Der Page des Herzogs von Savoyen
Alexandre Dumas der Ältere




Alexandre Dumas (père)

Der Page des Herzogs von Savoyen





Erster Theil





I.

Was man am 5. Mai 1555 gegen zwei Uhr Nachmittags von dem höchsten Thurme von Hesdin-Fert aus sehen konnte


Versetzen wir sofort, ohne Vorrede, diejenigen unserer Leser, welche mit uns einen Sprung von dreihundert Jahren in die Vergangenheit thun wollen, zu den Männern, mit denen wir sie bekannt zu machen haben, und in die Ereignisse, denen sie beiwohnen sollen.

Es ist der 5. Mai des Jahres 1555.

Heinrich II. regiert über Frankreich.

Maria Tudor über England.

Carl V. über Spanien, die Niederlande, Deutschland, Italien und die beiden Indien, also über ein Sechstheil der Erde.

Der Schauplatz ist in der Nähe der kleinen Stadt Hesdin-Fert, welche Emanuel Philibert, Fürst von Piemont, statt des alten Hesdin wieder aufbaute, welches er im vorigen Jahre eingenommen und rasirt hat. Wir befinden uns also in dem Theile des ehemaligen Frankreichs, welches damals das Artois hieß und jetzt das Departement Pas-de-Calais ist.

Wir sagen des »ehemaligen Frankreichs«, denn Artois war eine kurze Zeit durch Philipp August, den Sieger von St. Jean-d’Acre, mit dem Besitz der Könige von Frankreich vereinigt worden, wurde dann 1237 von Ludwig dem Heiligen seinem jungen Bruder Robert übergeben und kam in den Händen dreier Frauen, Mahaud, Johanna I. und Johanna II. an drei verschiedene Häuser. Mit Margarethe, Schwester Johanna’s II. und Tochter Johanna’s I., gelangte es an den Grafen Ludwig von Mâle, dessen Tochter es gleichzeitig mit den Grafschaften Flandern und Nevers dem Hause der Herzoge von Burgund zubrachte. Als endlich Carl der Kühne todt war, vereinigte Maria von Burgund , die letzte Erbin des riesigen Namens und der unermeßlichen Besitzungen ihres Vaters, als sie sich mit Maximilian, dem Sohne des Kaisers Friedrich II., vermählte, ihren Namen und ihre Reichthümer mit dem Besitz des Hauses Oesterreich.

Das war ein großer Verlust für Frankreich, denn Artois war eine schöne und reiche Provinz. Auch kämpften Heinrich II. und Carl V. seit drei Jahren mit wechselndem Erfolge, Carl V. um sie zu behalten, Heinrich II. um sie wieder zu erlangen.

Während dieses erbitterten Krieges, in welchem der Sohn den alten Gegner seines Vaters wieder fand und, wie sein Vater, sein Marignan und sein Pavia haben sollte, hatte ein Jeder seine guten und schlimmen Tage, seine Siege und seine Niederlagen gehabt. Frankreich hatte das Heer Carl’s V. in Unordnung die Belagerung von Metz aufgeben sehen und Marienburg, Bouvines und Dinant genommen, das Reich dagegen Thérouanne und Hesdin mit Sturm genommen und in Zorn über die Niederlage von Metz das eine verbrannt und das andere rasirt.

Wir haben Metz mit Marignan verglichen und übertreiben nicht. Ein durch die Kälte, Krankheiten und auch den Muth des Herzogs Franz von Guise und der französischen Besatzung geschwächtes Heer von fünfzigtausend Mann Fußvolk und vierzehntausend Reitern verschwand wie Dunst, wie Rauch und ließ als Zeugen seines Daseyns zehntausend Todte, zweitausend Zelte und hundertundzwanzig Geschütze zurück.

Die Entmuthigung war so groß, daß die Fliehenden nicht einmal sich zu vertheidigen versuchten. Carl von Bourbon verfolgte ein Corps spanischer Reiter; der Offizier, welcher dasselbe befehligte, hielt sein Pferd an, ritt dann zu dem feindlichen Anführer und sagte:

»Prinz, Herzog oder blos Edelmann, wer Du auch seyn magst, suche eine andere Gelegenheit, wenn Du um Ruhm kämpfst, denn heute würdest Du Leute tödten, die zu schwach sind Dir zu widerstehen, ja zu schwach zu fliehen.«

Carl von Bourbon steckte das Schwert in die Scheide und gebot seinen Leuten dasselbe zu thun, der spanische Offizier aber konnte so mit seinen Leuten den Rückzug fortsetzen, ohne weiter belästigt zu werden.

Carl V. war weit entfernt diese Milde nachzuahmen. Als Thérouanne genommen war, hatte er befohlen, die Stadt zu plündern und bis auf den Grund zu rasiren; nicht blos die Privatgebäude, sondern auch die Kirchen, Klöster und Hospitäler zu zerstören, kurz keinen Stein auf dem andern zu lassen, und damit man die Steine nicht wieder auflege, ließ er Leute von Flandern und Artois kommen, dieselben wegzuholen.

Die Aufforderung zur Zerstörung wurde vernommen. Die Leute von Artois und in Flandern, welchen die Besatzung von Thérouanne großen Schaden zugefügt hatte, kamen mit Hacken, Schaufeln und Spaten herbei, und die Stadt verschwand wie Sagunt unter den Füßen Hannibals, wie Karthago vor Scipio.

Wie mit Thérouanne war es mit Hesdin ergangen.

Unterdeß aber wurde Emanuel Philibert zum Oberbefehlshaber der Reichstruppen in den Niederlanden ernannt, und wenn er auch Thérouanne nicht zu retten vermochte, erlangte er wenigstens die Genehmigung, Hesdin wieder aufzubauen.

Binnen einigen Monaten hatte er diese unermeßliche Arbeit vollendet, und wie durch Zauberei erhob sich eine neue Stadt etwa eine Viertelstunde weit von der alten. Diese neue Stadt, am Ufer der Canche, war so gut befestigt, daß Vauban sie noch hundertundfünfzig Jahre später bewunderte, obgleich in diesen anderthalbhundert Jahren die Befestigungskunst sich gänzlich verändert hatte.

Ihr Gründer hatte die Stadt Hesdin-Fert genannt, d. h. er hatte, um die neue Stadt stets an ihren Ursprung zu erinnern, dem Namen die vier Buchstaben F.E.R.T. hinzugefügt, welche der deutsche Kaiser dem dreizehnten Grafen von Savoyen, Amadeus dem Großen, nach der Belagerung von Rhodus nebst dem weißen Kreuze gegeben hatte und die bedeuteten: Fortitudo ejus Rhodum tenuit, d. h, sein Muth erhielt Rhodus.

Dies war indeß nicht das einzige Wunder, welches der junge Feldherr bewirkte, dem Carl V. die Führung seines Heeres anvertraut hatte. In Folge der strengen Mannszucht, die er herzustellen vermocht hatte, begann das unglückliche Land, welches seit vier Jahren der Schauplatz des Krieges gewesen, sich wieder zu erholen; er hatte Raub und Plünderung auf’s Strengste untersagt, der Offizier, welcher dawider handelte, wurde entwaffnet und, im Angesichte des ganzen Heeres, in seinem Zelte längere oder kürzere Zeit gefangen gehalten, jeder Soldat aber, der auf der That ergriffen, gehangen.

Da der Winter von 1554 zu 1555 auch die Feindseligkeiten unterbrochen, so hatten die Bewohner von Artois vier bis fünf Monate verleben können, welche im Vergleich zu den drei Jahren zwischen der Belagerung von Metz und dem Wiederaufbau von Hesdin, ein Stück goldenes Zeitalter erschienen waren.

Zwar wurde von Zeit zu Zeit bald hier bald da, entweder von den Franzosen, die Abbeville, Doulens und Montreuil am Meere besetzt hielten und Einfälle in das feindliche Gebiet machten, oder von den unverbesserlichen Plünderern, Lanzknechten und Zigeunern, irgend ein Schloß in Brand gesteckt, eine Meierei geplündert, ein Haus ausgeraubt; aber Emanuel Philibert machte so gut Jagd auf die Franzosen und hielt so strenge Justiz unter den Kaiserlichen, daß solche traurige Vorfälle von Tag zu Tag seltener wurden.

So stand es denn in der Provinz Artois und namentlich in der Gegend von Hesdin-Fert an dem Tage, an welchem unsere Erzählung beginnt, d. h. am 5. Mai 1555.

Nachdem wir den Lesern nur einen Ueberblick von dem politischen Zustande des Landes gegeben haben, müssen wir, um das Bild vollständig zu machen, auch das äußere Aussehen beschreiben, das sich in Folge der Entwicklung der Industrie und der Verbesserungen des Ackerbaues seit jener Zeit völlig verändert hat.

Um zu diesem schwierigen Resultate zu kommen, d. h. eine fast verschwundene Vergangenheit wieder hervorzurufen, wollen wir auszählen, was ein Mann gesehen hätte, der gegen zwei Uhr Nachmittags am 5. Mai 1555 auf den höchsten Thurm von Hesdin gestiegen wäre und den Rücken dem Meere zugewandt, und den Horizont überschaut hätte, der sich im Halbkreise vor seinem Blicke von dem nördlichen Ende der kleinen Hügelkette, hinter welcher sich Bethune verbirgt, bis zu den letzten südlichen Anhöhen derselben Kette hinzieht, an deren Fuße Doulens liegt.

Gerade vor sich hätte er zuerst, spitz nach dem Ufer der Canche vorlaufend, den dunkeln dichten Wald von Saint-Pol-sur-Ternoise gehabt, dessen großer grüner Teppich, gleich einem Mantel der Hügel, unten am entgegengesetzten Abhange den Saum an der Quelle der Scarpe netzte, welche für die Schelde das, was die Saône für die Rhone und die Mosel, für den Rhein ist.

Rechts von diesem Walde – folglich links von dem Umschauenden, den wir uns auf dem höchsten Thurme von Hesdin denken – in der Ebene, im Schirme derselben Hügel, welche den Horizont schließen, die Flecken Henchin und Fruges, im bläulichen Rauch ihrer Schornsteine versteckt, der sie wie ein durchsichtigen-Schleier umhüllte und andeutete, daß die frostigen Bewohner dieser nördlichen Provinzen, trotz dem Erscheinen der ersten Frühlingstage, dem Feuer, dem lustigen und getreuen Freunde ihrer Wintertage, noch nicht Lebewohl gesagt hatten.

Vor diesen beiden kleinen Ortschaften stand wie eine Schildwache, die sich ans dem Walde herausgewagt hätte, aber sich doch nicht hätte entschließen können weit davon hinwegzugehen, eine kleine hübsche Wohnung, halb Meierei, halb Schloß, Parcq geheißen.

Gleich einem goldigen Bande auf dem grünen Kleide der Ebene lag der Weg da, der unweit von dem einzigen Zugange dieser Wohnung sich in zwei theilte, von denen der eine gerade nach Hesdin ging, der andere aber sich um den Wald herumzog und den Verkehr der Bewohner von Parcq mit den Dörfern Frévent, Auxy-le-Château und Nouvion-en-Pouthieu andeutete.

Die Ebene, welche sich von diesen drei Orten nach Hesdin zog, bildete das dem beschriebenen entgegengesetzte Bassin, d.h. sie lag links von dem Bassin des Waldes von St. Pol und folglich rechts von dem Manne, den wir uns auf dem Thurme denken.

Dies war denn der bemerkenswertheste Theil der Landschaft, nicht ihrer natürlichen Beschaffenheit wegen, sondern wegen des zufälligen Umstandes, der ihr jetzt eben Leben gab.

Während die Ebene an der andern Seite nur mit grünenden Saaten bedeckt war, wurde diese von dem Lager des Kaisers Carl V. fast ganz eingenommen.

Dieses von Gräben umgebene und mit Palisaden bewehrte Lager enthielt eine ganze Stadt, nicht von Häusern, sondern von Zelten.

In der Mitte dieser Zelle, wie die Notre-Dame-Kirche von Paris in der Altstadt, wie das päpstliche Schloß in Avignon oder wie ein Dreidecker unter den kleinen Wogen des Oceans, erhob sich das Kaiserzelt Carls V. an dessen vier Seiten vier Standarten wehren, von denen eine einzige dem menschlichen Ehrgeize gewöhnlich genügt: die Standarte des deutschen Reiches, die Standarte Spaniens, die Standarte Roms und die der Lombardei, denn dieser Eroberer, dieser Tapfere, dieser Siegreiche, wie man ihn nannte, war viermal gekrönt: in Toledo mit der Diamantkrone als König von Spanien und Indien; in Aachen mit der Silberkrone als deutscher Kaiser und endlich in Bologna mit der goldenen Krone als römischer König und mit der eisernen als König der Lombardei. Wenn man seinem Willen entgegenzutreten versuchte, in Bologna sich krönen zu lassen, statt der Gewohnheit gemäß nach Rom und nach Mailand zu gehen, wenn man ihm das Breve des Papstes Stephan entgegenhielt, welches verbietet, die goldene Krone aus dem Vatican zu bringen, und das Decret Carls des Großen, welches verordnet, daß die eiserne Krone in Monza verbleibe, antwortete der Besieger Franz I., Solimans und Luthers stolz, er sey gewöhnt, daß die Kronen zu ihm kämen, nicht er zu den Kronen.

Auch bemerke man wohl, daß über jene vier Fahnen seine eigene Fahne hinwegragte, welche die Säulen des Herkules zeigte, nicht mehr als die Grenze der alten Welt, sondern als die Pforte der neuen und in allen Winden die ehregeizige Devise flattern ließ, die durch ihre Verstümmelung größer geworden war: Plus ultra!

Etwa fünfzig Schritte von dem Kaiserzelt stand das Zelt des Oberbefehlshabers Emanuel Philibert, das sich von denen der andern Anführer durch nichts als eine doppelte Fahne auszeichnete. Eine mit dem Wappen Savoyens – ein weißes Kreuz in rothem Felde mit den bereits erklärten vier Buchstaben F. E. R. T. – und eine zweite mit dem Wappen Emanuels selbst, eine Hand, welche eine Trophäe von Lanzen, Schwertern und Pistolen gen Himmel hob, mit der Devise: Spoliatis arma supersunt, das heißt: Den Beraubten bleiben die Waffen.

Das Lager, über welches diese beiden Zelte hinausragten, war in vier Quartiere oder Viertel getheilt, zwischen denen der mit drei Brücken überspannte Fluß sich hineinschlängelte.

Das erste Quartier (Viertel) war für die Deutschen, das zweite für die Spanier, das dritte für die Engländer bestimmt. Das vierte enthielt den Geschützpark, welcher seit der Niederlage von Metz vollständig erneuert und durch die in Thérouanne und Hesdin erlangten französischen Geschütze auf hundertundzwanzig Kanonen gebracht worden war.

Auf jedes der Geschütze von den Franzosen hatte der Kaiser seine Devise graben lassen: Plusultra.

Hinter den Geschützen standen in drei Reihen die Pulver- und Kugelwagen und Schildwachen mit dem Säbel in der Hand, aber ohne Schießgewehr sorgten dafür, daß Niemand diesen Vulkanen sich nähere, die nach einem Funken ungeheure Flammen ausgeworfen haben würden.

Andere Wachen standen außerhalb des Raumes.

In den Lagergassen bewegten sich Tausende von Menschen mit militärischer Rührigkeit hin und her, welche indeß durch die deutsche Bedächtigkeit, den spanischen Stolz und das englische Phlegma gemildert wurde.

Die Sonne spiegelte sich auf allen Waffen, die ihr die Strahlen in Blitzen zurückwarfen, und der Wind spielte mit allen Fahnen, Bannern und Standarten, deren seidene glänzende Falten er bald zusammen-, bald aufrollte.

Diese Rührigkeit, diese Bewegung, dieses Geräusch, die stets über Menschenmengen und über dem Meere schweben, stachen seltsam von der Stille und Einsamkeit an der andern Seite der Ebene ab, wo die Sonne nur die Saatfelder in verschiedenem Grün beschien und der Wind nur mit den Feldblumen spielte, welche die Mädchen gar gern in Kränze zum Sonntagsputze flechten.

Nachdem wir so in dem ersten Capitel unseres Buches erwähnt haben, was man am 5. Mai 1555 von dem höchsten Thurme von Hesdin-Fert gesehen haben würde, werden wir im zweiten nachtragen, was dem schärfsten Blicke auf jenem Thurme sicherlich entgangen wäre.




II.

Das Abenteuer


Dem schärfsten Blicke eines Jeden wäre das entgangen, wer in dem dichtesten und folglich dunkelsten Theile des Waldes von Saint-Pol-sur-Ternoise in einer Höhle geschah, welche die Bäume mit ihrem Schatten deckten und Epheuranken mit ihren Blättern umschlangen, während zur größern Sicherheit der Inhaber dieser Höhle, eine Schildwache im Gebüsch, unbeweglich wie ein Baumstamm, daneben auf dem Bauche lag und darauf achtete, daß kein Uneingeweihter die wichtige Berathung störe, zu welcher wir als Romandichter, das heißt als Zauberer, vor dem sich alle Thüren öffnen, unsere Leser führen wollen.

Benutzen wir den Augenblick, in welchem die Schildwache, durch das Geräusch eines scheu vorüberspringenden Rehs aufmerksam gemacht, dahin blickt, uns also nicht sieht, schlüpfen wir unbemerkt in die Höhle hinein und beachten, hinter einem vorstehenden Felsenstück versteckt, genau alles was darin vorgeht.

In der Höhle befinden sich acht Männer von verschiedenem Gesicht, verschiedener Tracht und verschiedenem Temperament, obgleich sie nach den Waffen, die sie tragen oder die umherliegen, eine und dieselbe Laufbahn gewählt zu haben scheinen.

Der Eine, mit Tintenflecken an den Fingern und pfiffigem Gesichte, taucht eine Feder – von deren Schnabel von Zeit zu Zeit er eines der Fädchen nahm, die sich auf schlecht gearbeiteten Papiere finden – in eines der Tintenfässer von Horn, welche die Schreiber und Studenten am Gürtel tragen, und schreibt auf einer Art Tisch, einer auf zwei massiven Füssen ruhenden Steinplatte, während ein Anderer mit der Geduld und Unbeweglichkeit eines Leuchters, einen brennenden Fichtenzweig hält und nicht nur den Schreiber, den Tisch und das Papier beleuchtet, sondern auch mehr oder minder helle Lichter, je nach der Nähe oder Entfernung, auf sich selbst und selbst auf die andern Genossen fallen läßt.

Ohne Zweifel handelt es sich um etwas, das für die Gesellschaft von Wichtigkeit ist, wie man leicht an dem Eifer sehen kann, mit welchem Jeder an der Abfassung der Schrift Theil nimmt.

Drei der Männer indeß scheinen sich weniger mit dieser ganz materiellen Sorge zu beschäftigen.

Der Erste ist ein schöner junger Mann von vier- bis fünfundzwanzig Jahren in einem Büffellederkoller, das, wenn nicht vor Kugeln, doch vor Hieb und Stich sichert. Ein Wamms von braunem Sammt, das allerdings etwas verschossen, aber noch immer ansehnlich ist, mit spanisch geschlitzten Aermeln, also nach der neuesten Mode, geht vier Finger breit über das Lederkoller unten hinweg und fällt in ziemlich weiten Falten auf die ebenfalls geschlitzte Hose von grünem Tuch, welche sich in großen Stiefeln verliert, die so hoch heraufgehen, daß sie zu Pferd die Schenkel schützen und so weich sind, daß sie bei dem zu Fußegehen bis unter das Knie zurückgeschlagen werden können.

Er trällert ein Liedchen von Clément Marot, während er mit der einen Hand seinen feinen schwarzen Schnurrbart streicht und mit der andern das Haar kämmt, das er etwas länger trägt, als es die Mode verlangt, wahrscheinlich um die weichen Lockenwellen nicht zu verlieren, die ihm die Natur gegeben hat.

Der Zweite ist ein Mann von kaum sechsunddreißig Jahren, sein Gesicht aber von Narben nach allen Richtungen hin so durchzogen, daß man darnach unmöglich sein Alter bestimmen könnte. Der Arm und ein Theil der Brust ist bloß und auf dem was man so von seinem Körper sieht, kann man eine Reihe nicht minder zahlreicher Narben erkennen als in dem Gesicht. Er ist eben beschäftigt, eine Wunde zu verbinden, die ihm zum Theil den zweiköpfigen Muskel am linken Arme bloßgelegt hat, die aber für ihn nicht eben hinderlich ist, wie sie es seyn würde, wenn sie sich an dem rechten Arme befände. Mit den Zähnen hält er das Ende einer Leinwandbinde, mit der er eine Hand voll Charpie zusammendrückt, die er vorher in einem Balsam getränkt hat, den ihm ein Zigeuner gab und der ihm, wie er sagt, sehr gut thut. Uebrigens geht kein Klagelaut aus seinem Munde und er scheint gegen Schmerz so unempfindlich zu seyn, als wenn der Arm, mit dessen Heilung er sich beschäftigt, von Holz wäre.

Der Dritte ist ein Mann von vierzig Jahren, groß und hager, mit blassem Gesicht und frommer Haltung. Er kniet in einem Winkel, hat den Rosenkranz in der Hand und sagt mit nur ihm eigenthümlicher Zungenfertigkeit ein Dutzend Paternoster und ein Dutzend Ave her. Von Zeit zu Zeit läßt seine rechte Hand den Rosenkranz los und klingt auf der Brust wie der Schlägel des Böttchers auf einem leeren Fasse, nachdem er aber zwei- oder dreimal mea culpa gesprochen hat, greift er wieder nach dem Rosenkranze.

Die drei noch übrigen Personen haben, Gott sey Dank, keinen so hervortretenden Charakter als die fünf, welche wir den Lesern bereits vorgeführt haben.

Einer dieser letzten Drei stemmte beide Hände auf den Tisch, an welchem der Schreiber arbeitete, folgte jedem Zuge der Feder und macht die meisten Bemerkungen über die Abfassung; auch sind seine Bemerkungen, wenn auch etwas egoistisch gefärbt, fast alle durch Schlauheit und gesunden Verstand ausgezeichnet. Er ist fünfundvierzig Jahre alt und hat kleine kluge Augen, die tief unter blonden dicken Brauen liegen.

Ein Anderer liegt am Boden; er hat einen Stein gefunden, der zum Wetzen der Schwerter und Dolche dienen kann, und benutzt dies, um mit Aufwand von vielem Speichel und durch vielfaches Reihen auf dem Steine eine neue Spitze an seinen ganz stumpfen Dolch zu machen. Seine Zunge, die er fest zwischen den Zähnen hält und die am Mundwinkel heraussteht, verräth die große Aufmerksamkeit, wir möchten fast sagen das Interesse, das er an seiner Arbeit nimmt. Indeß ist seine Aufmerksamkeit nicht ausschließlich darauf gerichtet; er hört auch auf die Erörterung. Wenn das Schreiben seinen Beifall hat, so begnügt er sich mit dem Kopfe zu nicken; wenn es dagegen gegen seine Erwartung und Berechnung ausfällt, steht er auf, tritt zu dem Schreiber, weiset mit der Spitze seines Dolches auf das Papier und sagt; »mit Verlaub,… Ihr sagt?… « Den Dolch nimmt er nicht eher hinweg, bis er eine vollkommen befriedigende Auskunft erhalten hat, was er durch reichlicheres Ausspucken auf den Stein und eifrigeres Wetzen des Dolches zu erkennen gibt, der denn wirklich auch bald seine ursprüngliche spitze Form wieder zu erhalten scheint.

Der Letzte – und wir erkennen unser Unrecht, daß wir ihn zu Jenen gerechnet haben, welche sich mit den in Frage stehenden materiellen Interessen beschäftigen sollen – der Letzte lehnt an der Wand der Höhle, läßt die Arme herabhängen, sieht nach dem Himmel oder vielmehr nach der dunklen feuchten Höhlenwölbung hinauf, an welcher das flackernde Licht spielt, und sieht aus wie ein Träumer und Dichter. Was sucht er in diesem Augenblicke? Die Lösung eines Problems gleich dem, welches Christoph Columbus und Galilei gelöst hatten? Die Form einer der Terzinen, wie sie Dante schrieb, oder der Octaven wie sie Tasso sang? Das würde nur der Geist sagen können, der in ihm wacht und so wenig sich um das Materielle kümmert, daß er alles an dem Anzuge des Dichters, was nicht von Eisen, Stahl oder Kupfer ist, in Fetzen zerfallen läßt.

Das sind die wohl oder übel gezeichneten Porträts. Sehen wir nun die Namen darunter.

Der welcher die Feder führt, heißt Procop; er ist Normanne von Geburt und seiner Bildung nach fast Jurist; er spickt seine Reden mit Aussprüchen des römischen Rechtes und Aphorismen aus den Capitularien Carl des Großen. Sobald man aber etwas Schriftliches von ihm hat oder ihm gibt, muß man auf einen Prozeß gefaßt seyn; begnügt man sich mit seinem Worte, so findet man es treu wie Gold, nur stimmt die Art, es zu halten, nicht immer mit der gewöhnlichen Moral überein. Nur ein Beispiel davon und zwar das, welches ihn in das Abenteuerleben getrieben hatte, in welchem wir ihn finden. Ein Herr vom Hofe Franz I. hatte eines Tages ihm und dreien seiner Genossen ein Geschäft angetragen; er wußte, daß der königliche Schatzmeister denselben Abend tausend Goldthaler aus dem Arsenale nach dem Louvre bringen sollte. Das Geschäft bestand nun darin, den Schatzmeister an der Ecke der Straße St. Paul anzuhalten, ihm die tausend Goldthaler abzunehmen und sie so zu theilen, daß fünfhundert der vornehme Herr erhalte, welcher auf dem Königsplatze warten wollte, bis die Sache geschehen seyn würde, und eben als vornehmer Herr die Hälfte der Summe verlangte; die andere Hälfte sollte Procop mit seinen drei Gefährten theilen. Man gab einander gegenseitig das Wort und die Sache geschah, wie verabredet. Als aber der Schatzmeister beraubt, erschlagen und in den Fluß geworfen war, machten die Gefährten Procops den Vorschlag, nach der Notre-Dame zu statt nach dem Königsplatze zu gehen und die tausend Goldthaler zu behalten, statt die Hälfte an den großen Herrn abzugeben. Procop erinnerte sie an ihr Wort.

»Meine Herren,« sagte er ernsthaft, »Ihr vergesset, daß dies ein Bruch des Vertrages, eine Uebervortheilung eines Clienten wäre. Ehrlich währt am längsten. Wir wollen dem Herzoge (der vornehme Herr war ein Herzog) die fünfhundert Goldthaler übergeben, die ihm zukommen, so daß nicht einer fehle, aber,« fuhr er fort als er bemerkte, daß der Vorschlag mißbilligendes Gemurmel veranlaßte, »distinguimus; sobald er das Geld eingesteckt und uns für ehrliche Leute anerkannt hat, steht nichts entgegen, daß wir uns am Johannesgottesacker, an dem er vorüber muß, in Hinterhalt legen; es ist dies ein abgelegener und ganz passender Ort. Wir machen es dann mit dem Herzoge, wie wir es mit dem Schatzmeister gemacht haben, und da der Gottesacker gar nicht weit von der Seine entfernt ist, so kann man morgen Beide in den Netzen zu St. Clous finden. Wir bekommen dann ein jeder zweihundertfünfzig Goldthaler, über die wir ohne Gewissensbisse verfügen können, da wir dem guten Herzoge getreulich das Wort gehalten haben.«

Der Vorschlag wurde mit Begeisterung, angenommen und ausgeführt. Nur bemerkten die vier Verbündeten in ihrem Eifer nicht, daß der Herzog noch lebte, als sie ihn in den Fluß warfen; die Kühle in demselben gab ihm aber seine Kraft wieder, er gelangte an das Ufer, begab sich in das Châtelet und gab dem Prévot von Paris, der damals Herr von Estourville hieß, eine so genaue Beschreibung der vier Banditen, daß dieselben es am andern Morgen schon für gerathen hielten,Paris zu verlassen, um einem Prozesse zu entgehen, in welchem sie trotz der tiefen Rechtskenntnissen Procops recht wohl dasjenige verlieren konnten, auf welches man immer großen Werth legt, nemlich das Leben.

Unsere vier Helden hatten demnach Paris verlassen und sich nach verschiedenen Gegenden gewendet. Der Norden war unserem Procop zugefallen und deshalb haben wir das Glück , ihn mit der Feder in der Hand in der Höhle zu finden, wo er, nach der Wahl seiner neuen Genossen, die seine Verdienste anerkannten, das wichtige Schriftstück abfaßte, mit dem wir uns sogleich zu beschäftigen haben werden.

Der, welcher dem Schreibenden leuchtet, heißt Heinrich Scharfenstein und ist ein Anhänger Luther’s, welchen das üble Verfahren Carls V. gegen die Hugenotten in die Reihen, des französischen Heeres getrieben hat und zwar sogleich mit seinem Neffen Franz Scharfenstein, welcher in diesem Augenblicke draußen Wache hält. Sie sind zwei Riesen, die, könnte man sagen, Eine Seele bewegt und Ein Geist leitet. Viele behaupten, dieser Eine Geist genüge nicht für zwei so riesige Körper, sie selbst aber sind dieser Meinung nicht und finden Alles so wie es ist gut. In dem gewöhnlichen Leben halten sie es meist unter ihrer Würde, irgend eine Hilfe von Menschen, ein Werkzeug, in Anspruch zu nehmen, um ihren Zweck zu erreichen. Handelt es sich darum, irgend eine Masse zu bewegen, so sinnen sie nicht nach wie unsere neuen Gelehrten, durch welche Mittel Cleopatra ihre Schiffe aus dem Mittelmeere in das rothe Meer brachte oder mit welchen Maschinen Titus die riesigen Blöcke des Flavianischen Circus emporhob, sondern sie packen einfach den zu beseitigenden Gegenstand mit ihren Armen, bringen ihre Eisenfinger unauflöslich in einander, machen gleichzeitig eine Anstrengung mit jener Regelmäßigkeit, die alle ihre Bewegungen auszeichnet, und der Gegenstand kommt dahin, wohin sie ihn haben wollen. Ist eine Mauer zu ersteigen oder ein Fenster zu erreichen, so schleppen sie keineswegs, wie es ihre Gefährten thun, eine schwere Leiter, die sie nur im Gehen hindert, wenn das Unternehmen gelingt, und die sie im Stiche lassen müssen, wenn es mißlingt, sondern sie gehen mit leeren Händen an Ort und Stelle; der Eine, gleichviel welcher, lehnt sich an die Wand, der Andere steigt auf die Achseln und im Nothfalle auf die über den Kopf gestreckten Hände. Mit Hilfe seiner eigenen Arme erreicht der Zweite so eine Höhe von achtzehn bis zwanzig Fuß, welche fast immer genügt, um über eine Mauer oder in ein Fenster zu gelangen. Auch im Kampfe gilt dieses Associationssystem, sie gehen neben einander in gleichem Schritte, aber der Eine haut und der Andere eignet sich zu; ist der Eine des Dreinschlagens müde, so gibt er dem Andern das Schwert, die Streitaxt oder das Beil und sagt: »nun Du,« er und sie wechseln die Rollen; der, welcher erst hieb, eignet sich zu und der Andere haut. Uebrigens ist die Art des Zuschlagens bekannt und sehr geschätzt, indeß legt man, wie gesagt, überhaupt mehr Werth auf ihre Faust als auf ihren Geist. Deshalb hat denn auch der Eine den Auftrag erhalten Schildwache zu stehen und der Andere zu leuchten.

Der junge Mann mit dem Schnurrbarte und mit dem Lockenhaare, welcher den Bart streicht und das Haar kämmt, heißt Yvonnet und ist ein Pariser von Geburt, ein Franzose von ganzem Herzen. Seinen bereits erwähnten körperlichen Vorzügen sind noch zierliche Hände und Füße hinzuzufügen. Im Frieden klagt er fortwährend und über Alles; wie den Sybariten in der alten Zeit drückt ihn ein gerunzeltes Rosenblatt; er ist faul, wenn er gehen soll; er leidet an Schwindel, wenn zu steigen ist, und er hat Kopfschmerzen, wenn er denken soll. Er ist empfindlich und reizbar wie ein junges Mädchen und muß deshalb äußerst schonend behandelt werden. Um sich in das Dunkel zu wagen, das ihm zuwider ist, muß ihn eine starke Leidenschaft außer sich bringen. Am Tage fürchtet er sich vor Mäusen und der Anblick von Spinnen oder Kröten macht ihm übel. Uebrigens muß man ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er immer eine starke Leidenschaft hat, nur kommt er, wenn es in der Nacht ist, erschrocken und zitternd zu der Geliebten, und es bedarf so vieler beruhigender Worte, so warmer Liebkosungen und so schmeichelhafter Aufmerksamkeit, wie Hero dem Leander gewährt, wenn er triefend von dem Wasser der Dardanellen in ihren Thurm trat. Freilich, sobald er die Trompete hörte, sobald er Pulver roch, sobald er die Fahnen sah, ist Yvonnet nicht mehr derselbe und es geht in ihm eine vollständige Umwandlung vor. Der mädchenhafte Jüngling wird ein rauher Soldat, der um sich haut und sticht, ein wahrer Löwe mit eisernen Klauen und stählernen Zähnen. Er, der sich zögernd bedachte, eine Treppe hinaufzusteigen, um in das Schlafzimmer einer hübschen Frau zu gelangen, klettert auf eine Leiter, klammert sich an einen Strick, hängt sich an einen Faden, um zuerst auf die Mauer zu kommen. Ist der Kampf vorbei, so wäscht er sich mit der grüßten Sorgfalt die Hände und das Gesicht und, wechselt die Wäsche und den Anzug, dann wird er allmälig wieder der zarte Jüngling, den wir in diesem Augenblicke den Schnurrbart streichen, das Haar kämmen und Stäubchen von dem Anzuge blasen sehen.

Der, welcher die Wunde am linken Arme verbindet, heißt Malemort. Er ist ein finsterer, melancholischer Charakter, der nur eine Liebe, eine Leidenschaft, eine Freude kennt: den Krieg, eine unglückliche Leidenschaft, eine schlimm vergoltene Liebe, eine kurze, traurige Freude, denn kaum hat er sich an der Metzelei zu weiden begonnen, als er, wegen des blinden, wüthigen Eifers, mit dem er sich in das Gedräng stürzt, und wegen der wenigen Vorsicht zu seinem Schutze einen fürchterlichen Pikenstich oder einen Schuß bekommt, der ihn zu Boden streckt, wo er kläglich jammert, nicht aus Schmerz in der Wunde, sondern aus Verdruß, daß die Andern ohne ihn bei dem Feste bleiben. Zum Glück heilt bei ihm Fleisch und Knochen schnell. Jetzt zählt er fünfundzwanzig Wunden, drei mehr als Cäsar, und er hofft, wenn der Krieg fortdauert, noch fünfundzwanzig wie jene zu erhalten, welche dieser Laufbahn voll Ruhm und Schmerzen unfehlbar ein Ende machen müssen.

Der Hagere, der in einem Winkel kniet und betet, heißt Lactantius. Er ist ein eifriger Katholik und duldet kaum die Nähe der beiden Scharfenstein, von deren Ketzerei er besudelt zu werden fürchtete. Da er sich gegen seine Brüder in Christus schlagen und so viele derselben als möglich umbringen muß, so legt er sich alle erdenklichen Bußen auf, um jener grausamen Nothwendigkeit das Gleichgewicht zu halten. Das Tuchgewand, das er trägt und zwar, ohne Weste und Hemd auf der Haut, ist mit einem Panzerhemd gefüttert, wenn nicht das Tuch das Futter des Panzerhemdes ist. Im Kampfe trägt er jedenfalls das Panzerhemd nach außen; nach dem Kampfe wendet er sein Gewand um, damit das Panzerhemd nach innen kommt. Uebrigens ist es offenbar ein Gewinn von ihm getödtet zu werden, wenigstens kann der, welcher von den Händen des frommen Mannes stirbt, sicher seyn, daß viel für ihn gebetet wird. In dem letzten Gefechte hat er zwei Spanier und einen Engländer getödtet, und da er ihretwegen im Rückstande ist, namentlich wegen der Ketzerei des Engländers, der sich nicht wohl mit dem gewöhnlichen deprofundis begnügen kann, betet er, wie wir gesehen haben, eifrig viele Pater und ave und überläßt es seinen Gefährten sich mit den weltlichen Angelegenheiten zu beschäftigen. Hat er seine Rechnung mit dem Himmel geschlossen, so wird er auf die Erde herabsteigen und seine Bemerkungen gegen Procop machen.

Der, welcher beide Hände auf den Tisch stützt und ganz das Gegentheil von Lactantius, mit ausdauernder Aufmerksamkeit jedem Federzuge Procops folgte, heißt Maldent. Er, ist in Noyon geboren, hat eine tolle, verschwenderische Jugend durchgemacht, will in reiferem Alter die verlorene Zeit einholen und für »sein Bestes« sorgen. Er hat eine Menge Abenteuer gehabt, die er in ganz hübscher naiver Weise erzählt, welche aber sofort und gänzlich schwindet, wenn er mit Procop in einen juridischen Streit geräth. Uebrigens ertheilt und empfängt Maldent tüchtig Säbelhiebe, und wenn er auch nicht die Kraft der Brüder Scharfenstein, nicht den Muth Yvonnet’s, nicht den Ungestüm Malemort’s besitzt, ist er doch im Nothfalle ein Genosse, auf den man rechnen kann und der sicherlich keinen Freund im Stiche läßt.

Der Schleifer, welcher den Dolch spitzig zu machen sucht und die Spitze auf dem Fingernagel probirt, heißt Pille-Trousse. Er ist ein Vollblutsoldat und diente abwechselnd den Spaniern und den Engländern, aber die Engländer handeln zu viel und die Spanier bezahlen nicht viel. Deshalb entschloß er sich für eigene Rechnung zu arbeiten. Pille-Trousse treibt sich auf den Landstraßen umher; namentlich in der Nacht gibt es Räuber aller Nationen auf den Landstraßen: Pille-Trousse beraubt die Räuber und schont nur die Franzosen, seine halben Landsleute – er ist ein Provençale; er hat auch ein gutes Herz, wenn sie arm sind, hilft er ihnen; sind sie schwach, so unterstützt er sie; sind sie krank, so pflegt er sie, – trifft er aber einen wirklichen Landsmann, das heißt Einen, der zwischen dem Berge Viso und der Rhône geboren ist, so kann derselbe über Pille-Trousse ganz und gar, über Leib und Leben, Blut und Geld verfügen und Pille-Trousse wird ihm noch Dank schuldig zu seyn glauben.

Der Neunte und Letzte endlich, der an der Wand lehnt, die Arme hängen läßt und nach der Decke sieht, heißt Fracasso. Er ist, wie wir gesagt haben, ein Träumer und Dichter; weit entfernt, Yvonnet zu gleichen, welchem das Dunkel zuwider ist, liebt er die schönen sternenhellen Nächte, die blumengeschmückten Flußufer und den Strand des Meeres. Da er leider dem französischen Heere folgen muß, wohin es zieht – denn, obgleich Italiener, hat er doch sein Schwert der Sache Heinrichs II. gewidmet – so kann er seiner Neigung zum Umherschweifen nicht folgen, aber gleichviel: für den Dichter wird alles Begeisterung, für den Träumer alles Traum, nur ist den Dichtern und Träumern Zerstreutheit eigen und diese ist in der Laufbahn, die Fracasso gewählt hat, sehr verderblich. So bleibt denn Fracasso oftmals mitten im Schlachtgedränge mit erhobenem Schwerte stehen, um auf eine Trompete zu hören, nach einer vorüberziehenden Wolke zu sehen oder eine schöne Waffenthat in seiner Nähe zu bewundern. Da benutzt der Feind Fracasso gegenüber diese Zerstreutheit, um ihm in aller Bequemlichkeit einen fürchterlichen Hieb zu versetzen, welcher den Träumer weckt. Aber wehe auch diesem Feinde, wenn er trotz der Bequemlichkeit nicht recht gezielt oder getroffen und Fracasso nicht betäubt hat! Fracasso wird Vergeltung üben, nicht um sich für den empfangenen Hieb zu rächen, sondern um den Störer zu züchtigen, der ihn aus dem siebenten Himmel zurückzerrte, in dem er sich auf den bunten Fittigen der Phantasie wiegte.

Nachdem wir so unsere Abenteuerer vorgeführt haben – von denen einige den Lesern der »zwei Dianen« und »Ascanio« nicht ganz unbekannt seyn werden, werden wir erzählen, welcher Zufall sie in der Höhle zusammenbrachte und was sie so bedächtig niederschrieben.




III.

Der Leser macht weitere Bekanntschaft mit den Helden, die wir ihm vorgestellt haben


Am Morgen desselben Tages, 5. Mai 1555, hatte eine Gesellschaft von vier Männern – welche zu der Besatzung von Doulens zu gehören schienen – die Stadt verlassen, indem sie sich durch das Thor schlichen, sobald dasselbe nur halb aufgemacht war.

Diese vier Männer, welche in große Mäntel gehüllt waren, die eben so wohl dazu dienen konnten ihre Waffen zu verbergen, als sie gegen die Morgenkühle zu schützen, waren unter jeder möglichen Vorsicht am Ufer des kleinen Flusses hin nach der Quelle desselben hingegangen. Von da hatten sie die Hügelkette erreicht, von der wir bereits mehrmals gesprochen haben, und waren, immer gleich vorsichtig, an dem westlichen Abhange hingegangen. Nach zweistündigem Marsche betten sie endlich den Saum des Waldes von Saint-Pol-sur-Ternoise erreicht. Hier hatte der Eine, welcher in der Gegend am bekanntesten zu seyn schien, die Leitung der kleinen Schaar übernommen und war ohne langes Zögern an den Eingang der Höhle gelangt, in die wir selbst unsere Leser im Anfange des vorigen Kapitels geführt haben.

Hier hatte er den Andern gewinkt, einen Augenblick zu warten, mit einiger Besorgniß auf das Gras gesehen, das erst kürzlich niedergetreten zu seyn schien, sich platt auf den Bauch gelegt und war wie eine Schlange in, die Höhle hineingekrochen. Bald hatten seine außen zurückgebliebenen Cameraden seine Stimme gehört, aber diese Stimme klang nicht beunruhigend. Er hatte die Höhle durchsucht und darin gerufen und da er nichts Verdächtiges darin vernommen, so erschien er bald wieder am Eingange, um den Cameraden zu sagen, daß sie ihm folgen könnten.

Sie folgten ihm und befanden sich nach Ueberwindung einiger unbedeutender Schwierigkeiten mitten darin.

»Ah,« sagte der, welcher sie so gut geführt hatte, freudig aufathmend, »tandem ad terminum eamus.«

»Was heißt das?« fragte Einer der drei Andern.

»Das heißt, lieber Maldent, daß mir dem Ziele unserer Wanderung nahe oder vielmehr eben bei ihm sind.«

»Wie war das?« fragte ein Anderer. »Hast Du’s verstanden, Heinrich?«

»Ich habe gar nichts verstanden.«

»Warum wollet Ihr deutlicher es verstehen,« – die beiden Scharfenstein hatten zuletzt gesprochen – »wenn Maldent und ich uns nur verstehen, ist das nicht genug?«

»Unsertwegen!« antworteten die beiden Scharfenstein. »Es mag gehen wie’s will, wenn’s nur gut geht.«

»Also,« sagte Procop, »setzen wir uns, essen wir einen Bissen und trinken wir einen Schluck um die Zeit zu vertreiben; beim Essen und Trinken will ich Euch meinen Plan erklären.

»Ja, ein paar Bissen wollen wir essen und ein paar tüchtige Schluck wollen wir nehmen,« meinte Franz Scharfenstein.

Die Abenteurer sahen sich um und da ihre Augen allmälig sich an das Dunkel gewöhnten, das übrigens in der Nähe des Eingangs der Höhle nicht so bedeutend war als in der Tiefe, so erblickten sie drei Steine, die sie aneinander rückten, um traulicher plaudern zu können.

Da ein vierter fehlte, so bot Scharfenstein den seinigen höflich Procop an, der keinen hatte, Procop dankte aber ebenso höflich, legte seinen Mantel an den Boden und streckte sich darauf aus.

Dann nahm man aus den Säcken, welche die beiden Riesen getragen hatten, Brot, kaltes Fleisch und Wein und legte alles in die Mitte des Halbkreises, dessen Bogen die da sitzenden Abenteurer bildeten, Procop aber die Sehne, und dann machte sich ein Jeder mit einem Eifer an das Frühstück, welcher bewies, daß der Morgenspazirgang trefflich auf den Appetit gewirkt hatte.

Etwa zehn Minuten lang hätte man nichts als das Knirschen der Kinnladen, die mit Maschinenregelmäßigkeit das Brot, das Fleisch und selbst die Knochen der Hühner zermalmten, welche man von den benachbarten Landgütern »mitgenommen« hatte.

Maldent fand zuerst das Wort wieder.

»Du sagtest also, mein lieber Procop, daß Du beim Essen uns deinen Plan mittheilen wolltest. Der erste Appetit könnte nun wohl gestillt seyn, fange also mit deiner Mittheilung an.

»Wir essen,« sagte Franz Scharfenstein; »aber hören können wir doch dabei.«

»Die Sache ist die… ecce res judicanda, wie man vor Gericht sagt.«

»Die Scharfensteins sollen still seyn, man hört kein Wort!« sagte Maldent.

»Ich habe ja kein Sterbenswörtchen gesagt,« entgegnete Franz verlegen.

»Ich, mein Seel, auch nicht,« betheuerte Heinrich.

»Mir war’s, als räsonnirtet Ihr inwendig…« sagte Maldent.

»Das bin ich, mein Seel’, nicht gewesen. Vielleicht raschelt was.«

»Die Sache ist also die,« wiederholte Procop. »Eine Viertelstunde von hier liegt ein hübsches Gütchen.«

»Ein Schloß hattest Du uns versprochen,« fiel Maldent ein.

»Mein Gott, Maldent, wenn Du nur das Sylbenstechen lassen wolltest!« entgegnete Procop. »Meinetwegen als ein hübsches Schlößchen…«

»Mein Seel’,« fiel Heinrich Scharfenstein ein, »mir ist’s einerlei, ob Gütchen oder Schlößchen, wenn nur brav daraus zu holen ist!«

»Das ist einmal vernünftig gesprochen, so gefällst Du mir, Scharfenstein; der Maldent hat immer Einwendungen,« sagte Procop.

»Nur weiter!«

»Also ein Viertelstündchen von hier liegt ein hübsches Landhäuschen, das nur von dem Besitzer, einem Diener und einer Magd bewohnt wird. Im Dorfe freilich wohnt der Pächter mit seinen Leuten.«

»Wie viel sind’s zusammengerechnet?« fragte Heinrich Scharfenstein.

»Etwa Zehn,« antwortete Procop.

»Zehn nur? Ein Dutzend übernehmen wir, Franz und ich, nicht wahr?«

»Ein Dutzend,« bestätigte Franz lakonisch.

»Die Sache ist also – so,« fuhr Procop fort. »Wir essen hier, trinken, erzählen Geschichten und warten so die Nacht ab.«

»Wenn wir essen und trinken, vergeht schon die Zeit,« sagte Heinrich Scharfenstein.

»Ist’s Nacht,« sprach Procop weiter, »so schleichen wir still fort von hier, wie wir hergekommen sind, bis an den Waldsaum, von da in einem Hohlwege, den ich kenne, bis an die Mauer. An der Mauer steigt Franz auf die Achsel seines Onkels oder der Onkel auf die Achseln des Neffen, das bleibt sich gleich, der Scharfenstein aber, der auf den Achseln des Andern steht, klettert über die, Mauer und macht uns die Thür auf. Ist die Thür auf – verstehst Du, Maldent? – ist die Thür auf – Ihr begreift mich doch alle? – ist also die Thür auf, so – gehen wir hinein.«

»Hoffentlich nicht ohne uns,« sagte etwa zwei Schritte hinter den Abenteurern eine Stimme in so entschiedenem Tone, daß nicht blos Procop, nicht blos Maldent erschrak, sondern selbst die beiden deutschen Riesen.

»Verrath!« rief Procop, indem er aufsprang und einen Schritt zurücktrat.

»Verrath!« rief Maldent, indem er durch das Dunkel zu blicken suchte, aber auf seinem Platze blieb.

»Verflucht!« riefen die beiden Scharfenstein, indem sie die Degen zogen und einen Schritt vortraten.

»Kampf wollt Ihr?« sprach die Stimme wieder. »Ihr sollt ihn haben! Drauf, Lactantius! Drauf, Fracasso! Drauf, Malemort!«

Die drei Aufgerufenen antworteten in der Tiefe der Höhle kampfbereit.

»Einen Augenblick, Pille-Trousse!« sagte Procop, der nun die Stimme erkannte. »Wir sind ja keine Türken und Heiden, daß wir einander im Finstern die Hälse brechen sollten, ehe wir versuchten uns unter einander zu verständigen.«

»Erst Licht auf beiden Seiten und sehen wir einander ins Auge, damit wir wissen, wen wir vor uns haben.« Können wir uns vergleichen, gut; können wir’s nicht, dann drauf!«

»Erst drauf!« rief eine schauerliche Stimme aus dem Dunkel hervor wie aus der Hölle herauf.

»Ruhig, Malemort!« sagte Pille-Trousse; »Procop scheint mir einen ganz annehmlichen Vorschlag gemacht zu haben. Was meinst Du, Lactantius und Du, Fracasso?«

»Wenn der Vorschlag einem unserer Brüder das Leben retten kann, so nehme ich ihn an,« antwortete Lactantius.

»Es wäre aber doch poetisch gewesen, in einer Höhle zu kämpfen, die dann gleich das Grab der Erschlagenen geblieben, da man aber die materiellen Interessen der Poesie nicht aufopfern soll,« fuhr Fracasso schwermüthig fort, »so trete ich der Meinung Pille-Trousse’s und Lactantius bei.«

»Und ich will mich schlagen!« schrie Malemort.

»Verbinde dann deinen Arm, und laß uns in Ruhe,« sagte Pille-Trousse.

»Wir sind Drei gegen Dich, und Procop, der’s versteht, wird Dir sagen, daß Drei gegen Einen immer Recht haben.«

Malemort seufzte laut bedauernd, daß ihm eine so schöne Gelegenheit entging eine neue Wunde zu erhalten, aber er gab nach.

Unterdeß hatten Lactantius auf der einen und Maldent auf der andern Seite Feuer angeschlagen und da beide sich Parteien sich für den Fall, daß sie Licht brauchen würden, in Voraus mit Kienfackeln versehen hatten, so leuchteten bald zwei derselben und ließen ihr grelles Licht auf die Personen in der Höhle fallen.

Wir kennen bereits die Höhle und die Personen, die darin waren; nur die gegenseitige Stellung der Letzteren haben wir zu beschreiben.

Am Ende der Höhle befanden sich Pille-Trousse, Malemort, Lactantius und Fracasso, mehr nach dem Eingange zu die beiden Scharfenstein, Maldent und Procop.

Pille-Trousse stand von der hintern Gruppe am weitesten vor; hinter ihm kaute Malemort vor Wuth an den Nägeln, neben ihm stand Lactantius mit der Fackel und suchte seine kampflustigen Cameraden zu beruhigen; Fracasso kniete und befestigte etwas an seiner Fußbekleidung.

Auf der entgegengesetzten Seite bildeten, wie erwähnt, die beiden Scharfenstein die Avantgarde, einen Schritt hinter ihnen stand Maldent und hinter diesem Procop.

Die beiden Fackeln beleuchteten die ganze runde Höhle, nur eine Vertiefung in der Nähe des Einganges, in welchem ein Haufen dürren Farnkrautes lag, blieb im Halbschatten.

Das Ganze sah wild und schauerlich genug aus.

Die Abenteurer kannten einander bereits meist und hatten sich gegenseitig auf dem Schlachtfelde thätig gegen den gemeinschaftlichen Feind gesehen.

Procop trat setzt einen Schritt vor, aber nicht über die beiden Scharfenstein hinaus.

»Meine Herren,« sagte er, »wir hatten gegenseitig den Wunsch einander zu sehen und nun sehen wir einander, das ist schon etwas. Wir sind Vier gegen Vier, wir auf unserer Seite haben aber die Beiden da (und er zeigte auf die Scharfenstein), was mich fast berechtiget zu sagen, wir sind Acht gegen Vier.

Auf diese unkluge Prahlerei flogen nicht blos trotzige Worte über die Lippen Pille-Trousse’s, Malemort’s, Lactantius und Fracasso’s, sondern auch deren Schwerter aus den Scheiden.

Procop bemerkte, daß er gegen seine gewöhnliche Klugheit gesündigt hatte und sich auf falschem Wege befinde. Er versuchte also umzukehren.

»Meine Herren,« sagte er, »ich behaupte damit nicht, daß uns der Sieg nun auch gewiß wäre, da die vier Gegner Pille-Trousse, Malemort, Lactantius und Fracasso heißen.«

Dieser Nachsatz schien die Gemüther wieder etwas zu beruhigen, nur Malemort brummte noch.

»Zur Sache!« rief Pille-Trousse.

»Ja,« antwortete Procop, »ad eventum festina. Ich sagte also, daß wir den innern zufälligen und ungewissen Eingang eines Kampfes bei Seite lassen und uns zu verständigen suchen müßten. Es schwebt gewissermaßen ein Prozeß zwischen uns, jacens sub judice lis est; wie werden wir den Prozeß beendigen? Zuerst durch eine klare und einfache Auseinandersetzung der Lage, aus welcher unser Recht hervorgehen wird. Wer hat gestern den Gedanken gehabt, in nächster Nacht das Gütchen oder Schlößchen Parcq zu überfallen? Ich und die Herren da. Wer ist heute Früh von Doulens fortgegangen, um den Plan auszuführen? Ich und die Herren da. Wer hat sich in diese Höhle begeben, um da Position für die Nacht zu nehmen? Wiederum ich und die Herren da. Wer hat endlich den Plan zur Reife gebracht, vor Euch entwickelt und so den Wunsch in Euch erregt, Euch an der Sache zu betheiligen? Immer ich und die Herren da. Antworte darauf, Pille-Trousse, und sage selbst, ob nicht die Leitung eines Unternehmens ungehindert denen gehört, welche zuerst den Gedanken dazu gehabt und den Plan entworfen haben. Dixi.«

Pille-Trousse lachte; Fracasso zuckte die Achseln; Lactantius schüttelte die Fackel und Malemort brummte von »Dreinschlagen!«

»Worüber lachst Du, Pille-Trousse?« fragte Procop ernsthaft und würdevoll.

»Ich lache, lieber Procop,« antwortete der Abenteurer, an den die Frage gerichtet worden war, »über das gewaltige Vertrauen, mit dem Du dein Recht und deine Ansprüche auseinandergesetzt hast und darüber, daß Du gleich geschlagen bist, wenn wir gelten lassen, was Du sagst. Ja, die Leitung eines Unternehmens gehört denen, welche zuerst den Gedanken daran gehabt und den Plan entworfen haben.«

»Also!« fiel Procop triumphirend ein.

»Ja, aber ich fahre nun fort,« sagte Pille-Trousse; »gestern seyd Ihr aus den Gedanken gekommen, das Gütchen oder Schlößchen Parcq zu überfallen? Wir haben den Gedanken schon vorgestern gehabt. Ihr seyd heute Früh von Doulens aufgebrochen, um den Plan auszuführen? Wir sind in derselben Absicht schon gestern Abend von Montreuil hergekommen. Ihr seyd seit einer Stunde in der Höhle? Wir waren schon da, als Ihr kamt. Ihr habt den Plan vor uns entwickelt? Wir hatten ihn schon vorher zur Reife gebracht und entwickelt. Ihr gedachtet das Schlößchen in der Nacht anzugreifen? Wir wollten es gegen Abend thun. Wir haben also den Gedanken und den Plan vor Euch gehabt und so kommt uns die Leitung des Unternehmens zu. Dixi!« setzte er in der Art Procops hinzu.

»Aber,« fragte Procop, den diese Beweisführung einigermaßen in Verlegenheit brachte, »wer bürgt mir dafür, daß Du die Wahrheit sagst?«

»Mein Wort, mein Ehrenwort!« sagte Pille-Trousse.

»Eine andere Bürgschaft wäre mir lieber.«

»Hm!« machte Procop unvorsichtig.

Die Gemüther waren gereizt, der Zweifel an Pille-Trousse’s Wort erbitterte, und Fracasso und Lactantius riefen gleichzeitig :

»Kampf!«

»Ja dreinschlagen, dreinschlagen!«

»Kampf denn, wenn Ihr nicht anders wollt,« sagte Procop.

»Kampf, da es kein anderes Mittel zur Verständigung gibt.«

»Kommt nur heran!« riefen die Scharfenstein, die schon hauen wollten.

Jeder zog Schwert oder Dolch, suchte sich einen Gegner und schickte sich an auf denselben sich zu stürzen.

Mit einem Male bewegte es sich aus dem Farnkrauthaufen in der Vertiefung der Höhle; ein zierlich gekleideter junger Mann erhob sich, trat aus dem Dunkel heraus und in das Licht, breitete die Arme aus und rief :

»Die Waffen nieder, Cameraden! Ich übernehme es, die Sache auszugleichen.«

Aller Augen wendeten sich aus den, welcher so unerwartet erschien und Alle riefen:

»Yvonnet!«

»Wo, zum Teufel! kommst Du her?« fragte Pille-Trousse und Procop.

»Das sollt Ihr hören,« antwortete Yvonnet, »zuerst die Degen und Dolche eingesteckt! Der Anblick solcher bloßer Dinger greift meine Nerven an.«

Alle gehorchten bis aus Malemort.

»Nun, Camerad,« sagte Yvonnet zu ihm, »was soll’s?«

»Ach!« jammerte Malemort mit tiefem Seufzer, »soll man denn niemals in Ruhe einen Stich geben oder nehmen können?«

Er stieß mit höchst ärgerlicher und verdrießlicher Geberde den Degen in die Scheide.




IV.

Der Gesellschaftsvertrag


Yvonnet sah sich um und da er erkannte, daß wenigstens die Schwerter in die Scheide zurückgekehrt wären, wenn auch der Zorn noch nicht ganz aus den Herzen geschwunden, so wendete er sich bald an Pille-Trousse, bald an Procop, welche bekanntlich beide die Frage an ihn gerichtet hatten.

»Woher ich komme?« wiederholte er. »Wahrhaftig eine schöne Frage! Von dem Farnkrauthaufen komme ich, wo ich mich versteckte, als ich zuerst Pille-Trousse, Lactantius, Malemort und Fracasso angekommen sah und den ich auch nicht verließ, als dann Procop, Maldent und die beiden Scharfenstein erschienen.«

»Aber was thatest Du zu solcher Zeit in dieser Höhle? Wir kamen ja au als es noch nicht Tag geworden war.«

»Das ist mein Geheimniß,« antwortete Yvonnet, »aber ich werde es Euch sagen; wenn Ihr vernünftig seyd. Zuerst von dem Dringendsten!«

Gegen Pille-Trousse gewendet fuhr er fort: »Ihr waret also in der Absicht gekommen, einen Besuch in Parcq, in dem Gütchen oder Schlößchen, wie man es nennen will, zu machen?«

»Ja,« antwortete Pille-Trousse.

»Und Ihr auch?« fragte Yvonnet Procop.

»Wir auch,« antwortete Procop.

»Und Ihr wolltet einander in die Haare fahren, um herauszubringen, wer zuerst den klugen Gedanken gehabt?«

»Das sollte geschehen,« sagten Procop und Pille-Trousse.

»Pfui!« entgegnete Yvonnet, »Cameraden, Franzosen oder doch wenigstens Leute, die Frankreich dienen!«

»Wir konnten nicht anders, da die Herren da von ihrer Behauptung nicht abgehen wollten,« sagte Procop.

»Wir konnten nicht anders, weil die Herren da uns den Vortritt nicht lassen wollten.«

»Ihr konntet nicht anders?« wiederholte Yvonnet, welcher es den beiden Sprechern nachmachte. »Ihr mußtet Euch untereinander massacriren, nicht wahr? Ihr konntet nichts anders als Euch die Hälse brechen? Und Ihr waret da, Lactantius, habt die Vorbereitungen zu dem Blutvergießen mit angesehen und euer christliches Gemüth wehklagte nicht?«

»Es hat gejammert, laut gejammert,« sagte Lactantius.

»Und zu weiterem hat es Euer frommer Glaube nicht gebracht?«

»Nach dem Kampfe,« antwortete Lactantius, durch die Vorwürfe von Yvonnets etwas beschämt, »würde ich für die Todten gebetet haben.«

»Sieh! Sieh!«

»Was hätte ich sonst thun sollen, Yvonnet?«

»Was ich thue, und ich bin kein Frommer, kein Augenverdreher, kein Betbruder. Ihr hättet Euch zwischen die Schwerter und Degen stürzen sollen, inter gladios et enses, um mit unserem Advocaten Procop zu reden; Ihr hättet mit der salbungsvollen Miene, die Euch so wohl ansteht, zu euern verirrten Brüdern sagen sollen, wie ich sage: »Cameraden, wenn es etwas für Vier ist, so ist’s auch für Acht; wenn das Erste, was wir unternehmen wollen, nicht genug einbringt, so versuchen wir es anderswo. Die Menschen sind dazu da, daß sie einander auf den rauhen Pfaden des Lebens unterstützen, nicht aber um ihnen Steine und Knüppel vor die Beine zu werfen auf Wegen, die so schon so beschwerlich sind. Wir wollen uns nicht trennen, sondern zusammen treten; was Vier nur unter großen Wagnissen ausführen können, hat für Acht gar keine Gefahr. Behalten wir unsern Haß, unsere Dolche, unsere Degen für unsere Feinde, während wir für einander nur freundliche Worte und Dienste haben. Gott, der Frankreich schützt, wenn er nichts Nöthigeres zu thun hat, wird zu unserem Bunde lachen und ihm seinen Segen geben!« So hättet Ihr reden sollen, Lactantius, Ihr habt es aber nicht gethan.«

»Allerdings,« antwortete Lactantius, indem er an seine Brust schlug: »mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!«

Er löschte seine Fackel aus, da man sie nicht gerade brauchte, kniete nieder und betete andächtig.

»Nun,« fuhr Yvonnet fort, »so will ich es an eurer Stelle sagen, und setze hinzu, den göttlichen Segen, den Euch Lactantius verheißen haben würde, bringe ich gleich mit.«

»Du, Yvonnet?« fragte Procop zweifelnd.

»Ja, ich… ich habe denselben Gedanken gehabt, und früher.«

»Wie, Du hättest auch den Gedanken gehabt, in das Schloß zu dringen, das wir im Auge haben?«

»Ich habe nicht blos den Gedanken gehabt,« antwortete Yvonnet, »sondern ihn sogar ausgeführt.«

»Ah!« riefen alle Anwesenden und sie horchten mit neuer Aufmerksamkeit auf Yvonnet.

»Ja,« ich habe gute Freunde in dem Hause,« fuhr dieser fort, »ein allerliebstes Kammerkätzchen, Gertrude,« sagte er, den Schnurrbart drehend, »die bereit ist, um meinetwillen Vater und Mutter, Gebieter und Gebieterin zu verläugnen, – eine Seele, die ich dem Teufel zuführe.«

Lactantius seufzte tief.

»Und Du bist in dem Schlosse gewesen?«

»In voriger Nacht kam ich heraus, aber Ihr wisset, wie zuwider mir Gänge im Dunkel sind, besonders allein. Ehe ich drei Stunden bis Doulens, oder sechs bis Abbeville ging, wanderte ich eine Viertelstunde bis hierher in die Grotte, die mir bekannt und lieb ist, weil ich mit meiner Schönen darin zuerst zusammen gekommen bin. Ich fand tappend dies Lager, das ich eben auch schon kannte, und schlief mit dem Gedanken ein, dem ersten besten unter Euch, den ich sehen würde, das Unternehmen anzutragen, als Pille-Trousse mit den Seinen und dann Procop mit den Seinen kam. Beide Theile kamen um einer und derselben Sache willen; das Streben nach einer und derselben Sache führte den Zank herbei, und dieser hätte ohne Zweifel einen tragischen Ausgang genommen, als ich es für Zeit hielt einzuschreiten und wirklich einschritt. – Jetzt sage ich Euch: Wollen wir zusammentreten, statt einander die Hälse zu brechen? Wollt Ihr durch List in das Haus kommen, statt mit Gewalt? Wollt Ihr, daß man Euch die Thüren öffne, statt daß Ihr sie mit Gewalt öffnen müßt? Wollt Ihr nicht erst lange nach dem Golde, den Juwelen, dem Silberzeuge suchen, sondern geradenwegs dahin geführt werden? Schlagt ein, dazu bin ich der Mann, und um mit dem guten Beispiele der Uneigennützigkeit voranzugehen, verlange ich nur denselben Theil wie die Andern trotz dem wichtigen Dienste, den ich dabei leiste. Wer nun etwas Besseres zu sagen weiß, der komme und rede, – ich trete ihm das Wort ab und höre.«

Ein Murmeln der Bewunderung verbreitete sich in der Versammlung Lactantius unterbrach sein Gebet, trat zu Yvonnet und küßte ihm demüthig den Saum des Mantels. Procop, Pille-Trousse, Maldent und Fracasso drückten ihm die Hand und die beiden Scharfenstein erdrückten ihn beinahe in ihren Armen. Nur Malemort brummte in einem Winkel:

»Ihr werdet sehen, daß es nicht den kleinsten Hieb oder Stich giebt; es ist eine Erbärmlichkeit.«

»Nun also,« sagte Yvonnet, der schon lange an eine solche Verbrüderung gedacht hatte und da das Glück so nahe an ihn heran kam, die Gelegenheit nicht vorüber lassen wollte, dasselbe zu fassen, »nun also, keinen Augenblick verloren! Wir sind hier neun Kerls beisammen, die weder Gott noch den Teufel fürchten.«

»Ei, ei,« fiel Lactantius sich bekreuzend ein, »Gott fürchten wir wohl.«

»Nun ja, freilich, Lactantius, es ist so eine Redensart. Ich sagte also, der Zufall habe hier neun Männer zusammengeführt.«

»Die Vorsehung, Yvonnet, die Vorsehung!« fiel Lactantius wiederum ein.

»Nun ja, die Vorsehung, meinetwegen. Zum Glück haben wir da Procop unter uns, einen Gesetzkundigen; zum Glücke trägt dieser Gesetzkundige Dinte und Feder am Gürtel und in der Tasche hat er, ich wollte wetten, Papier mit dem Stempel unseres guten Königs Heinrichs II.«

»So ist’s« antwortete Procop, »ich habe das bei mir, und es ist ein Glück, wie Yvonnet mit Recht sagt.«

»Demnach rasch ans Werk! Einen Tisch zurecht gemacht und unsern Gesellschaftsvertrag entworfen, während Einer von uns im Walde draußen, in der Nähe der Höhle Wache hält, damit wir nicht gestört werden.«

»Ich,« fiel Malemort ein, »werde mich als Schildwache hinausstellen und so viel Spanier, Engländer und Deutsche sich in dem Walde zeigen, so viele Todte gibt es.«

»Nein, nein, lieber Malemort, das darf gar nicht seyn,« antwortete Yvonnet. »In unserer Lage, das heißt kaum zweihundert Schritte von dem Lager Sr. Majestät Carls V. und unter einem Manne, der ein so feines Gehör und ein so geübtes Auge hat wie der Herr Emanuel Philibert von Savoyen, dürfen wir Niemanden ums Leben, bringen, außer wo es gar nicht zu umgehen ist, weil man nicht immer den Tod gibt, wie sicher man auch seines Stoßes ist… Auf das Hilfegeschrei der Verwundeten würde man aber herbeikommen, und wenn einmal der Wald besetzt ist, dann weiß Gott, was aus uns werden könnte. Nein, mein lieber Malemort, Du bleibst hier und Einer der beiden Scharfenstein bezieht die Wache; sie sind beide Deutsche; wenn der Wachehaltende entdeckt wird, kann er sich für einen Lanzknecht des Herzogs von Aremberg oder für einen Reiter des Grafen von Waldeck ausgeben.

»Ich will lieber der Graf von Waldeck seyn,« sagte Heinrich Scharfenstein.

»Dieser Riese ist außerordentlich geschickt,« entgegnete Yvonnet.

»Ja, Du sollst der Graf Waldeck seyn, weil der Graf Waldeck auch gern mitnimmt. Das meintest Du doch auch, Scharfenstein?«

»Ganz eben dasselbige.«

»Und weil man sich nicht wundern würde, Einen von den Leuten dieses Grafen im Walde versteckt zu finden.«

»Das wollte ich sagen.«

»Nur möge der wachhaltende Scharfenstein sich versehen, als Beutelustiger von dem Grafen Waldeck nicht in die Hände des Herzogs von Savoyen zu fallen. Er versteht in solchen Dingen keinen Spaß.«

»Leider Gottes,« antwortete Heinrich Scharfenstein; »gestern hat er zwei Soldaten aufknüpfen lassen.«

»Drei!« sagte Franz.

»Nun, welcher von Euch übernimmt die Wache??«

»Ich,« antworteten Onkel und Neffe Scharfenstein zusammen.

»Lieben Freunde, diese Aufopferung wird von uns nach Verdienst gewürdigt,« sagte Yvonnet, »aber eine Schildwache ist vollkommen genug. Loset Ihr! Für den, welcher hier bleibt, findet sich ein Ehrenposten.«

Die beiden Scharfenstein beriethen sich einen Augenblick mit einander.

»Franz,« sagte Heinrich, »hat gute Augen und tüchtige Ohren; er wird Schildwache stehen.«

»Gut,« sagte Yvonnet, »so gehe Franz auf seinen Posten.«

Franz ging mit seiner gewöhnlichen Ruhe nach dem Ausgange der Höhle zu.

»Hörst Du, Franz,« sagte Yvonnet, »wenn Du die Andern fangen lässest, so hat das nicht gerade viel zu bedeuten, wenn Du aber von dem Herzoge von Savoyen gefangen wirst, mußt Du baumeln.«

»Ah, unbesorgt! Ich lasse mich von Niemanden fangen,« antwortete Franz.

Er verließ die Höhle, um sich aus seinen Posten zu begeben.

»Und mein Ehrenposten?« fragte nun Heinrich Scharfenstein.

Yvonnet nahm die Fackel aus der Hand Maldent’s, reichte sie dem Scharfenstein und sagte:

»So, stelle Dich hierher… leuchte unserem gelehrten Freunde Procop und rühre Dich nicht.«

»Ich werde stehen wie ein Stock!« sagte Heinrich.

Procop setzte sich und nahm ein Papier aus der Tasche, sein Tintenfaß von dem Gürtel und auch die Feder.

Wir haben ihn schreiben sehen, als wir in die Höhle von Saint-Pol-sur-Ternoise traten, in der sich zufällig so viele Personen befanden.

Wir haben angedeutet, daß es keine leichte Aufgabe war, die Arbeit, welche Procop übernommen hatte, zu Aller Zufriedenheit zwischen elf Uhr Vormittags und drei Uhr Nachmittags am 5. Mai 1555 zu Ende zu führen.

Als handle es sich um einen Gesetzentwurf, der in einer modernen Kammer discutirt werden sollte, so hatte ein Jeder nach seinem Interesse oder seinen Fähigkeiten »Amendements« und »Unteramendements« gestellt.

Die genannten Amendements und Unteramendements waren einer Abstimmung unterworfen worden und zur Ehre unserer Abenteurer müssen wir sagen, daß sie im Ganzen ziemlich richtig, dabei ruhig und unparteiisch abgestimmt hatten.

Es gibt Dummköpfe und kecke Verleumder der Gesetzgeber, der Richter und der Justiz, welche behaupten, ein Gesetzbuch, welches von Spitzbuben entworfen wäre, würde vollständiger und namentlich billiger seyn als ein von rechtlichen Männern abgefaßtes.

Wir beklagen die Verblendung dieser Unglücklichen, wie wir die Irrthümer der Calvinisten und Lutheraner beklagen, und bitten Gott, er möge beiden verzeihen.

In dem Augenblicke endlich als die Uhr Yvonnet’s ein Viertel auf Vier zeigte – so selten in jener Zeit eine Uhr war, müssen wir doch bestätigen, daß der cokette Abenteurer sich eine verschafft hatte – ein Viertel auf Vier also sah Procop auf legte die Feder hin, faßte sein Papier mit beiden Händen, sah es mit Befriedigung an und sagte: »Nun ich glaube das wäre gethan und nicht übel, – exigi monumentum.«

Bei dieser Meldung machte Heinrich Scharfenstein, welcher die Fackel seit beinahe vierthalb Stunden hielt, eine Bewegung, um den Arm zu strecken, der müde zu werden anfing. Yvonnet unterbrach sein Trällern, strich und drehte aber noch immer den Bart. Malemort war fertig mit dem Verbinden des Armes und steckte den Verband mit einer Nadel fest; Lactantius sprach sein letztes Ave: Maldent, welcher beide Hände auf den Tisch gestützt hatte, richtete sich empor; Pille-Trousse steckte den nun spitz genug gewordenen Dolch in die Scheide und Fracasso erwachte aus dem poetischen Träumen und Sinnen, sehr befriedigt von dem Sonett, an das er die letzte Hand gelegt, nachdem er sich einen Monat lang damit getragen hatte.

Alle traten an den Tisch, mit Ausnahme von Franz, welcher sich wegen der gemeinschaftlichen Interessen auf seinen Oheim verließ und sich, wie gesagt, etwa zwanzig Schritte von dem Eingange der Höhle Wache haltend auf den Bauch gelegt hatte, fest entschlossen nicht nur für seine Cameraden gut zu wachen, sondern auch sich selbst von Niemanden überrumpeln zu lassen, namentlich nicht von Emanuel Philibert von Savoyen, der so geschwind hängen ließ.

»Meine Herren,« sagte Procop, indem er sich, selbstzufrieden, in dem Kreise umsah, der sich um ihn her gebildet hatte und zwar so regelmäßig wie um einen Offizier, der seinen Soldaten einen Befehl ertheilt, »meine Herren, sind Alle da?«

»Ja, antworteten die Abenteurer im Chor.

»Sind auch Alle bereit, die achtzehn Artikel vorlesen zu hören, aus welchen die Urkunde besteht, die wir im Verein entworfen haben und die der Gesellschaftsvertrag heißen konnte? Eine Art Gesellschaft wollen wir doch gründen, stiften und ordnen.«

Die Antwort lautete allgemein zustimmend, wobei Heinrich Scharfenstein selbst verständlich mit für seinen Neffen sprach.

»Also hört,« fuhr Procop fort.

Er hustete, spuckte aus und sing an:

»Zwischen den Unterzeichneten… «

»Mit Verlaub,« unterbrach ihn Lactantius, »ich kann nicht unterzeichnen.«

»Das will nichts sagen,« antwortete Procop; »Du machst ein Kreuz darunter.«

»Ah,« murmelte Lactantius, »um so heiliger wird meine Verpflichtung seyn. Fahre also fort, Bruder.

Procop begann von neuem:

»Zwischen den Unterzeichneten,

»Johann Chrysostomus Procop .…«

»Nun, gar bescheiden bist Du nicht,« sagte Yvonnet; »Du setzest Dich gleich oben an…«

»Einer mußte doch anfangen,« antwortete Procop unbefangen.

»Weiter! Weiter!« drängte Maldent.

»Johann Chrysostomus Procop, ehemaliger Procurator zu Caën, auch zu Nauen, Cherbourg, Valognes…«

»Na,« fiel Pille-Trousse ein, »nun wundere ich mich nicht mehr, daß Du mit dem Schreiben drei und eine halbe Stunde zugebracht hast, wenn Du Jedem wie Dir vollständige Titel und Würden anhängtest; im Gegentheil, ich wundere mich, daß Du schon fertig bist.«

»Nein,« antworete Procop, »ich habe Euch Allen einen Titel gegeben, glaubte aber, daß bei mir, dem Concipienten der Urkunde, die Aufzählung meiner Titel nicht nur geeignet, sondern sogar durchaus nothwendig sey.«

»Das ist etwas Anderes,« sagte Pille-Trousse.

»So hört doch endlich einmal auf,« schrie Malemort; »wir werden ja nicht fertig, wenn Ihr bei jedem Worte unterbrecht.«

»Ich werde unterbrochen,« entgegnete Procop. Dann fuhr er fort:

»Zwischen den Unterzeichneten,

»Johann Chrysostomus Procop und so weiter, Honorius Joseph Maldent, Victor Felix Yvonnet, Chrillus Nepomuk Lacantius, Cäsar Hannibal Malemort, Martin Pille-Trousse, Vittorio Albani Fracasso, Heinrich und Franz Scharfenstein, sämmtlich Capitänen in Diensten des Königs Heinrich II.…«

Ein schmeichelhaftes Gemurmel unterbrach Procop und Niemand dachte mehr daran, ihm die Titel streitig zu machen, welche er sich beigelegt hatte, da ein Jeder damit beschäftigt war, durch Schärpe, Schnupftuch oder einen Lumpen den Titel »Capitän« im Dienste Frankreichs zu rechtfertigen, den er empfangen hatte.

Procop ließ dem Beifallsgemurmel Zeit, sich zu beruhigen, und fuhr fort:

»Ist beschlossen und festgesetzt worden wie folgt…«

»Halt!« rief Maldent. »Die Urkunde gilt nicht.«

»Warum gilt sie nicht?« fragte Procop.

»Du hast etwas Wichtiges darin vergessen.«

»Was.«

»Das Datum.«

»Das Datum kommt zuletzt.«

»Das ist etwas Anderes,« entgegnete Maldent; »besser wäre es aber doch, wenn es am Anfange stände.«

»Am Anfange oder am Ende, das bleibt sich gleich,« sagte Procop. »Die Institutionen Justinian’s sagen ausdrücklich: »Omne actum quo tempore scriptum sit, indicato, seu initio, seu fine, ut paciscentibus libuerit,« das heißt, jede Urkunde muß ihr Datum an sich tragen, entweder am Anfange oder am Ende, wie es den Contrahirenden beliebt.«

»Eine abscheuliche Sprache, die Advocatensprache!« sagte Fracasso. »Was für ein Unterschied zwischen diesem Latein und dem Latein Virgil’s und Horazens!«

Und er scandirte wohlgefällig die Verse aus der dritten Ecloge Virgils:

		Malo me Galatea petit, lasciva puella:
		Et fugit ad salices, et se cupit ante videri…

»Ruhe, Fracasso!« sagte Procop.

»Gebiete Du Ruhe so lange Du willst,« antwortete Fracasso, »es ist und bleibt doch wahr, daß ich Justinian I., ein so großer Kaiser er meinetwegen auch gewesen ist, Homer den Zweiten vorziehe und lieber die Bucolica, die Eclogen und selbst die Aeneïs verfaßt haben möchte als die Institutionen, die Pandecten und das ganze corpus juris civilis.«

Ueber diesen wichtigen Punkt wäre es zwischen Fracasso und Procop sicherlich zum Streite gekommen – dessen Ende und Folgen nicht abzusehen waren – aber vor der Höhle ließ sich ein unterdrückter Ruf hören, welcher die Aufmerksamkeit der Abenteurer dahin richtete.

Bald zeigte sich auch ein dunkler Schatten an dem Eingange und endlich erschien ein Wesen, dessen Art nicht zu bestimmen war, so seltsame Formen hatte es in dem Halbdunkel, von dem aus es sich in den Kreis hereinbewegte, der sich vor ihm öffnete.

Da erst und in dem Lichte der Fackel, welche die Gruppe beleuchtete, erkannte man Franz Scharfenstein, der in seinen Armen ein Mädchen trug und demselben als Knebel die breite Hand auf den Mund gelegt hatte.

Jeder wartete auf die Lösung des neuen Vorfalles.

»Cameraden,« sagte der Riese, »das Weibsbildchen schlich um den Eingang der Höhle her; ich hab sie gehascht und bringe sie. Was machen wir mit ihr?«

»Zuerst,« antwortete Pille-Trousse, »laß sie los; sie wird doch nicht uns alle Neun beißen.«

»Ah, vor dem Beißen fürcht ich mich nicht,« antwortete Franz lachend; »sie sieht selber anbeißerlich aus.«

Mitten im Kreise, wie ihm Pille-Trousse angedeutet hatte, ließ er das Mädchen los und trat dann rasch zurück.

Das Mädchen war jung und hübsch und schien der Kleidung nach der achtungswerthen Classe der Köchinnen eines guten Hauses anzugehören, sah sich ängstlich rund im Kreise um, zu erkennen, unter welcher Gesellschaft sie sich befinde, die ihr auf den ersten Blick wohl etwas gemischt vorkommen mochte.

Sie kam indeß nicht einmal rund herum in dem Kreise, als ihr Blick aus dem jüngsten und zierlichsten der Abenteurer ruhte.

»Herr Yvonnet,« rief sie, »um Gottes Willen schützet mich! vertheidigt mich!«

Zitternd umschlang sie zugleich den jungen Mann.

»Sieh, sieh,« sagte Yvonnet, »die Jungfer Gertrude!«

Er drückte das Mädchen an seine Brust, um sie zu beruhigen, und sagte:

»Nun, Ihr Herren, da werden wir ganz frische Nachrichten aus dem Schlosse Parcq erhalten, denn das schöne Kind kommt daher.«

Da die Nachrichten, welche Yvonnet durch den Mund Gertrudens ankündigte, alle Anwesenden im höchsten Grade interessierten, so gaben die Abenteurer für den Augenblick wenigstens, die Vorlesung ihres Gesellschaftsvertrages auf, traten um das junge Paar herum und warteten mit Ungeduld, daß Jungfer Gertrude sich so weit beruhigt haben werde, um sprechen zu können.




V.

Der Graf von Waldeck


Es vergingen noch einige Minuten: dann hatte sich Jungfer Gertrude durch das freundliche Zureden Yvonnet’s besänftigt und sie begann zu erzählen.

Da aber ihre Erzählung häufig bald durch einen Rest von Angst, bald durch die Fragen der Abenteurer unterbrochen wurde, so würde sie unseren Lesern keine hinreichende Deutlichkeit gewähren; wir wollen also an ihre Stelle treten und so kurz als wir es vermögen das tragische Ereigniß erzählen, welches das Mädchen gezwungen hatte, das Schloß Parcq zu verlassen und eine Zuflucht anderswo zu suchen, wobei sie unter die Abenteurer gerathen war.

Zwei Stunden nach der Entfernung Yvonnet’s, in dem Augenblicke als Jungfer Gertrude, ohne Zweifel etwas ermüdet von der nächtlichen Unterhaltung mit dem schönen Pariser, endlich sich entschloß, ihr Bett zu verlassen und zu ihrer Herrin hinunter zu gehen, die zum dritten Mal sie rufen ließ, trat der Sohn des Pächters, ein Bursche von sechzehn bis siebenzehn Jahren, Philipp mit Namen, ängstlich in das Zimmer der Dame und meldete ihr, es komme ein Haufe von vierzig oder fünfzig Mann, die den schwarzgelben Schärpen nach wohl zu dem Heere Carls V. gehören möchten, auf das Schloß zu, nachdem sie seinen Vater, der auf dem Felde gearbeitet, gefangengenommen hätten.

Philipp, der einige hundert Schritte von seinem Vater gearbeitet, hatte gesehen, wie der Anführer ihn erfaßt und dann an den Geberden der Soldaten und des Gefangenen errathen, daß von dem Schlosse die Rede sey. Er hatte sich meist kriechend bis an den Hohlweg geschlichen und weil er da nichts mehr habe sehen können, war er so schnell als möglich herbeigekommen, um der Herrin das Vorgegangene zu melden, damit sie noch Zeit habe sich zu etwas zu entschließen.

Die Frau vom Hause stand auf, trat an das Fenster und erblickte in der That die Soldaten etwa hundert Schritte von dem Schlosse; es mochten fünfzig Mann seyn, wie es Philipp gesagt hatte, mit etwa drei Anführern. Neben derer Pferde eines derselben ging der Pächter, dem die Hände auf den Rücken zusammengebunden waren; der Offizier, neben dem er ging, hielt das Ende des Strickes, damit der Mann nicht zu entfliehen suche oder, wenn er dies versuchte, damit er sogleich festgehalten werden könne.

Dieser Anblick war nichts weniger als beruhigend. Da indeß die Leute,– welche herankamen, die Reichsschärpe trugen; da ferner die drei Anführer Kronen auf dem Helmbusche und Wappen auf der Brust ihrer Harnische trugen; da der Herzog Emanuel Philibert sehr bestimmte Befehle in Bezug auf das Plündern gegeben hatte, da endlich eine Frau unmöglich durch die Flucht sich retten konnte; so war die Frau vom Hause entschlossen, die Ankommenden so gut als möglich zu empfangen. Sie verließ deshalb ihr Zimmer, ging die Treppe hinunter und erwartete sie als Zeichen der Ehre, die sie ihnen anthat, auf der ersten Stufe der Vortreppe.

Jungfer Gertrude indeß hatte sich bei dem Anblicke der Männer so sehr gefürchtet, daß sie nicht mit ihrer Herrin ging, wie es doch ihre Pflicht gewesen wäre, sondern sich an Philipp klammerte und ihn um Gottes Willen bat, ihr ein sicheres Versteck zu zeigen, in welchem sie sich so lange verborgen halten könnte, als die Soldaten im Schlosse blieben und wohin ihr Philipp von Zeit zu Zeit Nachricht von ihrer Herrin bringen möchte.

Obgleich Jungfer Gertrude an Philipp seit einiger Zeit sehr unfreundlich gehandelt hatte und dieser ihr Gleiches mit Gleichem zu vergelten sich vorgenommen hatte, wenn sie ihn brauche, weil er sich nicht erklären konnte, warum sie mit einem Male ein ganz anderes Benehmen gegen ihn angenommen hatte, war sie doch so schön, wenn sie sich fürchtete, und so verführerisch wenn sie bat, daß Philipp sich noch einmal erweichen ließ und sie in den Hof, aus dem Hof in den Garten führte und da in einer Grube versteckte, in welcher er und sein Vater das Werkzeug aufbewahrten.

Wahrscheinlich beschäftigten sich die Soldaten, welche die Absicht zu haben schienen das Schloß zu besehen, nur mit den Kellern und der Küche, suchten sie aber gewiß nicht da, wo sich höchstens etwas Wasser befand.

Gertrude hätte gewiß den Philipp gern bei sich behalten und Philipp wäre wahrscheinlich auch vorn Herzen gern bei Jungfer Gertrude geblieben, aber die Schöne war noch neugieriger als furchtsam, so daß der Wunsch, zu erfahren was verging, die Furcht allein zu bleiben überwog.

Der größeren Sicherheit wegen klappte übrigens Philipp die Thür über die Grube und schloß das Schloß daran zu, was Gertrude im Anfange gewaltig ängstigte, was sie aber nach reiflicher Ueberlegung endlich beruhigte.

Sie hielt den Athem an und horchte aufmerksam; anfangs hörte sie großes Geklirr von Waffen und Getrappel von Pferden, Geschrei und Gewieher, aber alles schien sich bald in dem Hofe zu sammeln.

Die Versteckte und Gefangene zitterte vor Ungeduld und verging fast vor Neugierde. Mehr als einmal versuchte sie die Thür aufzuheben. Wäre es ihr gelungen, so hätte sie gewiß auf die Gefahr hin, daß ihr etwas Unangenehmes dabei begegnete, zu hören versucht, was man spreche, oder zu sehen, was vorgehe.

Endlich hörte sie leise Tritte ihr näher kommen; der Schlüssel wurde in das Schloß gesteckt und die Thür langsam und bedächtig geöffnet, dann aber schnell wieder niedergelassen, nachdem Philipp hereingekommen war.

»Nun,« fragte Gertrude noch ehe die Thür ordentlich wieder zu war.

»Nun,« antwortete Philipp, des scheinen wirklich adelige Herren zu seyn, wie die gnädige Frau gleich erkannte, aber was für Herren, wenn Du sie fluchen und wettern hörtest, würdest Du sie für Heiden halten.«

»Mein Gott, was Du da sagst!« entgegnete das Mädchen ganz erschrocken.

»Es ist die reine Wahrheit, Jungfer Gertrude. Der Herr Caplan wollte ihnen Vorstellungen machen, aber sie antworteten, sie würden ihn an den Bäumen aufhängen, den Kopf nach unten und ihn hin und her zerren wie eine Glocke, die geläutet wird, und ihr Caplan scheint ein wahrer Heide zu sehn; auch trägt er einen gewaltigen Schnauzbart und flucht mit den Andern um die Wette.«

»Aber dann sind es ja keine ordentlichen adeligen Herren,« sagte Gertrude.

»Doch, doch, vom besten deutschen Adel. Sie schämten sich gar nicht ihre Namen zu sagen und das ist gewiß viel nach der Art, wie sie sich benehmen. Der Aelteste ist ein Mann von etwa fünfzig Jahren und er heißt Graf von Waldeck. Er befehligt vier tausend Reiter in dem Heere Sr. Majestät Carls V. Von den beiden Andern kann der Eine vier- bis fünfundzwanzig, der Zweite neunzehn bis zwanzig Jahre alt seyn und der Eine ist sein ehelicher, der andere ein unehelicher Sohn. Wie ich aber gesehen habe – man sagt, es wäre oft so – scheint er den ehelichen Sohn weniger zu lieben als den andern. Der erstere ist ein schöner Mann mit blassem Gesicht, großen braunen Augen und schwarzem Bart und Haar; auch glaube ich, daß sich mit dem ein verständiges Wort reden ließe. Anders ist es mit dem Bastard, der hat rothes Haar und wahre Eulenaugen Gertrude, der ist ein wahrer Teufel. Gott verhüte, daß Du dem in den Wurf kämest! Er sah die gnädige Frau an, so… mir lief’s kalt über den Rücken.«

»Wirklich?« fragte Jungfer Gertrude, die neugierig zu seyn schien, wie wohl ein Blick wäre, bei dem es Einem kalt über den Rücken läuft.

»Gewiß und wahrhaftig,« betheuerte Philipp, »da bin ich aber fortgegangen. Jetzt will ich mich wieder hinschleichen, um zu sehen was weiter geschieht; ich komme bald wieder und erzähle es Dir.«

»Ja, ja,« sagte Gertrude, »komm aber bald wieder und sieh Dich vor, daß Du kein Unglück nimmst.«

»Da kannst Du unbesorgt seyn, Gertrude,« antwortete Philipp, »ich zeige mich nicht anders als mit einer Flasche in jeder Hand und da ich weiß, wo im Keller die gute Sorte liegt, so meinen es die Spitzbuben sehr gut mit mir.«

Philipp ging wieder fort und schloß Gertrude von neuem ein, die nun reiflich darüber nachdachte, wie wohl die Augen aussehen möchten, die so schreckliche Blicke geben könnten.

Noch hatte sie sich die Sache nicht ganz erklären können, obgleich sie wohl eine Stunde darüber gesonnen, als ihr Bote und Freund von neuem erschien.

Einen Oelzweig brachte er indeß nicht mit. Der Graf von Waldeck und seine Söhne hatten durch Drohungen und Mißhandlungen die gnädige Frau gezwungen ihnen ihren Schmuck, ihr Silbergeschirr und alles Gold im Schlosse zu geben. Damit waren sie aber nicht zufrieden gewesen und die arme Frau war in dem Augenblicke, als sie die adeligen Räuber los zu seyn glaubte, ergriffen, geknebelt, an ihr Bett gelegt und in ihrem Zimmer eingesperrt worden, mit dem Versprechen, binnen zwei Stunden werde man das Schloß in Brand stecken, wenn sie bis dahin nicht zweihundert Rosenthaler aufgetrieben hätte.

Jungfer Gertrude beklagte gebührendermaßen das Schicksal ihrer Herrin, da sie aber die fraglichen zweihundert Rosenthaler nicht besaß, sie ihr also nicht leihen und damit sie nicht befreien konnte, so bemühte sie sich an etwas Anderes zu denken und fragte Philipp, was der schändliche Bastard Waldeck mit dem rothen Haar und den schrecklichen Augen mache.

Philipp antwortete, der Bastard sey eben daran sich zu betrinken, wobei ihn sein Vater getreulich unterstütze. Nur der junge Graf von Waldeck behalte unter den Schändlichkeiten so viel als möglich Kaltblütigkeit.

Jungfer Gertrude hatte sehr große Lust, mit eigenen Augen zu sehen, wie die Schändlichkeiten denn eigentlich beschaffen wären… Das Plündern kannte sie schon, denn sie hatte Thérouanne plündern sehen, aber die andern Schändlichkeiten!

Philipp erklärte ihr so gut als möglich was er meinte, nemlich daß die wilden Männer dasäßen, unmäßig tränken, äßen, schlechte Reden führten und namentlich sich ganz besonders gegen die Mädchen und Frauen benähmen, die ihnen in die Hände fielen.

Diese Schilderung erhöhte denn natürlich die Neugierde Gertrudens noch viel mehr. Sie bat deshalb Philipp, er möge sie herauslassen, nur auf zehn Minuten; dieser wiederholte aber so oft und so ernsthaft, daß sie ihr Leben aufs Spiel setze, wenn sie sich herauswage, daß sie sich endlich vornahm, doch lieber in ihrem Versteck zu bleiben und auf den dritten Besuch Philipps zu warten, um dann einen Entschluß zu fassen.

Dieser Entschluß war vor der Rückkunft Philipps gefaßt, nemlich mit Gewalt, wenn, es nicht anders gehe, aus dem Versteck zu flüchten, sich in das Schloß zu begeben, auf den geheimen Gängen hinzuschleichen und mit eigenen Augen zu sehen, was vorgehe, da denn jede Beschreibung, wie beredt sie auch seyn möge, immer hinter dem Beschriebenen zurückbleibe.

Sobald sie zum dritten Male den Schlüssel hörte, wollte sie hinauseilen, es mochte Philipps Meinung seyn oder nicht, aber als sie den jungen Mann sah, wich sie entsetzt zurück.

Philipp sah todtenbleich aus; sein Mund stammelte unzusammenhängende Worte und seine Augen hatten den stieren Ausdruck behalten, den das Entsetzen dem Blicke des Menschen gibt, welcher etwas Schauerliches, Grauenhaftes gesehen hat.

Gertrude wollte ihn fragen, aber sie fühlte sich von dem Entsetzen Philipps selbst eiskalt berührt; die Blässe Philipps ging auf ihr Gesicht über und sie wurde vor seinem Schweigen stumm.

Ohne etwas zu sagen, aber mit der Kraft des Entsetzens, dem Mancher nicht zu widerstehen versucht, ergriff er sie am Handgelenk und zog sie an die kleine Gartenthür, welche auf das Feld führte, während er stammelte:

»Todt… ermordet… erdolcht!«

Gertrude ließ sich führen; Philipp ließ sie einen Augenblick los, um die Thür des Gartens hinter ihnen zuzumachen; aber es war dies eine nutzlose Vorsicht, denn Niemand dachte, daran sie zu verfolgen.

Aber die Erschütterung, welche der arme Philipp erfahren hatte, war zu gewaltsam gewesen, als daß die Bewegung, in die sie ihn versetzt, hätte anhalten können. Nach fünf Minuten verließ ihn die Kraft, er sank athemlos nieder und murmelte rauh, wie ein Mann, den der Tod bereits erfaßt hat, die schrecklichen Worte, die einzigen, die er über die Zunge brachte:

»Todt… ermordet… erdolcht!«

Gertrude hatte sich da umgesehen, sie war nur etwa zweihundert Schritte von dem Waldsaume; sie kannte diesen Wald, sie kannte die Höhle darin, es war also ein doppelter Zufluchtsort. Uebrigens traf sie am Ende gar in der Höhle Yvonnet.

Zwar fühlte sie einigermaßen Gewissensbisse, daß sie den armen Philipp so am Rande eines Grabens in Ohnmacht liegen lasse, aber sie sah auch fünf bis sechs Reiter auf sich zukommen. Vielleicht gehörten diese zu den Leuten des Grafen Waldeck und sie hatte also gar keine Zeit zu verlieren, wenn sie ihnen entkommen wollte. Sie lief also nach dem Walde hin, ohne zurück zu sehen, sie lief wie gehetzt, bis sie das Gebüsch erreicht hatte; da erst blieb sie stehen, lehnte sich an einen Baum, um nicht zu fallen, und blickte ins Freie hinaus.

Die fünf oder sechs Reiter waren an der Stelle angekommen, wo sie den ohnmächtigen Philipp verlassen hatte. Sie hatten ihn aufgehoben, da er aber keinen Schritt gehen konnte, legte ihn einer quer vor sich über den Sattel und so jagten sie fort.

Uebrigens schienen die Leute nur gute Absichten zu haben und Gertrude fing an zu glauben, es hätte dem armen Philipp nichts Besseres geschehen können, als in solche Hände zu fallen, die so mitleidig zu seyn schienen.

Als Gertrude sich so über das Schicksal ihres Begleiters beruhigt, auch sich etwas erholt hatte und zu Athem gekommen war, lief sie weiter in der Richtung hin, in welcher sie die Höhle zu finden glaubte, aber der Kopf war ihr so wüst, daß ihre Augen nicht auf die Zeichen merkten, die sie sonst auf ihrem Gange leiteten. Sie verirrte sich also und erst nach einer Stunde kam sie zufällig oder aus Instinkt in die Nähe der Höhle, wo Franz Scharfenstein sie ergriff.

Das Uebrige erräth man: Franz streckte einen Arm aus, den er um Gertrude legte, mit der andern Hand hielt er ihr den Mund zu, dann hob er das Mädchen leicht auf, trug sie in die Höhle und setzte sie dann erschrocken mitten unter den Abenteurern nieder, denen sie, durch freundliche Worte Yvonnet’s beruhigt, das erzählte, was wir eben den Lesern mitgetheilt haben und was von den Zuhörern mit einem Schrei des Unwillens aufgenommen wurde.

Aber, man irre sich nicht, dieser Unwille hatte eine selbstsüchtige Quelle. Die Abenteurer fühlten sich keineswegs durch den Mangel an Moral empört, welchen die Plünderer in dem Schlosse Parcq bewiesen hatten; nein, sondern darüber, daß Graf Waldeck mit seinen Söhnen das Schloß früh ausgeraubt hatte, welches sie Abends hatten plündern wollen.

Dieser Unwille sprach sich in lauten Verwünschungen aus, denen dann der einmüthig gefaßte Beschluß folgte, auf Entdeckung auszugehen und zuzusehen, was draußen geschehe, sowohl nach der Seite hin, nach welcher man Philipp gebracht, als auch in der Gegend des Schlosses, in welcher das Drama gespielt, welches Gertrude mit aller Beredsamkeit und Energie der Angst beschrieben hatte.

Der Unwille schloß indeß bei den Abenteurern die Vorsicht nicht aus. So beschlossen sie denn ein Zuverlässiger und Gutwilliger solle vorher den Wald durchsuchen und dann den Andern Bericht erstatten. Je nach den Aussichten auf Sicherheit oder Unsicherheit, welche diese Musterung gäbe, wollte man handeln.

Yvonnet erbot sich die Durchsuchung des Waldes zu übernehmen. Auch war er allerdings am geeignetsten dazu, denn er kannte den Wald genau und war gewandt wie ein Reh und schlau wie ein Fuchs.

Gertrude protestirte laut dagegen, daß ihr Geliebter einen so gefährlichen Auftrag übernehme, aber man machte ihr mit sehr wenigen Worten begreiflich, daß sie die Zeit übel wähle, um Liebesbesorgnisse in einer Gesellschaft zu äußern, die an dergleichen Zartheiten und Zärtlichkeiten nicht gewöhnt sey. Sie war denn auch im Grunde ein sehr verständiges Mädchen und beruhigte sich, da sie sah, daß ihre Klagen und Thränen nicht nur nichts nützten, sondern am Ende gar für sie schlecht ablaufen könnten. Auch setzte ihr Yvonnet heimlich auseinander, die Geliebte eines Abenteurers dürfe nicht so reizbar und empfindlich seyn wie eine Romanprinzessin, dann übergab er sie den Händen seines Freundes Fracasso, unter der besondern Obhut der beiden Scharfenstein, und verließ die Höhle, um den wichtigen Auftrag auszuführen, den er übernommen hatte.

Nach zehn Minuten war er zurück.

Der Wald war vollkommen frei und schien durchaus keine Gefahr zu bieten.

Da die Neugierde der Abenteurer in der Höhle durch die Erzählung der Jungfer Gertrude fast so gereizt worden war, wie die Gertrude’s durch die Erzählung Philipps und der vielerprobte Lanzknecht schicklicherweise nicht dieselben Gründe zur Vorsicht haben konnte wie ein schönes schüchternes junges Mädchen, so verließen sie die Höhle und ließen den Gesellschaftsvertrag Procops unter der Bewachung der Erdgeister, forderten Yvonnet auf, sich an ihre Spitze zu stellen, und gingen unter seiner Führung nach dem Waldsaume zu, freilich nicht ohne daß ein Jeder sich vorher überzeugt hatte, daß sein Schwert oder Dolch in der Scheide nicht eingerostet sey.




VI.

Der Richter


In dem Maße wie die Abenteurer sich der Spitze des Waldes näherten, die sich wie eine Lanzenspitze bis eine Viertelstunde von Hesdin vorschob und die unsern Lesern bereits bekannten Becken der Ebene trennte, folgte dem Hochwalde dichtes Unterholz, das, weil die Bäume da nahe neben einander standen und ihre Zweige in einander flochten, die Sicherheit derer mehrte, welche sich in seinem Schatten bargen. Die kleine Schaar gelangte also an den Waldsaum ohne von einem lebendigen Wesen gesehen worden zu seyn.

Etwa fünfzehn Schritte von dem Graben, welcher den Wald von der Ebene trennte und um den Weg herumging, auf welchen wir die Aufmerksamkeit der Leser schon im ersten Capitel dieses Buches gelenkt haben und der eine Verbindung zwischen dem Schloß Parcq, dem Lager des Kaisers und den benachbarten Dörfern bildete, blieben unsere Abenteurer stehen.

Der Ort war dazu auch gut gewählt; eine riesige Eiche, die mit einigen ähnlichen Bäumen geblieben war, um anzudeuten, welche Riesen sonst da gestanden hatten, breitete ihren buschigen Wipfel über ihre Köpfe aus, während sie, sobald sie einige Schritte thaten, über die Ebene hinblicken konnten, ohne gesehen zu werden.

Alle erhoben sich gleichzeitig zu dem mächtigen hundertjährigen Baume. Yvonnet errieth, was man noch von ihm erwartete, er nickte deshalb zustimmend, ließ sich die Schreibtafel Fracasso’s geben, in welcher sich ein einziges reines Papierblatt befand, das ihm der Dichter mit der Empfehlung zeigte, die andern zu schonen, da auf ihnen seine dichterischen Ereignisse ruhten. Er lehnte einen der beiden Scharfenstein an den Baumstamm, den er mit seinen Armen nicht umfassen konnte, stieg in die zusammengehaltenen Hände des Riesen, von den Händen ihm auf die Achseln, von diesen zu den ersten Zweigen des Baumes und im nächsten Augenblicke ritt er auf einem der gewaltigen Aeste so sicher und bequem wie ein Matrose auf der Rat eines Mastes.

Gertrude hatte ihm bei diesem Kletterwerke ängstlich nachgesehen, aber auch, bereits gelernt ihre Besorgnisse bei sich zu behalten und ihr lautes Schreien zu unterdrücken. Als sie überdies die Gewandtheit bemerkte, mit welcher sich Yvonnet auf den Ast geschwungen hatte, und die Leichtigkeit, mit welcher er nach rechts und links blickte, überredete sie sich, daß er gar nicht in Gefahr sey.

Yvonnet, welcher die Hand als Schirm über die Augen hielt und so bald nach Norden bald nach Süden sah, schien übrigens auf beiden Seiten gleich Beachtenswürdiges zu bemerken.

Sein öfteres Hinüber- und Herüberblicken erregte die Neugierde der Abenteurer sehr, welche unten in dem dichten Gebüsche nichts von dem erblicken konnten, was Yvonnet von seinem hohen Sitzpunkte sah. Auch begriff Yvonnet ihre Ungeduld, da sie ihn so fragend ansahen, ja leise zu fragen wagten: »Aber was gibt es denn?«

Zu den Ungeduldigsten, das läßt sich nicht läugnen, gehörte Jungfer Gertrude.

Yvonnet, gab endlich seinen Gefährten zu verstehen, daß sie nach wenigen Minuten so viel wissen sollten als er. Er öffnete die Schreibtafel Fracasso’s, riß das letzte weiße Blatt heraus, schrieb darauf mit Bleistift einige Zeilen, rollte dann das Papier zusammen, damit es nicht hinwegfliege, und ließ es hinunterfallen.

Alle Hände streckten sich darnach aus, auch die weißen, kleinen Hände Gertrudens, aber es gelangte in die tüchtigen Fäuste des Franz Scharfenstein.

Der Riese lachte über sein Glück, gab aber das Papier seinem Nachbar und sagte:

»Du, Procop, lesen kann ich wenig, französisch gar nicht.«

Procop, der so neugierig war wie die Andern, rollte das Blättchen auseinander, und las unter allgemeiner Aufmerksamkeit:

»Das Schloß Parcq steht in Feuer.

»Der Graf Waldeck, seine beiden Söhne und vierzig Reiter sind wieder aufgebrochen und kommen auf dem Wege her, der von Parcq nach dem Lager führt.

»Sie sind etwa zweihundert Schritte von unserer Waldspitze fern.

»Das zur Rechten.

»Eine andere kleine Schaar kommt dagegen auf dem Wege vom Lager nach dem Schlosse zu.

»Sie besteht aus sieben Mann, einem Vornehmen, einem Knappen, einem Pagen und vier Soldaten.

»So viel ich von hier aus erkennen kann, ist der Vornehme der Herzog Emmanuel Philibert.

»Seine Schaar ist ungefähr eben so weit auf unserer Linken entfernt als die des Grafen Waldeck auf der Rechten.

»Wenn Beide in gleichem Schritte sich bewegen, müssen sie gerade an der Waldecke einander begegnen.

»Wenn der Herzog Emanuel, wie es wahrscheinlich ist, durch Philipp Nachricht von dem erhalten hat, was im Schlosse geschehen ist, so können wir etwas Merkwürdiges zu sehen bekommen.

»Achtung, Cameraden, – es ist der Herzog!«

Damit endete das Billet Yvonnet’s, aber es ließ sich schwerlich mehr in so wenigen Worten sagen und einfacher ein Schauspiel versprechen, das in der That sehr sehenswürdig seyn mußte, wenn der Abenteurer sich in den Personen und deren Absichten nicht täuschte.

Alle schlichen sich denn auch vorsichtig an den Waldsaum, um unter so wenig Gefahr und so bequem als möglich das Schauspiel mit anzusehen, das ihnen Yvonnet versprochen hatte.

Wenn der Leser dem Beispiele unserer Abenteurer folgen will, so kümmern wir uns nicht um den Grafen von Waldeck und dessen Söhne, die wir bereits aus der Beschreibung Gertrudens kennen, sondern schlüpfen ebenfalls an den linken Waldsaum und achten auf die neue Person, die uns Yvonnet angekündigt hat und die keine geringere ist als der Held unserer Geschichte.

Yvonnet hatte sich nicht geirrt. Der Herr, welcher zwischen seinem Pagen und Knappen herankam und vor dem, als gelte es eine einfache Patrouille, nur vier Bewaffnete ritten, war in der That der Herzog Emanuel Philibert, Oberbefehlshaber des Kaisers Carl  V. in den Niederlanden.

Er war um so leichter zu erkennen, als er seiner Gewohnheit gemäß seinen Helm nicht auf dem Kopfe trug, sondern an der linken Seite seines Sattels hängen hatte, wie er es fast immer that, im Sonnenschein und Regen, ja bisweilen sogar in der Schlacht, weshalb denn auch die Soldaten ihn seiner Unempfindlichkeit gegen die Witterung wegen Eisenkopf genannt hatten.

In der Zeit, in welcher wir uns befinden, war er ein schöner junger Mann von siebenundzwanzig Jahren, von mittlerer aber kräftiger Gestalt, mit sehr kurz geschnittenen Haar, hoher und freier Stirn, braunen schön geformten Augenbrauen, lebhaften blauen Augen, gerader Nase, vollem Schnurrbart, spitz geschnittenem Kinnbart und einem Halse, der etwas tief zwischen den Achseln saß, wie es fast bei allen Nachkommen kriegerischer Geschlechter der Fall ist, deren Vorfahren seit mehren Generationen den Helm getragen haben.

Wenn er sprach, war seine Stimme zu gleicher Zeit unendlich sanft und auffallend fest. Seltsam! Sie konnte sich zur heftigsten Drohung erheben, ohne um einen Ton höher zu werden.

Die Folge davon war, daß nur die Personen, die ihn ganz genau kannten, die Gefahr errathen konnten, welcher die Unvorsichtigen sich aussetzten, welche seinen Zorn weckten und die ihm trotzten, jenen Zorn, den er so fest in sich niederhielt, daß man die Stärke dessen nur dann erkennen und seinen Umfang ermessen konnte, wenn er, nach einem Blitze in seinen Augen, wie der Blitz losbrach, donnerte und zermalmte. Wie aber auch, nachdem der Blitz gefallen ist, das Gewitter sich verzieht und das Wetter sich wieder aufklärt, so erhielt nach dem Losbruche des Zornes das Gesicht des Herzogs seine gewöhnliche Ruhe wieder, sein Auge den festen wilden Blick und sein Mund das wohlwollende königliche Lächeln.

Der Knappe der zu seiner Rechten ritt und das Visir aufgeschlagen hatte, war ein blonder junger Mann etwa von demselben Alter und genau von derselben Größe wie der Herzog. Alles an ihm zeugte von ungewöhnlicher Körperkraft: seine hellblauen stolzen Augen, sein voller Bart von röthlicher Farbe, seine Nase mit den weiten Löchern, seine Lippen, deren Fülle und Röthe der Bart nicht bergen konnte, die rothbraune Farbe des Gesichts, eine Folge des Wetters und der Gesundheit. Nicht an der Seite, sondern auf dem Rücken trug er eines jener fürchterlichen Schwerter, die mit beiden Händen gefaßt werden mußten, deren Franz I. drei in der Schlacht von Marignan zerhieb und die man ihrer Länge wegen über die Achsel hing, während sich am Sattelbogen eines der Schlachtbeile oder eine der Streitäxte befand, welche an der einen Seite eine Schneide, an der andern eine Keule und an der Spitze ein scharfes, dreieckiges Eisen hatten, so daß man mit dieser Maße allein, je nach Gelegenheit spalten konnte wie mit einem Beile, daraufschlagen wie mit einem Hammer und durchbohren wie mit einem Dolche.

Links von dem Herzoge ritt sein Page, ein schöner Jüngling von kaum sechzehn oder achtzehn Jahren mit blauschwarzem Haar, das deutsch geschnitten war, so wie es die Ritter Holbeins und die Engel Raphaels tragen. Seine Augen, die von langen Sammtwimpern beschattet wurden, hatten jene unbeschreibliche und unbenennbare Farbe zwischen Braun und Violett, welche man nur an arabischen und an sicilianischen Augen findet. Seine mattweiße Gesichtsfarbe – jenes eigenthümliche schöne Mattweiß in den nördlichen Theilen der italienischen Halbinsel – glich der Farbe des carrarischen Marmors, der lange und liebreich von der römischen Sonne geküßt worden ist. Seine kleinen schmalen weißen Hände lenkten mit bemerkenswerther Geschicklichkeit ein kleines tunesisches Pferd, das keinen Sattel, sondern nur einen Sitz von Leopardenfell mit Glasaugen und Zähnen wie Klauen von Gold und statt des Zügels eine leichte seidene Schnur hatte. Die einfache aber zierliche Kleidung des Pagen bestand in einem Wamms von schwarzem Sammt, das sich über einem kirschrothen Koller öffnete, mit weißen Atlaspuffen, um den Leib durch eine goldene Schnur zusammengehalten, welche einen Dolch trug, dessen Griff aus einem einzigen Achatstück geschnitzt war. Sein zierlich geformter Fuß befand sich in einem Stiefel von Maroquin, in dessen oberem Theile, in der Gegend der Knie, eine Hose von schwarzem Summt gleich dem des Wammses sich verlor. Auf dem Kopfe endlich trug er ein Baret von demselben Stoffe und derselben Farbe wie die Kleidung und um das sich, über der Stirn durch eine Diamantagraffe festgehalten, eine kirschrothe Feder legte, deren in jedem Windhauche sich bewegende Spitze anmuthig zwischen den beiden Schultern niederfiel.

Nachdem wir so die neu auftretenden Personen geschildert haben, können wir zu der Handlung zurückkehren, die wir unterdeß aus den Augen verloren haben.

Während unserer Beschreibung setzten der Herzog Emanuel Philibert, dessen zwei Begleiter und vier Soldaten den Weg fort, ohne den Schritt ihrer Pferde zu beschleunigen noch anzuhalten. Je mehr sie sich aber der Waldecke näherten, um so mehr verdüsterte sich das Gesicht des Herzogs, als habe er im voraus das Schauspiel der Verwüstung erwartet, das sich seinen Augen darbieten sollte, sobald sie über die Waldecke hinausgekommen seyn würden. Mit einem Male befanden sich, wie Yvonnet es vorausgesehen hatte, an der äußersten Ecke die beiden Trupps einander gegenüber und merkwürdiger Weise hielt der zahlreichste an, übermannt von Ueberraschung, in welche sich sichtlich auch einige Furcht mischte.

Emanuel Philibert dagegen verrieth das, was in ihm vorgehen mochte, weder durch ein Zucken seines Körpers, noch durch eine Geberde seiner Hand, noch durch eine Bewegung in seinem Gesichte, sondern ritt gerade auf den Grafen von Waldeck zu, der ihn zwischen seinen beiden Söhnen erwartete.

Zehn Schritte von dem Grafen winkte Emanuel seinem Knappem seinem Pagen und seinen Reitern, die mit militärischer Regelmäßigkeit hielten und ihn allein den Weg fortsetzen ließen.

Als er so weit herangekommen war, daß er den jungen Grafen von Waldeck mit der Hand erreichen konnte, der wie eine Mauer zwischen ihm und seinem Vater hielt, machte der Herzog ebenfalls Halt.

Die drei Herren legten zum Zeichen des Grußes die Hand an den Helm, der Bastard von Waldeck aber ließ dabei zugleich das Visir herab, um auf jedes Ereigniß gefaßt zu seyn.

Der Herzog antwortete auf den dreifachen Gruß nur durch ein leichtes Nicken seines bloßen Kopfes.

Dann wendete er sich an den jungen Grafen und sagte mit dem herzgewinnenden Tone, der seine Stimme so wohlgefällig machte:

»Herr Graf, Ihr seyd ein tapferer und würdiger Edelmann, wie sie mein hoher Herr, der Kaiser Carl  V. liebt. Lange schon gedachte ich etwas für Euch zu thun; vor einer Viertelstunde bot sich eine Gelegenheit dazu, und ich benützte sie. Ich empfing soeben die Nachricht, daß ein Fähnlein von hundert Lanzen, das auf Befehl des Kaisers am linken Rheinufer zusammengebracht worden ist, in Speier steht; ich ernenne Euch zum Capitän desselben.«

»Gnädigster Herr,« stammelte der junge Mann erstaunt und freudig erröthend.

»Hier ist das Patent, von mir unterzeichnet und mit dem Reichssiegel bedruckt,« fuhr der Herzog fort, indem er von der Brust ein Pergament nahm, das er dem jungen Grafen reichte, »nehmt es und brecht augenblicklich ohne allen Verzug auf. Wir ziehen wahrscheinlich bald wieder in das Feld; ich werde Euch und eure Leute brauchen. Herr Graf, zeigt Euch der Gunst würdig, die Euch geschehen ist, und Gott behüte Euch!«

Die Gunst war in der That groß, auch gehorchte der junge Mann, ohne ein Wort einzuwenden, dem Befehle, den er erhalten hatte, verabschiedete sich von seinem Vater und seinem Bruder und sagte dann zu Emanuel:

»Gnädigster Herr, Ihr seyd in der That ein Richter, wie man Euch nennt, ein Richter für das Gute und das Schlechte. Ihr vertrauet mir, und euer Vertrauen wird gerechtfertigt werden. Gehabt Euch wohl!«

Der junge Graf setzte sein Pferd in Galopp und verschwand hinter der Waldecke.

Emanuel Philibert sah ihm nach, bis er ihn ganz aus den Augen verloren hattet dann richtete er einen strengen Blick auf den Grafen von Waldeck und sagte:

»Nun zu Euch, Herr Graf.«

»Gnädiger Herr,« unterbrach ihn der Graf, »erlaubt mir zuerst meinen Dank für die Gunst auszusprechen, die Ihr meinem Sohne erwiesen habt.«

»Sie verdient keinen Dank,« antwortete Emanuel kalt, »weil er derselben vollkommen würdig ist; Ihr habt aber gehört, daß er mich einen Richter im Guten und Bösen nannte; übergeht mir euren Degen, Herr Graf.«

»Meinen Degen? Und warum?«

»Ihr wißt, daß ich den Soldaten bei Ruthenstrafe oder Galgen, den Führern bei Gefängniß Rauben und Plündern verboten habe. Ihr habt gegen mein Verbot gehandelt, indem Ihr trotz den Vorstellungen eures ältesten Sohnes mit Gewalt in das Schloß Parcq eingedrungen seyd und das Gold, die Juwelen und das Silbergeschirr der Dame darin geraubt habt. Ihr seyd ein Dieb und Räuber, – übergeht mir euern Degen, Graf von Waldeck!«

Der Herzog hatte diese Worte gesprochen, ohne daß der Ton seiner Stimme erkenntlich sich veränderte; nur der Knappe und der Page sahen einander besorgt an, denn sie erriethen, was geschehen werde.

Der Graf von Waldeck erbleichte, aber, wie gesagt, es war für einen Fremden schwer, am Tone der Stimme Emanuel Philiberts genau zu erkennen, zu welchem Grade der Drohung sein Zorn gestiegen.

»Meinen Degen?« wiederholte Waldeck. »Wahrscheinlich habe ich etwas Anderes noch begangen, denn um so wenig wird einem Edelmanne der Degen nicht abgefordert.«

Und er versuchte verächtlich zu lachen.

»Ja,« antwortete Emanuel, »Ihr habt noch etwas Anderes begangen, aber ich schwieg darüber zur Ehre des deutschen Adels. Ihr wollet, daß ich rede, wohl, so hört: als Ihr das Gold, die Juwelen, das Silbergeschirr geraubt hattet, genügte das Euch nicht; Ihr ließet die Frau vom Hause am Fuße ihres Bettes anbinden und sagtet zu ihr: wenn Ihr mir nicht binnen zwei Stunden zweihundert Rosenobels übergeben habt, lasse ich das Schloß anzünden. Da Euch die arme Frau Alles gegeben hatte, was sie besaß, so war es ihr völlig unmöglich Euch die verlangten zweihundert Rosenobels zu geben; und Ihr ließet, trotz den Bitten eures ältesten Sohnes, das Pachthaus in Brand stecken, damit das unglückliche Opfer Zeit zum Nachdenken habe, ehe die Flammen das Schloß selbst ergriffen. Und Ihr werdet, das nicht läugnen, – man sieht von hier die Flammen und den Rauch. Ihr seyd Brandstifter, – übergebt mir euren Degen, Graf Waldeck.«

Der Graf knirschte mit den Zähnen, denn er begann zu errathen, welche feste Entschlossenheit in den so ruhigen, gemessenen Worten des Herzogs lag.

»Da Ihr über den Anfang so genau unterrichtet seyd,« sagte er, »werdet Ihr ohne Zweifel auch das Ende kennen.«

»Ihr habt Recht, ich weiß alles und ich sagte nicht alles, weil ich Euch – den Strick ersparen wollte.«

»Durchlaucht!« rief Waldeck in drohendem Tone.

»Schweigt!« gebot Emanuel Philibert, »achtet euern Ankläger und zittert vor eurem Richter. Auch das Ende will ich Euch nun vorhalten. Bei dem Anblicke der Flammen, die emporstiegen, trat euer Bastard, der den Schlüssel hatte, in das Gemach, in welchem die Gefangene gebunden lag. Die Unglückliche hatte nicht geschrien, als sie die Flammen gesehen, da ihr diese doch nur den Tod bringen konnten, sie schrie aber, als sie euern Bastard eintreten sah und er sie in die Arme nahm, denn ihr drohte Entehrung. Auf ihr Hilfegeschrei kam euer ältester Sohn herbei; er forderte seinen Bruder auf die Frau loszulassen, er hörte aber auf den Ruf der Ehre nicht, sondern warf die Frau gebunden auf das Bett und zog seinen Degen. Euer ältester Sohn zog den seinigen ebenfalls, da er entschlossen war, die Frau mit Gefahr seines eigenen Lebens zu retten. Die beiden Brüder griffen einander mit Ungestüm an, denn sie haßten einander schon lange. Da tratet Ihr selbst ein und da Ihr wähntet, eure Söhne kämpften um den Besitz der Frau, sagtet Ihr: » Das schönste Weib auf Erden ist nicht einen Tropfen Blutes aus den Adern eines Kriegers werth; legt die Waffen nieder, Jungen, ich werde Euch vereinigen.« Die Sühne senkten die Waffen; Ihr ginget an ihnen vorbei und beide sahen Euch nach, denn sie wußten nicht, was Ihr thun wolltet. Ihr tratet zu der Frau, die gefesselt auf dem Bette lag, und ehe einer von euren Söhnen Zeit hatte die schmachvolle Handlung zu verhindern, stießet Ihr ihr den Dolch in die Brust. Sagt nicht, es sey nicht also gewesen, denn euer Dolch ist noch feucht und eure Hände sind noch vom Blute geröthet; Ihr seyd ein Mörder, – übergeht euren Degen, Graf Waldeck!«

»Das ist leicht gesagt, Durchlaucht,« antwortete der Graf, »aber ein Graf von Waldeck würde Euch, Ihr mögts eine Krone tragen oder nicht, seinen Degen nicht übergeben, wäre er auch allein gegen Sieben; ich werde es also um so weniger thun, da ich meinen Sohn neben mir und vierzig Reiter hinter mir habe.«

»Wenn Ihr mir den Degen nicht gutwillig geben wollet, antwortete Emanuel mit geringer Veränderung im Tone, »so werde ich ihn mit Gewalt nehmen müssen.«

Er ließ sein Pferd einen Satz thun und befand sich nun dicht neben dem Grafen.

Dieser wurde von dem Pferde des Herzogs zu sehr beengt, als daß er hätte den Degen ziehen können, und er griff deshalb nach den Holftern, aber ehe er den Knopf aufgemacht hatte, der sie schloß, hatte Emanuel in die seinige gegriffen und ein Pistol hervorgezogen.

Die Bewegung erfolgte so blitzschnell, daß sie weder von dem Bastard des Grafen von Waldeck, noch von dem Knappen oder Pagen des Herzogs gehindert werden konnte. Emanuel Philibert drückte mit ruhiger und sicherer Hand das Pistol so nahe an dem Grafen ab, daß das brennende Pulver diesem das Gesicht verbrannte, während ihm die Kugel den Kopf zertrümmerte.

Der Graf konnte kaum einen Schrei ausstoßen; er breitete nur die Arme aus, sank langsam rücklings auf das Pferd, verlor den linken, dann den rechten Steigbügel und fiel dann schwer herunter.

Der Richter hatte gerichtet; der Graf war auf der Stelle todt.

Während des Vorgehenden hatte der Bastard von Waldeck in voller Rüstung unbeweglich da gehalten wie eine Reiterstatue, als er aber den Schuß hörte, als er seinen Vater fallen sah, stieß er einen Wuthschrei aus; dann rief er den erschrockenen Reitern zu:

»Cameraden zu mir! der Mann ist kein Deutscher. Nieder mit dem Herzog Emanuel!«

Die Reiter aber hielten ruhig und schüttelten nur den Kopf.

»Ah,« schrie da der Bastard, dessen Zorn höher und höher stieg, »Ihr weigert Euch den zu rächen, der Euch wie seine Kinder liebte und Euch mit Beute belud! Wohl, da Ihr feige Memmen und undankbar seyd, werde ich ihn rächen.«

Er zog sein Schwert, um sich auf den Herzog zu stürzen, zwei Reiter aber jagten zu ihm und faßten zu beiden Seiten den Zügel, während ein Dritter ihn selbst festhielt.

Er sträubte sich und überschüttete seine Gegner mit Schimpfworten.

Der Herzog sah mit Bedauern zu; er begriff die Verzweiflung des Sohnes, der seinen Vater zu seinen Füßen hatte fallen sehen.

»Durchlaucht,« fragten die Reiter, »was soll mit dem Mann geschehen?«

»Lasset ihn frei,« antwortete der Herzog, »wenn ich ihn verhaften ließe, da er mich bedroht hat, könnte er glauben, ich fürchte mich.«

Die Reiter entwanden dem Bastard das Schwert und ließen ihn los.

Er spornte sein Pferd heftig, daß es in einem gewaltigen Satze bis dicht an Emanuel Philibert flog.

Dieser hatte die Hand an dem zweiten Pistol und erwartete ihn so.

»Emanuel Philibert, Herzog von Savoyen, Fürst von Piemont,« rief der Bastard von Waldeck indem er drohend die Hand nach ihm ausstreckte, »Du verstehst wohl, daß von heute an Todfeindschaft zwischen Dir und mir besteht? Emanuel Philibert, Du hast meinen Vater getödtet,« – er schlug das Visir seines Helmes auf – »betrachte mein Gesicht genau; so oft Du es sehen wirst, in der Nacht oder am Tage bei einem Feste oder im Kampfe… Wehe, Wehe Dir, Emanuel Philibert!«

Er riß darauf sein Pferd herum, jagte im Galopp davon, schüttelte seine Hand, als wolle er noch einen Fluch gegen den Herzog schleudern und rief zum legten Male:

»Wehe!«

»Elender!« brummte der Knappe Emanuels, indem er seinem Pferde die Sporen gab, um ihn zu verfolgen; der Herzog machte aber eine gebieterische Bewegung mit der Hand und sagte:

»Keinen Schritt weiter, Scianca-Ferro! Ich verbiete es!«

Er wendete sich dann zu dem Pagen, der todtenbleich auf dem Pferde saß, als müsse er herunter fallen.

»Was ist das, Leon?« fragte er, indem er ihm die Hand reichte, »wahrhaftig, ich könnte Dich für ein Mädchen halten, wenn ich Dich so bleich und zitternd neben mir sehe.«

»Ach, theurer Herzog,« antwortete der Page, »sagt mir, daß Ihr nicht verwundet seyd, oder ich sterbe.«

»Kind, « entgegnete der Herzog, »stehe ich nicht in Gottes Hand?«

Zu den Reitern sagte er, indem er auf den todten Grafen zeigte:

»Freunde, gebt dem Manne ein christliches Begräbniß und möge die Gerechtigkeit, die ich an ihm geübt habe, Euch als Beweis dienen, daß es in meinen Augen wie in den Augen Gottes weder Große noch Kleine gibt.«

Er winkte Scianca-Ferro und Leon und kehrte mit ihnen nach dem Lager zurück, ohne daß sich in seinem Gesichte eine andere Spur von dem schrecklichen Ereignisse, das geschehen war, zeigte, als die gewöhnliche Runzel auf seiner Stirn, die sich nur ein wenig tiefer gegraben zu haben schien.




VII.

Geschichte und Roman


Während die Abenteurer, die ungesehen Zeugen der Katastrophe gewesen, welche wir geschildert, mit einem traurigen Blicke auf die rauchenden Trümmer des Schlosses Parcq in ihre Höhle zurückkehren, um die letzte Hand an den Gesellschaftsvertrag zu legen, der zwar vor der Hand nutzlos geworden ist, aber in Zukunft den Verbündeten doch die wunderbarsten Früchte tragen kann; während auf der andern Seite die Retter auf den Befehl oder vielmehr aus die Empfehlung ihrem ehemaligen Anführer ein christliches Begräbnis zu gewähren, in einem Winkel des Friedhofes von Hesdin das Grab dessen gruben, welcher die Strafe für sein Verbrechen auf der Erde empfangen hat und nun auf die göttliche Barmherzigkeit hofft; während endlich Philibert Emanuel zwischen seinem Knappen Scianca-Ferro und seinem Pagen Leon nach seinem Zelte zurückkehrt, wollen wir Alles das, was nur Prolog war, die Inscenesetzung und die untergeordneten Personen unseres Dramas bei Seite setzen, uns mit der Wirklichkeit und den Hauptpersonen beschäftigen, welche hervorgetreten sind, und um – die Leser gründlicher mit den Charakteren bekannt zu machen, – einen historisch-romantischen Ausflug oder Abstecher in die Vergangenheit machen, jenes glänzende Reich des Dichters und Geschichtschreibers, das ihnen keine Revolution entziehen kann.

Emanuel Philibert, der dritte Sohn Carls III., des Gütigen, und der Beatrice von Portugal, wurde am 8. Juli 1528 in dem Schlosse zu Chambéry geboren.

Er empfing einen doppelten Namen: Emanuel zu Ehren seines mütterlichen Ahns, Emanuel, Königs von Portugal, und Philibert in Folge eines Gelübdes, welches sein Vater dem heiligen Philibert von Tours gethan hatte. Er wurde um vier Uhr Nachmittags geboren und erschien an der Pforte des Lebens so schwächlich, daß der Athem des Kindes nur durch den Hauch erhalten wurde, den ihm eine der Frauen seiner Mutter einblies und daß er bis zum dritten Jahre den Kopf nicht emporrichten, auch nicht sich auf den Füßen erheben konnte.

Als das Horoskop, das damals bei der Geburt jedes Prinzen gestellt wurde, verkündete, der eben Geborene werde ein großer Kriegsheld werden und dem Hause Savoyen einen größern Glanz geben, als vorher Peter, genannt der kleine Carl der Große, oder Amadeus V., genannt der Große, oder Amadeus VI., genannt der grüne Graf, konnte seine Mutter die Thränen nicht unterdrücken, während sein Vater, ein frommer, gottergebener Mann, kopfschüttelnd und zweifelnd zu dem Astrologen sagte, welcher ihm diese Prophezeiung brachte:

		»Gott erhöre Euch, guter Freund!«

Emanuel Philibert war durch seine Mutter, Beatrice von Portugal, die schönste und gebildetste Fürstin ihrer Zeit, der Neffe Carls V., und durch seine Taute, Louise von Savoyen, unter deren Bett der Connétable von Bourbon sein Heiligen-Geist-Ordensband gelassen haben sollte, der Vetter Franz I.

Seine Tante war auch die geistreiche Margaretha von Oesterreich, welche ein Heft eigenhändig geschriebener Lieder hinterlassen hat, die man heute noch in der kaiserlichen Bibliothek in Paris sehen kann, und welche im Sturme unterwegs nach Spanien, wo sie sich mit dem Infanten, dem Sohne Ferdinands und Isabellens, vermählen sollte, nachdem sie mit dem Dauphin von Frankreich und dem Könige von England verlobt gewesen war, die seltsame Grabschrift für sich schrieb, weil sie glaubte, ihr Ende sey gekommen:

		»Weinet, weinet, Liebesgötter, über die schöne Margarethe,
		Die dreimal verlobt war und als Jungfrau starb.

Emanuel Philibert war, wie gesagt, so schwächlich, daß ihn sein Vater trotz der Prophezeiung, die einen gewaltigen Kriegsmann in ihm sah, für die Kirche bestimmte. Im Alter von drei Jahren schon wurde er nach Bologna gesandt, damit er den Fuß des Papstes Clemens VII. küsse, welcher seinem Oheim, dem Kaiser Carl  V., die Krone gegeben hatte, auf dessen Empfehlung der junge Prinz von dem Papste den Cardinalshut zugesagt erhielt. Daher der Name Cardinälchen, den man ihm als Kind gab und der ihn gewaltig aufbrachte, denn er wollte viel lieber ein großer Krieger als eine fromme Eminenz werden.

Man erinnert sich der Dienerin oder vielmehr der Freundin der Herzogin von Savoyen, welche nach der Geburt des Prinzen das im Verscheiden liegende Kind dadurch erhalten hatte, daß sie ihm Luft in die Lungen geblasen. Sechs Monate vorher gebar sie selbst einen Sohn, der so stark und kräftig zur Welt kam wie jener der Herzogin schwächlich. Als die Herzogin sah, daß ihr Kind durch jene Getreue gerettet worden, sagte sie:

»Meine liebe Lucretia, das Kind gehört nun Dir sowohl als mir; ich gebe es Dir, nähre es mit deiner Milch, wie Du es mit deinem Athem erhalten hast und ich werde Dir mehr verdanken als er selbst, denn er verdankt Dir nur das Leben, ich aber danke Dir mein Kind.«

Lucretia nahm das Kind, zu dessen halber Mutter man sie machte, als etwas Heiliges in Verwahrung; es schien indeß als solle der Erbe des Herzogs von Savoyen auf Kosten des kleinen Rinaldo, wie sein Milchbruder hieß, Leben und Kraft gewinnen, weil die Nahrung, welche der kleine Emanuel beanspruchte, die Rinaldo’s um so viel verminderte.

Rinaldo aber war nach sechs Monaten so stark und kräftig wie ein anderes Kind kaum in einem Jahre. Die Natur hat ja ihre Wunder und so tranken die beiden Kinder an derselben Brust, ohne daß die Muttermilch einen Augenblick versiegte.

Die Herzogin seufzte, wenn sie an einer Brust das so starke fremde Kind und ihr eigenes schwächliches sah.

Der kleine Rinaldo schien übrigens die Schwäche seines Milchbruders zu erkennen und zu bemitleiden; oft wollte das herzogliche Kind die Brust, an welcher das andere Kind trank, und dieses überließ, lächelnd mit den milchnassen Lippen, bereitwillig dem eigensinnigen Herzoge den Platz.

So wuchsen die beiden Kinder auf dem Schooße Lucretia’s heran. Im dritten Jahre sah Rinaldo aus wie fünfjährig, während Emanuel in seinem dritten Jahre kaum gehen und nur mit Mühe den gesenkten Kopf emporrichten konnte.

Da ließ man ihn die Reise nach Bologna machen, bei welcher der Papst Clemens VII. ihm den Cardinalshut versprach.

Man hätte glauben können, dieses Versprechen habe ihm Glück gebracht und der Name Cardinälchen den besondern Schutz Gottes zugewendet, denn von seinem dritten Jahre an begann seine Gesundheit sich zu befestigen und sein Körper zu kräftigen.

Wahrhaft wunderbare Fortschritte in dieser Art aber machte Rinaldo; seine dauerhaftesten Spielzeuge brachen in Stücke unter seinen Fingern, er konnte nichts angreifen ohne es zu zerbrechen. Da kam man auf den Gedanken ihm eiserne machen zu lassen, aber er zerbrach sie auch, als wären sie von Töpferzeug. Darum nannte denn auch der gute Herzog Carl III., der oftmals die beiden Kinder spielen sah, den Spielgenossen seines Emanuel Scianca-Ferro, was in dem piemontesischen Dialekt »Eisenbrecher« heißt.

Den Namen behielt er.

Merkwürdig dabei war, daß Scianca-Ferro seiner bewunderungswürdigen Körperkraft sich nur bediente, um Emanuel zu schützen, den er über alles liebte, statt neidisch auf ihn zu seyn, wie es vielleicht ein anderes Kind gewesen wäre.

Der kleine Emanuel dagegen beneidete seinen Milchbruder gar sehr um diese Körperkraft und hätte seinen Namen Cardinälchen gern für Scianca-Ferro hingegeben.

Er schien indeß im Umgange mit dem Kräftigen auch allmälig eine gewisse Kraft zu erlangen. Scianca-Ferro, der allerdings nicht seine ganze Kraft anwandte, rang mit ihm, lief mit ihm und ließ sich bisweilen, um ihn zu ermuthigen, im Kampfe besiegen, im Laufe einholen.

Alle körperlichen Uebungen trieben sie gemeinschaftlich: Neuen, Fechten, Schwimmen; in allen war Scianca-Ferro für den Augenblick überlegen, aber man sah doch auch ein, daß es nur eine Sache der Zeit sey und Emanuel vielleicht noch Vieles nachhole.

Die beiden Kinder verließen einander nicht und liebten einander wie Brüder; Einer war eifersüchtig auf den Andern, wie eine Geliebte eifersüchtig auf den Geliebten ist und doch nahte die Zeit, in der ein dritter Genosse, den sie mit gleicher Liebe aufnahmen, an ihren Spielen Theil nehmen sollte.

Eines Tages, als der Hof des Herzogs Carl III. in Vercelli war, wegen Unruhen, die in Mailand ausgebrochen, ritten die beiden Knaben mit ihrem Reitlehrer aus, machten einen langen Ausflug am linken Ufer der Sesia, kamen über Novara hinaus und wagten sich bis an den Ticino. Das Pferd des jungen Herzogs war voraus, als plötzlich ein Stier, der auf einem Weideplatze eingesperrt war, die Schranken zerbrach, die ihn einschlossen und das Pferd des Prinzen scheu machte, das über die Wiesen hinweg durchging und über Gräben, Bäche und Hecken setzte. Emanuel war bereits ein trefflicher Reiter, man hatte deshalb nichts zu besorgen; Scianca-Ferro jagte ihm indeß geradenwegs nach und setzte über dieselben Hindernisse hinweg. Der Reitlehrer machte einen Umweg, so daß er sicherer an die Stelle kommen mußte, nach welcher die Jagd der beiden jungen Leute hinging.

Nach einer Viertelstunde wahnsinnigen Jagens sah Scianca-Ferro Emanuel nicht mehr, und fürchtete, daß ihm ein Unglück begegnet sey und rief mit aller Kraft. Zweimal blieb sein Rufen ohne Antwort; endlich aber war es ihm als höre er die Stimme des Prinzen nach dem Dorfe Oleggio hin. Er jagte dahin und bald fand er Emanuel an einem Beiflusse des Ticino.

Zu seinen Füßen lag eine Todte, die in ihren Armen einen fast todten Knaben von vier bis fünf Jahren hielt.

Das Pferd, das sich wieder beruhigt hatte, fraß ruhig die jungen Baumtriebe ab, während der Prinz das Kind zum Bewußtseyn zu bringen suchte. An die Frau brauchte er nicht zu denken, denn die war wirklich todt.

Sie schien der Anstrengung, der Armuth und dem Hunger erlegen zu seyn und das Kind schien auch dem Hungertode nahe.

Das Dorf Oleggio war nicht weit entfernt und Scianca-Ferro ritt sofort dahin.

Emanuel wäre gern selbst geritten, statt seinen Milchbruder zu schicken, das Kind hatte sich aber an ihn geschmiegt, schien an seiner Seite allmälig wieder aufzuleben und wollte ihn nicht loslassen.

Der arme Kleine hatte ihn dicht an die Todte gezogen und sagte in dem herzzerreißenden Tone des Kindes, dem man nie das Bewußtseyn seines Unglücks geben kann:

»Wache auf, Mütterchen! Wache auf, Mütterchen!» Emanuel hatte Thränen in den Augen. Was konnte er thun? Er selbst sah zum ersten Male den Tod; er hatte nichts als seine Thränen und die gab er.

Scianca-Ferro erschien wieder; er brachte Brot und eine Flasche Wein.

Man versuchte einige Tropfen des Weines in den Mund der Mutter zu bringen, aber vergebens; sie war eine Leiche.

Nur mit dem Kinde konnte man sich beschäftigen.

Das Kind weinte über die Mutter, die nicht erwachen wollte, trank aber, aß und erholte sich ein wenig.

In diesem Augenblicke kamen die Landleute an, welche Scianca-Ferro berufen hatte; sie hatten auch den Begleiter des Prinzen getroffen, der ganz trostlos gewesen war, und brachten ihn mit an die Stelle, welche Scianca-Ferro ihnen beschrieben.

Sie wußten also, daß sie den jungen Prinzen von Savoyen vor sich hatten und da der Herzog Carl III. allgemein geliebt war, so erboten sie sich sogleich Alles zu thun, was Emanuel ihnen wegen der todten Frau und des Kindes befehlen würde.

Emanuel wählte unter den Leuten eine Frau aus, die er für gutmüthig und mitleidig hielt; er gab ihr alles Geld, das er und Scianca-Ferro bei sich hatten, schrieb den Namen der Frau auf und bat sie für das Begräbniß der Todten und die Bedürfnisse des Kindes zu sorgen.

Da es spät wurde, so bestand der Reitlehrer, der Stallmeister, darauf, daß sie ohne Zögern zurückkehrten. Der kleine Waise weinte sehr; das Kind wollte seinen guten Freund Emanuel nicht verlassen, dessen Namen es kannte, aber nicht den Stand. Emanuel versprach wieder zu kommen und es zu besuchen; dieses Versprechen beruhigte es etwas, aber als Emanuel fortritt, weinte es nur um so heftiger.

Wie schnell man auch ritt, man kam erst spät am Abend zurück. Man war in der herzoglichen Familie sehr besorgt gewesen und hatte nach allen Richtungen hin Boten ausgeschickt. Auch wollte die Herzogin ernstlich schelten, als Emanuel die Geschichte von dem Kinde mit seiner sanften Stimme traurig erzählte. Da konnte man ihn nicht mehr schelten, sondern mußte ihn loben und die Herzogin, welche innigen Antheil an dem armen Kinde nahm, erklärte sie selbst würde am nächsten Tage, nachdem die Mutter begraben, ihm einen Besuch machen.

So geschah es; die Herzogin reiste in der Sänfte und die beiden Jünglinge begleiteten sie zu Pferde.

Als sie in die Nähe des Dorfes kamen, konnte Emanuel nicht an sich halten; er gab seinem Pferde die Sporen und jagte dahin, um das von ihm gerettete Kind etwas früher zu sehen.

Seine Ankunft war eine große Freude für das arme Kind; man hatte es mit Gewalt von der Leiche der Mutter wegreißen müssen; es wollte nicht glauben, daß sie todt sey und rief immer:

»Verscharrt sie nicht! Legt sie nicht in das Grab! Sie wacht gewiß wieder auf.«

Als man den Sarg fortgetragen, hatte man das Kind in dem Hause einsperren müssen.

Der Anblick seines Retters tröstete es ein wenig. Als Emanuel ihm sagte, seine Mutter habe es auch sehen wollen und sie werde sogleich kommen, rief es:

»Ach, Du hast eine Mutter? Dann will ich den lieben Gott recht bitten, daß sie nicht auch einschläft wie die meine.«

Für die Bauern war es etwas Unerhörtes, daß die Herzogin selbst in das Dorf und in das Haus kommen werde, in welchem das Kind Aufnahme gefunden; sie liefen ihr entgegen.

Endlich kam der Zug an und an der Spitze desselben ritt Scianca-Ferro.

Emanuel führte seinen Schützling der Mutter vor und die Herzogin fragte, was Emanuel vergessen hatte, nemlich wie es heiße und wer seine Mutter gewesen.

Das Kind antwortete, es heiße Leone und seine Mutter Leona, Weiteres wollte es nicht sagen und auf alle Fragen, die man that, antwortete es: »Ich weiß nicht.«

Man errieth indeß leicht, daß dies Nichtwissen nur erheuchelt war und ein Geheimniß dahinter lag.

Ohne Zweifel hatte ihm die Mutter im Sterben befohlen weiter nichts zu antworten, als was es eben sagte, denn gewiß konnte nur die Empfehlung einer sterbenden Mutter einen solchen Eindruck auf ein vierjähriges Kind machen.

Die Herzogin beobachtete das Kind mit echt weiblicher Neugierde; obwohl es schlecht gekleidet war, hatte es doch feine und weiße Hände, und man erkannte, daß sie von einer eleganten und vornehmen Mutter gepflegt worden waren. Auch seine Sprache deutete Aristokratie an, und es sprach im vierten Jahre richtig italienisch und französisch.

Die Herzogin ließ sich die Kleider der Mutter des Kindes vorlegen; es waren die einer Bäuerin.

Die Bauern aber, die sie ausgekleidet und begraben hatten, behaupteten, sie hätten nie eine weißere Haut, zartere Hände und zierlichere Füße gesehen.

Ein Umstand verrieth die Classe der Gesellschaft, welcher die arme Frau angehört hatte; sie trug zu ihrem Bäuerinanzug, in den plumpen Schuhen, seidene Strümpfe.

Ohne Zweifel war sie in einer Verkleidung geflohen und hatte von dem Anzuge, den sie der Flucht wegen abgelegt, die seidenen Strümpfe behalten, die sie nach dem Tode verriethen.

Die Herzogin kehrte dann zu dem kleinen Leone zurück und fragte ihn über alles aus, aber er antwortete standhaft: »Ich weiß nicht.« Etwas Anderes brachte sie nicht aus ihm. Sie empfahl ihn von neuem den Leuten, die ihn aufgenommen hatten, gab denselben noch einmal so viel Geld, als sie bereits bekommen hatten, trug ihnen auf, Nachforschungen in der Umgegend über die Mutter und das Kind anzustellen und versprach ihnen eine gute Belohnung, wenn sie ihr eine Aufklärung gäben.

Der kleine Leone wollte durchaus Emanuel folgen und dieser drang seinerseits in die Mutter ihn mitzunehmen, denn er hatte das innigste Mitleid mit dem Verwaisten. Da ihm indeß sein Wille nicht erfüllt wurde, so versprach er sobald als möglich wieder zu kommen und auch die Herzogin sagte einen zweiten Besuch zu.

Leider traten um dieselbe Zeit Ereignisse ein, welche es der Herzogin unmöglich machten ihr gegebenes Wort zu halten.

Franz I. erklärte zum dritten Male den Krieg an Carl V. und zwar wegen des Herzogthums Mailand, dessen Erbe er von Valentine Visconti, der Gemahlin Ludwigs von Orléans, Bruders Carls VII., zu seyn behauptete.

Das erste Mal hatte er die Schlacht von Marignan gewonnen.

Das zweite Mal hatte er die Schlacht von Pavia verloren.

Nach dem Vertrage von Madrid, nach dem Gefängnisse von Toledo, nach seinem Schwure namentlich hätte man glauben sollen, Franz I. habe alle Ansprüche auf das unglückliche Herzogthum aufgegeben, welches ihn, den König von Frankreich, überdies zum Vasallen des römisch-deutschen Kaisers gemacht hätte. Im Gegentheil, er wartete nur auf eine Gelegenheit, um es nochmals zu beanspruchen, und er ergriff die erste, die sich darbot.

Es war zufällig eine gute, er würde aber auch eine schlechte ergriffen haben. (Franz I. war bekanntlich nicht sehr bedenklich in Sachen, welche die Leute abhalten, die man ehrliche nennt.)

Die Gelegenheit, welche sich darbot, war folgende:

Maria Francesco Sforza, der zweite Sohn Ludwigs »il moro« regierte in Mailand, aber ganz und gar unter der Oberherrlichkeit und der Schutzherrschaft des Kaisers, dem er am 23. December 1529 sein Herzogthum für die Summe von viermal hunderttausend Ducaten, im ersten Jahre der Regierung zahlbar, und für die von fünfmal hunderttausend abgekauft hatte, die in den folgenden zehn Jahren bezahlt werden sollten.

Der Sicherheit wegen blieben die Castelle von Mailand, Como und Pavia in den Händen der Kaiserlichen.

Um das Jahr 1534 nun beglaubigte Franz I. bei dem Herzoge Sforza einen mailändischen Adeligen, dessen Glück er, Franz I. gemacht hatte.

Der Mann hieß Francesco Maraviglia.

Er war am französischen Hofe sehr reich geworden und kehrte mit Freude und Stolz mit allem Pomp eines Gesandten in seine Geburtsstadt zurück.

Er hatte seine Frau und seine dreijährige Tochter mitgebracht, in Paris aber, unter den Pagen des Königs von Frankreich, seinen zwölfjährigen Sohn Odoardo zurückgelassen.

Warum erregte dieser Gesandte den Argwohn Carls V.? Warum forderte dieser den Herzog auf, ihn bei der ersten Gelegenheit zu entfernen? Das weiß man nicht und man könnte es nur erfahren, wenn man seine geheime Correspondenz mit Cosmo von Medici fände; genug, als die Diener Maraviglias Streit mit Leuten im Lande angefangen und das Unglück gehabt hatten, dabei zwei Unterthanen des Herzogs Sforza zu tödten, ließ dieser Maraviglia verhaften und in das Castell zu Mailand bringen, das, wie man weiß, von Kaiserlichen besetzt war.

Was da aus ihm geworden ist, hat man nie mit Bestimmtheit erfahren. Einige sagten, er sey vergiftet worden. Andere meinen, er sey ausgeglitten und durch eine Fallthür hinabgestürzt, von deren Daseyn man ihn zu unterrichten vergessen; das Wahrscheinlichste ist, daß er insgeheim in seinem Gefängnisse ermordet wurde. Gewiß ist, daß er nicht wieder zum Vorschein kam und daß gleichzeitig mit ihm seine Frau und seine Tochter verschwanden, ohne daß man jemals wieder von ihnen hörte.

Diese Ereignisse waren ganz kürzlich, kaum einige Tage vor dem Zusammentreffen Emanuels mit dem Kinde und der todten Frau, vorgekommen und sie sollten einen schrecklichen Einfluß aus das Geschick des Herzogs Carl haben.

Franz I. ergriff die Gelegenheit.

Nicht die Klagen des Kindes, das bei ihm geblieben war und Rache für den Mord seines Vaters verlangte, nicht die in der Person des Gesandten beleidigte Majestät, auch nicht das durch einen Mord verletzte Völkerrecht neigten bei ihm die Wage zum Kriege, sondern der alte Sauerteig der Rachsucht, der noch im Herzen des Besiegten von Pavia und des Gefangenen von Toledo lag.

Ein dritter Feldzug nach Italien wurde beschlossen.

Der Augenblick war gut gewählt. Carl  V. kriegte in Africa gegen den berühmten Khaïr Eddin, genannt Rothbart.

Bei diesem Feldzuge mußte er den Weg durch Savoyen nehmen. Savoyen stand unter Carl dem Guten, dem Vater Emanuel Philiberts, dem Oheime Franz I. und Schwager Carls V.

Für wen erklärte sich Carl der Gute? Für den Schwager oder für den Neffen? Die Frage war wichtig.

Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde der Herzog von Savoyen der Verbündete des Kaisers und der Feind Franz I.

Der Herzog von Savoyen hatte in der That dem Kaiser Carl  V. als Pfand seiner Treue seinen ältesten Sohn, Ludwig, Prinzen von Piemont, gegeben; er hatte sich geweigert von Franz I., das Band des heiligen Michael und eine Compagnie mit zwölftausend Thalern Gehalt anzunehmen; er hatte Ländereien besetzt, die ein Lehen der Dauphins waren; er verweigerte Frankreich die Huldigung wegen Faucigny; er hatte schriftlich gegen den Kaiser seine Freude über den Sieg von Pavia und die Gefangennehmung des Königs Franz I. ausgesprochen und endlich dem Connétable von Bourbon in dem Augenblicke Geld geliehen, als dieser durch sein Land reiste, um sich durch Benvenuto Cellini bei der Belagerung von Rom tödten zu lassen.

Man mußte sich vergewissern.

Zu diesem Zwecke schickte Franz I. den Präsidenten des Parlamentes von Paris, Wilhelm Poyet, mit dem Auftrage nach Turin, von dem Herzog Carl Zweierlei zu verlangen: erstens die Erlaubniß zum Durchmarsche des französischen Heeres durch Savoyen und Piemont, und zweitens die Uebergabe der Plätze Montmeillan, Chivas, Veillane und Vercelli.

Dagegen erbot sich Franz ihm Ländereien in Frankreich zu geben und seine Tochter Margarethe mit dem Prinzen Ludwig von Piemont zu vermählen.

Carl III. schickte zur Verhandlung mit Wilhelm Poyet den piemontesischen Präsidenten Purpurat, welcher ermächtigt war, den Durchmarsch der französischen Truppen durch Savoyen und Piemont zu gestatten, aber wegen Uebergabe der vier Plätze anfangs ausweichend, bei weiterem Drängen aber ablehnend zu antworten.

Die Verhandlungen zwischen den beiden Bevollmächtigten wurden hitzig, so daß Poyet, als er auf die guten Gründe Purpuratis nichts mehr entgegnen konnte, ausrief:

»Es geschieht aber, denn der König will es.»

»Um Vergebung,« antwortete Purpurat, »dieses Gesetz finde ich in unsern Landesgesetzen nicht.«

Er stand auf und überließ die Zukunft der Allmacht des Königs von Frankreich und der Weisheit des Höchsten.

Die Unterhandlungen wurden abgebrochen und als der Herzog Carl im Februar 1535 sich in dem Schloß zu Vercelli befand, wurde ein Herold zu ihm gebracht, der ihm von Seiten Franz I. den Krieg erklärte.

Der Herzog hörte ihn ruhig an und als derselbe die kriegerische Botschaft beendigt hatte, sagte er mit ruhiger Stimme:

»Lieber Freund, ich habe dem Könige von Frankreich immer nur Dienste geleistet und glaubte, die Namen »Bundesgenosse,« »Freund,« »Diener« und »Oheim« verdienten ein anderes Verfahren. Ich habe alles gethan, was ich thun konnte, um in Eintracht mit ihm zu leben und nichts versäumt, um ihn wissen zu lassen, wie Unrecht er hat, sich gegen mich zu erzürnen. Ich weiß wohl, daß meine Streitmacht mit der seinigen nicht verglichen werden kann, da er denn aber durchaus nicht auf den Beistand hören will und entschlossen zu seyn scheint, meiner Staaten sich zu bemächtigen, so saget ihm, er werde mich an der Grenze finden und ich hoffe mit Hilfe meiner Verbündeten und Freunde mich zu vertheidigen. Uebrigens kennt der König, mein Neffe, meine Devise: Dem fehlt nichts, welchem Gott bleibt.«

Er schickte darauf den Herold zurück, nachdem er ihm einen sehr kostbaren Anzug und ein Paar Handschuhe voll Thaler hatte geben lassen.

Nach einer solchen Antwort hatte man nichts zu thun als sich zum Kriege vorzubereiten.

Zuerst brachte Carl III. seine Gemahlin und sein Kind in Sicherheit in seinem Castell zu Nizza.

Die Abreise dahin wurde demnach als nahe bevorstehend angekündigt.

Da hielt es Emanuel Philibert für Zeit, seine Mutter zu vermögen, Leone aus der Bauernfamilie wegzunehmen, bei der man ihn überhaupt nur vorläufig gelassen hatte. Man war schon damit einig, den Knaben wie Scianca-Ferro zum Genossen des Prinzen zu machen.

Die Herzogin Beatrice war, wie schon gesagt, eine kluge Frau. Alles was sie an dem Verwaisten bemerkt hatte, die feinen Züge, die zarten Hände, die gewählte Sprache, brachte sie zu dem Glauben, es liege dahinter irgend ein großes Geheimniß. Die Herzogin war ferner eine religiöse Frau; sie sah darin, daß Emanuel das Kind nach einer Gefahr gefunden hatte, einen Fingerzeig Gottes; sie meinte, jetzt, da das Unglück ihrem Hause sich nahe und der Engel der finstern Nächte ihrem Gemahl, ihr selbst und ihrem Sohne den Weg in das Exil zeige, sey es die Zeit nicht den Verwaisten zurückzuweisen, der einmal als Mann ihr Freund seyn könne. Sie gedachte des Boten Gottes, der als gewöhnlicher Wanderer auf der Schwelle des blinden Tobias erschienen war, dem er später durch die Hände des Sohnes Licht und Freude zurückgegeben. Statt also dem Verlangen Emanuels entgegen zu seyn, ging sie bereitwillig auf dasselbe ein und ermächtigte, mit der Erlaubniß des Herzogs, ihren Sohn, die Nachricht selbst seinem Schützlinge zu bringen.

Leone sollte die Reise nach Nizza mit den beiden andern Kindern machen. Emanuel wartete nur bis zum andern Tage, Leone die angenehme Nachricht zu bringen. Gleich bei Tagesanbruch ging er in den Stall, sattelte sich selbst sein kleines Pferd, überließ Scianca-Ferro das Uebrige und ritt so schnell sein Pferd laufen konnte nach Oleggio.

Er fand Leone in Trauer. Der Arme hatte gehört, daß seine reichen und mächtigen Beschützer nun auch vom Unglück bedroht würden. Man hatte von der Abreise des Hofes nach Nizza gesprochen, das heißt in eine Gegend, von welcher das Kind nie etwas gehört, und als Emanuel athemlos und freudig zugleich ankam, weinte Leone, als habe er die Mutter zum zweiten Male verloren.

Die Kinder aber sehen vorzugsweise durch die Thränen der Engel und wir übertreiben nicht, wenn wir sagen, daß Emanuel dem weinenden Leone wie ein Engel erschien.

Mit wenigen Worten wurde alles gesagt, erklärt, verabredet und auf die Thränen folgte Lachen. Es gibt bei den Menschen eine Zeit – es ist die glückliche – wo Weinen und Lachen sich berühren wie die Nacht und die Morgenröthe.

Zwei Stunden nach Emanuel kam Scianca-Ferro mit dem ersten Knappen des Prinzen und zwei Dienern an und einer derselben führte den Zelter der Herzogin. Man gab dem Bauer, welcher Leone sechs Wochen bei sich gesehen hatte, eine gute Summe Geldes. Das Kind nahm herzlichen Abschied, aber wenn auch mit Thränen, so doch auch mit Freude. Emanuel half Leone auf das Pferd und wollte dasselbe auch selbst am Zügel führen, damit seinem Schützlinge ja nichts geschehe.

Scianca-Ferro war auf diese neue Freundschaft nicht eifersüchtig, sondern galoppirte an der Seite hin und her und lächelte dem Freunde seines Freundes mit dem Jugendlächeln zu, das alle Zähne und das ganze Herz zeigt.

So gelangte man nach Vercelli. Der Herzog und die Herzogin empfingen Leone freundlich und er gehörte von nun an zur Familie.

Den nächsten Tag bereits brach man nach Nizza auf, wo man ohne Unfall anlangte.




VIII.

Der Knappe und der Page


Unsere Absicht ist es gar nicht – denn Andere haben es viel besser gethan, als wir es thun könnten – die Geschichte der großen Rivalität zu erzählen, welche im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts so viel Unglück und Elend erzeugte. Gott hat uns eine bescheidene, aber zugleich doch auch angenehmere und für unsere Leser unterhaltendere Aufgabe gestellt. Wir werden also in der nachfolgenden Erzählung nur, die Gipfel der großen Ereignisse sehen, die gleich den hohen Gipfeln der Alpen sich über die Wolken in schneebedeckten Zacken erheben.

Franz I. zog durch Savoyen, durch Piemont und verbreitete sich über Italien.

Drei Jahre lang donnerten die Kanonen des Reiches und Frankreichs bald in der Provence, bald im Mailändischen.

Nur der Engel des Todes weiß, wie viele Leichen dazu gehörten, um euch, ihr schönen Ebenen der Lombardei und Piemonts, die unerschöpfliche Fruchtbarkeit zu geben!

Unterdeß wuchsen die Kinder unter dem Auge der Herzogin Beatrice und unter dem Auge Gottes unter dem schönen Himmel Nizzas auf, der am Tage reines Blau und in der Nacht voll Flammen ist und unter dem selbst die Insecten fliegende Funken sind.

Leone war ein unentbehrliches Mitglied des lustigen Kleeblattes geworden; er theilte alle Spiele, aber nicht alle Leibesübungen; die zu gewaltsamen Studien der Kriegskunst paßten nicht für seine kleinen Hände, und seine Arme schienen den Meistern jener Kunst zu schwach zu seyn, als daß sie jemals Schild und Lanze in kriegerischer Weise würden führen können. Allerdings war Leone drei Jahre jünger als seine Gefährten, aber es schien ein Unterschied von zehn Jahren zwischen ihnen zu seyn, besonders seit Emanuel, ohne Zweifel durch die Gnade Gottes, der ihn zu großen Dingen ausersehen hatte, an Kraft und Gesundheit rüstig zunahm, als wolle er nachholen, was sein Milchbruder Scianca-Ferro ihm voraus war.

So theilten sich denn auch die Rollen ganz naturgemäß den beiden Gefährten des jungen Herzogs zu: Scianca-Ferro wurde der Knappe, der minder ehrgeizige Leon begnügte sich der Page zu seyn.

Unterdeß erfuhr man, daß der älteste Sohn des Herzogs der Prinz Ludwig, in Madrid gestorben sey.

Es war ein großer Schmerz für den Herzog Carl und die Herzogin Beatrice; indeß gab ihnen Gott nach dem Schmerze einen Trost, wenn es für einen Vater, besonders aber für eine Mutter, einen Trost über den Tod ihres Kindes gibt.

Der Prinz Ludwig war seit langer Zeit von seinen Eltern entfernt, während Emanuel Philibert, der jeden Tag die Prophezeiung des Astrologen glaubhafter machen zu wollen schien, wie eine Lilie blühte und wie eine Eiche wuchs unter den Augen des Vaters und der Mutter.

Gott, der die Vertriebenen wohl nur hatte prüfen wollen, suchte sie alle darauf mit weit schmerzlicherem Schlage heim. Die Herzogin Beatrice erkrankte und trotz der Kunst der Aerzte, der Pflege des Gemahls, des Sohnes und ihrer Damen und Dienerinen starb sie am 8. Jänner 1538.

Der Schmerz des Herzogs war tief, aber voll Ergebung; die Trauer Emanuels grenzte an Verzweiflung. Zum Glück hatte der junge Prinz auch eine Waise bei sich, welche die Thränen schon kannte. Was wäre aus ihm geworden ohne den sanften Gefährten, der nicht zu trösten versuchte, sondern mit ihm weinte?

Scianca-Ferro fühlte bei diesem Verluste gewiß auch Schmerz; hätte er der Herzogin das Leben wieder geben können, wenn er irgend einen schrecklichen Riesen in dessen Thurme herausgefordert oder einen Drachen in der Höhle ausgesucht, der Ritter von elf Jahren würde augenblicklich und ohne, Zögern aufgebrochen seyn, um die That zu verrichten, welche, wenn auch, mit Verlust seines eigenen Lebens, seinen Freunden Glück und Freude wieder geben sollte; darauf aber beschränkte sich der Trost, den er bieten konnte; seine mächtige Natur eignete sich nicht für erweichende Thränen; eine Wunde konnte Blut aus seinen Adern ziehen, kein Schmerz vermochte Thränen in seine Augen zu locken.

Was that er also, während Emanuel Philibert mit und bei Leone weinte? Er sattelte sein Pferd, schnallte sein Schwert um, hing die Streitaxt an den Sattelbogen und ritt an den Hügeln hin, welche am Mittelmeere stehen, stellte sich vor, er habe mit den Ketzern Deutschlands oder den Saracenen in Afrika zu kämpfen, sah in leblosen Gegenständen Feinde aller Art, hieb mit der Streitaxt auf Steine statt auf Eisenhelme und mit dem Degen nach Fichtenzweigen und suchte seinen Schmerz durch körperliche Anstrengung zu überwinden.

Die Stunden, die Tage, die Monate vergingen, die Thränen versiegten, der Schmerz, der noch als Sehnen und Erinnerungen in dem Herzen lag, verschwand allmälig von den Gesichtern und die Augen, die vergebens nach der Gemahlin, der Mutter und Freundin blickten, richteten sich empor, um den Engel zu suchen.

Das Herz, das sich Gott zuwendet, findet bald Trost.

Die Ereignisse gingen übrigens ihren Gang und setzten dem Schmerze ihre Zerstreuungskraft entgegen.

Ein Congreß war zwischen dem Papste Paul III. (Alexander Farnese), Franz I. und Carl  V. beschlossen worden. Es handelte sich darum, die Türken aus Europa zu vertreiben, dem Ludwig Farnese ein Herzogthum zu schaffen und dem Herzoge von Savoyen seine Staaten zurückzugeben.

Der Congreß sollte in Nizza gehalten werden.

Nizza war durch den Papst und Carl  V. gewählt worden, weil sie hofften, der König Franz I. werde aus Dankbarkeit für die gastliche Aufnahme bei seinem Oheime gegen denselben nachgiebiger seyn.

Dann war auch eine Art Aussöhnung zwischen dem Papste Paul III. und Kaiser Carl V. zu bewerkstelligen. Alexander Farnese hatte seinem ältesten Sohne Ludwig die Städte Parma und Piacenza zum Tausche für die Fürstenthümer Camerino und Nepi gegeben, die er ihm genommen, um sie seinem zweiten Sohne Octavio zu übertragen. Dies hatte Carl  V. mißfallen, der eben nach dem Tode Franz Maria Sforza’s 1535 dem Papste, welche Summe dieser ihm auch dafür bot, das Herzogthum Mailand versagt hatte, die Ursache oder doch wenigstens der Vorwand des endlosen Krieges zwischen Frankreich und dem Reiche.

Carl  V. hatte übrigens vollkommen Recht, denn der neue Herzog von Parma war jener schändliche Ludwig Farnese, welcher sagte, es sey ihm sehr gleichgültig, ob er geliebt werde, wenn man ihn nur fürchte, und der die Adeligen entwaffnete, den Frauen Gewalt anthat und die Bischöfe peitschte.

Der Congreß von Nizza hatte also den Zweck, nicht blos den Herzog von Savoyen mit dem Könige von Frankreich, sondern auch den Papst mit dem Kaiser wieder zu versöhnen.

Carl III. aber, den das Unglück klug gemacht hatte, sah seinen Neffen, seinen Schwager und deren heiligen Schiedsrichter nicht ohne Besorgniß in seinen letzten befestigten Ort kommen.

Wer gab ihm die Bürgschaft, daß man ihm die letzte Stadt, die man ihm gelassen, nicht auch nehme, statt ihm das Land zurückzugeben, das man ihm genommen?

Er brachte deshalb für jeden Fall und um größerer Sicherheit willen Emanuel Philibert, seinen letzten Erben, in das Castell, welches die Stadt beherrschte, und empfahl dem Commandanten, das Castell durchaus keinen Truppen zu öffnen, sie möchten vom Kaiser, von dem Könige Franz oder von dem Papste kommen.

Dann reiste er selbst dem Papste Paul III. entgegen, welcher nach der getroffenen Bestimmung einige Tage vor dem Kaiser und dem Könige ankommen sollte.

Der Papst war nur noch eine Stunde von Nizza entfernt, als der Herzog einen Brief an den Commandanten absandte und diesem befahl, die Wohnung des Papstes in dem Schlosse bereit zu machen.

Diesen Brief brachte der Capitän der Leibwache Seiner Heiligkeit, welcher an der Spitze von zweihundert Mann ankam und Einlaß verlangte, damit er Dienst bei seinem Souverain thun könne.

Der Herzog sprach in seinem Briefe von dem Papste, aber weder von dem Capitän der Leibwache noch von den zweihundert Mann.

Es war jedenfalls eine Verlegenheit: der Papst verlangte ausdrücklich, was der Herzog ausdrücklich verboten hatte.

Der Commandant berief einen Rath.

Emanuel Philibert wohnte diesem Rathe bei, obgleich er erst elf Jahre alt war; wahrscheinlich war er mit beschieden worden, um den Muth der Vertheidiger noch mehr zu steigern.

Während man berathschlagte, bemerkte der Knabe an der Wand das hölzerne Modell der Veste, welche der Gegenstand der Uneinigkeit zwischen dem Papste und Carl III. war.

»Ihr Herren,« sagte er zu den versammelten Räthen, die seit einigen Stunden deliberirten, ohne zu etwas zu gelangen, »Ihr seyd wegen sehr wenig in Verlegenheit; da wir eine Veste von Holz und eine von Stein haben, so wollen wir die hölzerne dem Papste geben und die steinerne für uns behalten.«

»Meine Herren,« fiel der Commandant ein, »unsere Pflicht ist durch das Wort eines Kindes dictirt. Seine Heiligkeit soll, wenn man darauf besteht, die hölzerne Veste haben, so lange ich aber lebe die steinerne nicht, das schwöre ich bei Gott.«

Die Antwort des Knaben und des Commandanten wurde dem Papst überbracht, der sich damit begnügte und im Franciscanerkloster abstieg.

Der Kaiser kam an, dann der König von Frankreich.

Ein jeder nahm seinen Aufenthalt unter einem Zelte, der an der einen, jener an der andern Seite der Stadt, so daß sich der Papst in ihrer Mitte befand.

Der Congreß begann, er gab aber leider bei Weitem die Resultate nicht, welche man davon erwartete.

Der Kaiser verlangte Savoyen und Piemont für seinen Schwager zurück; Franz I. wollte das Herzogthum Mailands für seinen zweiten Sohn, den Herzog von Orléans, haben, und der Papst, der auch seinen Sohn unterzubringen wünschte, verlangte, daß ein Prinz, der weder zu der Familie Franz I. noch zu der Carls V. gehörte, zum Herzoge von Mailand erwählt werde und zwar unter der Bedingung, daß er sein Herzogthum von dem Kaiser zum Lehen nehme und dem König von Frankreich Tribut zahle.

Ein jeder wollte also das Unmögliche, weil er eben gerade das Gegentheil von dem wollte, was die Andern verlangten.

So kam man denn zu einem Waffenstillstand, den Alle wünschten.

Franz I. um seinen Soldaten Ruhe zu gönnen, die halb erschöpft waren, und um seine Finanzen, die es ganz waren, sich erholen zu lassen.

Carl  V. um die Einfälle zurückzutreiben, welche die Türken in seine Reiche Neapel und Sicilien machten.

Paul III., um seinen Sohn Ludwig Farnese wenigstens in den Fürstenthümern Parma und Piacenza festsetzen zu lassen, da er ihm Mailand nicht verschaffen konnte.

Es wurde ein Waffenstillstand von zehn Jahren beschlossen. Franz selbst bestimmte diese Dauer, »zehn Jahre oder nichts,« sagte er.

Die zehn Jahre wurden bewilligt, und Franz war es, welcher den Waffenstillstand nach vier Jahren brach.

Carl III., welcher fürchtete, die Unterhandlungen würden mit der Beschlagnahme des geringen Gebietes endigen, das ihm geblieben war, sah seine erlauchten Gäste freudiger abreisen, als er sie hatte kommen sehen.

Sie verließen ihn, wie sie ihn gefunden hatten, nur ärmer um die Kosten, welche ihm ihr Aufenthalt verursacht hatte und die sie nicht bezahlten.

Nur der Papst hatte etwas von der Sache gehabt, nemlich zwei Heirathen zu Stande gebracht: die seines zweiten Sohnes Octavian Farnese mit Margarethe von Oesterreich, der Witwe Julians von Medici, welcher in der Kirche St. Maria der Blumen in Florenz ermordet worden war, und die seiner Nichte Viktoria mit Anton, dem ältesten Sohn Carls von Vendôme.

Da Carl  V. sich nun nicht mehr wegen Franz I. zu beunruhigen hatte, begann er in Genua Rüstungen gegen die Türken, die so ungeheuer waren, daß sie zwei Jahre in Anspruch nahmen.

Nach diesen zwei Jahren, als die Flotte auf dem Punkte stand unter Segel zu gehen, entschloß sich Carl III. seinem Schwager einen Besuch zu machen und ihm seinen Sohn Emanuel Philibert vorzustellen, der sein dreizehntes Jahr erreicht hatte.

Es versteht sich von selbst, daß Scianca-Ferro und Leone ihn begleiteten.

Seit einiger Zeit beschäftigte den jungen Prinzen fast ausschließlich eine Rede, die er seinen Lehrern nicht zeigen wollte und die er nur seinem Knappen und seinem Pagen mittheilte.

Er wollte nemlich den Kaiser Carl  V. um die Erlaubniß bitten, ihn auf dem Kriegszuge zu begleiten.

Scianca-Ferro lehnte die Mitwirkung ab, und zwar weil er nichts von der Abfassung einer Rede verstehe; Leone that dasselbe, weil er nicht zwei Worte werde zusammenbringen können, wenn er an die Gefahren denke, welchen Emanuel sich aussetze.

Der junge Prinz war also auf sich selbst angewiesen und er verfaßte mit Hilfe von Livius, Quintus Curtius, Plutarch u.s.w. die Rede, welche er an den Kaiser halten wollte.

Der Kaiser wohnte bei seinem Freunde Andreas Doria, in jenem schönen Palaste, welcher der König des Hafens von Genua zu seyn scheint, beaufsichtigte die Arbeiten auf der Flotte und ging auf den herrlichen Terrassen umher, von welchen der Admiral sein Silbergeschirr in das Meer werfen ließ, nachdem er die Gesandten von Venedig bewirthet.

Der Herzog und sein Gefolge wurden zu dem Kaisergeführt, sobald sie angemeldet waren.

Der Kaiser umarmte seinen Schwager und wollte auch seinen Neffen umarmen.

Emanuel Philibert aber machte sich ehrerbietig aus den kaiserlichen Armen los, ließ sich auf ein Knie nieder zwischen seinem Knappen und seinem Pagen, so daß selbst sein Vater nicht wußte, was er beginnen wollte, und sprach im größten Ernst:

»Da ich mich der Unterstützung Eurer Würde und Eurer Sache weihe, welche jene Gottes und der heiligen Religion sind, so komme ich freiwillig und mit Freuden, Euch zu bitten, hoher Kaiser, mich als Freiwilligen unter die Krieger aufzunehmen, welche von allen Seiten sich unter Eure Fahnen stellen, denn ich würde mich glücklich preisen, unter dem Größten der Fürsten, unter einem unbesieglichen Kaiser die Kriegskunst zu erlernen.«

Der Kaiser sah ihn lächelnd an und antwortete, während Scianca-Ferro laut seine Bewunderung über die Rede des Prinzen aussprach, Leone aber zu Gott betete, er möge dem Kaiser den guten Gedanken eingehen, das Anerbieten zurückzuweisen:

»Ich danke, Prinz, für diesen Beweis von Zuneigung; verharre in diesen Gesinnungen und wir werden beide nützlich seyn; Du bist nur noch zu jung, mir in den Krieg zu folgen, wenn Du aber diesen Willen und Eifer behältst, wird es nach einigen Jahren an Gelegenheiten nicht fehlen.«

Er hob den jungen Prinzen auf, küßte ihn, nahm, um ihn zu trösten, sein eigenes goldenes Vließ ab und hing es ihm um den Hals.

»Ach, bei Gott!« rief Scianca-Ferro, »das ist besser als der Cardinalshut!«

»Du hast da einen kecken Begleiter, Neffe,« sagte Carl V., »und wir wollen ihm vorläufig eine Kette geben, bis wir ihm später ein Kreuz anhängen können.«

Er nahm eine goldene Kette von dem Halse eines der Herren, die da standen, warf sie Scianca-Ferro zu und sagte:

»Da, junger Knappe!«

So schnell auch, die Bewegung Carls V. gewesen war, Scianca-Ferro hatte Zeit sich auf ein Knie niederzulassen, so daß er in dieser ehrerbietigen Stellung das Geschenk des Kaisers empfing.

»Nun,« sagte der Sieger von Pavia, der in guter Laune war, »Jeder soll seinen Theil bekommen, selbst der Page.«

Er nahm einen Diamantring vom Finger und sagte :

»Dies für Dich, schöner Page!«

Zum großen Erstaunen Emanuel Philiberts, Scianca-Ferro’s und aller Anwesenden schien Leone nicht gehört zu haben und blieb unbeweglich stehen.

»Da scheinen wir einen tauben Pagen zu haben,« fuhr Carl V. fort und er sprach lauter: »Komm zu mir, schöner Page!«

Leone gehorchte nicht, sondern trat einen Schritt zurück.

»Leone,« sagte Emanuel, indem er die Hand des Freundes erfaßte, um ihn zu dem Kaiser zu führen.

Seltsam! Leone machte sich von der Hand Emanuels los, stieß einen Schrei aus und eilte aus dem Gemache hinaus.

»Da haben wir einen Pagen, der nicht eigennützig ist,« sagte Carl V. »Du mußt mir sagen, Neffe, wo Du dergleichen findest; sie sind sehr selten. Der Diamant, den ich ihm geben wollte, ist tausend Pistolen werth.«

Er wendete sich zu den Höflingen und sagte:

»Ihr Herren, Ihr seht da ein nachahmungswerthes Beispiel!«




IX.

Leone Leona


Welche Mühe Emanuel Philibert sich auch gab, als er in den Palast zurück kam, in welchem er mit seinem Vater wohnte, von Leone zu erfahren, was ihn veranlaßt habe den Diamantring auszuschlagen und sogar mit einem Angstschrei zu entfliehen, das Kind blieb stumm und kein Bitten vermochte ein Wort aus seinem Munde zu bringen.

Es war dasselbe hartnäckige Schweigen, welches früher die Herzogin Beatrice nicht hatte brechen können, als sie Näheres über die Mutter des Kindes zu erfahren sich bemüht.

Wie aber konnte der Kaiser Carl V. mit dem Unglücke, welches den Pagen zur Waise gemacht hatte, in Verbindung stehen? Das vermochte Emanuel Philibert nicht zu errathen. Wie dem auch seyn mochte, er gab lieber im Voraus Jederman und selbst seinem Oheime Unrecht, als daß er Leone einen Augenblick beschuldigte.

Zwei Jahre waren seit dem Waffenstillstande von Nizza verstrichen, und König Franz I. hatte also sehr lange bereits sein Wort gehalten. Auch wunderte sich Jedermann darüber, besonders Carl V. welcher bei der erwähnten Unterredung mit seinem Schwager fortwährend sein Mißtrauen gegen Franz I. ausgesprochen hatte, der dem Herzoge gewiß etwas zu Leide thue, sobald er, der Kaiser, nicht da sey ihn zu schützen.

Carl V. war in der That kaum unter Segel gegangen, als der Herzog von Savoyen bei seiner Rückkehr nach Nizza eine Botschaft von Franz I. empfing.

Franz I. machte dem Oheime den Antrag, ihm Savoyen zurück zu geben, wenn ihm dafür Piemont abgetreten werde, so daß es der Krone Frankreichs einverleibt werden könnte.

Der Herzog war höchst unwillig über einen solchen Antrag, entließ die Boten seines Neffen und verbot ihnen wieder vor ihm zu erscheinen.

Was hatte Franz I. die Zuversicht gegeben, dem Kaiser zum vierten Male den Krieg zu erklären? Er hatte zwei neue Verbündete: Luther und Soliman, die Ketzer in Deutschland und die Saracenen in Afrika.

Seltsame Bundesgenossen für den allerchristlichsten König, für den ältesten Sohn der Kirche! In dem langen Kampfe zwischen Franz I. und Carl V. nennt man den Erstern immer den ritterlichen König und gleichwohl bricht er fortwährend sein Wort. Nachdem er auf dem Schlachtfelde von Pavia Alles verloren, nur die Ehre nicht, befleckte er in unverlöschlicher Weise jene trotz der Niederlage unverletzt gebliebene Ehre durch Unterzeichnung eines Vertrags, den er nicht halten wollte.

Dieser König, den die Historiker aus der Geschichte peitschen sollten, wie Jesus die Wechsler aus dem Tempel trieb; dieser Soldat, den Bayard zum Ritter schlug und den St. Vallier verfluchte, scheint in Wahnsinn zu verfallen, sobald er sein Wort gebrochen hat; er ist der Freund des Türken und des Ketzers, er reicht die rechte Hand Soliman und die linke Luther; er der Nachkomme Ludwigs des Heiligen, geht mit dem Nachkommen Mohameds! Freilich sandte ihm Gott auch, nachdem er ihm die Niederlage gesandt, die Tochter seines Zornes, die Pest, die Tochter seiner Rache.

**Und Carl V. erkannte so deutlich, daß Gott für ihn sey, daß er, der kluge Kaiser, der schlaue Staatsmann, der zu den Waffen erst greift, nachdem alle Hilfsmittel der Diplomatie erschöpft sind, dem Riesen trotzt, dem Manne, welcher einen Harnisch, einen Helm und einen Schild führt, die Niemand außer ihm in seinem Reiche regieren kann. Den König, den man bei Marignan Reiter bis zum Gürtel spalten sah, so daß seine Schmeichler ihn mit Ajax oder mit Judas Maccabäus verglichen, diesen Goliath forderte Carl V. heraus zum Zweikampfe, auf jede beliebige Waffe, nackt bis zum Gürtel, allein in einem Bote oder auf einer Brücke.**

Und der König Franz I. schlug diesen Zweikampf aus, was indeß nicht hindert, daß er in den Büchern der ritterliche König heißt.

Wir Dichter freilich, wir nennen ihn den ehrlosen König, welcher seinen Feinden, seinen Freunden und Gott selbst des beschworne Wort brach.

Diesmal bedrohte er Nizza, als er die Antwort des Herzogs von Savoyen erhalten hatte.

Der Herzog ließ in Nizza einen tapfern Ritter, Odinet von Montfort, und begab sich selbst nach Vercelli, wo er die wenigen Streitkräfte sammelte, über die er noch verfügen konnte.

Emanuel Philibert hatte seinen Vetter um die Erlaubniß gebeten in Nizza bleiben zu dürfen, um da zuerst seine Waffen zu versuchen, da er aber der einzige und letzte Sprößling seines Hauses war, so hielt ihn der Herzog für zu kostbar, als daß er ihm ein solches Gesuch hätte bewilligen können.

Scianca-Ferro dagegen erhielt die Erlaubniß und er machte Gebrauch davon.

Kaum war der Herzog mit seinem Sohne, Leone und dem Gefolge abgereist, so sah man eine Flotte von zweihundert Segeln mit türkischer und französischer Flagge erscheinen, welche zehntausend Türken unter Khaïr-Eddin und zwölftausend Franzosen unter dem Herzoge von Enghien aussetzte.

Die Belagerung war fürchterlich; die Besatzung vertheidigte jeden Fußbreit Boden und Alle, Soldaten und Bürger, thaten Wunder der Tapferkeit. Die Stadt wurde an zehn Stellen geöffnet; Türken und Franzosen drangen durch zehn Breschen ein; man vertheidigte jede Straße, jeden Platz, jedes Haus; das Feuer rückte mit den Belagerern vor; Odinet zog sich in das Castell zurück und überließ dem Feinde eine Stadt in Trümmern.

Am andern Tage forderte ein Herold ihn auf sich zu ergeben, er aber schüttelte den Kopf und sagte:

Guter Freund, Du bist aus falschem Wege, wenn Du Dich zu einer solchen Feigheit an mich wendest. Ich heiße Montfort; meine Wappen sind Pfähle und meine Devise lautet: Aushalten.«

Montfort war seiner Devise, seines Wappens und seines Namens würdig; er hielt aus, bis auf der einen Seite der Herzog selbst mit viertausend Piemontesen und auf der andern Don Alfonso von Avallos im Namen des Kaisers mit zehntausend Spaniern ankam, da hoben Türken und Franzosen die Belagerung auf.

Es war ein großes Fest für den Herzog Carl und seine Unterthanen, als er in Nizza einzog, so verfallen auch die Stadt war.

Es war auch ein großes Fest für Emanuel Philibert und dessen Knappen Scianca-Ferro hatte den Namen verdient, welchen ihm Carl III. gegeben, und als sein Milchbruder ihn fragte, wie es gegangen, da er auf wirkliche Harnische und wirkliche Schilde habe schlagen müssen, antwortete er:

»Es ist nicht so hart wie Eichen zu spalten, nicht so schwer wie Felsen zu zermalmen.«

»Ach, warum war ich nicht dabei!« murmelte Emanuel Philibert, ohne zu bemerken, daß Leone, der sich an seinen Arm festhielt, bei dem Gedanken an die Gefahren erbleichte, die Scianca-Ferro bereits bestanden hatte und denen Emanuel auch einmal sich aussetzen werde.

Allerdings wurde der arme Page einige Zeit nachher durch den Frieden von Crespy vollständig beruhigt, die Folge des Einfalles Carls in die Provence und gleichzeitig der Schlacht von Cérisolles.

Der Friede wurde am 4. October 1544 unterzeichnet.

Er setzte fest, daß Philipp von Orléans, der zweite Sohn Franz I., nach zwei Jahren sich mit der Tochter des Kaisers vermähle, und als Mitgift das Herzogthum Mailand und die Niederlande erhalte, daß der König von Frankreich seinerseits seinem Anspruche auf das Königreich Neapel entsage und dem Herzoge von Savoyen alles zurückgebe, was er ihm genommen, mit Ausnahme der Festungen Pignerolles und Montmeillant, welche mit dem französischen Gebiete vereinigt bleiben sollten.

Der Vertrag sollte seine Ausführung nach zwei Jahren erhalten, das heißt bei der Vermählung des Herzogs von Orléans mit der Tochter des Kaisers.

Wie man sieht, war man zum Jahre 1545 gelangt, die Kinder waren herangewachsen, Leone, der jüngste von den Dreien, zählte vierzehn Jahre, Emanuel siebenzehn und Scianca-Ferro noch sechs Monate mehr.

Was ging in dem Herzen Leone’s vor und warum wurde er von Tag zu Tag trauriger? Das fragten einander Scianca-Ferro und Emanuel vergeblich, das fragte Emanuel auch Leone umsonst.

Seltsam! Je älter Leone wurde, um so weniger folgte er dem Beispiele seiner beiden Gefährten. Emanuel und Scianca-Ferro übten sich den ganzen Tag in dem Gebrauche der Waffen, der erstere, um den Namen Cardinälchen vergessen zu lassen, der letztere, um seinen Namen immer mehr zu verdienen. Emanuel hatte denn auch bereits alles erlangt, was Geschicklichkeit geben kann, und Scianca-Ferro hatte von Gott alles empfangen, was er menschlichen Muskeln an Kraft gibt.

Währenddessen befand Leone sich auf irgend einem Thurm, von wo er den Uebungen der beiden Freunde zusehen konnte, und wenn sie ihr Eifer zu weit hinwegtrieb, nahm er ein Buch, setzte sich in einen Winkel des Gartens, und las.

Das Einzige was Leone mit Freuden erlernt hatte, ohne Zweifel, weil er darin ein Mittel sah Emanuel zu folgen, war das Reiten, aber seit einiger Zeit entsagte der Page auch diesem und zwar in demselben Maße, als er trauriger wurde.

Eines besonders setzte Emanuel immer in Verwunderung, nemlich, daß das Gesicht Leone’s sich stets verdüsterte, wenn davon die Rede war, daß er, Emanuel, einmal ein reicher mächtiger Fürst werde.

Eines Tages erhielt der Herzog ein Schreiben von dem Kaiser Carl V., in welchem von einer Vermälung zwischen Emanuel Philibert und der Tochter des Königs Ferdinand, des Bruders des Kaisers, die Rede war. Leone hörte dieses Schreiben vorlesen, er konnte die Wirkung nicht verheimlichen, die es auf ihn machte, und eilte schluchzend hinaus, zum großen Erstaunen des Herzogs Carl III. und Scianca-Ferro’s, welche vergebens nach den Gründen eines solchen Schmerzes suchten.

Sobald der Herzog sich in seine Gemächer begeben hatte, eilte Emanuel seinem Pagen nach. Das, was er für Leone empfand, war etwas ganz Anderes, als was er für Scianca-Ferro fühlte. Er hätte sein Leben hingegeben, um das Leben Scianca-Ferro’s zu retten, sein eigenes Blut vergossen, um das seines Milchbruders zu schonen; aber Leben und alles Blut hätte er freudig hingegeben, um eine Thräne zurückzuhalten, die an den sammtgleichen Lidern und an den langte schwarzen Wimpern Leone’s zitterte.

Da er ihn jetzt hatte weinen sehen, wollte er die Ursache des Schmerzes kennen. Seit länger als einem Jahr bemerkte er die zunehmende Traurigkeit des Pagen und oftmals hatte er ihn um den Grund derselben gefragt, aber alsbald hatte auch Leone seine Kraft zusammengenommen, den Kopf geschüttelt, um trübe Gedanken zu verscheuchen, und dann lächelnd geantwortet:

»Ich bin zu glücklich, Prinz Emanuel, und ich fürchte immer, ein solches Glück könne nicht von Dauer seyn.«

Da hatte Emanuel seinerseits den Kopf geschüttelt, weil er aber schon wußte, daß Leone noch trauriger würde, wenn man in ihn drang, so begnügte er sich, die Hände des Freundes zu fassen und ihn fest anzusehen, als wollte er ihn mit allen Sinnen zugleich fragen; aber Leone wendete langsam die Augen ab und entzog Emanuel sanft die Hände.

Emanuel ging dann selbst traurig zu Scianca-Ferro, der nicht daran dachte, ihn zu fragen, und dem es nicht eingefallen seyn würde, die Hände zu fassen, so sehr war die Freundschaft zwischen Scianca-Ferro und Emanuel verschieden von der zwischen Emanuel und Leon.

An diesem Tage suchte Emanuel den Pagen vergebens länger als eine Stunde in dem Schlosse und im Park; er erkundigte sich bei Jedermann; Niemand hatte Leone gesehen. Endlich sagte ein Stalldiener, Leone sey in die Kirche gegangen und müsse wohl noch da seyn.

Emanuel eilte in die Kirche, überschaute sogleich den ganzen düstern Raum und sah wirklich Leone in der dunkelsten Ecke der verstecktesten Capelle knien.

Er trat so nahe an ihn, daß er ihn fast berührte, ohne daß der Page in seinem inbrünstigen Gebete seine Gegenwart zu bemerken schien.

Da klopfte er ihm leicht auf die Achsel und nannte seinen Namen.

Leone erschrak und sah Emanuel fast furchtsam an.

»Was thust Du zu dieser Stunde in der Kirche?« fragte Emanuel besorgt.

»Ich bete zu Gott,« antwortete Leone schwermüthig, »daß er mir die Kraft gebe das auszuführen, was ich im Sinne habe.«

»Und was hast Du im Sinne?« fragte Emanuel, »darf ich es nicht wissen?«

»Ihr werdet es im Gegentheil zuerst erfahren,« antwortete Leone.

»Du schwörst es mir, Leone?«

»Ja wohl,« antwortete dieser mit traurigem Lächeln.

Emanuel ergriff seine Hand und versuchte ihn aus der Kirche hinauszuziehen, aber Leone machte sanft seine Hand los, wie er es seit einiger Zeit immer zu thun pflegte, kniete wieder nieder und bat mit einer Geberde den jungen Herzog ihn allein zu lassen, dann setzte er hinzu:

»Ich muß noch einen Augenblick mit Gott allein seyn.«

Es lag in dem Tone des Pagen etwas so Feierliches und so Schwermüthiges, daß Emanuel gar keinen Versuch machte ihm entgegen zu seyn.

Er verließ die Kirche, wartete aber an der Thür auf Leone.

Dieser zuckte zusammen, als er ihn bemerkte, schien sich aber gleichwohl nicht zu wundern ihn da zu finden.

»Nun,« fragte Emanuel, »kann ich das Geheimniß nun erfahren?«

»Morgen hoffe ich die Kraft zu haben, es Euch mittheilen zu können,« antwortete Leone.

»Wo?«

»Hier in der Kirche.«

»Zu welcher Zeit?«

»Kommt um dieselbe Stunde wie heute.«

»Und bis dahin, Leone?« fragte Emanuel fast bittend.

»Bis dahin werdet Ihr hoffentlich mich nicht nöthigen, mein Zimmer zu verlassen. Ich bedarf der Einsamkeit und des Nachdenkens.«

Emanuel sah seinen Pagen mit unbeschreiblicher Herzbeklemmung an und begleitete ihn bis an die Thür; hier wollte Leone die Hand des Prinzen ergreifen und küssen, aber jetzt zog Emanuel sie zurück und streckte beide Arme aus, um den Knaben an sich zu ziehen und ihn zu küssen; Leone hielt ihn indeß sanft von sich zurück, machte sich aus Emanuels Armen los und sagte in einem Tone unbeschreiblicher Trauer:

»Morgen, gnädiger Prinz.«

Er ging darauf in sein Zimmer.

Emanuel blieb einen Augenblick an der Thür stehen und hörte so, daß Leone den Riegel vorschob.

»Mein Gott!« dachte der Prinz bei sich, »was geht in mir vor? was empfinde ich?«

»Zum Teufel, was machst Du da?« fragte hinter Emanuel eine rauhe Stimme, während eine kräftige Hand sich ihm auf die Achsel legte.

Emanuel seufzte, faßte den Arm Scianca-Ferro’s und zog ihn mit sich in den Garten.

Da setzten sie sich neben einander auf eine Bank.

Emanuel erzählte, was zwischen ihm und Leone vorgegangen war.

Scianca-Ferro dachte einen Augenblick nach, sah empor und und biß sich in die Hand.

Mit einem Male sagte er dann:

»Ich wette, daß ich weiß was es ist.«

»Was?«

»Leone ist verliebt.«

Emanuel war es als erhalte er einen Stich in das Herz.

»Unmöglich!« stammelte er.

»Unmöglich? Warum unmöglich?« fragte Scianca-Ferro, »ich bin es ja auch.«

»Du? und in wen?« fragte Emanuel.

»In Lucia, die Tochter des Pförtners. Die Arme fürchtete sich entsetzlich während der Belagerung, besonders in der Nacht, und ich that alles, um sie zu beruhigen.«

Emanuel zuckte mit den Achseln, um anzudeuten, daß er gewiß sey, Leone liebe die Lucia nicht.

Scianca-Ferro verstand die Geberde Emanuels falsch, indem er in ihr ein Zeichen der Geringschätzung sah.

»Cardinälchen,« sagte er, denn er nannte den Prinzen noch immer so, trotz dem Orden des goldenen Vließes, den derselbe bisweilen trug, »spielen wir nicht den Unzufriedenen? Ich für meine Person ziehe die Lucia allen denen am Hofe vor, und wenn einmal ein Turnier gehalten wird, will ich ihre Farben tragen und ihre Schönheit gegen Jeden vertheidigen.«

»Ich würde die beklagen, die nicht deiner Meinung wären, lieber Scianca-Ferro,« antwortete Emanuel.

»Da hast Du Recht, denn ich würde für sie so derb zerschlagen wie für die Tochter eines Königs.«

Emanuel drückte ihm die Hand, stand auf und ging in sein Zimmer.

Scianca-Ferro, dachte er, bekümmert sich doch zu viel um das Zuschlagen, als daß er begreifen könne, was in seinem und Emanuels Herzen vorgehe oder in der Seele Leone’s.

Aber auch Emanuel, dem es doch an Scharfsinn und Geist nicht, fehlte, sann in der Einsamkeit seines Zimmers und in der Stille der Nacht vergeblich darüber nach, was die Seele Leone’s wohl beunruhige und was sein eigenes Herz beängstige.

Er wartete also mit Spannung auf den andern Tag.

Der Vormittag verging langsam ohne, daß Emanuel Leone sah. Zur bestimmten Stunde ging er endlich nach der Kirche und zwar mit dem Gefühle, als müsse etwas äußerst Wichtiges in seinem Leben sich entscheiden.

Der Vertrag von Crespy, der vor einem Jahre unterzeichnet worden war und der ihm seine Staaten definitiv entziehen oder zurückgeben sollte, war ihm minder wichtig und bedeutsam vorgekommen als das Geheimniß, das ihm Leone mitzutheilen versprochen.

Er fand Leone an derselben Stelle wie am vorigen Tages; wahrscheinlich betete er schon lange, und in seinem Gesichte sprach sich schwermuthsvolle Ergebung aus. Offenbar stand sein Entschluß fest, welcher in der vorigen Woche noch geschwankt.

Emanuel trat rasch zu ihm; Leone empfing ihn mit sanftem, aber traurigem Lächeln.

»Nun?« fragte Emanuel.

»Nun, gnädiger Prinz,« entgegnete Leone, »ich habe Euch um eine Gnade zu bitten…«

»Welche, Leone?«

»Ihr sehet wie schwach und ungeeignet ich für körperliche Uebungen bin. Ihr werdet in eurer fast königlichen Zukunft starker Männer bedürfen wie Scianca-Ferro, nicht schüchterner Kinder wie ich eins bin. Gnädiger Prinz…« Leone nahm alle seine Kräfte zusammen, aber große Thränen rannen über seine Wangen, »ich bitte um die Gnade Euch verlassen zu dürfen.«

Emanuel trat einen Schritt zurück; er hatte sich sein Leben, das zwischen Scianca-Ferro und Leone begonnen, in der Zukunft nie ohne Einen der Freunde gedacht.

»Mich verlassen?« fragte er also Leone in höchster Verwunderung.

Leone senkte den Kopf und antwortete nicht.

»Mich verlassen?« fuhr Emanuel fort im Tone des tiefsten Schmerzes. »Du mich verlassen? Das ist nicht möglich.«

»Es muß seyn,« antwortete Leone kaum vornehmlich.

Emanuel legte die Hand auf die Stirn, blickte nach dem Altar und ließ die Arme schlaff herabhängen.

In einigen Augenblicken hatte er sich, hatte er Gott gefragt, und da er keine Antwort erhalten, verließ ihn der Muth.

»Mich verlassen!« wiederholte er zum dritten Male, als könne er sich an das Wort gar nicht gewöhnen. »Ich habe Dich sterbend gefunden, Leone, ich habe Dich aufgenommen, wie mir von der Vorsehung selbst zugesandt… ich habe Dich behandelt wie einen Bruder und…«

»Eben deshalb, gnädiger Prinz, weil ich Euch zu viel verdanke und weil ich Euch nichts vergelten kann, wenn ich hier bleibe, deshalb möchte ich mein Leben lang nur für meinen Wohlthäter beten.«

»Für mich beten?« fragte Emanuel immer mehr erstaunt. »Wo das?«

»In irgend einem Kloster, das mir ein weit geeigneterer Platz für einen armen Verwaisten zu seyn scheint als der, welchen ich an diesem glänzenden Hofe einnehme.«

»Ach, meine Mutter, meine arme Mutter!« flüsterte Emanuel. »Du liebtest ihn so sehr, was würdest Du sagen, wenn Du ihn jetzt hörtest?«

»Vor Gott, der uns hört und sieht,« sagte Leone feierlich, indem er die Hand des Prinzen ergriff, »vor Gott, der uns hört, sie würde sagen, daß ich Recht thue.«

Es lag ein solcher Ton der Wahrheit, eine solche Ueberzeugung des Gewissens in der Antwort Leone’s, daß Emanuel erschüttert wurde.

»Leone,« sagte er, »thue was Du willst, es steht Dir frei… Ich habe versucht, dein Herz zu fesseln, aber nie wird es mir in den Sinn kommen deinen Körper zu fesseln… Nur bitte ich Dich, übereile Dich nicht mit deinem Vorsatze… Nimm Dir einen Monat Bedenkzeit…«

Leone schüttelte den Kopf.

»Nimm acht Tage, nimm…«

»Ach,« unterbrach ihn Leone, »ach, Emanuel, wenn ich nicht gehe in dem Augenblicke, da mir Gott die Kraft dazu gibt, gehe ich nimmer und ich sage,« setzte er schluchzend hinzu, »ich muß fort.«

»Aber warum? Warum mußt Du fort?« fragte Philibert.

Auf diese Frage antwortete Leone nur mit einem unerschütterlichen Schweigen, wie schon bei zwei frühern Gelegenheiten, als nemlich in Oleggio die Herzogin ihn nach seinen Eltern und seiner Geburt gefragt hatte und dann als Emanuel hatte wissen wollen, warum er den Diamantring von Carl V. nicht angenommen.

Der Prinz wollte weiter in ihn dringen, als er Tritte in der Kirche hörte.

Es war ein Diener seines Vaters, der ihn suchte und ihm meldete, der Herzog Carl wünsche sogleich mit ihm zu sprechen. Man habe wichtige Nachrichten aus Frankreich erhalten.

»Du siehst, Leone,« sagte Emanuel, »ich muß Dich jetzt verlassen. Heute Abend werde ich Dich wiedersehen und wenn Du bei deinem Beschlusse verharrst, nun – so bist Du frei, Du magst mich morgen, noch in der Nacht verlassen, wenn Du glaubst, nicht länger bei mir bleiben zu dürfen.«

Leone antwortete nicht; er sank mit tiefem Seufzen auf seine Knie und man hätte meinen können, sein Herz breche.

Emanuel entfernte sich, aber ehe er die Kirche verließ, drehte er sich zwei- dreimal um, als wolle er sehen, ob Leone ihn so ungern scheiden sehe, wie er von ihm gehe.

Leone blieb noch eine Stunde im Gebete, dann begab er sich ruhiger in sein Zimmer.

In Abwesenheit Emanuels, vor dem er schwankte, richtete sich sein Vorsatz fast wieder auf; aber der Gedanke beunruhigte ihn, daß Emanuel jeden Augenblick noch einmal kommen könne, um einen letzten Versuch zu machen.

Er erschrak bei jedem Geräusch, das er aus der Treppe hörte.

Zwei Stunden vergingen… da machte sich ein Tritt bemerklich… Diesmal konnte Leone nicht irren, es war der Tritt Emanuels.

Die Thür öffnete sich, Emanuel trat ein.

Er war traurig und doch glänzte bei dieser Trauer ein Strahl der Freude.

»Nun, Leone,« fragte er, als er die Thür verschlossen und indem er auf den Freund zutrat, »hast Du nachgedacht?«

»Gnädiger Prinz,« antwortete Leone, »als Ihr mich verließet, hatte ich nicht weiter nachzudenken.«

»So bleibst Du bei deinem Vorsatze mich zu verlassen?«

Leone hatte nicht die Kraft zu antworten, aber er nickte.

»Und nur,« fragte Emanuel mit schwermüthigem Lächeln, »weil ich ein großer Fürst seyn und einen glänzenden Hof haben werde?«

Leone neigte nochmals den Kopf.

»Nun,« sprach Emanuel mit einer gewissen Bitterkeit, »über diesen Punkt beruhige Dich: ich bin jetzt ärmer als ich es je gewesen.«

Leone richtete rasch den Kopf empor und Emanuel konnte in den schönen Augen die Veränderung durch die Thränen glänzen sehen.

»Der zweite Sohn Franz I., der Herzog von Orléans, ist gestorben,« fuhr Emanuel fort, »so daß der Vertrag von Crespy aufgehoben ist…«

»Und?« fragte Leone, der Emanuel mit allen Muskeln seines Gesichtes fragte.

»Und da der Kaiser Carl V., mein Oheim, das Herzogthum Mailand meinem Vetter Franz I. nicht gibt, so wird dieser meinem Vater das Land nicht herausgeben.«

»Und,« fragte Leone in dem Tone, unbeschreiblicher Hast, »und die Heirath mit der Tochter des Königs Ferdinand, die Heirath, welche der Kaiser vorgeschlagen hat?«

»Armer Leone,« antwortete Emanuel, »der, welchem der Kaiser seine Nichte geben wollte, war der Herzog von Savoyen, der Fürst von Piemont, kurz ein gekrönter Gemahl, nicht aber der arme Emanuel Philibert, der, von allen seinen Staaten nichts mehr besitzt als die Stadt Nizza, das Thal Aosta und drei oder vier Güter hier und da in Savoyen und Piemont.

»Ach!« rief Leone mit einem Gefühle der Freude, die er unmöglich unterdrücken konnte.

Aber fast in demselben Augenblicke gewann er die Selbstbeherrschung wieder, die ihm hatte entschlüpfen wollen, und er sagte:

»Gleichviel, nichts darf geändert werden in dem, was beschlossen war.«

»Also,« fragte Emanuel, trauriger über den Entschluß des Freundes als über die Nachricht von dem Verluste seines Landes, »also verlässest Du mich doch?«

»Wie es gestern eine Nothwendigkeit war, so ist es noch heute.«

»Gestern, Leone, war ich reich und mächtig, ich hatte eine Herzogskrone auf dem Haupte, heute bin ich arm und machtlos und habe nichts mehr, als meinen Degen. Als Du gestern von mir gehen wolltest, Leone, warst Du nur grausam, wenn Du heute noch gehst, bist Du undankbar, Leone.«

»Undankbar?« wiederholte Leone. »Mein Gott, Du hörst es! Er sagt, ich sey undankbar!«

Da der Prinz sich anschickte mit gerunzelter Stirn und finsterem Auge fortzugehen, rief Leone:

»Ach, Emanuel, Emanuel, gehe nicht so von mir… ich würde daran sterben.«

Emanuel drehte sich um und sah, daß Leone mit nach ihm ausgebreiteten Armen dastand, bleich, wankend, einer Ohnmacht nahe.

Er eilte zu ihm, er hielt ihn in seinen Armen und drückte in einem ihm selbst unerklärlichen unwiderstehlichen Drange seine Lippen auf die Lippen Leone’s.

Leone stieß einen schmerzlichen Schrei aus, als sey er von einem glühenden Eisen berührt worden und wurde ohnmächtig.

Der Haftel am Kragen schnürte ihm die Kehle zusammen, Emanuel machte ihn auf und da Leone ersticken zu müssen schien, riß er ihm mit einem kräftigen Rucke alle Knöpfe des Wammses auf.

Da aber stieß er einen Schrei aus, nicht einen Schrei des Schmerzes, sondern der Ueberraschung, des Staunens, der Freude.

Leone war ein Mädchen.

Als die Ohnmacht vorüber, war auch Leone verschwunden und Leona die Geliebte Emanuel Philiberts.

Nun war nicht mehr die Rede davon, den Geliebten zu verlassen, dem ohne ein Wort der Erläuterung alles erklärt war: Traurigkeit, Liebe zur Einsamkeit und der Wunsch zu entfliehen. Leona hatte, als sie erkannte, daß sie den Prinzen liebe, sich von ihm trennen wollen, aber so bald Emanuel ihre Liebe theilte, gab sie ihm ihr Leben hin.

Für Alle, selbst Scianca-Ferro, blieb der Page Leone… ein junger Mann.

Nur für Emanuel Philibert war Leone ein schönes junges Mädchen und hieß Leona.

Als Prinz hatte Emanuel Philibert Bresse, Piemont und Savoyen mit Ausnahme von Nizza, Vercelli und dem Thale Aosta verloren, als Mann dagegen hatte er nichts verloren, da ihm Gott Scianca-Ferro und Leona gab, d. h. die beiden kostbarsten Geschenke, welche Gott in seiner himmlischen Güte seinen Auserwählten gewähren kann: hingebende Freundschaft und Liebe.




X.

Die drei Botschafter


Erwähnen wir nun mit wenigen Worten was in der Zeit zwischen dem, was wir eben erzählten, und dem, was wir von nun an zu erzählen haben, vorgegangen war.

Emanuel Philibert hatte zu Leone gesagt, es bleibe ihm nichts mehr als sein Degen.

Der Bund der Protestanten in Deutschland, welcher durch den Churfürsten Johann Friedrich von Sachsen angeregt worden war, gab dem jungen Prinzen die Gelegenheit, Carl V. seinen Degen anzubieten.

Diesmal wurde er angenommen.

Die protestantischen Fürsten stellten die Ansicht auf, daß, so lange der Kaiser lebe, dessen Bruder Ferdinand nicht König von Rom seyn könne.

Der Bund bildete sich in der kleinen Stadt Schmalkalden, von der er auch den Namen hat.

Heinrich VII. hatte Bedenklichkeiten gehabt und war dem Bunde nicht beigetreten, Franz I. dagegen schloß sich demselben bereitwillig an.

Es war schon etwas Altes, da er sich vom 22. December 1530 her schrieb.

Wenn auch Soliman dem Bunde nicht eigentlich angehörte, so unterstützte er ihn doch dadurch, daß er 1532 Messina belagerte.

Carl V. war mit einem Heere von neunzigtausend Mann Fußvolk und dreißigtausend Reitern gegen ihn gezogen und hatte ihn genöthigt die Belagerung aufzuheben.

Er hatte ferner, mit Beihilfe der Pest, das Heer Franz I. in Italien vernichtet und die Folge davon war auf der einen Seite der Vertrag von Cambrai vom 5. August 1529, auf der andern jener von Nürnberg vom 23. Juli 1532 gewesen, welche Europa auf einige Zeit wieder den Frieden gaben.

Die Dauer der mit Franz I. geschlossenen Verträge kennt man schon. Der Vertrag von Nürnberg wurde gebrochen, und der schmalkaldische Bund, der alle seine Kräfte hatte sammeln können, regte sich.

Der Kaiser marschirte in eigener Person gegen die Verbündeten, denn das, was in Deutschland vorging, schien ihn immer näher anzugehen als das, was anderswo geschah. Carl V. erkannte, daß seit dem Verfalle der pästlichen Macht die größte Macht der Erde das Reich sey.

Unter solchen Umständen reiste Emanuel Philibert am 27. Mai 1545 nach Worms ab, wo sich der Kaiser befand. Den jungen Prinzen begleitete wie immer Scianca-Ferro und Leone.

Auch folgten ihm vierzig Herren.

Das war die ganze Armee, welche derjenige in seinen Staaten hatte ausheben und seinem Schwager senden können, welcher auf immer Herzog von Savoyen, Chablais und Aosta, Fürst von Piemont, Achaja und Morea, Graf von Genf, Nizza, Bresse und Romond, Freiherr von Waadt, Gex und Faucigny, Herr von Vercelli, Beaufort, Bugey und Freiburg, Fürst und erblicher Verweser des Reiches, Marchese von Italien und König von Cypern hieß.

Carl V. nahm seinen Neffen sehr freundlich auf und gestattete, daß man denselben in seiner Gegenwart Majestät nenne wegen des Königreichs Cypern, auf welches sein Vater Ansprüche zu haben glaubte.

Emanuel vergalt diese Aufnahme dadurch, daß er in der Schlacht von Ingolstadt und Mühlberg Wunder der Tapferkeit that.

Diese letztere Schlacht beendigte den Kampf; zehn von von den vierzig Edlen, die Emanuel Philibert mit sich gebracht hatte, fehlten Abends, sie waren todt oder verwundet.[1 - Was Scianca-Ferro betrifft, hatte er mitten in der Schlacht den Kurfürsten Johann Friedrich an seinem gewaltigen friesischen Ross, seiner riesigen Gestalt und an den fürchterlichen Hieben erkannt, die er austeilte, und hatte sich besonders an ihn gehalten.]

Scianca-Ferro hätte in dieser Schlacht seinen Namen verdient, wenn er ihn nicht bereits gehabt.[2 - Mit einem gewaltigen Hieb seiner Schlachtaxt hatte er zunächst dem Prinzen den rechten Arm gebrochen, dann mit einem schneidenden Hieb zugleich Helm und Antlitz zerteilt, so daß, als der so Gefangene das Visier vor dem Kaiser hob, er gezwungen war, seinen Namen zu nennen, denn sein Antlitz war nur noch eine Schreck erregende Wunde.]

Einen Monat vorher war Franz I. gestorben. Auf dem Sterbebette hatte er seinem Sohne gesagt, alles Unglück Frankreichs sey von seinem Bündnisse mit den Protestanten gekommen, er hatte erkannt, Carl V. habe Gott, den Allmächtigen, für sich und deshalb dem künftigen Könige von Frankreich empfohlen, in Frieden mit dem Kaiser zu leben.

So folgte eine Ruhezeit, in welcher Emanuel Philibert seinen Vater in Vercelli besuchte. Das Wiedersehen war ein sehr zärtliches und liebreiches, der Herzog von Savoyen schien zu ahnen, daß er seinen Sohn zum letzten Male in seine Arme schließe.

Die Empfehlung Franz I. an Heinrich II. schlug keine tiefen Wurzeln in den Herzen dieses Königs ohne militärisches Genie, aber voll Kriegslust, und der Krieg begann von neuem in Italien wegen der Ermordung des Herzogs von Piacenza, Paul Ludwig Farnese, ältesten Sohnes Pauls III.

Er wurde 1548 in Piacenza durch Pallavicini, Landi, Anguisciola und Gonfalonieri ermordet, welche gleich darauf die Stadt an Ferdinand von Gonzaga, den Statthalter Carls V. in Mailand, übergaben.

Auf der andern Seite hatte Octavio Farnese, der zweite Sohn Pauls III., Parma’s sich bemächtigt und, um dasselbe nicht wieder herausgeben zu müssen, den Schutz des Königs Heinrich II. von Frankreich angerufen.

Bei Lebzeiten Pauls III. noch hatte Carl V. nicht aufgehört Parma und Piacenza als zu dem Herzogthume Mailand gehörige Städte zu reclamiren. Man erinnert sich der Streitigkeiten, die es deswegen in Nizza mit Papst Paul III. gegeben hatte. Es gehörte nicht viel mehr dazu, den Krieg von neuem zu entzünden, der gleichzeitig, in Italien und den Niederlanden ausbrach.

In Flandern, wie immer, brachte Carl V. die größte Macht zusammen; nach Norden also haben sich im Anfange dieses Buches unsere Augen gewendet, welche Emanuel Philibert suchten.

Wir haben erzählt, daß der Kaiser nach der Belagerung von Metz und nach der Einnahme von Thérouanne und Hesdin seinem Neffen aufgetragen, die letztere Stadt wieder aufzubauen und ihn zu gleicher Zeit zum Oberbefehlshaber seines Heeres in Flandern wie zum Statthalter in den Niederlanden ernannt hatte.

Gleichsam um dieser großen Ehre ein Gegengewicht zu geben, war das Herz Emanuel Philiberts von einem tiefen Schmerze betroffen worden.

Am 17. September 1553 war sein Vater, der Herzog von Savoyen, gestorben.

Mit dem Range als Oberbefehlshaber und mit der Trauer über den Tod seines Vaters, die er zwar nicht in seiner Kleidung zeigte wie Hamlet, die aber in seinen Zügen lag, sahen wir ihn von dem kaiserlichen Lager aus erscheinen und wir sehen ihn dahin zurückkehren, nachdem er als strenger Richter gehandelt hatte.

Ein Bote des Kaisers Carl V. erwartete ihn vor seinem Zelte, der Kaiser wünschte augenblicklich mit ihm zu sprechen.

Emanuel stieg sogleich ab, warf den Zügel seines Pferdes einem seiner Leute zu, nickte seinem Knappen und Pagen zu, um ihnen anzudeuten, daß er sich von ihnen so lange nur entferne, als ihn der Kaiser bei sich behalte, schnallte den Schwertgurt ab und nahm das Schwert unter den Arm, wie er es immer zu thun pflegte, wenn er zu Fuße ging und zwar, um es sogleich bei der Hand zu haben, sobald er genöthiget werde, davon Gebrauch zu machen. So schritt er nach dem Zelte des modernen Cäsars hin.

Die Wache präsentirte vor ihm und er trat hinter dem Boten ein, welcher dem Kaiser seine Ankunft zu melden hatte.

Das Zelt des Kaisers war in vier Abtheilungen getheilt, ungerechnet eine Art Vorzimmer oder Halle mit vier Säulen.

Eine der vier Abtheilungen des Kaiserzeltes diente als Speisezimmer, eine als Empfangszimmer, eine als Schlafzimmer und eine als Arbeitszimmer.

Eine jede war durch das Geschenk einer Stadt möblirt und durch die Trophäe eines Sieges geschmückt.

Die einzige Trophäe in dem Schlafzimmer des Kaisers war der Degen Franz I., welcher über dem Bette hing. Es war eine einfache Trophäe, aber in den Augen Carls V. hatte der Degen, den er selbst in das Kloster Saint-Just mitnahm, mehr werth als die Trophäen in den andern Gemächern zusammengenommen.

Der, welcher diese Zeilen schreibt, hat oftmals mit traurigem Blicke nach der Vergangenheit diesen Degen gehalten und herausgezogen, welchen Franz I. geführt und an den Sieger übergeben, Carl V. empfangen und Napoleon zurückgenommen hatte.

O, wie nichtig sind die Dinge dieser Welt! Der Degen war fast die alleinige Mitgift einer schönen Prinzessin und ist nun das Eigenthum des Urenkels eines Dieners Catharina’s II.

O Franz I.! O Carl V.! O Napoleon!

In dem Vorzimmer bemerkte Emanuel Philibert mit jenem Feldherrnblicke, der Alles sofort überschaut, einen Mann, dem die Hände auf dem Rücken zusammengebunden waren und den vier Soldaten bewachten.

Der Gebundene trug Bauernkleidung, Emanuel Philibert glaubte aber zu bemerken, daß weder das Haar noch die Gesichtsfarbe des Mannes zu der Kleidung paßten.

Er glaubte deshalb, man habe einen französischen Spion ergriffen und der Kaiser habe ihn dieses Spions wegen rufen lassen.

Carl V. befand sich in seinem Arbeitscabinet und der Herzog wurde eingeführt, sobald er angemeldet war.

Carl V. war, da er mit dem 16. Jahrhundert geboren worden, damals ein Mann von fünfundfünfzig Jahren, klein von Gestalt aber kräftig; sein lebhaftes Auge glänzte unter den Brauen hervor, wenn nicht der Schmerz diesen Glanz erlöschte; sein Haut begann zu ergrauen, sein mehr dichter als langer Bart aber war brennendroth geblieben.

Er lag auf einer Art türkischen Diwans, der mit orientalischen Stoffen aus dem Zelte Solimans vor Wien bedeckt war… Unweit von seiner Hand glänzte eine Trophäe von arabischen Säbeln und Dolchen.

Er hatte sich in einen langen mit Marder gefütterten Schlafrock von schwarzem Sammt gehüllt; sein Gesicht war finster und er schien mit Ungeduld auf Emanuel Philibert zu warten.

In dem Augenblicke aber, als man ihm die Ankunft des Herzogs meldete, verschwand dieser Ausdruck der Ungeduld, wie vor dem Winde die Wolke schwindet, welche das Tageslicht verdunkelte. In einer vierzigjährigen Regierungszeit hatte der Kaiser sein Gesicht zu beherrschen gelernt und Niemand übertraf ihn in dieser Kunst.

Emanuel Philibert erkannte trotzdem auf den ersten Blick, daß der Kaiser von wichtigen Dingen mit ihm zu sprechen gedenke.

Carl V. wendete, als er seinen Neffen bemerkte, das Gesicht nach ihm hin, machte eine Anstrengung seine Stellung zu ändern und grüßte ihn mit einer Bewegung der Hand und des Kopfes freundschaftlich.

Emanuel Philibert verbeugte sich ehrerbietig.

Der Kaiser begann das Gespräch italienisch. Er bedauerte es sein Leben lang, daß er nie griechisch und lateinisch habe erlernen können, sprach aber gleich gut fünf lebende Sprachen, nemlich italienisch, spanisch, englisch, deutsch und französisch.

Er selbst soll über den Gebrauch dieser fünf Sprachen gesagt haben:

»Ich lernte italienisch, um mit dem Papste zu sprechen, spanisch, um mit meiner Mutter Johanna zu reden, englisch, um mit meiner Tante Catharina zu sprechen, deutsch, um mit meinen Landsleuten und Freunden sprechen zu können und französisch, um mit mir selbst zu sprechen.«

So dringend es auch seyn mochte, mit den Personen, die er zu sich bescheiden ließ, von seinen Angelegenheiten zu sprechen, so begann der Kaiser doch stets mit denen der Andern.

»Nun,« fragte er italienisch, »was Neues im Lager?«

»Sire,« antwortete Emanuel Philibert in der Sprache, deren Carl V. sich bedient hatte und die ja seine Muttersprache war, »etwas, das Ew. Majestät doch bald erfahren würden, wenn ich es nicht selbst meldete. Ich bin genöthigt gewesen, ein Exempel zu statuiren, damit man meinen Titel und eure Autorität achte.«

»Ein großes Exempel?« fragte der Kaiser zerstreut, der bereits mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt war.

»Welches?«

Emanuel Philibert begann die Erzählung dessen was zwischen ihm und dem Grafen von Waldeck geschehen war; wie wichtig aber auch die Sache war; Carl V. hörte sie offenbar sehr zerstreut an.

»Gut!« sagte er zum dritten Male als Emanuel Philibert zu Ende gekommen war. Offenbar aber hatte er von dem Berichte seines Feldherrn kein Wort vernommen.

In der ganzen Zeit, welche die Erzählung währte, hatte der Kaiser, wahrscheinlich um seine Zerstreutheit zu verbergen, auf die von der Gicht verdrehten Finger seiner rechten Hand gesehen und dieselben mit Anstrengung bewegt.

Die Gicht! Sie war die eigentliche Feindin Carls V. und weit erbitterter gegen ihn als Soliman, Franz I. und Heinrich II.

Die Gicht und – Luther ließen ihm fast keine Ruhe.

Er stellte deshalb auch Beide gleich.

»Ach,« sagte er oft, indem er seinen rothen Bart faßte, wenn er ermüdet von einem langen Ritte oder von einer heißen Schlacht vom Pferde stieg, »ach, wie wollte ich diese Nacht schlafen, wenn die Gicht und Luther nicht wären!«

Zwischen der Erzählung Emanuel Philiberts und der Wiederaufnahme des Gesprächs durch den Kaiser trat eine Pause ein.

»Ich habe Dir auch, Nachrichten mitzutheilen,« sagte er endlich, »schlechte Nachrichten.«

»Woher, kaiserliche Majestät?«

»Von Rom.«

»Ist der Papst erwählt?«

»Und wie heißt er?«

»Pietro Caraffa. Der, welchen er ersetzt, war genau in meinem Alter, Emanuel, in demselben Jahre mit mir geboren. Armer Marcellus! Sagt mir sein Tod nicht, daß auch ich mich zum Sterben vorzubereiten habe?«

»Sire,« antwortete Emanuel, »ich glaube, Ihr dürfet den Tod des Papstes Marcellus nicht wie einen gewöhnlichen Todesfall ansehen. Marcello Corrino, der Cardinal, war gesund und rüstig und wäre vielleicht hundert Jahre alt geworden. Als er Papst geworden, starb er nach zwanzig Tagen.«

»Ja, ich weiß,« sagte Carl V. nachdenklich, »er beeilte sich wohl zu sehr Papst zu werden. Er ließ sich die dreifache Krone am Charfreitage aufsetzen, also an dem Tage, an welchem unser Herr die Dornenkrone trug. Das wird ihm Unglück gebracht haben, auch denke ich weniger an diesen Tod als an die Wahl Pauls IV.«

»Und doch, Sire,« entgegnete Emanuel, »ist Paul IV. wenn ich nicht irre, ein Neapolitaner, folglich ein Unterthan Ew. Majestät.«

»Ja, ohne Zweifel, aber man hat mir immer schlechte Berichte von diesem Cardinal gesandt, und so lange er persönlich an dem spanischen Hofe war, hatte ich mich über ihn zu beklagen. Ach,« fuhr Carl V. mit dem Ausdrucke der Ermüdung fort, »ich werde mit ihm den Kampf von neuem anfangen müssen, den ich seit zwanzig Jahren mit seinen Vorgängern führe, und und ich bin am Ende meiner Kräfte.«

»Ach, Sire…«

Carl V. versank in Gedanken, aber sehr bald raffte er sich auf.

»Uebrigens,« setzte er hinzu, als wenn er mit sich selbst spräche und seufzend, »täuscht er mich, wie die andern Päpste mich getäuscht haben. Sie sind fast immer das Gegentheil von dem, was sie als Cardinale waren. Ich hielt den Medici, den Clemens VII., für einen friedfertigen, festen und beständigen Mann; man ernennt ihn zum Papst, und es zeigt sich, daß ich mich in allen Punkten geirrt habe, er ist unruhig, streitsüchtig und wankelmüthig. Dagegen hatte ich mir eingebildet, Julius III. werde seine Angelegenheiten über den Vergnügungen vernachlässigten und nur an Feste und Unterhaltungen denken. Peccato! Es gab kaum einen fleißigeren, aufmerksameren und weniger an Freuden dieser Welt denkenden Papst. Was hat er und sein Cardinal Polus uns wegen der Heirath Philipps II. mit seiner Cousine, Marie Tudor, zu schaffen gemacht! Härten wir den tollen Polus in Innsbruck nicht festnehmen lassen, wer weiß, ob die Heirath zu Stande gekommen wäre. Armer Marcell,« sagte der Kaiser mit einem zweiten noch ausdrucksvolleren Seufzer, »nicht weil Du Dich am Charfreitage krönen ließest, lebtest Du nur noch zwanzig Tage, sondern weil Du mein Freund warst!«

»Lassen wir die Zeit das Ihrige thun, kaiserliche Majestät,« sagte Emanuel Philibert. »Ihr gesteht selbst, daß Ihr Euch in Clemens VII. und Julius III. täuschtet; vielleicht täuschet Ihr Euch auch über Paul IV.«

»Gott gebe es! Ich zweifle.«

Man hörte Geräusch draußen.

»Was gibt es?« fragte Carl V. ungeduldig, »ich hatte doch gesagt, man solle uns nicht stören. Sieh doch zu, Emanuel, was es ist.«

Emanuel hob die Draperie, welche vor dem Eingange hing, wechselte eine Frage und Antwort mit den Personen, die in dem anstoßenden Raume sich befanden, wendete sich dann zu dem Kaiser und sagte:

»Sire, ein Courier, der aus Spanien ankommt, von Tordesillas.«

»So laß ihn eintreten; gewiß Nachrichten von meiner guten Mutter.«

Der Eilbote erschien.

»Nicht wahr,« fragte Carl V. spanisch, »Nachrichten von meiner Mutter?«

Der Bote reichte, ohne zu antworten, einen Brief Emanuel Philibert, der ihn nahm.

»Gib her, Emanuel,« sagte der Kaisers »sie befindet sich wohl, nicht wahr?«

Der Bote gab auch diesmal keine Antwort.

Emanuel seinerseits zögerte den Brief dem Kaiser zu übergeben: er war schwarz gesiegelt.

Carl V. sah das Siegel und er zitterte.

»Da bringt mir die Wahl Pauls IV. schon Unglück!« sagte er. »Gib her, Kind,« fuhr er fort, indem er die Hand ausstreckte.

Emanuel gehorchte.

»Kaiserliche Majestät,« sagte er, »gedenke, daß Du Mensch bist.«

»Ja,« entgegnete Carl V., »so sagte man zu den ehemaligen Triumphatoren.«

Und zitternd erbrach er das Schreiben.

Es enthielt nur einige Zeilen, und doch fing der Kaiser das Lesen zwei- oder dreimal an.

Thränen trübten seinen Blick; die von dem Ehrgeize ausgetrockneten Augen wunderten sich selbst über das Wunder, noch einmal Thränen zu finden.

Als er gelesen hatte, reichte er das Schreiben Emanuel Philibert und legte sich auf den Diwan zurück.

»Todt!« sagte er. »Gestorben am 13. April 1555, gerade an dem Tage, an welchem Pietro Caraffa zum Papste erwählt wurde! Ich sagte Dir, mein Sohn, dieser Mann bringe mir Unglück.«

Emanuel hatte in das Schreiben geblickt; es war von dem königlichen Notar von Tordesillas unterzeichnet und meldete in der That den Tod Johanna’s von Castilien, der Mutter Carls V., die in der Geschichte bekannter ist als Johanna die Wahnsinnige.

Einen Augenblick stand er unbeweglich vor diesem großen Schmerze, und er wußte nicht, wo er ihn berühren sollte, denn Carl V. liebte seine Mutter über Alles.

»Kaiserliche Majestät,« sagte er endlich, »erinnere Dich was Du mir sagtest, als auch ich vor zwei Jahren das Unglück hatte meinen Vater zu verlieren.«

»Ja, ja, man spricht so,« entgegnete der Kaisers »man findet Gründe Andere zu trösten; wenn dann die Reihe an uns selbst kommt, vermögen wir uns selbst nicht zu trösten.«

»Ich tröste Dich auch nicht, Majestät,« sagte Emanuel, »im Gegentheil, ich sage: weine, weine, denn Du bist auch nur ein Mensch.«

»Welch schmerzenreiches Leben hat sie gelebt, Emanuel!« fuhr Carl V. fort. »Im Jahre 1496 vermählte sie sich mit meinem Vater, Philipp dem Schönen; sie liebte ihn über Alles. Im Jahre 1506 starb er, vergiftet durch ein Glas Wasser, das er beim Ballspiel trank, und sie wurde geisteskrank vor Schmerz. Seit fünfzig Jahren wartete sie auf das Wiederauferstehen ihres Gatten, das ihr ein Mönch zu ihrem Troste versprochen hatte, und seit fünfzig Jahren hatte sie Tordesillas nicht verlassen, außer als sie, 1517, mir nach Villaviciosa entgegenkam und mir selbst die spanische Krone aufsetzte. Obwohl sie geisteskrank war aus Liebe zu ihrem Gatten, fand sie doch den Verstand wieder, wenn sie sich mit mir, ihrem Sohne, beschäftigte. Die arme Mutter! Meine Achtung gegen sie wird aber meine ganze Regierung bezeugen. Seit vierzig Jahren ist in Spanien nichts Wichtiges geschehen, ohne daß man ihren Rath gehört hat; freilich konnte sie ihn nicht immer geben, aber es war meine Pflicht, sie darum anzugehen. Weißt Du, daß sie, obgleich Spanierin, nach Flandern kam, um da von mir entbunden zu werden, damit ich einst an der Stelle Maximilians Kaiser werden könne? Weißt Du, daß sie trotz ihrer Mutterliebe es aufgab, mich selbst zu nähren, damit man mir nicht nachsage, ich sey zu sehr Spanier, weil ich ihre Milch getrunken! Und in der That waren die beiden Hauptgründe, denen ich die Kaiserkrone verdankte, die, daß ich von Anna Sterel gestillt worden und Bürger von Gent war. Siehst Du, schon vor meiner Geburt hatte meine Mutter für alles das gesorgt. Was kann ich für sie nach ihrem Tode thun? Ein prächtiges Begräbniß ihr geben, und das soll sie haben. Ach, Kaiser von Deutschland, König von Spanien, Neapel, Sicilien und den beiden Indien zu seyn, ein Reich zu besitzen, in welchem die Sonne nie untergeht, wie meine Schmeichler sagen, und der verstorbenen Mutter doch nichts gewähren zu können als ein pomphaftes Leichenbegräbniß! Emanuel, die Macht auch des mächtigsten Menschen ist doch sehr beschränkt!«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Zeltthür vom neuem und in der Oeffnung erblickte man einen staubbedeckten Offizier, welcher ebenfalls eilige Nachrichten zu bringen schien.

Der Ausdruck des Gesichtes des Kaisers war so schmerzlich, daß der Diener, welcher der Dringlichkeit der Nachrichten wegen es über sich genommen hatte, gegen die erhaltenen Befehle zu handeln und zu dem Kaiser einzutreten, verwundert und bestürzt stehen blieb.

Aber Carl V. hatte den staubbedeckten Offizier gesehen.

»Tretet ein,« redete er ihn deutsch an, »was gibt es?«

»Kaiserliche Majestät,« sagte der Offizier nach einer Verbeugung, »der König Heinrich II. ist mit drei Heerhaufen ins Feld gerückt; der erste steht unter ihm selbst und dem Connétable Montmorency, der zweite unter dem Marschall St. André und der dritte unter dem Herzog von Nevers.«

»Nun und…?« fragte der Kaiser.

»Der König von Frankreich hat Marienburg belagert und genommen und rückt jetzt gegen Bouvines.«

»Wann hat er Marienburg belagert?« fragte Carl V.

»Am 13. April, Sire.«

Carl V. wendete sich an Emanuel Philibert und fragte diesen französisch:

»Was sagst Du zu diesem Tage?«

»Es ist in der That seltsam,« antwortete dieser.

»Schon gut,« sagte der Kaiser zu dem Boten, »geht.«

Zudem Diener aber setzte er hinzu: »Man sorge für den Capitän, als wenn er dem Kaiser eine gute Nachricht überbracht hätte.«

Diesmal wartete Emanuel Philibert nicht bis der Kaiser ihn fragte. Ehe noch der Thürvorhang niedergefallen war, nahm er das Wort und sagte:

»Wenn wir auch, kaiserliche Majestät, gegen die Wahl Pauls IV. und gegen den Tod Eurer vielgeliebten Mutter nichts thun können, so vermögen wir doch gegen die Einnahme von Marienburg etwas zu unternehmen.«

»Was vermögen wir?«

»Es wieder zu nehmen.«

»Ja Du kannst es, Emanuel, ich nicht.«

»Ihr nicht?« fragte der Fürst von Piemont.

Carl V. erhob sich von dem Diwan, stand auf, versuchte zu gehen und that hinkend einige Schritte.

Er schüttelte den Kopf, wendete sich wieder zu seinem Neffen und sagte:

»Da siehe meine Beine; sie halten mich nicht mehr, ich mag gehen oder reiten wollen; siehe meine Hände, sie vermögen nicht mehr ein Schwert zu halten. Das ist ein Fingerzeig, Emanuel. Wer das Schwert nicht mehr halten kann, vermag auch das Scepter nicht mehr zu führen.«

»Was sagt Ihr, Sire?«

»Etwas, worüber ich schon lange nachgedacht habe und worüber ich noch viel denken werde. Emanuel, Alles deutet darauf hin, daß es Zeit sey, meinen Platz einem Andern zu überlassen. Der Ueberfall von Innsbruck, von wo ich halbbekleidet entfliehen mußte; der Rückzug von Metz, wo ich den dritten Theil meines Heeres und die Hälfte meines Rufes ließ und mehr als alles das, siehst Du, das Leiden, dem die menschlichen Kräfte nicht lange widerstehen werden, das Leiden, welches kein Arzt heilen kann, das schreckliche, unerbittliche, grausame Leiden, das meinen Körper von dem Scheitel bis zur Fußsohle durchzieht und keinen Theil gesund läßt, das mir die Nerven in unerträglichen Schmerzen zusammenzieht, durch die Knochen dringt, das Mark erkältet und in feste Kreide das wohlthätige Oel verwandelt, welches die Natur in unsere Gelenke gebracht hat, damit sie sich leichter bewegen, – das Leiden, welches den Menschen Glied nach Glied schmerzlicher und sicherer verstümmelt, als es das Eisen thut oder das Feuer, das die Heiterkeit die Kraft und die Freiheit des Geistes unter den Qualen zerstört, das Leiden ruft fortwährend: Genug der Gewalt, genug der Regierung, genug der Macht! Kehre in das Nichts des Lebens zurück, bevor Du in das Nichts des Grabes sinkest! Carl, von Gottes Gnaden römischer Kaiser, Carl, König von Deutschland, Castilien, Leon, Granada, Aragonien, Neapel, Sicilien, Majorca, Sardinien, den Inseln von Indien, Beherrscher des Meeres, überlasse Alles einem Andern!«

Emanuel wollte sprechen, der Kaiser aber winkte.

»Und dann,« fuhr er fort, »habe ich noch etwas Dir zu sagen vergessen. Als ob die Auflösung dieses armen Körpers den Wünschen meiner Feinde zu langsam erfolge, als ob ich an den Niederlagen, Ketzereien und der Gicht nicht schon genug hätte, mischt sich auch noch der Dolch ein.«

»Der Dolch?« wiederholte Emanuel.

Das Gesicht Carls V. verdüsterte sich.

»Man hat heute den Versuch gemacht mich zu ermorden,« sagte er.

»Man wollte Ew. Majestät ermorden?« fragte Emanuel erstaunt.

»Warum nicht?« antwortete Carl V. mit finsterem Lächeln. »Hast Du nicht selbst eben mich daran erinnert, daß ich ein Mensch sey?«

»Ah,« fragte Emanuel, der sich von dem Entsetzen über diese Nachricht noch nicht erholt hatte, »und wer ist der Elende?«

»Ja, wer ist der Elende?« wiederholte der Kaiser. »Ich habe den Dolch, aber nicht die Hand.«

»Der Mann, den ich draußen gefesselt sah…?« fragte Emanuel.

»Er ist der Elende, Emanuel, wie Du ihn nennst. Wer aber hat ihn gesandt? Ist er ein Türke? Ich glaube es nicht; Soliman ist ein ehrlicher Gegner. Heinrich II.? Ich habe ihn nicht in Verdacht. Paul IV. Er ist noch nicht lange genug erwählt. Octavio Farnese? Er wird sich nicht an mich wagen, den Kaiseradler, den Moritz nicht zu fangen wagte, weil er, wie er sagte, keinen Käfig groß genug habe ihn einzusperren. Sandten ihn die Lutheraner von Augsburg, oder die Calvinisten von Genf? Ich vermag es nicht zu errathen und doch möchte ich es wissen. Emanuel, der Mann weigerte sich auf meine Fragen zu antworten; nimm ihn mit in dein Zelt, verhöre Du ihn und mache mit ihm was Dir gefällt, ich überlasse ihn Dir. Aber sprechen muß er, verstehst Du? Je mächtiger und näher der Feind mir ist, umso wichtiger ist es, ihn zu kennen.«

Nach einer kurzen Pause richtete er seinen Blick auf Emanuel Philibert, welcher nachdenklich zur Erde blickte.

»Und,« sagte er, »dein Vetter Philipp II. ist in Brüssel angekommen.«

Der Uebergang war so plötzlich, daß Emanuel erschrak. Er blickte auf und sein Blick begegnete dem des Kaisers.

Diesmal schauderte er.

»Nun?« fragte er.

»Nun,« entgegnete Carl V., »ich werde mich freuen, meinen Sohn wieder zu sehen. Könnte man nicht sagen, er errathe, daß der Augenblick günstig und die Stunde gekommen sey, mir zu folgen? Aber ehe ich ihn wiedersehe, Emanuel, empfehle ich Dir meinen Mörder.«

»Nach einer Stunde,« antwortete Emanuel, »wird Ew. Majestät alles wissen, was Ihr zu wissen wünscht.«

Emanuel Philibert verbeugte sich vor dem Kaiser, der ihm die Hand reichte und entfernte sich mit der Ueberzeugung, daß das, wovon Carl V. nur flüchtig zuletzt gesprochen hatte, von allen Ereignissen des Tages das wichtigste sey.




XI.

Odoardo Maraviglia


Im Fortgehen warf Emanuel Philibert noch einen Blick auf den Gefangenen und dieser Blick bestärkte ihn in seinem ersten Gedanken, nemlich, daß er einen Adeligen vor sich habe.

Er winkte einen der vier wachhaltenden Soldaten zu sich.

»Freund,« sagte er, »auf Befehl des Kaisers wirst Du nach fünf Minuten den Gefangenen in mein Zelt bringen.«

Emanuel hätte nicht nöthig gehabt den Namen des Kaisers anzurufen; man wußte, daß dieser alle Macht auf ihn übertragen hatte, und die Soldaten, die ihn liebten, gehorchten ihm, wie sie dem Kaiser selbst gehorcht haben würden.

»Euer Befehl wird vollzogen werden,« antwortete der Mann.

Der Herzog setzte seinen Weg fort nach seinem Zelte.

Dies war nicht wie das des Kaisers prächtig und in vier Gemächer abgetheilt, sondern ein Soldatenzelt, durch Leinwand in zwei Hälften geschieden.

Scianca-Ferro saß vor dem Eingange.

»Bleibe wo Du bist,« sagte Emanuel zu ihm, »aber nimm irgend eine Waffe zur Hand.«

»Warum?« fragte Scianca-Ferro.

»Man wird einen Menschen hierher bringen, welcher den Kaiser zu ermorden versuchte. Ich gedenke ihn unter vier Augen zu verhören; sieh ihn an, wenn er eintritt und wenn er das Wort bricht, das er mir vielleicht gibt, und zu entfliehen versucht, so halte ihn fest, aber lebendig, hörst Du? Es ist von Wichtigkeit, daß er am Leben bleibe.«

»Dann brauche ich keine Waffen und meine Arme genügen.«

»Wie Du willst. Du kennst die Sache.«

» Sey unbesorgt,« antwortete Scianca-Ferro.

Er nannte den Milchbruder noch immer Du oder dieser hatte vielmehr in Erinnerung an die Jugendzeit verlangt, daß ihn Scianca-Ferro Du nenne wie sonst.

Der Fürst trat in sein Zelt und fand da Leone oder vielmehr Leona, die auf ihn wartete.

Da er allein eintrat und die Zeltthür hinter ihm zurücksank, kam Leona ihm mit offenen Armen entgegen.

»Da bist Du endlich! Ach, welchen schrecklichen Anblick hatten wir! Du hattest wohl Recht als Du sagtest, man hätte mich nach meiner Angst und meiner Blässe für ein Mädchen halten können.«

»Leona, solche Auftritte kommen in dem Leben eines Soldaten oft vor, und Du solltest nun daran gewöhnt seyn. Siehe Scianca-Ferro an,« setzte er lächelnd hinzu, »und nimm Dir an ihm ein Beispiel.«

»Wie Du das sagst, und lächelnd, Emanuel! Scianca-Ferro ist ein Mann und liebt Dich wie ein Mann einen anderen lieben kann, ich weiß es wohl; ich aber Emanuel, ich liebe Dich, wie ich es nicht sagen kann, wie etwas, ohne was man nicht leben kann, wie die Blume den Thau, wie der Vogel den Wald, wie die Morgenröthe die Sonne. Mit Dir bin ich, lebe ich, liebe ich; ohne Dich bin ich nicht mehr.«

»Du Liebe,« antwortete Emanuel, »ja, ich weiß es, Du bist die Anmuth, die Hingebung und die Liebe; ich weiß, daß Du neben mir gehest, aber eigentlich in mir lebst, und deshalb habe ich vor Dir keine Geheimnisse.«

»Warum sagst Du das?«

»Weil man einen Mann hierher bringen wird, weil dieser Mann ein großer Verbrecher ist, den ich verhören will und weil er vielleicht wichtige Angaben macht, die möglicherweise hochgestellte Personen compromittiren. Gehe nebenan und höre zu, wenn Du willst; ich weiß doch, daß ich das, was ich gehört, allein gehört habe.«

Leona zuckte leicht die Achseln.

» Was ist mir außer Dir die ganze Welt?« sagte sie.

Das Mädchen warf dem Geliebten einen Kuß zu und verschwand hinter dem Vorhange.

Es war die höchste Zeit. Die fünf Minuten waren vergangen und der Feldwebel brachte mit militärischer Pünktlichkeit den Gefangenen.

Emanuel empfing ihn sitzend, halb im Dunkel von wo aus er zum dritten Male den Mann mustern konnte.

Er war dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt, groß von Gestalt und von so vornehmen Gesicht, daß selbst seine Verkleidung Emanuel Philibert nicht gehindert hatte, einen Edelmann in ihm zu erkennen.

»Lasset den Herrn allein mit mir,« sagte der Fürst zu den Soldaten.

Der Feldwebel gehorchte und ging mit seinen drei Mann hinaus.

Der Gefangene sah Emanuel Philibert mit seinen lebhaften, scharfen Augen an.

Dieser stand auf und ging auf ihn zu.

»Die Leute wußten nicht, mit wem sie es zu thun hatten,« sagte er, »und haben Euch gebunden; Ihr werdet mir euer Ehrenwort als Edelmann geben, keinen Fluchtversuch zu machen, dann löse ich Euch die Hände.«

»Ich bin ein Bauer und kein Edelmann,« sagte der Mörder, »ich kann Euch also auch nicht mein Ehrenwort als Edelmann geben.«

»Wenn Ihr ein Bauer seyd, so verpflichtet Euch ein solcher Schwur nicht; gebt ihn also immerhin, da er das einzige Pfand ist, das ich von Euch verlange.»

Der Gefangene antwortete nicht.

»So werde ich Euch die Hände frei machen ohne Ehrenwort; ich fürchte mich nicht einem Manne gegenüber zu stehen, wenn dieser Mann auch kein Ehrenwort zu geben, keine Ehre zu verpfänden hat.«

Der Fürst begann die Hände des Unbekannten loszubinden.

Dieser trat einen Schritt zurück.

»Wartet,« sagte er, »ich gebe Euch mein Ehrenwort als Edelmann, daß ich nicht versuchen werde zu entfliehen.«

»Seht Ihr,« entgegnete Emanuel Philibert lächelnd. »Ja, man versteht sich auf Hunde, Pferde und Menschen.«

Er machte dem Gefangenen die Hände vollends los.

»So. Jetzt seyd Ihr frei,« sagte er, »nun lasset uns miteinander reden.«

Der Gefangene betrachtete kaltblütig seine Hände und ließ sie dann sinken.

»Reden?« wiederholte er ironisch, »von was?«

»Nun,« antwortete Emanuel Philibert, »von dem was Euch veranlaßte, das Verbrechen zu begehen.«

»Ich habe bisher nichts gesagt, habe also nichts zu sagen.«

»Ihr sagtet dem Kaiser nichts, den Ihr zu ermorden versuchtet, das begreift sich; Ihr wolltet den Soldaten nichts sagen, die Euch festnahmen, auch das begreift sich. Mir aber, dem Edelmanne, der Euch nicht als gemeinen Mörder, sondern als Edelmann behandelt, werdet Ihr alles sagen.«

»Wozu?«

»Wozu? das will ich Euch sagen. Damit ich Euch nicht für einen Mann halte, welcher von einem Feigen bezahlt wurde und sich eures Armes bediente, weil er den seinigen nicht zu gebrauchen wagte. Wozu? Damit Ihr nicht als Strauchdieb und Wegelagerer gehangen, sondern als ein Edelmann enthauptet werdet.«

»Man hat mir mit der Folter gedroht, um mich zum Reden zu bringen,« sagte der Gefangene, »man bringe mich dahin.«

»Die Folter würde eine unnöthige Grausamkeit seyn; Ihr würdet sie ertragen und nicht sprechen; Ihr würdet verstümmelt, aber nicht besiegt werden; Ihr würdet euer Geheimniß bewahren und die Schande euern Peinigern lassen. Nein, das will ich nicht, ich will Vertrauen und Wahrheit; Ihr sollet mir, dem Edelmanne, dem General und Fürsten, sagen, was Ihr einem Priester sagen würdet, und wenn Ihr mich für unwürdig haltet, Euch anzuhören, so seyd Ihr unwürdig, mit mir zu sprechen, so seyd ihr einer der Elenden, unter die ich Euch nicht rechnen wollte, so habt Ihr unter dem Einflusse einer niedrigen Leidenschaft gehandelt, die Ihr nicht eingestanden so…«

Der Gefangene richtete sich auf und unterbrach den Fürsten mit den Worten:

»Ich heiße Odoardo Maraviglia; erinnert Euch und hört auf mich zu beleidigen.«

Bei dem Namen Odoardo Maraviglia glaubte Emanuel einen nicht völlig erstickten Aufschrei in dem andern Theile des Zeltes zu vernehmen, gewiß aber bewegte sich die Zeltwand.

Auch in Emanuel hatte dieser Name Erinnerungen aufgerufen.

Dieser Name hatte dem Kriege, welcher ihm seine Staaten gekostet, als Vorwand gedient.

»Odoardo Maraviglia,« sagte er, »wäret Ihr der Sohn des französischen Gesandten in Mailand, Franceseo Maraviglia?«

»Ich bin dessen Sohn.«

Emanuel blickte in die Ferne seiner Jugend zurück; er fand da jenen Namen, aber derselbe klärte die jetzige Lage nicht auf.

»Euer Name,« sagte Emanuel, »ist allerdings der eines Edelmannes, aber er erinnert mich an nichts, das mit dem Verbrechen in Verbindung stünde, dessen Ihr beschuldigt seyd.«

Odoardo lächelte verächtlich.

»Fragt den Kaiser,« sagte er, »ob er in seinen Erinnerungen so wenig findet als Ihr.«

»Zur Zeit,« entgegnete Emanuel, »als der Graf Francesco Maraviglia verschwand, war ich noch ein Kind, ich war kaum acht Jahre alt; es ist also kein Wunder, daß ich über das Verschwinden nicht genau unterrichtet bin, das, wie ich glaube, für Jedermann ein Geheimniß geblieben ist.«

»Dieses Geheimniß will ich Euch aufklären… Ihr wisset, welch erbärmlicher Fürst der letzte Sforza war, der unaufhörlich zwischen Franz I. und Carl V. hin und her schwankte, nachdem der Sieg den Einen oder den Andern begünstigte. Mein Vater, Francesco Maraviglia, wurde von dem Könige Franz l. zu ihm gesandt. Es war im Jahre 1534. Der Kaiser war in Afrika beschäftigt; der Churfürst von Sachsen hatte Friede mit dem Könige von Rom geschlossen; Clemens VII. hatte Heinrich VIII. von England in den Bann gethan, und alles wendete sich also in Italien zum Nachtheile des Kaisers, Sforza wandte sich wie alle, verließ Carl V., dem er noch vierhunderttausend Ducaten zu zahlen hatte, und überließ sich ganz dem außerordentlichen Gesandten des Königs Franz I.. Das war ein großer Triumph; Francesco Maraviglia beging die Unvorsichtigkeit, sich dessen zu rühmen; die Worte, die er gebraucht hatte, drangen über das Meer und gelangten zu Carl V. vor Tunis. Das Glück ist wankelmüthig, zwei Monate darauf starb Clemens VII., welcher die Stütze der Franzosen in Italien war; Tunis fiel in die Hände Carls V. und der Kaiser gelangte mit seinem siegreichen Heere nach Italien. Ein Opfer zur Sühne mußte fallen und das Schicksal bezeichnete als solches Francesco Maraviglia. In Folge eines Streites mit gemeinen Leuten wurden zwei Mailänder von den Dienern des Grafen Maraviglia getödtet. Der Herzog wartete nur auf einen Vorwand, um sein Wort zu lösen, das er dem Kaiser gegeben hatte. Der Mann, welcher in Mailand seit einem Jahre mehr galt als der Herzog selbst, wurde wie ein gemeiner Uebelthäter verhaftet und in die Citadelle gebracht. Meine Mutter war da und sie hatte meine Schwester bei sich, ein Kind von vier Jahren; ich war in Paris im Louvre unter den Pagen des Königs Franz I. Man riß den Grafen aus den Armen meiner Mutter und schleppte ihn fort, ohne der armen Frau zu sagen, was man mit ihrem Gatten vornehmen wolle oder wohin man ihn führe. Es vergingen acht Tage, in welchen die Gräfin trotz allen ihren Bemühungen nichts von dem Schicksale ihres Gatten erfahren konnte. Maraviglia war unermeßlich reich, wußte man, seine Frau konnte seine Freiheit mit großen Summen erkaufen. In einer Nacht klopfte ein Mann an die Thür des Palastes meiner Mutter man öffnete ihm und er verlangte, ohne Zeugen mit der Gräfin zu sprechen. Unter den Umständen, in welchen sie sich befand, war alles wichtig. Meine Mutter hatte durch ihre Freunde, die Franzosen, in der Stadt bekannt machen lassen, sie werde dem fünfhundert Ducaten zahlen, welcher ihr mit Bestimmtheit sage, wo ihr Gatte sey. Wahrscheinlich kam also der Mann, der ohne Zeugen mit ihr sprechen wollte, um ihr Nachricht von dem Grafen zu geben, und wollte vor Verrath sicher seyn. Sie irrte sich auch nicht. Der Mann war einer der Gefängnißwärter der Citadelle von Mailand, und er sagte ihr nicht nur, wo mein Vater war, sondern brachte ihr sogar einen Brief von ihm. Als meine Mutter die Handschrift erkannte, zahlte sie dem Manne die fünfhundert Dukaten aus. Der Brief meines Vaters meldete seine Verhaftung, äußerte aber keine besonderen Besorgnisse. Meine Mutter antwortete, mein Vater möge über sie verfügen, ihr Leben und Vermögen stünden bereit. Es vergingen wieder fünf Tage. Da klopfte in der Nacht derselbe Mann; man öffnete ihm und er wurde sogleich zu meiner Mutter, geführt. Die Lage des Gefangenen hatte sich verschlimmert: er war in ein anderes Gefängniß gebracht worden; sein Leben stand in Gefahr, wie der Mann sagte. Wollte er der Gräfin eine hohe Summe ablocken oder sagte er die Wahrheit? Nur Eines von Beiden konnte wahr seyn. Die Furcht siegte in dem Herzen meiner Mutter und der Mann sprach so ehrlich. Sie gab ihm noch einmal die Summe wie das erste Mal und sagte ihm, er möge darüber nachdenken, wie der Graf entfliehen könne. Der Fluchtplan wurde entworfen, der Mann erhielt fünftausend Ducaten baar und sobald der Graf frei sey, sollte er noch zwanzigtausend erhalten. Der Mann versprach über Alles reiflich nachzudenken. Die Gräfin erkundigte sich selbst wie die Sache stünde; sie hatte Freunde in der Umgebung des Herzogs und so erfuhr sie, daß die Umstände noch schlimmer wären, als der Kerkermeister gesagt hatte. Es sollte dem Grafen der Prozeß als Spion gemacht werden. So wartete sie denn ungeduldig auf den Besuch des Mannes aus dem Gefängnisse; sie kannte dessen Namen nicht einmal und würde sie nicht den Mann und sich selbst ins Unglück gestürzt haben, wenn sie seinen Namen gekannt und ihn zu sich beschieden hätte? Etwas beruhigte sie einigermaßen, der Prozeß nemlich, von dem die Rede war. Wessen konnte man meinen Vater anklagend. Des Todes der beiden Mailänder? Das war eine Sache zwischen den Dienern und den Bauern, mit welcher ein Edelmann, ein Gesandter nichts zu schaffen hatte. Einige Stimmen sagten freilich leise, es würde gar nicht zu einem Prozesse kommen und das waren gewiß die beunruhigendsten, denn sie gaben zugleich zu verstehen, daß der Graf trotzdem verurtheilt werden würde. In einer Nacht endlich hörte meine Mutter an die Thür pochen; sie kannte bereits die Art wie der nächtliche Besucher klopfte, und sie erwartete ihn an der Schwelle ihres Schlafzimmers. Er redete sie noch geheimnißvoller als gewöhnlich an; er hatte, wie er sagte, ein Mittel zur Flucht gefunden und schlug es der Gräfin vor. Das Mittel bestand in Folgendem: der Kerker des Gefangenen wurde von der Wohnung des Schließers durch einen andern Kerker getrennt, welcher auf eine eiserne Thür stieß. Der Schließer hatte den Schlüssel zu diesem zweiten Kerker wie zu dem ersten. Er schlug also vor, die Mauer seiner Stube hinter dem Bette zu durchbrechen und zwar an einer Stelle, welche allen Blicken verborgen bleiben könnte. Aus dieser Oeffnung gelange man in den leeren Kerker und aus diesem zu den des Grafen. Nachdem dem Grafen die Ketten abgenommen worden, gehe er aus seinem Kerker in den leeren und aus diesem in die Stube des Schließers. Hier würde er eine Strickleiter finden und auf derselben in den Graben, an der dunkelsten und einsamsten Stelle hinuntersteigen; hundert Schritte von der Mauer erwarte den Grafen ein Wagen und bringe ihn so rasch als möglich aus den Staaten des Herzogs. Der Plan war gut: die Gräfin nahm ihn an, nur fürchtete sie, daß man sich in Bezug auf den Grafen täusche, daß man ihr sage, er sey gerettet und doch in der Gefangenschaft bleibe; sie verlangte deshalb bei der Flucht zugegen seyn zu dürfen. Der Schließer hielt ihr entgegen wie schwierig es sey, sie in die Feste hineinzubringen, aber die Gräfin hob diese Schwierigkeit mit einem Worte. Sie hatte für sich und ihre Tochter die Erlaubniß erlangt, ihren Mann zu besuchen und von derselben noch keinen Gebrauch gemacht. An dem für die Flucht bestimmten Tage also wollte sie gegen Abend in die Feste gehen und den Grafen sehen, dann aber nicht die Feste verlassen, sondern in die Stube des Schließers gehen, hier auf den Augenblick der Flucht warten und dem Schließer, der mit dem Grafen fliehen sollte, den Rest der verabredeten Summe übergeben. Der Wagen, welcher warten sollte, sollte hunderttausend Ducaten enthalten. Der Schließer meinte es mit seinen Anerbietungen ehrlich. Die Flucht sollte in der zweitnächsten Nacht stattfinden. Ehe der Schließer die Gräfin verließ, erhielt er fünftausend Ducaten und bezeichnete die Stelle, wo der Wagen halten sollte. Die Ueberwachung des Wagens übertrug die Gräfin einem Diener, einem Manne von erprobter Treue. Aber verzeiht,« unterbrach sich der Erzählende, »ich vergesse, daß ich mit einem Fremden spreche, und daß diese Einzelheiten für ihn gleichgültig sind.«

»Darin irrt Ihr Euch,« entgegnete Emanuel, »ich wünsche vielmehr, daß Ihr mir Alles so ausführlich erzählt, als es Euch euer Gedächtniß erlaubt.«

Odoardo fuhr fort:

»Die beiden Tage vergingen in der ängstlichen Aufregung, welche der Ausführung eines wichtigen Unternehmens immer vorausgeht; nur etwas beruhigte die Gräfin: das Interesse, welches der Schließer selbst bei dem Gelingen der Flucht hatte. Hundert Jahre Treue gaben dem Manne nicht, was ihm eine Viertelstunde Verrath einbrachte. Zehnmal fragte sich die Gräfin, warum sie so langer gezögert und die Flucht erst auf achtundvierzig Stunden bestimmt habe. Es war ihr als vergingen die letzten vierundzwanzig Stunden nie, als führten sie in ihrem Verlaufe irgend eine Katastrophe herbei, nach welcher der Plan scheitere… Die Zeit verging indessen in dem Laufe, der ihr zugemessen ist, und endlich kam die Stunde, in welcher die Gräfin sich in das Gefängniß begeben sollte. Im Beiseyn der Gräfin wurden alle für die Flucht des Grafen erforderlichen Gegenstände in den Wagen gebracht, so daß derselbe nirgends anzuhalten brauche. Zwei Pferde waren bereits über Pavia gebracht worden, so daß man dreißig Stunden ohne Aufenthalt zurücklegen konnte. Um elf Uhr sollte der Wagen angespannt werden, um zwölf Uhr an der bezeichneten Stelle halten. Nachdem der Flüchtige der Gefahr entgangen, sollte er der Gräfin Anzeige machen, und sie wollte zu ihm kommen. Die Stunde schlug. Die Gräfin nahm ihre kleine Tochter an der Hand und ging nach dem Gefängnisse; unterwegs überfiel sie Angst, sie dachte nemlich erst jetzt daran, ob die Erlaubniß ihren Mann zu besuchen, noch gültig seyn werde, da sie bereits vor acht Tagen ausgestellt worden. Aber man ließ sie, ohne Schwierigkeit zu dem Gefangenen.

»Man hatte ihr nicht zu viel gesagt und nach der Art, wie man einen Mann von seinem Range behandeln, ließ sich nicht zweifeln, welches Schicksal ihn erwarte. Der Gesandte des Königs von Frankreich hatte eine Kette am Fuße wie ein gemeiner Verbrecher. Das Wiedersehen würde ein sehr schmerzliches gewesen seyn, wenn nicht die Flucht so nahe bevorgestanden. In dieser Unterredung wurde alles festgesetzt, was er wußte, was er zu erwarten hatte, denn der Kaiser hatte ganz bestimmt seinen Tod verlangt.«

Emanuel Philibert machte eine Bewegung.

»Wißt Ihr gewiß, was Ihr da sagt?« fragte er streng, »es ist das eine schwere Anklage, die Ihr gegen einen so großen Fürsten, wie der Kaiser Carl V. ist, richtet.«

»Befehlt Ihr, daß ich aufhöre oder weiter fortfahre?«

»Fahrt fort; aber warum antwortet Ihr nicht erst auf meine Frage?«

»Weil der Verlauf meiner Erzählung die Antwort überflüssig machen wird.«

»So erzählt weiter,« sagte Emanuel Philibert.




Zweiter Theil





I.

Was in der Nacht vom 14. zum 15. November 1534 in einem Kerker der Feste von Mailand vorging


Einige Minuten vor neun Uhr,« fuhr Odoardo fort, »zeigte der Schließer der Gräfin an, daß es Zeit sey, sich zu entfernen; die Wachen würden abgelöst werden, und es sey gut, daß die Wache, welche sie hereinkommen sah, auch wieder sie fortgehen sehe. Die Trennung war eine schmerzliche und doch sollte man einander nach drei Stunden wiedersehen und bald auf immer mit einander vereinigt seyn. Das Kind weinte heftig und wollte den Vater nicht loslassen, Die Gräfin brachte es fast mit Gewalt fort; man ging wiederum vor der Schildwache und dem Schließer vorbei und gelangte in das tiefste Dunkel des Hofes. Von da kamen sie wirklich glücklich in die Wohnung des Schließers, ohne gesehen worden zu seyn. Hier schloß man die Gräfin und deren Kind in eine Kammer ein und empfahl ihnen, kein Wort zu sprechen und sich nicht zu rühren. Es konnte jeden Augenblick ein Aufseher eintreten; die Gräfin und das Kind verhielten sich stumm und unbeweglich. Die drei Stunden, welche sie noch von Mitternacht trennten, erschienen der Gräfin so lang, wie die achtundvierzig Stunden, welche vergangen waren; endlich öffnete der Schließer die Thür wieder.

»Kommt,« sagte er kaum hörbar leise.

Die Mutter hatte das Kind nicht lassen mögen, damit der Vater bei der Flucht ihm einen letzten Kuß geben könne; es gibt ja auch Augenblicke, in denen man sich um ein Reich nicht von dein trennen würde, was man liebt.

Wußte die arme Mutter was geschehen sollte, die arme Mutter, welche das Leben ihres Mannes den Henkern zu entreißen suchte? Konnte sie nicht auch gezwungen werden, zu fliehen, entweder mit dem Grafen oder nach einer andern Seite hin? Und wenn sie fliehen mußte, konnte sie ihr Kind zurücklassen? Der Schließer zog das Bett zurück; es befand sich dahinter ein Loch in der Wand, groß genug selbst für einen starken Mann. Hinter dem Schließer gingen Mutter und Kind in den Kerker und als sie hindurch waren, schob die Frau des Schließers das Bett wieder vor, in welchem ein Knabe von vier Jahren schlief. Der Schließer hatte, wie gesagt, den Schlüssel zu diesem ersten Kerker; er öffnete die Thür, deren Angeln er vorher sorgsam eingeölt hatte und man befand sich in dem Kerker des Grafen. Dieser hatte, eine Stunde vorher eine Feile erhalten, damit seine Kette durchzufeilen; da er aber ungeübt in dieser Arbeit war und übrigens gefürchtet hatte von der Schildwache gehört zu werden, die auf dem Gange draußen hin und her ging, so war er kaum zur Hälfte fertig. Der Schließer nahm nun seinerseits die Feile und fing an die Kette durchzufeilen. Plötzlich sah er empor, blieb auf einem Knie liegen, streckte die Hand nach der Thür hinaus und horchte. Der Graf wollte fragen.

»Still,« sagte der Schließer leise, »es geht etwas Ungewöhnliches vor.«

»Mein Gott!« jammerte die Gräfin.

»Still,« wiederholte der Schließer.

»Alle schwiegen; sie wagten kaum zu athmen; die vier Personen glichen einer Gruppe von Bronze, welche alle Grade der Angst vorstellte. Man hörte ein langsames gedehntes Geräusch, das näher kam, die Tritte mehrerer Personen, und an dem gemessenen Tritt erkannte man, daß Soldaten sich darunter befanden.

»Kommt,« sagte der Schließer, indem er die Gräfin und das Kind umfaßte und sie mit sich fortzog. »Kommt; es ist ohne Zweifel eine nächtliche Visitation; in jedem Falle dürft Ihr nicht gesehen werden. Sind die Leute wieder fort, angenommen, sie gehen in den Kerker des Grafen, so kehren wir zu ihm zurück.«

»Die Gräfin und das Kind leisteten keinen Widerstand; der Gefangene selbst trieb sie hinweg; sie gingen durch die Thür, die sich hinter ihnen schloß, die Thür des zweiten Kerkers. In diesem Kerker befand sich eine vergitterte Oeffnung, die in den andern führte und durch die man hinein sehen konnte, ohne gesehen zu werden. Die Gräfin hielt ihre Tochter im Arme und blickte mit ihr durch jenes Gitter, um zu sehen, was vorgehen werde. Die Hoffnung, die man eine kurze Zeit gehegt hatte, die Ankommenden würden nicht zu dem Grafen sich begeben, schwand; sie blieben an der Thür seines Kerkers stehen und man hörte den Schlüssel in dem Schlosse sich drehen. Bei dem Anblicke, der sich der Gräfin bot, war sie nahe daran einen Schrei auszustoßen; es war aber als errathe dies der Schließer.

»Kein Wort,« flüsterte er, »keinen Laut, keine Geberde, was auch geschehen mag, oder…«

Er besann sich, welche schreckliche Drohung er wohl aussprechen könnte, um der Gräfin Schweigen aufzulegen; so zog er endlich einen Dolch von der Brust und sagte: »Oder ich erdolche euer Kind!

»Unglücklicher!« stammelte die Gräfin.

»Hier geht es um eines Jeden Leben und mein Leben ist mir so lieb als Euch das eurige.«

Die Gräfin legte der Tochter die Hand auf den Mund, damit diese schweige. Sie selbst, das wußte sie, ließ keinen Laut über ihre Lippen, nachdem sie die Drohung vernommen hatte. Sie sah nun Folgendes: Zuerst zwei schwarz gekleidete Männer, deren jeder eine Fackel trug; hinter ihnen ein dritter mit einem Pergament, an dem unten ein großes rothes Siegel hing; hinter diesem Manne ein Anderer mit einer Maske, in einem großen braunen Mantel und hinter ihm ein Priester. Sie traten nacheinander in den Kerker, ohne daß die Gräfin ihre Angst durch ein Wort, einen Laut oder eine Geberde verrieth, obwohl sie hinter den Eintretenden draußen eine noch schauerlichere Gruppe bemerkte. Der Thür gegenüber stand ein halb schwarz halb roth gekleideter Mann, welcher beide Hände auf den Griff eines langen, breiten, geraden Schwertes stützte; hinter ihm sah man die sechs barmherzigen Brüder mit den schwarzen Capuzen, welche auf ihren Achseln einen Sarg trugen, und über Alles hinweg blitzten die Gewehre eines Dutzend Soldaten, die an der Wand aufgestellt waren. Die beiden Männer mit den Fackeln, der Mann mit dem Pergament, der Maskirte und der Geistliche traten, wie gesagt, in den Kerker ein, worauf die Thür geschlossen wurde, so daß der Henker, die barmherzigen Brüder und die Soldaten draußen blieben. Der Graf stand an der dicken Gefängnißwand, an der sein bleiches Gesicht abstach; sein Blick suchte hinter dem Gitter den Blick der angstvollen Augen zwar vergebens zu erkennen, aber er errieth, daß sie da waren. So unerwartet und stumm die Erscheinung war, welche sich in seinem Kerker einfand, ließ sie ihm doch keinen Zweifel über sein Schicksal. Wäre er auch so glücklich gewesen zu zweifeln, so würde der Zweifel nicht lange gedauert haben: die beiden Männer mit den Fackeln stellten sich rechts und links auf; der Maskirte und der Geistliche blieben an der Thür, der Mann mit dem Pergamente aber trat vor und fragte:

»Graf, glaubt Ihr mit eurem Gott gut zu stehen?«

»So gut wie ein Mensch mit ihm stehen kann, der sich nichts vorzuwerfen hat,« antwortete der Graf mit ruhiger Stimme.

»Um so besser.« entgegnete der Mann mit dem Pergamente, »denn Ihr seyd verurtheilt und ich habe den Auftrag Euch das Todesurtheil vorzulesen.«

»Von welchem Gerichtshofe ist es gesprochen?« fragte der Graf ironisch.

»Durch die alles vermögende Justiz des Herzogs.«

»Und auf welche Anklage?«

»Auf die des Kaisers Carl V. Majestät.«

»Ich bin bereit, das Urtheil anzuhören.«

»So kniet nieder, denn es ziemt sich, daß ein Mann in der Nähe des Todes sein Urtheil kniend anhöre.«

»Ja, wenn er schuldig ist, aber nicht wenn er unschuldig ist.«

»Graf, Ihr steht nicht außerhalb des Gesetzes, kniet also nieder, damit wir nicht genöthigt sind, Gewalt zu brauchen.«

»Versucht es,« sagte der Graf.

»Lasset ihn stehen,« fiel der Maskirte ein, »er möge sich nur bekreuzigen, um sich unter den Schutz des Herrn zu stellen.«

»Der Graf erbebte bei dem Klange dieser Stimme.«

»Herzog Sforza?« sagte er, indem er sich nach dem Maskirten umdrehte, »ich danke Dir.«

»Ach, wenn es der Herzog ist, könnte man vielleicht Gnade von ihm erlangen,« flüsterte die Gräfin.

»Still, wenn Euch das Leben eures Kindes lieb ist,« sagte der Schließer leise.

»Die Gräfin seufzte so stark, daß es der Graf hörte und erbebte. Er machte eine Bewegung der Hand, welche sagen sollte: Muth! dann sagte er laut, wie ihn der Maskirte aufgefordert hatte: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.«

»Amen!« fielen alle Anwesenden leise ein.

»Dann begann der Mann mit dem Pergamente das Urtheil zu lesen; es war im Namen des Herzogs Francesco Maria Sforza auf Ansuchen des Kaisers Carl V. erlassen und verurtheilte Francesco Maraviglia, den Gesandten des Königs von Frankreich, in der Nacht in seinem Kerker enthauptet zu werden als Verräther, Spion und Verbreiter von Staatsgeheimnissen. Ein tiefer Seufzer drang wiederum zu dem Ohre des Grafen, aber er war so leise, daß nur er ihn zu vernehmen und zu verstehen vermochte. Er wendete den Blick dahin, von wo der schmerzliche Seufzer kam und sagte ohne Unruhe und ohne Zorn:

»So ungerecht das Urtheil des Herzogs ist, so unterwerfe ich mich ihm doch; aber der Mann, der sein Leben nicht mehr vertheidigen kann, muß noch immer seine Ehre vertheidigen, und so appelliere ich von dem Spruche des Herzogs.«

»An wen?« fragte der Mann mit der Maske.

»An meinen König und Herrn, Franz I., zuerst, dann an die Zukunft und an Gott, an Gott, unter dem alle Menschen stehen, namentlich die Fürsten, die Könige und Kaiser.«

»Das ist allein das Tribunal, dem Du Dich empfiehlst?« fragte der Mann mit der Maske.

»Ja,« antwortete der Graf, »und ich berufe Dich, Herzog Francesco Maria Sforza, vor diesem Tribunale zu erscheinen.«

»Wann?« fragte der Maskirte.

»Zu derselben Zeit, welche Jacob von Molay, der Großmeister der Tempelritter, seinem Richter bestimmte, d.h. nach einem Jahre und einem Tage. Wir haben heute den 15. November 1534, also am 16. November 1535, verstehst Du, Herzog Francesco Maria Sforza?«

Er streckte dabei die Hand nach dem Maskierten aus, zum Zeichen der Berufung und der Drohung. Wäre der Herzog nicht maskiert gewesen, man hätte gewiß ihn erbleichen sehen können, denn er war es wirklich, der so mit der Maske dem Tode seines Opfers beiwohnen wollte. So triumphirte der Verurtheilte einen Augenblick vor dem Richter, der vor ihm zitterte.

»Schon gut,« antwortete der Herzog, »Du hast eine Viertelstunde Zeit, Dich mit dem frommen Manne da – er deutete auf den Geistlichen – vorzubereiten; sorge dafür, daß Du nach einer Viertelstunde bereit bist, denn es wird Dir keine Minute mehr gewährt.«

Dann wendete er sich an den Mann Gottes und sagte: »Herr Pater, thut eure Schuldigkeit.«

Er ging hinaus und nahm die beiden Fackelträger und den Mann mit dem Pergamente mit sich; aber er ließ die Thür weit offen, damit er wie die Soldaten in den Kerker hineinsehen und jede Bewegung des Gefangenen beobachten könnte, von dem er sich aus Ehrfurcht vor der Beichte entfernt hatte, damit er nichts hören könne. Nochmals drang ein Seufzer von dem Gitter her zu dem Ohr und dem Herzen des Verurtheilten. Die Gräfin hatte gehofft, daß die Thür sich schließen werde und wer weiß? der Mann Gottes hätte vielleicht durch Bitten und Thränen einer knienden Frau und eines knienden Kindes sich bewegen lassen den Kopf abzuwenden und den Grafen fliehen zu lassen.

Es war die letzte Hoffnung meiner armen Mutter und sie entging ihr.«

Emanuel Philibert erbebte; bisweilen vergaß er, daß ihm ein Sohn die letzten Augenblicke seines Vaters beschrieb, und es war ihm als lese er eine schreckliche Legende.

Ein Wort erinnerte ihn endlich an die Wirklichkeit und ließ ihn erkennen, daß die Erzählung nicht aus der Feder eines unbetheiligten Geschichtschreibers, sondern aus dem Munde eines Sohnes komme.

»Es war die letzte Hoffnung meiner Mutter und sie entging ihr,« sagte Odoardo nochmals, welcher seine Erzählung einen Augenblick unterbrochen hatte, »denn,« fuhr er fort, »an der andern Seite der offenen Thür blieben die Vorbereitungen zum Tode und die Zuschauer. Der Geistliche allein war bei dem Verurtheilten geblieben, wie ich sagte; der Graf kniete vor ihm nieder, ohne zu beachten, wer ihn gesandt hatte, und nun begann die Beichte, eine seltsame Beichte, bei welcher der, welcher sterben sollte, an sich selbst gar nicht zu denken schien und sich nur mit Andern beschäftigte, bei welcher die Worte, welche scheinbar an den Geistlichen gerichtet wurden, eigentlich der Frau und dem Kinde galten und zu Gott erst hinaufstiegen, nachdem sie durch das Herz einer Mutter und einer Tochter gegangen waren. Nur meine Schwester, wenn sie noch lebte, könnte die Thränen beschreiben, unter welchen sie vernommen wurden, denn ich selbst war nicht dabei, ich wußte nicht was dreihundert Stunden von mir vorging, ich spielte, ich lachte, ich sang vielleicht gerade in dem Augenblicke als mein Vater an der Pforte des Todes mit meiner weinenden Mutter und Schwester von mir, dem Abwesenden, sprach.«

Odoardo mußte, von dieser Erinnerung überwältigt, sich einen Augenblick unterbrechen, dann fuhr er mit einem unterdrückten Seufzer fort:

»Die Viertelstunde war bald vorüber. Der Maskirte folgte mit einer Uhr in der Hand dem Gange der Beichte auf dem Gesichte des Priesters und des Verurtheilten und als die Minuten abgelaufen waren, sagte er:

»Graf, die Zeit, die Dir gegeben war, noch unter den Lebenden zu seyn, ist vorüber; der Geistliche hat gethan, was seines Amtes ist, jetzt kommt die Reihe an den Nachrichter.«

Der Geistliche gab dem Grafen die Absolution und stand auf, dann wies er ihm das Crucifix und ging nach der Thür zurück, während gleichzeitig der Henker vortrat. Der Graf war auf den Knien geblieben.

»Hast Du dem Herzoge Sforza oder dem Kaiser Carl V. noch etwas zu sagen?« fragte der Mann mit der Maske.

»Ich habe mich nur Gott zu empfehlen,« antwortete der Graf.

»So bist Du bereit?« fragte derselbe Mann noch einmal.

»Du siehst es, da ich knie.«

Der Graf kniete mit dem Gesicht nach dem Gitter gewendet, durch welches seine Frau und seine Tochter auf ihn sahen. Sein Mund, der weiter zu beten schien, sandte ihnen Worte der Liebe zu und war auch ein Gebet.

»Wenn Ihr nicht wünscht, Herr Graf, daß meine Hand Euch beflecke,« sagte eine Stimme hinter dem Verurtheilten, »so schlaget den Kragen eures Hemdes selbst zurück. Ihr seyd ein Edelmann und ich habe nicht das Recht, Euch anders zu berühren als mit der Schärfe meines Schwertes.«

Der Graf schlug, ohne eine Antwort zu geben, den Kragen seines Hemdes bis zu der Achsel zurück, so daß sein Hals ganz bloß war.

»Empfehlt Euch Gott!« sagte der Henker.

»Gütiger und barmherziger Gott!« sagte der Graf, »Allmächtiger Gott, in deine Hände empfehle ich meine Seele!«

Kaum hatte er das lehre Wort gesprochen, so blitzte und pfiff das Schwert des Henkers im Dunkel und der Kopf des Verurtheilten rollte, von dem Rumpfe getrennt, an die Thür mit dem Gitter, nach den Geliebten hinter derselben zu. Gleichzeitig mit dem dumpfen Falle eines Körpers ließ sich ein halbunterdrückter Schrei hören, die Anwesenden aber hielten diesen Schrei für den letzten Laut des Verurtheilten und den Fall für den des Körpers des Grafen. Verzeiht,« unterbrach sich Odoado, »aber wenn Ihr das Uebrige hören wollt, müsset Ihr mir ein Glas Wasser geben lassen, denn meine Kräfte wollen mich verlassen.«

Emanuel Philibert sah in der That den, welcher ihm diese schreckliche Geschichte erzählt hatte, wanken und erbleichen; er trat rasch hinzu, um ihn zu halten, ließ ihn auf einen Haufen Kissen sich setzen und reichte ihm selbst das Glas Wasser.

Der Schweiß stand dem Prinzen auf der Stirne und obwohl er als Soldat an die Scenen auf den Schlachtfeldern gewöhnt war, schien er doch einer Ohnmacht fast so nahe zu seyn wie der, welchem er beistand.

Nach fünf Minuten hatte Odoardo sich gesammelt.

»Wollet Ihr noch mehr wissen?« fragte er.

»Ich will Alles wissen,« antwortete Emanuel, »solche Erzählungen sind große Lehren für Fürsten, die einmal regieren sollen.«

»So ist es,« sagte Odoardo, »auch ist das Schrecklichste vorüber.«




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notes



1


Was Scianca-Ferro betrifft, hatte er mitten in der Schlacht den Kurfürsten Johann Friedrich an seinem gewaltigen friesischen Ross, seiner riesigen Gestalt und an den fürchterlichen Hieben erkannt, die er austeilte, und hatte sich besonders an ihn gehalten.




2


Mit einem gewaltigen Hieb seiner Schlachtaxt hatte er zunächst dem Prinzen den rechten Arm gebrochen, dann mit einem schneidenden Hieb zugleich Helm und Antlitz zerteilt, so daß, als der so Gefangene das Visier vor dem Kaiser hob, er gezwungen war, seinen Namen zu nennen, denn sein Antlitz war nur noch eine Schreck erregende Wunde.


