Vorher Verfällt Er
Blake Pierce


Von Blake Pierce #1 Bestseller Autor von ONCE GONE (ein #1 Bestseller mit über 1,200 Fünf Sterne Bewertungen) stammt VORHER VERFÄLLT ER, Buch #10 in der aufregenden Mackenzie White Mystery Reihe.

VORHER VERFÄLLT ER ist Buch #11 in der Besteller Mystery Serie Mackenzie White, die mit VORHER TÖTET ER (Buch #1) beginnt, ein kostenloser Download mit über 500 Fünf Stere Bewertungen!

FBI Special Agentin Mackenzie White, im sechsten Monat schwanger, sagt ihre offizielle Hochzeit mit Ellington ab und sie heiraten stattdessen heimlich. In ihren Flitterwochen haben sie endlich ein wenig Zeit für sich – bis plötzlich ein Anruf für einen dringenden Fall kommt: Frauen werden in kurzen Abständen im D. C. Bereich von einem Serienmörder erwürgt. Noch schlimmer: Dieser Mörder ist so sorgfältig, dass er absolut keine Spur hinterlässt.

Mackenzie findet eine drastische Theorie dafür, wer er vielleicht ist, aber die Verfolgung könnte sie ihren Job – und ihr Leben kosten. In ihrem bisher intensivsten Katz-und-Maus-Spiel hat sie Schwierigkeiten, ihr Baby und ihren Verstand zu bewahren, während sie mit einem teuflischen Psychopathen, ihrer eigenen Behörde und der Jagd ihres Lebens konfrontiert wird.

Selbst mit dem Einsatz ihres ganzen Verstandes, könnte es zu spät sein, um das nächste Opfer – oder sich selbst zu retten.

Ein dunkler Psychothriller mit herzzerreißender Spannung, VORHER VERFÄLLT ER ist Buch #11 in einer fesselnden neuen Reihe – mit einem geliebten neuen Charakter – die Sie bis spät Abends noch lesen lässt.

Auch verfügbar von Blake Pierce ist ONCE GONE (Ein Riley Paige Mystery – Buch #1), ein #1 Bestseller mit über 1,200 Fünf Sterne Bewertungen – und einem kostenlosen Download!





Blake Pierce

Vorher Verfällt Er



Copyright © 2019 durch Blake Pierce. Alle Rechte vorbehalten. Außer wie im US-amerikanischen Urheberrechtsgesetz von 1976 erlaubt, darf kein Teil dieser Veröffentlichung in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln reproduziert, verteilt oder übertragen werden oder in einer Datenbank oder einem Abfragesystem ohne die vorherige Genehmigung des Autors gespeichert werden. Dieses eBook ist nur für Ihren persönlichen Genuss lizenziert. Dieses eBook darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch für eine andere Person freigeben möchten, erwerben Sie bitte für jeden Empfänger eine zusätzliche Kopie. Wenn Sie dieses Buch lesen und es nicht gekauft haben oder es nicht für Ihre Verwendung erworben wurde, geben Sie es bitte zurück und kaufen Sie Ihre eigene Kopie. Danke, dass Sie die harte Arbeit dieses Autors respektieren. Dieses Buch ist reine Fiktion. Namen, Charaktere, Geschäfte, Organisationen, Orte, Ereignisse und Ereignisse sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen lebenden oder toten Personen ist völlig zufällig.

Buchumschlagsbild Copyright Lario Tus, mit Lizenz von Shutterstock.com



Blake Pierce

Blake Pierce ist Autor der erfolgreichen Mystery-Reihe RILEY PAGE, die aus fünfzehn Bücher (Fortsetzung folgt) besteht. Blake Pierce ist ebenfalls Verfasser der MACKENZIE WHITE Mystery-Reihe, die zwölf Bände (Fortsetzung folgt) umfasst; der AVERY BLACK Mystery-Reihe mit sechs Büchern; der fünfbändigen KERI LOCKE Mystery-Reihe; den drei Büchern der MAKING OF RILEY PAIGE Mystery-Reihe (Fortsetzung folgt); der KATE WISE Mystery-Reihe, die aus drei Büchern besteht (Fortsetzung folgt); der CLOE FINE Psycho-Thriller-Reihe, die bisher drei Bände umfasst (Fortsetzung folgt) sowie der dreiteiligen JESSE HUNT Psycho-Thriller-Reihe (Fortsetzung folgt).

Als treuer Leser und lebenslanger Fan des Genres rund um Mystery und Thriller, hört Blake gerne von Ihnen, also besuchen Sie die Seite www.blakepierceauthor.com (http://www.blakepierceauthor.com/), um mehr zu erfahren und in Kontakt zu bleiben.


BÜCHER VON BLAKE PIERCE

JESSIE HUNT PSYCHOTHRILLER-SERIE

DIE PERFEKTE EHEFRAU (Buch Nr. 1)

DER PERFEKTE BLOCK (Buch Nr. 2)

DAS PERFEKTE HAUS (Buch Nr. 3)



CHLOE FINE PSYCHOTHRILLER-SERIE

NEBENAN (Buch Nr. 1)

DES NACHBARS LÜGE (Buch Nr. 2)

SACKGASSE (Buch Nr. 3)



KATE WISE MYSTERY-SERIE

WENN SIE WÜSSTE (Buch Nr. 1)

WENN SIE SÄHE (Buch Nr. 2)

WENN SIE RENNEN WÜRDE (Buch Nr. 3)

WENN SIE SICH VERSTECKEN WÜRDE (Buch Nr. 4)

WENN SIE FLIEHEN WÜRDE (Buch Nr. 5)



DAS MAKING OF RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE

BEOBACHTET (Buch 1)

WARTET (Buch 2)

LOCKT (Buch 3)



RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE

VERSCHWUNDEN (Buch 1)

GEFESSELT (Buch 2)

ERSEHNT (Buch 3)

GEKÖDERT (Buch 4)

GEJAGT (Buch 5)

VERZEHRT (Buch 6)

VERLASSEN (Buch 7)

ERKALTET (Buch 8)

VERFOLGT (Buch 9)

VERLOREN (Buch 10)

BEGRABEN (Buch 11)

ÜBERFAHREN (Buch 12)

GEFANGEN (Buch 13)

RUHEND (Buch 14)



BEVOR ER TÖTET (Buch #1)

BEVOR ER SIEHT (Buch #2)

EHE ER BEGEHRT (Buch #3)

BEVOR ER NIMMT (Buch #4)

BEVOR ER BRAUCHT (Buch #5)

BEVOR ER FÜHLT (Buch #6)

BEVOR ER SÜNDIGT (Buch #7)

VORHER JAGT ER (Buch #8)

VORHER PLÜNDERT ER (Buch #9)

VORHER SEHNT ER SICH (Buch #10)

VORHER MACHT ER EINEN FEHLER (Buch #11)

VORHER NEIDET ER (Buch #12)



AVERY BLACK MYSTERY-SERIE

DAS MOTIV (Buch 1)

LAUF (Buch 2)

VERBORGEN (Buch 3)

GRÜNDE DER ANGST (Buch 4)

RETTE MICH (Buch 5)

ANGST (Buch 6)



KERI LOCKE MYSTERY-SERIE

EINE SPUR VON TOD (Buch 1)

EINE SPUR VON MORD (Buch 2)

EINE SPUR VON SCHWÄCHE (Buch 3)

EINE SPUR VON VERBRECHEN (Buch 4)

EINE SPUR VON HOFFNUNG (Buch 5)




Prolog


Christine hatte in ihrem Leben erst einmal Schnee gesehen. Sie lächelte, als es anfing zu schneien, während sie sich auf den Nach-Hause-Weg befand, nachdem sie ihren Freund besucht hatte. Hätte sie an diesem Abend nicht so viel getrunken, könnte sie den Schnee vermutlich noch ausgiebiger genießen. Trotz ihren zwanzig Jahren streckte sie ihre Zunge heraus, um ein paar Flocken aufzufangen. Sie kicherte leise. Sie war weit gekommen, seitdem sie ihr Zuhause in San Francisco verlassen hatte.

Mit dem Wunsch, sich auf Politikwissenschaften zu spezialisieren, hatte sie zur Queen Nash Universität in Maryland gewechselt. Die Wintersemesterferien näherten sich dem Ende zu und sie freute sich auf den Kursstoff des Frühlingssemesters. Es war einer der Gründe gewesen, warum sie und Clark, ihr Freund, sich heute Abend getroffen hatten – ein letztes lustiges Beisammensein, bevor die Uni wieder losging. Es war fast eine kleine Party gewesen und Clark hatte, wie üblich, zu viel getrunken. Sie hatte entschieden, die drei Häuserblocks zu laufen, statt dort zu bleiben und sich von Clarks Freunden anmachen zu lassen, während deren Freundinnen ihr hässliche Blicke zuwarfen. So endete für gewöhnlich jedes Zusammentreffen bei Clark, wenn sie nicht aufs Ganze ging und ihm ins Schlafzimmer folgte.

Außerdem … fühlte sie sich vernachlässigt. Clark war in dieser Hinsicht furchtbar und zog Arbeit, Schule oder Alkohol immer ihr vor. Es gab jemand anderen, den sie anrufen konnte, wenn sie ihre Wohnung erreichte. Ja, es war spät, aber er hatte sehr deutlich gemacht, dass er ihr zu jeder Tag- und Nachtzeit zur Verfügung stand. Er hatte bereits bewiesen, dass das stimmte, also warum nicht heute Nacht?

Als sie die Straßen zwischen zwei Häuserblocks überquerte, bemerkte sie, dass der Schnee bereits auf dem Bürgersteig liegen blieb. Der Sturm kam nicht unerwartet, weshalb die Straßen behandelt und gesalzt worden waren, doch nun legte sich eine weiße Decke auf den Gehweg und den kleinen Grünstreifen vor und zwischen den Gebäuden.

Als Christine ihre Wohnung erreichte, entschied sie sich fast dazu, zurück zu Clark zu gehen. Es war kalt und der Schnee aktivierte eine Art kindliche Neugier in ihr. Als sie nach dem Schlüssel griff, um die Tür zum Wohnhaus zu öffnen, war sie kurz davor, wieder kehrtzumachen.

Was sie schließlich vom Bleiben überzeugte, war das Wissen, dass sie bei Clark nicht gut schlafen würde. Ihr eigenes Bett wartete hier auf sie, genau wie ihre eigenen warmen Decken und mindestens acht Stunden guter Schlaf.

Sie betrat das Haus und ging auf den Aufzug zu. Dort drückte sie den Knopf für das dritte Stockwerk und wartete. Sie war nicht betrunken, lediglich etwas angeheitert und spielte mit der Idee, sich ein weiteres Glas Wein zu gönnen, sobald sie ihre Wohnung erreichte, und dann einen Anruf zu tätigen…zu dem Mann, mit dem sie sich in den letzten Monaten sozusagen nebenbei getroffen hatte.

Daran dachte sie, als der Aufzug ankam. Sie betrat die Kabine und fuhr in ihr Stockwerk. Ihr gefiel es, wie ihr Kopf vibrierte, als der Aufzug sich nach oben bewegte.

Der Gang vor ihrer Wohnung war leer. Das machte Sinn, schließlich war es ein Uhr nachts – an einem Mittwoch. Sie ging auf ihre Tür zu und zog erneut ihre Schlüssel heraus. Als sie damit in ihren noch immer kalten Händen klimperte, ließ sie eine Stimme aufschrecken.

„Christine?“

Sie drehte sich um, als sie ihren Namen hörte. Dann lächelte sie, als sie ihn sah. Sie musste ihn also doch nicht anrufen. Es war, als hätte er geahnt, dass sie ihn wollte. Schließlich hatten sie sich schon seit einer Woche nicht gesehen.

„Hey“, sagte sie.

Er kam mit entschlossenen Schritten auf sie zu und sah sie an, wie er es immer tat. Mit einem Feuer in den Augen, das klar machte, was er wollte. Allein sein Blick törnte sie an – das und die Tatsache, wer er war. Er war tabu. Er war … naja, er war irgendwie gefährlich.

An der Tür krachten sie fast aufeinander und küssten sich wild und etwas ungestüm. Ihre Hände begannen sofort, ihn zu entdecken. Sie packte ihn an der Hüfte und zog ihn näher zu sich heran. Seine Hände malten die Umrisse ihres Körpers nach und rutschten dann zwischen ihre Oberschenkel, während sie sich im Flur aneinanderschmiegten.

„Lass reingehen“, sagte sie noch immer küssend und mit bereits beschleunigtem Atem. „Jetzt.“

Sie schloss die Tür auf, während er an ihrem Hals knabberte. Sie stöhnte ungeduldig, konnte es kaum erwarten. Sie wusste nicht einmal, ob sie es bis ins Schlafzimmer schaffen würden. Vielleicht nicht einmal bis zur Couch. Die Tür war entriegelt und sie drückte sie auf. Als er sofort auf sie zuging, trat sie gegen die Tür, um sie zu schließen und schob ihn von sich weg. Dann lehnte sie sich an die kleine Küchentheke und zog ihr Shirt aus. Er mochte es, wenn sie sich für ihn auszog. Es war ein seltsames Faible seinerseits – das Gefühl, die Kontrolle zu haben und vor ihr bedient zu werden. Schon vor dem eigentlichen Sex.

Als sie sich ihr Oberteil über den Kopf zog und nach den Haken ihres BHs suchte, sah sie ihm in die Augen … und erstarrte. Er stand still da. Das Feuer in seinen Augen war verschwunden. Jetzt war da etwas anderes. Etwas Neues. Und es machte ihr Angst.

Er legte seinen Kopf zur Seite, als begutachte er sie zum ersten Mal. Dann war er bei ihr. Es war nicht das erste Mal, dass er grob mit ihr umging, aber das hier war neu. Absolut nicht sexy. Er drückte sein ganzes Gewicht gegen sie und legte seine Hände um ihren Hals. Das Spielerische war verschwunden; sein Griff war grimmig und sie konnte den Druck auf ihrer Luftröhre spüren.

Es dauerte nicht einmal zehn Sekunden bis ihre Lungen begannen, panisch zu werden. Als sie es taten, schlug sie verzweifelt auf ihn ein, bis auch ihre Knie unter ihr nachgaben.

Sie spürte, wie ihre Brust immer enger wurde, als ob eine innere Kraft auch die restliche Luft aus ihr herausdrückte. Als sie auf den Boden fiel, schlug ihr Hinterkopf gegen die Küchentheke. Seine Hände lösten sich nicht von ihrem Hals, sondern wurden immer enger, während sie schwächer wurde.

Sie schlug noch einmal zu, aber war so schwach, dass sie sich nicht einmal sicher war, ob sie ihn getroffen hatte. Als sie auf dem Boden aufkam, war er auf ihr. Er hörte nicht auf, sie zu würgen, während er seine erregte Männlichkeit gegen sie drückte. Ihre Hände suchten nach etwas – irgendetwas – aber sie fanden lediglich das Shirt, das sie für ihn ausgezogen hatte.

Sie hatte gerade noch Zeit, sich über das warum zu wundern, als die Dunkelheit sie übermannte und ihr den schrecklichen Schmerz in der Brust nahm.




Kapitel eins


Mackenzie stand in ihrem Badezimmer, lehnte sich an den Waschtisch und betrachtete die Toilette. Sie hatte die Toilette in letzter sehr oft betrachtet, während sich ihr erstes Trimester fast zu lehrbuchmäßig abgespielt hatte. Ihre Morgenübelkeit war vor allem zwischen der achten und elften Woche schlimm gewesen. Doch selbst jetzt, als sie die Hälfte von Woche Fünfzehn hinter sich hatte, war es nicht weniger stürmisch. Sie übergab sich nun zwar seltener als zuvor, aber wenn, dann richtig.

Sie war an diesem Morgen schon zwei Mal über der Kloschüssel gehangen und ihr Magen gab ihr bereits Hinweise auf ein drittes Mal. Doch nachdem sie am Waschtisch lehnend etwas Wasser genippt und ihren Atem beruhigt hatte, spürte sie, wie die dritte Welle langsam abflachte.

Mackenzie sah nach unten auf ihren Bauch und legte ihre Hand liebevoll an die Stelle, die seit der letzten Woche ein kleines bisschen herausragte. „Das sind meine Eingeweide, mein Kleines“, sagte sie. „Keine Fußableger.“

Sie verließ das Badezimmer und blieb für einen Moment an der Tür stehen, um sicherzugehen, dass sie auch wirklich fertig war. Als sie das Gefühl hatte, die Kontrolle über sich zu haben, ging sie zum Schrank, um sich anzuziehen. Sie konnte Ellington in der Küche hören; das Klappern von Tassen deutete darauf hin, dass er sich einen Kaffee einschenkte. Mackenzie würde nur zu gerne eine Tasse Kaffee trinken, aber zu ihrem unglaublichen Glück war dies eines der Lebensmittel, mit denen das Baby gar nicht einverstanden war.

Als sie sich die Hosen hochzog, merkte sie, dass diese bereits etwas enger geworden waren. Noch einen Monat, dann würde sie sich nach Umstandsmode umsehen müssen. Und sie nahm an, dass es dann auch an der Zeit war, Direktor McGrath von ihrer Schwangerschaft zu erzählen. Aus Angst vor seiner Reaktion hatte sie es bisher für sich behalten. Sie war noch nicht bereit dazu, nur am Schreibtisch zu sitzen und für einen anderen Agenten die Recherchearbeit zu übernehmen.

Ellington kam stirnrunzelnd ins Zimmer. Er hielt tatsächlich eine Tasse Kaffee in der Hand. „Fühlst du dich besser?“, fragte er.

„Hau mit dem Kaffee ab“, sagte sie nur. Sie hatte versucht, spielerisch zu klingen, aber es kam ein bisschen bitter rüber.

„Meine Mom ruft ständig an und will wissen, warum wir uns noch immer nicht für eine Hochzeitslocation entschieden haben.“

„Versteht sie nicht, dass es nicht ihre Hochzeit ist?“, fragte Mackenzie.

„Nein. Ich glaube nicht, dass sie das versteht.“

Er verließ das Zimmer für einen Moment, um den Kaffee abzustellen und ging dann auf Mackenzie zu. Er ging in die Knie und küsste ihren Bauch, während sie nach einem Shirt suchte.

„Willst du das Geschlecht immer noch nicht wissen?“, fragte er.

„Ich weiß es nicht. Bisher nicht, aber vermutlich werde ich meine Meinung dazu noch ändern.“

Er sah sie an. Aus seiner Position am Boden sah er wie ein kleines Kind aus, das seine Mutter um Zustimmung bittet. „Wann hast du vor, mit McGrath zu reden?“

„Ich weiß es nicht“, sagte sie. Sie fühlte sich dämlich dabei, halb-angezogen dazustehen, während er sein Gesicht gegen ihren Bauch drückte. Und dennoch machte er ihr damit auch klar, dass er für sie da war. Er hatte ihr vor dem Baby den Heiratsantrag gemacht und jetzt, wo sie unerwartet schwanger war, wich er nicht von ihrer Seite. Daran zu denken, dass er der Mann war, mit dem sie höchstwahrscheinlich den Rest ihres Lebens verbringen würde, gab ihr ein Gefühl von Ruhe und Zufriedenheit.

„Hast du Angst, dass er dich auf die Ersatzbank verbannt?“, fragte Ellington.

„Ja. Aber in ein oder zwei Wochen werde ich nicht mehr in der Lage sein, den Babybauch zu verstecken.“

Ellington kicherte und küsste sie wieder auf den Bauch. „Definitiv ein unglaublich sexy Babybauch.“

Er küsste sie weiter und seine Liebkosungen wurden immer ausgiebiger. Sie lachte und riss sich scherzend von ihm los. „Keine Zeit für all das hier. Wir müssen arbeiten. Und, wenn deine Mutter nicht Ruhe gibt, haben wir eine Hochzeit zu planen.“

Sie hatten sich bereits verschiedene Veranstaltungsorte angesehen und Cateringfirmen recherchiert, die für ihre kleine Trauung in Frage kamen. Aber sie kamen einfach nicht richtig in die Gänge. Ihnen wurde immer deutlicher, wie viel sie gemeinsam hatten: Ihre Abneigung gegen Hochtrabendes, eine Angst davor, sich mit dem Organisieren rumschlagen zu müssen und die Affinität, ihre Arbeit über alles andere zu stellen.

Während sie sich weiter anzog, fragte sie sich, ob sie Ellington um diese Erfahrung betrog. Ließ ihr fehlender Enthusiasmus bezüglich der Hochzeitsplanung den Eindruck entstehen, dass es ihr egal war? Hoffentlich nicht, denn das war absolut nicht der Fall.

„Hey, Mac?“

Sie drehte sich wieder zu ihm, während sie damit begonnen hatte, ihr Shirt zuzuknöpfen. Die Übelkeit war nun fast ganz verschwunden und führte sie zu der Annahme, den Tag ohne weitere Hürden in Angriff nehmen zu können. „Ja?“

„Lass uns keine Hochzeit planen. Wir beide haben keine Lust darauf. Und wenn wir ehrlich sind, wollen wir beide kein großes Trara. Die einzige Person, die dem im Weg steht, ist meine Mutter und ich glaube, das ärgerliche Gesicht sehe ich mir gerne an.“

Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, doch sie biss sich so schnell sie konnte auf die Lippen. Sie würde das Gesicht auch sehr gerne sehen.

„Ich glaube, ich weiß, was du sagen möchtest. Aber du musst es aussprechen, der Vollständigkeit wegen.“

Er kam zurück ins Zimmer, ging auf sie zu und nahm ihre Hände in seine. „Ich möchte damit sagen, dass ich weder eine Hochzeit planen noch länger damit warten möchte, dich zu heiraten. Lass uns einfach heimlich heiraten.“

Sie wusste, dass er es ernst meinte, denn seine Stimme stockte mitten im Satz. Trotzdem … es klang zu gut um wahr zu sein.

„Meinst du das ernst? Du sagst das nicht einfach so, weil…“

Sie hielt inne, unfähig ihren Gedanken auszusprechen. Stattdessen blickte sie nach unten auf ihren Bauch.

„Ich schwöre, es liegt nicht nur daran“, sagte Ellington. „Obwohl ich mich sehr darauf freue, ein Kind mit dir großzuziehen und möglicherweise zu verziehen, bist du es, die ich will.“

„Hm, wir werden das Kind verziehen, nicht wahr?“

„Nicht absichtlich.“ Er zog sie näher an sich heran und nahm sie in den Arm. Dann flüsterte er ihr ins Ohr. Seine Stimme so nah zu hören gab ihr erneut dieses angenehme und zufriedene Gefühl. „Ich meine es ernst. Lass es uns tun. Lass uns durchbrennen.“

Sie nickte zustimmend, bevor sie sich aus der Umarmung lösten. Als sie sich wieder ansahen, glitzerten die Augen beider verräterisch.

„Okay …“, sagte Mackenzie.

„Ja, okay“, sagte auch er mit gespielter Leichtfertigkeit. Er beugte sich vor, küsste sie und sagte dann: „Und was jetzt? Mist, ich glaube, wir müssen trotzdem etwas Planarbeit leisten.“

„Ich nehme an, wir müssen das Standesamt anrufen, um einen Termin zu vereinbaren“, sagte Mackenzie. „Und einer von uns muss sich mit McGrath in Verbindung setzen, damit wir für die Zeremonie freibekommen. Ich nicht!“

„Verdammt“, sagte er mit einem Lächeln. „Schöne, ich rufe McGrath an.“

Er nahm sein Handy aus der Tasche, um sein Vorhaben an Ort und Stelle in die Tat umzusetzen und steckte es dann wieder weg. „Vielleicht sollte ich diese Unterhaltung mit ihm persönlich führen.“

Sie nickte und ihre Arme zitterten ein wenig, als sie ihr Shirt endlich ganz zuknöpfte. Wir werden es wirklich tun, dachte sie. Wir werden es wirklich tun …

Sie war aufgeregt und nervös und beschwingt. All diese Emotionen drehten sich gleichzeitig in ihrem Kopf. Sie antwortete auf die einzig, ihr mögliche, Weise, in dem sie zu ihm ging und ihn umarmte. Und als sie sich küssten dauerte es nur etwa drei Sekunden, bis sie sich dazu entschied, dass da vielleicht doch Zeit für das war, was er vor einigen Minuten angezettelt hatte.


* * *

Die Zeremonie fand zwei Tage später, an einem Mittwochnachmittag, statt. Sie dauerte nicht länger als zehn Minuten und endete mit dem Austauschen der Ringe, die sie am Tag zuvor gemeinsam ausgesucht hatten. Es war so einfach und sorglos, dass Mackenzie sich fragte, warum Frauen sich überhaupt in die Hölle des Planens und Organisierens begaben.

Da zumindest ein Trauzeuge notwendig war, hatte Mackenzie Agent Yardley eingeladen. Sie waren nie wirklich Freunde gewesen, aber sie war eine gute Agentin und daher eine Frau, der Mackenzie vertrauen konnte. Yardley darum zu bitten, diese Rolle auszufüllen, erinnerte Mackenzie daran, dass sie wirklich keine Freunde hatte. Ellington stand ihr am nächsten und ihrer Meinung nach war das mehr als genug.

Als Mackenzie und Ellington das Standesamt verließen und den Hauptraum des Gebäudes betraten, gab Yardley sich alle Mühe, eine ermutigende Abschiedsrede zu halten, bevor sie hastig aufbrach.

Mackenzie sah ihr hinterher und fragte sich, warum sie so in Eile war. „Ich will ja nicht sagen, dass das unhöflich war“, sagte Mackenzie, „aber es sah doch so aus, als könnte sie es kaum erwarten, hier rauszukommen.“

„Das liegt daran, dass ich vor der Zeremonie mit ihr gesprochen habe“, meinte Ellington. „Ich habe sie angewiesen, sich sofort aus dem Staub zu machen, wenn wir hier fertig sind.“

„Das war nicht nett. Warum denn das?“

„Weil ich McGrath davon überzeugt habe, uns bis nächsten Montag freizugeben. Ich habe all die Zeit, die wir bei der Hochzeitsplanung gespart haben, in die Planung unserer Hochzeitsreise gesteckt.“

„Was? Machst du Witze?“

Er schüttelte den Kopf. Sie umarmte ihn und versuchte sich an eine Zeit zu erinnern, in der sie so glücklich war. Sie fühlte sich wie ein kleines Mädchen, das zu Weihnachten alle Dinge von ihrem Wunschzettel bekommen hatte.

„Wann hast du das alles gemacht?“, fragte sie.

„Hauptsächlich bei der Arbeit“, sagte er lächelnd. „Komm, wir müssen uns beeilen. Wir müssen packen und Sex haben. Unser Flugzeug nach Island geht in vier Stunden.“

Zuerst klang das Ziel ihrer Reise seltsam, doch dann erinnerte sie sich an ihre Bucket-List-Unterhaltung, die sie geführt hatten, als sie von der Schwangerschaft erfuhren. Was wollten sie noch tun, bevor sie Eltern wurden. Ein Wunsch Mackenzies war es gewesen, unter den Nordlichtern zu zelten.

„Dann los“, sagte sie. „Denn so wie ich mich gerade fühle und mit all den Dingen, die ich mit dir anstellen will, wenn wir zuhause sind, weiß ich nicht genau, ob wir es rechtzeitig zum Flughafen schaffen werden.“

„Ja, Ma’am“, erwiderte er und schob sie zur Tür. „Eine Frage noch.“

„Was denn?“

Er grinste und fragte: „Kann ich dich jetzt Mrs. Ellington nennen?“

Bei der Frage machte ihr Herz einen Sprung. „Ich nehme an, das wäre in Ordnung“, sagte sie, als sie durch die Tür gingen und, zum ersten Mal als verheiratetes Paar, in die Welt hinaustraten.




Kapitel zwei


Es war anders gewesen, als er es sich vorgestellt hatte. Jemanden umzubringen. Er hatte gedacht, sich zumindest kurz zu fragen: Was habe ich getan? Oder eine lebensdefinierende Schuld zu spüren. Das Gefühl zu haben, irgendwie das Leben einer ganzen Familie beeinflusst zu haben. Doch davon kam nichts. Das einzige, was er nach dem Töten seiner beiden Opfer gefühlt hatte, war überwältigende Paranoia.

Und, wenn er ehrlich war, Freude.

Vielleicht war es dumm von ihm gewesen, die Sache so lässig anzugehen. Er war überrascht gewesen, wie normal es sich angefühlt hatte. Die Idee war zuerst erschreckend gewesen, bis er tatsächlich seine Hände um ihre Hälse gelegt hatte. Bis er zugedrückt und ihre wunderschönen Körper des Lebens beraubt hatte. Am besten hatte ihm gefallen, zuzusehen, wie das Licht aus ihren Augen gewichen war. Es war unerwartet erotisch gewesen – noch nie zuvor hatte er etwas so Wehrloses gesehen.

Doch die Paranoia war schlimmer, als er sich je hätte vorstellen können. Nach dem ersten Mal hatte er drei Tage lang nicht geschlafen. Für diese Hürde hatte er sich beim zweiten Mal vorbereitet. Einige Gläser Rotwein und eine Schlaftablette direkt nach der Tat und er hatte sogar ziemlich gut geschlafen.

Was ihn beim zweiten Mal außerdem gestört hatte, war, wie schwer es gewesen war, den Tatort zu verlassen. Die Art und Weise, wie sie gefallen und das Leben sofort aus ihren Augen gewichen war … es hatte in ihm den Wunsch ausgelöst, zu bleiben. In diese frisch getöteten Augen zu starren, um zu sehen, welche Geheimnisse sich in ihnen befanden. Noch nie zuvor hatte er ein solches Verlangen gespürt. Um fair zu sein – er hätte sich bis vor ungefähr einem Jahr auch nie träumen lassen, je einen Menschen umzubringen. Vielleicht verändert sich die Moral eines Menschen von Zeit zu Zeit; genau wie seine Geschmacksnerven.

Er dachte darüber nach, während er vor seinem Kamin saß. Das Haus war leise, so unheimlich leise, dass er das Geräusch seiner Finger hören konnte, die sich am Stil des Weinglases bewegten. Er sah zu, wie das Feuer brannte und knallte, während er seinen dunklen Rotwein trank.

Das ist jetzt dein Leben, sagte er zu sich selbst. Du hast nicht nur einen, sondern zwei Menschen getötet. Sicher, es war notwendig. Du musstest es tun, sonst hätte dein Leben genauso gut vorbei sein können. Obwohl keines der Mädchen es technisch gesehen verdient hatte, zu sterben, geschah es dennoch aus Notwendigkeit.

Das sagte er sich wieder und wieder. Es war einer der Gründe, warum die erwarteten Schuldgefühle ihn noch nicht stillgelegt hatten. Und vielleicht hatte er deshalb auch so viel Platz für die Paranoia, die sich in ihm ausbreitete und immer tiefere Wurzeln schlug.

Es verging keine Sekunde, in der nicht auf das Klopfen an seiner Tür und den Polizisten auf der anderen Seite wartete. Oder auf das Sondereinsatzkommando samt Rammbock. Das Schlimmste war: Er wusste, dass er es verdiente. Er nahm an, dass die Wahrheit eines Tages ans Licht kommen würde. So funktionierte die Welt. Es gab keine Privatsphäre. Man konnte nicht einfach sein eigenes Leben leben.

Er würde sich, wenn es an der Zeit war, wie ein Mann benehmen und seine Strafe akzeptieren. Die Frage, die blieb, war nur: Wie viele musste er noch umbringen? Ein kleiner Teil in ihm bat darum, aufzuhören, versuchte ihn zu überzeugen, dass seine Arbeit getan war und kein weiterer Mensch sterben musste.

Aber er war sich ziemlich sicher, dass das nicht stimmte.

Die Aussicht, hinauszugehen und es wieder zu tun, löste eine Aufregung in ihm aus, die wie das Feuer vor ihm leuchtete und brannte. Und das war am allerschlimmsten.




Kapitel drei


Sie war sich ziemlich sicher, dass es an der neuen Umgebung lag. Der Sex in der Wildnis von Island, direkt unter dem majestätischen Wirbel der Nordlichter, war phänomenal. In der ersten Nacht, nachdem sie und Ellington ihre privaten Festivitäten abgewickelt hatten, schlief Mackenzie so gut wie schon lange nicht mehr. Glücklich, körperlich befriedigt und mit dem Bewusstsein, dass in ihr ein Leben heranwuchs, schlief sie ein.

Am nächsten Morgen tranken sie sehr bitteren Kaffee am kleinen Lagerfeuer neben ihrem Zeltplatz. Sie befanden sich im nordöstlichen Teil des Landes und campten knapp dreizehn Kilometer vom See Mývatn entfernt. Sie hatten das Gefühl, die einzigen Menschen auf dem Planeten zu sein.

„Was hältst du von Fisch zum Frühstück?“, fragte Ellington.

„Ich glaube, Haferflocken und Kaffee reichen mir vollkommen“, sagte sie.

„Der See ist nur dreizehn Kilometer entfernt. Ich kann ein paar Fische rausziehen und uns ein richtiges Camperfrühstück zubereiten.“

„Du angelst?“, fragte sie überrascht.

„Früher sogar ziemlich oft“, sagte er und blickte verträumt in die Ferne. Sie hatte gelernt, dass er diesen Blick immer dann aufsetzte, wenn er von seiner Vergangenheit und damit höchstwahrscheinlich auch seiner ersten Ehe sprach.

„Das muss ich sehen“, meinte sie.

„Höre ich da etwa Skepsis in deiner Stimme?“

Sie schwieg, stand auf und ging auf den gemieteten Geländewagen zu. „Fisch klingt super“, sagte sie nur.

Sie stiegen in den Wagen und fuhren zum See. Mackenzie genoss das offene Land und die Fjorde und fand, dass die Landschaft aussah wie in einem Märchenbuch. Der Kontrast du dem hektischen Leben, an das sie sich in DC gewöhnt hatte, war groß. Sie beobachtete Ellington, während dieser den Wagen zum See Mývatn steuerte. Er sah wild und attraktiv aus und sein Haar war leicht zerzaust von der Nacht im Zelt. Sie hatten zwar Pläne gemacht, sich für die nächste Nacht in ein kleines Motel einzumieten, um vor ihrer Rückkehr zum Camp zu duschen, aber sie musste zugeben, dass sein ungeschliffenes, schmuddeliges Aussehen etwas Verführerisches hatte. Ihn so zu sehen, machte es irgendwie einfacher, zu begreifen, dass sie den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen würde.

Zwanzig Minuten später waren sie am See, wo Ellington sich mit einer gemieteten Angel auf einen klapprigen, alten Steg setzte. Mackenzie sah ihm zu. Bis auf ein wenig Small Talk schwiegen sie. Sie genoss es, ihm bei einer Tätigkeit zuzusehen, von der sie niemals geglaubt hätte, dass sie ihm gefallen könnte. Es gab noch so viel, was sie über ihn lernen musste, das wurde ihr nun ernüchternd klar, als sie den Mann ansah, den sie vor zwei Tagen geheiratet hatte.

Als er seinen ersten Fisch an Land zog, war sie mehr als überrascht. Und als sich in dem kleinen Eimer auf dem Deck drei Fische befanden, war sie außerdem von sich selbst und der Tatsache überrascht, dass sie diese Seite an ihm zunehmend verführerisch fand. Sie fragte sich, welch anderen Frischluftaktivitäten Ellington auf Lager hatte und vor ihr versteckte.

Sie fuhren zurück zum Camp, der Jeep roch nach den drei Frischen, die ihr Frühstück bilden solltenh. Zurück am Zelt sah sie, dass seine Angelexpertise beim tatsächlichen Aus-Dem-Wasser-Holen aufhörte. Obwohl er sich beim Schuppen und Ausnehmen ziemlich unbeholfen anstellte, genossen sie anschließend trotzdem köstlichen Fisch vom Lagerfeuer. Auch wenn es sich lediglich um zerfetzte, kleine Häppchen handelte.

Ihre Pläne für den Tag beinhalteten Reiten, eine Wasserfalltour und die Fahrt zum kleinen Motel außerhalb von Reykjavík, wo sie vorhatten, zu duschen und etwas Anständiges zu essen, bevor sie vor Anbruch der Dunkelheit zurück in die wunderschöne Natur ihres Camp fahren wollten.

Es war alles wie in einem Traum und gleichzeitig ein sehr lebendiger Weg, ihr neues gemeinsames Leben zu beginnen. Sich in dieser unglaublichen Umgebung zu halten und zu küssen – das waren Momente, die sie ihr Leben über nicht wieder vergessen würde. Bis zu ihrem letzten Atemzug. Noch nie zuvor war sie so zufrieden gewesen.

Zurück im Camp entfachten sie ihr Lagerfeuer und begaben sich dann frisch geduscht und mit vollem Magen in ihr Zelt. Es wurde eine sehr lange Nacht.


* * *

Zwei Tage vor Ende ihrer Flitterwochen nahmen sie an einer privaten Gletschertour am Golden Circle teil. Es war der einzige Tag ihres Trips, den Mackenzie mit Morgenübelkeit begonnen hatte und so entschied sie sich dagegen, selbst klettern zu gehen. Sie sah jedoch Ellington dabei zu und genoss es, zu beobachten, wie er sich wie ein übereifriges Kind in die Unternehmung stürzte. Diese Seite an ihm hatte sie zuvor schon ab und an gesehen – aber nie in diesem Ausmaß. Dann fiel ihr ein, dass sie vor diesem Urlaub noch nie so viel Zeit außerhalb der Arbeit miteinander verbracht hatten. Es war wie ein Paradies auf Zeit, das ihr die Augen geöffnet hatte, wie sehr sie ihn liebte.

Als Ellington und der Instrukteur den Abstieg begannen, spürte Mackenzie das Vibrieren ihres Handys in der Jackentasche. Sie hatten zu Beginn der Flitterwochen zwar den Ton ihrer Geräte abgeschaltet, sich aber, aufgrund ihrer Jobs, nicht erlaubt, die Handys vollständig zu verbannen. Um sich die Zeit bis zu Ellingtons Rückkehr zu vertreiben, zog sie nun ihr Handy heraus.

Als sie McGraths Name auf dem Bildschirm sah, wurde ihr schwer ums Herz. Die letzten Tage waren wie ein emotionaler Höhenflug gewesen. Nun seinen Namen zu sehen, machte ihr klar, dass dieser vermutlich bald ein Ende haben würde.

„Agent White hier“, sagte sie. Dann dachte sie: Verdammt … ich habe meine erste Chance verpasst, mich als Agent Ellington zu melden.

„McGrath hier. Wie ist Island?“

„Sehr schön“, sagte sie. Und dann, ohne sich darum zu kümmern, dass sie etwas zu viel von sich preisgab, korrigierte sie sich. „Es ist traumhaft. Wirklich wunderschön.“

„Na, dann werden Sie mich für meinen Anruf hassen.“

Er erklärte ihr den Grund für seinen Anruf und er hatte recht. Als sie auflegte, war sie tatsächlich ziemlich böse auf ihn.

Ihre Ahnung war korrekt gewesen. Von einer Sekunde zur nächsten waren ihre Flitterwochen vorbei.




Kapitel vier


Es war ein reibungsloser Übergang. Eilig machten sie sich auf den Weg zum Flughafen und erwischten einen Nachtflug nach DC. Als die Realität sie einholte löste sich der Zauber der Flitterwochen langsam in Luft auf. Doch auch in DC und bei ihrer Arbeit waren sie verheiratet und als Mackenzie das realisierte, kam zumindest ein kleiner Teil der Magie zurück. Ja, Island war magisch gewesen, aber sie und Ellington verband so viel mehr als ein gemeinsamer Urlaub.

Sie hatte das prominente Gefühl ihres Eheringes am Finger nicht erwartet, als sie und Ellington McGraths Büro nur vierzehn Stunden nach der Unterbrechung ihrer Flitterwochen betraten. Sie war nicht so naiv, zu glauben, dass sie deshalb ein anderer Mensch war. Aber sie betrachtete es als Zeichen, dass sie sich verändert hatte – dass sie in der Lage war, zu wachsen. Und wenn das in ihrem Privatleben möglich war, warum dann nicht auch in ihrer Karriere?

Vielleicht machst du den Anfang, indem du deinem Vorgesetzten erzählst, dass du dich in der 15. Schwangerschaftswoche befindest, dachte sie.

Als sie daran dachte, wurde ihr klar, dass der Fall, für den sie einberufen worden waren, vermutlich ihr letzter sein würde, bevor sie ihre Schwangerschaft würde beichten muessen – obwohl der Gedanke sie amüsierte, mit einem Babybauch Mörder zu jagen.

„Danke, dass Sie beide vorzeitig zurückgekommen sind“, sagte McGrath. „Und ich möchte Ihnen gerne zur Hochzeit gratulieren. Natürlich gefällt es mir nicht, ein Ehepaar zusammen rauszuschicken. Aber ich will, dass dieser Fall so schnell wie möglich abgewickelt wird. Wir müssen unter allen Umstünden eine Massenpanik an der Uni vermeiden. Und Sie beide seid zweifelsohne ein gutes Team.“

Ellington sah sie an und lächelte. Mackenzies Gefühle für ihn waren entwaffnend. Es war wunderschön, doch gleichzeitig fühlte sie sich dabei auch etwas komisch.

„Beim letzten Opfer handelt es sich um eine Studentin im zweiten Jahr an der Queen Nash Universität in Baltimore. Christine Lynch. Sie wurde spät am Abend in ihrer Küche ermordet. Ihr Shirt lag auf dem Boden. Den Anzeichen zufolge wurde sie erwürgt. Soweit ich weiß, befanden sich keine Abdrücke in ihrem Hals, der Täter muss also Handschuhe getragen haben.“

„Der Mord war also vorsätzlich und nicht situationsbedingt“, meinte Mackenzie.

McGrath nickte und schob drei Bilder des Tatorts zu ihr hinüber. Christine Lynch war ein hübsches, blondes Mädchen. Ihr Gesicht war nach rechts gedreht, auf der Schulter hatte sie ein kleines Tattoo. Ein Spatz, dachte Mackenzie. Der Spatz schien seinen Blick auf den Bereich des Halses zu richten, wo die Prellungen begannen. Sogar auf den Fotos waren diese gut sichtbar.

„Das erste Opfer“, sagte McGrath und öffnete eine weitere Akte, „war die einundzwanzig jährige Jo Haley. Ebenfalls Studentin der Queen Nash. Sie wurde in ihrem Schlafzimmer, genauer in ihrem Bett, gefunden. Vollständig entkleidet. Ihr Körper war mindestens drei Tage lang dort gelegen, bevor ihre Mutter sich Sorgen machte und die Polizei rief. Auch hier gab es Zeichen von Strangulierung, allerdings nicht ganz so ausgeprägt, wie wir sie bei Christine Lynch gesehen haben. Die Spurensicherung hat außerdem Hinweise auf sexuelle Aktivitäten kurz vor ihrem Tod festgesellt, inklusive einer leeren Kondompackung.“

Er zeigte ihnen auch diese Tatortaufnahmen. Jo Haley mit Prellungen am Hals, vermutlich stranguliert. Wie Christine Lynch war auch sie ziemlich attraktiv. Sie war außerdem ziemlich dünn, fast schon dürr.

„Der einzige wirkliche Hinweis, den wir also haben, ist, dass zwei hübsche Studentinnen der Queen Nash Universität ermordet wurden? Vor oder während dem Sex?“, fragte Mackenzie.

„Ja“, sagte McGrath. „Laut dem Urteil des Gerichtsmediziners bezüglich des Todeszeitpunktes von Jo Haley lagen zwischen den Morden nicht mehr als fünf Tage.“

„Haben wir einen ungefähren Anhaltspunkt, um wie viel Uhr sie umgebracht wurden?“, fragte Mackenzie.

„Nein. Nichts Konkretes. Aber wir wissen, dass Christine Lynch am Mittwoch bis circa ein Uhr morgens in der Wohnung ihres Freundes gesehen worden war. Ihr Freund war es auch, der die Leiche am nächsten Tag entdeckte, als er sie in ihrer Wohnung besuchen wollte.“

Ellington betrachtete die Fotos gründlich und schob sie dann zurück zu McGrath. „Sir, mit allem Respekt. Ich bin ein verheirateter Mann und kann nicht mehr einfach so junge Damen auf dem Campus ansprechen.“

McGrath rollte mit den Augen und blickte zu Mackenzie. „Viel Glück mit dem da“, sagte er und nickte zu Ellington. „Im Ernst … ich möchte, dass der Fall so schnell wie möglich aufgeklärt wird. Das Semester beginnt nächste Woche und ich will keine Panik auf dem Campus, wenn all die Studenten zurückkehren.“

Wie auf Knopfdruck wurde Ellington plötzlich ernst. „Ich schnapp mir die Akten und wir fangen sofort an.“

„Danke. Und … genießen Sie den gemeinsamen Fall. Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, wenn Sie beide auch in Zukunft zusammenarbeiten. Jetzt wo Sie verheiratet sind. Betrachten Sie diesen Fall als mein Hochzeitsgeschenk.“

„Wirklich, Sir“, sagte Mackenzie, die sich nicht zurückhalten konnte. „Ich hätte eine Kaffeemaschine bevorzugt.“

Sie konnte es kaum glauben, als sowas wie ein Lächeln auf McGraths Lippen erschien. Es verschwand, als Mackenzie und Ellington das Büro verließen, um ihren ersten Fall als Mann und Frau zu bestreiten. Und, folglich, auch ihren letzten als Team.




Kapitel fünf


Gemäß Mackenzies gewöhnlicher Herangehensweise begannen sie mit dem jüngsten Tatort. Dieser war das Äquivalent zu einem noch warmen Körper und gab mehr Hinweise preis als einer, der bereits erkaltet war. Auf der Fahrt nach Maryland las Mackenzie die Akten laut vor, während Ellington am Steuer saß.

Als sie in Christines Wohnung in Baltimore ankamen, wurden sie von einem Vertreter der örtlichen Polizeidienststelle erwartet. Es handelte sich um einen älteren Herrn, der vermutlich in seinem letzten Dienstjahr war und Fälle wie diesen beaufsichtigte.

„Schön, Sie kennenzulernen“, sagte er und schüttelte ihnen die Hand mit einer Freude, die ihn schon fast anstößig machte. „Hilfssheriff Wheeler. Ich habe quasi die Aufsicht über den Fall hier.“

„Agenten White und Ellington“, sagte Mackenzie und merkte, dass sie sich immer noch nicht ganz sicher war, wie sie sich selbst vorstellen sollte. Mit Ellington hatte sie darüber noch nicht gesprochen, obwohl ihre Eheurkunde sie offiziell zu Mackenzie Ellington machte.

„Was können Sie uns aus Ihrer Perspektive heraus erzählen?“, fragte Ellington, während sie Christine Lynchs Wohnung betraten.

„Nun, mein Partner und ich haben uns hier mit dem Freund des Opfers getroffen und dann gemeinsam die Wohnung betreten. Sie lag genau hier, auf dem Küchenboden. Ihr Shirt neben ihr, die Augen noch immer geöffnet. Es war offensichtlich, dass sie erwürgt worden war, auch wenn es keine Anzeichen auf einen Kampf gab.“

„In der Tatnacht hat es geschneit“, sagte Ellington. „Gab es im Hausflur keine nassen Schuhabdrücke?“

„Nein. Soweit wir wissen fand ihr Freund sie erst am folgenden Nachmittag. Zwischen ihrem Mord und seinem Besuch können zwischen zehn und sechzehn Stunden vergangen sein.“

„Es war also ein sauberer Tatort?“, fragte Mackenzie.

„Ja. Keine Hinweise, keine Schuhabdrücke. Nichts von Interesse.“

Mackenzie dachte an die Fallakten, genauer an eine recht persönliche Notiz des Gerichtmediziners, die dieser vor nicht mehr als sechs Stunden zur Akte hinzugefügt hatte. Bei der Vorbereitung des Körpers hatten sie Hinweise auf sexuelle Erregung in der Unterwäsche Christines gefunden. Das könnte, natürlich, ein Resultat der Zeit sein, die sie mit ihrem Freund verbracht hatte. Aber wenn sie hier gefunden worden war, ohne Shirt und in ihrer Küche … naja, der Verdacht lag nahe, dass sie sich mit jemandem hier getroffen hatte. Und vielleicht wollten sie nicht warten, bis sie im Schlafzimmer waren.

„Hat die örtliche Polizei nach den Videoaufnahmen gefragt?“, wollte Mackenzie wissen. „Ich habe beim Reinkommen gesehen, dass an der Gebäudeseite mindestens zwei Sicherheitskameras angebracht sind.“

„Wir haben jemanden dran“, sagte Wheeler. „Letzter Stand vor zwei Stunden war, dass sich auf den Bändern nichts Bemerkenswertes befindet. Aber Sie können sich gerne selbst ein Bild machen.“

„Darauf werden wir vielleicht sogar zurückkommen“, sagte Mackenzie, als sie die Küche verließ und den Wohnraum betrat.

Christine war ein sehr ordentlicher Mensch gewesen. Das kleine Bücherregal auf der rechten Seite des Wohnzimmers war sauber gestapelt, die Titel, bei denen es sich hauptsächlich um Biographien und alte, politikwissenschaftliche Texte handelte, alphabetisiert. Auf den zwei Beistelltischen und an der Wand befanden sich einige Bilder. Die meisten zeigten Christine und eine Frau, bei der es sich eindeutig um ihre Mutter handelte.

Schließlich sah sie sich im Schlafzimmer um. Das Bett war gemacht und auch der Rest des Raums genauso aufgeräumt wie das Wohnzimmer. Die Gegenstände, die sich auf Nacht- und Schreibtisch befanden, verrieten nur wenig: Stifte, Kleingeld, ein iPhone-Ladegerät, das Flugblatt eines örtlichen Politikers, ein Glas mit einem Schluck Wasser darin. Es war offensichtlich, dass in der Nacht, in der Christine starb, nichts Physisches in diesem Zimmer vorgefallen war.

Es stellten sich viele Fragen und Mackenzie fand genauso viele möglichen Folgerungen, die sie nun alle in ihrem Kopf sortierte, während sie zurück in die Küche ging.

Sie hat sich nach ihrer Rückkehr mit jemandem hier getroffen. Hatte sie Besuch erwartet oder nicht?

Die Tatsache, dass ihre Leiche innerhalb der Wohnung gefunden worden war und ihr Shirt sich nicht mehr an ihrem Körper befand, lässt vermutlich darauf schließen, dass sie den Mörder hereingebeten hat – unabhängig davon, ob er erwartet oder unerwartet vorbeigekommen war. Hat sie ihn in ihre Wohnung eingeladen, ohne auch nur zu ahnen, dass sie in Gefahr war?

Als sie die Küche betrat, machte sich Ellington, der mit Hilfssheriff Wheeler sprach, gerade Notizen. Sie wechselten einen kurzen Blick und nickten. Es war eines der vielen Beispiele ihres harmonischen, abgestimmten Arbeitens – eine nonverbale Sprache, die sie vor Unterbrechungen und unangenehmen Momenten bewahrte.

„Nun, Hilfssheriff Wheeler, ich denke, wir sind hier fertig“, sagte Ellington. „Besteht die Chance, dass Sie zufällig auch für den Fall der getöteten Jo Haley zuständig sind?“

„Nein. Aber ich weiß genug über den Fall, um zu helfen, wenn es nötig ist.“

„Sehr gut. Wir werden Ihnen Bescheid geben, wenn es dazu kommen sollte.“

Wheeler schien damit zufrieden zu sein und lächelte beiden zu, als sie Christine Lynchs Wohnung verließen. Draußen betrachtete Mackenzie den Bürgersteig, der nur dürftige Hinweise darauf lieferte, dass es geschneit hatte. Sie lächelte dünn, als sie realisierte, dass sie und Ellington vermutlich kurz davor gewesen waren, zu heiraten, als das arme Mädchen gestorben war.

Christine Lynch wird niemals das Privileg haben, zu heiraten, einen Ehemann an ihrer Seite zu spüren. Mackenzie fühlte Trauer für die Frau – eine Trauer, die noch tiefgründiger wurde, als sie realisierte, dass ihr eine weitere Freude des Frauseins verwehrt bleiben würde.

Traurig legte Mackenzie eine Hand auf ihren leicht hervortretenden Bauch, als wolle sie beschützen, was sich darin befand.


* * *

Nach einem Anruf im Büro fanden Mackenzie und Ellington heraus, dass es sich bei Christines Freund um einen zweiundzwanzigjährigen Mitstudenten des Mädchens handelte. Er arbeitete Teilzeit auf einem Amt für Gesundheitswesen, um erste Erfahrungen in einer Branche zu sammeln, die ihn nach seinem Abschluss möglicherweise erwartete. Er war nicht bei der Arbeit, sondern zuhause und schien den Verlust Christines besonders schwer zu nehmen.

Als sie bei ihm ankamen, putzte Clark Manners gerade seine bereits blitzsaubere Wohnung. Es war offensichtlich, dass er nicht gut geschlafen hatte. Seine Augen waren glasig und er bewegte sich, als schob eine unsichtbare Kraft ihn vor sich her. Dennoch wirkte er enthusiastisch, als er sie in seine Wohnung einlud – eifrig, der ganzen Sache auf den Grund zu gehen.

„Ich bin nicht dumm“, sagte er, als er sich in seinem makellosen Wohnzimmer hinsetzte. „Wer auch immer sie umgebracht hat … wollte sie vergewaltigen, oder? Deshalb war sie oben ohne, nicht wahr?“

Mackenzie hatte sich genau das auch gefragt, doch die Fotos des Tatorts erzählten eine andere Geschichte. Als Christine zu Boden ging, landete sie auf dem Shirt. Das schien einen Hinweis darauf zu geben, dass es ihr widerstandsfrei ausgezogen und dann zu Boden geworfen worden war. Wenn Mackenzie wetten müsste, würde sie daraufsetzen, dass Christine sich dem Oberteil selbst entledigt hatte. Vermutlich für die Person, die sie in ihre Wohnung gelassen und die sie am Ende getötet hatte. Mackenzie war sich bezüglich eines potentiellen Plans des Täters, Christine zu vergewaltigen, nicht sicher. Die Möglichkeit war dagewesen, doch Mackenzie vermutete, dass für ihn die Tötung im Vordergrund gestanden hatte.

Doch der arme Junge musste davon nichts wissen.

„Es ist zu früh für Spekulationen“, sagte Mackenzie. „Es gibt verschiedene Szenarien. Und wir hatten gehofft, dass Sie uns dabei helfen können, herauszufinden, was geschehen ist.“

„Sicher, sicher“, sagte Clark, der offensichtlich ein langes Nickerchen und einen eingeschränkteren Koffeinkonsum nötig hatte. „Ich werde tun, was ich kann.“

„Können Sie Ihre Beziehung zu Christine beschreiben?“, fragte Ellington.

„Wir waren ungefähr sieben Monate zusammen. Sie war meine erste richtige Freundin – die erste Beziehung, die länger hielt als zwei oder drei Monate. Ich habe sie geliebt. Das wusste ich bereits nach wenigen Wochen.“

„Hatte die Beziehung bereits ein körperliches Level erreicht?“, fragte Mackenzie.

Mit verträumtem Blick nickte Clark. „Ja. Das ging ziemlich schnell.“

„In der Nacht ihres Todes“, fuhr Mackenzie fort, „war sie zuerst hier gewesen. Blieb sie oft über Nacht?“

„Ja, ein oder zwei Mal pro Woche. Manchmal war ich auch bei ihr. Erst vor einigen Wochen hat sie mir einen Schlüssel gegeben, damit ich kommen konnte, wann immer ich wollte. So war ich auch in der Lage, ihre Wohnung zu betreten … und sie zu finden.“

„Warum ist sie in jener Nacht nicht hiergeblieben?“, frage Ellington. „Es war spät, als sie nach Hause ging. Gab es Streit zwischen Ihnen beiden?“

„Nein. Gott, wir stritten nur selten. Nein … wir haben alle etwas getrunken und ich hatte viel zu viel. Ich gab ihr einen Gutenachtkuss und ging dann zu Bett, wo ich sofort einschlief. Es ging mir nicht so prickelnd. Sie blieb noch mit meinen Freunden sitzen. Ich war mir sicher, dass sie sich früher oder später zu mir ins Bett legen würde, aber als ich am nächsten Morgen aufwachte, war sie weg.“

„Glauben Sie, dass einer Ihrer Freunde sie womöglich nach Hause gebracht haben könnte?“, fragte Mackenzie.

„Ich habe sie alle gefragt und sie haben es verneint. Selbst wenn sie es ihr angeboten hätten – Christine hätte es abgelehnt. Ich meine, es sind nur drei Häuserblocks und sie liebte das kalte Wetter, liebte es, zu laufen. Sie stammte aus Kalifornien, Schnee war für sie also etwas Magisches, verstehen Sie? Ich erinnere mich sogar, wie aufgeregt sie an dem Abend gewesen war, als sie die Wettervorhersage hörte. Sie machte sogar Witze darüber, im Schnee spazieren zu gehen.“

„Wie viel Freunde waren an dem Abend hier bei Ihnen?“

„Mit Christine waren wir zu sechst. Soweit ich weiß, sind sie alle kurz nach Christine ebenfalls aufgebrochen.“

„Können Sie uns die Namen und Kontaktinformationen geben?“, fragte Ellington.

„Sicher“, sagte er und zog sein Handy heraus, um die Informationen zusammenzusuchen.

„Ist es normal, unter der Woche so viel Besuch zu haben?“, fragte Mackenzie.

„Nein. Wir haben uns quasi für einen letzten gemeinsamen Abend getroffen, bevor die Ferien zu Ende sind. Nächste Woche geht der Unterricht wieder los. Und mit der Arbeit und anstehenden Familienbesuchen war es der einzige Abend, den wir alle freischaufeln konnten.“

„Hatte Christine außerhalb Ihrer Gruppe noch andere Freunde?“

„Nicht viele, sie war ein sehr introvertierter Mensch. Da waren nur ich und zwei meiner Freunde, mit denen sie manchmal abhing, aber das war‘s. Sie stand ihrer Mutter sehr nahe. Ich denke, ihre Mom hatte vor, noch vor Ende des nächsten Semesters herzukommen und hier zu leben.“

„Haben Sie nach dem Vorfall mit ihrer Mutter gesprochen?“

„Ja“, sagte er. „Es war seltsam, weil ich zuvor noch nie mit der Frau geredet habe. Ich habe ihr bei den …“

Er hielt inne und zum ersten Mal bildeten sich Tränen in seinen müden Augen.

„… bei den Beerdigungsvorbereitungen geholfen. Ich glaube, sie soll hier eingeäschert werden. Sie ist gestern Abend hergeflogen und wohnt in einem Hotel in der Umgebung.“

„Ist sie alleine?“, fragte Mackenzie.

„Ich weiß es nicht.“ Er krümmte sich und sah zu Boden. Er war sowohl erschöpft als auch traurig, eine Mischung, die ihn schließlich umhauen würde.

„Wir werden Sie fürs erste alleine lassen“, sagte Mackenzie. „Haben Sie die Hotelinformationen von Mrs. Lynch?“

„Ja“, sagte er und zog langsam wieder sein Handy raus. „Moment.“

Während er nach dem Namen des Hotels suchte, sah Mackenzie Ellington an. Wie immer waren seine Antennen ausgefahren und er sah sich intensiv im Raum um, damit ihm nichts entging. Sie bemerkte auch, dass er mit seinem Ehering spielte, während er sich umsah. Langsam drehte er ihn an seinem Finger herum.

Dann blickte sie wieder zu Clark Manners. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie ihn erneut befragen würde – und das vermutlich bald. Die Tatsache, dass er wie besessen seine Wohnung putzte, nachdem seine Freundin umgebracht worden war, machte aus psychologischer Sicht Sinn. Aber es könnte auch als Versuch gewertet werden, Beweise verschwinden zu lassen.

Doch sie hatte schon zuvor Menschen gesehen, die die Trauer zerbrochen hatte und tief in sich fühlte sie, dass Clark vermutlich unschuldig war. Niemand konnte diese Art von Trauer spielen, ganz zu schweigen von seiner Unfähigkeit zu schlafen. Doch früher oder später würden sie auf jeden Fall mit seinen Freunden sprechen müssen.

Als Clark die Hoteldetails gefunden hatte, gab er Mackenzie sein Handy, damit sie diese notieren konnte. Sie schrieb auch die Namen und Nummern der Freunde ab, die sich am Abend von Christines Tod in Clarks Wohnung aufgehalten hatten. Während sie schrieb, bemerkte sie, dass auch sie mit ihrem Ehering gespielt hatte. Ellington sah es ebenfalls und schenkte ihr, trotz der Situation, ein kurzes Lächeln. Als sie das Handy entgegennahm, hörte sie auf, an dem Ring zu drehen.


* * *

Margaret Lynch war das genaue Gegenteil von Clark Manners. Sie war kühl und gesammelt und begrüßte Mackenzie und Ellington mit einem Lächeln, als sie sich in der Lobby des Radisson-Hotels trafen, wo sie wohnte. Sie geleitete sie zu einer Couch im hinteren Teil der Lobby, wo sie zum ersten Mal Schwäche zeigte.

„Wenn ich beginne, zu weinen, möchte ich das lieber nicht vor allen anderen tun“, bemerkte sie und verschwand in der Couch. Sie schien sich ziemlich sicher zu sein, dass das passieren würde.

„Ich würde gerne mit der Frage beginnen, wie gut Sie Clark Manners kennen“, sagte Mackenzie.

„Nun, ich habe vor zwei Tagen zum ersten Mal mit ihm gesprochen. Nach dem Vorfall. Aber Christine hatte ihn einige Male am Telefon erwähnt. Ich denke, sie war ziemlich angetan von ihm.“

„Gibt es irgendeinen Verdacht von Ihrer Seite?“

„Nein. Ich kenne den Jungen natürlich nicht, aber basierend auf Christines Erzählungen kann ich mir nicht vorstellen, dass er derjenige war, der es getan hat.“

Mackenzie bemerkte, dass Mrs. Lynch alles ihr Mögliche tat, um Worte wie getötet oder ermordet zu vermeiden. Sie nahm an, dass die Frau in der Lage war, bei Verstand zu bleiben, weil sie es schaffte, sich davon zu distanzieren. Die Tatsache, dass sie beide bereits seit einiger Zeit an verschiedenen Enden des Landes gelebt hatten, machte es vermutlich einfacher.

„Was können Sie mir über Christines Leben hier in Baltimore erzählen?“, fragte Mackenzie.

„Nun, sie begann ihr Studium in San Francisco. Sie wollte Anwältin werden, aber die Schule und der Lernstoff … es passte einfach nicht. Wir redeten lange über ihren Wunsch, sich bei der Queen Nash Universität zu bewerben. Sehr lange. Ihr Vater verstarb, als sie elf Jahre alt war und seitdem waren es nur Christine und ich. Keine Onkel, keine Tanten. Wir waren schon immer eine kleine Familie. Sie hat eine noch lebende Großmutter, doch die leidet an Demenz und lebt in einem Heim in der Nähe von Sacramento. Ich weiß nicht, ob Sie es bereits wissen, aber ich werde sie hier in Baltimore einäschern lassen. Es macht keinen Sinn, sie zurück nach Kalifornien zu bringen, um dort genau dasselbe zu tun. Wir haben dort keine wirklichen Verbindungen. Und ich weiß, dass ihr es hier gefallen hat, also …“

Diese arme Frau wird ganz alleine sein, dachte Mackenzie. Wenn sie Menschen befragte, war sie sich solchen Dingen immer bewusst, aber dieser Gedanke überrollte sie wie ein riesiger Fels.

„Wie auch immer, sie wurde angenommen und wusste bereits nach dem ersten Semester, wie gut es ihr hier gefiel. Sie war immer sehr entschuldigend, machte sich Sorgen um mich, ihre einsame, alte Mutter. Sie blieb in Kontakt und rief zwei Mal die Woche an. Sie redete über ihre Kurse und, wie gesagt, auch über Clark.“

„Was sagte sie über ihn?“, fragte Ellington.

„Dass er süß und sehr lustig war. Sie erwähnte auch von Zeit zu Zeit, dass er etwas langweilig war und dazu neigte, öfters mal zu viel zu trinken.“

„Aber nichts Negatives?“

„Nicht, dass ich mich erinnern kann.“

„Entschuldigen Sie meine Frage“, sagte Mackenzie. „Aber wussten Sie, ob die beide exklusiv waren? Bestand die Möglichkeit, dass Christine sich noch mit jemand anderem traf?“

Mrs. Lynch dachte einen Moment nach. Sie schien an der Frage keinen Anstoß zu nehmen, sondern blieb genauso ruhig, wie sie es bei ihrer Ankunft gewesen war. Mackenzie fragte sich, an welchem Punkt die arme Frau schließlich umknicken würde.

„Sie hat nie erwähnt, dass es in Liebesfragen einen Konkurrenten für Clark hätte geben können“, sagte Mrs. Lynch. „Und ich denke, ich weiß, warum Sie fragen. Mir wurde gesagt, dass die Szene aussah, als ob … nun ja, sie war oben ohne und so. Ich hatte einfach angenommen …“

Sie hielt inne und brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. Die folgenden Worte schienen etwas in ihr aufzuwirbeln, doch sie schaffte es, die Gefühle zu verbannen, bevor diese die Kontrolle übernahmen. Als sie weiterredete, war sie noch immer kalt wie Stein.

„Ich hatte einfach angenommen, dass es sich um einen misslungenen Vergewaltigungsversuch handelte. Dass der Mann aus irgendeinem Grund austickte und nicht in der Lage war, es zu Ende zu bringen. Aber ich nehme an, es besteht die Möglichkeit, dass es einen anderen Mann in ihrem Leben gegeben hat. Wenn es so war, dann wusste ich einfach nichts davon.“

Mackenzie nickte. Die Theorie der versuchten Vergewaltigung war auch ihr durch den Kopf gegangen, doch das Shirt auf dem Boden und ihr Kopf, der willkürlich darauf lag, schienen in diesem Zusammenhang keinen Sinn zu machen.

„Mrs. Lynch, wir möchten Sie nicht länger belästigen als absolut notwendig“, sagte Mackenzie. „Wie lange werden Sie in der Stadt bleiben?“

„Ich weiß es noch nicht. Vielleicht ein oder zwei Tage nach dem Gottesdienst.“ Beim Wort Gottesdienst stockte ihre Stimme ein winziges bisschen.

Ellington überreichte ihr eine seiner Visitenkarten und stand auf. „Wenn Ihnen etwas einfällt oder Sie während der Beerdigung oder dem Gottesdienst etwas Auffälliges hören, geben Sie uns bitte Bescheid.“

„Natürlich. Und vielen Dank, dass Sie sich darum kümmern.“ Mrs. Lynch sah verloren aus, als Mackenzie und Ellington sich verabschiedeten. Natürlich, dachte Mackenzie. Sie ist alleine in einer Stadt, die sie nicht kennt, in die sie gereist ist, um sich um ihre verstorbene Tochter zu kümmern.

Mrs. Lynch brachte sie zur Tür und winkte ihnen zu, während sie zu ihrem Wagen liefen. Zum ersten Mal bemerkte Mackenzie, dass ihre Hormone aufgrund der Schwangerschaft offiziell verrücktspielten. Sie fühlte mit Mrs. Margaret Lynch, wie sie es noch nie zuvorgetan hatte. Die Frau hatte Leben erschaffen, es großgezogen und genährt – und es dann auf brutale Art und Weise verloren. Es musste furchtbar sein. Mackenzie war elend zumute, als sie und Ellington sich in den Verkehr mischten.

Und gleichzeitig spürte Mackenzie eine Entschlossenheit in sich auflodern. Sie hatte schon immer eine Leidenschaft dafür gehabt, die Dinge richtig zu stellen, Mörder und andere Monster zur Rechenschaft zu ziehen. Und es war ihr gleich, ob es die Hormone waren oder nicht, aber sie schwor sich, Christine Lynchs Mörder zu finden. Sie wollte Margaret Lynch unter allem Umständen die Möglichkeit geben, mit dem Geschehenen abzuschließen.




Kapitel sechs


Der erste Name auf der Liste, die Clark Manners ihnen gegeben hatte, war Marcus Early. Als sie versuchten, ihn zu kontaktieren, erreichten sie nur seine Mailbox. Mit der zweiten Person auf der Liste, Bethany Diaggo, konnten sie sofort ein Gespräch vereinbaren.

Sie trafen sich mit Bethany an ihrem Arbeitsplatz, einer Anwaltskanzlei, wo sie, als Teil ihres Studiums an der Queen Nash, ein Praktikum absolvierte. Da der Tag sich dem Ende zuneigte, stempelte sie eine halbe Stunde früher aus und traf sich mit ihnen in einem kleinen Sitzungszimmer im hinteren Bereich des Gebäudes.

„Den uns vorliegenden Informationen zufolge, befanden Sie sich an dem Abend, an dem Christine getötet wurde, in der Wohnung von Clark Manners“, sagte Mackenzie. „Was können Sie uns über diesen Abend erzählen?“

„Es war lediglich ein kleines, lustiges Zusammentreffen. Wir hatten etwas zu trinken – vielleicht ein bisschen zu viel. Wir spielten Karten, sahen ein paar Wiederholungsfolgen von The Office und das wars eigentlich.“

„Es gab also keine Streitereien?“, fragte Mackenzie.

„Nein. Aber ich habe beobachtet, dass Christine sich von Clark genervt fühlte. Wenn er trinkt, neigt er manchmal dazu, etwas zu übertreiben, verstehen Sie? Sie hat nichts gesagt, aber man konnte sehen, dass sie sich ärgerte.“

„Wissen Sie, ob das in der Vergangenheit je zu Problemen zwischen den beiden geführt hat?“

„Soweit ich weiß, nein. Ich denke, dass Christine einfach einen Weg gefunden hat, damit umzugehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie wusste, dass ihre Beziehung nicht für die Ewigkeit war.“

„Bethany, kannten Sie eine Frau namens Jo Haley? Ungefähr in ihrem Alter? Studentin der Queen Nash?“

„Ja“, sagte sie. „Nicht so gut wie Christine, aber wir kamen gut miteinander klar. Es kam selten vor, dass wir tatsächlich zusammen abhingen. Aber wenn wir uns in einer Bar oder so über den Weg liefen, setzten wir uns für gewöhnlich zusammen und plauderten ein bisschen.“

„Ich nehme an, dass Ihnen bekannt ist, dass sie ebenfalls vor einigen Tagen getötet wurde?“, fragte Ellington.

„Ja. Es war tatsächlich sogar Christine, die mir davon erzählt hat. Welch grausame Ironie.“

„Wissen Sie, woher sie davon gewusst hat?“, fragte Mackenzie.

„Keine Ahnung. Ich glaube, sie hatten ein paar Kurse zusammen. Oh, und sie hatten auch denselben Fachstudienberater.“

„Fachstudienberater?“, fragte Ellington. „Ist das ein modisches Wort für Vertrauenslehrer?“

„Mehr oder weniger“, sagte Bethany.

„Und Sie sind sich sicher, dass Jo und Christine denselben Berater hatten?“, fragte Mackenzie.

„Das meinte jedenfalls Christine. Sie erwähnte es, als sie mir erzählte, dass Jo getötet worden war. Sie sagte, es fühle sich etwas zu nah an.“ Bethany hielt inne. Vielleicht verstand sie zum ersten Mal das gruselige, vorausahnende Gewicht des Kommentars.

„Kennen Sie zufällig den Namen des Beraters?“, fragte Mackenzie.

Bethany dachte kurz nach und schüttelte dann den Kopf. „Tut mir leid, nein. Sie hat ihn erwähnt, als wir über Jo redeten, aber ich kann mich nicht daran erinnern.“

Kein Problem, dachte Mackenzie. Ein Anruf an der Universität sollte dieses Problem schnell lösen.

„Können Sie uns sonst etwas über Jo oder Christine erzählen?“, fragte Mackenzie weiter. „Welchen Grund könnte jemand haben, beide zu töten?“

„Ich weiß es nicht“, sagte sie. „Es macht keinen Sinn. Christine war so konzentriert und undramatisch. Für sie ging es nur um die Schule und darum, einen frühen Start ins Berufsleben zu finden. Jo kannte ich nicht gut genug, um ein Urteil zu fällen.“

„Trotzdem, danke für Ihre Zeit“, sagte Mackenzie.

Sie verließen das Büro und Bethany machte sich dafür bereit, nach Hause zu gehen. Mackenzie versuchte, sich vorzustellen, wie sich zwei Frauen, die nun beide tot waren, auf den Fluren und im Gedränge der Universität über den Weg gelaufen waren. Vielleicht gingen sie aneinander vorbei, als eine das Büro des Beraters verließ, während die andere auf dem Weg zu ihrem Termin dort war. Die Vorstellung war unheimlich, aber sie wusste nur zu gut, dass diese Dinge in Mordfällen mit mehr als einem Opfer nicht selten vorkamen.

„Die Uni-Büros sind wegen der Ferien noch immer geschlossen“, meinte Ellington, als sie zurück zum Wagen gingen. „Ich bin mir sicher, dass sie morgen wieder öffnen werden.“

„Ja, aber ich nehme an, dass es eine Art Mitarbeiterregister auf der Webseite der Uni gibt. Basierend auf den Büchern in Christines Wohnung und der politischen Broschüre in ihrem Schlafzimmer können wir vermutlich davon ausgehen, dass sie Politikwissenschaften studiert hat. So können wir die Suche eingrenzen.“

Bevor Ellington ihr sagen konnte, dass die Idee gut war, hatte Mackenzie bereits ihr Handy in der Hand. Sie öffnete den Internetbrowser und begann zu scrollen. Sie fand zwar das Register, aber, wie vermutet, keine direkten Durchwahlen oder Privatnummern – lediglich die zu den Beraterbüros. Dennoch konnte sie zwei verschiedene Berater ausfindig machen, die für den politikwissenschaftlichen Bereich zuständig waren. Sie hinterließ beiden eine Nachricht und bat sie, so schnell wie möglich zurück zu rufen.

Sobald sie damit fertig war, scrollte sie weiter, dieses Mal durch ihr Telefonbuch.

„Und jetzt?“, fragte Ellington

„Es gibt nur zwei“, meinte sie. „Da können wir genauso gut einen Hintergrundscheck bei beiden durchführen lassen – vielleicht läuten da ja gleich ein paar Alarmglocken.“

Ellington nickte und lächelte. Ihr schnelles Denken beeindruckte ihn. Er hörte zu, wie sie die Informationsanfragen stellte. Mackenzie konnte spüren, wie sein Blick immer wieder zu ihr wanderte. Ein fürsorglicher und wachsamer Blick.

„Wie fühlst du dich?“, fragte er.

Sie wusste, was er meinte. Er drehte das Gespräch vom Fall weg und fragte nach dem Baby. Sie zuckte mit den Achseln; es machte keinen Sinn, ihn anzulügen. „Die Bücher sagen, dass die Übelkeit bald vorbei sein sollte, aber ich glaube nicht daran. Ich habe sie heute mehrere Male mehr als deutlich zu spüren gekriegt. Und, um ehrlich zu sein, bin ich ziemlich müde.“

„Vielleicht solltest du zurück nach Hause gehen“, sagte er. „Ich hasse es, wie ein gebieterischer Ehemann zu klingen, aber … naja, mir wäre es lieber, wenn dir und dem Baby nichts passiert.“

„Ich weiß. Aber dies ist eine Mordserie an einem Unicampus. Ich bezweifle, dass es gefährlich werden könnte. Es handelt sich vermutlich lediglich um einen Typen mit zu viel Testosteron, der sich daran aufgeilt, Frauen umzubringen.“

„In Ordnung“, sagte Ellington. „Aber du wirst ehrlich sein und mir Bescheid geben, wenn du dich schwach oder komisch fühlst, okay?“

„Ja, das werde ich.“

Er beäugte sie argwöhnisch und gleichzeitig spielerisch, als wäre er sich nicht ganz sicher, ob er ihr glauben konnte. Dann nahm er ihre Hand, während sie zurück ins Zentrum fuhren, um sich für die Nacht ein Hotel zu suchen.


* * *

Sie hatten kaum genug Zeit gehabt, es sich in ihrem Zimmer gemütlich zu machen, als Mackenzies Handy klingelte. Sie antwortete sofort und ignorierte die unbekannte Nummer. Mit jeder Sekunde wurde das Ticken der symbolischen Uhr, die McGrath ihnen mitgegeben hatte, lauter. Sie wusste, dass es mit dem Start des neuen Semesters in fünf Tagen um einiges schwerer werden würde, den Fall abzuwickeln, wenn all die Schülers wieder zurück in der Gegend waren.

„Agent White“, sagte sie, als sie den Anruf angenommen hatte.

„Agent White, hier spricht Charles McMahon, ich bin Fachstudienberater an der Queen Nash Universität. Ich rufe zurück, weil Sie mir eine Nachricht hinterlassen haben.“

„Genau, vielen Dank für die schnelle Antwort. Sind Sie gerade an der Uni?“

„Nein. Ich habe einiges zu tun und deshalb meine Mailbox vom Büro zu meinem Privattelefon umgeleitet.“

„Oh, ich verstehe. Nun, ich habe mich gefragt, ob Sie vielleicht in der Lage sind, einige Fragen bezüglich eines Mordfalls zu beantworten.“

„Ich nehme an, es geht um Jo Haley?“

„Ehrlich gesagt, nein. Vor zwei Tagen hat es einen weiteren Mord gegeben. Auch eine Studentin der Queen Nash. Eine junge Frau namens Christine Lynch.“

„Das ist furchtbar“, sagte er und klang ehrlich schockiert. „Ist es … naja, mit zwei Frauen so kurz nacheinander … denken Sie, dass es sich um einen Trend handelt? Einen Serienkiller?“

„Das wissen wir noch nicht“, meinte Mackenzie. „Wir hatten gehofft, dass Sie uns bei der Auflösung helfen können. Ich habe auf der Webseite der Uni gelesen, dass es nur zwei Fachberater für den Bereich der Politikwissenschaften gibt und dass Sie einer davon sind. Ich weiß ebenfalls, dass sowohl Jo Haley als auch Christine Lynch vom selben Berater betreut wurden. Handelt es sich dabei um Sie?“

Ein angespanntes, nervöses Kichern ertönte am anderen Ende der Leitung. „Nein. Und dies ist sogar der Hauptgrund, warum ich gerade so viel zu tun habe. Der andere Fachberater unseres Bereichs, William Holland, hat drei Tage vor den Semesterferien gekündigt. Ich habe den Großteil seiner Studenten übernommen … und werde mich vermutlich um sie kümmern müssen, bis wir einen Ersatz finden. Wir haben einen Assistenten, der hilft wo er kann, aber ich bin vollkommen überlastet.“

„Haben Sie eine Ahnung, warum Holland gekündigt hat?“

„Naja, es gab Gerüchte, dass er sich auf eine Studentin eingelassen hat. Aber soviel ich weiß, gab es nie Beweise, die das belegen konnten. Aber seine plötzliche Kündigung wirft natürlich schon Fragen auf.“

Ja, finde ich auch, dachte Mackenzie.

„Wissen Sie, ob er je in andere dubiose Aktivitäten verwickelt war? War er der Typ von Mann, bei dem Neuigkeiten wie diese Sie schockiert hätten?“

„Das kann ich nicht mit Bestimmtheit beantworten. Ich meine … ich kenne ihn nur als Kollegen. Außerhalb der Uni war er quasi ein Fremder.“

„Ich kann also annehmen, dass Sie nicht wissen, wo er wohnt?“

„Nein, tut mir leid.“

„Wo ich Sie schon mal dran habe … Mr. McMahon. Wann haben Sie zum letzten Mal mit Jo oder Christine gesprochen?“

„Das habe ich nie. Sie waren Teil der Übergabe Hollands, aber die einzige Kommunikation zwischen uns war eine Massenmail, die an alle betroffenen Studenten verschickt worden war.“ Er hielt inne und fügte dann hinzu: „Wissen Sie was, aufgrund der Geschehnisse kann ich vermutlich Hollands Adresse für Sie herausfinden. Ich muss lediglich ein paar Anrufe tätigen.“

„Das weiß ich zu schätzen“, sagte Mackenzie. „Aber das ist nicht nötig. Ich kann diese Information selbst besorgen. Vielen Dank für Ihre Zeit.“

Damit beendete sie den Anruf. Ellington hatte, mit einem Schuh auf der Bettkante sitzend, zugehört.

„Wer ist Holland?“, fragte er.

„William Holland.“ Sie informierte Ellington über die kurze Unterhaltung, die sie mit McMahon geführt hatte. Dabei setzte auch sie sich auf die Bettkante. Erst als ihre Füße den Boden nicht mehr berührten, realisierte sie, wie müde sie wirklich war.

„Ich kümmere mich um seine Kontaktdaten“, sagte er. „Wenn er an der Uni arbeitet, besteht die Chance, dass er auch hier in der Gegend wohnt.“

„Und falls es sich um unseren Typen handelt“, sagte Mackenzie, „hat mein Anruf ihn vermutlich aufgeschreckt.“

„Das heißt, wir sollten vermutlich schnell reagieren.“

Sie nickte und realisierte, dass sie wieder einmal eine Hand auf ihren Bauch gelegt hatte. Es war fast zu einer Gewohnheit geworden, wie Nägelkauen oder nervöses Knöchel-Knacken.

Da ist Leben drin, dachte sie. Und, wenn die Bücher recht haben, fühlt dieses Leben dieselben Emotionen wie ich. Meine Nervosität, mein Glück, meine Ängste …

Als sie Ellington dabei zuhörte, wie er sich die Adresse William Hollands besorgte, fragte sich Mackenzie zum ersten Mal, ob sie einen Fehler gemacht hatte, als sie die Schwangerschaft vor McGrath geheim hielt. Vielleicht setzte sie sich als aktive Agentin einem zu großen Risiko aus.

Wenn der Fall vorbei ist, sage ich es ihm, dachte sie. Ich werde mich auf das Baby und mein neues Leben konzentrieren, und …

Ihre Gedanken hatten scheinbar ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, denn sie merkte nun, dass Ellington sie wartend ansah.

„Tut mir leid“, sagte sie. „Ich war mit meinen Gedanken woanders.“

Er lächelte. „Das ist okay. Ich habe eine Adresse für William Holland. Er wohnt hier in der Stadt, in Northwood. Bereit für einen Besuch?“

Ehrlich gesagt war sie es nicht. Es war kein übermäßig zermürbender Tag gewesen, aber direkt nach ihrem Islandtrip mitten in einem Fall zu stecken und in den letzten sechsunddreißig Stunden nur wenig geschlafen zu haben, holte sie langsam ein. Sie wusste, dass auch das wachsende Baby einen Teil ihrer Energie abzapfte und beim Gedanken daran musste sie lächeln.

Andererseits: Wenn der Kerl befragt oder in Untersuchungshaft genommen werden konnte, würde es vermutlich nicht lange dauern. Also setzte sie ihr entschlossenes Gesicht auf und stellte sich wieder hin.

„Ja, lass uns gehen.“

Ellington stellte sich vor sie und sah ihr in die Augen. „Sicher? Du siehst müde aus. Und vor weniger als dreißig Minuten hast du noch gemeint, dass du erledigt bist.“

„Es ist okay. Mir geht es gut.“

Er küsste sie auf die Stirn und nickte. „Okay. Ich nehme dich beim Wort.“ Lächelnd streichelte er ihren Bauch, bevor er zur Tür ging.

Er macht sich Sorgen um mich, dachte sie. Und es ist überwältigend, wie sehr er dieses Kind bereits liebt. Er wird ein fantastischer Vater sein …

Doch bevor sie den Gedanken weiterdenken konnte, waren sie schon aus der Tür und auf dem Weg zum Wagen. Sie bewegten sich so schnell und zielgerichtet, dass ihr klar wurde, dass sie sich erst wieder voll und ganz ihren Zukunftsgedanken widmen können würde, wenn dieser Fall gelöst war.




Kapitel sieben


Es war kurz nach neunzehn Uhr, als Ellington seinen Wagen vor William Hollands Haus parkte. Es war ein kleines Gebäude in den Außenbezirken einer netten, kleinen Trabantenstadt und die Art von Haus, die mehr wie eine fehlplatzierte Hütte wirkte. Ein einziger Wagen stand in der geteerten Einfahrt, im Haus waren mehrere Lichter an.

Ellington klopfte selbstbewusst an die Tür. Er war dabei keinesfalls unhöflich, sondern wollte Mackenzie lediglich verdeutlichen, dass er, während er sich um ihre Gesundheit sorgte, in jedem Aspekt des Falles die Führung übernehmen würde: Fahren, an Türen klopfen und so weiter.

Ein gepflegter Mann, vermutlich Ende vierzig, öffnete die Tür. Er trug eine modische Brille, einen Blazer und eine Khakihose. Dem Geruch nach zu urteilen, der durch die Tür wehte, hatte er chinesisches Takeout zum Abendessen gehabt.

„William Holland?“, fragte Ellington.

„Ja. Und wer sind Sie?“

Sie zeigten gleichzeitig ihre Dienstmarken. Mackenzie machte einen Schritt nach vorne. „Agenten White und Ellington, FBI. Wir haben gehört, dass Sie kürzlich Ihren Job an der Queen Nash verlassen haben.“

„In der Tat“, sagte Holland unsicher. „Aber ich bin verwirrt. Warum würde das einen Besuch vom FBI rechtfertigen?“

„Können wir eintreten, Mr. Holland?“, fragte Ellington.

Holland dachte kurz darüber nach, bevor er einwilligte. „Sicher, ja, kommen Sie rein. Aber ich … ich meine, worum geht es?“

Ohne zu antworten betraten sie seinen Flur. Als Holland die Tür hinter ihnen zuzog, beobachtete Mackenzie ihn aufmerksam. Er schloss sie langsam und fest. Er war also entweder nervös oder hatte Angst – oder, am wahrscheinlichsten, beides.

„Wir sind in der Stadt, um zwei Mordfälle aufzuklären“, antwortete Ellington schließlich. „Zwei Studenteninnen der Queen Nash, die beide, wie wir heute erfahren haben, von Ihnen betreut wurden.“

In der Zwischenzeit hatten sie Hollands Wohnzimmer betreten und dieser ließ sich sogleich auf einen kleinen Sessel fallen. Er sah aus, als verstehe er wirklich nicht, was sie von ihm wollten.

„Moment … sie sagten zwei?“

„Ja“, sagte Mackenzie. „Wussten Sie das nicht?“

„Ich habe von Jo Haley gehört. Und das auch nur, weil wir vom Hochschulleiter informiert werden, wenn einer unserer Studenten verstirbt. Wer ist das andere Mädchen?“

„Christine Lynch“, sagte Mackenzie und untersuchte sein Gesicht nach einer Reaktion. Seine Augen flackerten kurz wiedererkennend auf. „Sagt Ihnen der Name etwas?“

„Ja. Aber ich … ich habe kein Gesicht vor Augen. Sie müssen wissen, ich hatte über sechzig Schüler in Betreuung.“

„Das ist die andere Sache“, sagte Ellington. „Das hatte. Wir haben gehört, dass sie ihren Job kurz von den Semesterferien gekündigt haben. Hatte das etwas mit den Gerüchten zu tun, dass sie mit einer ihrer Schülerinnen involviert waren?“

„Jesus“, sagte Holland. Er lehnte sich zurück und zog seine Brille ab. Er massierte seinen Nasenrücken und seufzte. „Ja, ich bin mit einer Schülerin liiert. Ich wusste, dass sich das rumspricht und was es mit meiner und ihrer Karriere anstellen kann. Also habe ich gekündigt.“

„Einfach so?“, fragte Mackenzie.

„Nein, nicht einfach so“, schnappte Holland. „Wir haben unsere Beziehung monatelang verheimlicht. Aber ich habe mich in sie verliebt. Und sie sich in mich. Wir haben lange und ausführlich darüber gesprochen, wie wir weitermachen wollen. Doch in der Zwischenzeit ist die ganze Sache rausgekommen und plötzlich wusste jeder von uns. Das hat uns die Entscheidung abgenommen. Aber … was hat das mit den Mordfällen zu tun?“

„Hoffentlich nichts“, sagte Ellington. „Aber Sie müssen die Situation aus unserer Sicht sehen. Wir haben zwei ermordete Studentinnen und die einzige Verbindung zwischen den beiden ist ihr gemeinsamer Fachberater – Sie. Wenn man dann noch die Tatsache hinzunimmt, dass Sie eine relativ offene Beziehung mit einer Schülerin führen …“

„Sie denken also, ich bin ein Verdächtiger? Sie denken, ich habe diese Mädchen umgebracht?“

Die Worte laut auszusprechen schien ihm Unwohlsein zu bereiten. Er setzte sich seine Brille wieder auf und beugte sich nach vorne.

„Wir wissen gerade tatsächlich nicht, was wir denken sollen“, sagte Mackenzie. „Deshalb sind wir hier. Um mit Ihnen zu sprechen.“

„Mr. Holland“, sagte Ellington. „Sie meinten, dass Sie Christine Lynchs Gesicht nicht wirklich zuordnen können. Wie sieht es mit Jo Haley aus?“

„Ja … Ich kannte sie sogar ziemlich gut. Sie war eine Freundin der Frau, mit der ich liiert bin.“

„Jo Haley wusste also von Ihrer Beziehung?“

„Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, dass Melissa – das ist meine Freundin – es ihr erzählt hat. Wir haben wirklich versucht, so diskret wie möglich zu sein.“

Mackenzie dachte einen Moment nach. Die Tatsache, dass seine Freundin eines der Opfer kannte – und dass das Opfer möglicherweise von der verbotenen Beziehung wusste – warf definitiv kein gutes Licht auf Holland. Sie fragte sich, warum er all die Informationen freiwillig herausgab.

„Verzeihen Sie meine Frage“, sagte Mackenzie. „Ist ihre Freundin – Melissa – die erste Studentin, auf die Sie sich eingelassen haben?“

Hollands Augen funkelten frustriert und er stand abrupt auf. „Hey, fuck you! Ich kann nicht …“

„Hinsetzen, sofort“, sagte Ellington und stellte sich direkt vor Holland.

Holland schien seinen Fehler sofort einzusehen. Sein Gesichtsausdruck verwandelte sich von resignierter Reue in Wut und wieder zurück, während er versuchte, sich auf eine Emotion festzulegen.

„Hören Sie, es tut mir leid. Aber ich habe es satt, dafür verurteilt zu werden. Und ich weiß es absolut nicht zu schätzen, beschuldigt zu werden, mit all meinen Studenten zu vögeln, weil ich zufällig in einer verantwortungsvollen Beziehung mit einer einwilligenden, volljährigen Frau bin.“

„Wie alt sind Sie, Mr. Holland?“, fragte Mackenzie.

„Fünfundvierzig.“

„Und wie alt ist Melissa?“

„Einundzwanzig.“

„Waren Sie je verheiratet?“, fragte Ellington, der einen Schritt zurückgegangen war und sich nun sichtlich entspannte.

„Einmal. Acht Jahre lang. Es war furchtbar, wenn Sie es wissen müssen.“

„Wie ist die Ehe auseinandergegangen?“

Holland schüttelte den Kopf und ging zur Ecke des Wohnzimmers, wo das Foyer begann. „Ok, diese Unterhaltung ist vorbei. Wenn Sie nicht vorhaben, mich anzuklagen, können Sie beide jetzt verschwinden. Ich bin mir sicher, es gibt genug Leute an der Uni, die Ihre Fragen beantworten können.“

Langsam ging Mackenzie zur Tür. Ellington folgte ihr zögerlich. Mackenzie drehte sich um, ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass da noch etwas war.

„Mr. Holland, Sie verstehen, dass ihre mangelnde Kooperation Sie in einem schlechten Licht zeichnet?“

„Damit habe ich mich schon seit Wochen herumgeschlagen.“

„Wo ist Melissa jetzt?“, fragte Ellington. „Wir möchten uns gerne auch mit ihr unterhalten.“

„Sie ist …“, begann Holland und unterbrach sich dann. Erneut schüttelte er den Kopf. „Sie wurde genau wie ich bereits genug durch den Schlamm gezogen. Ich werde nicht zulassen, dass Sie sie damit belästigen.“

„Sie möchten also keine unserer weiteren Fragen beantworten“, sagte Ellington. „Und Sie weigern sich, uns den Aufenthaltsort einer Person, mit der wir sprechen müssen, mitzuteilen. Ist das korrekt?“

„Das ist absolut korrekt.“

Mackenzie konnte sehen, dass Ellington wütend wurde. Seine Schultern verspannten sich und seine Haltung wurde steif wie eine Steinplatte. Sie berührte zärtlich seinen Arm, um ihn zu beschwichtigen.

„Wir werden das notieren“, sagte Mackenzie. „Falls wir weitere Fragen zum Fall haben und entdecken, dass Sie nicht zuhause sind, werden wir Sie als realistischen Verdächtigen in Betracht ziehen und verhaften. Verstehen Sie das?“

„Sicher“, sagte Holland.

Er drängte sie ins Foyer und öffnete ihnen die Tür. Sobald sie auf der Veranda standen, schlug er diese hinter ihnen zu.

Mackenzie begann, die Verandastufen hinabzusteigen, doch Ellington blieb stehen. „Denkst du nicht, wir sollten dem nachgehen?“, fragte er.

„Vielleicht. Aber ich glaube nicht, dass jemand, der schuldig ist, so viele Informationen mit uns teilen würde. Außerdem … wir kennen den Vornamen seiner Freundin. Wenn es wirklich dringend ist, können wir ihren vollen Namen vermutlich in seinen Akten einsehen. Das letzte, was wir jetzt brauchen, ist die Festnahme eines akademischen Beraters, der bereits auf dünnem Eis geht und sich in einer schwierigen Situation befindet.“

Ellington lächelte und folgte ihr die Stufen hinunter. „Siehst du … es sind Dinge wie diese, die dich zu einer fantastischen Ehefrau machen. Du hältst mich immer davon ab, etwas Dämliches zu tun.“

„Ich nehme an, ich habe in den letzten Jahren einiges an Erfahrung in diesem Bereich gesammelt.“

Sie stiegen in den Wagen und als Mackenzie sich hinsetzte, realisierte sie erneut, wie müde sie war. Ellington gegenüber würde sie das nie zugeben, aber vielleicht sollte sie sich tatsächlich etwas schonen.

Noch ein oder zwei Tage, mein Kleines, sagte sie gedanklich zu dem wachsenden Leben in ihr. Noch ein paar Tage, dann werden wir beide uns so viel ausruhen können, wie wir wollen.




Kapitel acht


Sie wusste, dass sie es nicht tun sollte. Aber zu widerstehen war zu schwer. Außerdem … das neue Semester stand vor der Tür und dies war ein guter Weg, es einzuläuten. Ein letztes Techtelmechtel. Eine letzte Nacht der absoluten Verrücktheit. Und wenn es den letzten Malen in nichts nachstand, würde sie Kraft darin schöpfen können und sich danach so stark fühlen, dass die kleinen Reueschübe schnell vergessen waren.

Der perfekte Start ins neue Semester.

Marie hatte nicht einmal versucht, es sich auszureden. Als sie ihren Wagen in der Garage parkte, wusste sie, wo sie an diesem Abend enden würde. Sie musste lediglich einen Anruf tätigen, um ihm Bescheid zu geben, dass sie wieder in der Stadt war und ihn sehen wollte. Er hatte sie noch nie zurückgewiesen und nach drei Wochen der Trennung bezweifelte sie, dass er es heute tun würde.

Und natürlich tat er es nicht.

Es war 23.05 Uhr, als sie die Hintertür des Wohngebäudes erreichte. Es war eine grenzwertige Ecke der Stadt, aber nicht so schlimm, dass sie Angst davor hatte, alleine im Dunkeln unterwegs zu sein. Außerdem war der Campus nur zwölf Kilometer entfernt und sie wusste, dass die Kriminalitätsrate in Campusnähe unglaublich gering ausfiel. Sie war so aufgeregt, was die nächsten Stunden bringen würden, dass jegliches Gefühl von Gefahr einfach an ihr abprallte.

Als sie die Hintertür des Gebäudes erreichte, war Marie nicht überrascht, diese verschlossen vorzufinden. Sie klingelte und wurde sofort mit dem sich öffnenden Türschloss belohnt. Der Lautsprecher blieb still, lediglich das Schloss knackte, als es sich aufdrehte. Sie lächelte. Er war vermutlich in seiner ernsten, vielleicht sogar dominanten, Stimmung.

Süß, dachte sie. Aber wir wissen, wer am Ende immer die Oberhand hat.

Beim Gedanken daran wurde sie noch aufgeregter. Sie trat ein, ließ aber den Aufzug links liegen, da sie seine Wohnung im zweiten Stock so schnell wie möglich erreichen wollte. Sie nahm immer zwei Stufen gleichzeitig und ihre Herzfrequenz schoss in die Höhe – vor Anstrengung und Vorfreude. Es war wie ein köstliches Vorspiel: die Erwartung, die Fahrt von New York nach Baltimore, die Ankunft in seiner Wohnung.

Es war eine lange Fahrt gewesen. Sie war gestresst und angespannt. Oh, sie würde ihn müde machen und ihn so richtig zu Grunde reiten.

Als sie seine Wohnung erreichte, fand sie die Tür unverschlossenen. Sie öffnete sie nur einen Spalt und sah, dass es dunkel war. Aus dem Wohnraum schien ein schwaches Licht, vielleicht von einer Kerze.

„Was tust du?“, fragte sie mit sinnlicher Stimme.

„Ich warte auf dich“, antwortete er.

„Gut. Aber … du kannst mich nur haben, wenn du mir genau sagst, was du möchtest.“

Sie hörte, wie er in der Dunkelheit leise kicherte. Als ihre Augen sich an das fehlende Licht gewöhnten, konnte sie seine Silhouette im Wohnzimmer sehen. Er lag auf der Couch. Sie lächelte und ging zu ihm hinüber.

Die Wohnung roch staubig und unbenutzt – hauptsächlich, weil sie genau das war. Sie wusste, dass er ein besseres Zuhause hatte, aber sie wusste auch, dass er sie dort nicht haben wollte. Er bevorzugte es, sein Privatleben außenvor zu lassen. Soviel sie wusste, verbrachte er nur sehr wenig Zeit zuhause. Sie selbst hatte nur die Fassade des Hauses gesehen. Für gewöhnlich traf sie ihn hier, manchmal auf dem Rücksitz seines Wagens oder in einem Hotel. Obwohl sie seinen Wunsch nach Privatsphäre verstand, wünschte sie sich, ihn einmal in einem riesigen Bett verschlingen zu können. Vielleicht sogar mit stimmungsvoller Musik und Kerzenschein.

Aber auch das Versteckspiel war sexy. Es war ein Teil der Verlockung und der Grund, warum sie gerade den Drang bekämpfen musste, sich ohne weitere Umschweife auf ihn zu stürzen.

Aber bei ihren Rendezvous war es immer um den Aufbau gegangen. Um die Neckereien, das raue Vorspiel, manchmal sogar um die spielerischen, abfälligen Bemerkungen.

„Komm her, Marie“, sagte er.

Sie ging auf die Couch zu, wo er vollständig bekleidet lag. Das war okay. Es würde das Vorspiel nur ausdehnen.

„Das ist süß“, sagte sie, als sie sich vor ihm auf den Boden kniete. Sie küsste ihn zärtlich und schnalzte ihre Zunge gegen seine Lippen. Sie wusste, was ihm gefiel.

„Was ist süß?“, fragte sie.

„Du. Dass du glaubst, die Kontrolle zu haben.“

„Oh, aber das habe ich“, sagte er und setzte sich auf.

„Ich werde dich für eine Weile in dem Glauben lassen“, antwortete sie und knabberte an dem weichen Fleisch seines Halses. Er bewegte sich und sie fühlte seine Hände auf ihr – eine auf dem Rücken, die andere an ihrem Hinterkopf. „Aber wir beide kennen die Wa …“

Ohne Vorwarnung packte er ihren Kopf und stieß sie nach vorne. Mit gewaltiger Geschwindigkeit knallte ihre Stirn gegen sein Knie.

„Was zum …“

Doch bevor sie ihre Frage herausbrachte, war er auf ihr und drückte sein Gewicht gegen ihren Rücken. Ihr Kopf drehte sich vom Aufprall und für einen Moment hatte Marie berechtigterweise keine Ahnung, wo sie war.

Als sie ihre Hände herauszog, um sich zu wehren, waren seine bereits in ihrem langen, blonden Haar. Dieses Mal schlug er ihren Kopf hart gegen den Holzboden. Marie kämpfte kurz dagegen an, doch schnell fühlte sie, wie die Welt um sie herum verschwamm, als ein aufbrausender Schmerz sich in ihrem Hinterkopf breitmachte.

Irgendwo weit, weit weg war sie sich bewusst, dass er sie an der Taille packte und ihr die Hosen auszog. Dann wurde alles schwarz. Sie kam wieder zu sich, als sein Mund auf ihrem Körper umherwanderte.

Es machte keinen Sinn. Sie würde ihn so ziemlich alles mit sich machen lassen und würde, im Gegenzug, so ziemlich alles für ihn tun. Also warum …?

Der Gedanke wurde von der Dunkelheit unterbrochen, die in Wellen kam und ging. Aber dieses Mal blieb sie für eine Weile.


* * *

Es war arbeitsintensiver gewesen, als gedacht. Aber gegen zwei Uhr morgens war er endlich in der Lage, sich zu entspannen. Am schwersten war es gewesen, sie bewusstlos zu schlagen. Er hatte einfach nicht gedacht, das in sich zu haben. Menschen zu erwürgen war eine Sache. Dabei ging es nur darum, sich von der Tat zu überzeugen und dann Druck auf den Hals in seiner Hand auszuüben. Doch Maries Kopf gegen den Boden zu schlagen hatte mehr Durchhaltevermögen gekostet als erwartet.

Nachdem er sie bewusstlos geschlagen hatte, war die verbleibende Prozedur zwar anstrengend aber auch angenehm gewesen. Und er begann, sich mit seiner Entscheidung wohl zu fühlen.

Jo Haley und Christine Lynch hatte er unverblümt umgebracht. Mit Jo hatte er zuvor geschlafen und das Treffen äußerst genossen. Bevor es dann in die zweite Runde gegangen war, hatte er sie erwürgt. Vielleicht lag es am Sex, aber er hatte dabei fast seine Meinung geändert und den Schwanz eingezogen. Die Lektion hatte er gelernt und sich bei Christine dazu entschieden, nicht mit ihr zu schlafen. Und dann wurde ihre Leiche gefunden und er hatte die Story in den Nachrichten gesehen. Es war nur ein kurzer Impuls und gleichzeitig ein Augenöffner gewesen, der ihn dazu gebracht hatte, die Situation zu überdenken. Er konnte sie nicht einfach nur töten.

Aber er musste sie festhalten. Die, die nach Christine kamen. Die, die zum Schweigen gebracht werden mussten. Denn es gab noch mehr und Marie war eine von ihnen. Er konnte sie nicht mehr unverblümt umbringen und einfach dort liegenlassen, wo sie zu Boden gingen. Er musste umdenken, diskreter sein, vorsichtiger.

Er betrachtete seine Arbeit und war der Meinung, damit davonkommen zu können. Er stand vor dem geöffneten Jackenschrank im Flur. Marie war im Schrank. Sie war nackt und hing an ihren gefesselten Handgelenken von der Kleiderstange, die horizontal durch den Schrank verlief. Drei Streifen Klebeband bedeckten ihren Mund. Ihr Körper hing schlaff nach unten, doch ihre Arme waren über den Kopf gestreckt, wo er ihre Handgelenke zusammengebunden hatte. Es war eine merkwürdig verführerische Pose und er bereute nun, dass er nicht mit ihr geschlafen hatte, bevor er sie gefangen nahm.

Fast fünfzehn Minuten lang stand er da, starrte sie an und genoss das Gefühl von Macht und Errungenschaft. Dann begann Marie, sich zu bewegen. Sie stöhnte leise, versuchte sich nach vorne zu beugen und realisierte dann schläfrig, dass sie es nicht konnte. Das schien sie zu alarmieren. Sie öffnete abrupt die Augen und streckte ihre Beine aus. Sie blickte sich fieberhaft um und versuchte, ihre Situation zu begreifen: ein schmerzender Kopf, ein splitternackter Körper, der an eine Eisenstange im Jackenschrank gefesselt war, ein Mann, der sie mit bösem Vorsatz beobachtete, ein Mann, mit dem sie in den letzten zwei Monaten ziemlich regelmäßig geschlafen hatte.

Sie versuchte, zu sprechen. Eine einzelne Silbe, die vom Klebeband aufgefangen wurde. Ein Geräusch, von dem er ausging, dass es sich um eine Frage handelte. „Was?“

Es war das einzige Wort, das sie herausbrachte, als die Ernsthaftigkeit der Situation sie überrollte.

Er ging auf sie zu und nahm ihr Kinn in seine rechte Hand. Sie zuckte zurück und realisierte, dass ihre gefesselten Arme dadurch in einem ungünstigen Winkel nach hinten gezogen wurden. Langsam wanderten seine Finger über ihr Kinn zur rechten Brust und zur Innenseite ihrer Schenkel. Zum ersten Mal seit ihrem ersten Stelldichein presste sie die Beine zusammen, als er sie zu erforschen versuchte.

Er lachte. Sie wollte zur Antwort durch das Klebeband hindurch zu schreien. Es klang wie ein Staubsauger in einem anderen Bereich der Wohnung. Er hatte ihren Mund gut verklebt. Das Tape lief von einem Ohr zum anderen und war drei Mal verstärkt worden.

„Kein Bedarf“, sagte er. Er gab sein Bestes, um seine körperlichen Gelüste zu ignorieren. Die Aufregung, die in jedem Nerv seines Körpers pulsierte. Es gab wichtigere Dinge zu tun. Dinge, die diskutiert und geklärt werden mussten.

Sie stöhnte zur Antwort, vom Klebeband zum Schweigen gebracht.

„Wir beide müssen einige Dinge besprechen“, sagte er. Dann zeigte er ihr die Pistole, die er hinter seinem Rücken versteckt gehalten hatte. Eine Waffe, die er vor zwei Jahren gekauft und nie benutzt hatte. Lediglich ein Mal hatte er sie seither in der Hand gehalten. Und er hatte ehrlich gesagt auch keine Absicht, sie jetzt zu gebrauchen.

Aber natürlich konnte Marie das nicht wissen.

„Wenn du schreist oder versuchst, um Hilfe zu rufen, werde ich dich umbringen.“ Er machte wieder einen Schritt auf sie zu und drückte sein Gesicht an ihrs. Er legte seine freie Hand auf ihre Hüfte und zog sie an sich. Dann legte er den Lauf der Pistole gegen ihren nackten Bauch. „Glaubst du mir?“

Sie nickte verzweifelt. Ihr Blick war schmerzerfüllt und sie wirkte verwirrt. Tränen stiegen ihr in die Augen.

Einen Moment lang fragte er sich, ob die Pistole vorzuziehen war. Es würde definitiv schneller gehen.

Nein … zu laut. Und ich würde den köstlichen Moment verpassen, wenn das Licht ihre Augen verlässt.

Er lehnte sich wieder zurück gegen die Wand und schwang die Waffe wie eine Tasse Kaffee.

Und dann begann er zu reden. Er redete und stellte Anschuldigungen und versuchte, sie nicht an Ort und Stelle zu erwürgen. Selbst als er ihr das Klebeband vom Gesicht riss und ihr erlaubte, leise und zitternd zu antworten, schaffte er es, sie nicht umzubringen.




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