So Gut Wie Verloren
Blake Pierce


SO GUT WIE VERLOREN (DAS AU-PAIR—BUCH #2) ist der zweite Band der neuen Psycho-Thriller-Reihe der Erstlingsautorin Blake Pierce.

Ein geschiedener Mann macht Urlaub in der britischen Provinz und sucht per Stellenanzeige nach einem Au-Pair. Cassandra Vale, 23, pleite und noch immer erschüttert über das Ende ihrer letzten Anstellung in Frankreich, nimmt den Job ohne zu zögern an. Ihr neuer Auftraggeber ist wohlhabend, gutaussehend, großzügig und hat zwei niedliche Kinder. Was kann also schief gehen? Als Cassandra Frankreich weit hinter sich lässt und England von seiner besten Seite kennenlernt, wagt sie zu glauben, endlich durchatmen zu können. Doch dann zwingt eine erschreckende Offenbarung sie dazu, die Wahrheit ihrer turbulenten Vergangenheit, ihres Arbeitgebers und ihres eigenen Verstandes zu hinterfragen. Eine fesselnde Mystery-Geschichte mit komplexen Figuren, verdeckten Geheimnissen, dramatischen Wendungen und einer unglaublichen Spannung: SO GUT WIE VERLOREN ist das zweite Buch der spannungsgeladenen Psycho-Thriller-Serie, die man gar nicht aus der Hand legen möchte.

Buch #3 der Serie—SO GUT WIE TOT—kann nun vorbestellt werden!





Blake Pierce

So Gut Wie Verloren



Copyright © 2019 durch Blake Pierce. Alle Rechte vorbehalten. Außer wie im US-amerikanischen Urheberrechtsgesetz von 1976 erlaubt, darf kein Teil dieser Veröffentlichung in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln reproduziert, verteilt oder übertragen werden oder in einer Datenbank oder einem Abfragesystem ohne die vorherige Genehmigung des Autors gespeichert werden. Dieses eBook ist nur für Ihren persönlichen Genuss lizenziert. Dieses eBook darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch für eine andere Person freigeben möchten, erwerben Sie bitte für jeden Empfänger eine zusätzliche Kopie. Wenn Sie dieses Buch lesen und es nicht gekauft haben oder es nicht für Ihre Verwendung erworben wurde, geben Sie es bitte zurück und kaufen Sie Ihre eigene Kopie. Danke, dass Sie die harte Arbeit dieses Autors respektieren. Dieses Buch ist reine Fiktion. Namen, Charaktere, Geschäfte, Organisationen, Orte, Ereignisse und Ereignisse sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen lebenden oder toten Personen ist völlig zufällig. Buchumschlagsbild Copyright Suzanne Tucker, mit Lizenz von Shutterstock.com



Blake Pierce

Blake Pierce ist der USA Today Bestsellerautor der RILEY PAIGE Mystery-Reihe, die bisher sechzehn Bücher umfasst. Er ist ebenfalls der Autor der MACKENZIE WHITE Mystery-Reihe, die bisher aus dreizehn Büchern besteht, der AVERY BLACK Mystery-Reihe, die aus sechs Büchern besteht, der KERI LOCKE Mystery-Reihe, die in fünf Büchern erhältlich ist, der DAS MAKING OF RILEY PAIGE Mystery-Reihe, die bisher fünf Bücher umfasst, der KATE WISE Mystery-Reihe, von der bisher sechs Bücher erhältlich sind, der spannenden CHLOE FINE psychologischen Suspense-Mystery-Reihe, die bisher aus fünf Büchern besteht, der JESSE HUNT psychologischen Suspense-Thriller-Reihe, von der es bisher fünf Bücher gibt, der AU PAIR psychologischen Suspense-Thriller-Reihe, die bisher aus zwei Büchern besteht, und der ZOE PRIME Mystery-Reihe, von der bisher zwei Bücher erwerblich sind.



Blake ist selbst ein passionierter Leser und lebenslanger Fan der Mystery- und Thriller-Genres, weshalb er sich freuen würde, von Ihnen zu hören. Besuchen Sie doch seine Webseite www.blakepierceauthor.com, um mehr über ihn herauszufinden und in Kontakt zu bleiben!







BÜCHER VON BLAKE PIERCE

DAS AU-PAIR

SO GUT WIE VORÜBER (BAND #1)

SO GUT WIE VERLOREN (BAND #2)

SO GUT WIE TOT (BAND #3)



JESSIE HUNT PSYCHOTHRILLER-SERIE

DIE PERFEKTE FRAU (BAND #1)

DER PERFEKTE BLOCK (BAND #2)

DAS PERFEKTE HAUS (BAND #3)

DAS PERFEKTE LÄCHELN (BAND #4)

DIE PERFEKTE LÜGE (BAND #5)



CHLOE FINE PSYCHOTHRILLER-SERIE

NEBENAN (BAND #1)

DIE LÜGE EINES NACHBARN (BAND #2)

SACKGASSE (BAND #3)

STUMMER NACHBAR (BAND #4)



KATE WISE MYSTERY-SERIE

WENN SIE WÜSSTE (BAND #1)

WENN SIE SÄHE (BAND #2)

WENN SIE RENNEN WÜRDE (BAND #3)

WENN SIE SICH VERSTECKEN WÜRDE (BAND #4)

WENN SIE FLIEHEN WÜRDE (BAND #5)

WENN SIE SICH FÜRCHTEN WÜRDE (BAND #6)



DAS MAKING OF RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE

BEOBACHTET (BAND #1)

WARTET (BAND #2)

LOCKT (BAND #3)

NIMMT (BAND #4)

LAUERT (BAND #5)



RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE

VERSCHWUNDEN (BAND #1)

GEFESSELT (BAND #2)

ERSEHNT (BAND #3)

GEKÖDERT (BAND #4)

GEJAGT (BAND #5)

VERZEHRT (BAND #6)

VERLASSEN (BAND #7)

ERKALTET (BAND #8)

VERFOLGT (BAND #9)

VERLOREN (BAND #10)

BEGRABEN (BAND #11)

ÜBERFAHREN (BAND #12)

GEFANGEN (BAND #13)

RUHEND (BAND #14)

GEMIEDEN (BAND #15)

VERMISST (BAND #16)



EINE RILEY PAIGE KURZGESCHICHTE

EINST GELÖST



MACKENZIE WHITE MYSTERY-SERIE

BEVOR ER TÖTET (BAND #1)

BEVOR ER SIEHT (BAND #2)

BEVOR ER BEGEHRT (BAND #3)

BEVOR ER NIMMT (BAND #4)

BEVOR ER BRAUCHT (BAND #5)

EHE ER FÜHLT (BAND #6)

EHE ER SÜNDIGT (BAND #7)

BEVOR ER JAGT (BAND #8)

VORHER PLÜNDERT ER (BAND #9)

VORHER SEHNT ER SICH (BAND #10)

VORHER VERFÄLLT ER (BAND #11)

VORHER NEIDET ER (BAND #12)



AVERY BLACK MYSTERY-SERIE

DAS MOTIV (BAND #1)

LAUF (BAND #2)

VERBORGEN (BAND #3)

GRÜNDE DER ANGST (BAND #4)

RETTE MICH (BAND #5)

ANGST (BAND #6)



KERI LOCKE MYSTERY-SERIE

EINE SPUR VON TOD (BAND #1)

EINE SPUR VON MORD (BAND #2)

EINE SPUR VON SCHWÄCHE (BAND #3)

EINE SPUR VON VERBRECHEN (BAND #4)

EINE SPUR VON HOFFNUNG (BAND #5)




Kapitel eins


Cassandra Vale stand in der langen, sich nur schleppend vorwärtsbewegenden Schlange des London Eye. Nach einer halben Stunde konnte sie das gigantische Riesenrad über sich wenigstens sehen – die Stahlkonstruktion ragte in den wolkenbehangenen Himmel hinein. London von oben zu sehen war scheinbar selbst an einem düsteren Novembertag eine beliebte Attraktion.

Sie war alleine, während es so wirkte, als hätte jeder andere Besucher Freunde oder Familienangehörige dabei. Vor ihr stand eine nervöse, blonde Frau, die etwa in Cassies Alter, also Mitte zwanzig, zu sein schien. Sie musste sich um drei ungezogene Jungen mit dunklen Haaren kümmern. Von der Warterei gelangweilt, schrien und zankten die Kinder, schubsten einander und lösten sich aus der Warteschlange. Sie waren so störend, dass die Leute begannen, sich zu beschweren. Ein älterer Mann vor ihr drehte sich um und starrte sie an.

„Könnten Sie Ihre Jungen bitte anweisen, leise zu sein?“, fragte er die Blondine in verärgertem und vornehmen Britisch.

„Es tut mir so leid. Ich versuche es“, entschuldigte sich die junge Frau und war mittlerweile den Tränen nahe.

Cassie hatte die gestresste, blonde Frau bereits als Au-Pair identifiziert. Diese Konfrontation mitanzusehen brachte sie gedanklich zurück zu ihrer eigenen Situation, in der sie sich noch vor einem Monat befunden hatte. Sie wusste genau, wie hilflos die Frau sich fühlte – gefangen zwischen widerspenstigen Kindern, die sich danebenbenahmen und den missbilligenden Blicken der Umstehenden, die sich genervt einmischten. Die Geschichte konnte nur übel ausgehen.

Sei froh, nicht in ihrer Situation zu sein, dachte Cassie. Du hast die Möglichkeit, deine Freiheit zu genießen und die Stadt zu erkunden.

Das Problem war, dass sie sich nicht frei fühlte, sondern ungeschützt und verletzlich.

Ihr ehemaliger Arbeitgeber würde bald wegen Mordes vor Gericht stehen und sie war die einzige, die die ganze Wahrheit kannte. Und – noch schlimmer – er hatte mittlerweile bestimmt herausgefunden, dass sie Beweise zerstört hatte, die er gegen sie hatte verwenden wollen.

Krank vor Angst fürchtete sie, er könnte Jagd auf sie machen.

Wer wusste schon, wie weit die Fühler eines wohlhabenden, verzweifelten Mannes reichten? Sie hatte geglaubt, sich problemlos in einer Millionenstadt verstecken zu können, doch die französischen Zeitungen mit ihren kreischenden Artikelüberschriften lauerten hinter jeder Ecke. Sie war sich der extensiven Kameraüberwachung bewusst, vor allem in der Nähe von Touristenattraktionen. Und die Mitte Londons war nichts anderes als eine große Show.

Cassie blickte nach oben und sah einen dunkelhaarigen Mann auf der Plattform neben dem Riesenrad. Sie hatte schon vor einer Weile seinen Blick auf sich gespürt und bemerkte nun, dass er erneut in ihre Richtung starrte. Sie versuchte, sich damit zu beruhigen, dass es sich lediglich um einen Sicherheitsbeamten oder einen Polizisten in Zivil handelte. Aber es funktionierte nicht. Sie gab sich immer größte Mühe, sich von Polizisten fernzuhalten – egal ob in Zivil oder nicht. Genauso fürchtete sie potentielle Privatdetektive oder auch ehemalige Beamten, die sich möglicherweise für eine lukrativere Karriere als bezahlte Verbrecher entschieden hatten.

Cassie erstarrte, als der Mann sein Handy, oder vielleicht war es auch ein Walkie-Talkie, herauszog und mit dringlichem Gesichtsausdruck hineinzusprechen begann. Im nächsten Moment verließ er die Plattform und ging geradewegs auf sie zu.

Cassie entschied sich, London heute nicht von oben sehen zu müssen. Obwohl sie bereits Eintritt dafür bezahlt hatte, würde sie die Attraktion verlassen. Schließlich konnte sie ein anderes Mal zurückkehren.

Sie drehte sich um und bereitete sich darauf vor, die Menschenmenge zu durchqueren, als sie erschrocken sah, dass zwei weitere Polizisten hinter ihr erschienen waren.

Auch die Teenager-Mädchen hinter ihr hatten sich dazu entschlossen, zu gehen. Sie hatten sich bereits umgedreht und schoben sich durch die Warteschlange zum Ausgang. Cassie folgte ihnen, dankbar, dass sie den Weg für sie freimachten. Doch ihre Panik wuchs, als die Beamten ihr weiterhin folgten.

„Warten Sie, Ma’am! Bleiben Sie stehen!“, rief der Mann hinter ihr.

Sie würde sich nicht umdrehen. Nein. Sie würde schreien, sich an den anderen Menschen in der Schlange festhalten, betteln und flehen und sagen, dass sie die falsche Person hatten. Dass sie nichts mit dem mutmaßlichen Mörder Pierre Dubois zu tun und nie für ihn gearbeitet hatte. Sie würde alles tun, um einfach nur wegzukommen.

Aber als sie sich darauf vorbereitete, zu kämpfen, schob sich der Mann an ihr vorbei und packte die zwei Teenager-Mädchen vor ihr.

Die Mädchen begannen zu schreien und zu zappeln – genau wie sie es auch vorgehabt hatte. Zwei weitere Polizisten in Zivil erschienen, schoben die Beistehenden beiseite und packten die Mädchen am Arm, während ein uniformierter Polizist deren Taschen öffnete.

Zu Cassies Verwunderung beobachtete sie, wie der Polizist drei Handys und zwei Geldbeutel aus dem neonpinken Rucksack des größeren Mädchens zog.

„Taschendiebe. Bitte überprüfen Sie Ihre Taschen, meine Damen und Herren. Informieren Sie uns, wenn Ihnen etwas fehlt“, erklärte der Beamte.

Cassie griff nach ihrer Jackentasche und fühlte erleichtert, dass ihr Handy sicher in der Innentasche verstaut lag. Dann blickte sie auf ihre Handtasche und ihr Herz sank Richtung Magengegend, als sie sah, dass der Reißverschluss offen war.

„Mein Geldbeutel fehlt“, sagte sie. „Jemand hat ihn gestohlen.“

Atemlos vor Angst folgte sie den Beamten aus der Schlange heraus und um die Ecke in das kleine Büro der Sicherheitsbeamten. Die zwei Taschendiebe warteten bereits dort und weinten, während die Polizisten ihre Taschen ausleerten.

„Ist es dabei, Ma’am?“, fragte der Beamte in Zivil Cassie und deutete auf die Handys und Geldbeutel auf dem Tresen.

„Nein, das ist es nicht.“

Cassie wollte am liebsten selbst in Tränen ausbrechen. Sie sah zu, wie ein Beamte den Rucksack ausschüttelte und hoffte, ihr abgewetztes Lederportemonnaie herausfallen zu sehen, doch die Tasche war leer.

Der Polizist schüttelte genervt den Kopf.

„Sie geben ihre Beute durch die Schlange nach hinten, um sie zügig aus dem Sichtfeld zu schaffen. Da Sie vor den Dieben in der Schlange standen, wurde Ihr Geldbeutel vermutlich schon vor einer ganzen Weile entwendet.“

Cassie drehte sich um und starrte die Diebe an. Sie hoffte, alle Gefühle und Gedanken in ihren Blick packen zu können. Wäre der Beamte nicht danebengestanden, hätte sie sie beschimpft, sie gefragt, welches Recht sie hatten, ihr Leben zu ruinieren. Sie waren nicht am Verhungern, trugen neue Schuhe und Markenjacken. Vermutlich stahlen sie für den Nervenkitzel oder um Alkohol oder Drogen zu kaufen.

„Tut mir leid, Ma’am“, fuhr der Beamte fort. „Würden Sie bitte einige Minuten hier warten, wir müssen Ihre Aussage aufnehmen.“

Eine Aussage. Cassie wusste, dass das nicht möglich war.

Sie wollte unter keinen Umständen im Fokus der Polizei stehen. Sie wollte ihnen weder ihre Adresse geben, noch sagen, wer sie war. Und keinesfalls durften ihre Informationen in einem offiziellen Bericht stehen.

„Ich werde meiner Schwester nur eben sagen, dass ich hier bin“, log sie den Beamten an.

„Kein Problem.“

Er drehte sich weg und redete mit seinem Walkie-Talkie, während Cassie aus dem Büro eilte.

Ihr Geldbeutel war Geschichte, er war weg. Sie hatte keine Chance, ihn zurückzubekommen, selbst wenn sie hundert Polizeiberichte schreiben würde. Also entschied sie sich, das Nächstbeste zu tun: Das London Eye zu verlassen und nie wieder zurückzukehren.

Der Ausflug war ein unglaubliches Desaster gewesen. Sie hatte am Morgen viel Geld abgehoben und nun waren außerdem ihre Bankkarten weg. Sie konnte keine Bank betreten, um Geld abzuheben, da sie ihren Ausweis nicht bei sich trug – ihr Reisepass befand sich im Gästehaus und sie hatte keine Zeit, ihn zu holen, weil sie geplant hatte, direkt nach dem Besuch beim London Eye mit ihrer Freundin Jess Mittag essen zu gehen.

Eine halbe Stunde später betrat Cassie den Pub, wo sie sich verabredet hatten. Sie war aufgewühlt, aufgebracht über den Verlust des Geldes und ziemlich genervt von London. Die Mittagshektik hatte noch nicht begonnen, also bat sie die Kellnerin, ihr einen Ecktisch zu reservieren, während sie das Badezimmer aufsuchte.

Sie starrte sich im Spiegel an, glättete ihr welliges, kastanienbraunes Haar und versuchte sich an einem fröhlichen Lächeln. Der Ausdruck fühlte sich ungewohnt an. Sie war sich sicher, seit ihrem letzten Treffen mit Jess abgenommen zu haben, außerdem glaubte sie, zu blass und zu gestresst auszusehen. Und das lag nicht nur an dem Trauma dieses Tages.

Als sie das Badezimmer verließ, sah sie gerade, wie Jess den Pub betrat.

Sie trug dieselbe Jacke, die sie vor einem Monat getragen hatte, als sie beide auf dem Weg nach Frankreich gewesen waren, um ihre Au-Pair-Stellen anzutreten. Sie zu sehen brachte alle Erinnerungen zurück. Cassie erinnerte sich daran, wie sie sich an Bord des Flugzeuges gefühlt hatte. Ängstlich, unsicher und mit böser Vorahnung gegenüber der Familie, der sie zugeteilt worden war. All das hatte sich als begründet erwiesen.

Jess dagegen war von einer liebevollen und freundlichen Familie angestellt worden und Cassie glaubte, sie sah sehr glücklich aus.

„Es ist schön, dich zu sehen“, sagte Jess und umarmte Cassie fest. „Ach wie wundervoll.“

„Das ist es. Aber ich stecke ein bisschen in der Klemme“, beichtete Cassie.

Sie erzählte von dem Taschendiebstahl.

„Nein! Das ist furchtbar. Welch Pech, dass dein Geldbeutel nicht unter den gefundenen war.“

„Könntest du mir Geld fürs Mittagessen und die Busfahrt zurück zu meinem Gästezimmer leihen? Ich kann ohne Pass nicht einmal Geld abheben. Ich werde es dir überweisen, sobald ich Internetzugang habe.“

„Natürlich. Und es ist keine Leihgabe, sondern ein Geschenk. Die Familie, für dich ich arbeite, ist wegen einer Hochzeit in London. Da heute alle in Winchester sind, um die Mutter der Braut zu besuchen, haben sie mich mit Geld überschüttet, um mir in London einen schönen Tag zu machen. Nach dem Essen gehe ich erstmal zu Harrods.“

Jess schüttelte ihr blondes Haar nach hinten und lachte, als sie ihr Bargeld mit Cassie teilte.

„Hey, sollen wir ein Selfie machen?“, schlug sie vor, doch Cassie lehnte ab.

„Ich trage absolut null Makeup“, erklärte sie und Jess lachte, während sie ihr Handy wieder wegsteckte.

Das fehlende Makeup war natürlich nicht der wahre Grund – sie gab ihr Bestes, sich so unauffällig wie möglich zu verhalten. Als sie in London ankam, hatte sie zuerst die Einstellungen ihrer Social-Media-Kanäle verändert und auf privat gestellt. Gut meinende Freunde könnten schließlich etwas sagen, eine Spur, die sie nicht riskieren konnte. Niemand durfte wissen, wo sie war. Weder ihr Ex-Freund in den Staaten, noch ihr Ex-Arbeitgeber und sein Anwaltsteam in Frankreich.

Sie hatte geglaubt, sich nach ihrem Abschied von Frankreich sicher zu fühlen, hatte aber nicht realisiert, wie zugänglich und verbunden Europa war. Direkt in die Staaten zurück zu gehen, wäre vernünftiger gewesen.

„Du siehst fantastisch aus – hast du abgenommen?“, fragte Jess. „Und wie läufts mit deiner Familie? Du hattest dir damals Sorgen um deine Anstellung gemacht.“

„Es hat nicht funktioniert, ich arbeite also nicht mehr dort“, sagte sie vorsichtig und verschwieg die hässlichen Details, über die sie selbst nicht nachdenken wollte.

„Oh nein. Was ist passiert?“

„Die Kinder sind nach Südfrankreich gezogen und die Familie braucht meine Dienste nicht mehr.“

Cassie hielt sich so kurz wie möglich und hoffte, dass ihre langweilige Erklärung weitere Fragen abwenden würde. Schließlich wollte sie ihre Freundin nicht anlügen.

„Das passiert nun mal. Es hätte schlimmer kommen können. Gut, dass du nicht für die Familie gearbeitet hast, über die gerade jeder spricht – die, in der der Ehemann vor Gericht steht, weil er angeblich seine Verlobte ermordet hat.“

Cassie sah schnell auf den Tisch, um sich mit ihrem Gesichtsausdruck nicht zu verraten.

Zum Glück lenkte die Ankunft des Weines sie ab und nachdem sie ihr Essen bestellt hatten, wandte sich Jess anderen Themen zu.

„Was wirst du jetzt tun?“, fragte sie Cassie.

Die Frage beschämte Cassie, weil sie keine schlüssige Antwort hatte. Sie wünschte, Jess erzählen zu können, einen Plan zu haben und nicht einfach nur von einem Tag zum anderen zu leben. Sie wusste, dass sie ihre Zeit in Europa genießen sollte, aber wurde sich ihrer Situation wegen immer unsicherer.

„Ich bin mir noch nicht ganz sicher. Ich habe darüber nachgedacht, zurück in die Staaten zu gehen und an einem wärmeren Ort nach Arbeit zu suchen. Vielleicht in Florida. Es ist zu teuer, hier zu bleiben.“

Jess nickte verständnisvoll.

„Ich habe mir einen Wagen gekauft, als ich hier angekommen bin. Jemand im Gästehaus wollte ihn loswerden. Das hat mich einiges an Bargeld gekostet.“

„Du hast einen Wagen?“, fragte Jess. „Das ist großartig!“

„Das stimmt. Ich habe ein paar wundervolle Ausflüge aus der Stadt raus unternommen, aber Sprit und die täglichen Kosten sind höher als erwartet.“

Geld zu verschwenden ohne Aussicht auf Einkommen machte ihr zu schaffen und erinnerte sie an die Mühen, die sie erlebt hatte, als sie noch jünger war.

Sie hatte ihr Zuhause mit sechzehn Jahren verlassen, um ihrem gewalttätigen Vater zu entkommen und sich seither alleine durchgeschlagen. Sie hatte weder Sicherheiten noch Ersparnisse oder eine Familie, die sie unterstützen konnte. Ihre Mutter war tot und ihre ältere Schwester Jacqui einige Jahre vor ihr ausgezogen. Seither hatte sie sich nie mehr gemeldet.

Für Cassie ging es danach Monat für Monat ums Überleben. Manchmal war sie nur mit Hängen und Würgen über die Runden gekommen. Erdnussbutter am Monatsende? Nein – es war ihr Hauptnahrungsmittel gewesen, wenn die Zeiten schwer waren. Dass sie sich Jobs in Restaurants oder hinter der Bar suchte, hatte hauptsächlich daran gelegen, dass sie dort kostenlos essen konnte.

Nun machte es sie panisch, von einem schwindenden Notgroschen zu leben, der zu ihrem einzigen Besitz zählte. Dank dem Diebstahl war dieses finanzielle Polster sogar noch geschrumpft.

„Du könntest dir einen Job suchen, um dich über Wasser zu halten. Nur für eine Weile“, empfahl Jess, als könne sie Gedanken lesen.

„Das habe ich. Ich habe mit mehreren Restaurants geredet und mich sogar für Jobs in einigen Bars beworben, wurde aber gleich wieder weggeschickt. Man ist hier sehr pingelig, was den Papierkram angeht und ich habe lediglich ein Besuchervisum.“

„Restaurantarbeit? Warum nicht als Au-Pair?“, fragte Jess neugierig.

„Nein“, erwiderte Cassie sofort, bevor sie sich daran erinnerte, dass Jess nichts von den Umständen ihres letzten Jobs wusste. Sie fuhr fort.

„Wenn ich nicht arbeiten kann, kann ich nicht arbeiten. Kein Visum bedeutet kein Visum, außerdem ist eine Stelle als Au-Pair langfristiger.“

„Nicht unbedingt“, meinte Jess. „Das muss sie nicht sein. Und ich habe selbst Erfahrung damit gemacht, ohne Visum zu arbeiten.“

„Wirklich?“

Cassie wusste, dass sie ihre Entscheidung getroffen hatte. Sie würde nicht wieder als Au-Pair arbeiten. Trotzdem klang es interessant, was Jess zu sagen hatte.

„Restaurants und Pubs werden regelmäßig kontrolliert. Es ist ihnen unmöglich, jemanden ohne korrektes Visum anzustellen. Aber für eine Familie zu arbeiten ist anders, sozusagen eine Grauzone. Schließlich könntest du ja ein Freund der Familie sein. Wer kann schon entscheiden, ob du tatsächlich arbeitest? Ich habe letztes Jahr eine Weile bei einem Freund in Devon verbracht und dort für Nachbarn zeitweise auch Aufgaben in der Kindererziehung übernommen.“

„Das ist gut zu wissen“, sagte Cassie, hatte aber nicht die Absicht, diese Option weiter zu verfolgen. Mit Jess zu reden verfestigte sogar ihre Entscheidung, in die Staaten zurückzukehren. Wenn sie den Wagen verkaufte, hätte sie genug Geld, sich selbst über Wasser zu halten, bis sie wieder auf die Beine kam.

Auf der anderen Seite hatte sie erwartet, wesentlich mehr Zeit mit Reisen zu verbringen. Sie hatte sich auf ein ganzes Jahr unterwegs gefreut und gehofft, dadurch die Zeit zu gewinnen, die sie brauchte, um Abstand von ihrer Vergangenheit zu bekommen. Das war ihre Chance auf einen Neustart und eine Rückkehr als neuer Mensch. So bald schon nach Hause zurück zu gehen würde ihr das Gefühl geben, aufgegeben zu haben. Ihr war egal, was andere Leute von ihr dachten – aber sie selbst würde sich als Versager fühlen.

Die Kellnerin trug Teller, die turmhoch mit Nachos gefüllt waren, an ihren Tisch. Cassie hatte das Frühstück ausfallen lassen und machte sich hungrig über das Essen her.

Aber Jess hielt inne, runzelte die Stirn und zog ihr Handy aus der Tasche.

„Hm, ein ehemaliger Arbeitgeber hat mich gestern angerufen, um zu fragen, ob ich ihm erneut aushelfen könnte.“

„Wirklich?“, fragte Cassie, aber ihre Aufmerksamkeit galt dem Essen.

„Ryan Ellis. Ich habe letztes Jahr für ihn gearbeitet. Die Eltern seiner Frau waren dabei, umzuziehen, und sie brauchten jemanden für die Kinder, während sie unterwegs waren. Sehr liebe Menschen, genau wie die Kinder – ein Junge und ein Mädchen. Wir hatten viel Spaß zusammen. Sie leben in einem hübschen Dorf am Meer.“

„Worum geht es bei dem Job?“

„Er sucht dringend nach jemandem, der für drei Wochen bei ihnen einzieht. Cassie, das könnte genau das Richtige für dich sein. Er hat gut bezahlt, mir Bargeld gegeben und sich kein bisschen für ein Visum interessiert. Er meinte, dass ich, wo ich ja von einer Au-Pair-Agentur akzeptiert worden war, offensichtlich eine vertrauenswürdige Person sein muss. Warum rufen wir ihn nicht an und finden mehr heraus?“

„Ich bin mir nicht sicher, ob das das Richtige für mich ist.“

Doch Jess schien entschlossen, Cassies Zukunft in die Hände zu nehmen und tippte auf ihrem Handy herum.

„Ich schicke dir trotzdem mal seine Nummer. Und ich werde ihm eine Nachricht schicken, dass du dich möglicherweise bei ihm melden wirst und ich dich sehr empfehlen kann. Man weiß nie – selbst, wenn du nicht für ihn arbeitest, kennt er vielleicht jemanden, der einen Haussitter braucht. Oder jemanden, der mit Hunden Gassi geht. Oder so.“

Cassie konnte ihre Logik nicht abstreiten und einen Moment später vibrierte ihr Handy und die Nummer erschien auf ihrem Display.

„Wie läuft deine Arbeit?“, fragte sie, als Jess ihre Nachrichten abgeschickt hatte.

„Könnte nicht besser sein.“ Jess schaufelte Guacamole auf einen Tortilla-Chip.

„Die Familie ist super. Sie sind sehr großzügig, was meine Freizeit angeht und geben mir immer wieder einen Bonus. Die Kids sind manchmal frech, aber nie böse und ich glaube, sie mögen mich auch.“

Sie senkte die Stimme.

„Letzte Woche, als die Hochzeitsgäste anreisten, wurde ich einem der Cousins vorgestellt. Er ist achtundzwanzig, umwerfend und Geschäftsführer einer IT-Firma. Ich glaube, er mag mich und es macht unheimlich Spaß, mal wieder zu flirten.“

Obwohl sie sich für ihre Freundin freute, konnte Cassie nicht anders, als auch einen Hauch der Eifersucht zu verspüren. Sie hatte insgeheim auf einen Traumjob wie diesen gehofft. Warum war bei ihr alles so schiefgelaufen? War es einfach nur Pech oder hatten ihre eigenen Entscheidungen dazu beigetragen?

Cassie erinnerte sich plötzlich daran, was Jess ihr im Flugzeug nach Frankreich erzählt hatte. Auch ihr erster Au-Pair-Job war nicht das Richtige gewesen, also hatte sie gekündigt und es erneut versucht.

Erst ihr zweiter Versuch war von Erfolg gekrönt gewesen und Cassie fragte sich, ob sie zu schnell aufgegeben hatte.

Als sie ihre Nachos aufgegessen hatten, sah Jess auf die Uhr.

„Ich muss los. Harrods wartet“, sagte sie. „Ich muss Geschenke für meine Familie zuhause kaufen und für die Kinder und für den umwerfenden Jacques. Was soll ich ihm schenken? Was gibt man jemandem, mit dem man flirtet? Für diese Entscheidung werde ich eine Weile brauchen!“

Cassie umarmte Jess zum Abschied und war traurig darüber, dass ihr Treffen bereits zu Ende war. Die nette Unterhaltung war eine willkommene Abwechslung gewesen. Jess wirkte so glücklich und Cassie verstand, warum. Sie wurde gebraucht und geschätzt, verdiente Geld, hatte einen Sinn im Leben und war sicher.

Jess fuhr nicht alleine in der Gegend herum, einsam, arbeitslos und mit der ständigen Paranoia, wegen einer Mordverhandlung gesucht zu werden.

Ein paar Wochen in einem abgelegenen Dorf waren möglicherweise genau, was sie brauchte. Und Jess hatte Recht. Dieser Anruf könnte auch andere Gelegenheiten mit sich bringen. Jedenfalls würde sie es nie herausfinden, wenn sie es nicht versuchte.

Cassie verließ den gut besuchten Pub auf der Suche nach einer ruhigeren Ecke. Sie sah sich nervös um, falls Taschen- oder Handydiebe in der Nähe waren.

Dann atmete sie tief durch und wählte die Nummer, bevor sie zu intensiv darüber nachdenken konnte.




Kapitel zwei


Mit dem Handy fest in der Hand drückte sich Cassie näher an die Hauswand, um sich vor dem Nieselregen zu schützen. Jetzt, wo sie Ryan Ellis Nummer gewählt hatte, wurde sie immer nervöser.

Sie musste irgendwie Geld verdienen, wenn sie noch länger in Großbritannien bleiben wollte, aber war eine Anstellung als Au-Pair nach den Ereignissen in Frankreich das Richtige für sie? Selbst wenn der Job gut klang, wusste sie nicht, ob er sie mit so wenig Erfahrung und keinen Qualifikationen überhaupt anstellen würde.

Cassie stellte sich vor, mit einem peinlichen ‚nein‘ für ihren Mut, um den Job zu bitten, belohnt zu werden.

Es klingelte so lange, dass sie bereits fürchtete, mit der Mailbox verbunden zu werden. Im letztmöglichen Moment antwortete schließlich ein Mann.

„Ryan hier“, sagte er.

Er klang außer Atem, als wäre er zu seinem Telefon gerannt.

„Hallo, spricht dort Ryan Ellis?“, fragte Cassie.

Ihre eigene Frage ließ sie zusammenzucken, doch schließlich kannte sie ihn nicht und es fühlte sich falsch an, einfach nur ‚Hi, Ryan‘ zu sagen.

„Ja, das bin ich. Wer ist da?“ Er klang nicht genervt, sondern vielmehr neugierig.

„Mein Name ist Cassie Vale und ich habe Ihre Nummer von meiner Freundin Jess erhalten, die letztes Jahr für Sie gearbeitet hat. Sie hat erwähnt, dass Sie auf der Suche nach einer Kinderbetreuung sind.“

„Jess, Jess, Jess“, wiederholte Ryan, als versuche er, den Namen einzuordnen. Dann: „Oh, ja, Jess aus Amerika. Wie ich sehe, hat sie mir gerade eine Nachricht geschickt. Eine sehr nette Dame. Hat sie Sie empfohlen? Rufen Sie deshalb an? Ich habe die Nachricht noch nicht gelesen.“

Cassie zögerte. Würde sie ja sagen? Das wäre eine verbindliche Zusage und sie war sich nicht sicher, ob sie zu diesem Schritt bereit war.

„Ich würde gerne mehr über den Job erfahren“, sagte sie. „Ich war als Au-Pair in Frankreich tätig, aber meine Anstellung ist vorbei. Ich habe an eine befristete Stelle gedacht, bin mir zu diesem Zeitpunkt aber unsicher.“

Kurze Stille.

„Ok, ich fasse mal kurz zusammen. Ich bin gerade mehr als verzweifelt, habe eine Scheidung hinter mir, die mir ziemlich zugesetzt hat. Die Kinder wollen nicht einmal darüber sprechen, was geschehen ist und ich brauche jemanden, der sie aufmuntert und mit ihnen Spaß hat. Außerdem habe ich ein großes Projekt mit Deadline, das mich fast all meine Zeit kostet.“

Ryans Worte schockierten Cassie. Sie hatte eine so missliche Lage nicht erwartet. Kein Wunder, dass er verzweifelt nach Hilfe suchte.

Die Scheidung musste sehr traumatisch gewesen sein, wenn die Kinder so darunter litten. Sie vermutete, dass Ryan es war, der sich um sie kümmerte und seine Frau ihn möglicherweise für jemand anderen verlassen hatte.

Sie hatte keine Ahnung, was sie darauf antworten sollte.

„Das klingt in der Tat sehr aufreibend“, sagte sie schließlich, um die kurze Stille zu füllen.

„Ich habe herumtelefoniert, weil ich noch keine Gelegenheit dazu hatte, den Job auszuschreiben. Ich bin gerade so durcheinander, dass ich vermutlich nicht besonders gut darin wäre, jemanden zu interviewen. Aber alle, die bereits für mich gearbeitet haben, sind nicht verfügbar. Es stört mich nicht, zuzugeben, dass ich wirklich dringend Hilfe benötige. Ich bin bereit, das Dreifache zu bezahlen. Außerdem geht es um maximal drei Wochen.“

„Also …“, begann Cassie.

Sie brachte es nicht zustande, nein zu sagen. Das wäre herzlos, wo sich der Mann doch in solch grässlichen Umständen zu befinden schien. Sie hatte Mitleid mit ihm und das Gefühl, es wäre egoistisch, den Job einfach so auszuschlagen. Die Familie brauchte verzweifelt Hilfe, das Geld stimmte und die kurze Job-Dauer war auch verlockend.

„Warum kommen Sie nicht vorbei und lernen uns kennen?“, schlug Ryan vor. „Haben Sie einen Wagen? Wenn nicht, kann ich Sie auch am Bahnhof abholen. Natürlich werde ich die Fahrkarte bezahlen.“

„Ich habe einen Wagen“, sagte Cassie.

„Das erleichtert die Sache. Wenn der Verkehr stimmt, brauchen Sie vermutlich nicht mehr als fünf Stunden. Ich werde Ihnen die Adresse schicken und für die Fahrtkosten bezahlen, wenn Sie uns nicht mögen.“

„In Ordnung. Ich fahre morgen früh los und sollte dann gegen Mittag ankommen“, sagte Cassie.

Sie legte auf und war erleichtert über die Möglichkeit, Zeit mit der Familie verbringen zu können, bevor sie sich entscheiden musste. Wenn sie sie mochte, wäre das eine Gelegenheit, ihr Leben in dieser schweren Zeit unterstützend zu bereichern.

Als Ryan ihr erzählte, frisch geschieden zu sein, hatte sie nicht erwartet, so viel Mitgefühl für ihn zu empfinden. Da sie in einem Zuhause voller Konflikte aufgewachsen war und ihre Mutter so früh verloren hatte, glaubte sie, zu verstehen, wie es sich anfühlen musste. Sie wusste, dass sie der Familie in dieser Zeit beistehen konnte.

Als sie als verzweifelte und ängstliche Sechzehnjährige ihr Zuhause verlassen hatte, war sie entschlossen gewesen, in die Fußstapfen ihrer Schwester zu treten und für immer der Gewalt ihres Vaters zu entfliehen. Aber nach der Flucht aus seiner wütenden Dominanz war sie in der schädlichen Beziehung mit Zane gelandet. Und ihre Reise nach Frankreich, mit der sie Zane entkommen hatte wollen, war im größten Albtraum überhaupt geendet.

Außerhalb der Stadt in einem entlegenen Küstendorf wäre sie sicher und in der Lage, die familiäre Umgebung zu erleben, in der sie sich gebraucht fühlen konnte. Schließlich war das einer der Hauptgründe gewesen, überhaupt als Au-Pair arbeiten zu wollen.

Cassie hoffte nun, dort heilen zu können.




Kapitel drei


Die Fahrt zu Ryan Ellis dauerte länger, als Cassie erwartet hatte. Es schien unmöglich, die Staus auf dem Weg nach Süden zu meiden und zwei Mal musste sie wegen Straßenarbeiten umständliche Umleitungen in Kauf nehmen.

Aufgrund der zusätzlichen Zeit auf der Straße ging ihr fast das Benzin aus. Mit dem letzten Geld, das ihr von Jess‘ Leihgabe übriggeblieben war, füllte sie den Tank. Sie machte sich Sorgen, Ryan könnte denken, sie habe ihre Meinung geändert. Also schrieb sie ihm eine Nachricht, um sich für die Verspätung zu entschuldigen. Sofort antwortete er: „Kein Problem, nimm dir Zeit und fahr vorsichtig.“

Sobald sie den Highway verlassen und die ländliche Gegend erreicht hatte, bot sich ihr eine idyllische Aussicht. Sie reckte den Hals und schielte über die getrimmten Hecken, um die Patchwork-Felder in jedem Farbton von Dunkelgrün bis Goldbraun sehen zu können. Dazwischen entdeckte sie immer wieder malerische Bauernhäuser und gewundene Flüsse. Die ordentliche Landschaft stimmte sie friedlich, obwohl sie wusste, dass die dichter werdenden Wolken Regen ankündigten. Sie hoffte, ihr Ziel noch vor dem Wolkenausbruch zu erreichen.

Mehr als sechs Stunden nach ihrem Verlassen Londons erreichte sie ein gemütliches, kleines Dorf an der Küste. Selbst im trüben Licht hatte es etwas Verzaubertes an sich. Ihr Wagen ratterte über Pflastersteinstraßen, wo Lücken in den Häuserreihen kurze Blicke auf den malerischen Hafen dahinter freigaben. Ryan hatte sie angewiesen, durch das Dorf hindurch und an der Küste entlang zu fahren. Das Haus befand sich einige Kilometer weiter und überblickte das Meer.

Sie parkte vor dem offenen Tor und starrte begeistert das Haus an – es war fast zu perfekt, um wahr zu sein. Es fühlte sich wie der Ort an, von dem sie immer geträumt hatte. Ein einfaches, aber gleichzeitig umwerfendes Zuhause mit weichen Linien und Holzdetails, das sich harmonisch in die Umgebung einfügte und sie an ein Schiff im Hafen erinnerte, wenn es nicht auf einer Klippe mit fantastischem Blick über den Ozean stehen würde. Der gepflegte Garten beherbergte sowohl eine Schaukel als auch eine Wippe. Beide waren schon etwas rostig und Cassie nahm an, dass der Zustand der Spielgeräte einen Hinweis auf das Alter der Kinder liefern könnte.

Cassie betrachtete sich im Rückspiegel und überprüfte ihr Haar. Die Wellen waren glatt und glänzend, nachdem sie ihnen am Morgen extra Zuwendung geschenkt hatte, und ihr korallenroter Lippenstift schimmerte makellos.

Sie lief über die gepflasterte Einfahrt zum Haus, wo ein Weg, der mit Blumenbeeten gesäumt war, auf sie wartete. Trotz der Jahreszeit blühte alles gelb und sie erkannte die Blüten des Geißblatts. Im Sommer war es vermutlich ein prächtiges Farbenspiel.

Die Haustüre öffnete sich, bevor sie dort angekommen war.

„Hallo Cassie. Schön, dich kennenzulernen. Ich bin Ryan.“

Der Mann, der sie begrüßte, war einen Kopf größer als sie, gutaussehend und überraschend jung. Sein sandbraunes Haar war zerzaust und seine Augen leuchteten blau. Er lächelte und schien sich ehrlich zu freuen, sie zu sehen. Er trug ein verblasstes Eminem-T-Shirt und ausgetragene Jeans. Sie bemerkte ein Geschirrtuch, das an seine Gürtelschlaufe geklemmt war.

„Hi Ryan.“

Sie nahm seine ausgestreckte Hand. Sein Griff war warm und fest.

„Du hast mich dabei erwischt, die Küche für deine Ankunft sauber zu machen. Das Wasser kocht bereits – bist du Teetrinker? Ich weiß, eine sehr britische Angewohnheit. Aber ich habe auch Kaffee, wenn dir das lieber ist.“

„Tee ist prima“, sagte Cassie, der das bodenständige Willkommen gefiel.

Als er die Haustüre hinter ihr geschlossen hatte und sie in die Küche führte, dachte sie darüber nach, wie anders sie sich Ryan Ellis vorgestellt hatte. Er war freundlicher als erwartet und ihr gefiel es, dass er bereit dazu war, die Küche zu putzen.

Cassie erinnerte sich an ihre Ankunft in Frankreich. Schon beim Betreten des französischen Schlosses hatte sie die aufgeladene, ungemütliche und konfliktreiche Stimmung bemerkt. In diesem Haus war das Gegenteil der Fall.

Sie lief über den polierten Holzboden und war beeindruckt, wie sauber alles war. Auf dem kleinen Tisch im Flur standen sogar frische Blumen.

„Wir haben das Haus für dich auf Vordermann gebracht“, sagte Ryan, als könne er Gedanken lesen. „So gut hat es hier seit Monaten nicht ausgesehen.“

Zu ihrer Rechten sah Cassie ein Familienzimmer mit einer großen Schiebetür, die auf die Veranda führte. Gemütlich aussehende Ledermöbel und Gemälde von Schiffen an den Wänden machten das Zimmer einladend und geschmackvoll. Sie konnte nicht anders, als es mit dem pompösen Showroom-Dekor des Schlosses zu vergleichen, wo sie zuvor gearbeitet hatte. In diesem Haus schien eine richtige Familie zu leben!

Die Küche war ordentlich und sauber und Cassie bemerkte, wie qualitativ die Küchengeräte waren. Wasserkessel, Toaster und Küchenmaschine trugen Markennamen und sie erkannte die leuchtenden Designermuster aus einem Artikel, den sie auf dem Flug gelesen hatte. Sie erinnerte sich daran, wie erstaunt sie von den Preisen gewesen war.

„Hast du schon zu Mittag gegessen?“, fragte Ryan, nachdem er ihr Tee eingeschenkt hatte.

„Nein, aber das ist in Ordnung …“

Er ignorierte ihre Proteste, öffnete den Kühlschrank und brachte einen Teller, der mit Obst, Milchbrötchen und Sandwiches beladen war, zum Vorschein.

„Am Wochenende ist es mir immer am liebsten, Snacks zur Verfügung zu haben. Ich wünschte, behaupten zu können, die Sachen extra für dich vorbereitet zu haben, aber wegen der Kinder ist das hier üblich. Dylan ist zwölf und beginnt gerade, wie ein Teenager zu essen. Madison ist neun und treibt viel Sport. Mir ist es lieber, wenn sie sich damit vollstopfen, als mit Fastfood oder Süßigkeiten.“

„Wo sind die Kinder?“, fragte Cassie und ihre Nervosität kam zurück. Bei einem so freundlichen und ehrlichen Dad waren sie vermutlich genau so, wie Jess sie beschrieben hatte, aber sie musste sich selbst vergewissern.

„Sie sind nach dem Mittagessen mit dem Rad aufgebrochen, um einen Freund zu besuchen. Ich habe ihnen gesagt, den Nachmittag auszunutzen, bevor sich das Wetter verschlechtert. Sie müssten jede Minute zurück sein – falls nicht, muss ich sie eventuell mit dem Land Rover einsammeln gehen.“

Ryan blickte aus dem Fenster zum immer dunkler werdenden Himmel.

„Naja, wie bereits gesagt, brauche ich in nächster Zeit wirklich Hilfe. Ich bin jetzt alleinerziehend und die Kinder brauchen so viel Ablenkung wie möglich. Leider kann ich gegen die Deadline bei der Arbeit nichts ausrichten.“

„Was machst du beruflich?“, fragte Cassie.

„Mir gehört eine Flotte von Fischer- und Freizeitbooten, die vom Hafen in der Stadt aus betrieben wird. Zu dieser Jahreszeit werden die Boote gewartet und ich habe derzeit eine Truppe vor Ort, die sich um die Reparaturen kümmert. Es gibt viel zu tun und die ersten Stürme der Saison ziehen bereits auf. Deshalb ist meine Zeit so knapp und die derzeitigen Umstände sind natürlich alles andere als hilfreich.“

„Es muss furchtbar sein, eine Scheidung mitgemacht zu haben, vor allem jetzt.“

„Es war keine einfache Zeit.“

Als Ryan sich vom Fenster abwandte, bemerkte Cassie im sich verändernden Licht, dass er nicht nur attraktiv, sondern sogar außerordentlich gutaussehend war. Seine Gesichtszüge waren kräftig und markant und seine definierten Armmuskeln deuteten darauf hin, dass er trainierte.

Cassie schalt sich dafür, das Aussehen des armen Mannes zu begaffen, während er sich selbst in der emotionalen Hölle befand. Doch sie musste zugeben, dass er unwiderstehlich gutaussehend war – so sehr, dass sie ihren Blick von ihm losreißen musste.

„Ryan, das einzige Problem ist, dass ist gerade kein gültiges Arbeitsvisum besitze. Ich habe eines für Frankreich und die offiziellen Genehmigungen der Au-Pair-Agentur, aber mir war nicht klar, dass die Gesetze hier anders sind.“

„Du wurdest mir von einer Freundin empfohlen“, sagte Ryan lächelnd. „Das bedeutet, du kannst als Gast bei uns bleiben. Ich werde dich bar und steuerfrei bezahlen, wenn das für dich in Ordnung ist.“

Cassie fühlte eine Woge der Erleichterung über sich schwappen. Ryan verstand ihre Situation und hatte keine Probleme damit, ihr entgegenzukommen. Ihr fiel ein Stein vom Herzen und ihr wurde klar, dass dies vermutlich sogar der entscheidende Faktor war. Sie musste sich davon abhalten, den Job an Ort und Stelle anzunehmen und erinnerte sich daran, vorsichtig zu sein. Bevor sie sich festlegte, würde sie die Kinder kennenlernen wollen.

„Wie lange wirst du mich brauchen?“

„Maximal für drei Wochen. Das wird mir Zeit geben, das Projekt fertigzustellen. Danach geht es für uns in die Ferien, wo wir als mehr oder weniger neue Familie hoffentlich neu zusammenfinden werden. Die Leute sagen, dass eine Scheidung die aufreibendste Erfahrung des Lebens sein kann und ich denke, sowohl die Kinder als auch ich selbst können das bestätigen.“

Cassie nickte mitfühlend. Sie war sich sicher, dass seine Kinder unter der Situation litten und fragte sich, wie viel Ryan und seine Frau gestritten hatten. Natürlich hatte es Konflikte gegeben, aber sie wusste nicht, ob diese als laute Schuldzuweisungen oder unangenehmes, angespanntes Schweigen ausgetragen worden waren.

Da sie als Kind beides erlebt hatte, war sie sich nicht sicher, was schlimmer war.

Als Cassies Mutter noch am Leben gewesen war, hatte sie es geschafft, das Temperament ihres Vaters zu kontrollieren. Cassie erinnerte sich an die angespannte Stille und hatte gelernt, einen feinfühligen Sinn für Konflikte zu entwickeln. Wenn sie einen Raum betrat, konnte sie sofort erkennen, ob Streit in der Luft lag. Die Funkstillen waren am schädlichsten und machten allen emotional am meisten zu schaffen, da sie niemals endeten.

Ein lauter Streit dagegen endete früher oder später, selbst wenn dabei Gläser zerbrochen wurden oder der Notruf gewählt worden war. Aber auch das sorgte für Traumata und unheilbare Narben. Schreien und körperliche Gewalt hatten auch eine Angst vor Kontrollverlust hervorgerufen – Vertrauen war dadurch unmöglich geworden.

Nach dem Tod ihrer Mutter hatte sie genau das bei ihrem Vater erlebt.

Cassie sah sich in der fröhlichen und ordentlichen Küche um und versuchte, sich vorzustellen, was hier zwischen Ryan und seiner Frau geschehen war. Ihrer Erfahrung nach fanden die schlimmsten Konflikte in der Küche oder im Schlafzimmer statt.

„Es tut mir so leid, dass du das hast mitmachen müssen“, sagte sie leise.

Ryan sah sie an und als sie seinen Blick erwiderte, starrte sie in helle, leuchtend blaue Augen.

„Cassie, du scheinst zu verstehen“, sagte er.

Sie hatte das Gefühl, dass er noch etwas hinzufügen wollte, doch in diesem Moment öffnete sich die Haustür.

„Die Kinder sind zuhause, genau rechtzeitig“. Er klang erleichtert.

Cassie blickte aus dem Fenster, wo die Regentropfen bereits gegen das Glas prasselten. Als die Tür zuging, verwandelten sich die Tropfen in einen ordentlichen, kalten Winterregen.

„Hey Dad!“

Schritte ertönten auf dem Holzboden und ein dünnes, junges Mädchen mit Radlerhosen und einer grünen Trainingsjacke rannte in die Küche. Sie blieb stehen, als sie Cassie sah, betrachtete sie von Kopf bis Fuß und kam dann herüber, um ihr die Hand zu geben.

„Hallo. Bist du die Lady, die nach uns sehen wird?“

„Mein Name ist Cassie. Bist du Madison?“, fragte Cassie.

Madison nickte und Ryan zerzauste das glänzende, braune Haar seiner Tochter.

„Cassie überlegt noch, ob sie für uns arbeiten will. Was denkst du? Versprichst du, dich von deiner besten Seite zu zeigen?“

Madison zuckte mit den Schultern.

„Du sagst immer, wir sollen keine Versprechungen machen, dir wir nicht halten können. Aber ich werde es versuchen.“

Ryan lachte und Cassie lächelte über die kecke Ehrlichkeit der Antwort.

„Wo ist Dylan?“, fragte Ryan.

„In der Garage und ölt sein Fahrrad. Es hat ganz schön gequietscht, als wir den Berg hinaufgefahren sind und dann hat er auch noch eine Kette verloren.“ Madison holte tief Luft und ging dann zur Küchentür.

„Dylan!“, rief sie. „Komm her!“

Cassie hörte ein entferntes Rufen. „Komm schon!“

„Das wird ewig dauern“, sagte Madison. „Wenn er an den Fahrrädern arbeitet, kann er nicht mehr aufhören.“

Sie erblickte den Snack-Teller und ging mit leuchtenden Augen eilig darauf zu. Als sie das Essen betrachtete, seufzte sie genervt.

„Dad, du hast Eier-Brote gemacht.“

„Ist das ein Problem?“, fragte Ryan mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Du kennst meinen Standpunkt Eiern gegenüber. Das ist wie Erbrochenes auf einem Brot.“

Sie nahm sich vorsichtig ein Milchbrötchen von der gegenüberliegenden Seite des Tellers.

„Erbrochenes auf einem Brot?“, Ryans Stimme klang gleichzeitig belustigt und entsetzt. „Maddie, so etwas solltest du vor Gästen nicht sagen.“

„Pass auf, Cassie. Das Eierzeugs klebt an allem“, warnte Madison und sah ihren Vater reuelos an.

Cassie hatte plötzlich das seltsame Gefühl des Dazugehörens. Diese Neckereien waren genau das, was sie sich erhofft hatte. Bisher schien es sich um eine normale, glückliche Familie zu handeln, die sich neckte und füreinander da war, auch wenn bestimmt jedes Familienmitglied seine Eigenarten und Schwierigkeiten hatte. Ihr wurde nun klar, wie angespannt sie darauf gewartet hatte, dass etwas schiefgehen könnte.

Aus Verlegenheit hatte sie sich selbst noch nichts zu essen genommen, realisierte nun jedoch, wie hungrig sie war. Um sich stattdessen nicht mit einem hörbar knurrenden Magen zu blamieren, entschied sie sich dazu, zuzugreifen.

„Ich werde mutig sein und mich an dem Sandwich versuchen“, meldete sie sich freiwillig.

„Danke. Es freut mich zu sehen, dass jemand meine kulinarischen Fähigkeiten zu schätzen weiß“, sagte Ryan.

„Du meinst wohl deine Fähigk-EI-ten“, fügte Madison hinzu und Cassie lachte.

Sie drehte sich Cassie zu und sagte: „Dad kümmert sich immer ums Essen. Aber er hasst es, abzuspülen.“

„Das stimmt“, meinte Ryan.

Madison holte erneut tief Luft und wandte sich zur Küchentür.

„Dylan“, schrie sie.

Dann sagte sie mit normaler Stimme: „Oh, da bist du ja.“

Ein großer, schlaksiger Junge betrat das Zimmer. Er hatte das braune, glänzende Haar seiner Schwester und Cassie fragte sich, ob er gerade einen Wachstumsschub hinter sich hatte. Er schien nur aus Gliedmaßen und Sehnen zu bestehen.

„Hi, freut mich, dich kennenzulernen“, sagte er abwesend zu Cassie.

In seinen jungenhaften Zügen erkannte Cassie die Ähnlichkeit zu Ryan. Beide hatten sie markante, starke Kiefer und ausgeprägte Wangenknochen. In Madisons hübschem, ovalen Gesicht sah sie weniger von Ryan und fragte sich, wie die Mutter der Kinder wohl aussehen musste. Gab es irgendwo im Haus Familienfotos? Oder war die Scheidung so bitter gewesen, dass diese entfernt worden waren?

„Gib ihr die Hand“, erinnerte Ryan seinen Sohn, doch Dylan drehte seine Handflächen nach oben und Cassie sah, dass sie schwarz vor Öl waren.

„Oh, oh. Komm hier rüber.“

Ryan eilte zum Waschbecken, drehte den Wasserhahn auf und gab eine großzügige Menge Spülmittel in die Hände seines Sohnes.

Während Ryan abgelenkt war, nahm Cassie sich ein weiteres Sandwich.

„Was war mit deinem Fahrrad los?“, fragte Ryan.

„Die Kette ist abgesprungen, als ich den Gang gewechselt habe“, erklärte Dylan.

„Hast du es repariert?“ Ryan beobachtete kritisch den Prozess des Händewaschens.

„Ja“, antwortete Dylan.

Cassie erwartete eine ausführlichere Erklärung, doch Dylan schwieg. Ryan gab ihm ein Handtuch, er trocknete seine Hände, gab Cassie kurz und formell die Hand und wandte sich dann den Snacks zu.

Während er aß, sprach Dylan nicht viel, aber Cassie beobachtete beeindruckt, wie viel er in der kurzen Zeit runterschlingen konnte. Der Teller war fast leer, als Ryan ihn zurück in den Kühlschrank stellte.

„Du wirst beim Abendessen keinen Hunger mehr haben, wenn du so weiter isst und ich habe vor, Spaghetti Bolognese zu machen“, sagte er.

„Spaghetti geht immer“, versprach Dylan.

Ryan schloss die Kühlschranktür.

„Ok, Kinder. Ihr solltet euch jetzt umziehen, sonst bekommt ihr eine Erkältung.“

Als sie verschwunden waren, drehte er sich wieder Cassie zu und sie bemerkte, dass er nervös klang.

„Was denkst du? Entsprechen die beiden deinen Erwartungen? Es sind tolle Kinder, aber auch sie haben ihre Momente.“

Cassie hatte die beiden sofort ins Herz geschlossen. Vor allem Madison schien ein unproblematisches Kind zu sein und sie konnte sich nicht vorstellen, mit dem gesprächigen Mädchen Unterhaltungsschwierigkeiten zu haben. Dylan kam ihr komplexer, stiller und introvertierter vor. Aber das konnte auch daran liegen, dass er sich zum Teenager zu entwickeln schien. Es war nicht überraschend, dass er einem dreiundzwanzigjährigen Au-Pair nicht viel zu sagen hatte.

Ryan hatte recht. Seine Kinder schienen verträglich zu sein. Außerdem war er als unterstützender Vater sicherlich bereit, ihr bei Schwierigkeiten zur Seite zu stehen.

Damit war ihre Entscheidung getroffen. Sie würde den Job annehmen.

„Du hast wundervolle Kinder. Ich würde mich freuen, die nächsten drei Wochen für dich arbeiten zu dürfen.“

Ryans Augen leuchteten auf.

„Oh, das ist fabelhaft. Weißt du, Cassie, als ich dich zum ersten Mal gesehen, nein, mit dir gesprochen habe, hoffte ich bereits, dass du einwilligen würdest. Deine Energie fasziniert mich und ich würde sehr gerne erfahren, was du mitgemacht hast, was dich geformt hat. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, aber du wirkst so klug und reif. Jedenfalls habe ich das Gefühl, dass meine Kinder bei dir in ausgezeichneten Händen sein werden.“

Cassie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Ryans Lob beschämte sie.

Ryan sprach weiter. „Die Kinder werden begeistert sein, ich habe bereits gemerkt, dass sie dich mögen. Ich gebe dir nun am besten eine Tour des Hauses und dann kannst du dich einrichten. Hast du deine Sachen dabei?“

„Ja, das habe ich.“

Der Regen hatte eine kurze Pause eingelegt, also ging Ryan mit ihr zum Wagen, lud lässig ihre schweren Taschen aus und trug sie in den Flur.

„Wir haben nur eine Garage, die dem Land Rover gehört, aber das Parken an der Straße ist absolut sicher. Das Haus ist einfach aufgebaut. Wir haben das Wohnzimmer zur Rechten, die Küche geradeaus und links befindet sich das Esszimmer, das wir nur selten verwenden. Deshalb ist daraus jetzt ein Raum zum Puzzeln, Lesen und Spielen geworden. Wie man sehen kann.“

Er schielte seufzend hinein.

„Wer ist der Puzzle-Enthusiast?“

„Madison. Sie liebt es, mit ihren Händen zu arbeiten und bastelt unheimlich gerne.“

„Und sie ist auch noch sportlich?“, fragte Cassie. „Ein Multi-Talent also.“

„Maddies Schwachstelle sind die Hausaufgaben, fürchte ich. In schulischen Angelegenheiten braucht sie Hilfe, vor allem in Mathe. Es wäre toll, wenn du ihr dabei helfen könntest und wenn es auch nur moralische Unterstützung ist.“

„Was ist mit Dylan?“

„Er ist ein leidenschaftlicher Radfahrer, interessiert sich aber für keinen anderen Sport. Mechanik ist sein Steckenpferd und in der Schule hat er nur Einsen. Dafür ist er allerdings nicht gerade gesellig. Wenn er sich unter Druck gesetzt fühlt, kann er auch ziemlich launisch werden. Ein schwieriger Balanceakt also.“

Cassie nickte dankbar, so viel über ihre neuen Schützlinge erfahren zu haben.

„Hier ist dein Zimmer, dort können wir deine Taschen abstellen.“

Aus dem kleinen Zimmer hatte man eine wundervolle Aussicht über das Meer. Es war in Türkis und Weiß dekoriert worden und sah ordentlich und einladend aus. Ryan stellte ihre große Tasche an den Fuß des Bettes und die kleinere auf einen gestreiften Sessel.

„Das Gästebad ist gleich hier den Flur runter. Madisons Zimmer befindet sich dann zur Rechten und Dylans zur Linken. Ganz am Ende ist mein Reich. Und dann gibt es noch etwas, das ich dir zeigen möchte.“

Er führte sie den Flur entlang ins Familienzimmer. Hinter den Glastüren sah Cassie einen überdachten Balkon mit schmiedeeisernen Möbeln.

„Wow“, flüsterte sie. Der Ausblick hier war atemberaubend. Der Ozean lag tief unter ihnen und sie konnte die Wellen hören, die gegen die Felsen schlugen.

„Das ist mein Ort der Ruhe. Hier sitze ich jeden Abend nach dem Essen, um abzuschalten, für gewöhnlich mit einem Glas Wein. Du bist herzlich eingeladen, dich jederzeit zu mir zu gesellen – der Wein ist optional, windgeschützte Kleidung verpflichtend. Der Balkon hat zwar ein solides Dach, aber keine Verglasung. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, aber festgestellt, es nicht übers Herz zu bringen. Hier draußen fühlt man sich dem Meer einfach so nahe. Das Geräusch des Ozeans und an stürmischen Abenden auch mal eine Brise Seewasser. Sieh es dir selbst an.“

Er öffnete die Schiebetür.

Cassie ging auf den Balkon und bis zur Brüstung, an der sie sich festhielt.

In dem Moment wurde ihr schwindelig und plötzlich befand sich unter ihr nicht länger der Strand von Devon.

Sie beugte sich über die Steinbrüstung und betrachtete entsetzt den entstellten Körper unter sich. Panik und Verwirrung überkamen sie.

Sie konnte den kalten Stein unter ihren Fingern spüren, erinnerte sich an den Hauch von Parfum, der noch immer im opulenten Schlafzimmer verweilte. Sie erinnerte sich an die Übelkeit, die in ihr getobt hatte, daran, wie ihre Beine so weich geworden waren, dass sie geglaubt hatte, zusammenzubrechen. Dann daran, wie ihre Erinnerungen ihr nicht erlaubt hatten, die Ereignisse der vergangenen Nacht erneut abzuspielen. An ihre Albträume, die schon immer schlimm gewesen waren, sich nun intensiviert hatten und nach dem schockierenden Anblick lebhafter waren als je zuvor. Sie erinnerte sich daran, nicht in der Lage gewesen zu sein, Traum und Erinnerung auseinanderzuhalten.

Cassie hatte geglaubt, ihr angsterfülltes Ich zurückgelassen zu haben, aber nun kam die Dunkelheit zurück, um sie zu verschlucken. Und sie verstand, dass die Erinnerungen genau wie die Angst ein Teil ihrer Selbst geworden waren.

„Nein“, wollte sie schreien, aber ihre eigene Stimme schien aus der Ferne zu kommen. Einem weitentfernten Ort. Sie brachte lediglich ein kaum hörbares Flüstern zustande.




Kapitel vier


„Hey, ganz ruhig. Schön gleichmäßig atmen. Ein, aus, ein, aus.“

Cassie öffnete die Augen und betrachtete die massiven Holzbretter der Veranda.

Sie saß auf dem weichen Kissen des schmiedeeisernen Stuhls, ihr Kopf auf den Knien. Feste Hände hielten sie an den Schultern, um sie zu stützen.

Es war Ryan, ihr neuer Arbeitgeber. Seine Hände, seine Stimme.

Was war passiert? Sie war in Panik geraten und hatte sich lächerlich gemacht. Eilig setzte sie sich auf.

„Vorsichtig, mach langsam.“

Cassie rang nach Luft. Ihr Kopf drehte sich und sie hatte das Gefühl, ihren Körper von oben zu sehen.

„Du hattest einen ernsthaften Schwindel-Anfall, würde ich sagen. Für einen Moment glaubte ich, du könntest über die Brüstung fallen“, sagte Ryan. „Ich habe es geschafft, dich festzuhalten, bevor du ohnmächtig wurdest. Wie fühlst du dich?“

Wie sie sich fühlte?

Eiskalt, schwindelig und beschämt. Sie hatte so dringend einen guten Eindruck machen wollen, um Ryans Lob gerecht zu werden. Stattdessen hatte sie es versaut. Sie musste ihm unbedingt erklären, warum.

Aber wie? Wenn er wüsste, was sie mitgemacht hatte und dass ihr ehemaliger Arbeitgeber in diesem Moment wegen Mordes vor Gericht stand, würde er möglicherweise seine Meinung ändern. Vermutlich würde er dann denken, dass sie zu labil war, um sich um seine Kinder zu kümmern, die gerade jetzt nichts mehr brauchten als Stabilität. Selbst eine einfache Panikattacke war bestimmt bereits Grund zur Sorge.

Es war also besser, seine Vermutungen zu bestätigen: Sie hatte Höhenangst und einen Schwindelanfall erlitten.

„Mir geht’s schon wieder viel besser“, antwortete sie. „Es tut mir so leid. Ich hätte daran denken sollen, dass ich extreme Höhenangst habe, wenn ich eine Weile nichts mit Höhen zu tun hatte. Aber das wird sich bessern und in ein paar Tagen wird der Balkon kein Problem mehr für mich darstellen.“

„Das ist gut zu wissen, aber sei bis dahin bitte vorsichtig. Kannst du aufstehen? Halte dich an meinem Arm fest.“

Cassie stand auf und lehnte sich an Ryan, bis sie sich sicher war, dass ihre Beine sie tragen konnten. Dann führte er sie langsam zurück ins Familienzimmer.

„Ich bin okay, danke.“

„Sicher?“ Er hielt ihren Arm noch immer fest, dann ließ er sie los.

„Pack in aller Ruhe aus und mach es dir gemütlich. Um halb sieben gibt es Abendessen.“


* * *

Cassie nahm sich Zeit zum Auspacken und stellte sicher, dass ihre Sachen ordentlich in der anheimelnden, weißen Kommode verstaut waren. Ihre Medikamente versteckte sie ganz hinten in der Schreibtischschublade. Sie glaubte zwar nicht, dass diese Familie in ihrer Abwesenheit durch ihre Sachen gehen würde, aber sie wollte unter keinen Umständen peinliche Frage über ihre Pillen für Unruhezustände beantworten müssen. Vor allem nicht nach der Panikattacke auf dem Balkon.

Wenigstens hatte sie sich schnell von dem Vorfall erholt, ein Zeichen, dass sie ihre Situation unter Kontrolle hatte. Sie machte sich eine gedankliche Notiz, ihre Nachtdosis bereits vor dem Abendessen einzunehmen – nur für den Fall.

Das köstliche Aroma von gedünstetem Knoblauch und angebratenem Fleisch wehte schon weit vor halb sieben durchs Haus. Cassie wartete bis viertel nach sechs, zog sich dann eines ihrer hübschesten Oberteile an, das mit Perlen besetzt war, und trug Lipgloss und ein wenig Mascara auf. Sie wollte sich Ryan von ihrer besten Seite zeigen. Es war ihr wichtig, nach der Panikattacke einen guten Eindruck zu machen. Aber als sie an die Situation auf der Veranda dachte, erinnerte sie sich hauptsächlich an Ryans muskulären Arme, mit denen er sie festgehalten hatte.

Wieder wurde ihr ein bisschen schwindelig, als sie an seine starken und gleichzeitig zärtlichen Berührungen dachte.

Cassie verließ ihr Zimmer und stieß fast mit Madison zusammen, die eilig in Richtung Küche ging.

„Es riecht so gut“, erklärte Madison Cassie.

„Ist es dein Lieblingsessen?“

„Naja, ich liebe Spaghetti Bolognese, wenn Dad kocht, aber nicht in Restaurants. Die machen das einfach nicht auf dieselbe Weise. Also würde ich sagen, es ist mein liebstes Zuhause-Essen. Außerdem liebe ich Brathähnchen und Toad in the hole. Wenn wir essen gehen, bestelle ich meistens Fish and Chips, das bekommt man hier überall. Oh und ich liebe Pizza. Dafür hasse ich Dylans Lieblingsessen – Hamburger. Restaurant-Burger sind einfach nur eklig.“

„Was ist Toad in the hole?“, fragte Cassie neugierig und nahm an, dass es sich um ein traditionell britisches Gericht handeln musste.

„Hast du das noch nie gegessen? Das sind Würstchen in einer Art Kuchenteig aus Eiern, Mehl und Milch. Und dazu braucht man Soße und zwar richtig viel. Und Erbsen und Karotten.“

Ihre Unterhaltung hatte sie bis in die Küche gebracht. Der Holztisch war für vier gedeckt worden, Dylan saß bereits an seinem Platz und schenkte sich ein Glas Orangensaft ein.

„Burger sind überhaupt nicht eklig. Sie sind die Speise der Götter“, erwiderte er.

„Meine Lehrerin in der Schule sagt, dass Burger hauptsächlich aus Getreide und fein gemahlenen Tierstückchen bestehen, die sonst niemand essen würde.“

„Deine Lehrerin liegt falsch.“

„Unmöglich. Du bist so dumm, das zu sagen.“

Cassie wollte sich gerade einmischen, weil sie das Gefühl hatte, dass Madisons Beleidigung ein bisschen zu persönlich geworden war, aber Dylan konterte zuerst.

„Hey, Maddie.“ Dylan zeigte warnend mit dem Finger auf sie. „Du bist entweder für mich oder gegen mich.“

Cassie verstand nicht, was er damit meinte, aber Madison verdrehte die Augen und streckte ihm die Zunge heraus, bevor sie sich setzte.

„Kann ich dir helfen, Ryan?“

Cassie ging zum Herd, wo Ryan die gekochten Nudeln abschüttete.

Er sah sie an und lächelte.

„Alles unter Kontrolle. Hoffe ich. Essen gibt es in dreißig Sekunden. Kommt Kinder. Holt euch eure Teller und füllt euch auf.

„Ich mag dein Oberteil, Cassie“, sagte Madison.

„Danke. Das habe ich in New York City gekauft.“

„New York City. Wow. Da würde ich nur zu gerne mal hingehen“, sagte Madison mit großen Augen.

„Die Wirtschaftsstudenten der Oberstufe sind im Juni hingeflogen“, sagte Dylan. „Studiere Wirtschaft und dann kannst du vielleicht auch hin.“

„Hat das mit Mathe zu tun?“, fragte Madison.

Dylan nickte.

„Ich hasse Mathe. Es ist langweilig und kompliziert.“

„Naja, dann kannst du nicht nach New York.“

Dylan wandte seine Aufmerksamkeit wieder seinem Teller zu und schaufelte sich Spaghetti darauf. Währenddessen spülte Ryan das Kochgeschirr ab.

Als Cassie sah, dass Madison zu rebellieren drohte, wechselte sie schnell das Thema.

„Dein Dad hat mir erzählt, wie gerne du Sport treibst. Was machst du denn am liebsten?“

„Rennen und Turnen. Tennis mag ich auch gerne, das haben wir diesen Sommer angefangen.“

„Und du fährst Rad?“, fragte Cassie Dylan.

Er nickte und bedeckte seine Nudeln mit geriebenem Käse.

„Dylan will Profi werden und eines Tages die Tour de France gewinnen“, sagte Madison.

Ryan gesellte sich zu ihnen an den Tisch.

„Ich denke, du wirst eine seltsame mathematische Formel entdecken und ein volles Stipendium für Cambridge bekommen“, sagte er und betrachtete seinen Sohn stolz.

Dylan schüttelte den Kopf.

„Dad, es wird die Tour de France werden“, meinte er beharrlich.

„Erst auf die Uni“, konterte Ryan mit strenger Stimme und Dylan blickte ihn finster an. Madison unterbrach und fragte nach mehr Saft, den Cassie ihr einschenkte, während der kurze Moment der Uneinigkeit verging.

Cassie aß ihre Nudeln, während die Unterhaltung weiterging. Es war köstlich. Sie war sich sicher, noch nie einen Mann wie Ryan getroffen zu haben. Er war so tüchtig und fürsorglich und sie fragte sich, ob die Kinder wussten, wie viel Glück sie hatten, einen Vater zu haben, der für seine Familie kochte.

Nach dem Abendessen bot sie sich an, das Abspülen zu übernehmen und belud den großen, hochmodernen Geschirrspüler. Ryan erklärte, dass die Kinder nach dem Essen eine Stunde fernsehen durften, wenn ihre Hausaufgaben fertig waren. Zur Schlafenszeit würde er dann das WLAN abschalten.

„Es ist nicht gut, wenn diese Bildschirm-Teenager die ganze Nacht an ihren Handys sind“, sagte er. „Und das tun sie, wenn sie die Gelegenheit dazu haben. Wenn Schlafenszeit ist, wird geschlafen.“

Um halb neun begaben sich die zwei Kinder folgsam zu Bett.

Dylan wünschte ihr kurz eine gute Nacht und informierte sie, dass er am nächsten Tag früh aufstehen würde, um mit seinen Freunden Rad zu fahren.

„Willst du, dass ich dich wecke?“, fragte Cassie.

Er schüttelte den Kopf.

„Nein, das ist in Ordnung“, sagte er, bevor er seine Schlafzimmertür hinter sich schloss.

Madison war gesprächiger und Cassie verbrachte einige Zeit an ihrem Bett und lauschte ihren Ideen, was sie am nächsten Tag tun könnten und wie das Wetter wohl sein würde.

„Es gibt einen Süßigkeiten-Laden im Dorf, wo es die niedlichsten, gestreiften Süßwaren gibt. Sie sehen aus wie kleine Spazierstöcke und schmecken nach Pfefferminz. Dad lässt uns nicht oft hin, aber vielleicht macht er ja morgen eine Ausnahme.“

„Ich werde ihn fragen“, versprach Cassie. Dann brachte sie dem Mädchen noch ein Glas Wasser ans Bett und schaltete ihr Licht aus.

Als sie vorsichtig Madisons Tür hinter sich zumachte, erinnerte sie sich an ihre erste Nacht auf dem französischen Schloss. Wie sie erschöpft eingeschlafen und nicht sofort zur Stelle gewesen war, als das jüngste Kind von Albträumen geplagt laut geschrien hatte. Sie konnte noch immer den Schmerz und den Schrecken der brennenden Ohrfeige spüren. Das hätte sie dazu veranlassen sollen, sofort zu gehen, aber sie war ihren Instinkten nicht gefolgt.

Cassie war sich sicher, dass Ryan so etwas nie tun würde. Sie konnte sich bei ihm nicht einmal eine verbale Ermahnung vorstellen.

Beim Gedanken an Ryan erinnerte sie sich auch an das Glas Wein auf dem Balkon, das Ryan ihr angeboten hatte und sie zögerte. Sie war versucht, mehr Zeit mit ihm zu verbringen, war sich aber nicht sicher, ob das eine gute Idee war.

Hatte er es tatsächlich ernst gemeint, als er sie eingeladen hatte, sich zu ihm zu gesellen? Oder war es ein Höflichkeitsangebot gewesen?

Noch immer unsicher ertappte sie sich dabei, ihre dickste Jacke herauszusuchen. Sie würde das Terrain sondieren und herausfinden, wie er darauf reagierte. Wenn er so wirkte, als wolle er keine Gesellschaft, würde sie kurz etwas trinken und dann zu Bett gehen.

Als sie den Gang entlang ging, kämpfte sie noch immer mit ihrer Entscheidung. Als Angestellte war es nicht richtig, nach Feierabend ein Glas Wein mit ihrem Arbeitgeber zu trinken – oder doch? Um absolut professionell zu bleiben, müsste sie jetzt zu Bett gehen. Doch da Ryan so zuvorkommend gewesen war, ihr Visum ignoriert und versprochen hatte, in bar zu bezahlen, waren die Grenzen der Professionalität bereits verschwommen.

Sie war ein Freund der Familie, das hatte Ryan gesagt. Und nach dem Essen ein Glas Wein zusammen zu trinken, war genau das, was ein Freund tun würde.

Ryan schien erfreut, sie zu sehen und in ihr machten sich Erleichterung und Aufregung breit, als sie sein warmes, ehrliches Lächeln sah.

Er stand auf, nahm ihren Arm und geleitete sie fürsorglich über die Veranda zu einem Stuhl.

Sie sah erfreut, dass er ein zweites Weinglas auf dem Tablett bereitgestellt hatte.

„Magst du Chardonnay?“

Cassie nickte. „Sehr gerne sogar.“

„Um die Wahrheit zu sagen, habe ich keine ausgeprägten Geschmacksnerven für Wein. Am liebsten trinken ich einen ganz normalen Rotwein. Aber dieses fantastische Exemplar wurde mir von einem dankbaren Kunden nach einem erfolgreichen Angelausflug geschenkt. Und ich genieße es sehr, mich durchzutrinken. Prost.“

Er beugte sich nach vorne und stieß mit ihr an.

„Erzähl mir mehr über dein Unternehmen“, sagte Cassie.

„Ich habe South Winds Sailing vor zwölf Jahren gegründet, das war kurz nach Dylans Geburt. Er hat mich dazu gebracht, mein Leben zu überdenken und herauszufinden, was ich meinen Kindern bieten konnte. Ich habe nach der Schule drei Jahre bei der Royal Navy verbracht, wo ich schließlich zum Deckoffizier der Handelsmarine befördert wurde. Ich habe das Meer in meinem Blut und könnte mir niemals vorstellen, im Inland zu leben oder zu arbeiten.“

Cassie nickte, als er fortfuhr.

„Als Dylan geboren wurde, begann der Tourismus hier in der Gegend zu wachsen. Also habe ich gekündigt – zu dem Zeitpunkt war ich Leiter des Hafens in Cornwall – und mein erstes Boot gekauft. Das zweite folgte kurz darauf und heute gehört mir eine Flotte, die aus sechzehn Booten jeglicher Form und Größe besteht. Motorboote, Segelboote, Paddelboote. Aber mein Prachtstück ist eine neue Charter-Jacht, die vor allem bei Firmenkunden sehr beliebt ist.“

„Das ist fantastisch“, sagte Cassie.

„Es ist wirklich eine sehr spannende Reise und das Unternehmen hat mir viel gegeben. Ein angenehmes Einkommen, ein wundervolles Leben und ein tolles Zuhause, das ich nach meinem Traumhaus designt habe. Glücklicherweise hat der Architekt die wilderen Elemente ein bisschen abgemildert, sonst wäre das Haus mittlerweile vermutlich ins Meer gefallen.“

Cassie lachte.

„Dein Unternehmen verlangt bestimmt viel Einsatz von dir“, bemerkte sie.

„Oh, ja.“ Ryan stellte sein Glas ab und richtete seinen Blick gen Meer. „Als Geschäftsinhaber muss man ständig Opfer bringen und Überstunden machen. Nur selten habe ich mal ein Wochenende frei. Heute habe ich meinen Manager gebeten, für mich zu übernehmen, damit ich dich treffen konnte. Ich denke, das ist auch der Grund …“

Er drehte sich zu ihr und fing ihren Blick auf. Seine Augen wurden ernst.

„Ich denke, dass deshalb meine Ehe gescheitert ist.“

Cassie freute sich, dass er sich ihr gegenüber öffnete. Sie nickte mitfühlend und hoffte, dass er weiterreden würde. Nach einer Weile fuhr er fort.

„Als die Kinder noch kleiner waren, war es einfacher für Trish, meine Frau, zu verstehen, dass die Arbeit für mich an erster Stelle stand. Aber als sie älter und unabhängiger wurden, wollte sie, nun ja, dass ich deren Rolle in ihrem Leben übernahm. Sie forderte emotionale Unterstützung, Zeit und Aufmerksamkeit von mir, und das schon fast exzessive. Für mich war das sehr zehrend und dadurch entstanden dann Konflikte. Sie war eine starke Frau, das hat mich ursprünglich auch angezogen. Aber Menschen verändern sich und ich glaube, das war auch bei ihr der Fall.“

„Das klingt sehr traurig“, sagte Cassie.

Ihr Glas war fast leer und Ryan schenkte erst ihr und dann sich nach.

„Es war sehr niederschmetternd. Ich kann nicht einmal erklären, wie stürmisch die letzte Zeit gewesen ist. Wenn du jemanden liebst, kannst du ihn nicht einfach so gehen lassen. Und wenn die Liebe verschwindet, sucht man ununterbrochen danach. Hoffend und betend, dass man zurückgewinnen kann, was man einst so sehr geschätzt hat. Ich habe es versucht, Cassie. Mit allem, was ich habe. Und als klar wurde, dass es nicht funktionierte, fühlte es sich wie eine Niederlage an.“

Cassie ertappte sich dabei, sich weiter zu ihm zu beugen.

„Wie erschreckend, dass so etwas passieren kann.“

„Das ist das richtige Wort. Es ist sehr beängstigend. Ich fühlte mich unzureichend und haltlos. Ich nehme Verpflichtungen sehr ernst, eine Ehe bedeutet für mich für immer. Als Trish mich verließ, musste ich die Definition meiner Selbst überarbeiten.“

Cassie blinzelte. Sie konnte den Schmerz in seiner Stimme hören, er klang frisch und pur. Es musste ihn unglaublich viel Energie kosten, sein Leid hinter einem witzelnden und unbeschwerten Verhalten zu verstecken.

Sie wollte Ryan gerade sagen, wie sehr sie ihn für seine Stärke bewunderte, die er ausstrahlte, hielt sich aber noch rechtzeitig auf, als sie realisierte, wie aufdringlich der Kommentar doch klingen würde. Sie kannte Ryan kaum und hatte kein Recht, nach einigen Stunden in seiner Gesellschaft eine so persönliche Beobachtung anzustellen.

Was dachte sie sich dabei? Und dachte sie überhaupt?

Sie entschied, dass der Wein ihr zu Kopf gestiegen war und sie ihre Worte vorsichtig wählen musste. Nur weil Ryan ein so gutaussehender, intelligenter und netter Arbeitgeber war, hatte sie kein Recht, sich in seiner Anwesenheit wie ein faszinierter Teenager zu benehmen. Sie musste damit aufhören, bevor sie sich furchtbar blamierte.

„Ich sollte dich zu Bett gehen lassen“, sagte Ryan und stellte sein leeres Glas ab. „Du musst von der Fahrt und dem Kennenlernen meiner zwei Rabauken völlig erschöpft sein. Danke, dass du dich zu mir gesellt hast. Es bedeutet mir viel, so mit dir sprechen zu können.“

„Es war ein sehr angenehmes Ende meines Tages und eine wirklich wundervolle Möglichkeit, zu entspannen“, stimmte Cassie ihm zu.

Sie fühlte sich überhaupt nicht entspannt. Die Intimität der Unterhaltung hatte sie nervös gemacht. Als sie aufstand und nach drinnen ging, konnte sie nicht aufhören, darüber nachzudenken, was er ihr erzählt hatte.

In ihrem Zimmer warf sie einen kurzen Blick auf ihre SMS und war dankbar, dass dieses Haus mit dem Internet verbunden war. An ihrem letzten Arbeitsplatz hatte es kein Handysignal gegeben und sie sich vollkommen isoliert gefühlt. Bis dahin war ihr nicht bewusst gewesen, wie furchteinflößend es sein konnte, nicht in der Lage zu sein, mit der Außenwelt zu kommunizieren.

Cassie klickte sich durch die kurzen Nachrichten und Memes von Freunden in den Staaten.

Dann sah sie eine weitere Nachricht, die sie am frühen Abend empfangen hatte. Bei dem Absender handelte es sich um eine unbekannte Nummer aus England und ihre Alarmglocken läuteten. Sie öffnete die SMS und ihr wurde schlecht vor Angst.

„Sei vorsichtig“, stand auf ihrem Bildschirm.




Kapitel fünf


Cassie hatte erwartet, in dem gemütlichen Zimmer mit dem Wellenrauschen im Ohr gut zu schlafen. Sie war davon überzeugt, dass dem auch so gewesen wäre, hätte sie nicht die besorgniserregende Nachricht von der unbekannten Rufnummer erhalten, während sie mit Ryan auf der Veranda gesessen hatte.

Ihr erster panischer Gedanke galt der Gerichtsverhandlung ihres ehemaligen Arbeitsgebers. Vielleicht war sie belastet worden und es lief eine Fahndung nach ihr. Sie versuchte, die aktuellen Nachrichten abzurufen, stellte aber frustriert fest, dass Ryan das WLAN bereits abgestellt hatte.

Sie wälzte sich im Bett hin und her und machte sich Sorgen. Was bedeutete die Nachricht? Wer hatte sie geschickt? Sie versuchte, sich damit zu beruhigen, dass die Nachricht vermutlich nicht für sie bestimmt gewesen war.


* * *

Nach einer rastlosen Nacht fiel sie schließlich in einen unruhigen Schlaf und wurde von dem Klingeln ihres Weckers geweckt. Erleichtert stellte sie fest, dass das WLAN wieder aktiviert worden war.

Noch bevor sie das Bett verließ, suchte sich online nach Neuigkeiten bezüglich der Gerichtsverhandlung.

Cassie erfuhr, dass die Verhandlungen vertagt worden waren und erst in zwei Wochen wieder aufgenommen werden sollten. Eine gründlichere Recherche ergab, dass die Verteidigung mehr Zeit brauchte, um zusätzliche Zeugen zu kontaktieren.

Ihr wurde schlecht vor Angst.

Erneut öffnete sie die seltsame Nachricht. „Sei vorsichtig.“ Sie fragte sich, ob sie darauf antworten sollte, um herauszufinden, was sie bedeutete. Aber der Absender schien sie blockiert zu haben, denn sie konnte der Nummer keine Nachricht schicken.

Verzweifelt versuchte sie, die Nummer zurückzurufen.

Doch der Anruf wurde sofort unterbrochen. Offensichtlich war auch diese Form der Kontaktaufnahme unterbunden worden.

Cassie seufzte frustriert. Aufgrund der fehlenden Kommunikation fühlte sich die Nachricht immer mehr wie eine Belästigung an – nicht wie eine ehrliche Warnung. Am einfachsten war es also tatsächlich, daran zu glauben, dass es sich um ein Versehen gehandelt hatte: Der Absender hatte den Fehler zu spät bemerkt und daraufhin ihre Nummer gesperrt.

Nur unwesentlich beruhigt stand sie auf, um die Kinder zu wecken.

Dylan war bereits aus dem Haus und Cassie nahm an, dass er mit dem Rad unterwegs war. Sie betrat sein Zimmer mit der Hoffnung, er würde dies nicht als Verletzung seiner Privatsphäre betrachten, schüttelte sein Bett aus und sammelte verstreute Klamotten ein.

Sein Regal war mit einer Vielzahl von unterschiedlichsten Büchern vollgestopft, einige schienen auch vom Radfahren zu handeln. In einem Aquarium auf dem Bücherregal schwammen zwei Goldfische und auf einem großen Tisch in der Nähe des Fensters befand sich ein Hasenstall. Ein grauer Hase aß ein Frühstück aus Salatblättern und Cassie sah ihm fröhlich zu.

Dann verließ sie sein Zimmer, um an Madisons Tür zu klopfen.

„Gib mir zehn Minuten“, hörte sie das Mädchen schläfrig rufen. Also begab sich Cassie in die Küche, um das Frühstück vorzubereiten.

Dort sah sie, dass Ryan unter dem Salzstreuer Bargeld und eine Notiz hinterlassen hatte. „Bin bei der Arbeit. Macht euch einen schönen Tag! Ich werde abends wieder zurück sein.“

Cassie steckte eine Scheibe Brot in den hübschen Toaster mit Blumenmuster und füllte den Wasserkessel. Während sie Kaffee kochte, betrat auch Madison in einem pinken Bademantel gähnend die Küche.

„Guten Morgen“, begrüßte Cassie sie.

„Morgen. Ich bin froh, dass du hier bist. Alle anderen stehen so früh auf“, beschwerte sie sich.

„Trinkst du Kaffee? Tee? Saft?“

„Tee bitte.“

„Toast?

Madison schüttelte den Kopf. „Danke, aber ich habe noch keinen Hunger.“

„Worauf hast du heute Lust? Dein Dad hat uns angewiesen, etwas zu unternehmen“, sagte Cassie und schenkte Madison wie gewünscht Tee mit einem Schuss Milch ein.

„Lass uns in die Stadt gehen“, sagte Madison. „Dort ist am Wochenende immer was los.“

„Gute Idee. Weißt du, wann Dylan zurück sein wird?“

„Normalerweise ist er etwa eine Stunde unterwegs.“ Madison legte ihre Hände um die Teetasse und blies auf die dampfende Flüssigkeit.

Cassie war beeindruckt, wie unabhängig die Kinder zu sein schienen. Offensichtlich waren sie es nicht gewohnt, überbehütet zu werden. Das Dorf war vermutlich klein und sicher genug, sodass die Kinder es als Erweiterung ihres eigenen Zuhauses betrachteten.

Kurz darauf kam auch Dylan zurück und um neun Uhr waren alle angezogen und bereit für den Ausflug. Cassie wollte den Wagen zu nehmen, aber Dylan riet ihr davon ab.

„Am Wochenende ist es schwer, einen Parkplatz zu finden. Für gewöhnlich laufen wir ins Dorf, das sind nur zweieinhalb Kilometer. Zurück nehmen wir dann den Bus. Er fährt alle zwei Stunden, wir müssen es also richtig timen.“

Der Spaziergang zum Dorf hätte nicht malerischer sein können. Der Blick auf das Meer und die hübschen Häuser begeisterte Cassie und irgendwo in der Ferne konnte sie sogar Kirchenglocken hören. Die Luft war frisch und kühl und sie genoss den Geruch des Meeres.

Madison sprang vor ihr her und zeigte auf die Häuser von Leuten, die sie kannte, was so ziemlich auf jeden zuzutreffen schien.

Einige Autos fuhren vorbei und winkten ihnen zu und eine Frau hielt sogar ihren Range Rover an, um sie mitzunehmen.

„Nein danke, Mrs. O’Donoghue, wir laufen gerne“, rief Madison. „Aber vielleicht kommen wir auf dem Rückweg auf das Angebot zurück!“

„Ich werde nach euch Ausschau halten“, versprach die Frau lächelnd, bevor sie weiterfuhr. Madison erklärte, dass die Frau mit ihrem Mann landeinwärts lebte, wo sie einen kleinen Biohof führten.

„Im Dorf gibt es einen Laden, der ihre Produkte verkauft. Manchmal gibt es dort auch selbstgemachtes Karamell“, sagte Madison.

„Dann werden wir auf jeden Fall dort hingehen“, versprach Cassie.

„Ihre Kinder sind richtige Glückspilze. Sie gehen aufs Internat in Cornwall. Ich wünschte, ich könnte auch dorthin“, sagte Madison.

Cassie runzelte die Stirn und fragte sich, warum Madison ihr perfektes Leben verlassen wollte. Vielleicht hatte die Scheidung sie verunsichert und sie wünschte sich eine größere Gemeinschaft?

„Bist du glücklich in deiner jetzigen Schule?“, fragte sie sicherheitshalber.

„Oh ja, es ist toll dort. Naja, außer dem Lernen eben“, sagte Madison.

Cassie war erleichtert, dass es keine versteckten Probleme zu geben schien und Madison nicht etwa gemobbt wurde.

Die Läden im Dorf waren genauso anheimelnd, wie sie es sich erhofft hatte. Einige verkaufen Angelausrüstung, warme Kleidung und Sportequipment. Cassie probierte ein Paar hübscher Handschuhe an, als sie sich an ihre kalten Hände auf der Veranda erinnerte. Aber aufgrund ihrer Finanzen entschied sie sich, dass es besser war, zu warten und sich ein billigeres Paar zu kaufen.

Der Geruch von frischgebackenem Brot lotste sie über die Straße zur Bäckerei. Nach einigem Hin und Her mit den Kindern kaufte sie schließlich ein Sauerteigbrot und Pecan Pie.

Die einzige Enttäuschung des Morgens war der Süßigkeiten-Laden.

Als Madison erwartungsvoll zur Tür marschierte, blieb sie niedergeschlagen stehen.

Der Laden war geschlossen und an der Tür hing ein handgeschriebener Zettel. „Liebe Kunden – wir sind übers Wochenende auf einem Familiengeburtstag! Wir werden am Dienstag wieder zurück sein, um Ihnen Ihre liebsten Köstlichkeiten zu servieren.“

Madison seufzte traurig.

„Normalerweise kümmert sich ihre Tochter um den Laden, wenn sie weg sind. Aber sieht so aus, als wären sie alle zu der dummen Party gegangen.“

„Scheint so. Aber Kopf hoch, wir können nächste Woche zurückkommen.“

„Das ist noch so lange hin.“ Mit gesenktem Kopf drehte sich Madison weg und Cassie biss sich nervös auf die Lippe. Sie wollte unbedingt, dass dieser Ausflug von Erfolg gekrönt war und hatte sich bereits Ryans freudiges Gesicht ausgemalt, wenn seine Kinder ihm von einem tollen Tag erzählten. Sie hatte sich vorgestellt, wie er sie dankbar ansehen oder ihr gar ein Kompliment machen würde.

„Wir kommen nächste Woche zurück“, wiederholte sie, wusste aber, dass dies ein neunjähriges Mädchen, das sich bereits auf Pfefferminz-Zuckerstangen gefreut hatte, nur geringfügig trösten konnte.

„Und vielleicht finden wir in den anderen Läden ja auch etwas Süßes“, fügte sie hinzu.

„Komm schon, Maddie“, sagte Dylan ungeduldig, nahm ihre Hand und zog sie von dem Laden weg. Cassie entdeckte das Geschäft, von dem Madison ihr erzählt hatte und der Frau gehörte, die ihnen eine Mitfahrgelegenheit angeboten hatte.

„Lasst uns noch hier reingehen und danach entscheiden wir uns, wo wir etwas zu Mittag essen“, sagte sie.

Cassie dachte an die gesunden Abendessen und Snacks und entschied sich für ein paar Tüten mit klein geschnittenem Gemüse, Birnen und Trockenfrüchten.

„Können wir Maronen kaufen?“, fragte Madison. „Die schmecken super, wenn sie über dem Feuer geröstet werden. Letzten Winter haben wir das mit meiner Mum gemacht.“

Es war das erste Mal, dass eines der Kinder ihre Mutter erwähnte und Cassie wartete nervös, ob die Erinnerung Madison verärgern würde. Oder vielleicht war dies ein Zeichen, dass sie über die Scheidung sprechen wollte? Zu ihrer Erleichterung machte das Mädchen einen ausgeglichenen Eindruck.

„Natürlich, das ist eine sehr schöne Idee.“ Cassie legte eine Tüte Maronen in den Korb.

„Schau mal, dort ist das Karamell!“

Madison deutete aufgeregt zu den Süßwaren und Cassie vermutete, dass der Moment vorbei war. Aber jetzt, wo das Eis gebrochen war und sie ihre Mutter erwähnt hatte, würde sie vielleicht erneut darüber reden wollen. Cassie machte sich eine mentale Notiz, die Signale zu beobachten. Sie wollte keine Gelegenheit verpassen, den Kindern durch diese schwierige Zeit zu helfen.

Das Karamell war auf einem Tisch in der Nähe der Kasse mit anderen Süßwaren ausgestellt. Es gab außerdem kandierte Äpfel, Pfefferminzbonbons, Turkish Delight und sogar kleine Zuckerstangen.

„Was hättet ihr gerne, Dylan und Madison?“, fragte sie.

„Einen kandierten Apfel, bitte. Und Karamell und eine Zuckerstange“, sagte Madison.

„Einen kandierten Apfel, zwei Zuckerstangen, Karamell und Turkish Delight“, fügte Dylan hinzu.

„Ich glaube, zwei Süßigkeiten pro Person sind genug, sonst habt ihr beim Mittagessen keinen Appetit mehr“, sagte Cassie, die sich daran erinnerte, dass übermäßiger Zuckerkonsum in dieser Familie verpönt war. Sie nahm zwei kandierte Äpfel und zwei Tüten Karamell vom Display.

„Glaubt ihr, euer Vater hätte gerne etwas?“ Ihr wurde warm ums Herz, als sie Ryan erwähnte.

„Er mag Nüsse“, sagte Madison und zeigte auf die gerösteten Cashew-Kerne. „Die isst er am liebsten.“

Cassie legte eine Tüte in ihren Korb und ging zur Kasse.

„Hallo“, begrüßte sie die Kassiererin, ein molliges, blondes, junges Mädchen mit einem Namensschild, auf dem ‚Tina‘ stand. Sie lächelte und begrüßte Madison beim Vornamen.

„Hallo Madison. Wie geht’s deinem Vater? Ist er wieder zuhause oder noch immer im Krankenhaus?“

Cassie sah Madison besorgt an. Hatte man versäumt, ihr davon zu erzählen? Aber Madison runzelte verwirrt die Stirn.

„Er war nicht im Krankenhaus.“

„Oh, tut mir leid, das muss ich missverstanden haben. Als er zuletzt hier war, hat er gesagt …“, begann Tina.

Madison unterbrach sie und starrte die Kassiererin neugierig an, während diese den Einkauf abrechnete.

„Du bist fett geworden.“

Entsetzt über die Taktlosigkeit ihres Kommentars, fühlte Cassie, wie ihr Gesicht krebsrot wurde – genau wie Tinas.

„Es tut mir so leid“, murmelte sie entschuldigend.

„Keine Ursache.“

Cassie sah, wie niedergeschlagen Tina aussah. Was war in Madison gefahren? Hatte ihr niemand beigebracht, solche Sachen nicht laut auszusprechen? War sie zu klein, um zu realisieren, wie verletzend Worte sein konnten?

Ihr war klar, dass weitere Entschuldigungen die Situation nicht verbessern konnten, also nahm sie das Wechselgeld und schob das Mädchen aus dem Laden, bevor ihr noch mehr einfiel.

„Es ist nicht höflich, so etwas zu sagen“, erklärte sie, als sie außer Hörweite waren.

„Warum?“, fragte Madison. „Es ist die Wahrheit. Sie ist viel fetter als noch im August.“

„Es ist immer besser, solche Beobachtungen für sich zu behalten, vor allem wenn andere Leute zuhören. Vielleicht hat sie ein Drüsenproblem oder nimmt Medikamente, von denen sie zunimmt, wie zum Beispiel Kortison. Oder vielleicht bekommt sie ein Baby und will noch nicht, dass die Leute davon wissen.“

Sie schielte zu Dylan, um zu sehen, ob er zuhörte, doch er wühlte in seinen Taschen und schien beschäftigt zu sein.

Madison runzelte die Stirn, während sie darüber nachdachte.

„Okay“, sagte sie. „Ich werde beim nächsten Mal daran denken.“

Cassie atmete erleichtert aus, weil ihre Logik verstanden worden war.

„Hättest du gerne einen kandierten Apfel?“

Cassie gab Madison den Apfel, den sie in ihre Tasche steckte, und gab den anderen Dylan. Aber er winkte ab.

Cassie sah ihn ungläubig an und beobachtete dann, wie er eine Zuckerstange des Ladens auspackte, den sie eben besucht hatten.

„Dylan …“, begann sie.

„Ah, ich wollte auch so eine“, beschwerte sich Madison.

„Ich habe dir eine mitgebracht.“ Dylan griff in die tiefen Taschen seines Mantels und zog zu Cassies Entsetzen weitere Zuckerstangen heraus.

„Hier“, sagte er.

„Dylan!“ Cassie fühlte, wie ihr die Luft wegblieb und ihre Stimme klang hoch und gestresst. Ihr Kopf drehte sich, als sie versuchte, die Situation zu verstehen. Handelte es sich um ein Missverständnis?

Nein. Dylan hatte unmöglich für die Süßigkeiten bezahlt. Nach Madisons peinlichem Kommentar hatte sie die beiden eilig aus dem Laden geschoben. Dylan hatte unmöglich Zeit gehabt, für die Zuckerstangen zu bezahlen, vor allem weil die Verkäuferin nicht sehr geschickt darin gewesen war, die altertümliche Kasse zu bedienen.

„Ja?“ Er sah sie fragend an und Cassie wurde unwohl, als seine hellblauen Augen keinerlei Emotion zu zeigen schienen.

„Ich denke – ich denke, dass du möglicherweise vergessen hast, dafür zu bezahlen.“

„Ich habe nicht bezahlt“, sagte er beiläufig.

Cassie starrte ihn schockiert an.

Dylan hatte gerade unverblümt zugegeben, gestohlen zu haben.

Nie hätte sie sich ausgemalt, dass Ryans Sohn so etwas tun würde. Dies war außerhalb ihres Erfahrungsgebiets und sie hatte keine Ahnung, wie sie reagieren sollte. Ihr Eindruck einer perfekten Familie war weit von der Realität entfernt. Wie hatte sie sich nur so täuschen können?

Ryans Sohn hatte gerade ein Verbrechen begangen. Und noch schlimmer: Er schien weder Reue, noch Scham oder Verständnis für die Tragweite seiner Handlung zu zeigen. Er betrachtete sie ruhig und unaufgeregt.




Kapitel sechs


Während Cassie schockiert und entsetzt darüber nachdachte, wie sie mit Dylans Diebstahl umgehen sollte, bemerkte sie, dass Madison diesbezüglich bereits eine Entscheidung getroffen hatte.

„Ich esse nix Geklautes“, kündigte das Mädchen an. „Du kannst sie zurückhaben.“

Sie hielt Dylan die Zuckerstange hin.

„Warum gibst du sie mir zurück? Ich habe dir eine mitgebracht, weil du eine Zuckerstange haben wolltest, der erste Laden keine hatte und Cassie zu geizig war, dir eine zu kaufen.“

Dylan sprach mit beleidigter Stimme, als hätte er ein Dankeschön dafür erwartet, den Tag gerettet zu haben.

„Ja, aber ich will nichts Gestohlenes.“

Madison drückte ihm die Zuckerstange in die Hand und verschränkte die Arme.

„Schön – aber ich werde sie dir nicht erneut anbieten.“

„Ich habe nein gesagt.“

Mit nach vorne gedrücktem Kinn marschierte Madison davon.

„Du bist entweder für mich oder gegen mich. Du weißt, was Mum immer sagt“, rief Dylan ihr nach. Cassie, die sich wegen der erneuten Erwähnung der Mutter Sorgen machte, hörte die Drohung in seiner Stimme.

„Okay, genug jetzt.“

Mit wenigen, schnellen Schritten erreichte Cassie Madison, packte sie am Arm und brachte sie dann zurück. Schließlich starrten sie sich alle auf dem gepflasterten Fußgängerweg an. Sie zitterte vor Angst. Die Situation geriet immer weiter außer Kontrolle, die Kinder begannen zu streiten und sie hatte die Sache mit dem Diebstahl noch nicht geregelt. Egal, wie traumatisiert die Kinder auch waren oder welche Emotionen sie unterdrückten – es ging um ein Verbrechen.

Es entsetzte sie noch mehr, zu wissen, dass der Laden Freunden der Familie gehörte. Die Besitzerin wollte sie sogar mitnehmen! Man sollte niemanden beklauen, der einem eine Mitfahrgelegenheit angeboten hatte. Naja, man sollte überhaupt niemanden beklauen, aber definitiv nicht die Frau, die noch am selben Morgen großzügig und hilfreich gewesen war.

„Wir sollten uns hinsetzen.“

Zu ihrer Linken befand sich eine Teestube, die auf den ersten Blick voll wirkte, doch sie entdeckte, dass ein Paar gerade seine Sitznische verlassen hatte. Schnell schob sie die Kinder durch die Tür.

Eine Minute später saßen sie in der warmen Stube, die köstlich nach Kaffee und knusprigem Buttergebäck roch.

Cassie starrte auf die Speisekarte und fühlte sich hilflos, denn jede vergehende Sekunde zeigte den Kindern, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie mit der Situation umgehen sollte.

Idealerweise sollte sie Dylan vermutlich dazu zwingen, zurückzugehen und für die Süßigkeiten zu bezahlen. Doch was, wenn er sich weigerte? Außerdem kannte sie die Strafen für Ladendiebstahl in England nicht. Er könnte Ärger kriegen, wenn die Richtlinien des Ladens eine Berichterstattung bei der Polizei erforderten.

Cassie dachte erneut an die Geschehnisse und bemerkte, dass es eine andere Sichtweise geben könnte.

Sie erinnerte sich daran, dass Madison kurz vor Dylans Diebstahl das gemeinsame Rösten von Maronen mit ihrer Mutter erwähnt hatte. Vielleicht hatte der stille Junge die Worte seiner Schwester mitangehört und sich an das Trauma erinnert, das die Familie mitgemacht hatte.

Vielleicht hatte er seine unterdrückten Emotionen mit einer offensichtlich verbotenen Tat ausdrücken wollen. Je mehr Cassie darüber nachdachte, desto plausibler wurde diese Erklärung.

In diesem Fall wäre es besser, die Situation sensibler zu lösen.

Sie blickte zu Dylan, der durch die Speisekarte blätterte und keine Miene verzog.

Auch Madison schien ihren Wutausbruch vergessen zu haben. Mit der Verweigerung der gestohlenen Süßigkeiten und dem Streit mit Dylan schien die Sache für sie abgehakt zu sein. Sie war nun darin vertieft, die Beschreibungen der verschiedenen Milchshakes zu lesen.

„Okay“, sagte Cassie. „Dylan, bitte gib mir all die Süßigkeiten, die du genommen hast. Leere deine Taschen.“

Dylan wühlte in seiner Jackentasche und zog vier Zuckerstangen und eine Packung Turkish Delight heraus.

Cassie betrachtete den kleinen Haufen vor ihr.

Er hatte nicht viel genommen, dies war also kein Diebstahl in großem Stil. Die Tatsache, dass er etwas gestohlen hatte, war das Problem – und, dass er keine Reue zu zeigen schien.

„Ich werde die Süßigkeiten konfiszieren, denn es ist nicht richtig, etwas mitzunehmen, ohne zu bezahlen. Die Verkäuferin könnte zur Rechenschaft gezogen werden, wenn das Geld nicht stimmt und auch du hättest einiges an Ärger bekommen können. All diese Läden haben Kameras.“

„Okay“, sagte er gelangweilt.

„Ich werden deinem Vater davon erzählen und er wird entscheiden, wie es weitergeht. Bitte mach das nicht nochmal, auch wenn du helfen möchtest, die Welt für unfair hältst oder wegen Familienangelegenheiten wütend bist. Das könnte ernsthafte Konsequenzen für dich haben. Verstanden?“

Sie nahm die Süßigkeiten und verstaute sie in ihrer Handtasche.

Madison, die selbst nicht verwarnt worden war, blickte weitaus besorgter drein als Dylan. Dieser sah sie lediglich verwirrt an, nickte dann kurz und sie vermutete, dass mehr nicht aus ihm herauszubringen war.

Sie hatte getan, was sie konnte. Nun war es ihre Aufgabe, Ryan davon zu erzählen und es ihm zu überlassen, die Geschichte weiterzuverfolgen.

„Möchtest du einen Milchshake, Madison?“, fragte sie.

„Mit Schokolade kannst du nichts falsch machen“, erklärte Dylan und damit war die Spannung gebrochen und alles wieder beim Alten.

Cassie war unglaublich erleichtert, die Situation überstanden zu haben. Sie bemerkte, dass ihre Hände zitterten, also steckte sie sie unter den Tisch, damit die Kinder nichts davon sahen.

Sie hatte Streitereien immer gemieden, da diese Erinnerungen an ihre Zeit als unwilliges, hilfloses Opfer mit sich brachten. Sie erinnerte sich an Bruchstücke – laute Stimmen, wütendes Schreien, das Zerbrechen von Geschirr. In ihrem Versteck unter dem Esstisch hatten die Scherben ihre Hände und ihr Gesicht zerschnitten.

Wenn sie die Wahl hätte, würde sie sich in jedem Konflikt am liebsten verstecken.

Jetzt war sie froh, ihre Autorität ruhig aber bestimmt ausgeübt zu haben, ohne den Tag in ein Desaster zu verwandeln.

Die Managerin der Teestube eilte zu ihnen, um ihre Bestellung aufzunehmen und Cassie begann zu realisieren, wie klein die Stadt war, denn auch sie kannte die Familie.

„Hallo Dylan, hallo Madison. Wie geht es euren Eltern?“

Cassie zuckte zusammen, da sie offensichtlich nicht auf dem neuesten Stand zu sein schien und sie mit Ryan noch nicht besprochen hatte, wie sie darauf reagieren sollte. Als sie nach den richtigen Worten suchte, sagte Dylan: „Es geht ihnen gut, danke Martha.“

Cassie war dankbar über Dylans kurze Antwort, obwohl seine Gelassenheit sie überraschte. Sie hatte aufgebrachtere Reaktionen von ihm und Madison erwartet. Vielleicht hatte Ryan ihnen aufgetragen, nicht darüber zu sprechen, wenn jemand nicht Bescheid wusste. Vermutlich war das der Grund, schließlich schien die Frau in Eile zu sein und ihre Frage war nur eine höfliche Formalität gewesen.

„Hallo Martha, ich bin Cassie Vale“, sagte sie.

„Du klingst, als kämst du aus den Staaten. Arbeitest du für die Ellis-Familie?“

Wieder zuckte Cassie zusammen.

„Ich helfe nur aus“, sagte sie, da sie trotz ihres informellen Einverständnisses mit Ryan vorsichtig sein musste.

„Es ist so schwer, gute Hilfskräfte zu finden. Wir selbst haben gerade Not am Mann. Erst gestern wurde eine unserer Kellnerinnen ausgewiesen, weil sie nicht die richtigen Papiere hatte.“

Sie sah Cassie an, die schnell zum Tisch blickte. Was meinte die Frau? Verdächtigte sie Cassie, kein Arbeitsvisum zu haben, weil sie mit amerikanischem Akzent sprach?

Wollte sie ihr mitteilen, dass sich die Behörden in der Nachbarschaft umsahen?

Schnell gaben sie und die Kinder ihre Bestellungen auf und die Managerin eilte davon.

Kurze Zeit später erschien eine gestresst wirkende Bedienung, die offensichtlich aus dem Ort zu sein schien, und brachte Pasteten und Pommes.

Cassie wollte nicht länger als nötig sitzen bleiben, um der Managerin keine Gelegenheit zu geben, ihr Gespräch fortzuführen, da das Restaurant sich mittlerweile geleert hatte. Sobald sie aufgegessen hatten, ging sie zum Tresen, um zu bezahlen.

Sie verließen die Teestube auf demselben Weg, den sie auch gekommen waren. An einem Zoogeschäft machten sie Halt, um Fischfutter für die Tiere zu kaufen, die Dylan Orange und Lemon genannt hatte. Außerdem brauchte sein Hase, Benjamin Bunny, frische Streu.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle hörte Cassie Musik und sie bemerkte eine Gruppe von Leuten, die sich auf dem gepflasterten Marktplatz versammelt hatten.

„Was machen die Leute dort?“, fragte Madison, die die Aktivitäten ebenfalls bemerkt hatte.

„Können wir schauen gehen, Cassie?“, fragte Dylan.

Sie überquerten die Straße und entdeckten, dass Straßenkünstler ihre Zelte aufgeschlagen hatten.

In der nördlichen Ecke des Platzes spielte eine Live-Band, die aus drei Musikern bestand und auf der gegenüberliegenden Seite wurden Ballontiere hergestellt. Eltern mit kleinen Kindern standen bereits Schlange.

In der Mitte führte ein Magier, der Frack und Zylinder trug, seine Tricks vor.

„Oh, wow. Ich liebe Zaubertricks“, flüsterte Madison.

„Ich auch“, stimmte Dylan ihr zu. „Ich möchte mehr darüber lernen und erfahren, wie sie funktionieren.“

Madison verdrehte die Augen.

„Ganz einfach. Zauberei!“

Als sie ankamen, hatte der Magier gerade einen Trick vollendet, die Menge staunte und applaudierte und ging dann weiter. Der Zauberer drehte sich zu ihnen.

„Willkommen, liebe Leute. Vielen Dank, dass ihr an diesem wundervollen Nachmittag euren Weg zu mir gefunden habt. Aber sag mal, kleines Fräulein, ist dir nicht ein bisschen kalt?“

Er winkte Madison zu sich.

„Kalt? Mir? Nein.“ Sie machte einen Schritt nach vorne und lächelte vorsichtig.

Er streckte seine leeren Hände aus, ging auf sie zu und klatschte dann neben Madisons Kopf.

Sie keuchte. Als er seine Hände nach unten hielt, sah sie einen kleinen Spielzeugschneemann.

„Wie hast du das gemacht?“, fragte sie.

Er gab ihr das Spielzeug.

„Er war die ganze Zeit auf deiner Schulter und ist mir dir gereist“, erklärt er und Madison lachte sowohl begeistert als auch ungläubig.

„Also, dann wollen wir mal sehen, wie schnell eure Augen sind. Und so funktioniert’s. Ihr wettet gegen mich – egal, wie viel. Und ich bewege vier Karten hin und her. Wer erraten kann, wo die Königin gelandet ist, verdoppelt sein Geld. Wer falsch liegt, geht mit leeren Händen von dannen. Also, wer möchte wetten?“

„Ich! Kann ich etwas Geld haben?“, fragte Dylan.

„Klar. Wie viel möchtest du denn verlieren?“ Cassie wühlte in ihrer Jackentasche herum.

„Fünf Pfund, bitte. Dann kann ich zehn gewinnen.“

Cassie, die die Menge bemerkt hatte, die sich hinter ihnen versammelte, gab Dylan das Geld.

„Das sollte kein Problem für dich sein, junger Mann. Ich kann sehen, dass du schnelle Augen hast. Aber vergiss nicht – die Königin ist eine hinterlistige Dame, die schon viele Schlachten gewonnen hat. Sieh gut zu, wenn ich die vier Karten austeile. Ich lege sie mit dem Bild nach oben ab, damit jeder es sehen kann. Das ist fast schon zu einfach. Es ist, als würde ich Geld hergeben. Die Herz-Königin, das Pik-Ass, die Kreuz-Neun und der Bube in Karo. Schließlich sagt man ja über die Ehe: Sie beginnt mit Herzen und endet mit Hacke und Pickel.“

Das Publikum hinter ihnen lachte.

Die Aussage des Zauberers über eine zerbrochene Ehe bereitete Cassie Sorgen und sie betrachtete nervös die Kinder, doch Madison schien den Witz nicht verstanden zu haben und Dylans Aufmerksamkeit war auf die Karten gerichtet.

„Jetzt drehe ich sie um.“

Eine Karte nach der anderen wurde verdeckt.

„Und jetzt bewege ich sie.“

Geschwind, aber nicht zu schnell, mischte er die vier Karten. Es war eine Herausforderung, der Königin zu folgen, doch als er stoppte, war sich Cassie ziemlich sicher, dass sich die Königin ganz rechts befinden musste.

„Wo ist die werte Königin?“, fragte der Zauberer.

Dylan hielt inne und zeigte dann auf die Karte ganz rechts.

„Bist du dir sicher, junger Mann?“

„Ja“, Dylan nickte.

„Du hast noch die Chance, deine Meinung zu ändern.“

„Nein, ich bleibe dabei. Sie muss einfach dort sein.“

„Sie muss einfach dort sein. Nun, dann wollen wir mal sehen, ob unsere Königin gleicher Meinung ist oder ob einer ihrer Konsorten sie verstecken konnte.“

Er drehte die Karte um und Dylan stöhnte hörbar.

Es war der Bube in Karo.

„Verdammt“, sagte er.

„Der Bube. Immer bereit, seine Königin zu beschützen. Treu und loyal bis zum Ende. Doch die Königin der Herzen, dem Zeichen der Liebe, entzieht sich uns noch immer.“

„Also, wo ist die Königin?“

„Ja, wo ist sie?“

Cassie hatte bemerkte, dass er beim Mischen der Karten eine Karte überhaupt nicht berührt hatte – die auf der linken Seite. Das war das Pik-Ass gewesen.

„Ich glaube, sie ist dort“, riet sie und zeigte auf die Karte.

„Ah, eine clevere Frau, zeigt auf die eine Karte, von der sie weiß, dass sie es unmöglich sein kann. Aber wisst ihr was? Wunder geschehen.“

Geschwind deckte er die Karte auf und dort war sie – die Königin.

Gelächter und Applaus füllten den Marktplatz und Cassie freute sich, als Dylan und Madison ihr ein High-Five schenkten.

„Wie schade, dass Sie kein Geld gesetzt haben, meine Dame. Sie wären jetzt ein bisschen reicher, aber so ist das Leben. Wer braucht schon Geld, wenn man von der Liebe selbst erwählt wurde?“

Cassie spürte, wie ihre Wangen rot wurden. Schön wär’s, dachte sie.

„Als Erinnerung dürfen Sie die Karte behalten.“

Er steckte sie in eine Papiertüte und schloss diese mit einem Aufkleber, bevor er sie Cassie übergab, die sie in das Seitenfach ihrer Handtasche steckte.

„Ich frage mich, was geschehen wäre, wenn ich diese Karte ausgewählt hatte“, meinte Dylan, als sie davongingen.

„Ich bin mir sicher, es wäre der Karo-Bube gewesen“, sagte Cassie. „So verdient er sein Geld – er vertauscht die Karten, wenn Leute Geld wetten.“

„Seine Hände waren so schnell“, sagte Dylan und schüttelte den Kopf.

„Ich nehme an, dafür braucht man eine natürliche Begabung und muss jahrelang trainieren“, antwortete Cassie.

„Vermutlich“, stimmte Dylan ihr zu, als sie die Bushaltestelle erreichten.

„Ich glaube, dass auch Irreführung eine Rolle spielt, aber ich weiß nicht, wie das funktioniert, wenn vier Karten so nah beieinander liegen.“

„Ok, lass uns üben. Versuche, mich irrezuführen, Cassie“, bat Madison.

„Das werde ich, aber jetzt kommt der Bus. Lass uns erst einsteigen.“

Madison drehte sich um und während sie abgelenkt war, zog Cassie den Karamellapfel aus ihrer Jackentasche.

„Hey! Was hast du getan? Ich habe etwas gespürt. Und da ist gar kein Bus.“ Madison drehte sich um, sah, dass Dylan laut auflachte und hielt kurz inne, während sie realisierte, was geschehen war. Dann kicherte auch sie.

„Du hast mich erwischt!“

„Es ist nicht immer so einfach. Ich hatte Glück.“

„Der Bus kommt, Madison“, sagte Dylan.

„Ich werde mich nicht umdrehen. Du kannst mich nicht zwei Mal austricksen.“ Noch immer lachend verschränkte sie ihre Arme.

„Dann wirst du wohl hierbleiben müssen“, meinte Dylan, als der schlanke, einstöckige Bus vor ihnen stehen blieb.

Währen der kurzen Fahrt gaben sie alle ihr Bestes, sich gegenseitig in die Irre zu führen. Als sie ihre Haltestelle erreichten, schmerzte Cassies Bauch vor lauter Lachen und sie war glücklich, dass der Tag ein Erfolg gewesen war.

Als sie die Haustüre aufschloss, vibrierte ihr Handy. Es war eine Nachricht von Ryan, der ankündigte, Pizza nach Hause zu bringen und wissen wollte, ob sie etwas nicht mochte.

Sie schrieb zurück. „Ich bin für alles zu haben, danke.“ Als sie kurz davor war, die Nachricht abzuschicken, bemerkte sie, wie das klingen musste.

Mit roten Wangen löschte sie die Nachricht und ersetzte die Worte mit „Mir schmeckt eigentlich alles, danke.“

Eine Minute später klingelte ihr Handy erneut und sie griff schnell danach, um Ryans Antwort zu lesen.

Aber die Nachricht war nicht von ihm. Sie war von Renee, einer alten Schulfreundin aus den Staaten.

„Hey, Cassie. Heute Morgen hat jemand nach dir gesucht. Eine Frau. Sie rief aus Frankreich an. Sie war auf der Suche nach dir, wollte aber nicht mehr sagen. Kann ich ihr deine Nummer geben?“

Cassie las die Nachricht wieder und wieder durch und plötzlich fühlte sich das Dorf weder abgelegen noch sicher an.

Die Verhandlung ihres ehemaligen Arbeitgebers in Paris stand an und sein Verteidigungsteam suchte nach weiteren Zeugen – sie befürchtete, dass sich das Netz über ihr zusammenzog.




Kapitel sieben


Als sie den Kindern bei ihrer Abendroutine half, ihnen im Bad und beim Umziehen zur Seite stand, konnte Cassie die verstörende Nachricht nicht vergessen. Sie versuchte, sich davon zu überzeugen, dass Pierre Dubois‘ Anwaltsteam sie vermutlich direkt kontaktiert hätte ohne eine alte Schulfreundin ausfindig machen zu müssen. Aber die Tatsache blieb: Jemand suchte nach ihr.

Und sie musste dringend herausfinden, wer.

Nachdem sie das Badezimmer aufgeräumt hatte, antwortete sie Renee.

„Hat die Frau dir eine Nummer oder einen Namen hinterlassen?“

Sie ließ ihr Handy im Zimmer und ging zur Küche, um Madison dabei zu helfen, den Tisch mit all den Extras zu decken, die zur Pizza passten – Salz, Pfeffer, Knoblauch, Tabasco-Sauce und Mayonnaise.

„Dylan mag Mayo“, erklärte sie. „Ich finde es eklig.“

„Ich auch“, gab Cassie zu und ihr Herz machte einen Sprung, als sie hörte, wie sich die Haustür öffnete.

Madison eilte aus der Küche und Cassie folgte ihr.

„Pizza!“, rief Ryan und übergab Madison die Schachteln. „Es ist schön, drinnen zu sein. Draußen ist es dunkel und eiskalt.“

Er sah Cassie und sein Mund verzog sich zu einem unglaublich attraktiven Grinsen, ganz wie sie es sich erhofft hatte.

„Hallo Cassie! Gut siehst du aus. Wie ich sehe, hat die frische Meeresluft ordentlich Farbe in deine Wangen gebracht. Ich kann es kaum erwarten, von eurem Tag zu hören.“

Cassie lächelte zurück und war dankbar, dass er annahm, die frische Luft hatte ihre Wangen gerötet – nicht die Tatsache, dass sie wegen seines Erscheinens aufgeregt und merkwürdig verlegen geworden war.

Sie versuchte sich einzureden, dass es vermutlich das Beste wäre, diese Schwärmerei für ihren Chef abzulegen.

Einige Minuten später gesellte sich Ryan zu ihnen in die Küche und Cassie sah, dass er eine braune Papiertüte in der Hand hielt.

„Ich habe Geschenke mitgebracht“, kündigte er an.

„Was denn?“, fragte Madison.

„Geduld, mein Liebling. Setzt euch hin.“

Als die Kinder am Tisch saßen, öffnete er die Tüte.

„Maddie, das ist für dich.“

Es war ein schwarzes, enganliegendes Top mit einem Slogan in glitzerndem Pink, der auf dem Kopf geschrieben war.

„Das ist mein Handstand-Shirt“, stand auf dem Oberteil.

„Oh, wie hübsch. Ich kann es kaum erwarten, das Top in die Turnhalle anzuziehen“, sagte Madison und ihre Augen leuchteten, als sie das Shirt drehte und wendete und dabei zusah, wie es im Licht glitzerte.

„Das ist für dich, Dylan.“

Sein Geschenk war ein neongelbes, langärmeliges Fahrradshirt.

„Cool, Dad. Danke.“

„Ich hoffe, es trägt zu deiner Sicherheit bei, jetzt wo es morgens so dunkel ist. Und das ist für dich, Cassie.“

Zu Cassies Erstaunen zog Ryan ein Paar eleganter, warmer Handschuhe aus der Tasche. Ihre Augen weiteten sich, als ihr klar wurde, dass es sich fast um dieselben Handschuhe handelte, die sie in der Stadt anprobiert hatte.“

„Oh, wie wunderhübsch. Und so praktisch.“

Entsetzt stellte Cassie fest, dass ihre Schwärmerei für Ryan so garantiert nicht abklingen würde, denn sie stellte sich gerade vor, mit ihm auf der Terrasse zu sitzen und Wein zu trinken.

„Ich hoffe, sie passen dir. Ich habe versucht, mir deine Hände vorzustellen, als ich sie gekauft habe“, sagte Ryan.

Für einen Moment blieb Cassie der Atem weg und sie fragte sich, ob er ähnlich dachte wie sie.

„Also, hattet ihr einen schönen Tag?“, fragte Ryan.

„Wir hatten so viel Spaß. In der Stadt war ein Magier. Er hat mir einen Schneemann geschenkt und Dylan fünf Pfund leichter gemacht. Aber dann hat Cassie erraten, wo die Karte war und sie gewonnen – aber leider kein Geld.“

„Welche Karte hat sie gewonnen?“, fragte Ryan seine Tochter.

„Die Herz-Königin, also hat der Magier gesagt, dass sie bald Liebe finden wird.“

Cassie nahm einen Schluck Orangensaft, weil sie nicht wusste, wo sie hinschauen sollte und zu schüchtern war, um Ryans Blick aufzufangen.

„Nun, ich denke, Cassie verdient diese Karte und alles, was sie mit sich bringt“, sagte Ryan und sie verschüttete fast ihren Saft, als sie das Glas abstellte.

„Was habt ihr danach gemacht?“, fragte er.

„Wir haben auf dem Weg zum Bus über Irreführungen geredet und Cassie hat mich ausgetrickst und meinen Karamellapfel gestohlen!“

Die Worte strömten nur so aus Madison heraus und obwohl Dylan mit seiner Pizza beschäftigt war, nickte er enthusiastisch.

„Wir haben dir auch etwas mitgebracht“, sagte Cassie und gab ihm schüchtern die Cashewnüsse.

„Mein Lieblingssnack! Ich habe einen anstrengenden Tag vor mir und werde die Nüsse mitnehmen und zu Mittag essen. Welch Überraschung. Danke für das aufmerksame Geschenk.“

Während der letzten Worte sah er Cassie an und seine blauen Augen hielten ihren Blick mehrere Sekunden lang fest.

Nachdem die Pizzen verschlungen waren – Cassies fehlender Appetit wurde von Ryan und seinen Kindern wettgemacht, am Ende war der Teller blitzeblank – nahm Cassie die Kinder mit ins Familienzimmer zum Fernsehen. Nach einer Talentshow, die ihnen allen gefiel, brachte sie sie ins Bett.

Die Abenteuer des Tages und die Talentshow, in der es auch um zwei Turnschülergruppen gegangen war, beschäftigten Madison noch länger.

„Ich glaube, ich will mal Turnerin werden“, sagte sie.

„Das ist viel Arbeit, aber wenn es dein Traum ist, dann musst du ihm folgen“, riet Cassie.

„Ich habe das Gefühl, nicht einschlafen zu können.“

„Willst du noch etwas plaudern? Oder soll ich dir eine Geschichte vorlesen?“

Cassie versuchte, beim Gedanken an Ryan, der mit einem Glas Wein auf der Terrasse saß und auf sie wartete, nicht ungeduldig zu werden. Oder vielleicht wartete er gar nicht, sondern war bereits zu Bett gegangen. Dann würde sie die Gelegenheit verpassen, ihm von Dylans Ladendiebstahl zu erzählen.

Die Erinnerung rüttelte sie auf. In ihrem Glück über das aufmerksame Geschenk und dem Geplauder am Esstisch hatte sie den unangenehmen Vorfall vollkommen vergessen. Es war ihre Pflicht, Ryan davon zu erzählen, auch wenn sie damit den wundervollen Tag ruinierte.

„Ich würde gerne etwas lesen.“

Madison schlug ihre Decke zurück, ging zum Regal und wählte ein Buch, das sie offensichtlich schon oft gelesen hatte, denn der Rücken war faltig und die Seiten voller Eselsohren.

„Das ist die Geschichte eines normalen Mädchens, das Balletttänzerin wird. Es ist so aufregend. Jedes Mal, wenn ich es lese, begeistert es mich aufs Neue. Denkst du, das ist seltsam?“

„Nein, überhaupt nicht. Die besten Geschichten geben dir immer dieses Gefühl“, sagte Cassie.

„Cassie, denkst du, dass auf dem Internat Turnen unterrichtet wird?“

Wieder dieses Internat. Cassie hielt inne.

„Ja, vor allem weil es sich bei Internaten gewöhnlich um größere Schulen handelt. Ich nehme an, dass es dort viele Sporteinrichtungen gibt.“

Madison schien mit der Antwort zufrieden zu sein, hatte dann aber einen weiteren Gedanken.

„Darf man die Ferien über im Internat bleiben?“

„Nein, in den Ferien gehen die Schüler nach Hause. Warum würdest du in der Schule bleiben wollen?“

Cassie hoffte, eine Antwort zu erhalten, aber Madison zog sich die Decke bis zum Kinn und öffnete das Buch.

„Ich habe mich nur gewundert. Gute Nacht. Ich schalte mein Licht später selbst aus.“

„Ich sehe nochmal nach dir“, versprach Cassie, bevor sie die Tür schloss.

Sie eilte zu ihrem Zimmer, nahm sich ihren Mantel und zog die hübschen, neuen Handschuhe an, bevor sie auf den Balkon ging.

Zu ihrer Erleichterung war Ryan noch immer dort. Sie sah sogar freudig, dass er auf sie gewartet und den Wein noch nicht eingeschenkt hatte. Als er sie sah, sprang er auf die Füße, zog ihren Stuhl näher an seinen und schüttelte das Kissen auf, bevor sie sich setzte.

„Prost. Vielen Dank für heute. Es ist das beste Gefühl der Welt, die Kinder so glücklich zu sehen.“

„Prost.“

Als ihr Weinglas seines berührte, erinnerte sie sich, dass der Tag nicht wirklich perfekt gewesen war. Es hatte einen ernsthaften Vorfall gegeben. Wie sollte sie ihm davon erzählen? Was wäre, wenn er sie für ihre Vorgehensweise kritisierte?

Sie entschied sich dafür, das Thema langsam anzugehen und im Gespräch darauf zu kommen. Vielleicht würde Ryan ja erneut seine Scheidung erwähnen, das wäre die perfekte Überleitung für sie: „Weißt du, ich denke, die Scheidung war schwerer für Dylan als gedacht. Kurz nachdem Madison ihre Mutter erwähnt hat, hat er in einem Laden Süßigkeiten gestohlen.“

Sie sprachen eine Weile über das Wetter – der folgende Tag versprach, gut zu werden – und den Zeitplan der Kinder. Ryan erklärte ihr, dass der Schulbus die beiden morgens um halb acht abholen würde, er dann bereits bei der Arbeit sei und die Kinder sie über den weiteren Tagesverlauf oder etwaige Aktivitäten informieren würden.

„In meinem Schrank hängt außerdem ein Stundenplan, den kannst du dir jederzeit ansehen“, sagte er. „Ich aktualisiere ihn stets.“

„Danke. Ich werde mich bei Bedarf daran orientieren“, antwortete Cassie.

„Weißt du“, sagte Ryan und Cassie verspannte sich. Sie leerte ihr Glas, denn seine Stimme hatte sich verändert, war ernster geworden. Sie war sich sicher, dass er seine Scheidung erwähnen würde, was für sie bedeutete, dass es Zeit war, das schwierige Ladendiebstahl-Thema auf den Tisch zu bringen.

Er schenkte ihr Wein nach, bevor er fortfuhr.

„Weißt du, ich habe heute viel an dich gedacht. Als ich diese Handschuhe gesehen habe, kamst du mir sofort in den Sinn und mir wurde klar, wie sehr ich unsere Unterhaltung gestern Abend genossen habe. Die Handschuhe waren also quasi nur meine Art, dir zu sagen, dass ich sehr gerne jeden Abend mit dir hier draußen verbringen würde.“

Für einen Moment wusste Cassie nicht, was sie darauf antworten sollte. Sie konnte nicht glauben, was sie gerade gehört hatte. Als sie seine Worte verdaute, wurde ihr warm vor Freude.

„Sehr gerne. Ich habe den gestrigen Abend auch sehr genossen.“

Sie wollte noch mehr hinzufügen, hielt sich aber zurück. Sie musste sich in Acht nehmen, ihre auflodernden Emotionen für sich zu behalten. Schließlich war es möglich, dass Ryans Kommentar reine Höflichkeit gewesen war.

„Passen sie gut?“ Er nahm ihre linke Hand und streichelte ihre Finger zärtlich mit seinem Daumen.

„Ja, sie passen perfekt. Und mir ist darin überhaupt nicht mehr kalt.“

Ihr Herz klopfte so laut, dass sie sich fragte, ob er ihren Puls fühlen konnte, während er seine Finger sanft über ihr Handgelenk wandern ließ, bevor er sie schließlich losließ.

„Ich bewundere dich so sehr, den Schritt gewagt zu haben, die andere Seite des Ozeans zu erkunden. Hast du dich ganz alleine dazu entschieden? Oder mit anderen gemeinsam?“

„Ganz alleine“, sagte Cassie und freute sich über seine Anerkennung.

„Das ist unglaublich. Was denkt deine Familie darüber?“

Cassie wollte nicht lügen, also gab sie ihr Bestes, die Angelegenheit zu umgehen.

„Ich habe nur Unterstützung erfahren. Von Freunden, Familienmitgliedern und meinen vorherigen Arbeitgebern. Einige Freunde meinten, ich würde Heimweh bekommen und bald nach Hause zurückkehren, aber dem war nicht so.“

„Und hast du jemand Besonderen zurückgelassen? Einen Freund, vielleicht?“

Cassie konnte kaum atmen, als ihr klar wurde, was seine Frage beinhaltete. Machte Ryan Anspielungen? Oder handelte es sich lediglich um eine normale Unterhaltung, weil er mehr über sie erfahren wollte? Sie musste vorsichtig sein. Ihre Schwärmerei für ihn könnte sie dazu bringen, etwas Unangebrachtes zu sagen.

„Ich habe keinen Freund. Anfang des Jahres war ich mit jemandem zusammen, aber wir haben uns schon lange vor meiner Abreise getrennt.“

Das war nicht die Wahrheit. Sie hatte nur wenige Wochen vor ihrem Abschied mit ihrem gewalttätigen Ex Schluss gemacht. Es war einer ihrer Hauptgründe gewesen, den Kontinent zu verlassen – sie hatte nicht riskieren wollen, von ihm verfolgt zu werden oder ihre Meinung ihm gegenüber zu ändern.

Aber diese Version konnte Cassie Ryan nicht erzählen. In diesem Moment, an diesem Ort, während sie die weißen Kämme der Wellen beobachtete, die ans Ufer rollten, wollte sie, dass er glaubte, ihre letzte Beziehung befände sich weit in der Vergangenheit. Dass sie ruhig und narbenlos und bereit für etwas Neues war.

„Ich bin froh, dass du das mit mir geteilt hast. Es wäre nicht richtig von mir, nicht sicher zu gehen“, sagte Ryan leise. „Und ich nehme an, dass du die Beziehung beendet hast, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass es andersherum gewesen sein könnte.“

Cassie starrte ihn an. Seine hellblauen Augen hypnotisierten sie und sie hatte das Gefühl, zu träumen.

„Ja, das habe ich. Es hat nicht funktioniert und ich musste die Entscheidung treffen.“

Er nickte.

„Das habe ich bereits bei unserem ersten Gespräch gespürt. Deine innere Stärke. Deine Fähigkeit, zu wissen, was du willst und danach zu streben. Und gleichzeitig bist du unglaublich empathisch, zärtlich und weise.“

„Naja, ich weiß nicht, wie weise ich tatsächlich bin. Meistens fühle ich mich nicht so.“

Ryan lachte. „Weil du zu beschäftigt bist, dein Leben zu leben und dich nicht übermäßig selbst beobachtest. Eine weitere hervorragende Eigenschaft.“

„Hey, ich habe das Gefühl, während meiner Zeit hier von einem Experten auf dem Gebiet zu lernen“, konterte sie.

„Macht das Leben nicht am meisten Spaß, wenn man es mit jemandem verbringt, der einem einen Sinn gibt?“

Seine Worte waren neckend, aber sein Gesicht ernst und sie bemerkte, dass sie nicht wegsehen konnte.

„Ja, auf jeden Fall“, flüsterte sie.

Das fühlte sich nicht wie eine normale Unterhaltung an. Das Gespräch bedeutete mehr, das musste es einfach.

Ryan stellte sein Glas ab, nahm ihre Hand und zog sie nach oben. Er legte seinen Arm lässig um ihre Taille, nur für einige Augenblicke, während sie sich zur Tür drehte.

„Ich hoffe, du schläfst gut“, sagte er, als sie ihre Schlafzimmertür erreichten.

Seine Hand berührte ihren Rücken, als er sich zu ihr beugte. Und für einen Moment betrachteten ihre faszinierten Augen die Form seines Mundes, sinnlich und fest, von der weichen Linie seiner Bartstoppeln umrandet.

Dann, nur für einen Augenblick, berührten seine Lippen ihre, bevor er sich wegdrehte und ihr leise eine gute Nacht wünschte.

Cassie sah zu, wie er seine Tür hinter sich schloss. Wie auf Wolken überprüfte sie, ob Madison ihr Licht ausgeschaltet hatte und kehrte dann in ihr Zimmer zurück.

Entsetzt fiel ihr ein, dass sie vergessen hatte, Ryan von dem Ladendiebstahl zu erzählen.

Sie hatte keine Gelegenheit dazu bekommen. Der Abend hatte sich in eine andere Richtung entwickelt, eine unerwartete, die sie erstaunt und sowohl hoffnungs- als auch erwartungsvoll gemacht hatte. Sie hatte das Gefühl, er habe mit dem Kuss eine Tür geöffnet und dahinter hatte sie etwas gesehen, was ihre ganze Welt verändern könnte.

War es ein rein freundschaftlicher Kuss gewesen? Oder hatte er etwas bedeutet? Sie war sich nicht sicher, glaubte aber, dass etwas dahinterstecken musste. Die Unsicherheit machte sie nervös und aufregt, aber es war ein gutes Gefühl.

In ihrem Zimmer checkte sie ihre Nachrichten und sah, dass Renee zurückgeschrieben hatte.

„Die Frau meinte, sie rufe von einem Münztelefon aus an. Also keine Nummer. Wenn sie nochmal anruft, werde ich sie nach ihrem Namen fragten.“

Beim Lesen hatte Cassie plötzlich eine Idee.

Die mysteriöse Frau hatte von einem Münztelefon aus angerufen, keine Informationen hinterlassen und eine Schulfreundin Cassies kontaktiert, die als eine der einzigen noch in ihrer alten Heimatstadt lebte.

Cassies Vater war schon lange weg- und mehrere Male umgezogen, hatte Jobs und Freundinnen gewechselt und sein Handy fast jedes Mal verloren, wenn er betrunken unterwegs gewesen war. Sie war schon lange nicht mehr mit ihm in Kontakt gewesen und wollte ihn nie wiedersehen. Er wurde älter, kränker und lebte so, wie er es verdiente. Doch das bedeutete auch, dass Familienmitglieder sich nicht mehr mit ihm in Verbindung setzen konnten. Selbst sie wüsste nicht, wie sie ihn kontaktieren könnte.

Es bestand die Möglichkeit – eine Möglichkeit, die wahrscheinlicher schien, je mehr sie darüber nachdachte – dass es bei der Anruferin um ihre Schwester Jacqui ging, die versuchte, Cassie zu finden. Eine alte Schulfreundin wäre die einzige Verbindung für jemanden, der sich nicht in den sozialen Netzwerken aufhielt. Und das tat Jacqui nicht, Cassie hatte oft genug nachgesehen. Immer wieder hatte sie nach ihr gesucht und gehofft, mit ihrer Detektivs-Arbeit eines Tages eine Spur zu ihrer Schwester zu finden.

Ihre Haut kribbelte, als sie die Möglichkeit bedachte, dass Jacqui eventuell versucht hatte, sie zu kontaktieren.

Das bedeutete nicht, dass sich Jacqui in einer guten Situation befand, aber das hatte sie auch nie geglaubt. Wenn Jacqui sich niedergelassen hätte, eine Wohnung besaß und arbeitete, hätte sie sich schon lange bei ihr gemeldet.

Wenn Cassie an Jacqui dachte, stellte sie sich immer Unsicherheit vor. Sie dachte an ein Leben als Gratwanderung – zwischen Geld und Armut, Drogen und Rehabilitation, Freunden und Vergewaltigern. Aber was wusste sie schon? Je unsicherer Jacquis Leben war, desto schwerer wäre es für sie, ihre Familie zu kontaktieren, die sie vor so langer Zeit verlassen hatte. Vielleicht erlaubten ihre Umstände es nicht oder sie schämte sich. Vielleicht verbrachte sie Wochen oder gar Monate auf der Straße oder unter dem Radar, high oder nach Essen bettelnd.

Cassie entschied sich dazu, Vertrauen zu haben und es darauf ankommen zu lassen.

Schnell schrieb sie Renee zurück, schließlich wusste sie, dass Ryan das WLAN jeden Moment ausschalten würde.

„Es könnte meine Schwester sein. Bitte gib ihr meine Nummer, wenn sie nochmals anruft.“

Cassie schloss die Augen und hoffte, richtig zu liegen. Sie hatte getan, was sie konnte, um mit dem einzigen Familienmitglied, das ihr etwas bedeutete, in Kontakt zu treten.




Kapitel acht


Am nächsten Morgen herrschte organisiertes Chaos, als Cassie versuchte, die Kinder für die Schule anzuziehen. Teile der Schuluniform fehlten, Schuhe waren schmutzig und Socken passten nicht zusammen. Sie rannte zwischen der Küche und den Schlafzimmern hin und her, um gleichzeitig auch noch alle mit Frühstück zu versorgen.

Die Kinder schlangen Tee, Toast und Marmelade herunter, bevor sie sich wieder auf die Suche nach ihren Schulsachen machten, die übers Wochenende in einem anderen Universum verschwunden zu sein schienen.

„Ich habe mein Abzeichen verloren!“, rief Madison und zupfte an ihrem Blazer herum.

„Wie sieht es denn aus?“, fragte Cassie mit niedergeschlagener Stimme. Sie hatte geglaubt, es endlich geschafft zu haben.

„Es ist rund und hellgrün. Ich kann ohne das Abzeichen nicht zur Schule gehen. Ich war letzte Woche Klassensprecherin und muss das Abzeichen heute weitergeben.“

Panisch ging Cassie auf die Knie, suchte das ganze Zimmer ab und fand das Abzeichen schließlich auf dem Boden des Schrankes.

Nachdem diese Krise abgewendet worden war, kündigte Dylan das Verschwinden seines Mäppchens an. Erst als die Kinder bereits das Haus verlassen hatten, fand Cassie es hinter dem Hasenkäfig, also rannte sie die Straße hinunter zur Bushaltestelle, wo die Kinder warteten.

Als alle sicher im Bus saßen, atmete Cassie tief durch und dachte glücklich an den vergangenen Abend zurück.

Während sie aufräumte, spielte sie gedanklich immer wieder die Interaktionen zwischen ihr und Ryan ab.

Er hatte mir ihr geflirtet, dessen war sie sich sicher.

Wie er sie berührt, ihre Hand genommen und nach ihrem Beziehungsstatus gefragt hatte. Es war eine unschuldige Frage gewesen, ganz im Gegensatz zu seinem darauffolgenden Kommentar.

„Es wäre nicht richtig von mir, nicht sicher zu gehen.“

Seine Frage war also nicht grundlos gewesen – er hatte sicher gehen wollen.

Und dann der Kuss. Sie schloss die Augen, als sie daran dachte und fühlte die Wärme in sich aufsteigen. Es war so unerwartet, so perfekt gewesen.

Es hatte sich freundschaftlich angefühlt, aber auch so, als hätte er mehr damit meinen können. Es war unmöglich auszuschließen. Sie fühlte sich unsicher, aber auf positive Art und Weise.

Der Morgen verging wie im Flug und da Ryan angekündigt hatte, erst spät nach Hause zu kommen, entschied sie sich, mit der Vorbereitung des Abendessens anzufangen. Sie kannte nur wenige Rezepte, aber in der Küche befand sich ein Regal voller Kochbücher.

Cassie entschied sich für das Buch für Familienessen. Sie hatte angenommen, dass es sich um Ryans Buch handelte und war überrascht, eine handgeschriebene Notiz auf der ersten Seite zu finden – Alles Liebe zum Geburtstag Trish.

Es war also Trishs Buch, ein Geschenk von einem Freund, vielleicht jemandem, der nicht wusste, dass Ryan sich meistens ums Kochen kümmerte. Sie hatte es jedenfalls nicht mitgenommen.

Cassies Gedanken wurden unterbrochen, als es laut klopfte.

Sie eilte zur Tür.

Ein Mann in schwarzen Lederklamotten stand davor, ein großes Motorrad parkte auf dem Gehweg hinter ihm.

Sobald Cassie die Tür geöffnet hatte, machte er einen Schritt nach vorne, sodass er sich bereits halb im Haus befand. Er war groß, breitschultrig, hatte kurzes, stacheliges Haar und einen Schnurrbart. Sie nahm einen Hauch von Aggression war, als er sie zurückschob und sie ansah.

Sie ging einen Schritt zurück, nervös, weil er ihre Privatsphäre so verletzt hatte. Sie bereute es, die Tür nicht mit der Kette versehen zu haben, bevor sie sie öffnete, aber sie hatte das in dem kleinen, ruhigen Dorf nicht für nötig gehalten.

„Ist das das Haus der Familie Ellis?“, fragte der Mann.

„Ja“, sagte Cassie und fragte sich, worum es ging.

„Ist Mr. Ryan Ellis zuhause?“

„Nein, er ist bei der Arbeit. Kann ich Ihnen helfen?“

Cassie wurde bereits panisch. Ihrer eigenen Sicherheit wegen hätte sie angeben sollen, Ryan sei lediglich kurz zu den Nachbarn gegangen. Sie wusste nicht, wer der Mann war. Er war aufdringlich und arrogant, kein Postbote würde so mit einem Kunden interagieren.

„Und wer sind Sie?“ Der Mann lächelte halbherzig und lehnte sich mit einer Hand gegen den Türrahmen.

„Ich bin das Au-Pair“, sagte Cassie abwehrend und erinnerte sich zu spät daran, dass sie sich als Freundin der Familie hätte ausgeben sollen.

„Ah, dann hat er Sie also angestellt? Und bezahlt Sie? Woher kommen Sie? Den Staaten?“

Cassie fühlte, wie ihr der Atem stockte. Sie hatte nicht damit gerechnet und dachte sofort an die abgeschobene Kellnerin, von der ihr die Managerin der Teestube gestern erzählt hatte.

Sie antwortete nicht. Stattdessen wiederholte sie: „Wie kann ich Ihnen helfen?“

Sie hoffte, dass er nicht spürte, wie sehr sie sich fürchtete.

„Ich habe eine besondere Lieferung für Mr. Ryan Ellis.“

Der Mann überreichte ihr einen großen Briefumschlag, auf dem sowohl Ryans Name als auch seine Adresse handschriftlich geschrieben waren.

Sie legte den Umschlag auf den Tisch im Flur und er überreichte ihr ein Clipboard.

„Hier unterschreiben. Name, Uhrzeit und Telefonnummer.“

Es handelte sich also doch nur um einen Lieferservice. Cassie war erleichtert, würde sich aber erst entspannen, wenn der komische Mann aus dem Türrahmen verschwunden war.

„Und Ihren Reisepass, bitte.“

„Meinen was?“

Sie starrte ihn entsetzt an.

„Ich muss ihn fotografieren. Wenn es Ihnen nichts ausmacht.“

Seine Stimme verriet bereits, dass es ihm egal war, ob es ihr etwas ausmachte oder nicht. Er lehnte sich an die Wand und sah auf die Uhr.

Cassie war durch und durch verwirrt. Worum ging es hier? Sie fürchtete, es könnte sich um eine Art Razzia illegaler Arbeiter handeln.

Sie konnte ihm nicht befehlen, zu verschwinden, obwohl sie genau das tun wollte. War ein Foto ihrer Dokumente überhaupt legal oder eine Verletzung ihrer Rechte? Es fühlte sich wie ein Einschüchterungsversuch an, aber ihr fiel kein Ausweg ein, der ihr nicht noch mehr Ärger einbringen würde.

„Würden Sie bitte draußen warten, während ich ihn hole?“, fragte sie.

Er bewegte sich langsam auf die Veranda, verschränkte die Arme und sah ihr mit einem Halblächeln auf dem runden, blassen Gesicht zu.

Sie schloss die Haustüre und wünschte, sie nicht erneut öffnen zu müssen. Dann eilte sie ins Schlafzimmer, um ihren Pass zu holen – inklusive dem belastenden Besuchervisum.

Dann ging sie zurück, öffnete die Tür und überreichte ihm ihren Pass.

In der Zwischenzeit hatte er sich eine Zigarette angezündet. Er steckte sie sich zwischen die Lippen, nahm sein Handy heraus und blätterte durch die Seiten des Dokuments.

Sie hörte das wiederholende Klicken der Handykamera. Es sah aus, als fotografiere er mehr als nur eine Seite.

Dann gab er ihr den Pass zurück und nahm die Zigarette aus dem Mund.

„Ok, das war’s. Richten Sie Mr. Ellis aus, dass ich zurückkommen werde, wenn er sich der im Umschlag beschriebenen Angelegenheit nicht annimmt.“

Er schnalzte den schwelenden Zigarettenstummel auf den Boden, drehte sich weg und ging zurück zu seinem Bike. Eine Minute später hörte sie das Dröhnen des Motors, dann war er weg.




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