Wenn Sie Sich Verstecken Würde Blake Pierce „Ein Meisterwerk von Thriller! Der Autor erschafft gekonnt die Charaktere und deren Psyche und beschreibt diese so gut, dass man sich in ihre Gedankenwelt einfindet, mit ihnen bangt und sich mit ihnen über ihre Erfolg freut. Der intelligente Plot wird Sie bestens unterhalten und die unerwarteten Wendungen werden Sie bis zur letzten Seite fesseln.“ Buch- und Filmkritiker, Roberto Mattos (über Once Gone) WENN SIE SICH VERSTECKEN WÜRDE (Ein Kate Wise-Mystery) ist das vierte Buch dieser neuen psychologischen Thriller-Reihe von Nr. 1 Bestseller-Autor Blake Pierce, dessen kostenloser Besteller Once Gone (Buch Nr. 1) über 1000 Fünfsterne-Kritiken erhalten hat. Ein Elternpaar wird tot aufgefunden – und ihre sechszehnjährigen Zwillingstöchter sind verschwunden. Das FBI ist ratlos, und da die Spuren schnell erkalten, bittet es seinen scharfsinnigsten Agent um Hilfe – die pensionierte, fünfundfünfzigjährige Kate Wise. War dies ein Zufallsmord? Oder war es das Werk eines Serienkillers? Kann Kate die Zwillinge rechtzeitig finden?Und ist Kate – deren Vergangenheit sie immer wieder einholt – noch imstande, schwierige Fälle so effizient wie früher zu lösen? WENN SIE SICH VERSTECKEN WÜRDE, ein actionreicher Thriller, der Ihr Herz schneller schlagen lässt, ist der vierte Teil einer spannenden neuen Serie, die Sie das Buch bis spät in die Nacht nicht aus der Hand legen lässt. Buch Nr. 5 der Kate Wise-Mystery-Serie wird bald erhältlich sein. Blake Pierce Wenn Sie Sich Verstecken Würde Copyright © 2019 Blake Pierce. Alle Rechte vorbehalten. Außer durch Genehmigung gemäß U.S. Copyright Act von 1976 darf kein Teil dieses Buches ohne ausdrückliche Genehmigung des Autors vervielfältigt, vertrieben oder in irgendeiner Form übermittelt oder in Datenbanken oder Abfragesystemen gespeichert werden. Dieses E-Book ist nur für ihren persönlichen Gebrauch lizenziert. Es darf nicht weiterverkauft oder an Dritte weitergegeben werden. 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Blake Pierce ist ebenfalls der Autor der MACKENZIE WHITE Krimi-Serie, die neun Bücher umfasst (und weitere in Arbeit); der AVERY BLACK Mystery-Serie, bestehend aus sechs Büchern; der KERI LOCKE Mystery-Serie, bestehend aus fünf Büchern; der Serie DAS MAKING OF RILEY PAIGE, bestehend aus drei Büchern (und weitere in Arbeit); der KATE WISE Mystery-Serie, bestehend aus zwei Büchern (und weitere in Arbeit); der spannenden CHLOE FINE Psycho-Thriller-Serie, bestehend aus drei Büchern (und weitere in Arbeit); und der spannenden JESSE HUNT Psycho-Thriller-Serie, bestehend aus drei Büchern (und weitere in Arbeit). Als begeisterter Leser und lebenslanger Fan der Mystery- und Thriller-Genres liebt Blake es, von seinen Lesern zu hören. Bitte besuchen Sie www.blakepierceauthor.com, um mehr zu erfahren und in Kontakt zu bleiben. BÜCHER VON BLAKE PIERCE JESSIE HUNT PSYCHOTHRILLER-SERIE DIE PERFEKTE EHEFRAU (Buch Nr. 1) DER PERFEKTE BLOCK (Buch Nr. 2) DAS PERFEKTE HAUS (Buch Nr. 3) CHLOE FINE PSYCHOTHRILLER-SERIE NEBENAN (Buch Nr. 1) DES NACHBARS LÜGE (Buch Nr. 2) SACKGASSE (Buch Nr. 3) KATE WISE MYSTERY-SERIE WENN SIE WÜSSTE (Buch Nr. 1) WENN SIE SÄHE (Buch Nr. 2) WENN SIE RENNEN WÜRDE (Buch Nr. 3) WENN SIE SICH VERSTECKEN WÜRDE (Buch Nr. 4) WENN SIE FLIEHEN WÜRDE (Buch Nr. 5) DAS MAKING OF RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE BEOBACHTET (Buch 1) WARTET (Buch 2) LOCKT (Buch 3) RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE VERSCHWUNDEN (Buch 1) GEFESSELT (Buch 2) ERSEHNT (Buch 3) GEKÖDERT (Buch 4) GEJAGT (Buch 5) VERZEHRT (Buch 6) VERLASSEN (Buch 7) ERKALTET (Buch 8) VERFOLGT (Buch 9) VERLOREN (Buch 10) BEGRABEN (Buch 11) ÜBERFAHREN (Buch 12) GEFANGEN (Buch 13) RUHEND (Buch 14) MACKENZIE WHITE MYSTERY-SERIE BEVOR ER TÖTET (Buch 1) BEVOR ER SIEHT (Buch 2) BEVOR ER BEGEHRT (Buch 3) BEVOR ER NIMMT (Buch 4) BEVOR ER BRAUCHT (Buch 5) EHE ER FÜHLT (Buch 6) EHE ER SÜNDIGT (Buch 7) BEVOR ER JAGT (Buch 8) VORHER PLÜNDERT ER (Buch 9) VORHER SEHNT ER SICH (Buch 10) AVERY BLACK MYSTERY-SERIE DAS MOTIV (Buch 1) LAUF (Buch 2) VERBORGEN (Buch 3) GRÜNDE DER ANGST (Buch 4) RETTE MICH (Buch 5) ANGST (Buch 6) KERI LOCKE MYSTERY-SERIE EINE SPUR VON TOD (Buch 1) EINE SPUR VON MORD (Buch 2) EINE SPUR VON SCHWÄCHE (Buch 3) EINE SPUR VON VERBRECHEN (Buch 4) EINE SPUR VON HOFFNUNG (Buch 5) Kapitel eins Im Leben jeder Frau gibt es Momente, in denen von ihr erwartet wird, dass sie weint: Hochzeiten, Geburten, vielleicht während des ersten Tanzes ihres Kindes oder deren Vermählung. Aber dass sie bei dem allerersten Krabbeln ihrer Enkelin losheulen musste, das hatte Kate Wise nicht erwartet. Sie babysittete für Melissa und Terry, wie sie es schon den ganzen letzten Monat einmal die Woche getan hatte. Sie wollten, dass ihre Ehe frisch und aufregend blieb und hatten sich dafür einen Tag pro Woche erbeten. An diesen Abenden hatte Kate ihre Enkelin bei sich und beobachtete sie dabei, wie sie damit experimentierte, Gewichte auf ihre Knie und Unterarme zu legen, bis sie sich vor fünf Minuten, unter Babygebrabbel und mit einem Lächeln, in eine Position begab, aus der sie sich hoch drücken wollte. „Du schaffst es“, sagte Kate und setzte sich auf den Boden zu Michelle. Schon da spürte sie die Tränen, die sie überraschten, die ihr aber gleichzeitig willkommen waren. Michelle blickte sie an, erfreut durch die anspornende Stimme ihrer Großmutter. Sie schaukelte vor und zurück … und dann krabbelte sie los. Sie kam nur zwei Bewegungen weit, bevor ihre Arme unter ihr nachgaben. Aber dann stützte sie sich wieder auf und krabbelte erneut. „So ist es gut“, sagte Kate und klatschte in die Hände. „Gutes Mädchen!“ Michelle gurrte und bewegte sich auf ihren ungelenken kleinen Händen und Füßen weiter vorwärts. Kate war klar, dass es nicht unbedingt die Tatsache war, dass Michelle krabbelte, die sie weinen ließ, sondern vielmehr der Gesichtsausdruck des Babys, dieses reine Vertrauen und das Glück in ihren kleinen Augen, als sie Kate erblickte. Michelle sah aus wie Melissa als Baby, und diese ganze Situation war einfach überwältigend. Sie saßen auf einer Decke auf dem Boden. Die Decke war doppelt gelegt, damit sie dicker war, für den Fall, dass Michelle vornüberkippte. Aber abgesehen von dem einen Mal war das noch nicht vorgekommen. Im Moment haute sie gegen Kates Beine, als fordere sie mehr Aufmerksamkeit. Kate nahm sie hoch, setzte sie zwischen ihre Beine und ließ Michelle ihre Daumen greifen. Kate genoss einfach den Moment. Sie hatte zugesehen, wie ihre eigene Tochter unglaublich schnell groß geworden war, deshalb war ihr bewusst, wie schnell diese Momente vergingen. Trotzdem hatte sie ein leicht schlechtes Gewissen, dass Melissa und Terry diesen Meilenstein verpassten. Fast hätte sie Melissa angerufen, aber sie wollte sie nicht während ihres Dates stören. Während sie auf der Decke saß und mit Michelle spielte, klopfte jemand an ihre Tür. Kate hatte das Klopfen erwartet, aber Michelle wandte mit einem unsicheren Ausdruck ihren kleinen Kopf in die Richtung, aus das Geräusch gekommen war. Bevor sie sagte, „komm herein“, wischte sich Kate die letzten Tränen aus dem Gesicht. Die Haustür öffnete sich und Allen trat ein. In der Hand trug er ihr Essen, das er beim Chinesen gekauft hatte, und Kate freute sich, dass er auch seine Übernachtungstasche dabei hatte. „Wie geht es meinen beiden Lieblingsmädchen?“, fragte Allen. „Wir sind sehr mobil“, sagte Kate mit einem Lächeln. „Der kleine Stinker hier ist gerade zum ersten Mal gekrabbelt.“ „Niemals!“ „Doch, ist sie.“ Allen ging in die Küche und holte zwei Teller aus dem Küchenschrank. Kate lächelte, als er ihr Essen auf die beiden Teller verteilte. Er kannte sich inzwischen gut in ihrem Haus aus. Und er kannte auch sie gut. Er wusste beispielsweise, dass sie es hasste, ihr chinesisches Essen aus diesen kleinen, dünnen Behältern zu essen und viel lieber von richtigen Tellern aß. Er brachte das Abendessen ins Wohnzimmer und stellte es auf den Tisch. Michelle zeigte reges Interesse daran und versuchte, danach zu greifen. Als sie merkte, dass sie nicht rankam, wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder ihren Zehen zu. „Wie ich sehe, hast du deine Übernachtungstasche dabei“, sagte Kate. „Ja, habe ich. Ist das okay?“ „Das ist wunderbar.“ „Ich dachte mir, wir könnten morgen ganz früh aufbrechen und in die Blue Ridge Mountains fahren, wie wir es schon so lange vorhaben. Vielleicht auf einige Weinverkostungen gehen und in einem dieser malerischen Bed and Breakfasts, die es in den Bergen gibt, übernachten.“ „Das hört sich klasse an. Und spontan.“ „So spontan auch wieder nicht“, kicherte Allen. „Wir reden schließlich schon seit ungefähr einem Monat davon.“ Allen setzte sich Kate gegenüber und breitete seine Arme nach Michelle aus. Sie kannte sein Gesicht gut genug und ging wieder in die Krabbelposition. Sie kam auf ihn zu und gurrte dabei die ganze Zeit. Versonnen beobachtete Kate die Szene und versuchte sich zu erinnern, wann ihr Herz zum letzten Mal so voll Glück gewesen war. Während sie die beiden beobachtete, aß sie ihr Abendessen. Michelle schaukelte sich weiter vor und zurück, und Allen feuerte sie an. Als Kates Telefon klingelte, blickten alle drei in Richtung des Handys. Selbst Michelle erkannte den Klingelton und streckte die Ärmchen danach aus, während sie sich auf der Decke in eine sitzende Position begab. Kate schnappte sich das Telefon vom Tisch, in der Erwartung, dass Melissa anrief, um zu sehen, wie es Michelle ging. Aber es war nicht Melissa. Auf dem Display stand ein anderer Name: Duran. Als sie den Namen sah, war Kate innerlich zerrissen. Ein Teil in ihr war aufgeregt, dass sie vielleicht bei einem Fall helfen sollte. Doch der andere Teil, der sich im gegenwärtigen Moment befand, wollte das Gespräch nicht annehmen. Während es natürlich möglich war, dass Duran nur anrief, weil er eine Frage hatte oder es um eine Recherche ging – etwas, das während der letzten Monate immer öfter vorgekommen war – war ihr klar, dass es sich ebenso um etwas Dringendes und Zeitaufwändiges handeln konnte. Kate sah, dass Allen sich schon dachte, wer anrief. Vielleicht hatte die Unentschlossenheit in ihrem Gesicht sie verraten. Pflichtbewusst nahm sie den Anruf entgegen, stolz, dass sie noch beim FBI dabei war, obwohl sie auf die siebenundfünfzig zuging. „Hallo, Director“, sagte sie, „was verschafft mir die Ehre?“ „Guten Abend, Wise. Also … wir haben ein Problem, nicht weit entfernt von dort, wo Sie leben. Ein Doppelmord und eine vermisste Person. Alles derselbe Fall. Es sieht nach einer Kleinstadt aus – sogar so klein, dass das Police Department vor Ort zugibt, nicht recht darauf vorbereitet zu sein. Weil es hier auch um eine vermisste Person geht – die Vermisste ist ein fünfzehnjähriges Mädchen – möchte ich, dass Sie und DeMarco den Fall leise und ohne viel Aufhebens aufklären, und zwar bevor die Medien davon Wind bekommen und uns die Arbeit unnötig erschweren.“ „Gibt es schon Einzelheiten?“, fragte Kate. „Nicht viele. Was ich bisher weiß, ist das Folgende.“ Während sie Director Duran zuhörte, der darlegte, warum er anrief und was er von ihr erwartete, betrachtete sie Allen und Michelle mit traurigem Blick. Nach drei Minuten war das Gespräch beendet. Sie legte das Telefon weg und ertappte Allen dabei, wie er sie anblickte. Ein müdes, verständnisvolles Lächeln lag auf seinem Gesicht. „Vielleicht versuchen wir es an einem anderen Wochenende mit den Weingütern und dem Bed and Breakfast?“, sagte sie. Er lächelte traurig und wandte sich dann ab. „Ja, vielleicht“, meinte er. Er starrte aus dem Fenster, als könne er dort die Zukunft sehen, und Kate sah klar seine Unsicherheit. Sie konnte es ihm nicht verübeln. Sie wusste ja selbst nicht einmal, wie ihre Zukunft aussah. Aber eines wusste sie mit Sicherheit: dass da draußen jemand tot war, und sie würde verdammt nochmal herausfinden, wer dafür verantwortlich war. Kapitel zwei Obwohl Kristen DeMarco erheblich jünger war als Kate (sie war letzte Woche erst siebenundzwanzig geworden), betrachtete Kate sie nicht als ein junges Ding. Selbst in Anbetracht der Aufregung, die sie aufgrund des neuen Falls empfand, konnte sie die Lage mit Logik und anhand der Fakten objektiv betrachten. Genau das tat sie jetzt, als sie und Kate auf dem Weg in die Kleinstadt Deton in Virginia waren. Kate war nie in Deton gewesen, hatte aber davon gehört: es war eine von vielen ländlichen Ortschaften, die an der Grenze von Virginia nach West Virginia lagen. Anscheinend wusste auch DeMarco, dass der Ort nichts weiter als ein Fleck auf der Landkarte war. Sie klang zwar aufgeregt, als sie die Einzelheiten des Falls darlegte, aber es schwang keine Dringlichkeit oder Erwartung mit. „Vor zwei Tagen besuchte ein Pastor aus Deton abends das Haus der Fullers. Er sagte der Polizei später, dass er mehrere alte Bibeln von Wendy Fuller, der Ehefrau, abholen wollte. Als er ankam, öffnete ihm niemand die Tür, aber er konnte den Fernseher von drinnen hören. Er probierte die Haustür, fand sie unverschlossen und rief ins Haus hinein, um sich bemerkbar zu machen. Der Pastor sagte aus, dass sich noch nasses Blut auf dem Teppich befand. Er ging ins Haus, um der Sache auf den Grund zu gehen, und fand beide, Wendy und Alvin Fuller, tot vor. Von der fünfzehnjährigen Tochter Mercy war nicht auffindbar.“ Hier hielt DeMarco einen Moment inne und blickte von der Akte auf, die sie aus Washington DC mitgebracht hatte. „Macht es dir etwas aus, dass ich das hier mache?“ „Den Fall erörtern? Nein, keineswegs.“ „Ich weiß, es ist irgendwie unprofessionell, aber es hilft mir, die Details besser zu behalten.“ „Es ist nicht unprofessionell“, sagte Kate. „Früher habe ich immer ein Aufnahmegerät bei mir gehabt. Ich habe genau das getan, was du gerade tust, und die Aufnahme immer dabei gehabt. Also bitte, mach weiter. Die Details, die Duran mir übers Telefon gegeben hat, waren bestenfalls spärlich.“ „Der gerichtsmedizinische Bericht besagt, dass die Todesursache multiple Schusswunden waren, stammend von einem Remington Jagdgewehr. Der Vater hatte zwei, die Mutter eine Schusswunde, aber sie wurde auch geschlagen, wahrscheinlich mit einem Gewehrkolben. Das örtliche Police Department hat das Waffenregister überprüft und bestätigt, dass der Ehemann, Alvin Fuller, registrierter Jäger war und im Besitz eben jener Waffe. Aber sie wurde nirgendwo am Tatort gefunden.“ „Also hat der Mörder ihn mit seiner eigenen Waffe getötet und sie dann gestohlen?“, fragte Kate. „Sieht so aus. Abgesehen von diesem Bericht hat das örtliche Police Department nichts gefunden, und das State Police Department hat auch keine echten Spuren gefunden. Nach den Aussagen von Freunden und Familie waren die Fullers gute Menschen. Der Pastor, der die Leichen entdeckte, sagte, sie waren fast jeden Sonntag in der Kirche. Er wollte Bibeln bei den Fullers abholen, um sie an Missionare auf den Philippinen zu schicken.“ „Gute Menschen umgeben sich allerdings nicht immer mit guten Menschen“, gab Kate zu bedenken. „Aber in einem solchen Ort … da kennt jeder jeden. Da niemand Beweise oder eine Theorie zu haben scheint, erscheint es mir möglich, dass der Killer von außerhalb kam.“ „Das ist möglich“, meinte Kate. „Jedoch glaube ich, dass die Tatsache wichtiger ist, dass ein fünfzehnjähriges Mädchen spurlos verschwunden ist. Die Leute im Ort werden annehmen, dass das Mädchen entführt wurde. Aber wenn wir diesen Kleinstadt-Filter beiseite lassen und nicht annehmen, dass jeder ein guter Mensch ist, was für Theorien haben wir dann?“ „Dass die Tochter vielleicht nicht entführt wurde“, sagte DeMarco. Sie sprach langsam, so als betrachtete sie ihre Idee sehr eingehend. „Dass sie vielleicht weggelaufen ist. Dass sie vielleicht der Killer ist.“ „Genau. Und ich habe solche Dinge schon gesehen. Wenn wir aber in Deton mit dieser Theorie hausieren gehen, stehen uns wütende Blicke und geschlossene Türen bevor.“ „Das habe ich mir auch schon gedacht.“ „Das heißt nicht, dass wir den Fall nicht unter dem Gesichtspunkt einer möglichen Entführung betrachten. Aber wir können genauso wenig davon ausgehen, dass die Tochter nicht der Killer ist.“ „Zumindest nicht, bis wir nicht mehr über sie erfahren haben“, meinte DeMarco. „So ist es. Und mein Gefühl sagt mir, dass wir genau dort anfangen sollten. Denn ich kann dir garantieren, wenn alle im Ort die Fullers für gute Menschen halten, dass niemand die Tochter ernsthaft als Verdächtige in Betracht zieht.“ „Da fangen wir also an“, stimmte DeMarco zu. „Ja, aber am besten behandeln wir das vertraulich. Wenn herauskommt, dass wir mit der Tochter des ermordeten Ehepaars als Hauptverdächtige beginnen, wird der Fall viel schwieriger zu lösen sein als nötig ist.“ Es war eine Aussage, in der eine Vorahnung mitschwang, eine, die an Dringlichkeit zunahm, als sie das Schild hinter sich ließen, nach dem Deton nur noch sieben Meilen entfernt war. * * * Deton war nicht ganz so klein, wie Kate es erwartet hatte, aber es war doch sehr ländlich. Es schien, als sei jedes Geschäft, das etwas auf sich hielt, entlang des Highways angesiedelt war, der geradewegs durch den Ort verlief. Es gab keine Main Street, nur dieses Stück Highway 44, das hindurch führte. Die Nebenstraßen zweigten von der 44 ab und schlängelten sich in die dünner besiedelten Teile Detons. Der Hauptteil des Ortes bestand aus einem Rite Aid, einem Burger King, einem Dollar General und mehreren kleineren Geschäften. Über die Jahre hatte Kates Beruf sie durch Hunderte ebensolcher Ortschaften geführt, und sie meinte, dass sie alle gleich aussahen. Das hieß natürlich nicht, dass die Menschen dort und deren Kultur gleich waren. So etwas anzunehmen wäre ein grober Fehler. Das Haus der Fullers lag etwa drei Meilen vom Ortskern entfernt an einer der Nebenstraßen. Es handelte sich um ein einfaches Haus, das eine neue Seitenverkleidung und ein neues Dach brauchte. Das rustikale Aussehen passte nicht recht zu den anderen Dingen, die Kate und DeMarco auffielen, als Kate auf der Auffahrt parkte. Ein Übertragungswagen der Nachrichtenstation stand auf der Auffahrt. Eine gutaussehende Reporterin und ein Kameramann standen vorne am Wagen und unterhielten sich. Ein einzelner Polizeiwagen, in dem ein Beamter saß, war dort auch geparkt. Als der Beamte Kate und DeMarco sah, stieg er langsam aus. Die Reporterin blickte auf, als auch Kate und DeMarco ausstiegen. Wie ein Bluthund kam die Reporterin gleich auf sie zu. Der Kameramann kämpfte noch mit seiner Ausrüstung, versuchte hinterher zu kommen, konnte aber nicht Schritt halten. „Sind Sie die Detectives?“, fragte die Reporterin. „Kein Kommentar“, bellte Kate. „Haben Sie die Befugnis, hier zu sein?“ „Haben Sie sie denn?“ „Ich habe die Verantwortung, Bericht zu erstatten“, schoss die Reporterin mit einer vorgefertigten Antwort zurück. Kate war klar, dass die Reporterin innerhalb von einer Stunde herausfinden würde, dass man das FBI eingeschaltet hatte. Deshalb hatte sie kein Problem damit, der Reporterin ihre FBI-Marke zu zeigen, als sie und DeMarco auf das Haus zugingen. „Wir sind vom FBI“, sagte Kate. „Merken Sie sich das, falls Sie versucht sind, uns nach drinnen zu folgen.“ Die Reporterin blieb abrupt stehen, sodass der Kameramann fast mit ihr kollidierte. Hinter ihnen näherte sich der Beamte. An seinem Namensschild und dem Abzeichen an seiner Uniform erkannte Kate, dass es sich um den Sheriff von Deton handelte. Er grinste die Reporterin an, als er an ihr vorbeiging. „Sehen Sie“, sagte er schroff zu ihr, „das geht nicht nur mir so. Niemand will Sie in der Nähe haben.“ Er trat vor Kate und DeMarco und führte sie zur Haustür. Nebenbei fügte er hinzu, „Sie kennen die Gesetze genauso gut wie ich. Ich kann sie nicht wegschicken, weil sie eigentlich nichts Verbotenes tun. Die verfluchten Geier hoffen darauf, dass ein Verwandter oder so etwas vorbeikommt.“ „Wie lange parken sie schon hier?“, fragte DeMarco. „Seitdem es vor zwei Tagen passiert ist, war die ganze Zeit über mindestens ein Übertragungswagen da. Eine Zeitlang waren gestern sogar drei hier. Diese Sache hat hier in der Gegend ziemlich hohe Wellen geschlagen. Auch um die County Police Station herum waren Übertragungswagen und Nachrichten-Crews. Es macht einen ziemlich wütend.“ Er schloss die Haustür auf und führte sie herein. „Ich bin übrigens Sheriff Randall Barnes. Mir wurde die Unannehmlichkeit zuteil, die Ermittlungen in diesem Fall zu leiten. Die State Police hat herausgefunden, dass das FBI auf dem Weg ist und hat sich zurückgezogen. Sie fahnden noch nach der Tochter, aber den Mord haben sie quasi zu meinen Füßen abgelegt.“ Beim reingehen stellten sich Kate und DeMarco vor. Danach erstarb das Gespräch. Die Szene, die sich ihnen bot, war – obgleich nicht so schlimm wie andere Tatorte, die Kate gesehen hatte – furchtbar. Die getrockneten, dunkelbraunen Spritzer auf dem blauen Teppich sprangen ihnen förmlich ins Gesicht. Im Haus herrschte eine abgestandene, fast schale Atmosphäre, etwas, das Kate schon an anderen Tatorten gespürt hatte – etwas, was sie schon unzählige Male zu beschreiben versucht hatte, aber immer gescheitert war. Aus heiterem Himmel dachte sie an Michael. Sie hatte einmal versucht, ihm dieses Gefühl zu beschreiben, dass es fast so war, als ob das Haus selbst den Verlust spürte und mit einem Gefühl von abgestandener Luft darauf reagierte. Er hatte gelacht und gesagt, dass es auf seltsame Art spirituell klang. Seine Reaktion hatte Kate nichts ausgemacht … vor allem, weil es genau das war, was sie selbst fühlte, als sie jetzt den Blick durch das Haus der Fullers schweifen ließ. „Agents, ich gehe wieder hinaus auf die Veranda“, sagte Barnes, „und sorge dafür, dass sich keine Neugierigen hier herumtreiben. Rufen Sie einfach, falls Sie etwas benötigen. Aber soviel kann ich Ihnen jetzt schon sagen: wenn Sie etwas wissen wollen, das nicht schon in den Berichten steht, die wir Ihnen zugeschickt haben, muss es von Foster kommen, einem meiner anderen Beamten. Hier in Deton sind wir nicht gerade an solche Fälle gewöhnt. Wir merken gerade, wie wenig wir auf solche Sachen vorbereitet sind.“ „Wir würden im Anschluss gern mit ihm sprechen“, sagte DeMarco. „Ich rufe ihn an und veranlasse, dass er auf der Wache bleibt.“ Leise verschwand er durch die Haustür und überließ ihnen den Tatort. Kate machte einen Bogen um die ersten Blutspritzer auf dem Teppich. Es waren auch welche an der Couch, und an der Wand über der Couch. Ein kleiner Wohnzimmertisch stand vor der Couch, und die paar Dinge, die darauf lagen, wirkten durcheinander – mehrere Rechnungen, ein leerer, umgekippter Plastikbecher, und die Fernbedienung. Es konnten Anzeichen eines kurzen Kampfes sein, und wenn das zutraf, dann war es kein sonderlich erbitterter Kampf gewesen. „Keine wirklichen Anzeichen eines Kampfes“, sagte DeMarco. „Ich sehe nicht, wie die Tochter es getan haben sollte, es sei denn, sie ist extrem stark und athletisch.“ „Wenn es die Tochter war, hat es sie wahrscheinlich vollkommen unvorbereitet getroffen“, gab Kate zu bedenken. „Sie hätte einfach ins Zimmer kommen können, die Waffe hinter sich versteckt haltend. Einer von ihnen war vielleicht schon tot, bevor der andere überhaupt verstand, was vor sich ging.“ Sie untersuchten den Raum einige Minuten lang, fanden aber nicht Außergewöhnliches. An der Wand hingen mehrere Bilder, die meisten davon Familienfotos. Es war das erste Mal, dass sie das Mädchen sahen, das wohl Mercy Fuller war. Die Bilder zeigten sie in unterschiedlichem Alter: von etwa fünf Jahren bis zu ihrem jetzigem Alter. Sie war ein süßes Mädchen, das im Collegealter wahrscheinlich sehr hübsch sein würde. Sie hatte schwarzes Haar und ein strahlendes Lächeln. Sie gingen weiter ins Haus hinein und erreichten ein Zimmer, das offensichtlich von einem Teenager bewohnt wurde. Ein Tagebuch lag auf dem Schreibtisch, der von Stiften und Papieren übersät war. Eine pinke Ananas aus Keramik stand am Rand des Schreibtisches, eine Art Bildhalter, in dessen Draht ein Foto eingeklemmt war. Es zeigte zwei Mädchen im Teenager-Alter, die beide breit in die Kamera lächelten. Kate öffnete das Tagebuch. Der letzte Eintrag war acht Tage alt und handelte davon, dass ein Junge namens Charlie sie geküsst hatte, als sie die Klassenräume in der Schule wechselten. Kate überflog frühere Einträge und sah, dass sie ähnlich waren: Probleme mit einer Klassenarbeit, der Wunsch, Charlie möge ihr mehr Aufmerksamkeit schenken, und die Hoffnung, dass die Zicke Kelsey Andrews von einem Zug überfahren wird. Nichts in ihrem Zimmer wies auf tödliche Absichten hin. Als nächstes untersuchten sie das Elternschlafzimmer und fanden es genauso uninteressant. Sie fanden einige Pornozeitschriften im Schrank versteckt, aber ansonsten war das Fuller-Haus sauber. Als sie zwanzig Minuten später das Haus verließen, befand sich Barnes noch immer auf der Veranda. Er saß in einem alten, zerfledderten Sessel und rauchte eine Zigarette. „Etwas gefunden?“, fragte er. „Nichts“, antwortete DeMarco. „Obwohl ich mich frage“, fügte Kate hinzu, „haben Sie oder ihre Kollegen von der State Police einen Laptop oder ein Handy im Zimmer der Tochter gefunden?“ „Nein. Tja, apropos Laptop … das ist nicht gerade überraschend. Vielleicht haben Sie schon anhand des Zustands des Hauses vermutet, dass die Fullers nicht unbedingt Leute waren, die sich einen Laptop für ihre Tochter leisten konnten. Was das Handy anbelangt, der Handyvertrag der Familie besagt tatsächlich, dass Mercy Fuller ihr eigenes Handy besitzt. Aber bisher konnten wir es nicht orten.“ „Vielleicht ist es abgeschaltet“, meinte DeMarco. „Wahrscheinlich“, sagte Barnes. „Allerdings – und das war auch mir bis vor kurzem neu – kann man ein Handy orten, selbst wenn es aus ist, bis zu der Stelle, an der es abgeschaltet wurde… also dem letzten Ort, an dem es eingeschaltet war. Und die Kollegen von der State Police haben herausgefunden, dass das zuletzt hier, in diesem Haus, der Fall war. Aber, wie Sie schon so treffend sagten, ist es nicht auffindbar.“ „Wie viele Ihrer Leute bearbeiten aktiv diesen Fall?“, fragte Kate. „Gegenwärtig sind es drei, die auf der Wache Befragungen vornehmen und Belege hinsichtlich der letzten Einkäufen sichten, wo sie sich zuletzt aufgehalten haben, solche Dinge eben. Einer von der State Police ist noch da, um auszuhelfen, aber er ist nicht sonderlich glücklich darüber.“ „Und Sie haben einen in Ihren Reihen, der – abgesehen von Ihnen selbst – den Fall leitet?“ „Das ist richtig. Wie ich schon sagte, das ist Officer Foster. Der Mann hat ein Gedächtnis wie ein Schließfach.“ „Könnten Sie uns bitte zu einer kurzen Nachbesprechung auf die Wache geleiten“, bat Kate. „Aber nur mit Ihnen selbst und Office Foster. Ich möchte es beim engten Kreis belassen.“ Barnes nickte grimmig, stand auf und schnippte seine Zigarettenkippe in den Garten. „Sie wollen über Mercy als Verdächtige sprechen, ohne dass es allzu viele Leute mitbekommen. Ist das richtig?“ „Ich glaube, es wäre unklug, diese Möglichkeit von der Hand zu weisen, ohne sie eingehend überprüft zu haben“, sagte Kate. „Und Sie haben recht. Je weniger Leute davon Wind bekommen, desto besser.“ „Ich rufe Foster auf der Fahrt zur Wache an.“ Er ging die Stufen hinab und starrte dabei die Reporterin und ihren Kameramann böse an. Das veranlasste Kate, sich zu fragen, ob er innerhalb der letzten zwei Tage mit den Nachrichten-Crews aneinander geraten war. Als sie und DeMarco in den Wagen stiegen, warf sie der Nachrichten-Crew einen misstrauischen Blick zu. Sie wusste, dass ein Mord wie dieser kleine Gemeinden wie Deton schwer erschütterten. Und dass Nachrichten-Crews genau deshalb nicht davor Halt machten, ihre Story zu bekommen. Kate fragte sich, ob es hier um mehr ging, als auf den ersten Blick ersichtlich war – und, wenn dem so war, was genau sie zu tun hatte, um an alle Fakten zu kommen. Kapitel drei Die Deton Police Station entpuppte sich als das, was Kate sich ungefähr vorgestellt hatte. Sie lag an einem Ende des Ortskerns entlang des Highways, ein schmuckloses Gebäude aus Ziegelstein, auf dessen Giebel die amerikanische Flagge wehte. Ein paar Polizeiwagen parkten seitlich davon. Die niedrigen Kennzahlen reflektierten die Größe des Ortes selbst. Das Großraumbüro nahm den meisten Platz ein. Ein großer Schreibtisch stand vorne, verwaist. Tatsächlich machte die ganze Wache einen verwaisten Eindruck. Sie folgten Barnes einen schmalen Flur entlang, an dem nur fünf Räume lagen, zur Rückseite des Gebäudes. An der Tür einer dieser Räume war ein Schild angebracht, auf dem Sheriff Barnes stand. Barnes führte sie in den letzten Raum auf dem Flur. Er war sehr klein und als eine Art Konferenzraum ausgestattet. Darin hielt sich ein Beamter auf, der an einem Tisch saß und einen Stapel Dokumente durchging. „Agents, dies ist Officer Foster“, sagte Barnes. Officer Barnes war ein junger Mann, der auf die Dreißig zugehen mochte. Sein Haar trug er kurzgeschoren und er schaute etwas mürrisch drein. Kate sah sofort, dass er ein sehr sachlicher Mann war. Er würde keine Witze machen, um die Spannung zu zerstreuen und sich wohl nicht die Mühe machen, die Agents, die jetzt vor ihm saßen, durch Small-Talk besser kennenzulernen. Kate mochte ihn auf Anhieb. „Seit wir den Anruf von Pastor Poulson erhalten haben, sind bei Officer Foster alle Fäden zusammengelaufen“, erklärte Barnes. „Er hat jede Information, die wir erhalten haben, gehört oder gesehen und sie den Akten zugefügt. Welche Fragen Sie auch immer haben sollten, er kann sie Ihnen wahrscheinlich beantworten.“ „Das ist doch mal ein hohes Lob“, sagte Foster, „aber ja, ich werde definitiv mein Möglichstes tun.“ „Also“, begann Kate, „was für Informationen haben wir hinsichtlich der Personen, mit denen alle drei Fullers direkt vor den Morden gesprochen haben – abgesehen von Gesprächen untereinander.“ „Alvin Fuller hat mit einem alten Freund aus High-School-Zeiten gesprochen, als er an der Citgo am Highway 44 bezahlte“, sagte Foster. „Er war auf dem Weg von der Arbeit nach Hause und als dort anhielt, um ein Sixpack Bier zu kaufen, sind sie sich über den Weg gelaufen. Der Freund sagt, sie haben sich über Arbeit und Familie unterhalten. Es war sehr oberflächliches, ein Gespräch der Höflichkeit halber. Der Freund sagte, dass Alvin nicht irgendwie seltsam gewirkt habe.“ „Bezüglich Wendy Fuller, die letzte Person, mit der sie, abgesehen von ihrer Familie, gesprochen hat, war eine Kollegin. Wendy arbeitete in einem kleinen Versandlager ein wenig außerhalb. Die Kollegin gab an, das letzte, worüber sie gesprochen hatten, war Wendys Sorge, weil Mercy begann, starkes Interesse an Jungs zu zeigen. Anscheinend hatte Mercy sich vor nicht allzu langer Zeit zum ersten Mal geküsst, und Wendy machte sich Sorgen, was das bedeuten könnte. Aber abgesehen davon war alles so, wie sonst auch.“ „Und wie sieht es mit Mercy aus?“, fragte DeMarco. „Die letzte Person, mit der sie gesprochen hat, war ihre beste Freundin, ein Mädchen aus dem Ort namens Anne Pettus. Wir haben zweimal mit Anne gesprochen, nur um sicherzugehen, dass sie beide Male die gleiche Geschichte erzählt. Sie sagt, in der letzten Unterhaltung ging es um einen Jungen namens Charlie. Nach dem, was Anne sagt, war dieser Charlie nicht Mercys Freund. Anne hat uns auch etwas verraten, was nicht mit dem übereinstimmt, was ihre Eltern über sie wissen.“ „Eine Lüge?“, fragte Kate. „Ja. Wendys Kollegin sagte, dass sie über Mercys ersten Kuss gesprochen haben. Aber Anne Pettus sagt, dass das so nicht richtig ist. Wie es scheint, liegt Mercys erster Kuss schon eine ganze Weile zurück.“ „Hat sie promiskuitiv?“ „Das hat Anne so nicht gesagt. Sie sagte nur, dass sie genau wisse, dass Mercy schon sehr viel mehr mit Jungen gemacht hat als sie nur zu küssen.“ „Hinsichtlich ihres Verschwindens, in welche Richtung weist die bisherige Beweislage?“, fragte Kate. „Dass sie entführt wurde, oder dass sie abgehauen ist?“ „Sofern Sie nicht noch etwas in dem Haus finden, gibt es bisher keinerlei Beweise, die auf eine Entführung hinweisen. Im Gegenteil, wir haben Beweise, die uns zu der Annahme verleiten, dass sie freiwillig gegangen ist.“ „Welche Art von Beweisen?“ „Anne sagt, dass Mercy sich eine kleine Summe Bargeld zusammengespart hat. Sie wusste sogar, wo Mercy das Geld aufbewahrte: ganz unten in ihrer Sockenschublade. Wir haben nachgesehen: 300 Dollar lagen dort versteckt. Das widerspricht wiederum der Hypothese, dass sie davongelaufen ist, denn sie hätte das Geld mitgenommen, richtig? Allerdings hat Mercy ihre Kreditkarte zuletzt benutzt, um damit den Tank aufzufüllen. Das war zwei bis drei Stunden, bevor die Leichen ihrer Eltern entdeckt wurden. Zwei Tage zuvor hat sie bei Target in Harrisonburg Kosmetika in der Größe gekauft, wie man sie gern mit auf Reisen nimmt: Zahnbürste, Zahnpasta, Deodorant. Die Kreditkartenaufstellung bestätigt das, ebenso Anne Pettus, mit der zusammen sie an dem Tag eingekauft hat.“ „Hat Anne sie zufällig gefragt, warum sie Kosmetika in Reisegröße kauft?“, fragte Kate. „Ja, das hat sie. Mercy sagte, sie hätte nicht mehr viel zuhause und hasste es, sich wie ein Kind zu fühlen, dass ihre Eltern bitten musste, ihr so etwas zu kaufen.“ „Es ist nichts über einen Freund bekannt?“, fragte Kate. „Nicht nach dem, was Anne berichtet. Und die schien so ziemlich alles über Mercy zu wissen.“ „Ich möchte mit Anne sprechen“, sagte Kate. „Meinen Sie, sie willigt ein, oder wird sie uns Steine in den Weg legen?“ „Sie wird ganz sicher einwilligen“, sagte Foster. „Er hat recht“, fügte Barnes hinzu. „Anne hat uns sogar zwischendurch mehrfach angerufen, und fragte, ob wir neue Erkenntnisse haben. Sie ist sehr hilfsbereit. Das gilt auch für ihre Eltern, die uns mit ihr haben sprechen lassen. Wenn Sie möchten, rufe ich an und arrangiere ein Treffen.“ „Das wäre großartig“, sagte Kate. „Sie ist ein starkes Mädchen“, sagte Foster. „Aber unter uns gesagt, ich glaube, dass sie uns etwas verheimlicht. Vielleicht nicht Großes. Ich glaube, sie will nur sicher sein, nichts Schlechtes über ihre vermisste, beste Freundin zu sagen.“ Das ist verständlich, dachte Kate. Kate wusste aber auch, dass die Tatsache, dass die beiden die besten Freundinnen waren, Grund genug dafür war, etwas zu verheimlichen. * * * Es war nachvollziehbar, dass Annes Eltern ihr erlaubt hatten, von der Schule zuhause zu bleiben. Als Kate und DeMarco das Haus der Pettus‘ erreichten, das in einer Straße stand, die der der Fullers ähnelte, warteten die Eltern schon drinnen an der Haustür. Kate konnte beide durch die Glastür erkennen, als sie den Wagen auf der U-förmigen Auffahrt parkte. Mr. und Mrs. Pettus traten auf die Veranda hinaus, um die Agents zu begrüßen. Der Vater hatte die Arme verschränkt. Ein trauriger Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Die Mutter sah müde aus, mit geröteten Augen und einer erschöpften Haltung. Nachdem sich alle vorgestellt hatten, kamen Mr. und Mrs. Pettus direkt zur Sache. Sie waren weder unhöflich noch aufdringlich, sondern einfach besorgte Eltern, die ihre Tochter davor bewahren wollten, unnötig durch die Hölle zu gehen. „Es scheint ihr mit jedem Mal, das sie darüber redet, besser zu gehen“, sagte Mrs. Pettus. „Ich glaube, mit der Zeit wird sie mehr und mehr verstehen, dass ihre beste Freundin nicht unbedingt tot ist. Je mehr sie sich mit der Möglichkeit befasst, dass sie einfach vermisst wird, desto mehr wird sie helfen wollen.“ „Trotzdem“, fügte Mr. Pettus hinzu, „muss ich Sie bitten, die Befragung so kurz wie möglich zu halten, und ein Element der Hoffnung durchscheinen zu lassen. Wir werden uns natürlich nicht in die Befragung einschalten, aber seien Sie gewarnt, sobald wir etwas hören, dass unsere Tochter aufregt, ist Ihre Zeit mit ihr um.“ „Das ist absolut verständlich“, sagte Kate. „Und Sie haben mein Wort, dass wir behutsam vorgehen werden.“ Mr. Pettus nickte und öffnete ihnen schließlich die Haustür. Als sie eintraten, sah Kate Anne Pettus sofort. Sie saß auf der Couch und hatte ihre Hände zwischen die Knie ineinandergelegt. Wie ihre Mutter sah auch sie müde und erschöpft aus. In dem Moment wurde sich Kate bewusst, dass Mädchen im Teenager-Alter ihren besten Freundinnen sehr nahe standen. Sie konnte sich nicht vorstellen, was dieses junge Mädchen gerade durchmachen musste. „Anne“, sagte Mrs. Pettus, „dies sind die Agents, die sich angekündigt haben. Möchtest du noch immer mit ihnen sprechen?“ „Ja, Mom. Ich bin okay.“ Während Kate und DeMarco links und rechts von Anne Platz nahmen, nickten beide Eltern ihnen kurz zu. Wie Kate bemerkte, sah Anne erst dann aus, als sei ihr das alles sehr unangenehm, als sich ihre Eltern sich hinter sie stellten. „Anne“, sagte Kate, „wir werden uns kurz fassen. Sind im Bild über alles, was du der Polizei schon erzählt hast, daher werden wir dich nicht bitten, all diese Dinge zu wiederholen. Nun ja, mit einer Ausnahme. Ich würde gern mehr über die Shopping-Tour erfahren, die du mit Mercy nach Harrisonburg unternommen hast. Mercy kaufte diverse Dinge in Reisegröße, richtig?“ „Ja. Ich fand das schon seltsam. Sie sagte, sie hätte davon nichts mehr zuhause. Zahnpasta, eine kleine Zahnbürste, Deo, solche Dinge. Ich fragte sie, warum sie sie sich selbst kaufte und nicht ihre Eltern, aber sie ist nicht darauf eingegangen.“ „Meinst du, dass sie glücklich war zuhause?“ „Ja, schon. Aber… na ja, sie ist fünfzehn. Sie liebt ihre Eltern, aber sie hasst die Gegend hier. Sie will schon aus Deton weg, seit sie zehn Jahre alt ist.“ „Hast du eine Ahnung, warum?“, fragte DeMarco. „Es ist öde hier“, sagte Anne. Dabei warf sie ihren Eltern einen entschuldigenden Blick zu. „Ich bin ein bisschen älter als Mercy; ich bin sechszehn und habe einen Führerschein, und sie und ich fahren manchmal hierhin und dorthin. Shopping. Ins Kino. Aber man muss eine Stunde fahren, um irgendwohin zu kommen. Deton ist tot.“ „Weißt du, wo sie hinwollte?“ „Nach Palm Springs“, sagte Anne mit einem Lachen. „Sie hat eine Sendung über Palm Springs gesehen, in der die Leute dort Party gemacht haben, und fand es hübsch dort.“ „Hatte sie irgendein bestimmtes College im Auge, auf das sie gehen wollte?“ „Ich glaube nicht. Ich meine, als sie diese kleine Veranstaltung für uns in der Schule hatten, hat sie sich etwas genauer mit dem Material der UVA und Wake Forest beschäftigt. Aber … na ja, ich weiß nicht.“ „Kannst du uns irgendetwas über Charlie erzählen?“, fragte Kate. „Wir haben seinen Namen in ihrem Tagebuch entdeckt und wissen, dass sie sich zumindest nahe genug standen, um zwischen den Unterrichtsstunden einen Kuss auszutauschen. Aber die Polizei hat uns mitgeteilt, dass du sagtest, sie habe keinen Freund.“ „Nein, sie hat keinen.“ Kate merkte sofort, dass sich Annes Ton bei diesem Kommentar leicht versteifte. Auch ihre Haltung schien angespannter. Dies schien ein sensibles Thema zu sein. Aber angesichts der Tatsache, dass sie erst sechszehn war und ihre Eltern hinter standen, konnte Kate sie nicht der Lüge bezichtigen. Sie würde eine andere Strategie wählen müssen. Vielleicht umgaben ihre Freundin irgendwelche dunklen Geheimnisse, die Anne einfach nicht laut aussprechen wollte. „Sie und Charlie sind also nur befreundet?“, fragte Kate. „So ungefähr. Also, ich glaube, dass sie sich vielleicht wirklich mögen, aber nicht wirklich ein Paar sein wollten. Verstehen Sie?“ „Soweit du weißt, haben sie und Charlie noch etwas anderes getan als nur zu küssen?“ „Wenn es so war, dann hat mir Mercy nichts davon erzählt. Und sie erzählt mir alles.“ „Weißt du, ob sie vor ihren Eltern Geheimnisse hatte?“ Wieder konnte Kate an Annes Gesicht sehen, dass dem Mädchen die Frage unangenehm war. Es war kaum merklich, fast nicht auszumachen, aber Kate erkannte es, weil dies ihr bei unzähligen anderen Fällen begegnet war – vor allem, wo Teenager involviert waren. Umher flitzende Augen, unwohl auf dem Stuhl herumrutschen, zu schnelles Antworten, ohne darüber nachzudenken, oder zu langes Zögern. „Falls es so ist, hat sie mir auch davon nichts gesagt.“ „Wie sieht es mit einem Job aus?“, fragte Kate. „Hat sie irgendwo gearbeitet?“ „Nicht in letzter Zeit. Vor ein paar Monaten hat sie ungefähr zehn Stunden pro Woche Kids aus der Middle School Nachhilfe gegeben. In Algebra, glaube ich. Aber das wurde dann nicht mehr angeboten, weil es nicht genügend Kids gab, die Interesse an der Hilfe hatten.“ „Hat ihr das Spaß gemacht?“, fragte DeMarco. „Ich glaube schon.“ „Keine Horrorgeschichten vom Nachhilfegeben?“ „Keine, von denen sie mir erzählt hat.“ „Aber du bist überzeugt, dass Mercy dir alles über ihr Leben erzählt, richtig?“ Wieder war Anne die Frage unangenehm. Kate fragte sich, dass dies vielleicht das erste Mal war, dass sie schonungslos befragt wurde – dass etwas in Frage gestellt wurde, was sie als die Wahrheit hingestellt hatte. „Ich glaube schon“, sagte Anne. „Wir waren … wir sind beste Freundinnen. Und ich sage sind, weil sie noch lebt. Ich weiß es. Denn, wenn sie tot ist…“ Der Kommentar hing einen Moment lang im Raum. Kate sah, dass die Emotionen in Annes Gesicht echt waren. Es war klar, dass das Mädchen kurz davor stand, in Tränen auszubrechen. Und wenn es soweit kam, war sich Kate sicher, würden ihre Eltern sie bitten zu gehen. Das hieß, dass ihnen nicht viel Zeit blieb – und das wiederum hieß, dass Kate jetzt ihre Samthandschuhe ablegen und sie hart anfassen musste, wenn sie noch Antworten bekommen wollte. „Anne, wir wollen dieser Sache auf den Grund gehen. Und wir gehen genau wie du davon aus, dass Mercy noch lebt. Aber, da will ich ganz ehrlich mit dir sein, in Vermisstenfällen ist die Zeit unser Feind. Je mehr Zeit verstreicht, desto kleiner die Chance, sie zu finden. Also bitte … wenn es irgendetwas gibt, womit du den Behörden von Deton gegenüber bisher nicht herausgerückt bist … dann ist es wichtig, dass du es jetzt uns sagst. Ich weiß, in einer Kleinstadt ist es wichtig, was andere denken—“ „Ich denke, das reicht“, unterbrach Mr. Pettus. Er erhob sich und schritt zur Tür. „Es gefällt mir nicht, dass Sie meiner Tochter unterstellen, dass sie Ihnen etwas verheimlicht. Und man sieht ihr doch an, dass sie mit den Nerven am Ende ist.“ „Mr. Pettus“, begann DeMarco, „wenn Anne—“ „Wir waren mehr als entgegenkommend, sie von den Behörden befragen zu lassen, aber jetzt reicht es. Bitte gehen Sie … jetzt.“ Während sie sich erhoben, tauschten Kate und DeMarco einen entmutigten Blick aus. Kate hatte ungefähr drei Schritte getan, als Annes Stimme sie innehalten ließ. „Nein … warten Sie.“ Alle vier Erwachsenen im Raum wandten sich zu Anne um. Tränen rannen über ihre Wangen und ein ernsthafter Ausdruck lag in ihren Augen. Sie blickte kurz ihre Eltern an und wandte dann die Augen ab, als schäme sie sich. „Was ist?“, fragte Mrs. Pettus ihre Tochter. „Mercy hat einen Freund. Mehr oder weniger. Aber es ist nicht Charlie. Es ist dieser andere Typ … und sie hat nie jemandem von ihm erzählt, denn wenn ihre Eltern davon erfahren, drehen sie durch.“ „Wer ist es?“, fragte Kate. „Es ist dieser Typ, der draußen Richtung Deerfield wohnt. Er ist älter … siebzehn.“ „Und sie waren ein Paar?“, fragte DeMarco. „Ich glaube nicht, dass es etwas Festes war. Sie haben sich einfach öfter gesehen. Aber wenn sie zusammen waren, glaube ich, dann … na ja, ich glaube, es ging nur um das Körperliche. Mercy gefiel es, dass dieser ältere Kerl ihr Aufmerksamkeit schenkte, verstehen Sie?“ „Und warum würden ihre Eltern das nicht gutheißen?“, fragte Kate. „Na ja, zuerst einmal wegen des Altersunterschieds. Mercy ist fünfzehn und er ist fast achtzehn. Aber er ist ein schlimmer Finger. Er hat die High-School geschmissen und hängt mit üblen Leuten rum.“ „Wissen Sie, ob die beiden Sex gehabt haben?“, fragte Kate. „Das hat sie mir nie erzählt. Aber ich glaube schon, denn immer, wenn ich darüber Witze gemacht und sie aufgezogen habe, ist sie ganz still geworden.“ „Anne“, sagte Mr. Pettus, „warum hast du das der Polizei nicht erzählt?“ „Weil ich nicht will, dass die Leute schlecht von Mercy denken. Sie … sie ist meine beste Freundin. Sie ist lieb und nett und … dieser Typ ist Abschaum. Ich verstehe nicht, was sie in ihm gesehen hat.“ „Wie heißt er?“, fragte Kate. „Jeremy Branch.“ „Du sagtest, er habe die Schule abgebrochen. Weißt du, wo er arbeitet?“ „Ich glaube, er arbeitet gar nicht. Hin und wieder arbeitet er wohl in der Landschaftspflege, Bäume beschneiden und den Holzfällern zu Hand gehen. Aber Mercy sagte, dass er eigentlich nur bei seinem älteren Bruder herumsitzt und die meiste Zeit trinkt. Und ich glaube, dass er Drogen verkauft, aber das weiß ich nicht mit Sicherheit.“ Anne tat Kate fast leid. Nach dem Gesichtsausdruck der Eltern zu urteilen, war es klar, dass Anne eine ernsthafte Standpauke erwartete, sobald Kate und DeMarco gegangen waren. Mit diesem Gedanken im Kopf ging Kate zu Anne herüber und setzte sich dorthin, wo ihr Vater vor einer Minute noch gesessen hatte. „Ich weiß, das ist dir nicht leicht gefallen“, sagte Kate zu ihr. „Aber du hast das Richtige getan. Du hast uns einen Hinweis gegeben und anhand dessen können wir vielleicht der Sache auf den Grund gehen. Danke, Anne.“ Und damit nickte sie Annes Eltern kurz zu und verließ das Haus. Auf dem Weg zum Wagen zog DeMarco ihr Telefon hervor. „Weißt du, wo Deerfield liegt?“, fragte sie. „Etwa zwanzig Minuten entfernt, noch tiefer in die Wälder hinein“, sagte Kate. „Und wenn du glaubst, dass Deton klein ist, dann hast du noch nichts gesehen.“ „Ich rufe Sheriff Barnes an und sehe zu, eine Adresse zu bekommen.“ Und genau das tat sie, sobald sie wieder im Wagen saßen. Plötzlich spürte Kate eine Welle der Energie über sich hinweg spülen. Sie hatten eine Spur, das örtliche Police Department auf ihrer Seite und den größten Teil des Tages noch vor sich. Als sie die Auffahrt der Familie Pettus‘ hinter sich ließen, konnte sie nicht umhin, sich hoffnungsvoll zu fühlen. Kapitel vier Obwohl Barnes genauste Angaben zu der Adresse gemacht hatte, fragte sich Kate, ob er sich vertan hatte oder ob etwas bei der Kommunikation verloren gegangen war. Fünf Minuten, nachdem sie den Ortskern von Deerfield, hinter sich gelassen hatte, erblickte sie endlich die Adresse in schwarzen Buchstaben geschrieben an einem Briefkasten an der Straße. Dahinter lagen, wie generell in Deerfield, Virginia, nichts als offene Felder und Wald. Knapp einen halben Meter vom Briefkasten entfernt konnte sie die Umrisse dessen erkennen, was sie für eine Auffahrt hielt. Das Unkraut verdeckte fast die Zufahrt. Sie fuhr auf die Auffahrt und fand sich auf einem Schotterweg wieder, der weiter vorn in einer Lichtung mündete. Sie nahm an, dass dies der Garten war, in dem aber schon sehr lange nicht mehr gemäht worden war. Dort parkten drei Wagen, von denen man zwei komplett abschreiben konnte. Sie standen am Ende der Auffahrt. Einige Meter von den Wagen entfernt, entlang der Baumlinie des Waldes dahinter, der sehr groß wirkte, stand ein überbreiter Wohnwagen. Äußerlich war er dekoriert wie ein Haus und hätte ein nettes Plätzchen sein können, wenn er in Schuss gehalten worden wäre. Aber die vordere Veranda hing leicht schräg, ein Teil des Geländers war ganz abgefallen. Eine lose Regenrinne hing rechts am Haus und dahinter erstreckte sich der wüst aussehende Garten. Kate und DeMarco parkten hinter den Schrottautos und gingen langsam auf das Haus zu. Das Gras, das zum Großteil aus Unkraut bestand, reichte Kate bis zu den Knien. „Ich fühlte mich wie auf irgendeiner merkwürdigen Safari“, sagte DeMarco. „Hast du eine Machete?“ Ihre Augen auf die Tür gerichtet, kicherte Kate nur. Aufgrund von Anne Pettus‘ Aussage und genereller Stereotypen meinte sie schon zu wissen, was sie drinnen vorfinden würden: Jeremy Branch und seinen älteren Bruder, die herumsaßen und nichts taten. Das Haus würde wahrscheinlich muffig und moderig riechen, vielleicht sogar nach Marihuana. Um das billige Mobiliar herum, das auf einen recht guten Fernseher ausgerichtet war, würden Bierflaschen liegen. Sie hatte es schon unzählige Male gesehen, vor allem bei jungen Leuten, die in ländlichen Gegenden wohnten und Sozialgelder kassierten. Sie stiegen auf die Veranda und klopften an die Tür. Von drinnen drang Musik, Heavy Metal, allerdings relativ leise gestellt. Dann vernahm sie schwere Schritte, die sich der Tür näherten. Als sie wenige Sekunden darauf geöffnet wurde standen sie einem jungen Mann in ärmellosem T-Shirt und Khaki-Short gegenüber. Er war unrasiert, sein war linker Arm komplett tätowiert und beide Ohren waren gepierct. Erst lächelte er bei dem Anblick zweier Frauen auf seiner Veranda, doch dann sank die Realität ein. Es waren nicht nur zwei Frauen, sondern zwei professionell gekleidete Frauen mit ernstem Gesichtsausdruck. „Wer sind Sie?“, fragte er. DeMarco zeigte ihm ihre FBI-Marke und trat dabei einen Schritt auf die Tür zu. „Agents DeMarco und Wise“, sagte sie. „Wir wollen Jeremy Branch sprechen.“ Der junge Mann sah ehrlich verwirrt und fast ein wenig ängstlich aus. Er trat einen kleinen Schritt von der Tür zurück und blickte vorsichtig zwischen ihnen hin und her. „Das … tja, das bin ich. Aber was wollen Sie von mir?“ „Ich bin sicher, dass Sie die Neuigkeiten hinsichtlich eines Mädchens in Deton gehört haben“, sagte Kate. „Ein Mädchen namens Mercy Fuller.“ Der Ausdruck auf seinem Gesicht sagte Kate alles, was sie wissen musste. Ohne ein Wort gesagt zu haben, hatte er zugegeben, dass er Mercy kannte. Er nickte und wandte dann seinen Blick hinter sich in den Wohnwagen, vielleicht in der Hoffnung um Hilfe von seinem großen Bruder. „Können Sie mir das bestätigen?“, fragte Kate. „Ja, ich hab’s gehört. Sie wird vermisst. Und ihre Eltern wurden umgebracht, richtig?“ „Richtig. Mr. Branch, könnten wir bitte hereinkommen und einen Moment mit Ihnen sprechen?“ „Na ja, dies ist nicht mein Haus. Mein Bruder wohnt hier. Und ich weiß nicht, ob er …“ „Ich weiß nicht, ob Sie wissen, wie so etwas hier abläuft“, sagte Kate. „Wir möchten hereinkommen und uns mit Ihnen unterhalten. Das können wir entweder hier tun, oder wir können es – angesichts dessen, was uns über Sie zu Ohren gekommen ist – es auf der Wache in Deton tun. Sie haben die Wahl.“ „Oh“, sagte er. Er sah schwer besorgt aus, wie ein bedrohtes Tier, das nach einem Ausweg sucht. „Na ja, wenn das so ist, kann ich wohl—“ Dann unterbrach er sich selbst, indem er ihnen die Tür vor der Nase zuschlug. Nach dem lauten Knall der ins Schloss fallenden Tür und ein kurzes Zurückschrecken vor dieser unerwarteten Handlung, vernahm Kate schnelle Schritte im Haus. „Er haut ab“, sagte Kate. Doch noch bevor Kate die Tür wieder geöffnet hatte, war DeMarco schon von der Veranda gesprungen und sprintete zur Rückseite des Hauses. Kate zog die Waffe, drückte die Tür auf und trat ein. Aus dem hinteren Teil des Wohnwagens konnte sie weitere Schritte hören und dann das Geräusch einer weiteren Tür, die geöffnet wurde. Eine Hintertür, dachte Kate. Hoffentlich kann DeMarco ihm den Weg abschneiden. Kate raste durch das Haus, und fand sich in ihrer Annahme bestätigt. Ein leichter Geruch nach Marihuana hing in der Luft, gemischt mit dem Gestank von verschüttetem Bier. Als sie die Küche durchquerte, gelangte sie in einen Flur, von dem zwei Schlafzimmer abzweigten. Dort hinten, am Ende des Flurs, bebte die Tür noch in ihren Angeln, weil jemand soeben hindurch gestürmt war. Sie rannte zur Tür und drückte sie auf, bereit, sich, falls nötig, gegen einen Angriff zu verteidigen. Aber sie hatte die Furcht in Jeremys Augen gesehen. Er würde nicht angreifen, sondern hatte vor, sich aus dem Staub zu machen. Und wenn er es bis zum Waldrand schaffte, der kaum fünf Meter von der Hintertür entfernt lag, könnte ihm das glatt gelingen. Sie sah ihn, wie er sich den Bäumen näherte, aber dann sah sie auch DeMarco, die ihn von der linken Seite des Hauses einholte. Sie machte sich nicht die Mühe, ihre Waffe zu ziehen oder zu rufen, dass Jeremy stehenbleiben solle. Kate war erstaunt, wie schnell ihr Partner laufen konnte – sie war weitaus schneller als der Teenager. Sie holte ihn ein, gerade, als er die ersten Bäume am Waldrand erreichte. DeMarco streckte den Arm aus, griff nach seiner Schulter, und riss ihn herum, so dass er sie ansah. Durch den Schwung begann Jeremy sich ein Kreisel zu drehen und vollführte eine dreihundertsechzig-Grad-Drehung, bevor er das Gleichgewicht verlor und zu Boden stürzte. Kate hastete die wackeligen Stufen der hinteren Veranda hinab, rannte zu DeMarco, und half ihr, Jeremy Branch Handschellen anzulegen. „Wenn Sie weglaufen“, sagte Kate, „gehen wir davon aus, dass Sie etwas zu verbergen haben. Damit haben Sie uns auch soeben die Entscheidung abgenommen. Wir nehmen Sie mit auf die Wache.“ Darauf hatte Jeremy Branch nichts zu erwidern. Er keuchte hörbar, als DeMarco ihm mit den Händen auf dem Rücken gefesselt auf die Füße half. Als sie zum Wagen gingen, sah er verwirrt aus, als stehe er neben sich. Und als er nervös zurück zum Wohnwagen blickte, war Kate sich sicher, dass sie darin verdächtige Hinweise finden würden, die für Jeremy und seinen Bruder eine Menge Ärger bedeuten konnten, auch unabhängig von dem Mercy Fullers Verschwinden. * * * Die Suche im Haus dauerte nicht lang. Während DeMarco draußen blieb, untersuchte Kate die Räume und hatte innerhalb von fünfzehn Minuten mehr als genug gefunden, womit sich die Branch-Brüder eine Menge Ärger einhandelten. In einem der Schlafzimmer wurden über zweihundert Gramm Kokain und ein halbes Dutzend Ecstasy-Pillen gefunden. Im anderen Schlafzimmer befanden sich mehrere kleine Tütchen mit Gras, ein weiteres Dutzend Ecstasy-Pillen, und einige Behälter mit verschreibungspflichtigen Schmerzmedikamenten. Der große Kick war, als Kate unter dem Bett des zweiten Schlafzimmers ein kleines schwarzes Notizbuch fand. Die Aufstellung darin gab an, wer wie viel Geld schuldete, und wofür. Sie war der Meinung, dass das erste Schlafzimmer, das sie untersucht hatte, Jeremy Branchs war. Das hatte sie anhand des recht provokativen Bildes herausgefunden, das auf seinem Nachttisch stand. Darauf waren er selbst und eine fast unbekleidete Mercy Fuller zu sehen. Aber es gab keine Tagebücher, keinen Laptop, nichts, was darauf hinwies, dass er etwas mit ihrem Verschwinden oder dem Tod ihrer Eltern zu tun hatte. Eine interessante Sache fand sie allerdings. Etwas, das zumindest eine Frage beantwortete. In dem kleinen Badezimmer, das von Jeremys Schlafzimmer abzweigte, fand sie eine Zahnpasta in Reisegröße, ein Deodorant für Frauen und eine kleine, neue Zahnbürste. Scheinbar hatte Mercy diese Dinge gekauft, um sie hierzulassen, um verbergen zu können, dass sie mit dem Jungen intim geworden war, bevor sie nach Hause ging. Sie verließ das Haus und watete durch das hohe Gras zum Wagen. „Die ganzen Produkte in Reisegröße habe ich in Jeremys Badezimmer gefunden. Scheinbar hat Mercy sie hiergelassen.“ „Das ist … süß, sage ich mal.“ „Oder eher etwas besessen?“, schlug Kate vor. „Jetzt kennen wir jedenfalls den Grund dafür, warum er abgehauen ist.“ Vom Rücksitz erklang Jeremys verängstigte Stimme. „Das ganze Zeug gehört meinem Bruder.“ „Und er lagert es also in Ihrem Schlafzimmer?“ „Ja, er verkauft es und… und…“ „Sparen Sie sich die Worte, bis wir auf der Wache sind“, sagte Kate. „Um ehrlich zu sein, sind die Drogen derzeit nur nebensächlicher Natur.“ „Ich habe nichts mit Mercy oder ihren Eltern zu tun, ich schwöre es.“ „Das hoffe ich doch“, sagte Kate, als sie losfuhr. „Aber wir werden wohl einfach abwarten müssen.“ Kapitel fünf Als sie diesmal die Polizeiwache in Deton betraten, war der große Empfangstresen am Eingang zum Großraumbüro von einer Frau besetzt, die aussah, als habe man sie irgendwann einmal dorthin gesetzt und seitdem dort sitzenlassen. Sie war locker um die sechzig Jahre alt und als sie zu Kate, DeMarco und Jeremy Branch aufblickte, setzte sie ein einstudiertes Lächeln auf. Als sie allerdings merkte, worum es ging, verflüchtigte sich das Lächeln und sie versuchte, professioneller zu wirken. „Sie sind die Agents?“, fragte sie. „Ja, Ma’am“, sagte DeMarco. „Können wir Mr. Branch hierlassen?“ „Im Vernehmungsraum. Ich benachrichtige den Sheriff und lasse ihn wissen, dass Sie hier sind. Bitte folgen Sie mir.“ Die ältere Frau führte sie am Großraumbüro vorbei und denselben Flur hinunter, den sie schon mit Barnes entlang gegangen waren. Sie öffnete die Tür zum zweiten Raum rechts. Er sah genauso aus wie der, in dem sie früher am Tag die Besprechung mit Officer Foster gehabt hatten. Darin befand sich ein einzelner, alter Schreibtisch mit jeweils einem Stuhl auf jeder Seite. „Setzen Sie sich“, sagte DeMarco und gab Jeremy einen leichten Schubs in Richtung des Tischs. Jeremy widersetzte sich nicht, sondern leistete der Anweisung Folge. Als er saß, verschränkte er seine in Handschellen steckenden Hände vor sich und starrte sie an. „Was hatten Sie für eine Beziehung zu Mercy Fuller?“, fragte Kate. „Ich kannte sie kaum.“ „Ich habe ein Foto auf Ihrem Nachttisch gesehen, das einen anderen Eindruck erweckt.“ „Was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen erzählte, dass sie solch eine … freundschaftliche Beziehung zu den meisten anderen Jungs hatte?“ „Ich würde erwidern, dass Sie damit eine ziemlich gewagte Behauptung aufstellen. Vor allem in einer Kleinstadt wie dieser, über ein Mädchen, das gerade beide Eltern verloren hat.“ Jeremy seufzte und zuckte mit den Schultern. Seine Unbekümmertheit ging Kate stark auf die Nerven, aber sie gab sich Mühe, professionell zu bleiben. „Ich sagte Ihnen schon … ich weiß überhaupt nichts über die Familie.“ „Sie lügen“, sagte Kate. „Die Sache ist folgende … Sie können weiterlügen, aber dies ist eine kleine Stadt, Kumpel. Ich kann Ihre Lügen im Handumdrehen entlarven. Und wenn ich herausfinde, dass Sie mich belügen, dann werde ich mich mit Ihren Drogen befassen. Vielleicht werde ich einige der Leute ausfindig machen, die ihr wenig schlauer Bruder in seinem Notizbuch unter seinem Bett aufgelistet hat. Vielleicht erzähle ich denen, dass Sie mir gesagt haben, wo ich das Büchlein finde.“ Bei dem Gedanken weiteten sich seine Augen, und Jeremy rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Kate fragte sich, ob sie seinen Bruder benutzen konnte, um noch mehr herauszufinden, und wer von den beiden wohl unter Druck am ehesten nachgab. Aber scheinbar musste sie nicht diese Richtung einschlagen. Sie konnte es buchstäblich sehen, als Jeremy entschied, dass ihm seine eigene Selbsterhaltung am wichtigsten war. „In Ordnung. Ich kenne sie. Aber wir waren kein Paar oder so. Wir haben uns nur hin und wieder getroffen.“ „Dann war es eine sexuelle Beziehung?“ „Ja. Und mehr auch nicht.“ „Hat es Sie nicht gestört, dass sie erst fünfzehn ist?“ „Irgendwie schon. Ich hatte vor, Schluss zu machen, wenn ich achtzehn werde. Damit ich mir keinen Ärger einhandle, wissen Sie?“ „Wann haben Sie sie zum letzten Mal gesehen?“, fragte DeMarco. „Vor ungefähr einer Woche.“ „Ist sie zu Ihnen gekommen?“ „Ja, wir hatten diese Routine. Wenn sie zu mir kommen wollte, hat sie mir getextet und ich habe sie drüben an der Waterlick Road abgeholt. Ihren Eltern hat sie dann erzählt, dass sie bei einer Freundin ist. Ich habe sie also abgeholt und wir sind zu mir gefahren.“ „Wie lange ging das schon so?“, fragte Kate. „Vier oder fünf Monate. Hören Sie, ich weiß, es hört sich mies an, aber ich kannte sie wirklich nicht so gut. Es ging nur um Sex. Mehr nicht. Ich war ihr Erster … und sie war neugierig, wissen Sie? Sie war nicht verrückt nach Sex, aber wir haben uns schon oft getroffen.“ „Ich dachte, Sie sagten, sie sei zu den meisten Jungs so freundlich gewesen“, sagte DeMarco. Die einzige Reaktion auf seine Lüge, die er hervorgebracht hatte, war, mit den Schultern zu zucken. „Wie sieht es mit den Eltern aus“, bohrte Kate weiter. „Was können Sie uns über sie erzählen?“ „Nichts. Ich kannte ihren Vater. Ich meine, es ist eine Kleinstadt, da kennt man sozusagen jeden. Außerdem scherzte sie immer, wenn ihr Vater herausbekam, dass wir fi— Sex haben“, sagte er, da er es scheinbar unpassend fand, das f-Wort in Gegenwart zweier Frauen auszusprechen, „bringt er mich um.“ „Und Sie haben ihr geglaubt?“ „Ich weiß nicht. Vielleicht. Ein Kerl denkt nie gern an den Vater eines Mädchens, mit der er ins Bett geht. Ich wusste nie, was ich von den Eltern halten sollte. Ich meine, sie hasste sie. Verachtete sie geradezu, wissen Sie?“ „Tatsächlich?“ „Angesichts dessen, wie sie von ihnen sprach, ja, ich glaube schon. Wenn ich nur…“ Hier hielt er inne und schien sich an etwas zu erinnern. Dann blickte er Kate und DeMarco an, als versuche er, herauszufinden, wie weit er gehen konnte. „Was?“, fragte Kate. „Also. Es war wahrscheinlich nicht in Ordnung, dass wir zwanzig Mal oder so miteinander geschlafen haben, obwohl ich sie gar nicht so gut kannte. Aber ich fand es immer merkwürdig, wie sie über ihre Eltern sprach.“ „Wie denn?“ Bevor er antworten konnte, klopfte es an der Tür. Sheriff Barnes steckte den Kopf herein und ein schneller Blick wechselte zwischen ihm und Jeremy. Kate meinte, dass dies wohl nicht das erste Mal war, dass Jeremy sich in diesem Raum befand. „Jeremy Branch?“, fragte er. „Was zum Teufel macht er hier?“ „Wollen Sie es ihm selbst sagen, oder soll ich?“, fragte DeMarco. Sie gab Jeremy einige Sekunden Zeit, und als er nicht anfing zu sprechen, legte sie Barnes die Fakten dar. „Er hatte eine sexuelle Beziehung mit Mercy Fuller … noch bis vor einer Woche. Er hat uns gerade erzählt, dass er es seltsam fand, dass Mercy so schlecht über ihre Eltern gesprochen hat. Dass sie sie gehasst hat.“ „Du hast mit ihr geschlafen?“, fragte Barnes. „Verdammt, Sohn … wie alt bist du?“ „Siebzehn. Ich werde erst in einem Monat achtzehn.“ „Fahren Sie fort“, sagte Kate und brachte ihn wieder auf den Punkt zurück. „Erzählen Sie uns noch einmal, was Mercy so alles über ihre Eltern gesagt hat.“ „Einfach, dass sie nie irgendetwas durfte. Dass sie ihr nicht vertraut haben. Ich glaube, mit ihrer Mutter hatte sie einen Riesenstress, weil mindestens zweimal gesagt hat ‚Ich will die Schlampe einfach nur umbringen‘. Sie hat ihre Mutter gehasst.“ „Hat sie je von dem Verhältnis ihrer Eltern zueinander gesprochen?“, fragte Kate. „Nein, darüber hat sie nicht oft gesprochen. Sie kotzte sich eine Weile aus, wurde richtig wütend, und dann hatten wir meistens Sex. Ich … ich weiß auch nicht. Ich hätte nie gedacht, dass sie es wirklich tut.“ „Was tut?“, fragte Barnes. Jeremy blickte sie an, als hätte sie rein gar nichts begriffen. „Im Ernst? Sehen Sie … wie ich schon sagte, sie wirkt unschuldig, abgesehen davon, dass sie ziemlich nymphomanisch ist, aber wenn Sie den Killer ihrer Eltern suchen … dann finden Sie sie. Ich garantiere Ihnen, Mercy hat ihre Eltern umgebracht und dann die Stadt verlassen.“ Kapitel sechs Bisher hatte noch niemand gegenüber dem Schreibtisch Platz genommen; Kate, DeMarco und Barnes standen noch immer. Doch als Jeremy diese forsche Aussage machte, ging Sheriff Barnes langsam zu dem Stuhl herüber und setzte sich direkt dem Teenager gegenüber. Mit einer Mischung aus Traurigkeit und Wut in den Augen fuchtelte er mit dem Finger vor Jeremys Gesicht herum. „Ich bin seit sechzehn Jahren Sheriff in dieser Stadt, und ich kannte Wendy und Alvin Fuller ziemlich gut. Und soweit ich weiß, ist Mercy Fuller eine anständige junge Frau. Definitiv nicht ein Stück Dreck wie du, das sich immer wieder in Schwierigkeiten bringt. Und da du also hier sitzt und solche Anschuldigungen hervorbringst, möchte ich für dich hoffen, dass du eine verdammt gute Geschichte auf Lager hast, anhand derer du sie belegen kannst.“ Jeremy nickte; er hatte es zweifellos mit der Angst zu tun bekommen. „Die habe ich.“ Barnes verschränkte die Arme, lehnte sich zurück und blickte Jeremy höhnisch an. Als Jeremy anfing zu reden, blickte er die ganze Zeit auf Sheriff Barnes an. Hätte Kate raten sollen, dann hatte es wohl mit Jeremys Angst zu tun, dass Barnes sich vielleicht jeden Moment über den Tisch herüber auf ihn werfen könnte, um ihn zu erwürgen. „Wir hatten seit ungefähr drei oder vier Wochen miteinander rumgemacht, als sie zum ersten Mal erwähnte, von zuhause weglaufen zu wollen. Sie fragte mich, ob ich mitkomme. Sie sagte, sie wollte nach North Carolina oder so. Ich habe sie damit aufgezogen, weil ich keinen Sinn darin sehe, nur einen Staat weiter zu ziehen. So hat sie mir auch nicht gefallen. Mein Bruder machte immer Witze darüber, dass ein Mädchen besessen wird von dem ersten Typen, mit dem sie schläft. Bei ihr war das wohl auch so. Jedenfalls, keine Chance, dass ich mit ihr weglaufe. Aber so, wie sie darüber redete, war klar, dass sie darüber wirklich nachdachte.“ „Glauben Sie, sie wollte weglaufen, weil sie ihre Eltern nicht leiden konnte?“, fragte Kate. „Ich glaube schon. Ich meine, das ist der einzige Grund, der mir einfällt, warum jemand von zuhause weglaufen will. Ich meine … meine Eltern sind auch Arschlöcher, aber ich bin nie weggelaufen.“ „Nein“, sagte Barnes, „du bist einfach zwei Meilen weiter in den Wohnwagen deines Bruders gezogen. Vielleicht hatte Mercy diese Option nicht.“ „Trotzdem“, sagte Kate, um sicherzustellen, dass Barnes sie nicht vom Thema ableitete, „glauben Sie, sie meinte es wirklich ernst, wenn sie über das Weglaufen sprach? Anstatt nur Ihren Kopf mit Fantasien zu füllen, damit Sie bei ihr bleiben?“ „Nein. Aber sie hat immer wieder davon gesprochen, dass ihre Mutter durchdrehen würde auf der Suche nach ihr – nicht weil sie Mercy wirklich finden wollte, sondern weil sie dachte, dass Mercy ihr einen Schritt voraus war.“ „Wissen Sie von irgendeiner Form von Missbrauch bei ihr zuhause?“, fragte DeMarco. „Ich glaube nicht, dass es da etwas gab. Jedenfalls nicht in letzter Zeit. Einmal hat sie erzählt, wie ihre Mutter ausgeflippt ist und ihr voll ins Gesicht geschlagen hat. Da war sie elf oder zwölf gewesen.“ „Und Sie sagen, dass sie nie direkt gesagt hat, dass sie sie umbringen wird?“, hakte Kate nach. „Doch, ein paar Male. Sie sagte „Ich kann’s kaum erwarten, sie umzubringen“. Und dann hat sie davon gesprochen, ob sie es mit einem Messer macht oder mit einer Pistole. Sie redete gern darüber. Aber ich habe ihr gesagt, sie soll die Klappe halten. Wenn Mercy und ich zusammen waren, ging es nur um Sex. Ich wollte mir das nicht anhören, wie sie davon fantasierte, ihre Eltern zu töten, jedenfalls nicht, bevor wir zur Sache gekommen waren, wissen Sie?“ Als Jeremy aufhörte zu sprechen und alle drei anblickte, dachte Kate über das Gesagte nach. Er hatte hinsichtlich Mercys Promiskuität gelogen. Sie fragte sich, ob alles andere, was er gesagt hatte, auch gelogen war. Sie lehnte sich zu Sheriff Barnes herüber und flüsterte, „Können wir uns einen Moment draußen unterhalten?“ Er nickte, erhob sich und musste dabei praktisch seine Augen von Jeremy losreißen. Er verließ den Raum nicht ruhig, sondern er stürmte hinaus. Er ging er schnurstracks in sein Büro, bevor er auch nur ein Wort zu Kate oder DeMarco, die ihm folgten, sagte. Er hielt die Tür für sie offen. „Scheiße“, stieß er hervor. „Glauben Sie, er sagt die Wahrheit?“, fragte Kate. „Ich glaube, es sind genug Fetzen an Wahrheit dabei, um die Geschichte glaubhaft zu machen. Diese Sache, dass Wendy Fuller Mercy geschlagen hat … das ist wirklich passiert. Mercy hat damals die Polizei verständigt. Sie schien dabei nicht gerade traurig. Das ist etwa fünf Jahre her, aber ich kann mich gut daran erinnern. Sie war rachsüchtig. Sie wollte, dass ihre Mutter einen Haufen Ärger am Hals hatte. Am Ende lief es aber darauf hinaus, dass wir uns mit der Familie zusammengesetzt haben, und damit war die Sache erledigt. Damals hatte Wendy ein Alkoholproblem. Soweit ich weiß, ist sie seit zwei Jahren trocken. Aber was diesen Mist angeht, dass Mercy ihre Eltern hasst … ich bin mir da einfach nicht sicher.“ „Alles, was er uns erzählt hat, ist das genaue Gegenteil von dem, was Anne Pettus gesagt hat. Sie sagte, Mercy liebt ihre Eltern … und dass sie sich richtig gut verstehen.“ „Was mich beschäftigt“, begann Barnes, „ist, dass Jeremy Branch und sein älterer Bruder nichts als Unruhestifter sind. Seinen Bruder habe ich zweimal mit Drogen aufgegriffen und einmal wegen unsittlichen Verhaltens auf dem Rücksitz seines Wagens auf einem der Nebenstraßen. Jeremy hatte ich bisher nur einmal auf der Wache – wegen Diebstahls. Aber ich war mir immer sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis er auch ein ‚Stammkunde‘ wird.“ „Hätte er irgendeinen Grund zu lügen, als er sagte, er halte Mercy für den Killer?“; fragte DeMarco. „Ich weiß es einfach nicht. Aber es macht schon Sinn, oder? Das Mädchen hat die Nase voll von ihren Eltern, bringt sie um, läuft weg.“ Kate nickte. Vor ihrem inneren Auge sah wie das Szenario vor sich, wie Mercy sich ihren nichtsahnenden Eltern näherte und beide umbrachte, noch bevor einer von ihnen die Chance hatte zu begreifen, was gerade passierte. „Seit wann lebt Jeremy bei seinem Bruder?“, fragte Kate. „Ich weiß nicht. Richtig dort wohnen tut er dort seit etwa einem Jahr. Aber auch vorher hat er immer wieder bei seinem Bruder mitgewohnt. Sein Bruder heißt Randy Branch – ein fünfundzwanzigjähriger permanenter Verlierer. Ihre Eltern haben sich vor etwa zehn Jahre scheiden lassen. Sobald er konnte, suchte sich Randy eine eigene Bleibe, diese miese Bruchbude draußen am Waldrand. Eine Zeitlang pendelte Jeremy zwischen seinem Bruder und seiner Mutter hin und her, aber dann zog sie zu ihrer Familie nach Alabama. Und danach hat sich sein Vater scheinbar überhaupt nicht mehr gekümmert.“ „Aber er lebt hier in der Gegend?“ „Ja, draußen an der Waterlick Road.“ „Wissen Sie, ob Jeremy je bei ihm übernachtet?“ „Aus erster Hand weiß ich das nicht, aber ich habe Gerüchte gehört. Eines davon besagt, dass Randy verruchte Partys schmeißt. Orgien, soweit ich weiß. Und er lässt Jeremy nicht dabei sein. An solchen Wochenenden übernachtet Jeremy bei seinem Vater.“ Er hielt inne und fügte dann fast skeptisch hinzu, „Glauben Sie, dass es Mercy war?“ „Glauben Sie es denn?“ Er zuckte die Schultern. „Ich will es nicht glauben, aber es beginnt, danach auszusehen. Um ehrlich zu sein, ich habe diese Möglichkeit schon in Betracht gezogen, bevor Sie hier ankamen.“ „Wir sollten Jeremy noch etwas länger hier behalten“, sagte Kate. „Können Sie veranlassen, dass uns in der Zwischenzeit jemand die Adresse und Kontaktinformation von Jeremys Vaters besorgt?“ „Ja, ich setze Foster darauf an“, sagte Barnes und griff zum Telefon. „Er wird froh sein, seiner Akte etwas hinzufügen zu können.“ Kate und DeMarco verließen das Büro und gingen zum Großraumbüro zurück. Leise sagte DeMarco: „Glaubst du, Jeremy Branch sagt die Wahrheit?“ „Ich kann es einfach nicht sagen. Seine Geschichte macht auf jeden Fall Sinn und verbindet viele Punkte miteinander. Aber ich weiß auch, angesichts all der Drogen, die ich bei ihm gefunden habe, hat er allen Grund der Welt, seine Spuren zu verwischen und die Aufmerksamkeit auf jemand anderen zu lenken.“ „Ich frage mich, ob er nicht selbst mit dem Morden zu tun hat“, sagte DeMarco. „Ein älterer Junge, der wollte, dass ein junges Mädchen ihm weiterhin hörig ist. Wenn sie ihre Eltern wirklich so sehr hasste, und er verrückt genug wäre, wäre er dann nicht auch verdächtig?“ Dieser Gedankengang klang vielversprechend; auch Kate hatte schon daran gedacht. Sie zog ihn noch immer in Betracht und hoffte, dass ein Besuch bei Jeremys Vater ihnen mehr Informationen lieferte. „Agents?“ Beide wandten sich um und sahen Barnes aus seinem Büro treten. Er gab Kate einen Zettel und nickte. „Dies ist die Adresse von Floyd Branch. Doch seien Sie gewarnt … er kann ein ziemlicher Bastard sein. Polizeimarken und dergleichen beeindrucken ihn nicht sonderlich. „Es ist mitten am Tag“, sagte Kate. „Sind Sie sicher, dass er überhaupt zuhause ist?“ „Ja. Er hat eine Garage, in der er an kleinen Motoren und dergleichen arbeitet.“ Barnes überprüfte die Uhrzeit und lächelte. „Es ist gleich 15:30 Uhr. Ich wette, dass er schon angefangen hat zu trinken. Wenn ich Sie wäre, würde ich so bald wie möglich hinfahren … bevor er vollkommen besoffen ist. Möchten Sie Verstärkung? Er ist ein ziemlicher Hillbilly. Ich kann es nicht anders beschreiben. Er wird zwei Frauen sehen und Sie nicht ernst nehmen.“ „Klingt ja herzallerliebst“, meinte Kate. „Aber klar. Kommen Sie mit, Sheriff. Je mehr von uns, desto besser.“ Sie glaubte nicht wirklich daran, dass es so laufen würde, aber sie kannte die Art Mann, die Barnes beschrieb. Gerade im Süden war sie vielen von ihnen begegnet. Dort gab es ländliche Gegenden, in denen die Männer einfach noch nicht auf dem aktuellen Stand der Welt waren. Nicht nur, dass sie keinen Respekt vor Frauen hatten, sondern sie sahen sie nicht einmal als gleichwertig an. Selbst, wenn sie eine Marke und eine Waffe trugen. Gemeinsam verließen sie die Wache und stiegen in den vom FBI geliehenen Wagen, in dem DeMarco aus Washington DC hergefahren war. Wow, und all das war nur heute Vormittag, dachte sie. Sie musste an Allen denken, und an die Pläne, die er für sie gehabt hatte – in die Berge zu fahren, Wein zu trinken, auszuschlafen, und andere Dinge im Bett, die mit schlafen nichts zu tun hatten. Und obwohl es sie traurig stimmte, all dies zu verpassen, gab sie doch zu, jetzt genauso aufgeregt zu sein, da der Fall sich langsam vor ihnen ausbreitete. Sie musste noch an der Balance zwischen ihrem Privatleben und ihrer besonderen Stellung beim FBI arbeiten, aber im Moment fühlte sie sich, als liefe alles genau so, wie es sein sollte. Kapitel sieben Das Grundstück von Floyd Branch entpuppte sich wie ein zum Leben erwecktes Klischee der Südstaaten. Als DeMarco auf die mit dünnem Schotter befestige Auffahrt fuhr, lag vor ihnen das, was in Dutzenden von Country-Songs besungen wurde: Floyd Branchs Wohnwagen, der Hof, und die herumliegenden Teile. Das Gras war nur unwesentlich kürzer als das, was sie bei Jeremy Branch gesehen hatten. Immerhin war stellenweise um den Wohnwagen herum gemäht worden, mit totem Gras hier und da. Der fahrbare Rasenmäher mit verrosteter Motorhaube war neben einem Schuppen am hinteren Teil des Hauses geparkt. Zwei Autowracks – von denen bei einem der komplette hintere Teil fehlte – waren daneben aufgebockt. Es gab einen klapprig aussehender Hundezwinger, der vor allem aus Brettern, Maschendraht und einigen Metallstangen bestand. Als DeMarco den Wagen parkte und sie ausstiegen, schlugen in dem Zwinger zwei Pitbulls an; es war eine Mischung aus Bellen und Brüllen. Sie hatten sich erst einige Schritte vom Wagen entfernt, als ein magerer Mann mittleren Alters aus dem Schuppen kam. Er trug einen Besen, blickte wütend in Richtung des Zwingers und beschimpfte die Hunde. Dann erst sah er, dass er Besucher hatte. Seine Wut verflüchtigte sich und er warf mit verschämter Miene den Besen in den Schuppen zurück. „Hey, Sheriff.“ „Floyd. Wie geht’s Ihnen heute?“ „Ganz gut, würde ich sagen. Ich arbeite für die Familie Wells an einer alten Geländemaschine. Sie ist älter als die Hölle. Sieht mir nach verschwendeter Zeit aus, aber er hat schon bezahlt, deshalb …“ Er hielt inne, während er die beiden Frauen links und rechts von Barnes musterte. Er war sowohl irritiert als auch aufgeregt – nicht, weil es Frauen waren, sondern weil es ein unerwarteter Bruch seines monotonen Alltags war. „Floyd, diese beiden Damen sind vom FBI. Sie wollen Ihnen einige Fragen stellen.“ „FBI? Warum, zum Teufel? Ich habe nix getan.“ „Oh, das glaube ich auch nicht“, sagte Barnes. „Sagen Sie mal, Floyd, wann haben Sie das letzte Mal mit Jeremy gesprochen?“ „Ach Scheiße, was hat er jetzt angestellt?“ „Das wissen wir noch nicht“, sagte Kate. „Vielleicht gar nichts. Wir sind hier, um uns Sicherheit zu verschaffen.“ „Er hat was mit Mercy Fuller“, erklärte Barnes. „Die Tochter von Alvin und Wendy Fuller. Wir verhören Jeremy momentan auf der Wache. Ich bin der Meinung, Sie sollten das wissen.“ „Was? Verdammt, Sheriff.“ Floyd zuckte die Schultern und schüttelte den Kopf. „Wen wundert’s. Der Junge erzählt mir nie etwas. Es ist sicherlich drei Wochen her, dass ich ihn gesehen habe. Er war ein paar Nächte hier, während Randy sich um seine eigenen Angelegenheiten gekümmert hat. Aber ich mir ziemlich sicher, dass er auch vor einigen Tagen abends eine Zeitlang hier gewesen ist, während ich in einer Bar war. Er hat das Licht in seinem Zimmer angelassen. Er kommt manchmal her um Filme zu gucken. Vor allem Pornos, glaube ich. Komischer Kerl.“ „Und Mercy Fuller hat er nie erwähnt?“, fragte Kate. „Nein. Zum Teufel, wir haben ja überhaupt kaum je miteinander gesprochen. Manchmal, über Fußball. Dass die Redskins nur noch Mist bauen. Einmal fragte er nach seiner Mutter, aber diese Unterhaltung wollte ich nicht führen, wissen Sie?“ Hier hielt er inne, als sei ihm gerade etwas aufgegangen. „Verdammt. Die Fullers? Ich habe gehört, was passiert ist. Wurde Mercy auch umgebracht?“ „Nein“, sagte Barnes. „Sie wird vermisst.“ „Wir haben mit Jeremy über seine Beziehung mit ihr gesprochen“, sagte Kate. „Er sagte uns, dass Mercy mit ihren Eltern nicht klar kam und hat durchblicken lassen, dass sie etwas mit den Morden zu tun hat.“ „Ich kann mir nicht vorstellen, warum er lügen sollte“, sagte Floyd. Er schien unbeeindruckt von dem, was sie gesagt hatten. So als kümmerte es ihn nicht. „Waren sie ein Paar?“ „Jeremy sagt, es war eine rein körperliche Beziehung“, sagte DeMarco. „Aber er sagte auch, dass sie sich ihm anvertraut hat. Sie sagte, sie hasst ihre Eltern. Und wie sie sie umbringen will.“ „Verzeihen Sie, dass ich eine so dumme Frage stelle“, sagte Floyd, „aber warum genau sind Sie hier? Verdammt nochmal, Sheriff Barnes, Sie kennen Jeremy wahrscheinlich besser als ich selbst.“ „Hat er ein Zimmer hier?“, fragte Kate. „Ja, das letzte Zimmer den Flur runter.“ „Könnten wir da mal reingucken?“ Floyd zögerte, unsicher, wie er antworten sollte. Er blickte Barnes an, als hoffe er auf Hilfestellung. „Hast du etwas in dem Wohnwagen, was mir nicht gefallen wird, Floyd?“, fragte Barnes. Anstatt auf die Frage zu antworten, sagte Floyd: „Nur Jeremys Zimmer. Richtig?“ „Für den Moment ja“, sagte Barnes skeptisch. „Danke, Floyd.“ Barnes ging mit Kate und DeMarco zum Wohnwagen. Als sie die schiefen Stufen emporstiegen, warfen sie einen Blick zurück auf Floyd Branch. Er ging auf den Schuppen zu, scheinbar unberührt von dem Gespräch. „Er ist nicht halb so schlimm, wie Sie ihn beschrieben haben“, sagte Kate. „Scheinbar fängt er heute etwas später mit dem Trinken an.“ Als sie den Wohnwagen betraten, war Kate erstaunt. Sie hatte einen chaotischen Zustand erwartet, unordentlich, reparaturbedürftig. Doch Floyd schien sehr wenig zu besitzen, einschließlich Dingen, die Unordnung schafften. Es war recht sauber, obwohl Kate einen ähnlichen Geruch wie bei seinem Sohn ausmachen konnte: nach schalem Bier und etwas anderem, was Marihuana sein könnte. Der Flur war schmal. Von ihm zweigten nur drei Räume ab: ein Schlafzimmer, ein Badezimmer, und ein kleineres Schlafzimmer am Ende. Barnes blieb zurück, als Kate und DeMarco es betraten. „Ich bin hier, falls Sie Hilfe benötigen“, sagte er. „Aber es haben kaum zwei Personen Platz, geschweige denn drei.“ Er hatte recht. Der Raum war sehr klein und bot nur Platz für die große Matratze auf dem Boden und den alten Schreibtisch, auf dem DVDs und CDs gestapelt waren. Neben dem Bett standen ein kleiner Fernseher und ein staubiger DVD-Player auf dem Boden. Ein Handy lag auf dem Fernseher. Das Netzteil, an dem es hing, war mit einem Multi-Adapter verbunden, der auch den Strom für den Fernseher, den DVD-Player und einen kleinen Ventilator auf der Fensterbank lieferte. Kate nahm das Handy. Es war ein iPhone, etwa drei Modelle vor dem aktuellen. Als sie die Home-Taste drückte, leuchtete das Display auf. Es fragte nicht nach einem Passwort. Auf dem Home-Display befanden sich nur einige Apps: einige Spiele, Einstellungen, Fotos und die Uhr. Kate glaubte, dass es sich um ein altes Handy handelte, ohne Guthaben, das nur noch für Spiele genutzt wurde. Sie hatte Freunde, die ihre Kinder auf diese Weise an Smartphones herangeführt hatten. Bevor sie ihnen voll funktionale Handys kauften, durften die Kinder ihre alten Handys benutzten, deren Funktionen stark beschränkt waren und mit denen man nur einigen wenigen texten und Spiele spielen konnte, für die man kein WLAN benötigte. Hinter ihr sah DeMarco die Filme durch. „Floyd hat keine Witze gemacht, als er sagte, dass sein Sohn Pornos guckt. Die Hälfte der Filme sind Amateur Pornofilme. Der Rest sind Cinemax-Sexfilme.“ Kate untersuchte das Handy und sah, dass die Fotogalerie voller Bilder war. Einige zeigten feiernde Mädchen. Einige waren oben ohne. Einige küssten sich. Ihren Gesichtern konnte man ansehen, dass sie stark betrunken oder high waren. Sie fand einige Videos von diesen Events, alle recht kurz. Sie übersprang diese und ging bis zum letzten Video, das eine Länge von etwa fünf Minuten hatte. Das Vorschaubild zeigte Mercy Fullers Gesicht. Sie tippte auf Play und brauchte keine drei Sekunden, um zu begreifen, was sie da vor sich hatte. Sie stoppte das Video. Darin war Mercy zu sehen, die auf dem Rücken lag und von oben gefilmt wurde. Der Regisseur war anscheinend Jeremy, der ziemlich rauen Sex mit ihr hatte, allerdings mit ihrem Einverständnis, nach den Lauten zu urteilen, die sie ausstieß. „Mein Gott“, murmelte Kate, als sie die Fotogalerie schloss. „Was war das denn?“, fragte DeMarco. „Der Beweis, dass Jeremy zumindest in einem Punkt nicht gelogen hat: sie hatten definitiv Sex.“ Das Handy gab keinen Zugriff auf die Kontakte, was auch nicht notwendig war, da man damit nicht telefonieren konnte. Allerdings sah Kate verschiedene Nachrichten von drei Konversationen. Die eine war mit einem Kontakt mit dem Namen BRO, wie Brother, und die Nachrichten zeigten, dass es sich bei dem Kontakt um Jeremys Bruder Randy handelte. Ein anderer Kontakt war ein Kerl namens Chuck und in den Nachrichten ging es ausschließlich darum, mit welchen Berühmtheiten sie gerne Sex hätten, und warum. Die Nachrichten mit dem dritten Kontakt waren an jemanden namens BOOTY CALL. Das kleine Bild neben dem Kontakt zeigte Mercy Fuller, den Kopf schief gelegt, einen Luftkuss werfend. „Vielleicht haben wir hier den Jackpot geknackt“, meinte Kate. DeMarco stellte sich neben sie und beide begannen, die Nachrichten zu lesen. Es waren viele, und die ersten lagen Monate zurück. Die meisten waren von Mercys Seite aus sehr wortreich, und Jeremys Antworten dazwischen, die oft nur aus einem Wort bestanden. Je mehr sie lasen, desto klarer wurde es, dass Jeremy sie angelogen hatte. Er mochte die Wahrheit gesagt haben, was die Natur ihrer Beziehung anging, aber hinsichtlich Mercy und ihres Verhältnisses zu ihren Eltern hatte er gelogen. Und damit stellte sich eine wichtige Frage. Wenn er hier gelogen hatte, was verbarg er sonst noch? Kapitel acht So ruhig sie konnte, betrat Kate wieder den Vernehmungsraum. DeMarco war bei ihr, und obwohl auch sie gereizt war, hatten sie vereinbart, Kate bei dieser zweiten Vernehmung die Zügel zu überlassen. Auch Barnes hielt sich im Hintergrund, während er sich telefonisch anderen Interessen der Wache widmete. Mit leerem Gesichtsausdruck setzte sich Kate Jeremy gegenüber. Sie konnte ihm ansehen, dass er nervös war. Seine Augen wanderten unruhig zwischen ihr, DeMarco und der Schreibtischplatte hin und her. „Die gute Nachricht ist, dass Sie ein überzeugender Lügner sind“, begann Kate. „Die schlechte ist, dass Sie nicht sonderlich schlau sind.“ Jeremy sagte nichts. Er saß einfach da, blickte verwirrt drein, und wartete ab, wohin Kate das Gespräch lenkte. Kate nahm das alte Handy aus ihrer Tasche und legte es auf den Tisch. „Dies haben Sie in Ihrem Schlafzimmer bei Ihrem Vater liegen lassen“, sagte sie. „Gebunkert bei all Ihren Pornofilmen. Wir haben gesehen, dass Ihre eigenen Amateur-Pornos auf diesem Handy sind. Ich kann Ihnen ansehen, dass Sie wissen, dass da weit mehr als nur belastende Bilder drauf sind.“ Jeremy schwieg. Er war nicht renitent, sondern wusste einfach nichts zu sagen, denn er hatte nichts zu sagen. Daher fuhr Kate fort, in der Annahme, dass er zu reden begann, wenn sie weiter bohrte. „Auf diesem Handy sind lange Konversationen zwischen Ihnen und Mercy Fuller“, sagte Kate. „Sie erwähnt ihre Eltern mehrfach – vor allem ihren Vater. Einmal geht sie sogar soweit zu sagen, dass sie wohl den coolsten Vater der Welt hat, von seinem Musikgeschmack mal abgesehen. Sie spricht auch davon, dass sie gerne würde, dass Sie ihre Eltern kennenlernen, und sei es auch nur, damit Sie die hervorragende Lasagne probieren können, die ihre Mutter macht. Ferner sagt sie, dass sie aufgeregt ist, zum College zu gehen und dass das Einzige, das ihr dabei zu schaffen macht, die Tatsache ist, dass sie ihre Eltern zurücklassen muss. Also … das klingt nicht nach einem Mädchen, das seine Eltern hasst, und schon gar nicht nach einem Mädchen, das plant, seine Eltern umzubringen.“ Langsam streckte Jeremy die Hand nach dem Handy aus. Kate schnappte es sich schnell und erhob sich. „Warum haben Sie uns belogen, Jeremy? Verbergen Sie etwas?“ „Nein“, sagte er. „Ich wollte Sie ein bisschen in die falsche Richtung schicken, weil Sie mich belästigt haben. Die Gesetzeshüter in diesem County sind immer hinter meinem Bruder her. Das hat meinem Vater früher schwer zugesetzt.“ „Sie wollten sich an uns rächen?“, fragte Kate. „Sie sind wirklich nicht besonders schlau, was? Sie behindern hier nicht nur eine örtliche Ermittlung und verschwenden die Zeit der Polizei. Sie behindern Ermittlungen auf Bundesebene. Und angesichts all der Drogen, die ich im Hause Ihres Bruders gefunden habe – und der Bullshit-Story, die Sie uns aufgetischt haben – haben Sie sich eine Menge Ärger eingehandelt.“ Jetzt sah Jeremy wirklich verängstigt aus. Es hatte nicht viel bedurft, und die Art und Weise, wie er mit seinen verschiedenen Gefühlen kämpfte – falscher Stolz, Sturheit, Angst – verriet ihr alles über ihn, was sie wissen musste. Sein Leben lang hatte er versucht, seinem Vater oder seinem Bruder zu gefallen und nur selten an sich selbst gedacht. Und hier saß er nun, seine Show des harten Mannes zerbröckelte vor seinen Augen, und er war auf dem besten Wege, sich in einer sehr ernsten Lage wiederzufinden. „Sehen Sie … ich weiß nichts darüber, was mit ihr passiert ist.“ „Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen nicht glaube“, sagte Kate. „Ich weiß es nicht, ich schwör es! Ich habe Scheiße gebaut, aber ich habe nie jemanden entführt. Und jemanden u-u-mbringen … das könnte ich gar nicht.“ Sein Stottern und die Tränen in seinen Augen überzeugten Kate, dass er recht hatte. Er mochte ein guter Lügner sein, aber es war sehr schwer, solche Emotionen zu spielen. „Wo ist Mercy, Jeremy?“ „Ich schwöre, dass ich es nicht weiß!“ Er ohrfeigte sich, als ihm eine Träne die Wange herunter kullerte. „Haben haben Sie sie zum letzten Mal gesehen?“, fragte DeMarco. „Letzte Woche. Nur kurz. Normalerweise quatschen wir noch und hängen ein bisschen zusammen ab, bevor ich sie wieder in die Waterlick Road zurückbringe. Aber letzte Woche…“ „Was war letzte Woche?“, sagte Kate. „Kein Grund, schüchtern zu sein.“ „Na ja, sie hatte richtig Bock. Es war schnell und etwas rau und als wir fertig waren, sagte sie, sie wolle nach Hause. Sofort.“ „Und das war untypisch?“ „Ja. Normalerweise wollte sie danach noch kuscheln und reden. Vielleicht etwas kiffen.“ Kate wartete etwa dreißig Sekunden, bevor sie es erneut versuchte. Sie lehnte sich über den Tisch und sagte mit einer Stimme, die möglichst bedrohlich klang, ohne ihn jedoch zu beschuldigen: „Wo ist sie, Jeremy?“ „Ich weiß es nicht!“ „Woher weiß ich, dass Sie uns nicht schon wieder anlügen?“ „Ich lüge nicht! Ich sage die Wahrheit!“ Kate verschränkte die Arme, starrte ihn einen Moment lang unbewegt an, und verließ dann den Raum, dicht gefolgt von DeMarco. „Er war es nicht“, sagte Kate leise. „So erscheint es mir auch“, stimmte DeMarco zu. „Hast Du Lust, in Deton zu übernachten?“ „Es steht nicht gerade ganz oben auf meiner To-Do-Liste, wenn du das meinst. Aber ich lieber bleibe hier, als ganz bis nach Washington DC zurückzufahren, und dann morgen früh wieder herkommen zu müssen.“ „Ich glaube, wir müssen Sheriff Barnes bitten, ihn über Nacht dazubehalten. Je länger er hierbleibt, desto mehr Sorgen wird er sich um seinen Bruder machen. Und je mehr wird er sich um sich selbst Sorgen machen. Wenn er wirklich etwas verheimlicht, dass werden wir es mit der Zeit aus ihm herausbekommen. Außerdem haben wir genug in der Hand, um ihn dazubehalten: seine Lügen, die Drogen, die Sachen auf seinem Handy, und seine Beziehung zu Mercy.“ „Vielleicht sollten wir ihn noch ein letztes Mal vernehmen, bevor der heutige Tag zu Ende ist. Und noch einmal gemeinsam mit Foster die Fakten, die wir bisher haben, durchgehen.“ „Gute Idee. Und wo wir schon dabei sind, wird Jeremy Branch vielleicht noch mehr Fakten mit uns teilen.“ Allerdings glaubte sie, dass Jeremy so ehrlich wie möglich gewesen war. Zwar war er wegen des Verschwindens des Mädchens, mit dem er schlief, nicht sonderlich mitgenommen, aber die Angst in seinen Augen hatte sie überzeugt, dass er alles gesagt hatte. Und am Ende war das nicht sehr viel gewesen. * * * Um 18:15 Uhr wurde in dem Konferenzraum ein sehr kleines Meeting abgehalten. Es nahmen nur Kate, DeMarco, Barnes und Foster teil. Barnes hatte erwogen, noch einen weiteren Beamten hinzu zu ziehen, aber man hatte sich dagegen entschieden. Die Polizei von Deton bestand auf sechs Beamten, und Barnes hatte erklärt, dass Foster der einzige war, dem Barnes vertraute, dass er nichts nach außen dringen ließ. „Dann waren Sie also draußen bei Floyd?“, fragte Foster. „Ja“, sagte Kate, „dort haben wir das Handy gefunden.“ „Ich gehe davon aus, dass Floyd nichts getan hat, obgleich sein jüngster Sohn in polizeilichem Gewahrsam ist?“ Конец ознакомительного фрагмента. Текст предоставлен ООО «ЛитРес». Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию (https://www.litres.ru/bleyk-pirs/wenn-sie-sich-verstecken-wurde/) на ЛитРес. Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.