter dem Himmel. Neapels unbekannten Tönen bekleidet zu sehen. Die erstickende Hitze des Tages hatte sich in ein reizendes Lüftchen verwandelt, welches über die Inseln wehend einen vorübergehenden und lieblichen Wohlgeruch von Rosen und Orangen mit sich brachte. Die ganze, am Tage einsame und verlassene Stadt, hatte sich wieder bevölkert, und drängte sich auf ihren Spaziergängen am Meere, wohin ihre Aristokratie auf allen Zweigen der Newa zuströmte. Alle Gondeln reihten sich um eine ungeheure, der Festung gegenüber vor Anker liegende, und mit mehr als sechzig Musikern besetzte Barke. Plötzlich erhob sich eine wundervolle Harmonie, von der ich keine Ahnung gehabt hatte, von dem Flusse, und stieg majestätisch gen Himmel; ich befahl meinen beiden Ruderern mich so viel als möglich in die Nähe dieser riesenhaften und lebenden Orgel zu bringen, von der jeder Musiker so zu sagen eine Pfeife bildet, denn ich hatte jene Horn-Musik erkannt, von der man mir so viel erzählt, und bei der jeder Mitblasende nur eine Note macht, indem er auf ein Zeichen einen Ton von sich gibt, und ihn so lange hält, als der Taktstock des Kapellmeisters nach ihm ausgestreckt ist. Diese für mich so neue Instrumentierung gränzte an das Wundervolle; ich hätte nicht geglaubt, daß man mit Menschen spielen könnte, wie man Piano spielt, und ich wußte nicht, was ich mehr bewundern sollte, ob die Geduld des Anführers, oder die Gelehrsamkeit des Orchesters. Als ich späterhin Bekanntschaft mit dem russischen Volke gemacht, und seine außerordentliche Geschicklichkeit zu allen mechanischen Künsten gesehen hatte, verwunderte ich mich nicht mehr über seine Horn-Conzerte und über seine mit dem Beile gemachten Häuser. Aber für den Augenblick wurde ich, ich gestehe es, wie von Entzücken hingerissen, und der erste Theil des Conzertes war bereits beendigt, als ich noch horchte.

Dieses Conzert dauerte einen Theil der Nacht über. Bis zwei Uhr Morgens hielt ich mich in der Nähe, um zu hören und zu sehen, anstatt wie Jedermann von einem Orte zum andern zu gehen: es schien mir, daß das Conzert für mich allein gegeben wäre, und daß dergleichen Wunder der Harmonie sich nicht alle Abende erneuern könnten. Ich hatte demnach Muße, die Instrumente zu untersuchen, deren sich die Musiker bedienten, es sind nur am Mundstücke umgebogene Tuben, welche sich bis an das Ende hin, wo der Ton hinaus geht, erweitern. Diese Art von Zinken weichen von zwei Fuß bis zu dreißig Fuß Länge von einander ab. Nur vereinigen sich drei Personen, um diese letzteren zu blasen: zwei, welche das Instrument tragen, und eine die bläßt.

Ich kehrte, als der Tag zu scheinen begann, nach Hause zurück, ganz in Verwunderung gesetzt von dieser Nacht, die ich unter diesem byzantinischen Himmel, in Mitte dieser nordischen auf diesem so breiten Flusse, daß er ein See schien, und so rein, daß er wie ein Spiegel alle Sterne des Himmels und alle Lichter der Erde wiederspiegelte, zugebracht. Ich gestehe, daß mir St. Petersburg in diesem Augenblicke über alles das erhaben schien, was man mir von ihm gesagt hatte, und ich erkannte, daß, wenn es nicht das Paradies wäre, es zum mindesten etwas sey, was demselben sehr nahe käme.

Ich konnte nicht schlafen, so sehr verfolgte mich diese äolische Musik überall; obgleich ich mich demnach auch erst nach drei Uhr gelegt hatte, so war ich doch um sechs Uhr morgens schon wieder auf. Ich ordnete einige Empfehlungsbriefe, die man mir gegeben hatte, und die ich nicht eher zu überreichen gedachte, als bis ich eine öffentliche Fechtübung gegeben hätte, damit ich nicht genöthigt wäre, selbst über mich Auskunft zu ertheilen, nur einen einzigen steckte ich zu mir, den einer meiner Freunde mich beauftragt hatte, in eigene Hände zu übergeben. Dieser Brief war von seiner Maitresse, gestehen wir es, einer einfachen Grisette des Quartier latin, und an ihre Schwester adressiert, einer einfachen Modehändlerin, aber es ist nicht meine Schuld, wenn die Ereignisse alle Klassen vermengen, und wenn die Fluth der Revolutionen in unseren Tagen so oft das Volk dem Königthume gegenüber stellt.

Dieser Brief trug die Aufschrift: An Mademoiselle Louise Dupuy, bei Madame Xavier, Modehändlerin, Newskische Perspective, neben der armenischen Kirche, dem Bazar gegenüber.

Das alles mit dieser Schrift und mit dieser Orthographie geschrieben, die Sie kennen.

Nichts desto weniger machte ich mir ein Fest daraus, den Brief selbst zu übergeben. Acht Hundert Stunden weit von Frankreich ist es immer angenehm, eine junge und hübsche Landsmänninn zu sehen, und ich wußte, daß Louise jung und hübsch wäre. Außerdem würde sie, die St. Petersburg kannte, weil sie es seit vier Jahren bewohnte, mir Rathschläge über die Art, mich daselbst zu benehmen, ertheilen.

Da ich mich inzwischen schicklicher Weise nicht um sieben Uhr Morgens bei ihr vorstellen konnte, so entschloß ich mich, eine Tour durch die Stadt zu machen, und zu der Newskischen Perspective erst gegen fünf Uhr zurückzukehren.

Ich rief den Aufwärter; dieses Mal war es ein Lohnbedienter, der sich an seiner Statt anbot. Die Lohnbedienten sind zu gleicher Zeit die Bedienten und die Cicerones; sie wichen die Stiefeln, und zeigen die Paläste. Ich nahm ihn an, besonders für die erste dieser Verrichtungen; was die zweite anbelangt, so hatte ich im Voraus mein Sanct Petersburg der Art studiert, um darüber eben so viel, als er zu wissen.




III


Ich hatte mir nicht die Mühe genommen, mich um einen Wagen zu bekümmern, wie ich es am Abende vorher mit einer Barke gemacht; denn, so wenig ich auch noch in den Straßen von St. Petersburg herum gekommen war, so hatte ich doch an allen Querstraßen Kibitken und Droschken halten sehen. Kaum war ich demnach auch über den Admiralitäts-Platz gegangen, um die Alexander-Säule zu erreichen, als ich mich auf das erste gegebene Zeichen von I v o s c h i k s umringt sah, die mir zu herabgesetzten Preisen die verführerischten Anerbietungen machten. Da es keinen Tarif gibt, so wollte ich sehen, wie weit die Ermäßigung gehen würde: sie ging bis auf fünf Rubel; für fünf Rubel schloß ich mit dem Führer einer Droschke für den ganzen Tag ab, und bezeichnete ihm sogleich den Taurischen Palast.

Diese I v o s c h i k s, oder Kutscher sind im Allgemeinen Leibeigene, die mittelst eines gewissen Zinses, den man Abrock nennt, von ihren Herrn die Erlaubniß erkauft haben, nach St. Petersburg zu gehen, um dort für ihre eigne Rechnung. Fortuna aufzusuchen. Das Geschirr, dessen sie sich dieser Göttin nachzurennen bedienen, ist eine Art von Schlitten mit vier Rädern, in welchem der Sitz, anstatt der quere zu sein, der Länge nach angebracht ist, so, daß man darin nicht wie in unseren Tilburys sitzt, sondern zu Pferde, wie auf den Velocipeden.[2 - Draisinen.] deren sich die Kinder in den Elisäischen Feldern bedienen. Diese Maschine ist mit einem nicht minder wilden Pferde, als sein Herr, bespannt, das wie er die heimathlichen Steppen verlassen hat, um die Straßen von St. Petersburg nach allen Richtungen auszumessen. Der Ivoschik hat für sein Pferd eine ganz natürliche Liebe, und anstatt es zu schlagen, wie unsere französischen Kutscher thun, redet er ihm noch liebevoller zu, als die spanischen Maulthiertreiber ihrem Hauptmaulthiere. Es ist ein Vater, sein Oheim, sein Täubchen, er dichtet für dasselbe Gesänge, zu welchen er die Melodie zu gleicher Zeit mit den Worten erfindet, und in welchen er ihm für das andere Leben zum Ersatz der Mühseligkeiten, welche es in diesem erleidet, tausend Glückseligkeiten verspricht, mit denen der ungenügsamste Mensch sich gern zufrieden stellen würde. Demnach geht auch das unglückliche Thier, sey es nun, daß es empfänglich für die Schmeicheleien, oder vertrauungsvoll auf die Versprechungen ist, ohne Unterlaß im starken Trabe, indem es fast niemals ausgespannt wird, und zum Fressen nur an den in allen Straßen zu diesem Zwecke angebrachten Trögen anhält. Das in Bezug auf die Droschke und das Pferd.

Was den Kutscher anbelangt, so hat er einen Zug von Aehnlichkeit mit dem Neapolitanischen Lazaroni, das ist, daß man nicht nöthig hat, seine Sprache zu kennen, um sich ihm verständlich zu machen, so sehr durchdringt sein schlauer Scharfsinn die Gedanken dessen, welcher spricht. Er sitzt auf einem kleinen Bocke zwischen demjenigen, welchen er fährt und feinem Pferde, indem er seine Ordnungsnummer am Halse hängend, und zwischen seinen Schultern herabfallend trägt, damit der Fahrende, der diese Nummer immer vor Augen hat, sie fassen kann, wenn er mit seinem Ivoschik unzufrieden ist; in diesem Falle sendet oder trägt man diese Nummer auf die Polizei, und auf eine Klage wird der Ivoschik fast immer bestraft. Obgleich selten nothwendig, ist nichts destoweniger diese Vorsicht, wie man sehen wird, nicht immer nutzlos, und das Gerücht eines im Winter 1823 in Moskau vorgefallenen Abenteuers, läuft immer noch in den Straßen St. Petersburgs herum.

Eine Französin, Namens Madam L. . . . . ., befand sich außer ihrem Hause und zu einer sehr vorgerückten Stunde der Nacht in Gesellschaft. Da sie nicht zu Fuße nach ihrer Wohnung zurückkehren wollte, obgleich die Leute, bei welchen sie sich befand, ihr anboten, sie durch einen Bedienten begleiten zu lassen, so ließ man einen Wagen holen; unglücklicher Weise befanden sich nur Droschken auf dem Platze; man führte eine herbei, sie stieg hinein, gab ihre Adresse und fuhr ab.

Außer einer goldnen Kette und diamantenen Ohrringen, welche er hatte glänzen sehen, hatte der Kutscher noch bemerkt, daß Madame L . . . . . in einen kostbaren Pelzmantel eingehüllt war. Indem er demnach die Dunkelheit der Nacht, die Einsamkeit der Straßen und die Zerstreuung der Madame L . . . . . benutzte, welche aus Furcht vor der Kälte den Kopf in ihren Mantel gehüllt sich fahren ließ, ohne zu bemerken, welchen Weg ihr Kutscher einschlug, so entfernte er sich von dem Wege und war schon über das einsamste Quartier der Stadt hinaus, als Madame L . . . . ., den ihre Augen bedeckenden Schleier wegnehmend, gewahr wurde, daß sie sich auf dem Felde befand. Sogleich ruft sie, schreiet, da sie aber sieht, daß der Ivoschik anstatt anzuhalten die Schnelligkeit seines Pferdes verdoppelt, so faßt sie ihn an dem Schilde, auf welchem seine Numer befindlich, entreißt ihm das selbe, indem sie ihm drohet, das Schild am anderen Tage auf die Polizei zu tragen, wenn er sie nicht nach Hause führe. Sei es nun, daß der Kutscher an dem Orte angelangt war, den er selbst zu seinem Verbrechen bestimmt hätte, oder sey es, daß er glaubte, daß der Widerstand der Madame L . . . . . ihm nicht länger zu warten gestatten würde, kurz, er springt von seinem Bocke und kommt an die eine Seite der Droschke. Glücklicher Weise ist Madam L . . . . . ., immer mit dem anklagenden Schilde versehen, auf der anderen herausgesprungen, und die Thür eines vor ihr noch offenstehenden Gitters aufstoßend, stürzt sie in einen geschlossenen Raum, den sie an den darin verstreueten hölzernen und eisernen Kreuzen bald einen Kirchhof erkennt.

Aber hinter ihr ist der Kutscher eingetreten, er verfolgt sie mit einem neuen Eifer; dieses Mal ist für ihn nicht mehr die Rede davon sich durch Diebstahl des Pelzes und der Diamanten zu bereichern, es handelt sich darum, sein Leben zu retten, glücklicher Weise hat Madam L. . . . . . einige Schritte vor ihm voraus, und die Nacht ist so finster, daß man sich auf einige Schritte weit aus dem Gesicht verliert. Plötzlich fehlt der Flüchtigen der Boden, es scheint ihr, daß sie versinkt, sie ist in offenes Grab gefallen, das sich am anderen Morgen über einem Leichnam schließen soll. Aber Madame L . . . . . hat eingesehen, daß dieses Grab Zufluchtsstätte wäre, die sie der Verfolgung Mörders entziehen könnte: sie stößt demnach auch keinen Schrei, keine Klage aus. Der Kutscher der sie wie einen Schatten verschwinden sehen, er geht sie immer verfolgend an dem Grabe vorüber. Madame L . . . . . . ist gerettet.

Während eines Theiles der Nacht streifte der Kutscher auf dem Kirchhofe herum, denn er konnte der Hoffnung, diejenige wieder zu finden, nicht entsagen, welche sein Leben in Händen hielt. Bald versuchte er sie durch fürchterliche Drohungen zu erschrecken, bald hoffte er sie durch sein Flehen zu erweichen, indem er bei allen Heiligen auf das feierlichste schwor, daß er sie nach Hause fahren wollte, ohne ihr das geringste Leid anzuthun, wenn sie ihm nur ein Schild wiedergeben wollte; aber Madame L. . . . . ließ sich weder einschüchtern noch verführen, sie blieb auf dem Grunde des Grabes stumm und ohne Bewegung und gleich dem Leichname, dessen Stelle sie einnahm.

Endlich, da die Nacht zu Ende ging, wurde der Ivoschik gezwungen, den Kirchhof zu verlassen und zu entfliehen. Was Madame L . . . . . anbelangt, so blieb sie bis zu Tages Anbruche in dem Grabe verborgen; zwei Stunden nachdem sie es verlassen, war die Klage und das Schild bei der Polizei eingereicht. Drei Tage lang dienten die Moskau umgebenden Wälder dem Mörder zur Zufluchtsstätte. Endlich, von der Kälte und dem Hunger besiegt, kam er, um in einem kleinen Dorfe einen Zufluchtsort zu suchen, aber überall in der Umgegend war eine Nummer und seine Beschreibung gegeben worden: er wurde erkannt, festgenommen, geknutet und in die Bergwerke gesandt.

Inzwischen sind diese Beispiele selten, das russische Volk ist instinktmäßig gut, und es gibt viele leicht keine Hauptstadt, wo die Morde aus Habsucht oder aus Rache seltener sind, als in St. Petersburg. Sogar noch mehr, obgleich sehr zum Diebstahle geneigt, hat der Moujick doch einen Abscheu vor dem Erbrechen, und man darf einem Lohnbedienten oder einem Kutscher ohne Sorge einen verschlossenen Brief voller Bankbillets, wüßte er sogar was er trägt, übergeben, während dem es Unbesonnen wäre, in dem Bereiche dieses Menschen das geringste Geldstück herumfahren zu lassen.

Ich weiß nicht, ob mein Ivoschik ein Dieb war, aber so viel ist gewiß, daß er sehr fürchtete, bestohlen zu werden, denn an dem Gitter des taurischen Palastes angelangt, gab er mir zu verstehen, daß, da der Palast zwei Ausgänge habe, er sehr wünsche, daß ich auf die bedungenen fünf Rubel eine zu der bereits gemachten Fahrt im Verhältniß stehende Abschlagszahlung gäbe. In Paris würde ich dem unverschämten Forderer barsch geantwortet haben, in St. Petersburg lachte ich nur darüber, denn das begegnete Größeren, als ich, die sich nicht darüber beleidigt fühlten. In der That, als zwei Monate zuvor der Kaiser Alexander eines Tages seiner Gewohnheit gemäß zu Fuße spazieren ging, und sich vom Regen bedrohet sah, nahm er eine Mieth-Droschke, und ließ sich nach dem kaiserlichen Palaste fahren; dort angelangt suchte er in seinen Taschen und entdeckte, daß er kein Geld bei sich habe; er sagte nun aus der Droschke steigend zu dem Ivoschik: Warte, ich werde Dir Dein Fuhrlohn senden.

– Ach ja, sagte der Kutscher, ich brauche nur darauf zu warten.

– Wie so? fragte der Kaiser.

– O! ich weiß wohl, was ich sage.

– Nun, laß hören, was sagst Du denn?

– Ich sage, daß ich eben so viele Schuldner habe, die ich nicht wiedersehe, als ich Personen vor ein Haus mit zwei Thüren fahre, die ohne mich zu bezahlen aussteigen.

– Wie? selbst vor dem Palaste des Kaisers?

– Oefter noch als anderswo. Die großen Herren haben sehr wenig Gedächtniß.

– Du mußt Dich beklagen, und die Diebe arretieren lassen, sagte Alexander, den dieses Gespräch belustigte.

– Einen Adeligen arretieren lassen? Eure Excellenz weiß wohl, daß man das vergeblich versuchen würde. Wenn es einer von uns wäre, das lasse ich mir gefallen, das ist leicht, fügte der Kutscher hinzu, indem er auf seinen Bart zeigte, denn man weiß, wo man uns faßt; aber die großen Herrn, die ein glattes Kinn haben, ohnmöglich! Wolle Eure Excellenz darum nur genau in ihren Taschen suchen, und ich bin sicher, daß Sie darin etwas finden werden, um mich zu bezahlen.

– Höre, sagte der Kaiser, hier ist mein Mantel, er ist wohl eine Fahrt werth, nicht wahr? Nun denn, behalte ihn, und gieb ihn dem wieder, der Dir Geld bringt.

– Ah! so ist’s recht, sagte der Ivoschik, Sie sind vernünftig. Einen Augenblick nachher empfing der Kutscher gegen den in Versatz gebliebenen Mantel ein Billet von Hundert Rubel. Der Kaiser hatte zugleich für sich und die, welche zu ihm kamen, bezahlt.

Da ich mich nicht der Laune einer ähnlichen Freigebigkeit hingeben konnte, so begnügte ich mich, meinem Ivoschik die fünf Rubel zu geben, die der Preis seines Tages waren, vergnügt ihm zu beweisen, daß ich mehr Vertrauen in ihn setzte, als er in mich gehabt hatte. Freilich wußte ich seine Nummer, und er meinen Namen nicht.

Der Taurische Palast ist ein Geschenk, welches der Günstling Potemkin, mit seinen prachtvollen feinen Marmorstatuen und feinen Teichen voller Gold- und Azur-Fische, seiner mächtigen und großen Gebieterin, Katharina II. machte, um die Eroberung des Landes zu feiern, dessen Namen er trägt; aber das Erstaunungswürdige dabei ist nicht der Prunk des Gebers, sondern die Gewissenhaftigkeit, mit welcher das Geheimniß bewahrt wurde. Ein Wunder hatte sich in ihrer Hauptstadt erhoben, und Katharina wußte nichts davon, so daß, als sie eines Abends, an welchem sie der Minister zu dem nächtlichen Feste einlud, das er ihr zu geben gedachte, an der Stelle einiger ihr bekannten feuchten Wiesen, einen von Licht strahlenden Palast voller Harmonie und ganz mit lebendigen Blumen geschmückt fand, sie hätte glauben können, daß er von Feen-Händen erbaut sey.

Potemkin war auch das Muster für emporgekommene Fürsten, wie Katharina II. das Beispiel für improvisierte Königinnen war; der eine war ein einfacher Unterofficier, die andere eine einfache Prinzessin Deutschlands, und nehme man inzwischen alle Fürsten und alle erblichen Könige dieser Zeit, und man wird finden, daß alle beide groß unter den Großen waren.

Ein außerordentlicher Zufall, oder ein. Berechnung der Vorsehung, hatte sie zusammengeführt. Katharina war dreißig Jahre alt; sie war schön, sie war geliebt durch ihre Wohlthätigkeit und geachtet durch ihre Frömmigkeit, als sie plötzlich erfuhr, daß Peter III. sie verstoßen wolle, um sich mit der Gräfin von Woronzoff zu vermählen, und, um einen Vorwand zur Verstoßung zu haben, die Geburt Paul Petrowitsch für unrechtmäßig zu erklären gedachte. Nun sah sie ein, daß kein Augenblick zu verlieren, sey; sie verläßt am Abend um elf Uhr das Schloß Partei, steigt in den Karren eines Bauern, der nicht weiß, daß er die künftige Czarin fährt, kommt, als der Tag anbricht, nach St. Petersburg, versammelt die Freunde, auf welche sie rechnen zu können glaubt, stellt sich an ihre Spitze, und rückt mit ihnen vor die in St. Petersburg in Besatzung liegenden Regimenter, welche zusammenberufen sind, ohne zu wissen, um was es sich handelt. Vor der Fronte der Linie angelangt, redet sie Katharina an, beschwört ihre Artigkeit als Männer und ihre Treue als Soldaten, dann, den Eindruck benutzend, den ihre Rede hervorgebracht hat, zieht sie einen Degen, von welchem sie die Scheide wegwirft, und verlangt eine Degenquaste, um ihm an ihrem Arme zu befestigen. Ein junger achtzehnjähriger Unterofficier tritt aus seiner Reihe, nähert sich und bietet ihr die seinige an; Katharina nimmt sie mit jenem süßen Lächeln an, wie es diejenigen besitzen, die sich um ein Königreich bewerben. Der junge Unterofficier will sich nun entfernen, um seine Stelle wieder einzunehmen; aber das an die Eskadron gewöhnte Pferd, welches er reitet, verweigert den Gehorsam, bäumt sich, springt, und will halsstarrig an der Seite von dem Pferde der Kaiserin bleiben. Nun betrachtet die Kaiserin den schönen Reiter der sich so an sie schließt; ihr vergeblichen Anstrengungen, sich von dem jungen Manne zu entfernen, scheinen ihr eine Stimme de Vorsehung, welche ihr einen Vertheidiger andeutet Sie macht ihn im Augenblicke selbst zum Officier und acht Tage nachher, als Peter III., ohne Widerstand eingekerkert, die Krone an Katharina abgetreten hat, die er ihr hat nehmen wollen, und als sie wahrhaft Gebieterin war, erinnert sie sich Potemkins, und macht ihn zum Kammerherrn in ihrem Palaste.

Von diesem Tage an war das Glück de Günstlings immer wachsend. Viele griffen ihn an die an ihm sich vernichteten. Ein einziger glaubt gesiegt zu haben, das war ein junger Serbier Namens Zoritsch. Begünstigt durch Potemkin selbst in die Nähe Katharinens durch ihn gestellt, benutzte er seine Abwesenheit, um seinen Sturz durch Verläumdung zu versuchen. Nun langt Potemkin benachrichtigt an, steigt in seiner früheren Wohnung im Palaste ab, und dort erfährt er, daß seine Ungnade vollständig, und daß er verbannt ist. Bei diesem Worte begibt sich Potemkin, ohne den seine Reisekleider bedeckenden Staub abzuschütteln, zu Kaiserin. An der Thüre ihres Zimmers will ihn ein junger Lieutenant der Ehrenwache festnehmen, Potemkin faßt ihn in den Seiten, hebt ihn auf, wirft ihn an die andere Seite des Zimmers, tritt bei der Kaiserin ein, und eine Viertelstunde nachher kommt er wieder hinaus, indem er ein Papier in der Hand hält.

– Nehmen Sie, mein Herr, sagt er zu dem jungen Lieutenant, hier ist die Bestallung zum Hauptmann, die ich so eben von Ihro Majestät für Sie erlangt habe.

Am andern Tage war Zoritsch nach der Stadt Schklow verbannt, welche ein großmüthiger Nebenbuhler zu seiner Herrschaft machen ließ.

Was ihn anbelangt, so träumte er eins um das andere von der Herzogswürde von Kurland und dem Throne von Polen, dann wollte er nichts von alle dem, indem er sich damit begnügte, Königen Feste und Königinnen Paläste zu geben. Welche Krone hätte ihn außerdem mächtiger und glänzender gemacht, als er war? Verehrten ihn die Hofleute nicht wie einen Kaiser? Hatte er nicht an seiner linken Hand, denn seine rechte behielt er bloß, um seinen Säbel besser halten zu können, eben so viel Diamanten, als deren an der Krone waren? Hatte er nicht Couriere, welche von der Wolga Störe, von Astrachan Wasser-Melonen, aus der Krimm Trauben, Sträuße überall her, wo es schöne Blumen gab, holten, und gab er nicht unter andern seiner Gebieterin jedes Neujahr einen Teller Kirschen, der ihm zehn Tausend Rubel kostete?[3 - Potemkin hatte in seinem Gefolge einen Officier Namens Faucher, den er immerwährend zu solchen Sendungen verwandte, und der beständig als Courier reitete. Dieser Officier hatte sich in der Ahnung, daß er auf irgend einer seiner Reifen den Hals brechen würde, im voraus folgende Grabschrift gemacht:Ci git Faucher, Hier liegt Faucher,Fouette, Cocher. Klatsche, Kutscher.]

Bald Engel, bald Teufel, schuf oder zerstörte er ohne Unterlaß, oder, wenn er weder das eine noch das andere that, verwirrte, aber belebte er alles; nichts war etwas, als bis es nicht mehr da war, und wenn es wieder erschien, so kehrte alles vor ihm in das Nichts zurück. Der Fürst von Leiningen sagte, daß in ihm etwas riesenhaftes, romantisches und barbarisches läge, und der Fürst von Leiningen hatte recht.

Sein Tod wurde sonderbar, wie sein Leben und sein Ende unerwartet, wie sein Anfang. Er hatte ein Jahr lang in Petersburg in Mitte von Festen und Gelagen zugebracht, indem er dachte, daß er für seinen Ruhm und den Elisabeths dadurch genug gethan habe, daß er die Gränzen Rußlands bis über den Kaukasus hinaus ausgedehnt, als er plötzlich erfuhr, daß der alte Repnin, der seine Abwesenheit benutzt, um die Türken zu schlagen und sie zu zwingen um Frieden zu bitten, mehr in zwei Monaten gethan hätte, als er in drei Jahren.

Nun hatte er keine Ruhe mehr: er war freilich krank, aber was liegt daran, er muß abreisen. Was die Krankheit anbelangte, so wird er mit ihr kämpfen und sie wird ihn tödten. Er langt in Jassy, seiner Hauptstadt, an, und geht nach Otschakow, seiner Eroberung, ab. Nachdem er einige Werste gefahren, erstickt ihn die Luft seines Wagens; man breitet seinen Mantel auf dem Boden aus, er steigt aus, legt sich darauf, und verscheidet an dem Rande eines Weges.

Katharina wäre beinahe über seinen Tod gestorben! Alles, selbst das Leben, schien gemeinschaftlich unter diesen beiden großen Herzen, sie wurde drei Mal ohnmächtig, beweinte ihn lange Zeit, und betrauerte ihn immer.

Der Taurische Palast, welchen in dem Augenblicke, wo ich ihn besuchte, der Großfürst Michael inne hatte, diente eine Zeitlang der Königin Louise zur Wohnung, dieser modernen Amazone, die einen Augenblick lang hoffte, ihren Besieger zu besiegen; denn als Napoleon sie das erste Mal erblickte, hatte er zu ihr gesagt: »Madame, ich wußte wohl, daß Sie die schönste Königin wären, aber ich wußte nicht, daß Sie auch die schönste Frau sind.« Unglücklicher Weise war die Galanterie des Korsischen Heros nicht von langer Dauer. Eines Tages spielte die Königin Louise mit einer Rose:

– Geben Sie mir diese Rose, sagte Napoleon.

– Geben Sie mir Magdeburg, antwortete die Königin.

– Ach! meiner Treue! rief der Kaiser aus, das würde zu theuer sein.

Die Königin warf die in ihren Händen befindliche Rose vor Aerger weg, aber sie bekam Magdeburg nicht.

Den Taurischen Palast verlassend, setzte ich meinen Ausflug fort, indem ich über die Brücke von Troitskoi fuhr, um die Hütte Peter 1, dieses plumpe kaiserliche Kleinod zu besuchen, von dem ich am Tage zuvor nur die Hülle gesehen hatte.

Die volksthümliche Ehrfurcht hat dieses Denkmal in seiner ganzen ersten Reinheit bewahrt, und das Speisezimmer, der Salon und das Schlafgemach scheinen noch die Rückkehr des Czar zu erwarten. In dem Hofe steht die kleine Barke, welche ganz von dem Zimmermanne von Saardam erbauet ist, und deren er sich bediente, um sich auf der Newa nach den verschiedenen Punkten der entstehenden Stadt zu fahren, wo seine Gegenwart nothwendig war.

Neben dieser Wohnung von einem Tage befindet sich seine ewige Wohnung. Sein Körper, wie der seiner Nachfolger, ruht in der, in der Mitte der Festung gelegenen Kirche St. Peter und St. Paul. Diese Kirche, deren goldener Pfeil eine zu hohe Idee gibt, ist klein, wenig regelmäßig, und von einem schlechten Geschmacke; ihr einziger Werth besteht in dem Todten-Schatze, den sie einschließt. Das Grab des Czars befindet sich neben, der rechten Seitenthür; von dem Gewölbe hängen mehr als sieben Hundert, den Türken, Schweden und Persern genommene Fahnen herab.

Ich kam über die Tiuzschhoff-Brücke auf die Insel Wasiliefsko. Die Hauptsehenswürdigkeiten dieses Theiles der Stadt sind die Börse und die Akademien. Ich begnügte mich, vor diesen Denkmählern vorüberzugehen, und indem ich die Isaaks-Brücke und die Auferstehungs-Straße einschlug, befand ich mich bald an dem Fontanka-Kanale, dessen Kai entlang ich bis zur katholischen Kirche ging; dort verweilte ich: ich wollte das Grab Moreaus sehen. Es ist eine einfache, dem Hochaltare gegenüber, und in Mitte des Chores liegende Steinplatte.

Da ich einmal an den Kirchen war; so wollte ich auch noch sogleich die von Kasan sehen, welche für St. Petersburg das ist, was Notre-Dame für Paris. Ich trat in dieselbe durch ihre doppelte, nach dem Muster der St. Peterskirche in Rom erbaute Säulenhalle ein. Hier erreicht gegen die Gewohnheit der Ruf die Wirklichkeit nicht. An dem Aeußeren ist alles Gips und Backstein, im Inneren ist alles Bronze, Marmor und Granit, die Thüren sind von Erz oder massivem Silber, der Fußboden von Jaspis und die Wände von Marmor.

Ich hatte nun genug Denkmähler für einen einzigen Tag, und ließ mich demnach zu der berühmten Madame Xavier fahren, um meiner schönen Landsmännin den Brief zu übergeben, mit dem ich für die beauftragt war. Seit sechs Monaten bewohnte sie das Haus nicht mehr, und ihre frühere Herrin benachrichtigte mich mit einem sehr spöttelnden Tone, daß sie sich für ihre eigene Rechnung zwischen dem Kanale der Moika und dem Magazine Orgelots niedergelassen habe, das war leicht zu finden: Orgelot ist der Schweizer von St. Petersburg.

Zehn Minuten nachher war ich vor dem bezeichneten Hause. Da ich bei einem Restaurateur gegen über, den ich an seinem Namen für einen Landsmann erkannt hatte, zu Mittag zu essen gedachte, so schickte ich meine Droschke fort, und trat in den Laden, indem ich nach Mademoiselle Louise Dupuy frug.

Eine Demoiselle erkundigte sich, ob es für den Ankauf von Waaren, oder für Privat-Angelegenheiten sei; ich antwortete ihr, daß es Privat- Angelegenheiten wären.

Sogleich stand sie auf, und führte mich in ihr Zimmer.




IV


Ich wurde in ein kleines, ganz mit asiatischen Stoffen behangenes Boudoir geführt, wo ich meine schöne Landsmännin halb liegend und in einem Romane lesend antraf. Bei meinem Anblicke stand sie auf, und bei dem ersten Worte, das aus meinem Munde kam rief sie aus: – Ah! Sie sind Franzose?

Ich entschuldigte mich, sie in der Mittagsruhe zu stören, aber gestern erst angekommen sey es, mir wohl noch erlaubt, mit einigen Gebräuchen der Stadt, in welcher ich mich befände, unbekannt zu seyn, hierauf überreichte ich ihr meinen Brief.

– Von meiner Schwester! rief sie aus; ach! die gute Rolle, was ich entzückt bin Nachricht von ihr zu haben, Sie kennen sie also? ist sie immer noch vergnügt und hübsch?

– Hübsch, ich kann dafür stehen, vergnügt, ich hoffe es; ich habe sie nur ein einziges Mal gesehen, der Brief ist mir von einem meiner Freunde eingehändigt worden.

– Herr August, nicht wahr?

– Ja.

– Meine arme, liebe Schwester, sie muß in diesem Augenblicke recht zufrieden seyn; ich habe ihr köstliche Stoffe geschickt, und dann auch noch etwas anderes; ich hatte ihr geschrieben, zu mir zu kommen, aber. . .

– Aber?

– Aber da müßte sie ihren August verlassen, und sie hat es ausgeschlagen. Ei, so setzen Sie sich doch.

Ich wollte einen Stuhl nehmen, aber sie gab mir ein Zeichen, mich neben sie zu setzen, und ich gehorchte, ohne mich im mindesten zu weigern; nun machte sie sich daran, den ihr mitgebrachten Brief zu lesen, und ich hatte Zeit sie zu betrachten.

Das weibliche Geschlecht hat eine wundervolle Gabe, die nur ihm allein angehört, nämlich die, sich umzugestalten, wenn man so sagen darf. Ich hatte eine einfache Grisette der Straße de la Harpe vor meinen Augen; vor vier Jahren ging diese Grisette ohne Zweifel noch alle Sonntage nach dem Prado oder nach der Chaumière tanzen: nun denn, es hatte für dieses Mädchen genügt, gleich einer Pflanze in ein anderes Land versetzt zu werden, und sie blühete in Mitte des Luxus und der Eleganz, als ob dies der Boden sey, auf dem sie geboren war; und ich, so vertraut ich auch mit dieser schätzbaren Klasse der menschlichen Gesellschaft, zu der sie gehörte, war, konnte nichts von dem, was an die Gemeinheit ihrer Geburt und die Unregelmäßigkeit ihrer Erziehung erinnerte, wiederfinden. Die Veränderung war so vollständig, daß, indem ich dieses hübsche Wesen mit seinen langgelockten Haaren, ihrem einfachen Negligée von weißem Mouseline und ihren kleinen türkischen Pantoffeln, halb liegend in einer anmuthigen Stellung, wie sie ihr nur ein Maler hätte angeben können, um ihr Portrait zu machen, sah, hätte glauben können, daß ich in das Boudoir irgend einer eleganten aristokratischen Bewohnerin des Faubourg Saint-Germain eingeführt sey, und ich befand mich inzwischen doch nur in der Laden-Stube einer Modehandlung.

– Nun – was machen Sie denn? sagte Louise zu mir, welche seit einigen Augenblicken ihren Brief beendigt hatte und anfing über die Art und Weise verlegen zu werden, mit der ich sie betrachtete.

– Ich betrachte Sie und denke nach.

– Was denken Sie?

– Ich denke, daß wenn Rosa gekommen wäre, anstatt so heldenmüthig ihrem August getreu zu bleiben, wenn sie durch irgend eine magische Gewalt plötzlich in dieses köstliche Boudoir versetzt worden wäre, wenn sie sich Ihnen, wie ich in diesem Augenblicke, gegenüber befunden hätte; so würde sie, anstatt sich ihrer Schwester in die Arme zu werfen, auf die Kniee gefallen seyn, indem sie geglaubt eine Königin zu sehen.

– Die Schmeichelei ist ein wenig übertrieben, sagte Louise lächelnd zu mir, und inzwischen liegt etwas Wahres in ihr; ja, fügte sie seufzend hinzu, ja, Sie haben recht, ich bin sehr verändert.

– Madame, sagte im Eintreten ein junges Mädchen, die Goffudarina wünscht einen dem gleichen Hut, wie sie gestern der Fürstin Dolgoruki geliefert.

– Ist sie selbst da? fragte Louise.

– Sie selbst.

– Lassen Sie dieselbe in den Salon treten, ich werde im Augenblicke bei ihr seyn.

Das junge Mädchen ging hinaus.

– Das ist etwas, fuhr Louise fort, was Rosa erinnert hätte, daß ich nichts als eine arme Modehändlerin bin. Aber, wenn Sie eine noch viel größere Veränderung, als die meinige sehen wollen, fuhr sie fort; so heben Sie diese Tapete auf, und blicken Sie durch diese Glasthüre.

Bei diesen Worten ging sie mich allein lassend in den Salon. Ich benutzte die mir gegebene Erlaubniß, und drückte, indem ich die Tapete erhob, mein Auge an die Ecke einer Scheibe.

Diejenige, welche Louise hatte rufen lassen, und die man unter dem Namen der Goffudarina angekündigt, war eine schöne junge Frau von zwei und zwanzig bis vier und zwanzig Jahren und mit asiatischen Zügen, deren Hals, Ohren und Hände mit Schmuck, Diamanten und Ringen beladen war. Sie war gestützt auf eine junge Leibeigene eingetreten, und, als ob es für sie eine große Beschwerde gewesen wäre, selbst auf diesem weichen, auf dem Fußboden des Zimmers ausgebreiteten Teppiche zu gehen, hatte sie sich auf den der Thüre am nächsten stehenden Divan gesetzt, während dem die Leibeigene ihr mit einem Fächer von Federn Luft zuwedelte. Kaum hatte sie Louisen erblickt, als sie ihr mit einem Zeichen voller Nachlässigkeit winkte, näher zu treten, und sie in ziemlich schlechtem Französisch ersuchte, ihr ihre elegantesten, und vor allem theuersten Hüte zu zeigen. Louise beeilte sich, augenblicklich alles das, was sie Bestes besaß, herbei bringen zu lassen; die Goffudarina versuchte die Hüte einen nach dem anderen, befahl sich in einem Spiegel, den die kleine Leibeigene ihr knieend vorhielt, aber ohne daß irgend einer ihr zusagen konnte, denn keiner war dem der Fürstin Dolgoruki vollkommen gleich. Sie mußte ihr demnach auch versprechen, ihr einen nach demselben Muster anfertigen zu lassen. Unglücklicher Weise wünschte die schöne Nachlässige ihren Hut für denselben Tag, und es war in dieser Hoffnung, daß sie sich in ihrer Bequemlichkeit gestört hatte. Was man ihr demnach auch sagen mochte, sie verlangte, daß ihr derselbe zum mindesten am andern Morgen früh geschickt würde, was im äußersten Falle möglich war, wenn man die Nacht dazu verwandte. Durch dieses Versprechen beruhigt, von welchem man wußte, daß Louise unfähig war, es zu brechen, stand die Goffudarina auf, und ging langsamen Schrittes, immer auf ihre Leibeigene gestützt, hinaus, indem sie. Louisen empfahl ihr Wort zu halten, wenn dieselbe sie nicht vor Verdruß sterben lassen wollte. Louise begleitete sie bis an die Thür, und kehrte dann rasch wieder zu mir zurück.

– Nun! sagte sie lachend zu mir, was sagen Sie zu dieser Frau? Lassen. Sie hören.

– Ei, ich sage, daß sie sehr hübsch ist.

– Das ist es nicht, worüber ich Sie frage, ich frage, was Sie über ihren Rang und ihren Stand denken.

– Wenn ich sie in Paris mit dieser übertriebenen Art, diesen falschen Manieren einer vornehmen Dame sähe; so würde ich sagen, daß sie eine vom Theater zurückgezogene, von einem Lord unterhaltene Tänzerin sey.

– Ei, nicht übel für einen Neuling, sagte Louise zu mir, und Sie sind beinahe an der Wahrheit. Diese schöne Dame, deren zarte Füße jetzt Mühe haben, auf dem persischen Teppiche zu gehen, ist ganz einfach eine frühere Sklavin von Georgischem Stamme, aus welcher der Liebling des Kaisers, der Minister Narawithcheff seine Maitresse gemacht hat. Es ist ohngefähr vier Jahre her, daß diese Verwandelung vor sich gegangen ist, und schon hat die arme Maschinka vergessen, von wo sie entsprungen ist, oder vielmehr, sie erinnert es sich dermaßen, daß, die Stunden ihrer Toilette abgerechnet, ihre übrige Zeit dazu verwandt ist, ihre früheren Kameraden, deren Schrecken sie geworden, leiden zu lassen. Die anderen Leibeigenen, die nicht mehr wagen, sie bei ihrem früheren Namen Maschinka zu nennen, haben sie Goffudarina genannt, was ohngefähr so viel sagen will, als Madame. Sie haben gehört, daß sie unter diesem Namen mir gemeldet wurde. Uebrigens, fuhr Louise fort, hier ein Beispiel der Grausamkeit dieser Emporgekommenen: es ist ihr kürzlich begegnet, daß, als sie sich auskleidete und kein Nadelkissen fand, um die Nadeln darauf zu stecken, sie dieselben in den Busen der armen Leibeigenen steckte, welche ihr als Kammerfrau diente. Aber dieses Mal machte die Sache so viel Aufsehen, daß es der Kaiser erfuhr.

– Und was hat er gethan? fragte ich rasch,

– Er hat der Leibeigenen die Freiheit gegeben, sie mit einem feiner Bauern verheirathet, und den Minister gewarnt, daß er bei dem ersten Zuge dieser Art, welchen sich seine Geliebte wieder erlauben würde, dieselbe nach Sibirien senden werde.

– Und sie hat es sich gesagt seyn lassen?

– Ja. Es ist einige Zeit her, daß man nichts von ihr hat erzählen hören. Aber das ist nun genug von mir und anderen geredet, kommen wir ein wenig auf Sie zurück. Erlauben Sie mir, mich in meiner Eigenschaft als Landsmännin zu erkundigen, in welcher Absicht Sie nach St. Petersburg gekommen sind? Vielleicht vermögte ich, die ich die Stadt seit drei Jahren kenne, Ihnen zum mindesten durch meine Rathschläge nützlich zu seyn.

– Ich zweifele daran; aber was thut das? Da Sie so gütig sind, einiges Interesse an mir nehmen zu wollen, so will ich Ihnen sagen, daß ich als Professor der Fechtkunst hergekommen bin. Ist man streitsüchtig in St. Petersburg?

– Nein, weil der Zweikampf hier fast immer tödtlich ist, da, wenn man glücklich davon kommt, Sibirien die Aussicht für die Gegner und die Zeugen ist, so schlägt man sich nur für Sachen, die der Mühe werth sind, und wenn man sich wirklich tödten will. Das thut aber nichts, es wird Ihnen nicht an Schülern fehlen. Nur werde ich Ihnen einen Rath geben.

– Welchen?

– Den, darnach zu streben, daß sie von dem Kaiser die Ernennung zum Fechtmeister irgend eines Regiments erlangen, was Ihnen einen militairischen Grad verleihen wird, denn, Sie wissen es, hier gilt die Uniform alles.

– Der Rath ist gut, nur ist es leichter ihn zu geben, als ihn zu befolgen.

– Warum das?

– Wie sollte ich zum Kaiser gelangen? Ich habe keine Protection hier.

– Ich werde darauf bedacht seyn.

– Wie, Sie?

– Das verwundert Sie? sagte Louise lächelnd zu mir.

– Nein, Madame, nichts überrascht mich von Ihrer Seite, und Sie sind liebenswürdig genug, um alles dasjenige zu erlangen, was Sie unternehmen würden. Nur habe ich nichts gethan, um so viel von Ihnen zu verdienen.

– Sie haben nichts gethan? Sind Sie nicht mein Landsmann? haben Sie mir nicht einen Brief von meiner guten Rosa gebracht? haben Sie nicht, indem Sie mich an mein schönes Paris erinnert, mir eine der angenehmsten Stunden gewährt, die ich noch in St. Petersburg zugebracht? Ich hoffe, daß ich Sie wiedersehen werde?

– Wenn Sie es wünschen!

– Wann?

– Morgen, wenn Sie mir es erlauben wollen.

– Um dieselbe Stunde; es ist die, wo ich am freiesten bin, länger zu plaudern.

– Gut denn! um dieselbe Stunde. Ich verließ Louisen, entzückt von ihr, daß ich in St. Petersburg nicht mehr allein sey. Ein junges, alleinstehendes Mädchen, wie sie zu seyn schien, war freilich eine sehr ungewisse Stütze, aber es liegt etwas so süßes in der Freundschaft eines Weibes, daß das erste, was sie entstehen läßt, die Hoffnung ist. Ich aß dem Laden Louisens gegenüber bei einem französischen Restaurateur, Namens Talon, zu Mittag, ohne aber Lust zu haben, mit irgend einem meiner Landsleute zu sprechen, welche man dort wie überall an der erhobenen Stimme und der wunderbaren Leichtigkeit erkannte, mit der sie ganz laut von ihren Geschäften sprechen. Ich hatte außerdem genug mit meinen eigenen Gedanken, und jeder, der zu mir gekommen wäre, hätte mir ein Unbescheidener geschienen, der mir einen Theil meiner Träume zu entreißen suchte.

Ich nahm, wie am Abende zuvor, eine Gondel mit zwei Ruderern, und brachte die Nacht auf meinem Mantel liegend zu, indem ich mich an dieser süßen Harmonie der Hörner berauschte, Und alle Gestirne des Himmels einen nach dem anderen zählte.

Wie am Tage zuvor, kehrte ich um zwei Uhr Morgens nach Hause zurück, und erwachte um sieben Uhr. Da ich mit einem Schlage mit allen Sehenswürdigkeiten St. Petersburgs fertig werden wollte, damit ich mich mit nichts mehr, als mit meinen Angelegenheiten zu beschäftigen hätte; so ließ ich durch meinen Lohnbedienten eine Droschke zu demselben Preise, als gestern, kommen, und machte mich daran, alles, was mir übrig geblieben war, zu besuchen, von dem Sanct-Alexander Newski-Kloster mit seinem Grabmahle von Silber, auf welchem Gestalten von Lebensgröße beten, an, bis zu der Akademie der Wissenschaften, mit ihrer Mineralien-Sammlung, mit ihrem von Friedrich IV., Könige von Dänemark, an Peter I. geschenkten Globus von Gottorp, und ihrem Mammuth, dem Zeitgenossen der Sündfluth, von dem Reisenden Michael Adam unter dem Eise des weißen Meeres gefunden.

Alle diese Dinge waren sehr interessant, aber es ist darum nichts desto weniger wahr, daß ich von zehn zu zehn Minuten meine Uhr zog, um zu wissen, ob die Stunde zu Louisen zu gehen, heran nahete.

Endlich gegen vier Uhr war es mir unmöglich, länger dort auszuhalten, ich ließ mich demnach nach der Newskischen Perspective fahren, wo ich bis um fünf spazieren zu gehen gedachte. Aber an den Katharinen-Kanal gelangt, war es mir unmöglich, mit meiner Droschke durchzukommen, so groß war das Gedränge. Aufläufe sind in St. Petersburg eine so seltene Sache, daß ich, da ich beinahe an meiner Bestimmung angelangt war, meinen Ivoschik bezahlte, und mich zu Fuße unter die Gaffer mischte. Es handelte sich um einen Spitzbuben, den man in das Gefängniß führte, und den so eben Herr von Gorgoli, der Groß-Meister der Polizei, selbst überrascht hatte; die Umstände, welche den Diebstahl begleitet hatten, erklärten die Neugierde der Menge.

Obgleich Herr von Gorgoli, einer der schönsten Männer der Hauptstadt, und einer der tapfersten Generäle der Armee, von einer ziemlich seltenen Stattlichkeit war, so hatte es der Zufall gewollt, daß einer der gewandtesten Schelme von St. Petersburg eine wunderbare Aehnlichkeit mit ihm hatte. Der Spitzbube beschloß, diese äußere Aehnlichkeit zu benutzen: um dem zu Folge die Täuschung noch vollständiger zu machen, hüllt sich unser Sosie in eine General-Major-Uniform, wirft einen grauen Mantel mit großen Kragen über die Schultern, läßt sich eine Droschke gleich der anfertigen, welcher sich Herr von Gorgoli gewöhnlich bediente, vollendet die Nachahmung dadurch, daß er sich Pferde von derselben Farbe des Haares leihet, und gefahren von einem Kutscher, welcher wie der des Generals gekleidet ist, hält er vor der Thüre eines Kaufmannes der großen Millionen-Straße an, stürzt in den Laden, und sich an den Herrn des Hauses wendend, sagte er zu ihm:

– Sie kennen mich, mein Herr, ich bin der General Gorgoli, Groß-Meister der Polizei.

– Ja, Eure Excellenz.

– Nun denn! ich bedarf augenblicklich für eine sehr wichtige Operation fünf und zwanzig Tausend Rubel; ich bin zu weit vom Ministerium entfernt, um sie dort zu holen, denn eine Verzögerung würde alles verderben. Ich ersuche Sie, mir diese fünf und zwanzig Tausend Rubel zu geben, und morgen früh in meine Wohnung zu kommen, um sie wieder abzuholen.

– Excellenz, rief der Kaufmann entzückt über den Vorzug aus, ich bin zu glücklich, Ihnen angenehm seyn zu können; wollen Sie mehr?

– Ei nun, geben Sie mir denn dreißig Taufend.

– Hier sind sie, mein Herr.

– Danke, morgen um neun Uhr, in meiner Wohnung.

– Und der Leiher steigt wieder in seine Droschke und fährt im Galopp nach der Seite des Sommer-Gartens zu. Am andern Morgen kommt der Kaufmann zur bestimmten Stunde zu Herrn von Gorgoli, der ihn mit seiner gewöhnlichen Leutseligkeit empfängt, und welcher, da er zögert, ihm den Beweggrund seines Besuches zu erklären, ihn fragt, was er wünsche.

Diese Frage macht den Kaufmann bange, welcher außerdem, den General näher betrachtend, einigen Unterschied zwischen ihm und der Person zu entdecken glaubt, die am Tage zuvor sich unter seinem Namen bei ihm vorgestellt hat; plötzlich ruft er aus: Excellenz, ich bin bestohlen, – und erzählt sogleich die unglaubliche List, deren Opfer er gewesen ist. Herr von Gorgoli hört ihm, ohne ihn zu unterbrechen, zu; als er geendigt, läßt sich der General seinen grauen Mantel bringen, und befiehlt, daß man den Rothfuchs an seine Droschke spanne; dann, als er sich ein zweites Mal die Sache in allen Einzelheiten hat erzählen lassen, ersucht er den Kaufmann, ihn zu Hause zu erwarten, während dem daß er die Spur seines Diebes verfolgen wolle.

Herr von Gorgoli läßt sich nach der großen Millionen-Straße fahren, fährt von dem Laden des Kaufmannes ab, verfolgt denselben Weg, den der Dieb eingeschlagen hat, und sich an den Boutchnick[4 - Die Boutchnicks sind eine Art Schildwachen, welche an den Ecken jeder Hauptstraße in Hütten, Boutka genannt, aufgestellt sind, und die, weder dem Civil- noch dem Militärstande angehörend, ohngefähr das, obgleich in einem niederern Grade, was unsere Stadt-Sergeanten, sind. Einer von ihnen steht immer mit einer Hellebarde in der Hand an der Thüre seiner Hütte, daher kommt ihr Name Boutchnicks, oder Schilderhaussteher.] wendend, sagte er zu ihm:

– Ich bin gestern Nachmittag um drei Uhr an Dir vorüber gekommen, hast Du mich gesehen?

– Ja, Excellenz.

– Wohin ging ich?

– Nach der Seite der Brücke von Troitskoi.

– Es ist gut.

Und der General schlägt den Weg nach der Brücke ein. Am Eingange der Brücke findet er eine andere Schildwache.

– Ich bin gestern Nachmittag um drei Uhr zehn Minuten an Dir vorbei gekommen, hast Du mich gesehen?

– Ja, Excellenz.

– Welchen Weg hab ich genommen?

– Eure Excellenz ist über die Brücke gefahren.

– Gut. Der General fährt über die Brücke, und hält vor der Hütte Peters I. an; der Boutchnick, welcher sich im Schilderhause befand, stürzt heraus.

– Ich bin gestern um halb vier an Dir vorbei gekommen, sagt der General zu ihm.

– Ja, Excellenz.

– Wo hast Du mich hinfahren sehen?

– Nach dem Quartier von Wiborg.

– Gut.

Herr von Gorgoli setzt seinen Weg fort, entschlossen, ihn bis an das Ende zu verfolgen. An der Ecke des Hospitals der Landtruppen findet er einen anderen Boutchnick, und befragt ihn nochmals. Dieses Mal hat er seinen Weg nach der Seite des Brandtewein-Magazins gerichtet; der General begibt sich dorthin. Von dem Brandtewein-Magazine ist er über die Brücke Woskresenskoi gefahren, von der Brücke Woskresenskoi hat er sich in gerader Linie nach dem Ende der großen Aussicht begeben; von dem Ende der großen Aussicht nach dem äußersten Ende der Kramläden an der Seite der Bank und der Assignationen. Herr von Gorgoli befragt ein letztes Mal den Schilderhaussteher.

– Ich bin gestern um halb fünf an Dir vorüber gekommen? sagt er zu ihm.

– Ja, Excellenz.

– Wohin ging ich?

– In No. 19, an der Ecke des Katharinen-Kanales.

– Bin ich daselbst eingetreten?

– Ja.

– Hast Du mich wieder heraus kommen sehen?

– Nein.

– Sehr gut. Laß Dich durch einen Deiner Kameraden ablösen, und hole mir zwei Soldaten aus der nächsten Kaserne.

– Gleich, Excellenz.

Der Schilderhaussteher eilt fort, und kommt nach Verlauf von zehn Minuten mit den beiden verlangten Soldaten zurück.

Der General geht mit ihnen nach No. 19, läßt die Thüren des Hauses verschließen, befragt den Pförtner, erfährt, daß sein Mann im zweiten Stocke wohnt, geht hinauf, stößt die Thüre mit einem Fußtritte ein, und befindet sich seinem Ebenbilde gegenüber, welcher, über diesen Besuch erschreckt, dessen Gegenstand er erräth, alles eingesteht, und die dreißig Tausend Rubel zurückerstattet.

Die Civilisation von St. Petersburg ist, wie man sieht, nicht hinter der von Paris zurück geblieben. Dieses Abenteuer, dessen Entwickelung ich beiwohnte, hatte mich ein und zwanzig Minuten verlieren, oder vielmehr gewinnen lassen; das war, nach noch anderen zwanzig Minuten, die Stunde, zu welcher mir Louise erlaubt hatte, zu ihr zu kommen. Ich begab mich hin. In dem Maße, als ich mich näherte, schlug mir das Herz stärker, und als ich frug, ob sie zu sprechen sey, zitterte meine Stimme so, daß ich, um verstanden zu werden, meine Frage zwei Male wiederholen mußte.

Louise erwartete mich in dem Boudoir.




V


Als sie mich eintreten sah, grüßte sie mich mit dem Kopfe mit jener anmuthigen Vertraulichkeit, die nur unseren Französinnen angehört; dann, mir die Hand reichend, ließ sie mich, wie am Tage vorher, neben sich setzen.

– Nun! sagte sie zu mir, ich habe mich mit Ihrer Angelegenheit beschäftigt.

– O antwortete ich ihr mit einem Ausdrucke, der sie lächeln machte, sprechen wir nicht von mir, reden wir von Ihnen.

– Wie so, von mir? handelt es sich denn bei alle dem von mir? bin ich es, die sich um eine Fechtmeister-Stelle in einem der Regimenter Seiner Majestät bewirbt? Von mir? und was haben Sie mir denn von mir zu sagen?

– Ich habe Ihnen zu sagen, daß Sie mich seit gestern zum glücklichsten der Menschen gemacht haben, daß ich seit gestern nur an Sie denke, und nichts als Sie sehe; daß ich keinen Augenblick geschlafen habe, und daß ich geglaubt, die Stunde, in welcher ich Sie wiedersehen durfte, wolle niemals herbeikommen.

– Mein Gott, das ist ja eine Erklärung in aller Form, die Sie mir da machen.

– Bei meiner Treue, nehmen Sie dieselbe, wie Sie wollen; ich habe nicht allein das gesagt, was ich denke, sondern auch noch das, was ich fühle.

– Das ist Scherz.

– Nein, auf Ehre.

– Sie reden im Ernst?

– In vollem Ernst.

– Nun denn, da nach allem es möglich ist, sagte Louise, daß das obgleich etwas frühzeitige Geständniß darum nichts desto weniger aufrichtig ist; so ist es meine Pflicht, Sie nicht weiter gehen zu lassen.

– Wie das?

– Mein lieber Landsmann, es kann unter uns durchaus nichts anderes statt finden, als gute, offenherzige und reine Freundschaft.

– Aber warum denn?

– Weil ich einen Geliebten habe, und Sie bereits durch meine Schwester wissen, daß die Treue ein Fehler in unserer Familie ist.

– Ich bin unglücklich!

– Nein, Sie sind es nicht. Wenn ich das Gefühl, das Sie für mich zu empfinden behaupten, hätte tiefere Wurzeln schlagen lassen, anstatt es Ihrem Kopfe zu entreißen, bevor es Zeit gehabt zu ihrem Herzen zu gelangen, ja, dann hätten Sie es werden können; aber Gott sei Dank, fügte Louise lächelnd hinzu, es ist keine Zeit verloren gewesen, und ich hoffe, daß das Uebel angegriffen ist, bevor es große Fortschritte gemacht hat.

– Es ist gut, sprechen wir nicht mehr davon.

– Im Gegentheile, reden wir davon, denn da Sie hier der Person begegnen werden, die ich liebe, so ist es nothwendig, daß Sie wissen, auf welche Weise ich sie lieb gewonnen habe.

– Ich danke Ihnen für so viel Vertrauen.

– Sie sind empfindlich, und Sie haben unrecht. Ei was, geben Sie mir die Hand wie einer guten Freundin.

Ich nahm die Hand, welche e mir darreichte, und da ich nach allem kein Recht hatte, Groll gegen sie zu bewahren, so sagte ich zu ihr:

– Sie sind rechtschaffen.

– So lasse ich mir’s gefallen.

– Und ohne Zweifel, fragte ich, irgend ein Fürst?

– Nein, so hohe Ansprüche mache ich nicht, ganz einfach ein Graf.

– Ach! – Rosa, Rosa, rief ich aus, komm nicht nach Petersburg, Du würdest Deinen August vergessen.

– Sie beschuldigen mich, bevor Sie mich angehört haben, und das ist nicht recht von Ihnen, antwortete Louise mir; deshalb ist es, warum ich Ihnen alles sagen wollte; aber Sie würden kein Franzose sein, wenn Sie nicht so urtheilten.

– Glücklicher Weise macht Ihre Vorliebe für die Russen mich glauben, daß Sie ein wenig ungerecht gegen Ihre Landsleute sind.

– Ich bin gegen niemand ungerecht, mein Herr, ich vergleiche, das ist alles. Jedes Volk hat seine Fehler, die es selbst nicht bemerkt, weil sie unzertrennlich von seiner Natur sind, die aber anderen Völkern in die Augen springen. Unser Hauptfehler ist die Flatterhaftigkeit. Ein Russe, der den Besuch eines unserer Landsleute empfangen hat, sagt niemals zu einem anderen Russen: Eben ist ein Franzose weggegangen. – Er sagt: Es ist ein Narr gekommen. – Und er hat nicht nöthig zu sagen, welcher Nation dieser Narr angehört, man weiß, daß das ein Franzose ist.

– Und die Russen sind ohne Fehler?

– Gewiß nicht; aber es kommt denen nicht zu, sie zu sehen, die kommen, um ihre Gastfreundschaft zu verlangen.

– Danke für die Lektion.

– Ei, mein Gott! es ist keine Lektion, es ist ein Rath: Sie kommen in der Absicht hierher, um hier zu bleiben, nicht wahr? Machen Sie sich deshalb Freunde, und keine Feinde.

– Sie haben immer recht.

– Bin ich nicht auch, wie Sie gewesen? hatte ich nicht geschworen, daß niemals einer dieser, vor dem Czar so unterwürfigen, und gegen die niedriger als sie stehenden so unverschämten großen Herrn etwas für mich sein würde? Nun denn! ich habe gegen meinen Schwur gefehlt, schwören Sie deshalb nicht, wenn Sie nicht, wie ich, dagegen fehlen wollen.

– Und nach dem Charakter, den ich an Ihnen erkenne, obgleich ich nur seit gestern. Ihre Bekanntschaft gemacht, sagte ich zu Louisen, muß der Kampf lange gedauert haben.

– Ja, er hat lange gedauert, und er wäre beinahe tragisch geworden.

– Sie hoffen, daß die Neugierde bei mir den Sieg über die Eifersucht davon trägt.

– Ich hoffe nichts; ich wünsche nur, daß Sie die Wahrheit wissen, das ist alles.

– Reden Sie denn, ich höre Ihnen zu.

– Ich war, wie die Aufschrift von Rosas Brief Ihnen hat sagen müssen, bei Madame Xavier, der berühmtesten Modehändlerin von St. Petersburg, und wo dem zu Folge sich der ganze Adel der Hauptstadt damals versah. Wegen meiner Jugend, wegen dem, was man meine Schönheit nannte, und vor allem wegen meiner Eigenschaft als Französin, fehlte es mir nicht, wie Sie wohl denken können, an Komplimenten und Deklarationen. Inzwischen schwöre ich Ihnen, obgleich diese Deklarationen und diese Komplimente zuweilen von den glänzendsten Versprechungen begleitet waren, daß keine irgend einen Eindruck auf mich machte, und alle verbrannt wurden. Auf diese Weise verflossen achtzehn Monate.

Es ist ohngefähr zwei Jahre her, daß ein mit vier Pferden bespannter Wagen vor dem Laden hielt; zwei junge Mädchen, ein junger Officier und eine Frau von fünf und vierzig bis fünfzig Jahren stiegen aus demselben. Der junge Mann war Lieutenant bei der Rittergarde, demzufolge blieb er in St. Petersburg, aber seine Mutter und seine beiden Schwestern wohnten in Moskau, sie kamen, um die drei Sommer-Monate mit ihrem Sohne und ihrem Bruder zuzubringen, und ihr erster Besuch bei ihrer Ankunft war bei Madame Ravier, der großen Anordnerin des Geschmackes: eine elegante Frau konnte sich in der That nicht ohne ihre Hilfe in den Gesellschaften zeigen. Die beiden jungen Mädchen waren liebenswürdig; was den jungen Mann anbetrifft, so bemerkte ich ihn kaum, obgleich er sich während eines kurzen Besuches viel mit mir zu beschäftigen schien. Als ihre Ankäufe gemacht waren, gab die Mutter ihre Adresse: An die Gräfin Waninkoff, Hotel Waninkoff, an dem Fontanka-Kanale.

Am anderen Tage kam der junge Mann allein; er wünschte zu wissen, ob wir uns mit den Aufträgen seiner Mutter und seiner Schwestern beschäftigt hätten, und wandte sich an mich, um die Farbe einer Bandschleife zu verändern.

Am Abende empfing ich einen Alexis Waninkoff unterzeichneten Brief; es war, wie alle Briefe dieser Art, eine Liebes-Erklärung, inzwischen überraschte mich eine Sache wie ein Zartgefühl: es war durchaus keine Versprechung darin gemacht; man sprach davon, mein Herz zu erlangen, aber nicht es zu erkaufen.

Es gibt gewisse Stellungen, in denen man nicht ohne lächerlich zu werden, eine zu strenge Tugend zeigen kann; wenn ich ein junges Mädchen aus der vornehmen Welt gewesen wäre, so hätte ich dem Grafen Alexis seinen Brief zurückgesandt, ohne ihn zu lesen; ich war eine arme Grisette, und verbrannte ihn deshalb, nachdem ich ihn gelesen hatte.

Am anderen Tage kam der Graf wieder; seine Schwestern und seine Mutter wünschten Hauben, deren freie Auswahl sie ihm überließen. Als er eintrat, benutzte ich einen Vorwand, um in das Zimmer der Madame Ravier zu gehen, und erschien nicht eher wieder in dem Laden, als bis er denselben verlassen hatte.

Am Abende empfing ich einen zweiten Brief Derjenige, welcher mir schriebe, sagte er, hätte noch eine Hoffnung, nämlich, daß ich den ersten Brief nicht erhalten habe. Wie der am Tage vorher, blieb er ohne Antwort.

Am anderen Tage empfing ich einen dritten. Der Ton dieses war dermaßen von den beiden anderen verschieden, daß er mich überraschte. Er war von der ersten bis zur letzten Zeile von einem Ausdrucke der Schwermuth durchdrungen, welche nicht, wie ich erwartet hatte, dem Zorne eines Kindes glich, dem man ein Spielwerk verweigert; sondern der Entmuthigung eines Mannes, der seine letzte Hoffnung verliert. Wenn ich auf diesen Brief nicht antwortete, wäre er entschlossen, vom Kaiser einen Urlaub zu erbitten, und vier Monate mit seiner Mutter und seinen Schwestern in Moskau zuzubringen. Mein Schweigen ließ ihm die Freiheit zu thun, was er für gut fände. Sechs Wochen nachher empfing ich einen von Moskau datirten Brief, er enthielt folgende wenigen Worte:

»Ich stehe auf dem Punkte, eine unsinnige Verpflichtung einzugehen, welche mich mir selbst entzieht und die nicht allein meine Zukunft, sondern auch noch mein Leben in Gefahr bringt. Schreiben Sie mir, daß Sie mich vielleicht später lieben würden, damit ein Schimmer von Hoffnung mich an das Leben fesselt, und ich bleibe frei.«

Ich glaubte, daß er dieses Billet nur deshalb geschrieben hätte, um mich zu erschrecken, und, wie die Briefe, ließ ich es ohne Antwort.

Nach Verlauf von vier Monaten empfing ich folgenden Brief:

»Ich komme im Augenblicke an. Der erste Gedanke meiner Rückkehr ist an Sie. Ich liebe Sie so sehr, und mehr vielleicht, als in dem Augenblicke, wo ich abgereiset bin. Jetzt können Sie mir das Leben nicht mehr retten, aber Sie können machen, daß es noch Werth für mich hat.«

Diese lange Beharrlichkeit, das in diesen beiden letzten Billeten verborgene Geheimniß, der Ton von Trauer, der in ihnen herrschte, bestimmten mich, ihm zu antworten, nicht durch einen Brief, wie ihn der Graf vielleicht gewünscht hätte, der zum mindesten durch einige Worte des Trostes, und inzwischen schloß ich ihn, indem ich ihm sagte, daß ich ihn nicht liebe, und daß ich ihn niemals lieben würde.

– Das scheint Ihnen sonderbar, und ich sehe, daß Sie lächeln: so viel Tugend scheint Ihnen bei einem armen Mädchen lächerlich. Beruhigen. Sie sich, es war nicht aus Tugend allein, es war aus Erziehung. Meine arme Mutter, die ohne Vermögen zurückgelassene Wittwe eines Officiers, hatte uns, Rosa und mich, so erzogen. Mit sechzehn Jahren verloren wir sie, und mit ihr die kleine Pension, welche uns den Lebensunterhalt gewährte. Meine Schwester wurde Blumenmacherin, ich Putzmacherin. Meine Schwester liebte ihren Freund, sie ergab sich ihm, und ich mache ihr kein Verbrechen daraus; ich fand es ganz einfach, sich einer Person hinzugeben, der man sein Herz geschenkt hat. Aber ich war demjenigen noch nicht begegnet, den ich lieben sollte, und ich war, wie Sie sehen, ordentlich geblieben, ohne ein großes Verdient dabei zu haben, es zu seyn. Mittlerweile kam der Neujahrstag herbei. Bei den Russen, Sie wissen es noch nicht, aber Sie werden es bald sehen, ist der erste Jahres-Tag ein großes Fest. An diesem werden der Große und der Moujick, die Fürstin und die Putzmacherin, der General und Soldat, Brüder. Der Czar empfängt sein Volk, fünf und zwanzig Tausend Billets sind, so zu sagen, dem Zufalle überlassen in den Straßen St. Petersburgs ausgestreuet. Um neun Uhr Abends öffnet sich der Winterpalast, und die fünf und zwanzig Tausend Eingeladenen füllen die Säle der kaiserlichen Residenz an, welche sich das ganze Jahr über nur der Aristokratie öffnen. Die Männer kommen im Domino oder in venetianischer Tracht, die Frauen in ihren gewöhnlichen Costümen.

Madame Xavier hatte uns Eintrittskarten gegeben, so, daß wir beschlossen hatten, alle zusammen nach dem Palaste zu gehen. Die Parthie war um so thunlicher, als, eine sonderbare Sache, so zahlreich auch die Versammlung seyn möge, doch niemals weder eine Unordnung, noch eine Unverschämtheit, noch ein Diebstahl daselbst stattfindet, und dennoch würde man dort vergeblich einen Soldaten suchen. Die Ehrfurcht, welche der Kaiser einflößt, dehnt sich über jedermann aus, und das keuscheste junge Mädchen ist daselbst eben so in Sicher’eit, als in dem Schlafzimmer ihrer Mutter.

Wir waren seit ohngefähr einer halben Stunde angekommen, und in dem weißen Saale so gedrängt, daß wir nicht geglaubt hätten, daß eine Person mehr darin Platz gefunden hätte, als plötzlich die Orchester von allen Sälen das Zeichen zur Polonaise gaben. Zu gleicher Zeit ließ sich der Ruf: der Kaiser! der Kaiser! hören, Seine Majestät erschien in der Thür, indem er den Tanz mit der Gesandtin von England, und gefolgt von dem ganzen Hofe eröffnete; jeder drängte sich, die Wogen trennten sich, ein Raum von zehn Fuß. Breite öffnete sich, die Menge der Tänzer stürzt hinein, geht vorüber wie ein Strom von Diamanten, Federn, Sammet und Wohlgerüchen; hinter dem Gefolge treibt, stößt, drängt sich jeder. Getrennt von meinen beiden Freundinnen will ich sie vergeblich wieder einholen, ich erblicke sie einen Augenblick, fortgerissen, wie durch einen Wirbelwind, beinahe eben so schnell verliere ich sie aus dem Gesicht, ich will sie wieder einholen, aber vergeblich, ich vermag die mich von ihnen trennende Menschenmauer nicht zu durchdringen, und siehe da, ich befand mich allein in Mitte von fünf und zwanzig Tausend Personen.

In diesem Augenblicke, wo ich ganz bestürzt bereit war, die Hilfe des ersten, besten Mannes, dem ich hätte begegnen können, anzusprechen, kommt ein Domino auf mich zu: ich erkannte Alexis.

– Wie, allein hier? sagte er zu mir.

– Ah! Sie sind’s, Herr Graf! rief ich aus, indem ich mich seines Armes bemächtigte, so sehr war ich über meine Verlassenheit in Mitte dieser Menge erschreckt. Ich bitte Sie, helfen Sie mir hinaus, und lassen Sie mir einen Wagen vorfahren, damit ich fort kann.

– Erlauben Sie, daß ich Sie nach Hause führe, und ich werde dem Zufalle dankbar seyn, der dann mehr für mich gethan haben würde, als alle meine Bitten.

– Nein, ich danke Ihnen, ein Miethwagen. . . . .

– Einen Miethwagen um diese Stunde zu finden, wo jeder Mann noch ankommt und niemand fortfährt, ist eine ohnmögliche Sache. Bleiben Sie viel lieber noch eine Stunde hier.

– Nein, ich will fortgehen.

– Dann nehmen Sie meinen Schlitten an, ich will Sie durch meine Leute nach Hause fahren lassen, da Sie mich nicht sehen wollen; so werden Sie mich nicht fehlen.

– Mein Gott, ich mögte lieber. . .

– Sie können nur einen oder den anderen Entschluß fassen, entweder bleiben, oder meinen Schlitten annehmen; denn ich setze voraus, daß Sie nicht daran denken, allein und bei dieser Kälte zu Fuße fortzugehen.

– Nun denn, Herr Graf, führen Sie mich an Ihren Schlitten.

Alexis gehorchte sogleich. Inzwischen waren so viel Menschen da, daß wir mehr als eine Stunde damit zubrachten, um bis zu der nach dem Admiralitäts-Platze führenden Thüre zu gelangen. Der Graf rief seine Leute, und einen Augenblick nachher hielt ein eleganter Schlitten, der nichts anderes war, als ein dicht verschlossener Kutschenkasten, vor der Thür. Ich stieg sogleich hinein, indem ich die Adresse der Madame Favier gab, der Graf ergriff meine Hand und küßte sie, schloß den Schlag, fügte in russischer Sprache einige Worte zu meiner Empfehlung hinzu, und ich fuhr mit der Schnelligkeit des Blitzes davon.

Nach Verlauf eines Augenblickes schienen die Pferde ihre Schnelligkeit zu verdoppeln, und es kam mir so vor, als ob die Anstrengungen, welche ihr Führer um sie aufzuhalten machte, vergeblich wären; ich wollte schreien, aber mein Geschrei verlor sich vor dem des Kutschers. Ich wollte den Schlag öffnen, aber hinter der Spiegelscheibe befand sich eine Art von Jalousie, von der ich den Drücker nicht finden konnte. Nach vergeblichen Anstrengungen sie ich erschöpft, in die Kissen des Wagens zurück, überzeugt, daß die Pferde durchgegangen wären und wir an irgend einer Straßen-Ecke zerschmettert werden würden.

Nach Verlauf einer Viertelstunde hielten sie inzwischen an, der Schlag öffnete sich, ich war dermaßen bestürzt, daß ich aus dem Wagen sprang, aber einmal der vermeinten Gefahr entronnen, sanken meine Beine unter mir zusammen, und ich fürchtete ohnmächtig zu werden. In diesem Augenblicke hüllte man meinen Kopf in einen Kachemir, und ich fühlte mich auf einen Divan gelegt. Ich machte eine Anstrengung, um mich von dem mich einhülllenden Schleier zu befreien, ich befand mich in einem mir unbekannten Gemache, und der Graf Alexis lag vor meinen Knieen.

– Ha! rief ich aus, Sie haben mich betrogen, das ist abscheulich, Herr Graf!

– Ach! verzeihen Sie mir, sagte er, diese Gelegenheit verloren, würde ich sie vielleicht niemals wiedergefunden haben. Zum wenigsten vermag ich in meinem Leben einmal Ihnen zu sagen. . .

– Sie werden mir kein Wort sagen, Herr Graf, rief ich aus, indem ich aufstand, und Sie werden augenblicklich befehlen, daß man mich nach Haus fährt, oder Sie sind ein unrechtlicher Mann.

– Nur eine Stunde, im Namen des Himmels! damit ich mit Ihnen spreche, damit ich Sie sehe! Es ist so lange Zeit her, daß ich Sie nicht gesehen, daß ich Sie nicht gesprochen habe.

– Keine Minute, keine Sekunde, denn im Augenblicke selbst, verstehen Sie wohl, im Augenblicke selbst werden Sie mich fortgehen lassen.

– Also weder meine Ehrerbietung, noch meine Liebe, noch meine Bitten. . .

– Nichts, Herr Graf, nichts.

– Nun denn, sagte er zu mir, hören Sie. Ich sehe, daß Sie mich nicht lieben, daß Sie mich niemals lieben werden. Ihr Brief hatte mir einige Hoffnung gegeben, Ihr Brief hatte mich getäuscht; es ist gut, Sie haben mich verdammt, ich nehme das Urtheil an. Ich verlange nur fünf Minuten von Ihnen; wenn Sie in fünf Minuten verlangen, daß ich Sie frei lasse, werden Sie es seyn.

– Sie schwören mir, daß ich in fünf Minuten frei seyn werde?

– Ich schwöre es Ihnen.

– So reden Sie.

– Ich bin reich, Louise, ich bin adelig, ich habe eine Mutter, die mich anbetet, zwei Schwestern, die mich lieben; von meiner Kindheit an bin ich von Dienern umgeben gewesen, die mir zu gehorchen sich beeiferten, und dennoch bin ich mit alle diesem von der Krankheit des größten Theiles meiner Landsleute befallen, alt mit zwanzig Jahren, um ein Mann gewesen zu seyn, zu jung. Ich bin alles überdrüssig, alles müde.« Ich langweile mich.

Diese Krankheit ist der verfolgende Dämon meines ganzen Lebens gewesen. Weder Bälle, noch Träume, noch Feste, noch Vergnügungen haben mir diesen grauen Schleier wegnehmen können, der sich zwischen der Welt und mir ausbreitet. Der Krieg mit seinem Taumel, seinen Gefahren, seinen Beschwerden, hätte vielleicht etwas Einfluß auf meinen Geist haben können, aber ganz Europa schläft in einem tiefen Frieden, und es gibt keinen Napoleon mehr, um alles umzuwälzen.

Ich war alles müde und im Begriff, das Reisen zu versuchen, als ich Sie sah; das, was ich anfangs für Sie empfand, war, ich muß es gestehen, eben nichts anderes, als eine Laune; ich schrieb Ihnen, indem ich glaubte, daß ich nur Ihnen zu schreiben nöthig hätte, damit Sie nachgeben würden. Gegen meine Erwartung antworteten Sie mir nicht; ich beharrte, denn Ihr Widerstand reizte mich: ich hatte für Sie nur eine vorübergehende Laune zu haben geglaubt, und ich bemerkte, daß diese Laune eine wahre und tiefe Liebe geworden war. Ich versuchte nicht, sie zu bekämpfen, denn jeder Kampf mit mir selber ermüdete mich, und machte mich muthlos. Ich schrieb Ihnen, daß ich abreise, und ich reisete ab.

In Moskau angekommen fand ich frühere Freunde wieder; sie sahen mich finster, unruhig, gelangweilt, und sie erwiesen meinem Herzen mehr Ehre, als es verdiente. Sie glaubten mich des auf uns lastenden Joches überdrüssig; sie nahmen meine langen Träumereien für philantropische Betrachtungen, sie erforschten lange Zeit meine Worte und mein Schweigen; dann, als sie zu bemerken glaubten, daß etwas in dem Grunde meiner Traurigkeit verborgen blieb, nahmen sie dieses Etwas für Liebe zur Freiheit, und boten mir an, an einer Verschwörung gegen den Kaiser Theil zu nehmen.

– Großer Gott! rief ich entsetzt aus, und Sie haben es hoffentlich ausgeschlagen?

– Ich schrieb Ihnen; mein Entschluß war dieser letzten Probe unterworfen; wenn Sie mich liebten, war mein Leben nicht mehr mein, sondern Ihnen, und ich hatte kein Recht, darüber zu verfügen. Wenn Sie mir nicht antworteten, was so viel sagen wollte, als daß Sie mich nicht liebten, dann lag mir wenig daran, was aus mir werden würde. Ein Komplott war eine Zerstreuung. Es war wohl das Schaffot dabei, wenn wir entdeckt wurden; aber da mehr als einmal der Gedanke des Selbstmordes in mir aufgestiegen war, so dachte ich, daß das wohl etwas sey, um nicht die Mühe zu haben, mich selbst zu tödten.

– O! mein Gott! mein Gott ist es möglich, daß Sie das dachten, was Sie mir da sagen?

– Ich sage Ihnen die Wahrheit, Louise, und hier der Beweiß. Nehmen Sie, fügte er hinzu, indem er aufstand, und aus einem kleinen Tische ein versiegeltes Packet zog, ich konnte nicht errathen, daß ich Ihnen heute begegnen würde. Ich hoffte selbst nicht mehr, Sie zu sehen. Lesen Sie dieses Papier.

– Ihr Testament!

– Gemacht in Moskau, an dem Tage nach meinem Eintritt in die Verschwörung.

– Großer Gott! Sie vermachten mir dreißig Tausend Rubel. Renten?

– Wenn Sie mich nicht während meines Lebens geliebt hatten, so wünschte ich, daß Sie wenigstens einige freundliche Erinnerungen für mich nach meinem Tode hätten.

– Aber diese Pläne von Verschwörung, dieser Tod, dieser Selbstmord, Sie haben auf alles das verzichtet?

– Louise, Sie sind frei fortzugehen; die fünf Minuten sind verflossen; aber eben so, wie Sie meine letzte Hoffnung sind, das einzige Gut, das mich an"s Leben fesselt, eben so einmal von hier hinausgegangen, werden Sie niemals dahin zurückkehren, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, so wahr ich Graf bin, daß sich die Thüre nach der Straße noch nicht hinter Ihnen geschlossen haben wird, bevor ich mir nicht den Kopf gesprengt haben werde.

– Ach! Sie sind wahnsinnig!

– Nein, ich bin gelangweilt.

– Sie werden so etwas nicht thun.

– Versuchen Sie es.

– Herr Graf, im Namen des Himmels!

– Hören Sie, Louise, ich habe bis zum Ende gekämpft. Gestern war ich entschlossen, der Sache ein Ende zu machen heute, als ich Sie wiedergesehen, habe ich in der Hoffnung, die Parthie zu gewinnen, ein letztes Spiel wagen wollen. Ich spielte um mein Leben gegen das Glück; ich habe verloren, ich werde bezahlen.

Wenn mir Alexis alles dieses im Fieber-Wahnsinne gesagt hätte, so würde ich es nicht geglaubt haben; aber er sprach mit seiner gewöhnlichen Stimme, mit einer ihm eigenthümlichen Ruhe zu mir, sein Ton war eher heiter, als traurig; kurz, man fühlte in alle dem, was er mir gesagt hatte, einen solchen Charakter von Wahrheit, daß ich es nun war, die nicht fortgehen konnte; ich betrachtete diesen schönen jungen Mann voller Leben, den mit Glück zu erfüllen nur von mir abhing. Ich erinnerte mich seiner-Mutter, die ihn so sehr zu lieben schien, seiner beiden Schwestern mit lächelnden Zügen; ich sah ihn blutig und entstellt, sie mit verstörten Haaren und weinend, und ich fragte mich, mit welchem Rechte ich, die ich nichts war, alle diese reich geschmückten Leben, alle diese hohen Hoffnungen zerstören wollte; dann begann, ich muß es Ihnen sagen, eine so ausdauernde Treue ihre Früchte zu tragen. Auch ich hatte in der Stille meiner Nächte und in der Einsamkeit meines Herzens zuweilen an diesen Mann gedacht, der immer an mich dachte. In dem Momente mich für immer von ihm zu trennen, las ich heller in meiner Seele. Es wurde mir klar, daß ich ihn liebte . . . . und ich blieb.

Alexis hatte mir die Wahrheit gesagt. Was seinem Leben fehlte, war die Liebe. Seit zwei Jahren, daß er mich liebt, ist er glücklich, oder hat das Ansehen es zu seyn. Er hat auf diese thörichte Verschwörung, in die er aus Lebens-Ueberdruß eingetreten war, verzichtet. Mißmuthig über die Schwierigkeiten, welche meine Stellung bei Madame Ravier unseren Zusammenkünften auferlegte, hat er, ohne mir davon etwas zu sagen, diesen Laden für mich gemiethet. Seit achtzehn Monaten lebe ich ein anderes Leben in Mitte aller der Studien, die meiner Jugend gefehlt haben, und denen er, so ausgezeichnet, das Bedürfniß haben würde bei einer Frau zu begegnen, die er liebt, wenn ach! er sie nicht mehr lieben sollte. Von daher rührt die Veränderung, welche Sie an mir gefunden haben, als Sie meine Stellung mit meiner Person verglichen. Sie sehen demnach, daß ich gut gethan habe, Sie aufzuhalten, daß eine Gefallsüchtige allein anders gehandelt haben würde, und daß ich Sie nicht lieben kann, weil ich ihn liebe.

– Ja, und ich begreife jetzt auch, durch welche Protection sie hofften, zu dem Gelingen meines Gesuches beizutragen.

– Ich habe bereits mit ihm darüber gesprochen.

– Sehr schön, aber ich schlage es aus.

– Sie sind töricht.

– Es ist möglich, aber ich bin so.

– Wollen Sie, daß wir uns mit einander entzweien, und daß wir uns niemals wiedersehen?

– O! das würde für mich, der ich Niemanden, als Sie hier kenne, grausam sein.

– Nun denn, betrachten Sie mich wie eine Schwester, und lassen Sie mich machen.

– Sie wünschen es?

– Ich fordere es. In diesem Augenblicke öffnete sich die Thüre des Salons, und der Graf Alexis Waninkoff erschien auf der Schwelle. Der Graf Alexis Waninkoff war ein schöner junger Mann von fünf und zwanzig bis sechs und zwanzig Jahren, blond und hoch gewachsen, halb Tartar, halb Türke, welcher, wie wir bemerkt haben, den Grad als Lieutenant in der Rittergarde bekleidete. Dieses bevorzugte Korps war lange Zeit unter dem directen Kommando des Czarewitsch Konstantin, des Bruders des Kaisers Alexander, und zu dieser Zeit Vice-Königs von Polen, geblieben. Nach der Gewohnheit der Russen, welche niemals ihr militairisches Kleid ablegen, war Alexis in seiner Uniform, trug auf seiner Brust das Kreuz des St. Wladimir und des Alexander-Newski, und am Halse den Sanislaus-Augustus-Orden dritter Klasse, als sie ihn erblickte, stand Louise lächelnd auf, und sagte zu ihm:

– Sein Sie willkommen, mein Herr, wir sprachen eben von Ihnen; ich stelle Eurer Excellenz den Landsmann vor, von dem ich Ihnen erzählt, und für welchen ich Ihre hohe Protection in Anspruch nehme.

Ich verbeugte mich, der Graf antwortete mir mit einem anmuthigen Gruße; hierauf ihr die Hand küssend sagte er zu ihr mit einer vielleicht ein wenig affectirten Reinheit der Sprache:

– Ach! meine theure Louise, meine Protection ist nicht groß, aber ich kann den Herrn vielleicht durch nützliche Rathschläge leiten: meine Reisen haben mich gelehrt, die guten und die schlechten Seiten meiner Landsleute zu erkennen, und ich werde Ihren Schützling von allen den Dingen in Kenntniß setzen; außerdem kann ich persönlich die Kundschaft des Herrn beginnen, indem ich ihm zwei Schüler gebe, meinen Bruder und mich.

– Das ist schon etwas, aber nicht genug, haben Sie nicht von einer Stelle als Professor der Fechtkunst in einem Regimente gesprochen?

– Ja, aber seit gestern habe ich erfahren, daß es schon zwei Fechtmeister in St. Petersburg gibt, der eine ein Franzose, der andere ein Russe. Ihr Landsmann, mein lieber Herr, fügte Waninkoff hinzu, indem er sich zu mir wandte, ist ein gewisser Valville; ich spreche nicht von seinem Verdienste, er hat aber dem Kaiser zu gefallen gewußt, der ihm den Grad eines Major ertheilt, und ihn mit mehreren Orden geschmückt hat; er ist Professor der ganzen Kaiserlichen Garde. Mein Landsmann ist ein sehr guter und vortrefflicher Mann, der in unseren Augen keinen anderen Fehler besitzt, als den, ein Russe zu seyn; das aber keiner in den Augen des Kaisers ist, so hat ihn Seine Majestät, der er früher Unterricht ertheilt, zum Obristen gemacht, und ihm den St. Wladimir-Orden dritter Klasse ertheilt. Sie wollen nicht damit auftreten, sich den einen und den anderen zum Feinde zu machen, nicht wahr?

– Nein, gewiß nicht, antwortete ich.

– Nun, dann müssen Sie durchaus nicht das Ansehen haben, als ob sie in ihre Fußtapfen treten wollen: kündigen Sie eine öffentliche Fechtübung an, geben Sie dieselbe, zeigen Sie darin, was Sie zu leisten fähig sind; dann, wenn sich das Gerücht von Ihrer Ueberlegenheit verbreitet haben wird, werde ich Ihnen ein ganz gehorsamstes Schreiben an den Großfürsten Konstantin geben, der sich gerade seit vorgestern auf dem Schlosse Strelna auf hält, und ich hoffe, daß er auf mein Ersuchen Ihre Bittschrift an. Seine Majestät mit einer empfehlenden Nachschrift zu versehen geruhen wird.

– Ei, das geht ja ganz herrlich, sagte Louise zu mir, entzückt über das Wohlwollen des Grafen für mich, Sie sehen, daß ich Ihnen keine Unwahrheit gesagt hatte.

– Nein, und der Herr Graf ist eben so sehr der gefälligste Beschützer, als Sie die vortrefflichste der Frauen sind. Ich überlasse es Ihnen, ihn in dieser guten Stimmung zu erhalten, und um Ihnen den Werth zu beweisen, den ich auf seinen Rath lege, werde ich noch heute Abend meine Einladungschrift anfertigen.

– Das ist recht, sagte der Graf.

– Jetzt, Herr Graf, bitte ich um Verzeihung, aber ich bedarf einiger Nachweisung über die örtlichen Verhältnisse. Ich gebe diese Fechtübung nicht um Geld zu gewinnen; sondern um mich bekannt zu machen. Soll ich Einladungen wie zu einer Abendunterhaltung aussenden, oder mich bezahlen lassen, wie zu einem Schauspiele?

– O! lassen Sie sich bezahlen, mein lieber Herr, denn ohne das kommt Niemand zu Ihnen. Setzen Sie den Eintritts-Preis auf zehn Rubel fest, und senden Sie mir Hundert Billete, ich übernehme es, dieselben unterzubringen.

Es war schwer, liebreicher zu sein; mein Groll hielt demnach auch nicht Stand. Ich empfahl mich, und ging fort. Am anderen Tage waren meine Ankündigungen angeschlagen, und acht Tage nachher hatte ich meine öffentliche Fechtübung gegeben, an welcher weder Valville nach Siverbrück Theil nahmen, sondern nur polnische, russische und französische Liebhaber.

Meine Absicht ist es durchaus nicht, hier ein Verzeichniß meiner Heldenthaten und der gegebenen oder empfangenen Stöße aufzuzählen. Nur will ich hier anführen, daß während der Sitzung selbst unser Gesandter, der Herr Graf de la Ferronnays, mir anbot, seinem Sohne, dem Vicomte Charles, Unterricht zu erteilen, und daß ich am Abende und am anderen Morgen die aufmunterndsten Briefe empfing, unter anderen von dem Herzoge von Würtemberg, der mich zum Lehrer seines Sohnes verlangte, und von dem Grafen Bobrinski, der mich für sich selbst in Anspruch nahm.

Als ich demnach auch den Grafen Waninkoff wiedersah, sagte er zu mir:

– Nun! alles ist ja vortrefflich gewesen. Jetzt ist Ihr Ruf gegründet, es bedarf nur noch, daß ein kaiserliches Dekret ihn befestigt. Nehmen Sie, hier ist ein Brief für den General-Adjutanten des Großfürsten, er wird schon von Ihnen haben sprechen hören. Stellen Sie sich ihm dreist mit Ihrer Bittschrift für den Kaiser vor; schmeicheln Sie seiner militairischen Eigenliebe, und bitten Sie ihn um seine empfehlende Nachschrift.

– Aber, Herr Graf, fragte ich mit einigem Zögern, glauben Sie, daß er mich gut aufnehmen wird?

– Was nennen Sie gut aufnehmen?

– Kurz, auf eine anständige Weise.

– Hören Sie, mein lieber Herr, sagte der Graf Alexis lachend zu mir, Sie erzeigen uns immer zu viel Ehre. Sie behandeln uns als civilisierte Leute, während dem wir nur Barbaren sind. Hier ist der Brief, ich öffne Ihnen die Thür, aber ich stehe für nichts, und alles wird von der guten oder üblen Laune des Prinzen abhängen. An Ihnen ist es, den Moment zu wählen; Sie sind Franzose, dem zu Folge sind Sie tapfer. Es ist das ein zu bestehender Kampf, ein zu erringender Sieg.

– Ja, aber ein Vorzimmer-Kampf, der Sieg eines Hofmannes. Ich gestehe Eurer Excellenz, daß ich einen wirklichen Zweikampf vorziehen würde.

– Jean Bart war mit den gewichten Parkets und den Hof-Kleidern nicht vertrauter als Sie. Wie hat sich der herausgezogen, als er nach Versailles kam?

– Mit Faust-Schlägen, Ihre Excellenz.

– Nun! machen Sie es wie er. Apropos, ich bin von Seiten Narischkins, der, wie Sie wissen, ein Vetter des Kaisers ist, von dem Grafen Tzschernitscheff und dem Obristen Murawieff beauftragt, Ihnen zu sagen, daß sie Stunden von Ihnen zu erhalten wünschen.

– Haben Sie denn beschlossen, mich mit Güte zu überschütten?

–. Nein, und Sie sind mir nichts schuldig; ich entledige mich nur meines Auftrages, das ist alles.

– Aber es scheint mir, daß sich das nicht übel macht, sagte Louise zu mir.

– Durch Sie, und ich danke Ihnen dafür. Nun denn, es sey so; ich werde dem Rathe Eurer Excellenz folgen. Morgen will ich es wagen.

– Thun Sie es, und gutes Glück. Ich bedurfte übrigens nichts mehr, als dieser Aufmunterung. Ich kannte den Ruf des Mannes, mit dem ich zu thun hatte, und ich muß gestehen, daß ich eben so gerne einen Bären der Ukraine in seiner Höhle angegriffen hätte, als hinzugehen, und den Großfürsten, diesen sonderbaren Verein guter Eigenschaften, heftiger Leidenschaften, und unsinnigen Jähzornes, um eine Gnade zu bitten.




VI


Der Großfürst Konstantin, der jüngere Bruder des Kaisers Alexander, und der ältere Bruder des Großfürsten Nikolaus, hatte weder die liebreiche Höflichkeit des ersteren, noch die kalte Würde und Ruhe des zweiten. Er schien ganz seinen Vater beerbt zu haben, von dem er zu gleicher Zeit dessen gute Eigenschaften und dessen Wunderlichkeiten besaß, während dem daß seine beiden Brüder mehr Katharinen ähnlich waren, Alexander durch das Herz, Nicolaus durch den, Kopf, alle beide durch diese kaiserliche Größe, von der ihr Großvater der Welt ein so mächtiges Beispiel gegeben hatte.

Als Katharina unter ihren Augen diese schöne und zahlreiche Nachkommenschaft zur Welt kommen sah, hatte sie ihre Blicke besonders auf die bei den ältesten geworfen, und schon durch ihre Taufnamen, indem sie den einen Alexander, und den anderen Konstantin nannte, schien sie die Welt unter sie getheilt zu haben. Dieser Gedanke war übrigens dermaßen der ihrige, daß sie dieselben als kleine Kinder malen ließ, den einen, wie er den gordischen Knoten durchhaut, und den anderen, wie er das Labarum[5 - Kriegsfahne mit den Buchstaben I. C. (Jesus Christus.) Anm. d. Uebers.] trägt. Außerdem war die Entwickelung ihrer Erziehung, deren Plan sie entworfen hatte, nur eine Anwendung dieser großen Ideen. Demnach hatte Konstantin, für das orientalische Reich bestimmt, nur griechische Ammen, und wurde nur von griechischen Lehrern umgeben, während dem daß Alexander für das abendländische Reich bestimmt nur von Engländern umringt war. Was den gemeinschaftlichen Lehrer der beiden Brüder anbelangt, so war es ein Schweizer, Namens Laharpe, ein Vetter des tapferen Generals Laharpe, der in Italien unter den Befehlen Buonapartes diente. Aber die Lehren dieses würdigen Meisters wurden von seinen beiden Zöglingen nicht mit einem gleichen Eifer aufgenommen, und die Saat, obgleich dieselbe, brachte verschiedene Früchte hervor, denn auf der einen Seite sie sie auf ein bearbeitetes und fruchtbringendes Land, und auf der anderen auf einen rohen und wilden Boden. Während

dem daß Alexander im Alter von zwölf Jahren seinem Professor der Experimental-Physik, Graft,

welcher zu ihm sagte, daß das Licht ein immerwährendes Ausströmen der Sonne wäre, antwortete: »Das ist nicht möglich, denn dann würde die Sonne mit jedem Tage kleiner werden;« antwortete Konstantin seinem Privat-Erzieher Sacken, der ihn aufforderte lesen zu lernen: »Ich will nicht lesen lernen, weil ich sehe, daß Sie alle Tage lesen, und daß sie alle Tage einfältiger werden.«

Der Charakter und der Geist der beiden Kinder lag ganz in diesen beiden Antworten.

Eben so viel Widerwillen, als Konstantin für die wissenschaftlichen Studien hatte, eben so viel

Geschmack hatte er dagegen für die militairischen Uebungen. Fechten, reiten, ein Heer manövrieren

lassen, schienen ihm weit nützlichere Kenntnisse für einen Prinzen, als das Zeichnen, die Botanik oder die Astronomie. Das war noch ein Zug, in welchem er Paul glich, und er hatte eine solche Leidenschaft für die militairischen Manöver gefaßt, daß er am Tage seiner Hochzeit um fünf Uhr Morgens aufstand, um das sich als Wache bei ihm befindende Peloton Soldaten manövrieren zu lassen.

Der Bruch Rußlands mit Frankreich kam Konstantin erwünscht. Nach Italien unter den Befehlen des Feldmarschalls Suwarow gesandt, der beauftragt war, seine militairische Bildung zu vervollständigen, wohnte er seinen Siegen an dem Mincio und seiner Niederlage in den Alpen bei. Ein solcher Lehrer, der zum mindesten eben so berühmt durch seine Sonderbarkeiten, als durch seinen Muth, war eine üble Wahl, um die natürlichen Eigenheiten Konstantins zu verbessern. Die Folge davon war, daß diese Eigenheiten, anstatt zu verschwinden, sich auf eine so außerordentliche Weise vergrößerten, daß man sich mehr als einmal fragte, ob der junge Großfürst die Aehnlichkeit mit seinem Vater nicht so weit triebe, daß er wie dieser ein wenig von der Narrheit befallen sey.

Nach dem Französischen Feldzuge und dem Frieden von Wien, war Konstantin zum Vice-König von Polen ernannt worden. An die Spitzes eines kriegerischen Volkes gestellt, hatte sein Geschmack fürs Militair sich noch verdoppelt, und in Ermangelung jener wahren und blutigen Kämpfe, denen er eben beigewohnt hatte, machten Paraden und Revüen, diese Schein-Schlachten, seine einzige Zerstreuung aus. Im Winter oder im Sommer, sey es, daß er den Brühlschen Palast neben dem sächsischen Garten bewohnte, oder sey es, daß er im Palast Belvédère residierte, stand er um drei Uhr morgens auf, und zog seine Generals-Uniform an; kein Kammerdiener hatte ihm jemals bei seiner Toilette geholfen. Dann setzte er sich in einem Zimmer, in welchem auf jedem Felde das Kostüm eines der Regimenter der Armee abgemalt war, an einen mit Regimentslisten und Militair-Befehlen bedeckten Tisch, las die am Abende zuvor durch den Obristen Axamilowski oder von dem Polizei-Präfekten Lubowidzki überbrachten Rapporte, billigte, oder verwarf sie, und fügte aber allen irgend eine Bemerkung hinzu. Diese Arbeit beschäftigte ihn bis neun Uhr morgens; er nahm dann in der Eile ein Soldaten-Frühstück, nach welchem er auf den sächsischen Platz hinabging, wo ihn gewöhnlich zwei Regimenter Infanterie und eine Eskadron Kavallerie erwarteten, deren Musik ihn sobald er erschien mit dem von Kurpinski über das Thema: Gott segne den König! componierten Marsche begrüßte. Die Revue begann sogleich. Die Pelotons marschierten in einer gleichen Entfernung und mit einer mathematischen Genauigkeit vor dem Großfürsten, der zu Fuß sie vorübergehen sah; gewöhnlich trug er dabei die grüne Chasseur-Uniform und einen mit Hahnenfedern überladenen Hut, den er so auf den Kopf setzte, daß dessen eine Ecke seine linke Epaulette berührte, während dem die andere sich gen Himmel richtete. Unter seiner schmalen und mit tiefen Furchen, die von immerwährenden und sorgenvollen Gedanken zeugten, durchzogenen Stirn verbargen zwei lange und dichte Augenbrauen, welche das eigenthümliche Runzeln seiner Haut unregelmäßig zeichnete, seine blauen Augen fast gänzlich. Die seltsame Lebhaftigkeit seiner Blicke gaben mit seiner kleinen Nase und feiner verlängerten Unterlippe seinem Kopfe etwas befremdend wildes, der von einem außerordentlichen kurzen und von Natur nach vorn gebogenen Halse getragen auf seinen Schultern zu ruhen schien. Bei dem Tone dieser Musik, bei dem Anblicke dieser Männer, die er gebildet hatte, bei dem abgemessenen Schalle ihrer Schritte, entfaltete sich alles an ihm. Eine Art von Fieber ergriff ihn, das ihm Flammen in das Gesicht steigen ließ. Seine verkürzten Arme, deren bewegungslose und festgeschlossenen Fäuste sich krampfhaft öffneten, legten sich steif längs seinem Körper herunter, während dem daß seine Füße in einer unaufhörlichen Bewegung den Takt schlugen, und daß seine gurgelnde Stimme von Zeit zu Zeit zwischen den scharf ausgesprochenen Kommandos rauhe und gestoßene Töne hören ließ, die nichts menschliches hatten, und die abwechselnd, entweder feine Zufriedenheit ausdrückten, wenn alles nach seinem Wunsche ging, oder seinen Zorn, wenn sich etwas gegen die Disciplin ereignete. In diesem letzteren Falle waren die Züchtigungen fast immer fürchterlich, denn der geringste Fehltritt zog für den Soldaten Gefängniß, und für den Officier den Verlust seines Grades herbei. Diese Strenge beschränkte sich übrigens nicht allein auf die Menschen, sie dehnte sich auf alles, und selbst auf die Thiere aus. Eines Tages ließ er in seinem Käfig einen Affen aufhängen, der zu viel Lärm machte; ein Pferd, das einen falschen Schritt gethan, weil er ihm einen Augenblick den Zügel gelassen, empfing Tausend Stockschläge, endlich ein Hund, der ihn in der Nacht durch sein Heulen erweckt hatte, wurde erschossen.

Was seine gute Laune anbelangt, so war sie nicht minder wild, als fein Zorn. Dann beugte er sich, indem er in Lachen ausbrach, rieb sich lustig die Hände, und stampfte abwechselnd den Boden mit seinen beiden Füßen. In diesem Augenblicke eilte er auf das erste beste Kind zu, drehete und wandte es nach allen Seiten, ließ sich von ihm küssen, kniff es in die Wangen, zwickte es bei der Nase, und endlich schickte er es fort, indem er ihm ein Goldstück in die Hand drückte. Dann hatte er auch noch andere Stunden, die weder Stunden der Freude, noch Stunden des Zornes waren, sondern Stunden einer gänzlichen Hinfälligkeit und tiefer Schwermuth; dann, schwach wie ein Weib, stieß er Seufzer aus und wand sich auf seinen Divans und auf seinen Fußböden. Niemand wagte sich dann ihm zu nähern, nur öffnete man in diesen Augenblicken seine Fenster und seine Thür, und eine blonde und bleiche Frau von schlankem Wuchs, gewöhnlich in ein weißes Gewand mit blankem Gürtel gekleidet, trat gleich einer Erscheinung herein. Bei diesem Anblicke, der auf den Großfürsten einen magischen Einfluß hatte, brach sein Nervenreiz aus, seine Seufzer wurden Schluchzen, und er vergoß reichliche Thränen. Dann war die Krisis vorüber; die Frau hatte sich neben ihn gesetzt, er legte sein Haupt auf ihre Kniee, schlief ein, und erwachte wieder geheilt.




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notes



1


gibt es denn in Frankreich Posten, die nach Willkühr des Einzelnen anhalten wo es ihm beliebt? Glosse des Übersetzers.




2


Draisinen.




3


Potemkin hatte in seinem Gefolge einen Officier Namens Faucher, den er immerwährend zu solchen Sendungen verwandte, und der beständig als Courier reitete. Dieser Officier hatte sich in der Ahnung, daß er auf irgend einer seiner Reifen den Hals brechen würde, im voraus folgende Grabschrift gemacht:



Ci git Faucher, Hier liegt Faucher,

Fouette, Cocher. Klatsche, Kutscher.





4


Die Boutchnicks sind eine Art Schildwachen, welche an den Ecken jeder Hauptstraße in Hütten, Boutka genannt, aufgestellt sind, und die, weder dem Civil- noch dem Militärstande angehörend, ohngefähr das, obgleich in einem niederern Grade, was unsere Stadt-Sergeanten, sind. Einer von ihnen steht immer mit einer Hellebarde in der Hand an der Thüre seiner Hütte, daher kommt ihr Name Boutchnicks, oder Schilderhaussteher.




5


Kriegsfahne mit den Buchstaben I. C. (Jesus Christus.) Anm. d. Uebers.


