Nur den Auserwählten
Morgan Rice


„Morgan Rice hat es wieder geschafft! Mit den neuen starken Charakteren hat die Autorin eine neue magische Welt geschaffen. EHRE WEM EHRE GEBÜHRT ist voll von Intrigen, Verrat, unerwarteten Freundschaften und all den anderen wichtigen Bestandteilen, die jede Seite zu einem Genuss machen. Vollgeladen mit Action werden Sie dieses Buch wie auf heißen Kohlen sitzend lesen.“ -Book and Movie Reviews, Roberto Mattos

Von der Bestsellerautorin von DER RING DER ZAUBEREI (gratis Download) Morgan Rice erscheint eine neue fesselnde Fantasy-Reihe.

Um das magische Relikt zu finden, das ihn zu seinem Vater führen wird, muss der 17-jährige Royce in NUR DEN ERWÄHLTEN (Der Weg des Stahls – Buch 3) zusammen mit seinen Freunden eine große Reise über das Meer antreten. Der König stellt unterdessen eine Armee auf, um ihr Land anzugreifen. Das Schicksal seiner Leute hängt also allein von ihm ab.

Genoveva hat mittlerweile die bösen Absichten ihrer adligen Gäste durchschaut und muss eine schwerwiegende Entscheidung treffen, die für sie Leben oder Tod bedeutet.

NUR DEN TAPFEREN webt die epische Geschichte von Freundschaft und Liebsten, von Rittern und Ehre, von Verrat, Schicksal und Liebe. Als eine Geschichte von Tapferkeit zieht sie uns in eine Fantasy-Welt hinein, in die wir uns verlieben werden und die allen Generationen unabhängig welchen Geschlechts gefallen wird.

Buch 4 der Serie ist schon bald verfügbar.





Morgan Rice

Nur den Auserwählten



Copyright © 2019 durch Morgan Rice. Alle Rechte vorbehalten. Außer wie gemäß unter dem US Urheberrecht von 1976 ausdrücklich gestattet, darf kein Teil dieser Veröffentlichung auf irgendwelche Weise oder in irgendeiner Form sei es elektronisch oder mechanisch kopiert, reproduziert, verteilt oder angezeigt werden, ohne die ausdrückliche Erlaubnis des Autors eingeholt zu haben. Dieses Ebook ist nur für den persönlichen Gebrauch bestimmt. Dieses Ebook darf kein zweites Mal verkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch an andere Personen weitergeben wollen, so erwerben Sie bitte für jeden Rezipienten ein zusätzliches Exemplar. Wenn Sie dieses Buch lesen, ohne es käuflich erworben zu haben oder es nicht für Ihren alleinigen Gebrauch erworben wurde, so geben Sie es bitte zurück und erwerben Sie Ihr eigenes Exemplar. Vielen Dank, dass Sie die harte Arbeit des Autors respektieren. Es handelt sich um eine fiktive Handlung. Namen, Charaktere, Geschäftsangelegenheiten, Organisationen, Orte, Ereignisse und Zwischenfälle entspringen der Fantasie der Autorin oder werden fiktional benutzt. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Personen, ob tot oder lebendig, sind zufälliger Natur. Die Bildrechte des Bildbandes liegen bei DM_Cherry und werden unter der Lizenz Shutterstock.com verwendet.



Morgan Rice

Morgan Rice ist #1 Bestseller-Autor und USA Today-Bestsellerautor der epischen Fantasy-Serie RING DER ZAUBEREI, die siebzehn Bücher umfasst; der Bestseller-Serie WEG DER VAMPIRE, bestehend aus zwölf Büchern; der Bestseller-Serie TRILOGIE DES ÜBERLEBENS, einem postapokalyptischen Thriller mit drei Büchern; der epischen Fantasy-Serie VON KÖNIGEN UND ZAUBERERN, bestehend aus sechs Büchern; der epischen Fantasy-Serie FÜR RUHM UND KRONE, bestehend aus acht Büchern; der epischen Fantasy-Serie EIN THRON FÜR SCHWESTERN, bestehend aus acht Büchern; der neuen Science-Fiction-Serie CHRONIK DER INVASION mit vier Büchern; der Fantasy-Serie OLIVER BLUE UND DIE SCHULE FÜR SEHER, bestehend aus vier Büchern; der Fantasy-Serie DER WEG DES STAHLS, bestehend aus vier Büchern; und der neuen Fantasy-Serie DAS ZEITALTER DER MAGIER. Morgans Bücher sind in Audio- und Printausgaben erhältlich, und Übersetzungen sind in über 25 Sprachen erhältlich.

GEWANDELT (Buch #1 in der Reihe Weg der Vampire), ARENA EINS (Buch #1 der Trilogie des Überlebens) und QUESTE DER HELDEN (Buch #1 in der Reihe Ring der Zauberei), DER AUFSTAND DER DRACHEN (Buch #1 in der Reihe Von Königen und Zauberern), EIN THRON FÜR SCHWESTERN (Buch #1), ÜBERMITTLUNG (Buch #1 der Reihe Chronik der Invasion) und DIE ZAUBERFABRIK (Buch #1 der Reihe Oliver Blue und die Schule für Seher) stehen jeweils als kostenloser Download bei Google Play zur Verfügung!

Morgan freut sich, von Ihnen zu hören. Besuchen Sie also www.morganricebooks.com, um sich in die E-Mail-Liste einzutragen, ein kostenloses Buch und kostenlose Werbegeschenke zu erhalten, die kostenlose App herunterzuladen, die neuesten exklusiven Nachrichten zu erhalten und sich auf Facebook und Twitter zu verbinden. Und bleiben Sie in Kontakt!


Ausgewählte Kritiken zu Morgan Rice



„Wenn Sie geglaubt haben nach dem Ende von DER RING DER ZAUBEREI nicht weiterleben zu können, dann haben Sie sich geirrt. Mit DER AUFSTAND DER DRACHEN hat Morgan Rice eine brillante neue Serie geschaffen, die uns in das Reich von Trollen und Drachen, von Ehre, Mut und Magie entführen wird. Morgan ist es gelungen, eine neue Generation von Charakteren zu schaffen, die uns auf jeder Seite in Atem halten wird… Eine Empfehlung für alle Leser, die gut geschriebene Fantasy zu schätzen wissen.“

    – Books and Movie Reviews
    Roberto Mattos



„Ein Action-geladenes Fantasy-Abenteuer, das nicht nur allen Morgan Rice Fans gefallen wird, sondern auch Anhängern von Christopher Paolinis DAS VERMÄCHTNIS DER DRACHENREITER… Fans von Fiction für Jugendliche werden dieses Werk von Rice verschlingen und um eine Fortsetzung betteln.“

    – The Wanderer, A Literary Journal (bezugnehmend auf Der Aufstand der Drachen)



„Ein lebhaftes Fantasy-Abenteuer, das auch durch seine mysteriösen Elemente und sein Intrigenspiel besticht. In QUESTE DER HELDEN geht es um Mut und darum, einen Sinn im Leben zu finden. Die Helden und Heldinnen reifen, wachsen über sich hinaus und leisten dabei Außergewöhnliches… Alle die ein bissiges Fantasy-Abenteuer suchen, werden bei diesen Protagonisten und dieser Action fündig werden. Vor einer lebhaften Kulisse wächst das verträumte Kind Thor zu einem jungen Erwachsenen heran, der es mit lebensbedrohlichen Herausforderungen aufnehmen muss… Dieser Band verspricht der Anfang einer epischen Serie für Jugendliche zu werden.“

    – Midwest Book Review (D. Donovan, eBook Reviewer)



„DER RING DER ZAUBEREI hat alle Zutaten für einen Bestseller: die Handlung, die Gegenhandlung, viel Geheimnisvolles, wackere Ritter und sich entfaltende Beziehungen voll von Herzschmerz, Betrug und Täuschung. Es wird Ihnen sicherlich keine Minute langweilig sein. Für jedes Alter geeignet, darf es in keiner Fantasy-Buchsammlung fehlen.“

    – Books and Movie Reviews, Roberto Mattos



„In diesem Action-geladenen ersten Buch der epischen Fantasy-Reihe Der Ring der Zauberei (die momentan 14 Bände umfasst) stellt Rice ihren Lesern den 14-jährigen Thorgin „Thor“ McLeod vor, dessen Traum es ist, in die silberne Legion – der Eliteritter-Einheit des Königs – aufgenommen zu werden… Rices Schreibstil ist solide und ihre Handlung faszinierend.“

    – Publishers Weekly


BÜCHER VON MORGAN RICE

OLIVER BLUE UND DIE SCHULE FÜR SEHER

DIE ZAUBERFABRIK (BUCH #1)

DIE KUGEL VON KANDRA (BUCH #2)

DIE OBSIDIANE (BUCH #3)

DAS FEUERZEPTER (BUCH #4)



DIE INVASIONSCHRONIKEN

ÜBERMITTLUNG (BUCH #1)

ANKUNFT (BUCH #2)



DER WEG DES STAHLS

EHRE WEM EHRE GEBÜHRT (BUCH #1)

NUR DEN TAPFEREN (BUCH #2)

NUR DEN AUSERWÄHLTEN (BUCH #3)



EIN THRON FÜR SCHWESTERN

EIN THRON FÜR SCHWESTERN (BUCH #1)

EIN GERICHT FÜR DIEBE (BUCH #2)

EIN LIED FÜR WAISEN (BUCH #3)

EIN KLAGELIED FÜR DIE PRINZESSIN (BUCH #4)

EIN JUWEL FÜR KÖNIGE (BUCH #5)

EIN KUSS FÜR KÖNIGINNEN (BUCH #6)

EINE KRONE FÜR MÖRDER (BUCH #7)

EIN HÄNDEDRUCK FÜR THRONERBEN (BUCH #8)



FÜR RUHM UND KRONE

SKLAVIN, KRIEGERIN, KÖNIGIN (BUCH #1)

SCHURKIN, GEFANGENE, PRINZESSIN (BUCH #2)

RITTER, THRONERBE, PRINZ (BUCH #3)

REBELL, SCHACHFIGUR, KÖNIG (BUCH #4)

SOLDAT, BRUDER, ZAUBERER (BUCH #5)

HELD, VERRÄTER, TOCHTER (BUCH #6)

HERRSCHER, RIVALE, VERBANNTE (BUCH #7)

SIEGER, BESIEGTER, SOHN (BUCH #8)



VON KÖNIGEN UND ZAUBERERN

DER AUFSTAND DER DRACHEN (BAND #1)

DER AUFSTAND DER TAPFEREN (BAND #2)

DAS GEWICHT DER EHRE (BAND #3)

DIE SCHMIEDE DES MUTS (BAND #4)

EIN REICH DER SCHATTEN (BAND #5)

DIE NACHT DER VERWEGENEN (BAND #6)



DER RING DER ZAUBEREI

QUESTE DER HELDEN (BAND #1)

MARSCH DER KÖNIGE (BAND #2)

FESTMAHL DER DRACHEN (BAND #3)

KAMPF DER EHRE (BAND #4)

SCHWUR DES RUHMS (BAND #5)

ANGRIFF DER TAPFERKEIT (BAND #6)

RITUS DER SCHWERTER (BAND #7)

GEWÄHR DER WAFFEN (BAND #8)

HIMMEL DER ZAUBER (BAND #9)

MEER DER SCHILDE (BAND #10)

REGENTSCHAFT DES STAHLS (BAND #11)

LAND DES FEUERS (BAND #12)

DIE HERRSCHAFT DER KÖNIGINNEN (BAND #13)

DER EID DER BRÜDER (BAND #14)

DER TRAUM DER STERBLICHEN (BAND #15)

DAS TOURNIER DER RITTER (BAND #16)

DAS GESCHENK DER SCHLACHT (BAND #17)



DIE TRILOGIE DES ÜBERLEBENS

ARENA EINS: DIE SKLAVENTREIBER (BAND #1)

ARENA ZWEI (BAND #2)



DER WEG DER VAMPIRE

GEWANDELT (BAND #1)

VERGÖTTERT (BAND #2)

VERRATEN (BAND #3)

BESTIMMT (BAND #4)

BEGEHRT (BAND #5)

VERMÄHLT (BAND #6)

GELOBT (BAND #7)

GEFUNDEN (BAND #8)

ERWECKT (BAND #9)

ERSEHNT (BAND #10)

BERUFEN (BAND #11)

BESESSEN (BAND #12)



GEFALLENE VAMPIRE

VOR DEM MORGENGRAUEN (BUCH #1)



Wusstet ihr, dass ich viele verschiedene Serien geschrieben habe? Wenn ihr sie noch nicht gelesen habt, klickt auf die folgenden Bilder und ladet euch euren Serienstarter herunter!







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Kapitel eins


Royce ritt mit rasender Geschwindigkeit über die Heide in Richtung Küste, seine haselnussbraunen Augen auf sein Ziel gerichtet. Sein blondes Haar peitschte beim Reiten auf ihn ein, seine breiten, aufrechten Schultern zeugten von Entschlossenheit.

Vier weitere Figuren ritten hinter ihm, jeder weitere hätte zu viel Aufmerksamkeit erregt. Mark galoppierte neben ihm und hatte noch nie so stark ausgesehen, seitdem Royce ihn gefunden hatte. Sein dunkles Haar wurde von dem Stahlhelm fixiert und die Teile der Rüstung, die einst ein Krieger der Roten Insel getragen hatte, schimmerten im Sonnenlicht.

Mathilde und Neave ritten nebeneinander. Die ehemalige Bäuerin und das Mädchen der Picti, die sich immer wieder Blicke zuwarfen, hätten nicht unterschiedlicher sein können. Mathilde hatte rote Haare und könnte beinahe als Engel durchgehen, wäre sie nicht so kämpferisch, während Neaves dunkle Haare geflochten und ihre etwas dunklere Haut mit blauen Tattoos verziert war. Sobald Mathilde verkündet hatte, dass sie mitkommen würde, war Neaves Entscheidung auch gefallen.

Die größte Überraschung kam in Form von Sir Bolis. Seine in Kobaltblau eingefasste Rüstung schimmerte, wo sie das Licht einfing und bekundete seinen Reichtum und seine Fertigkeiten im Kampf. Er war ein oder zwei Jahre älter als Royce und Royce war sich sicher, dass er ihn nur ein kleines Bisschen lieber mochte, als damals, als Royce zum ersten Mal in Graf Undines Haus angekommen war. Royce konnte sich nicht erklären, weshalb er bereitwillig mit auf die Reise gekommen war, aber er konnte seine Hilfe nicht ablehnen.

Über ihm kreiste sein Falke Ember über das Heideland und durch seine Augen konnte Royce die Strecke vor ihnen genau sehen. Sie war gefahrenlos und flach bis zum Hafen in Ablaver. Dort angekommen würde Royce mit Sicherheit ein Schiff finden können, das sie zu den Sieben Inseln bringt, wo laut der Hexe Lori der Spiegel der Weisheit versteckt war.

Dort würden sie seinen Vater finden.

Die Voraussicht füllte Royce gleichermaßen mit Vorfreude und Furcht. Vorfreude, weil er seinen Vater nun um jeden Preis finden wollte; ihn finden musste, damit er zurückkommen und den Kampf gegen den Adel anführen konnte. Die Furcht kam wegen dem Ort, den sie aufsuchen mussten, um ihn zu finden.

„Bist du dir sicher, dass wir zu den Sieben Inseln müssen?“, sagte Bolis.

Royce zuckte mit den Schultern. „Das hat Lori gesagt.“

Über ihm kreischte der Falke zustimmend. Graf Undine hatte Royce sagen können, dass sein Vater nach dem Spiegel suchte, während die Hexe ihm den Aufenthaltsort geben konnte.

„Und du bist bereit, den Worten einer Hexe zu folgen und in hohe See zu stechen?“, drängte Sir Bolis.

„Du kannst jederzeit umkehren, wenn du das möchtest“, schlug Mark in einem Ton vor, der offensichtliches Misstrauen zeigte.

„Und etwas so Wichtiges in die Hände von Gaunern und Picti legen?“, brüskierte sich Sir Bolis. Royce fragte sich, wie jemand in seinem Alter so aufgeblasen klingen konnte.

„Hast du ein Problem mit meinem Volk, Eindringling?“, fauchte Neave und griff nach ihrem Dolch.

„Das reicht“, fuhr Royce dazwischen. „Dieses Unterfangen wird auch schon so schwierig genug. Wir müssen zusammenarbeiten.“

Er war geradezu überrascht, als die anderen ihren Streit beiseitelegten.

„Sie vertrauen dir“, sagte Mark, als sich die Gruppe ein wenig entfernte. „Wenn du anführst, folgen dir die Menschen.“

„Kommst du deswegen mit mir mit?“, fragte Royce.

Mark schüttelte seinen Kopf. „Du weißt, dass das nicht der Grund ist.“

„Obwohl du denkst, dass die Sieben Inseln gefährlich sind?“

„Sie sind gefährlich“, betonte Mark. „Dort warten Kreaturen… die nicht einmal annähernd menschlich sind. Dort gibt es Trolle und Geschöpfe des Todes, und Schlimmeres. Bist du dir sicher, dass wird dorthin müssen?“

Wie sollte Royce es erklären? Wie sollte er erklären, was er mit Lori erlebt hatte, der alten Frau, die wieder jung geworden war und was er gesehen hatte? Sie hatte ihm gesagt, wo sein Vater war, und Royce er musste den Ort aufsuchen, egal wie schwer es sein würde.

„Ich bin mir sicher“, antwortete er stattdessen.

„Nun, du hast mir oft genug das Leben gerettet“, erwiderte Mark. „Wo immer du hingehst, werde ich dir folgen.“

Royce konnte nicht in Worte fassen, wie froh er war, das zu hören. Mit allem was vor ihm lag… doch es war nicht das, was vor ihm lag, was ihm die meisten Sorgen bereitete. Es was das, was er zurückgelassen hatte. Er hatte sich gerade erst mit Olivia verlobt und seine Gedanken wanderten immer wieder zur Tochter des Grafen Undine. Er wünschte, sie hätten mehr Zeit gehabt, bevor er gehen musste… und manchmal begann ihr Gesicht in seinem Verstand zu verschwimmen und mehr und mehr wie das von Genevieve auszusehen… immerhin konnte er diese Gedanken von sich schieben.

Royce preschte vorwärts und konzentrierte sich auf den Weg vor sich, damit er nicht mehr an Genevieve denken musste oder die Art, mit der sie ihn weggestoßen hatte, oder die Geschwindigkeit mit der alles mit Olivia passiert war.

Er dachte immer noch daran, als Ember herabstürzte und ihre Klauen bei der Landung in Royces Schultern vergrub. Sie schrie auf, doch Royce hörte die Stimme von Lori, deren Worte er glasklar in seinem Kopf hören konnte.

„Folge dem Vogel, Royce. Er wird dich zu jemandem bringen, den du treffen musst.“

Ember flog davon und Royce folgte dem Falken mit seinen Augen. Er fragte sich, wie stark die Hexe ihn kontrollieren konnte und welche Absichten Lori hatte. Sie hatte ihm bereits gesagt, dass sie Gewalt und Tod in seiner Zukunft sah und hatte ihm eine Teilschuld dafür gegeben, was im Dorf geschehen war. Es gab keinen Grund, zu glauben, dass sie ihm helfen wollte.

Und doch schien es so, als würde sie helfen. Und da sie wusste, wo sein Vater war, konnte Royce nichts anderes tun, als ihr zu vertrauen. Royce folgte dem Falken über das Heideland bis hin zu einem kleinen Flecken, an dem ein einzelnes, mit Gras bewachsenes Langhaus stand, vor dem es qualmte.

Dort war ein Feuer und es sah so aus, als wäre darin alles Mögliche – angefangen von Möbeln bis hin zu Kleidung – verbrannt worden. Jetzt glühten nur noch die letzten Überreste vor sich hin, während der Rauch weiter aufstieg. Zwei Körper lagen neben dem Feuer, gehüllt in die Reste von Soldatenuniformen. Sie waren so blutüberströmt, dass es schwer zu erkennen war, auf welcher Seite sie gestanden hatten. Royce konnte niemand anderen sehen.

„Hallo?“, rief er und stieg von seinem Pferd ab. „Ist jemand hier?“

Er ruhte seine Hand auf dem Griff des Kristallschwerts an seiner Seite, unsicher ob er auf Banditen oder andere Feinde treffen würde. Offensichtlich war jemand hier gewesen, um die Männer zu töten und es konnte nicht lange her sein. Jetzt wirkte das Haus leer und die Tür war sperrangelweit offen, als hätte sie jemand eingetreten.

Dann hörte er ein Knurren aus dem offenen Eingang und erblickte die Kreatur mit gelben Augen und einem gefährlichen Fauchen.

„Wolf!“, rief Mathilde, als sich ihr Pferd aufbäumte.

Es war jedoch nicht wirklich ein Wolf. Die Kreatur war größer und hatte gleichermaßen Ähnlichkeiten mit einem Fuchs, als auch mit einem Wolf. Ihre Zähne waren lang und ihre Krallen wirkten scharf. Sie war blutüberströmt und es schien offensichtlich, dass das Blut von den Männern stammte.

„Kein Wolf“, sagte Neave. „Ein Bhargir, ein magisches Geschöpf.“

„Nur ein großer Wolf“, antwortete Sir Bolis, während er abstieg und sein Schwert zog.

„Kein Wolf“, beharrte Neave. „Mein Volk erzählt Geschichten über diese Kreaturen. Manche sagen, dass sie von bösen Magiern erschaffen wurden, andere meinen, dass sie die Seelen der Toten sind, oder Männer, die das Fell von zusammengenähten Bestien tragen und sich verwandeln.“

Was auch immer die Kreatur war, sie sah wütend aus. Sie knurrte, bewegte sich vorwärts und fixierte Royce mit ihren gelben Augen. Einen Moment lang glaubte Royce, sie würde sich auf ihn stürzen. Dann landete Ember wieder auf seiner Schulter.

„Sein Name ist Gwylim.“

„Wer?“, fragte Royce. „Was passiert hier, Lori?“

Der Vogel flog wieder davon und Royce nahm an, dass er sowieso keine Antworten bekommen hätte. Er blickte zurück und sah, wie sich Sir Bolis näherte, sein Schwert erhoben, als wollte er die Bestie damit zu Fall bringen.

„Es ist in Ordnung“, sagte er. „Ich kümmere mich darum.“

Der Ritter holte mit seiner Klinge aus und, fast ohne nachzudenken, stürzte sich Royce dazwischen und griff nach dem Arm des jungen Ritters.

„Warte“, sagte er. „Warte, Bolis.“

Er spürte, wie der Ritter seinen Angriff zurückzog, aber Bolis hielt seine Klinge immer noch bereit.

„Dieses Ding hat zwei Männer getötet und bedroht uns“, sagte Bolis. „Wir sollten es töten, bevor es jemand anderem Schaden zufügt!“

„Noch nicht“, erwiderte Royce. Er wandte seinen Blick auf das… wie hatte Neave es genannt? Einen Bhargir? Jetzt konnte er sehen, dass nicht das gesamte Blut von den Männern stammte. Es hatte eine Wunde an seiner Seite, welche seine gesamte Flanke entlanglief. Kein Wunder, dass die Kreatur knurrte.

„Gwylim?“, fragte Royce.

Beinahe sofort nachdem er es gesagt hatte, hörte das Knurren auf und der Bhargir legte seinen Kopf zur Seite, eindeutig schlauer als jeder Wolf.

„Du kannst einiges von dem verstehen, was ich sage, nicht wahr?“, vermutete Royce. „Die Hexe Lori hat mich gesandt. Wenn sie deinen Namen kennt, dann kennst du sie vielleicht auch?“

Die Kreatur hatten offensichtlich keine Möglichkeit zu antworten, doch sie schien sich zu beruhigen und legte sich zu Royces Füßen. Während der Bhargir dies tat, bemerkte Royce etwas Unmögliches: Die Wunde an seiner Seite begann sich mit unglaublicher Geschwindigkeit zu schließen. Nichts an dieser Kreatur war normal.

Royce wusste nicht, was er tun sollte. Lori hatte ihn offensichtlich nicht ohne Grund zu dieser Kreatur geschickt, aber was war der Grund? Er sah sich im Haus um und versuchte es herauszufinden, doch das Haus wirkt leergeräumt und sein Inhalt war offensichtlich Teil des Feuers geworden. Warum würden Plünderer wie die zwei toten Männer so etwas tun?

Ohne eine Antwort zu finden bewegte sich Royce zurück zu seinem Pferd. Er bemerkte, dass der Bhargir ihn beobachtete, während er so nahe am Feuer saß, dass seine Augen in der Hitze glühten.

„Ich weiß nicht, was ich mit dir machen soll“, sagte er. „Aber ich schätze, dass du klug genug bist, um das selbst zu entscheiden. Willst du mit uns kommen?“

Als Antwort darauf trottete das wolfartige Biest vorwärts und ließ sich neben Royces Pferd nieder. Royce war sich ziemlich sicher, dass er keine Probleme haben würde, bei ihrer Geschwindigkeit mitzuhalten.

„Wir nehmen jetzt auch Monster mit?“, fragte Sir Bolis.

„Es ist nicht fremder als der Rest von uns“, erwiderte Mathilde.

„Es ist um einiges gefährlicher“, sagte Neave mit ernstem Gesichtsausdruck. „Das ist keine gute Idee.“

Gute Idee oder nicht, Royce war sich sicher, dass es so sein sollte. Er beschleunigte sein Pferd und machte sich erneut auf den Weg nach Ablaver, während Ember über ihm schwebte und die Richtung vorgab. Sollte der Vogel irgendeine Ahnung davon haben, warum sie den Bhargir finden sollten, der ihnen nun folgte, so würde er keine Antworten geben.


* * *

Royce konnte die Stadt Ablaver bereits riechen, bevor er sie erblickte. Der Geruch von Fisch vermischte sich auf eine solche Art mit dem Ozean, dass man bereits erahnen konnte, was hier passierte. Es war ein Geruch, der ihn zur Umkehr drängte, doch er ritt weiter.

Der Blick auf die Stadt war keine große Verbesserung, denn die Walfangstation auf der einen Seite machte sie zu einem hässlichen Ort. Der Anblick der gigantischen, wunderschönen Kreaturen, die hier ausgeweidet wurden, löste bei Royce beinahe Brechreiz aus. Er konnte sich noch zurückhalten, doch es verlangte ihm alles ab.

„Wir dürfen niemandem sagen, wer wir sind“, warnte er die anderen.

„Denn eine Gruppe aus Picti und Rittern könnte alles sein“, fügte Mark hinzu.

„Wenn uns jemand fragt, dann sind wir Söldner aus dem Krieg, auf der Suche nach einer neuen Anstellung“, sagte Royce. „Die Menschen werden wahrscheinlich denken, dass wir Desserteure, Banditen oder ähnliches sind.“

„Ich will nicht, dass andere denken, ich wäre ein Bandit“, sagte Bolis. „Ich bin ein treuer Krieger von Graf Undine!“

„Und die beste Art, ihm treu zu bleiben, ist eben so zu tun, als wärst du etwas anderes“, sagte Royce. Die Nachricht schien bei dem Ritter anzukommen. Er schmierte sogar Schlamm auf sein Schild, während er vor sich hinmurmelte, damit niemand das Wappen sehen konnte. „Behaltet eure Kapuzen auf. Besonders du, Neave.“

Royce war sich nicht sicher, wie die Bewohner der Stadt auf die Picti in ihrer Gruppe reagieren würden. Er wollte sich nicht durch die gesamte Stadt kämpfen müssen. Es war schlimm genug, dass Gwylim immer noch neben ihm herlief, der viel zu groß und furchteinflößend für einen Wolf wirkte.

Sie machten sich auf den Weg in die Stadt und sahen sich zwischen den heruntergekommenen Häusern um, während sie sich den Docks und den wartenden Schiffen näherten. Die meisten waren nicht viel mehr als Fischerboote, aber einige der Walfangschiffe waren größer und darunter befanden sich Segel- und Langschiffe, die so aussahen, als stünden sie zum Verkauf.

Es gab Tavernen, aus denen Royce die betrunkenen Festlichkeiten und die gelegentliche Gewalt vernehmen konnte, und Marktstände, an denen ranziges Fleisch neben feiner ausländischer Ware verkauft wurde.

„Wir sollten uns aufteilen“, schlug Mathilde vor. Sie schien es auf eine Taverne abgesehen zu haben.

Royce schüttelte den Kopf. „Wir müssen zusammenbleiben. Wir marschieren zu den Docks, suchen uns ein Schiff und dann können wir auf Erkundungstour gehen.“

Mathilde wirkte nicht sehr glücklich damit, aber sie machten sich trotzdem auf den Weg zu den Docks. Niemand schien dort in Eile zu sein. Auf den Schiffdecks standen Seemänner gemütlich herum oder saßen in der Sonne.

„Wie sollen wir es machen?“, fragte Mark, während er sich umsah. „Ich glaube nicht, dass es besonders einfach wird, einen Kapitän zu finden, der zu den Sieben Inseln fährt.“

Royce war sich nicht sicher, ob es darauf eine gute Antwort gab. Er sah nur eine Möglichkeit und die war alles andere als unauffällig.

„Hört mir zu!“, rief er über den Tumult der Docks. „Ich brauche ein Schiff. Gibt es hier einen Kapitän, der bereit ist, zu den Sieben Inseln zu segeln?“

„Ist das wirklich klug?“, fragte Bolis.

„Wie sonst sollen wir jemanden finden?“, erwiderte Royce. Selbst wenn sie in eine Taverne gingen und still und leise danach fragten, würden sich die Neuigkeiten schnell herumsprechen. Vielleicht war es auf diese Art sogar besser. Er erhob seine Stimme erneut: „Ich frage nochmal: Wer kann uns zu den Sieben Inseln bringen?“

„Warum willst du dorthin?“, rief eine Männerstimme zurück. Der Mann, der nach vorne marschierte, trug helle Seidenstoffe eines Kaufmanns und hatte einen großen Bauch, der von einem etwas zu angenehmen Leben zeugte.

„Wir haben dort geschäftlich zu tun“, antwortete Royce, der nicht mehr sagen wollte. „Dort warten Leute, die mich und meine Begleiter anheuern möchten.“

Der Mann kam noch näher. Royce beobachtete sein Gesicht und suchte nach einem Zeichen, dass der Mann sie erkannt hatte. Aber er entdeckte nichts.

„Als was?“, fragte der Mann. „Seid ihr Narren, Gaukler?“

Royce schaltete schnell. Vielleicht konnten sie nicht so einfach als Söldner durchgehen, aber das…

„Natürlich“, sagte er und stellte sicher, dass er Bolis nicht in die Augen sah. „Wir haben eine Anstellung auf den Sieben Inseln.“

„Die Bezahlung muss gut sein, damit ihr dort hingeht“, sagte der Kapitän. „Was bedeutet, dass ihr gut bezahlen könnt, nicht wahr?“

Royce zog einen kleinen Beutel hervor. „Bis zu einem gewissen Grad.“

Wenn es ihn zu seinem Vater bringen würde, war er bereit jede Münze in der Tasche zu bezahlen. Er warf den Beutel in Richtung des Kapitäns, der sie auffing.

„Ist das genug?“, fragte Royce.

Das war die andere Gefahr. Der Kapitän könnte sich umdrehen, das Geld nehmen und damit zurück zu seinem Schiff laufen. Es gab nichts, was Royce dagegen tun konnte, denn es würde seine Deckung auffliegen lassen. Einen Monat lang schien alles stehenzubleiben.

Dann nickte der Kapitän. „Aye, es ist genug. Ich werde euch in einem Stück zu den Sieben Inseln bringen. Danach seid ihr auf euch alleine gestellt.“




Kapitel zwei


Genevieve stolperte benebelt aus der Stadt und konnte kaum fassen, was in Altfors Schloss passiert war. Sie war voller Hoffnung dort angekommen, doch jetzt fühlte sie sich, als wäre sie komplett leer. Jetzt, nachdem die Streitkräfte des Herzogs besiegt waren, nachdem Royce gesiegt hatte, dachte sie, dass sie endlich zu ihm gehen könnte. Mit ihm zusammen sein könnte.

Stattdessen erinnerte sie sich an den Anblick des Rings an Olivias Finger, der die Verlobung zu dem Mann bestätigte, den sie liebte.

Genevieve stolperte, als ihr Fuß an einer steinigen Stelle am Boden hängen blieb und der Schmerz in ihren verdrehten Knöchel schoss. Sie humpelte weiter, denn wohin sollte sie sonst gehen? Es war nicht so, als würde ihr hier draußen auf dem Heideland irgendjemand helfen.

„Ich hätte auf die Hexe hören sollen“, sagte sie zu sich selbst, während sie weiterlief. Die Frau, Lori, hatte versucht sie davor zu warnen, dass sie im Schloss nur Kummer erwarten würde. Sie hatte Genevieve zwei Pfade gezeigt und versprochen, dass sie glücklicher mit dem Weg werden würde, der nicht zu Royce führte. Genevieve hatte ihr nicht geglaubt, doch jetzt… jetzt fühlte es sich so an, als würde ihr Herz zerbrechen.

Ein Teil von ihr fragte sich, ob es noch möglich war, den zweiten Pfad einzuschlagen, aber schon während sie darüber nachdachte, war ihr klar, dass diese Option verflogen war. Es war nicht nur, dass sie jetzt nicht in derselben Situation war. Es lag vor allem daran, dass sie gesehen hatte, was mit Royce passiert war, und nie wieder mit jemand anderem glücklich werden konnte.

„Ich muss nach Fallsport“, sagte Genevieve. Sie hoffte, dass der Weg sie zur Küste bringen würde. Früher oder später würde sie dort ankommen und ein Boot finden, das sie dorthin führen würde, wo sie hinmusste.

Sheila musste bereits in Fallsport sein. Genevieve könnte sie treffen und gemeinsam würden sie einen Weg finden, das Beste aus der Situation zu machen. Vorausgesetzt, dass es so etwas wie das Beste überhaupt gab. War es überhaupt möglich, etwas Positives darin zu finden, dass sie mit Altfors Kind schwanger war, von dem Mann verlassen worden war, den sie liebte, und das gesamte Herzogtum im Chaos versank?

Genevieve wusste es nicht, aber vielleicht konnte sie mit der Hilfe ihrer Schwester ihre Perspektive ändern.

Sie wanderte weiter über das Heideland, während ihr Hunger immer größer wurde und die Müdigkeit in ihren Knochen steckte. Vielleicht wäre es leichter zu ertragen, wenn sie wüsste, wie weit es noch war oder wann sie das nächste Mal etwas zu essen finden würde, aber stattdessen schien sich das Heideland vor ihr in die Unendlichkeit zu ziehen.

„Vielleicht sollte ich mich einfach hinlegen und sterben“, sagte Genevieve und obwohl sie es nicht wirklich meinte, wollte ein Teil von ihr… nein, so würde sie nicht denken. Würde sie nicht.

In der Ferne konnte Genevieve Menschen erspähen, doch sie entfernte sich von ihnen. Sie zu treffen, würde in keinem Fall gut ausgehen. Als Frau alleine in der Wildnis war sie durch jede Gruppe von Desserteuren, Soldaten oder sogar Rebellen bedroht. Als Braut von Altfor hatten die Truppen von Royces Armee auch keinen Grund sie zu verschonen.

Stattdessen ging sie in die entgegengesetzte Richtung, bis die Menschen aus ihrem Sichtfeld verschwunden waren. Sie würde es alleine schaffen.

Nur, dass sie nicht wirklich alleine war. Genevieve legte eine Hand auf ihren Bauch, als könnte sie spüren, wie das Leben in ihr heranwuchs. Altfors Baby, aber auch ihres. Sie musste einen Weg finden, um ihr Kind zu beschützen.

Sie ging immer noch weiter, als die Sonne hinter dem Horizont zu verschwinden begann und das Heideland in feuriges Rot tauchte. Doch es war kein Feuer, dass Genevieve warmhalten würde, und sie konnte bereits sehen, wie ihr Atem kleine Dunstwolken hervorbrachte. Es würde eine kalte Nacht werden. Im besten Fall würde sie eine Höhle oder einen Graben finden, in dem sie sich zusammenkauern konnte, während sie mit gefundenem Torf oder Unkraut versuchte, ein echtes Feuer zu machen.

Im schlechtesten Fall würde es ihren Tod bedeuten, erfroren in einem Moor, das seinen Besuchern keine Gnade entgegenbrachte. Vielleicht war das noch besser, als ziellos hindurchzuwandern, bis sie verhungerte. Ein Teil von Genevieve wollte sich einfach hinsetzen und den Lichtern beim Tanzen zusehen bis…

Auf einmal wurde Genevieve klar, dass nicht alle orangen und roten Farbklekse auf der Moorlandschaft eine Reflektion des Sonnenlichts waren. Dort, in der Ferne, konnte sie ein Licht sehen, das so aussah, als käme es aus einer Art Gebäude. Dort waren Menschen.

Gerade noch hatte sie der Anblick von Menschen zum Umkehren gebracht, doch das war, als Tageslicht und Wärme vorhanden waren und andere Leute nur eine reine Gefahr dargestellt hatten. Jetzt, in der Dunkelheit und der Kälte waren diese Gefahren durch die Hoffnung eines Zufluchtsorts ausgeglichen.

Genevieve humpelte auf das Licht zu, obwohl jeder weitere Schritt sich wie ein Kampf anfühlte. Sie spürte, wie ihre Füße tiefer in den torfigen Untergrund des Heidelands sanken und die Disteln dabei an ihren Beinen kratzten. Es fühlte sich wie eine natürliche Barriere an, in der sich Wanderer verwickeln und zerkratzen sollten, um schlussendlich ihren Willen zu verlieren, sie zu durchqueren. Trotz allem hörte Genevieve nicht auf zu gehen.

Langsam kamen die Lichter näher und während der Mond den Himmel erklomm und die Landschaft erhellte, erblickte sie eine Farm. Genevieve ging ein wenig schneller und bewegte sich so schnell sie trotz ihrer Schmerzen und Erschöpfung konnte darauf zu. Sie näherte sich und jetzt kamen Menschen aus dem Gebäude.

Einen Moment lang schreckte Genevieve zurück und wollte wieder davonlaufen. Sie wusste jedoch, dass sie das nicht mehr konnte, und so stolperte sie weiter, bis sie den Bauernhof erreichte. Ein Mann und eine Frau standen auf dem Hof mit Ackergeräten in den Händen, als erwarteten sie einen Angriff. Der Mann hielt eine Mistgabel hoch, während die Frau eine Sichel trug. Als sie erkannten, dass Genevieve alleine war, nahmen sie die Werkzeuge herunter.

Das Ehepaar war älter, verwittert und sah so aus, als würde es das Land bereits seit Jahrzehnten bearbeiten, Gemüse anbauen und ein paar Tiere auf dem Weideland grasen lassen. Die beiden trugen simple Kleidungsstücke und als sie Genevieve begutachteten, wandelte sich ihr Ausdruck von Misstrauen in Mitgefühl.

„Oh, sieh sie dir an, Thom“, sagte die Frau. „Die Arme muss halberfroren sein.“

„Jawohl, das sehe ich, Anne“, antwortete der Mann. Er streckte eine Hand nach Genevieve aus. „Komm mit, Mädchen, wir bringen dich besser nach drinnen.“

Er führte sie in ein Bauernhaus mit niedriger Decke, in dessen Ecke ein großer Kessel mit Eintopf vor sich hin köchelte. Der Mann führte Genevieve zu einem Sitzmöbel vor dem Feuer und sie klappte darauf zusammen, bis sie tief darin versunken war. Der Komfort ließ sie noch mehr spüren, wie müde sie tatsächlich war.

„Bleib sitzen und erhole dich ein wenig“, sagte die Frau.

„Hier“, sagte der Mann. „Sie kommt mir bekannt vor, nicht wahr, Anne?“

„Ich bin ein Niemand“, erwiderte Genevieve schnell. Im Dorf hatte man sie schon alleine deshalb gehasst, dass sie Altfors Ehefrau war, obwohl sie keinen Einfluss darauf hatte, was der Sohn des Herzogs tat.

„Nein, ich erkenne dich“, sagte Anne. „Du bist Genevieve, das Mädchen, das der Sohn des Herzogs mitgenommen hat.“

„Ich—“

„Du musst dich nicht verstecken“, sagte Thom. „Wir verurteilen niemanden dafür, gestohlen worden zu sein. Wir haben in unserem Leben schon viele Mädchen gesehen, die von den Adeligen mitgenommen wurden.“

„Du bist hier sicher“, sagte Anne und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

Genevieve wusste gar nicht, wie sie sich für diese Worte bedanken konnte. Als ihr der Bauer einen Teller mit Eintopf überreichte, aß sie ihn mit großem Hunger und spürte erst jetzt, wie ausgezehrt sie war. Sie deckten sie zu und Genevieve war sofort eingeschlafen, tief in einer traumlosen Dunkelheit, die sie sich bitterlich erhofft hatte.

Als sie erwachte, floss das Tageslicht bereits durch die Fenster des Bauernhauses und Genevieve erahnte, dass es bald Mittag sein würde. Anne war hier, doch ihr Ehemann schien verschwunden.

„Ah, du bist wach“, sagte sie. „Es gibt Brot und Käse, und ein kleines Bier, falls du es möchtest.“

Genevieve ging zum Küchentisch und füllte ihren hungrigen Bauch.

„Es tut mir leid“, sagte sie.

„Was tut dir leid?“, fragte Anne.

„Dafür, dass ich einfach so aufgetaucht bin“, antwortete Genevieve. „Und einfach in euer Haus gekommen bin. Wenn mich jemand hier findet, seid ihr wahrscheinlich auch in Gefahr. Und… für alles, was passiert ist, während Altfor an der Macht war.“

„Du musst dich dafür nicht entschuldigen“, beharrte Anne. „Denkst du, ich weiß nicht, wie es abläuft, wenn der Adel die Mädchen entführt? Denkst du, dass ich immer schon alt war?“

„Du…“, begann Genevieve.

Anne nickte. „Unter dem ehemaligen König liefen die Dinge besser, aber sie waren alles andere als perfekt. Es gab immer schon die Adeligen, die sich einfach nahmen, was sie wollten. Das soll einen Keil zwischen sie und ihn getrieben haben, soviel ich weiß.“

„Das tut mir leid“, sagte Genevieve, als ihr klar wurde, was die alte Frau damit sagen wollte.

„Hör auf damit“, antwortete Anne. „Es gibt nichts, für das du dich entschuldigen musst. Ich will nur, dass du weißt, dass du hier in Sicherheit bist.“

„Dankeschön“, sagte Genevieve, denn Sicherheit schien gerade so rar zu sein, dass sie ihr kaum jemand anbieten konnte. Sie sah sich um. „Wo ist dein Ehemann?“

„Oh, Thom kümmert sich um die Schafe. Nicht, dass sie viel Pflege bedürfen. Man gibt ihnen einen Platz zum Grasen und Schlafen und schon sind sie zufrieden. Menschen sind komplizierter, sie wollen immer mehr.“

Genevieve fiel es leicht, das zu glauben. Es gab immer Menschen, die glaubten, sie hätten ein Recht auf alles und wollten dann immer noch mehr. Wie viel Chaos hatten diese Menschen bereits verursacht?

„Hast du dir überlegt, wo du als Nächstes hinmöchtest?“, fragte Anne.

„Ich dachte… meine Schwester ist in Fallsport in Sicherheit“, sagte Genevieve. „Ich dachte, ich würde vielleicht zu ihr gehen.“

„Das ist eine weite Reise“, erwiderte Anne. „Es liegt über dem Ozean. Und ich schätze, dass du wahrscheinlich nicht gerade das nötige Kleingeld für eine Überfahrt per Schiff hast.“

Genevieve schüttelte den Kopf. Je mehr sie begann, über die Idee nachzudenken, desto unwahrscheinlicher erschien sie ihr. Sheila aufzusuchen, war eine offensichtliche Reaktion, aber auch töricht. Es würde bedeuten, dass beide ihr Leben lang auf der Flucht sein müssten, immer darauf wartend, dass in der Dunkelheit ein Messer auf sie lauerte.

„Nun, wir haben auch kein Geld, mit dem wir helfen können“, sagte Anne. „Aber du kannst eine Weile hierbleiben, wenn du möchtest. Wir können die zusätzliche Hilfe am Hof gebrauchen und hier wird dich niemand finden.“

Die Großzügigkeit war mehr, als Genevieve ertragen konnte. Sie spürte sogar, wie sich ihre Augen bei dem Gedanken mit Tränen füllten. Was würde wohl passieren, wenn sie einfach hierbleiben und ihrer Flucht ein Ende setzen würde?

Nun erfüllte das Bild von Olivias Ring ihre Gedanken. Sie dachte, dass sie mit Royce glücklich werden würde, und schließlich war das auch nicht besonders gut ausgegangen. Eine friedliche Lösung war nicht für sie bestimmt.

Außerdem hatte sie bereits einen Plan geschmiedet. Sie hatte ihn gemeinsam mit Sheila gemacht, doch überwältigt von ihren Emotionen während der Flucht, hatte sie alles komplett vergessen. Nun hatte sie die Chance gehabt, sich zu erholen, zu schlafen und sogar wieder zu denken. Nun kam der gesamte Plan wieder zurück. Es war schon damals die beste Idee gewesen und war auch jetzt noch die beste.

„Ich kann nicht bleiben“, sagte Genevieve.

„Wo willst du hin?“, fragte Anne. „Was wirst du tun? Bist du dir sicher, dass du nach deiner Schwester suchen möchtest?“

Genevieve schüttelte ihren Kopf, denn sie wusste selbst, dass darin keine Hoffnung bestand. Nein, sie konnte nicht zu ihrer Schwester. Sie musste nach ihrem Ehemann suchen. Sie musste ihn finden und, wenn sie es verkraften konnte, versuchen sich ihrem Schicksal zu fügen und seine Frau zu sein. Würde sie es aushalten, bis das Kind geboren und anerkannt war, so könnte sie sich Altfors entledigen und als die Mutter seines Nachkommens regieren. Damit wäre allen ein Gefallen getan.

Es war ein verzweifelter Plan, doch es war der einzige, den sie hatte. Ihn umzusetzen, war der schwierige Teil. Sie wusste nicht, wo Altfor war. Sie wusste jedoch, wohin er gehen würde: Er hatte verloren und musste sich deshalb Unterstützung suchen. Er war auf dem Weg zum König. Genevieve wusste also, wohin sie gehen musste.

„Ich muss an den königlichen Hof“, sagte sie.




Kapitel drei


Royce klammerte sich an die Reling des Schiffs und wünschte, sie würden schneller vorankommen. Seine Aufmerksamkeit lag auf den Wellen in der Ferne, die er durch Embers Augen sehen konnte. Über ihm kreiste der Falke, seine grellen Rufe über den Wellen hallend, und stürzte immer wieder auf das Wasser hinab, wenn er einen kleinen Meeresvogel entdeckte, der einfach zu verlockend war.

Doch Royces Fokus lag auf etwas anderem. Er tauchte so tief er konnte in Embers Unterbewusstsein ein, auf der Suche nach irgendeinem Zeichen von Lori, irgendeiner Chance, mit der Hexe zu sprechen, die ihn auf die Reise zu seinem Vater geschickt hatte. Doch er fand nichts außer dem bewegten Meer und dem Leuchten der Sonne.

„Du stehst hier schon seit Stunden“, sagte Mark und gesellte sich zu ihm.

„Stunden bestimmt nicht“, protestierte Royce.

„Seit Sonnenaufgang“, erwiderte Mark mit sorgenvoller Miene. „Du und der Wolf.“

Gwylim schnaubte neben Royce und es war offensichtlich, dass der Bhargir nicht gerne als Wolf bezeichnet wurde. Royce hatte sich während der Reise schon mehrmals gefragt, wie viel die Kreatur tatsächlich verstand. Einige Male war Ember neben ihm gelandet und es erschien Royce, als würde eine lautlose Kommunikation zwischen ihnen stattfinden.

„Gwylim ist kein Wolf“, sagte Royce. „Und ich hatte gehofft, dass Lori noch eine weitere Nachricht für mich hat.“

„Ich weiß“, sagte Mark.

„Hat es dir Probleme verursacht?“, fragte Royce.

„Es hat bedeutet, dass ich die Streitigkeiten der anderen klären musste.“

„Von denen gibt es genügend“, schätze Royce.

„Mehr als genug“, sagte Mark. „Neave und Mathilde haben beschlossen, darüber zu diskutieren, wie sie ihre Liebe am besten deklarieren sollten. Bolis ist so eingebildet und alleine die Anwesenheit einer Picti reicht schon aus, um ihn zu reizen.“

„Und du, Mark?“, fragte Royce. „Was denkst du über die anderen?“

„Ich denke, es ist gut, sie an unserer Seite zu haben“, sagte Mark. „Das Picti-Mädchen wirkt mutig und es ist offensichtlich, dass Mathilda eine Kämpfernatur ist. Bolis mag ein Ritter sein, doch zumindest weiß er mit seinem Schwert umzugehen. Aber sie funktionieren nur gemeinsam, solange du sie anführst, Royce, und du bist schon den ganzen Tag hier oben.“

Das stimmte. Er hatte gehofft, einen Blick auf seinen Vater zu erhaschen oder zumindest einen Weg zu finden, sich mit der Hexe in Verbindung zu setzen, die ihn auf die Suche nach ihm geschickt hatte. Dazu hatte er seinen Fokus auf den Weg vor ihnen gelegt und nicht mehr darauf geachtet, was an Deck passierte. Zumindest schien alles gut zu laufen, denn sie waren auf dem Weg in die richtige Richtung.

„Glaubst du, dass zuhause alles in Ordnung ist?“, fragte Royce Mark.

„Machst du dir Sorgen um deine Brüder?“, fragte Mark.

Royce nickte. Lofen, Raymond und Garet waren tapfer und würden alles dafür tun, um den Kampf zu unterstützen, aber auch sie hatten beschränkte Kräfte und wurden schließlich schon einmal festgenommen.

„Sie und Olivia“, sagte er. Er erwähnte nicht, dass sich die Gedanken an seine Verlobte mit Bildern von Genevieve vermischten, nicht einmal bei Mark, denn diese Gedanken fühlten sich an wie ein Betrug an jemanden, der so gut und rein war, und dessen Vater ihnen so viel gegeben hatte.

„Wir kommen bald zu ihr zurück“, sagte Mark, während er Royce auf die Schulter klopfte, und für einen Moment konnte sich Royce nicht erinnern, wen von beiden er mit „ihr“ meinte.

„Das hoffe ich“, sagte er. Er schickte seine Aufmerksamkeit wieder in Embers Augen und konnte die Sieben Inseln in der Ferne bereits vor allen anderen sehen.

Sie waren in dicken Nebel gehüllt, der sich mit dem Wasser mitbewegte. Schroffe Felsen stachen rund um sie aus dem Meer, wie die Zähne einer großen Bestie. Es gab große Bestien, denn Royce sah, wie ein Wal die Wasseroberfläche durchbrach, und sein schwerer Körper mit einem Sprühregen aus den Fluten glitt. An den Felsen hingen noch die Überreste zahlreicher Schiffe, die keine sichere Route gefunden hatten. Royce war umso dankbarer, einen Kapitän gefunden zu haben, der bereit war, sie zu überführen.

Die Inseln selbst wirkten wie ein Mix aus grüner Landschaft und schwarzen Steinen. Sie waren alle um eine zentrale Lagune positioniert, in deren Herzen eine weitere Insel lag. Die meisten von ihnen waren mit Torf, Bäumen und einem Sand überzogen, der so dunkel war, dass er von den Granit- und Basaltwänden der Inseln abgetragen worden sein musste. Die zentrale Insel schien ein Vulkan zu sein, der mit einem finsteren, roten Leuchten vor sich hinblubberte und erst jetzt wurde Royce klar, dass der Dunst rund um die Inseln kein Nebel war. Stattdessen handelte es sich um Rauch, der sich absenkte und eine Art Heiligenschein um die Inseln formte.

Der Spiegel der Weisheit musste hier irgendwo sein und wenn er nach ihm suchen würde, so hoffte Royce, würde er auch seinen Vater finden.

„Land in Sicht“, rief er den anderen zu und deutete in die Richtung.

Der Schiffskapitän kam zu ihnen und lächelte. „Wo?“

Durch Royce eigene Augen waren die Inseln nur eine Reihe kleiner Punkte, die ganz langsam größer wurden.

„Wir haben es geschafft“, sagte der Kapitän. Er zog eine kleine Flasche aus seinem Gürtel. „Darauf müssen wir trinken und die Geister der See besänftigen.“

Er streckte sie Royce entgegen, der sie annahm und höflich daran nippte. Die Flüssigkeit brannte in seiner Kehle. Mark nahm sie auch, obwohl er offensichtlich lieber abgelehnt hätte, doch der Kapitän bestand darauf. Nach einem kleinen Schluck hustete er stark.

„Jetzt wo wir näher sind“, fing der Kapitän an, „könntest du uns vielleicht etwas mehr darüber erzählen, was ihr hier wollt. Du bist auf der Suche nach deinem Vater, nicht wahr?“

Royce brauchte einen Moment, um zu realisieren, was der Mann gesagt hatte.

„Das habe ich niemals gesagt“, erwiderte Royce.

„Oh, sei nicht schüchtern“, sagte der Kapitän. „Dachtest du wirklich, die Gerüchte würden nicht durch die Dörfer wandern? Du bist Royce, der Junge, der den alten Herzog gestürzt hat. Du bist auf der Suche nach deinem Vater und wenn du mich für den langen Weg zu den Sieben Inseln angeheuert hast, dann muss er hier irgendwo sein.“

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst“, sagte Royce, „wir sind nur—“

„Reisende Gaukler, ich weiß“, sagte der Kapitän. „Nur, dass ihr das nicht seid. Denkst du wirklich, ein wenig Schlamm auf dem Schild deines Ritters würde als Verkleidung dienen oder dass du das Zeichen auf deiner Hand loswerden kannst? Du bist Royce, keine Chance das zu leugnen.“

Der Mann starrte ihn erwartungsvoll an und Royce erahnte, dass es keinen Zweck hatte, es weiter abzustreiten. Trotzdem behagte es ihm nicht, die Wahrheit einzugestehen.

„Warum willst du das überhaupt wissen?“, fragte Mark von der Seite.

„Weil ich helfen möchte“, sagte der Kapitän. „Ihr habt nur gesagt, dass ihr zu den Sieben Inseln wollt, aber das ist ein großes Areal. Ich kann euch zu jeder von ihnen bringen. Wo wollt ihr hin?“

„Das weiß ich nicht“, gab Royce zu. Wüsste er die Antwort auf diese Frage, wäre es deutlich einfacher.

„Sei nicht schüchtern“, sagte der Kapitän. „Ich will helfen. Sag mir einfach, wo dein Vater ist, und ich führe dich direkt zu ihm. Sag mir, wo er ist.“

In der Stimme des Kapitäns lag eine Härte, die Royce überraschte. Er sah ihn an und versuchte mit Hilfe von Embers Sinnen herauszufinden, was dahintersteckte. Er zog sie zurück zum Schiff und sah es von oben an. Seitdem sie das Land verlassen hatten, hatte er nicht mehr von hier auf das Deck geblickt, denn er war zu beschäftigt damit gewesen, nach den Inseln zu suchen oder Lori durch Ember zu erreichen.

Hätte er auf das Schiff zurückgeblickt, so hätte er seine gefesselten Freunde im hinteren Teil des Schiffs gesehen. Ihre Hände waren hinter ihre Rücken gebunden und ihre Waffen und Rüstungen lagen auf der anderen Seite des Schiffs, während sie von einigen Seemännern bewacht wurden.

„Was soll das?“, sagte Royce. „Lass meine Freunde sofort frei!“

Der Kapitän wirkte offensichtlich überrascht, als er bemerkte, zu was Royce in der Lage war.

„Magie!“, sagte der Kapitän und machte einen Schritt zurück.

Royce griff nach seinem Kristallschwer und taumelte. Zu spät wurde ihm klar, wie unsicher und wackelig er sich auf seinen Beinen fühlte. Die kleine Flasche! Da war etwas in der Flasche! Mark lehnte bereits kraftlos an der Reling.

„Wir bringen dich zu deinen Freunden“, sagte der Kapitän, „und vielleicht finden wir einen Weg, dich zum Reden zu bringen, wenn wir ihnen ein bisschen wehtun. Der König wird gut für dich bezahlen, aber für sie… sie können wir aufschneiden, so viel wir wollen.“

Er klatschte in die Hände und ein paar Seemänner traten hervor, um Mark und Royce zu schnappen und sie zum Heck des Schiffs zu schleifen.

„Warum tust du das?“, forderte ihn Royce auf, doch die Worte kamen aus einem Nebel, der so dick war, wie die Luft rund um die Sieben Inseln.

„Warum tut man überhaupt irgendetwas?“, sagte der Kapitän mit einem Schulterzucken. „Geld! Ich könnte dich bis zu den Sieben Inseln bringen und mein Schiff bei der Durchfahrt durch die Felsen riskieren oder ich könnte dein Geld nehmen und dann auch noch die Belohnung einkassieren, wenn ich dich bei König Carris abliefere.“

„Hilf mir und ich finde einen Weg, dich ebenfalls zu belohnen“, brachte Royce hervor. Das klang sogar in seinen Ohren armselig.

Der Kapitän lachte. „Mit was? Du hast kein Geld. Oder planst du, selbst König zu werden? Es lohnt sich nicht, einen Krieg anzufangen, mein Junge. Ich komme gut um die Runden damit, ein paar Leute über das Meer zu bringen, diejenigen auszuliefern, die etwas wert sind oder das ein oder andere Schiff zu überfallen, das alleine am Ozean liegt. So mache ich mir ein schönes Leben.“

Royce wollte den Mann niederstrecken, doch die Seemänner hielten ihn nun an den Handgelenken fest und die Müdigkeit in seinen Knochen machte es schwieriger, sie abzuwehren.

„Oh, du möchtest kämpfen?“, fragte der Kapitän. „Vertrau mir, nach dem Aufwand, den ich mit dir hatte, würde ich das nicht tun. Den ganzen Weg… Ich habe dich nur soweit gebracht, weil ich dachte, ich könnte den alten König gemeinsam mit dir ausliefern. Aber ich zerstöre mein Schiff nicht an diesen Felsen.“

Ein Gedanken kam Royce; ein verzweifelter, gefährlicher Gedanke.

„Du wirst meinen Vater niemals finden, wenn du nicht dorthin gehst“, sagte er.

„Also erzählst du uns, wo er ist?“, fragte der Kapitän.

„Ich…“, täuschte Royce ein erschöpftes Stottern vor. „Ich kann es euch zeigen.“

Der Kapitän rieb seine Hände zusammen und nickte den Seemännern hinter sich zu. Er führte sie zu der Brücke des Schiffs, auf der Mathilde, Neave und Bolis gefesselt waren und ein Matrose das Ruder steuerte. Die Seemänner warfen Mark neben ihnen zu Boden, während Gwylim hinter ihnen her trottete.

Der Kapitän zog einen Dolch hervor und kam auf Mark zu. „Also, dein Freund wird uns sagen, wo wir den alten König finden, und sollte er Ärger machen, dann schneide ich dich in Stücke, bis er spurt.“

„Das musst du nicht tun“, sagte Royce. Mit dem Messer so nahe an Mark war die Situation noch brenzliger, doch er hatte keine andere Chance. „Ich führe euch.“

Er blickte durch Embers Augen und sah auf die Felsen und die Schiffswracks vor der ersten Insel herunter. Mit Hilfe ihres Blickes begann er die ersten Anweisungen zu geben.

„Ein bisschen nach links“, sagte er.

„Du glaubst, wir lassen uns von dir sagen, wohin wir fahren?“, brüskierte sich der Kapitän.

„Soll ich euch zu meinem Vater führen oder nicht?“, fragte Royce. Er fühlte sich so schwach. Hätte er seine Kräfte, würde er sich einfach durch die Crew des Schiffs prügeln und seine Freunde retten. So wie es war… so wie es war, schien das aussichtslos. „Wenn du mir nicht glaubst, dann beobachte einfach den Vogel. Ember führt uns an.“

Als der Kapitän aufsah, warf Royce Gwylim einen Blick zu und fragte sich, wie viel die wolfsartige Kreatur verstand. Er deutete mit einer Augenbewegung zu dem Kapitän und hoffte, er verstand genug. Dann spähte er wieder durch Embers Augen und ließ das Schiff näher an die Landfläche herankommen, in der Hoffnung, seine Chance zu bekommen…

„Jetzt!“, schrie Royce auf und der Bhargir sprang auf den Kapitän zu. Royce schnappte nach dem Steuerrad und verdrehte es so, dass sie auf die Felsen zusteuerten.

Das Schiff schwankte, doch Royce stürzte sich bereits auf seine Freunde. Die Drogen in seinem Blut gaben ihm das Gefühl, alles würde in einer Zeitlupe ablaufen. Geräusche und Bilder waren verzerrt, als er die Klänge eines brutalen Kampfes in seiner Nähe hören konnte. In seiner Verfassung hatte er keine Chance, an diesem Kampf teilzunehmen, doch er konnte versuchen, seine Freunde zu befreien. Er zog sein Kristallschwert und lehnte sich herab, um die Fesseln an Mathildes Händen zu durchtrennen.

„Danke“, sagte sie und rieb sich ihre Handgelenke. „Ich… hinter dir!“

Royce schwang herum und trieb seine Klinge in die Brust eines Seemanns, der auf ihn zukam. Trotz seiner wackeligen Beine, die kaum stehen konnten, hatte Royce die Kraft, sein Kristallschwert durch den Mann hindurchzustoßen. Das Schwert des Matrosen fuhr auf ihn herab und Royce konnte den Schlag noch auf seiner Rüstung spüren, bevor der Seemann erstarrte und zu Boden fiel.

Royce fing erneut an, die anderen aus ihren Fesseln zu schneiden, als ein weiterer Seemann auf sie zukam. Dieses Mal stürzte sich Ember auf ihn und schlug ihre Krallen lange genug in sein Gesicht, dass Bolis ihn kraftvoll über Bord treten konnte.

Das Schiff prallte mit einem so lauten Krachen der Holzplanken auf die Felsen, als würde ein ganzer Wald entwurzelt werden, und das gesamte Deck kippte zur Seite.

Die Männer schrien, als sie in das Wasser darunter stürzten. Royce sah etwas aus dem Ozean kommen, eine lange schlangenartige Kreatur, deren Fächerflossen und messerscharfe Zähne sie da unten trafen. Das Wesen wuchs wie ein Turm aus dem Wasser und der Mann, der aus seinem Mund hing, schrie laut auf, als sich die Zähne wie Nadeln in sein Fleisch bohrten. Ein anderer war in seinem eingedrehten Schlangenkörper verwickelt und Royce konnte die Knochen brechen hören, als die Bewegungen der großen Bestie ihn zerquetschten.

Für einen Moment lang starrte Royce einfach nur auf die Grausamkeit des Todes, dann rutschte er über das Deck bis zur Kannte, wo der Schlund des Seeungeheuers wartete.

Er griff nach der Reling und konnte sich kaum an Ort und Stelle halten. Neben ihm kämpften Mark, Mathilde, Bolis und Neave um ihr Leben, während sich das Schiff weiter in Stücke schlug.

„Was genau ist ein Plan?“, fragte Mark.

„Das ist so ziemlich alles“, gab Royce zu. Das Schiff zerstören und danach herausfinden, was sie als Nächstes tun sollten. Es war ein Spielzug, der auf nichts als Hoffnung basiert hatte, und nun waren sie auf einem Schiff, das langsam in zwei Teile zerbrach und sie schon bald gegen die Felsen schleudern, oder noch schlimmer, in die Tiefen des Meeres ziehen würde.

„Was sollen wir jetzt machen?“, fragte Neave. Sie hatte einen Arm um die Reling geschlungen, den anderen um Mathilde.

„Ich denke…“, sagte Royce und versuchte den Nebel in seinem Kopf zu verdrängen. „Ich denke, wir müssen springen!“

„Hier hinunterspringen?“, erwiderte Bolis. „Bist du verrückt geworden?“

„Wenn wir hierbleiben, wird uns das Schiffswrack in die Tiefe zerren“, sagte Royce. „Wir müssen hier raus und das ist der einzige Weg!“

Es gab noch einen anderen Grund, um zu springen. Zu viele Männer kamen über das Deck gelaufen und in seinem schwachen Zustand konnte er nicht alle bekämpfen. Oder in irgendeinem Zustand. Gwylim war hier und das Blut tropfte noch aus seinem Mund als er knurrte, aber was konnte eine Kreatur wie er in seiner Situation machen?

Es blieb nur eine Wahl und Royce hatte sie für seine Freunde getroffen. Ohne zu zögern, stieß er Bolis und Mark über den Rand. Mathilde sah so aus, als würde sie lieber bleiben wollen, doch Neave zerrte sie über die Reling. Gwylim wirkte furchtlos. Der Bhargir brüllte laut auf, bevor er sich hinabstürzte. Jetzt gab es nur noch eine Sache zu tun. Royce klettere auf die Reling und blickte hinab auf die schäumenden, tosenden Fluten. Er schob das Kristallschwert in seine Halterung, hoffte, dass die Rüstung, die er im Turm gefunden hatte, so leicht war, wie sie sich anfühlte…

…und sprang.




Kapitel vier


Raymond stand mit seinen Brüdern an einer Kreuzung, direkt an der Grenze zum Land des ehemaligen Herzoges. Er wusste, dass er voranschreiten sollte, und war doch noch nicht bereit, sich von den anderen zu trennen. Bald würden Lofen, Garet und er sich auf den Weg machen müssen, um alle Dinge einzuleiten, die Royce für seinen Feldzug brauchte; die sie alle brauchten.

„Aufgeregt?“, fragte er die anderen.

„Natürlich nicht“, sagte Lofen, der immer am tapfersten sein musste. Lofen war immer bereit für den Kampf und vielleicht würde ihm das bei der Suche nach den Picti helfen. Und doch ertappte sich Raymond bei dem Gedanken, dass sein Bruder wohl bessere Chancen hätte, würde er über mehr als nur eine Karte und eine ungefähre Ahnung verfügen.

„Ich werden tun, was getan werden muss“, sagte Garet, der natürlich genauso mutig wie seine Brüder wirken wollte. Raymond wollte ihm sagen, dass er wusste wie tapfer Garet war—er hatte gesehen, wie stark die andere gewesen waren, als man sie in Altfors Verlies gefangen gehalten hatte. „Ich bin der Fahnenträger für unsere Sache.“

„Ich finde diejenigen, die euch helfen können“, sagte Moira, deren Pferd neben Garets wartete. Raymond war sich nicht sicher, was er von ihrer Anwesenheit halten sollte. Die Tatsache, dass sie eine Adelige war, würde dabei helfen, andere Adelige auf ihre Seite zu holen, und sie hatte sich freiwillig gemeldet. Doch Raymond sah bereits, welche Blicke ihr Garet zuwarf und er wusste genau, dass es kompliziert werden würde.

„Pass auf dich auf“, sagte Raymond zu seinem jüngsten Bruder. Nun richtete er sich an Moira. Man konnte nicht verleugnen, dass sie wunderschön war, und er würde sie nicht dafür verurteilen, dass die Adeligen sie damals gestohlen hatten. Trotzdem war ihm nicht ganz wohl bei der Art, mit der sie sich freiwillig gemeldet hatte. „Pass du auf ihn auf.“

„Ich bin kein Kind“, mischte sich Garet ein. „Ich bin ein Mann und ich werde die Sache erledigen wie ein Mann.“

„Nur bis du die richtigen Leute gefunden hast“, sagte Raymond.

„Ich habe die einfachste Aufgabe“, beschwichtigte ihn Garet. „Du bist derjenige, der die Bauern dazu bringen muss, sich zur Wehr zu setzen.“

Raymond nickte. „Sie werden sich zur Wehr setzen. Sie werden es für Royce tun.“

Er hatte gesehen, wie sein Bruder die Leute dazu gebracht hatte zu kämpfen und wie Royce die gefährlichsten Gegner besiegt hatte. Die Menschen würden sich in Royces Namen erheben.

„Dann wird es Zeit für ein Lebewohl“, sagte Lofen. In seinen Worten hörte man keine großen Emotionen, doch Raymond wusste, dass sie unter der Oberfläche brodelten. Raymond hoffte nur, dass sein Bruder eine gefühlvollere Bitte hervorbringen würde, sobald er die Picti überzeugen musste. Er hoffte auch, dass sein Bruder sicher sein würde, denn sie alle hatten gesehen, zu was die wilden Stämme in den Bergen im Stande waren.

„Ich hoffe auf ein baldiges Wiedersehen“, sagte Raymond. „Denkt einfach daran—“

„Bringt sie zu Graf Undines Schluss, nicht zu dem des alten Herzogs“, sagte Lofen. „Wir wissen Bescheid. Schließlich hast du es uns auf dem Weg hierher schon oft genug gesagt.“

„Ich wollte sagen, denkt daran, dass ich euch beide liebe, meine Brüder“, sagte Raymond. „Selbst wenn du, Lofen, ein Idiot bist und Garet noch grün hinter den Ohren ist.“

„Zumindest sind wir keine brütende Henne, die alle gackernd bemuttern möchte“, schoss Garet zurück. Er zog sein Pferd an den Zügeln und galoppierte vorwärts. „Wir sehen uns bald, Bruder, mit einer Armee!

„Ich sorge für seine Sicherheit“, sagte Moira und drehte ihr Pferd so, dass es Garet folgen konnte.

„Halte dein Wort“, rief ihr Raymond nach.

„Du bist ganz schön streng mit ihr“, sagte Lofen, als die beiden sich entfernten.

„Mir macht eher Sorge, dass Garet so sanft mit ihr ist“, erwiderte Raymond.

Er sah, wie sein Bruder mit den Schultern zuckte. „So hat er zumindest eine schöne Frau bei sich, die die Adeligen bereits kennt. Warum Neave nicht mit mir mitkommen konnte…“

Raymond lachte darüber. „Denkst du, sie wäre an dir interessiert? Du hast sie doch auch mit Mathilde gesehen. Abgesehen davon werden die Picti leichter zu finden sein. Marschiere einfach durch die Wildnis, bis dir einer etwas nachschießt.“

Lofen musste schlucken. „Jetzt lachst du noch, aber du wirst dich richtig schlechtfühlen, wenn ich mit lauter Pfeilen in der Brust zurückkomme. Aber ich werde es machen und komme zurück mit meiner eigenen Truppe. Ich bin gespannt, wie es den Leuten gefallen wird, gegen das wilde Volk anzukämpfen.“

Er drehte sich um und ritt in die Richtung, in der er die Ländereien der Picti erahnte. Raymond blieb alleine auf der Kreuzung zurück. Im Vergleich zu seinen Brüdern schien es ihm, als hätte er die einfachste Aufgabe: Er musste nur die Menschen für seine Sache überzeugen, die sich bereits von dem Königreich gelöst hatten. Nachdem sie so viele Jahre von den Adeligen misshandelt worden waren, die unter der Führung von König Carris standen, sollten der Funke seiner Worte bereits ausreichen, um das Feuer in ihnen zu entfachen.

Und trotzdem wünschte er sich, seine Brüder an seiner Seite zu haben, als er sein Pferd in Richtung des nächsten Dorfes ausrichtete und losgaloppierte.


* * *

Das erste Dorf war so klein, dass es auf den meisten Landkarten wahrscheinlich gar nicht angeschrieben war. Es trug den Namen Byesby und bestand aus wenigen Häusern. Es war kaum mehr als ein besserer Landhof und verfügte nicht einmal über ein Gasthaus, in dem er die Anwohner versammeln konnte. Aber immerhin gab es keine Wächter in der Umgebung, die einem lokalen Herrscher dienten und ihn dabei aufhalten würden, Raymonds Nachricht an die Menschen weiterzugeben.

Er ritt zum Zentrum des Platzes, der durch einen niedrigen Holzpfahl für Nachrichten markiert war und neben einem sanierungsbedürftigen Brunnen stand. Auf der Straße sah er ein paar Menschen beim Arbeiten und ein paar weitere kamen aus ihren Häusern, als sie Raymond auf seinem Pferd erspähten. Hier sah man wohl nur selten Männer in Rüstungen. Vielleicht dachten sie sogar, dass er von einem der Adeligen gesandt wurde, um das Dorf für sich zu beanstanden.

„Hört mir zu“, rief Raymond vom Rücken seines Pferdes. „Versammelt euch alle!“

Langsam kamen immer mehr Leute dazu. Raymond hatte schon deutlich mehr Menschen in Schlachten geführt, doch als sich die Menge langsam versammelte, wurde ihm klar, dass er noch nie vor so vielen gesprochen hatte. Jetzt fühlten sich sein Mund trocken und seine Hände feucht am.

„Wer bist du?“, forderte ihn ein Mann auf, der kräftig genug wirkte, um ein Hufschmied zu sein. „Wir haben keine Zeit für Räuber und Banditen.“

Er hievte einen Hammer hoch, um klarzustellen, dass sie nicht wehrlos waren.

„Das ist gut, denn die habe ich auch nicht!“, rief Raymond zurück. „Ich bin hier, um euch zu helfen.“

„Falls du nicht vorhast, uns bei der Ernte behilflich zu sein, wüsste ich nicht, wie du helfen kannst“, sagte ein anderer Mann.

Eine der älteren Frauen ließ ihre Augen von oben bis unten über Raymond gleiten. „Ich wüsste da schon ein paar Sachen.“

Die Betonung ihrer Worte reichte aus, um Raymond die Schamesröte ins Gesicht steigen zu lassen. Er kämpfte dagegen an und es schien mindestens so schwer zu sein, wie der Kampf gegen einen Fechtmeister.

„Habt ihr noch nicht davon gehört, dass der alte Herzog und sein Sohn Altfor gestürzt worden sind?“, rief Raymond.

„Was hat das mit uns zu tun?“, grölte der Hufschmied zurück. So wie die anderen Menschen zustimmend nickten, schien er derjenige zu sein, auf den alle hörten. „Wir sind auf dem Land von Fürst Harrish.“

„Fürst Harrish, der euch alles nimmt, so wie es die Adeligen tun“, sagte Raymond. Er wusste, dass es auch bessere, gütigere Adelige gab, wie den Grafen Undine, aber so viel er über ihren Herrscher wusste, war er keiner davon. „Wie oft sollen sie in eure Dörfer kommen und von euch stehlen, bevor ihr ihnen zeigt, dass es genug ist?“

„Das wäre ziemlich dumm von uns“, rief der Hufschmied zurück. „Er hat Soldaten.“

„Und wir haben eine Armee!“, erwiderte Raymond. „Ihr habt davon gehört, dass der alte Herzog gestürzt wurde? Nun, das waren wir, im Namen des rechtmäßigen Königs, Royce!“

In seiner Vorstellung hatte seine Stimme über den ganzen Platz gehallt. In der Praxis sah dies etwas anders aus und er konnte sehen, wie sich einige Menschen im Hintergrund bemühten, ihn zu verstehen.

„Du bist Royce?“, rief der Hufschmied. „Du behauptest also, der Sohn des alten Königs zu sein?“

„Nein, nein“, erklärte Raymond rasch. „Ich bin sein Bruder.“

„Also bist du auch ein Sohn des alten Königs?“, schlussfolgerte der Schmied.

„Nein, bin ich nicht“, sagte Raymond. „Ich bin der Sohn von Dorfleuten, aber Royce ist—“

„Nun, entscheide dich“, sagte die alte Frau, die ihn verlegen gemacht hatte. „Wenn Royce dein Bruder ist, dann kann er nicht der Sohn des alten Königs sein. Das ergibt keinen Sinn.“

„Nein, das habt ihr falsch verstanden“, sagte Raymond. „Bitte, hört mir zu, gebt mit eine Chance alles zu erklären und—“

„Und was?“, erwiderte der Hufschmied. „Dann wirst du uns sagen, warum wir Royce folgen sollen? Du wirst uns sagen, warum wir uns auf den Weg machen und in dem Krieg eines anderen sterben sollen?“

„Ja!“, sagte Raymond und realisierte schnell, wie das wohl klingen musste. „Nein, ich meine… es ist nicht der Krieg eines anderen. Es ist der Krieg von uns allen.“

Der Schmied schien davon nicht besonders überzeugt zu sein. Er kam nach vorne, um sich gegen den Brunnen zu lehnen. Jetzt war er kein Teil der Masse mehr, sondern richtete sich an die anderen.

„Wirklich?“, sagte er und blickte in die Menge. „Ihr alle kennt mich und ich kenne euch. Und wir wissen alle, wie die Adeligen kämpfen. Sie kommen und rekrutieren uns für ihre Armeen, dann versprechen sie uns alle möglichen Dinge, aber wenn alles vorbei ist, sind es wir, die tot sind. Und sie machen einfach wieder weiter mit dem, worauf sie Lust haben.“

„Royce ist anders!“, pochte Raymond.

„Warum ist er anders?“, konterte der Schmied.

„Weil er einer von uns ist“, sagte Raymond. „Er wurde im Dorf großgezogen. Er weiß, wie es hier ist. Ihm ist es nicht egal.“

Der Schmied spottete darüber. „Wenn es ihm nicht egal ist, wo ist er dann? Warum ist er nicht hier, anstelle des Jungen, der behauptet sein Bruder zu sein?“

Raymond wusste, dass es keinen Sinn hatte, weiterzusprechen. Die Menschen würden ihm nicht zuhören, egal, was er sagte. Sie hatten bereits zu viele Versprechen von zu vielen anderen gehört, damals noch, bevor König Carris seinen Adeligen verboten hatte zu kämpfen. Das einzige, was sie vielleicht überzeugen konnte, war der Gedanke, dass Royce sich für sie einsetzen würde, und der Schmied hatte recht: Sie hatten keinen Grund ihm zu glauben, wenn er nicht einmal hier war.

Raymond zog sein Pferd an den Zügeln und ritt mit so viel Würde aus dem Dorf, wie er aufbringen konnte. Es war nicht viel.

Er machte sich auf den Weg zum nächsten Dorf und versuchte dabei nachzudenken, während er den Regen ignorierte, der immer stärker wurde.

Er liebte seinen Bruder, aber er wünschte sich, Royce hätte ihn nicht verlassen, um seinen Vater zu suchen. Zwar konnte Raymond verstehen, dass es ihrer Sache helfen würde, den alten König zu finden, doch Royce war derjenige, dem die Menschen folgten, und sie mussten ihn sehen, um sich ihm anzuschließen.

Ohne ihn wusste Raymond nicht, ob er tatsächlich eine Armee für seinen Bruder zusammenstellen konnte.

Das bedeutete aber auch, dass es nur die Streitkräfte von Grad Undine gab, die sich der gesamten königlichen Armee entgegenstellen mussten, wenn König Carris zurückschlagen würde. Raymond wusste nicht, wie groß die Armee sein würde, aber da sie aus den Männern aller Fürsten im Land bestünde… sie hatten keine Chance.

Wäre Royce hier, so war sich Raymond sicher, dass er eine eigene Truppe zusammenstellen könnte. Aber so wie es war, hoffte er bitterlich darauf, dass Lofen und Garet mehr Glück hatten.

„Wir können es nicht dem Glück überlassen“, sagte Raymond zu sich selbst. „Nicht wenn es um so viele Leben geht.“

Er hatte bereits aus erster Hand miterlebt, zu was die Adeligen im Stande waren, wenn man sich ihnen widersetzte. Da waren die Galgen, die Folterungen auf dem Berg der Verräter und Schlimmeres. Auf jeden Fall würden sie jedes Dorf plündern und verwüsten, was den wenigen Überlebenden nur noch mehr Grund geben würde, sich der Revolte anzuschließen.

Raymond seufzte. Es gab keinen Weg das Unmögliche möglich zu machen: Sie brauchten Royce, konnten ihn jedoch nicht haben, während er nach seinem Vater suchte. Außer…

„Nein, das kann nicht funktionieren“, sprach Raymond zu sich selbst.

Aber vielleicht könnte es das. Es war nicht so, dass irgendjemand hier wusste, wie Royce wirklich aussah. Sie hatten vielleicht von ihm gehört und eine ungefähre Beschreibung bekommen, doch jeder wusste, dass solche Geschichten übertrieben waren.

„Das ist eine dumme Idee“, sagte Raymond.

Das Problem war, dass es seine einzige Idee war. Ja, es wäre gefährlich, denn Royce wurde von vielen gejagt. Ja, es würde später zu Problemen führen: Die Menschen würden sich hintergangen fühlen, wenn sie es herausfanden, manche würden sogar desertieren. Aber viele würden bleiben. Sie würden sich bereits zu verbunden mit ihrer Sache fühlen, sobald sie Teil einer Armee sind oder wären zu beschäftigt damit zu kämpfen, um darüber nachzudenken.

„Sie würden Royce vielleicht niemals aus der Nähe sehen“, grübelte Raymond.

Ihm wurde klar, dass er bereits eine Entscheidung getroffen hatte, ohne sie wirklich zu fällen, und er machte sich weiter auf den Weg zum nächsten Dorf. Er wählte eines, das ein paar Dörfer weiterlag, denn er wollte nicht, dass sich die Geschichte von Byesby verbreiten und sein Vorhaben verderben würde. Dieses Dorf war größer, besaß ein Gasthaus und einen großen Schuppen, der als Gemischtwarenladen diente. Es war so groß, dass die Ankunft eines Reiters nicht die Aufmerksamkeit des ganzen Dorfes auf sich zog und die Menschen vor Erstaunen aus ihren Häusern trieb. Das bedeutete, dass Raymond sich auf seinem Pferd in die Mitte des Dorfplatzes stellen und solange rufen musste, bis die Leute zu ihm kamen.

„Kommt her. Hört mir zu! Ich bringe Neuigkeiten!“

Er wartete, bis sich die Menschen versammelt hatten, bevor er anfing zu sprechen.

„Es wird Krieg geben!“, sagte er. „Ihr habt die Geschichten gehört: Der Sohn des wahren Königs ist zurückgekehrt und hat den Herzog gestürzt, der seine eigenen Leute ausbeutet! Nun, es ist die Wahrheit und ich weiß, was ihr denken müsst. Ihr glaubt, dies ist nur ein weiterer Streit zwischen den Adeligen, der euch nichts angeht. Aber ich bin hier, um euch zu sagen, dass es euch sehr wohl etwas angeht. Das es diesmal anders ist.“

„Und warum soll das so sein?“, forderte ihn ein Mann aus der raunenden Menge heraus. Raymond spürte bereits, wie sich die Situation zu wiederholen begann.

„Weil wir diesmal wirklich etwas verändern können. Weil es kein Streit zwischen Adeligen ist, sondern die Chance, eine Welt zu erschaffen, in der die Adeligen nicht mehr an der Macht sind und uns unterdrücken. Weil Menschen wie ihr denjenigen, die diesen Kampf begonnen haben, nicht egal seid. Menschen wie wir alle.“

„Ach ja?“, fragte der Mann. „Nun dann, Fremder, wer bist du und woher weißt du so viel darüber?“

Raymond holte tief Luft und wusste, dass er sich in diesem Moment entscheiden musste, ob er es tun wollte oder nicht. Sobald er seine Wahl getroffen hatte, konnte er sie nicht mehr rückgängig machen.

„Na komm“, verlangte der Mann. „Wie kommst du dazu zu behaupten, ein Adeliger aus der Ferne würde sich um uns scheren?“

„Das ist einfach“, sagte Raymond und dieses Mal schallte seine Stimme so laut über das Dorf, dass ihn jeder hören konnte. „Mein Name ist Royce und ich bin der Sohn von König Philip, dem wahren und rechtmäßigen König dieses Landes!“




Kapitel fünf


Royce kämpfte sich durch einen Wald und die Bäume begannen immer mehr ineinander zu verschwimmen, sodass es unmöglich war, einen Weg zu erkennen. Er hatte sich verlaufen und wusste genau, dass es den sicheren Tod bedeutete, hier verloren zu gehen.

Er schritt vorwärts, denn er wusste nicht, was er sonst tun sollte. Die Bäume um ihn wurden immer enger. Ihre Äste peitschten in einem Wind, den er nicht spüren konnte und schlugen auf Royce ein. Sie zerkratzen seine Haut und nun folgten Äste, die mit Dornen bestückt waren und sich in seinem Fleisch vergruben. Er musste all seine Kraft zusammennehmen, um weiterzukommen.

Warum wollte er eigentlich weiter? Er wusste nicht, wo er war, also warum sollte er sich weiter durch die Dunkelheit und die Unsicherheit des Waldes drängen? Seine Energie ließ nach, also warum sollte er sich nicht auf einem der Baumstämme niederlassen und sich ausruhen, bis—

„Wenn du stehen bleibst, stirbst du, Sohn.“ Die Stimme kam durch die Bäume und obwohl er sie nur in seinen Träumen gehört hatte, erkannte Royce sie sofort als die seines Vaters. Er drehte sich zur Stimme und folgte ihr.

„Vater, wo bist du?“, rief er und kämpfte sich weiter in die Richtung, aus der sie zu kommen schien.

Der Weg war hier noch härter. Es lagen umgefallene Bäume auf dem Boden und Royce fand es bei jedem Mal schwieriger, über sie zu springen. Aus dem Waldboden ragten Felsen heraus und nun musste er genauso viel klettern wie rennen, um sie zu überwinden. Die Strecke, die vor ihm lag, ließ sich nicht vom restlichen Wald unterscheiden und die Unwissenheit darüber, was dahinterlag, brachte Royce zur Verzweiflung.

Dann endlich sah er den weißen Hirsch, der ihn erwartungsvoll ansah und wartete. Mit derselben unerklärlichen Gewissheit, die er vorher schon gespürt hatte, wusste Royce, dass ihm das Tier den Weg zeigen würde. Er drehte sich um und folgte ihm.

Der weiße Hirsch war schnell und Royce musste seine ganze Kraft sammeln, um ihn nicht zu verlieren. Es fühlte sich an, als würden seinen Lungen explodieren und seinen Glieder von innen brennen. Doch er lief immer weiter durch das peitschende Geäst, bis er einen Platz erreichte, an dem der weiße Hirsch verschwand und durch eine Figur in einer Rüstung ersetzt wurde, die von weißem Licht umrandet war.

„Vater“, keuchte Royce. Es fühlte sich, als hätte er keinen Atem und keine Zeit mehr.

Sein Vater nickte und lächelte, dann deutete er aus unerfindlichem Grund empor. „Du musst jetzt gehen, Royce. Kämpfe, kämpfe dich zum Licht.“

Als er nach oben blickte, sah Royce ein Licht über sich und als er versuchte zu tun, was sein Vater ihm gesagt hatte, wurde es größer und größer…


* * *

Royce kam mit einem hustenden Atemzug zu sich, der gleichermaßen aus Wasser und Luft bestand. Er erbrach das Meerwasser und begann sich aufzurappeln, doch ein paar vorsichtige Hände hielten ihn davon ab. Royce kämpfte einen Moment lang dagegen an, bevor ihm klar wurde, dass Mark an seiner Seite war und seine Hände das Wasser aus Royce Magen pumpten.

„Vorsichtig“, sagte sein Freund. „Du wirst das Floß zum Kippen bringen.“

Das „Floß“, von dem die Rede war, bestand aus einem Teil des Schiffsmasts, der im Chaos abgebrochen war und sich mit anderen Stücken Treibholz verwickelt hatte. Nun bildete er eine Art schwimmende Plattform, die in den Wellen aufgetrieben wurde.

Bolis, Neave und Mathilde knieten auf dem provisorischen Schiff, während Gwylim in etwas Entfernung am Rand lag und Ember über ihnen flog. Mathilde hatte eine offene Wunde an ihrer Seite, die von einem Messer oder einem Stück Holz stammen konnte. Das Blut lief ins Wasser, während Neave sie versorgte und Stücke des zerrissenen Segels zu Verbänden schnitt. Sir Bolis war damit beschäftigt, hastig ein Stück Metall an einem passenden Holz zu befestigen und eine einfache Harpune zu bauen. Von seiner eigenen Rüstung und seinen Waffen fehlte jede Spur.

Royce blickte schnell an sich herab und sah, dass er das Kristallschwert immer noch bei sich hatte, während er auch noch die Rüstung trug, die er aus dem Turm von Graf Undine genommen hatte.

„Ich weiß nicht, wie du es geschafft hast, darin zu schwimmen“, sagte Mark, „aber du hast es geschafft. Du bist wie ein Korken herausgeploppt und ich konnte dich herausziehen.“

„Danke“, sagte Royce und streckte seinem Freund die Hand entgegen.

Mark drückte sie fest. „Nach den unzähligen Malen, bei denen du mich gerettet hast, brauchst du dich nicht zu bedanken. Ich bin nur froh, dass du überlebt hast.“

„Zumindest bisher“, sagte Bolis vom Bug ihres notdürftigen Floßes aus. „Wir sind immer noch in Gefahr.“

Royce sah sich um und versuchte zu erkennen, was außerhalb des Floßes geschehen war. Er konnte sehen, dass sie wieder aufs Meer zurückgewaschen worden waren, sodass die Sieben Inseln erneut nur als kleiner Punkt in der Ferne erschienen. Der Ozean brodelte, als würde ein Sturm aufkommen. Ihr Floß knarrte unter den Strapazen.

„Vergiss den Speer“, sagte Royce. „Wir müssen uns darauf konzentrieren, das Floß zusammenzubinden.“

„Du hast das menschenfressende Monster nicht gesehen“, sagte Bolis. „Es muss so ziemlich jeden Seemann umgebracht haben, der im Schiffswrack gefangen war. Dieser Seeschlange will ich nicht unbewaffnet begegnen.“

„Und willst du ihr im Wasser begegnen, wenn unser Floß zerfällt und absinkt?“, erwiderte Royce. Er hatte die Kreatur gesehen, vor der Bolis Angst hatte, und wusste wie gefährlich sie war, doch in diesem Moment könnte sie der Ozean genauso gut umbringen.

An den Masten waren Seile befestigt und Royce deutete auf eines von ihnen. „Jeder schnappt sich ein Stück Seil, das noch nicht mit anderen Dingen verworren ist, und bindet damit das Floß zusammen. Das ist unsere Priorität, dann paddelt solange, bis wir an Land sind, dann kommen die Waffen.“

„Das sagst du so leicht“, beschwerte sich Bolis, doch er folgte seinen Anweisungen. Neave und Mark taten es ihm gleich. Als Mathilde versuchte zu helfen, sackte sie in sich zusammen und verzog das Gesicht schmerzvoll.

„Wir schaffen das alleine“, sagte Royce. „Wie schlimm ist es?“

„Ich werde es überleben“, sagte Mathilde. „Zumindest… glaube ich das.“

„Warum darf sie sich hinsetzen und ausruhen?“, fragte Bolis.

Neave war in Sekundenschnelle vor ihm und hielt einen Dolch in der Hand. „Nenn mir einen Grund, weshalb ich dich nicht ausweiden und den Fischen zum Fraß vorwerfen sollte, Eindringling.“

Royce wollte sich bereits zwischen sie stellen, doch Gwylin war schneller. Die Masse des Bhargirs drängte die beiden auseinander.

„Wir können es uns nicht leisten zu kämpfen“, sagte Royce. „Wir müssen zusammenarbeiten oder wir werden ertrinken.“

Sie murrten, doch sie widmeten sich wieder der Arbeit und schon bald wirkte das Floß deutlich stabiler als zuvor. Mathilde war bereits im Sitzen dabei, eine Planke mit einem längeren Stück Holz zu verknüpfen, um eine Art Ruder zu bauen. Royce tat es ihr gleich und schon bald hatten sie für jeden ein eigenes Ruder.

„Welche Richtung?“, fragte Bolis und Royce zeigte in die Ferne. Es gab nur eine mögliche Richtung für einen provisorischen Untersatz wie ihren.

„Zurück zu den Inseln“, sagte er.

„Und dem Monster“, fügte Mark hinzu.

„Vielleicht haben wir Glück und kommen unbemerkt an ihm vorbei“, sagte Royce.

„Vielleicht hat es sich schon satt gefressen“, sagte Neave und ihrem Blick zu Folge hoffte sie, dass alle auf dem Schiff Teil der Mahlzeit geworden waren.

Royce wusste nicht, wie wahrscheinlich das war, doch es schien keinen anderen Weg zu geben; sie mussten versuchen, wieder zu den Inseln zu gelangen.

„Lasst uns gemeinsam rudern“, sagte er. „Bereit?“

Sie paddelten das Floß in Richtung der Inseln. Alle halfen mit, sogar Mathilde. Aber auch mit der Hilfe von allen war es schwierig, denn ihre Ruder waren nicht für den Zweck geeignet und die Wellen versuchten, sie immer weiter auf die hohe See zu ziehen. Royce wusste, dass das nicht passieren durfte. Da draußen würden sie entweder absinken, verdursten oder einer anderen Kreatur aus der Tiefe zum Opfer fallen. Ihre einzige Chance war an Land.

„Rudert stärker“, reif Royce und versuchte sie anzufeuern. „Wir machen Fortschritte.“

Das taten sie, aber nur langsam. Blickte er durch Embers Augen, so waren sie nur ein kleiner Punkt auf dem gigantischen Ozean. Der kleine Punkt bewegte sich in Richtung der Inseln, wenn auch kaum schneller, als er durch die Gezeiten bewegt worden wäre. Dennoch waren sie auf dem Weg und kamen immer näher an den Nebel und die Felsen und die restlichen Gefahren heran.

„Wir sind fast da“, sagte Mark und klang hoffnungsvoll. Aus der Vogelperspektive durch Embers Augen konnte Royce immer noch das zerklüftete Labyrinth sehen, das die Inseln umgab. Die wirbelnden Fluten wirkten festentschlossen, jedes Schiff zu verschlingen, das ihnen zu nahe kam.

Die erste Insel hatte eine sandige Küste, doch die Stränge waren umringt von Steinen und Riffen, mit einer Flut, die zu schnell hereinkam. Nachdem er alles gesehen hatte, dachte Royce, dass es wohl besser war, zu einer anderen Insel zu rudern und die erste komplett auszulassen, trotz der Gefahr, in der sie sich befanden.

Dann heulte Gwylim auf und seine lange, tiefe Warnung beunruhigte Royce. Er holte Ember zurück zu ihrem Floß und nutzte ihren Blick, um die Situation von oben zu begutachten. Jetzt konnte Royce einen Schatten im Wasser sehen, der auf sie zu kam…

„Das Monster!“, schrie er auf und kam wieder in seinen eigenen Verstand zurück, als das Biest aus dem Wasser stieg. Sein Körper wand sich wie ein Aal mit messerscharfen Flossen und seine Zähne leuchteten in der Sonne.

Direkte neben dem Floß ließ es sich ins Wasser fallen und die Welle traf sie so hart, dass das kleine Gefährt beinahe umkippte. Ein Teil von Royce vermutete, dass die Kreatur genau diese Absicht hatte; vielleicht hatte es herausgefunden, dass man die Menschen einfacher fressen konnte, sobald sie im Wasser waren.

Er zog sein Kristallschwert, denn er wusste nicht, was er sonst tun sollte.

Die Kreatur bäumte sich erneut im Wasser auf und Royce schlug nach ihr. Er konnte sie nur streifen, während sie über ihm thronte und nun blickte sie zu ihm herab, als wollte sie herausfinden, woher der plötzliche Schmerz kam. Mit knirschendem Kiefer ließ sie sich auf Royce herunter und er sprang soweit zurück, wie es das Floß erlaubte, während er zuschlug. Gwylim war an seiner Seite, sprang auf das Biest zu und verbiss sich in ihm.

Es griff erneut an und Royce wurde mit der enormen Kraft seiner Flossen weggeschleudert. Ohne die Rüstung wäre er wohl in zwei Stücke gerissen worden, aber auch so zwang ihn der Angriff in die Knie und raubte ihm den Atem.

Die Kreatur holte erneut aus und Royce wusste, dass er diesmal keine Chance hatte auszuweichen.

Dann war Bolis bei ihm und hielt seinen improvisierten Speer bereit. Er warf ihn wie eine Harpune auf einen Wal und zielte auf den Kopf der Bestie. Er traf die Seeschlage in einem ihrer massiven Augen und sie gab einen lauten Schrei von sich, der über den Ozean hallte. Als Reaktion darauf schlug sie auf Bolis ein und katapultierte ihn vom Floß.

Zu Royces Überraschung warf sich Neave auf den Boden, streckte ihm den Arm entgegen und versuchte ihn wieder auf ihr provisorisches Boot zu hieven.

Mark eilte ebenfalls zu den beiden und sie konnten den blutenden Ritter gerade noch aus dem Wasser ziehen, bevor das große Gebiss unter ihm hervorschoss. Royce kam herüber und stach mit seinem Kristallschwert wieder und wieder auf die Bestie ein, bis weiteres Blut floss.

Es war nicht genug; die Seeschlange war einfach zu groß, um mit ein paar Hieben getötet zu werden, selbst mit einem Schwert wie seinem.

Nun tauchte sie unter und Royce konnte sehen, wie sie sich zurückzog. Die Windungen ihres Körpers formten gleichmäßige Wölbungen im Wasser, als sie von Welle zu Welle schwamm.

„Das Biest flüchtet“, keuchte Bolis, der auf die Wunden an seiner Brust drückte.

Royce schüttelte den Kopf. „Es wird nicht so einfach aufgeben.“

„Aber es zieht sich zurück“, erwiderte der Ritter. „Wir haben gekämpft und es verwundet und nun sucht es sich eine leichtere Beute.“

„Royce schüttelte den Kopf. „Hier gibt es keine andere Beute und wir haben es nicht so stark verletzt. Es läuft nicht davon; es tankt nur neue Kräfte.“

Und tatsächlich sah Royce, wie sich das Biest umdrehte und aus der Ferne wieder in ihre Richtung kam.

„Rudert!“, sagte Royce. „Unsere einzige Chance ist zu rudern!“

Er schob das Kristallschwert in seine Halterung, griff nach dem Ruder und begann zum Ufer der ersten Insel zu paddeln. Jetzt war es ihm egal, ob sie von der Strömung mitgerissen werden würden. Die anderen rund um ihn schienen die Botschaft zu verstehen und ruderten um ihr Leben, egal wie verletzt sie waren.

Royce spürte den Moment, in dem die Strömung ihr Floß aufnahm und sie in Richtung des Ufers zog. Hinter ihnen brach der Kopf der Seeschlange durch die Wasseroberfläche und riss sein Maul weit auf, bereit sie zu verschlingen.

Er blickte durch Embers Augen herab und entdeckte einen Freiraum zwischen den Felsen, der von oben offensichtlich war, vom Floss aus jedoch von den Wellen verdeckt wurde. Royce deutete darauf.

„Rechts!“

Alle gaben ihr Bestes und sandten das Floß nach rechts, während die Strömung es nach vorne zog. Sie umschifften die Steine haarscharf und Royce spähte zurück. Die Seeschlange hatte sich in ihnen verfangen und wand sich zwischen den Felsen heraus, bevor sie umdrehte und wieder in der Tiefe verschwand.

In der Zwischenzeit sah sich Royce nach weiteren Steinen um. Sie waren bereits so nahe an der Insel, dass es keine Hoffnung mehr gab, irgendwo anders hinzugehen, und die Strömung zog sie unaufhaltsam voran. Ihre einzige Chance war es, den Felsen so gut es ging auszuweichen.

„Links!“, rief Royce.

Sie vergruben ihre Ruder in den Fluten und schafften es, weitere Felsen zu umschiffen, doch nun lag das Riff vor ihnen und Royce sah keinen Weg daran vorbei.

„Haltet euch fest!“, rief er den anderen zu und sah, wie sie sich am Floss anhielten, bevor sie auf die ersten Spitzen am Untergrund aufschlugen. Royce wurde vorwärts geschleudert und bereits zum zweiten Mal befand er sich heute im Wasser und kämpfte damit zu schwimmen.

Mark hatte recht gehabt, was die Rüstung betraf – es sollte unmöglich sein, darin zu schwimmen, und doch erschien es nicht schwieriger als in normaler Kleidung. Er schwamm an die Oberfläche und schaffte es, sie zu durchbrechen, während ihn die Strömung weiterzog.

Der Ozean spuckte sie mit einer enormen Gewalt an Land und Royce sah den Sand auf sich zukommen, als ihn eine weitere Welle an den Strand spülte. Sie ließ ihn dort zurück und er ächzte unter Schmerzen, konnte jedoch die anderen am Sand liegen sehen. Bolis und Mathilde bluteten, Neave und Mark wirkten zerschrammt und selbst Gwylim wirkte erschüttert von dem Erlebnis, obwohl Royce gesehen hatte, wie schnell er sich heilen konnte.

„Wir sind am Leben“, sagte Mark und Royce konnte die Verwunderung in der Stimme seines Freundes hören. Er fühlte sie auch, gemeinsam mit dem Hochgefühl, dass seine Freunde in Sicherheit waren.

Nein, nicht in Sicherheit.

Sie waren am Leben, so viel stimmte, doch als er einen Blick auf das Wasser warf, erkannte Royce, dass das Floß in viele Stücke gebrochen war, die nun von den Wellen davongetragen wurden. Es gab keinen Weg, um zurückzukommen oder auf eine andere Insel zu gelangen. Sie hatten es auf eine der Sieben Inseln geschafft, doch nun schien es, als würden sie hier feststecken.




Kapitel sechs


Dust marschierte in Richtung der Docks und die Zeichen füllten die Welt rund um ihn. In der Formation der Vögel erkannte er, dass er diesen Weg nehmen musste. Das Sprudeln eines Flusses verriet ihm, dass er den Ozean überqueren musste.

Dann waren da die Bilder von Royce, die er immer vor sich sah, wenn er seinen Augen schloss.

Sie waren da, seitdem er den Rauch des Priesters eingeatmet und in die Zukunft geblickt hatte. Er wusste, was passieren würde, wenn das Schicksal nicht abgeändert wurde, hatte die Gewalt, den Schmerz und den Tod gesehen.

„Und ich entscheide mich“, sagte Dust zu sich selbst. Es dauerte einen Moment, bis die Seltsamkeit dieses Moments eingesickert war. Er war ein Angarthim und war auf der Welt, um jene Zukunft wahrwerden zu lassen, die die Priester vorherbestimmt hatten, und Menschen in die Dunkelheit nach dem Leben zu führen, die sterben mussten. Angarthim trafen keine Entscheidungen, versuchten nicht das Schicksal zu verändern.

„Die Priester haben es zuerst getan“, flüsterte Dust. Er sah nach oben und suchte nach einer Bestätigung dafür, dass seine Taten die richtigen waren. Er fand sie in der Art, wie sich die Wolken zu einem Bildnis der heiligen Bücher formten.

Die Priester hatten versucht, etwas zu verändern, das Schicksal umzulenken, um ihre eigene Vernichtung aufzuhalten. Jetzt verliefen die Dinge schon lange nicht mehr so, wie es das Schicksal vorhergesehen hatte, und jemand musste eine Entscheidung für alle treffen. Und dieser jemand war Dust.

„Ich werde es aufhalten“, sagte er. „Die kommende Zerstörung wird aufgehalten werden. Ich werde die Welt besser machen.“

Um das zu tun, musste er natürlich Royce aufhalten. Dust hatte die zahlreichen Formen der Zukunft gesehen, alle verschiedenen Möglichkeiten beobachtet. Er hatte nur wenige gesehen, in denen die Dinge gut verliefen, doch in zu vielen hatten die Taten von Royce zu einem Krieg und noch Schlimmerem geführt: Sie hatten eine Welle der Zerstörung freigesetzt, die verhindert werden musste.

Die Angarthim waren keine Helden; viel eher dachten die meisten, die von ihnen wussten, dass sie Monster und Mörder waren, ohne zu verstehen, dass sie nur die rechte Hand des Schicksals waren.

„Ich höre immer noch auf das Schicksal“, sagte Dust. Nur war es jetzt so, dass er nicht nur einen einzelnen Weg von den Priestern aufgezeigt bekam, sondern sich alle möglichen Formen der Zukunft vor ihm ausbreiteten und er wählen musste. Alle diese Möglichkeiten schienen zu den Docks zu zeigen.

Er ging in die Hafenstadt und die Menschen starrten ihn an, weil Menschen immer starrten. Kinder zeigten auf ihn und einige schreckten zurück. Ein paar Männer legten ihre Hände auf ihre Waffen und es gab eine Zeit, in der Dust sie dafür niedergeschlagen hätte. Die Zeichen des Todes würden über ihnen stehen und dann…

„Sie standen nicht über Royce“, flüsterte Dust zu sich selbst und versuchte es zu verstehen. Sie waren gemeinsam in einem Wald gewesen, er und der Junge, dessen Taten sowohl die alte Ordnung stürzen als auch Zerstörung bringen würden. Sie waren dort gewesen und nichts hatte ihm gesagt, dass er ihn zur Strecke bringen sollte.

Er verstand es nicht.

„Ich werde ihn finden“, sagte Dust.

Die Leute starrten ihn weiter an. Es war unvermeidbar auf Grund seiner grauen Haut und den aufwendigen Tätowierungen, die aus Runen und Symbolen der Weissagung bestanden. Es gab keinen Weg für ihn, jemals normal zu sein, doch vielleicht konnte er besser als normal sein.

Dust saß in der Mitte des Hauptplatzes und hatte hier ausreichend Freiraum, denn niemand wollte in seiner Nähe sein. Er machte es sich bequem, kreuzte die Beine und zog einen kleinen Beutel mit Runensteinen hervor. Er versuchte sich an diesem Ort zu entspannen, doch seine Gedanken hörten nicht auf zu rotieren. Dies war so anders, als der typische Ablauf, wenn er versuchte, die verschiedenen Formen der Zukunft zu sehen.

Er warf die Runensteine immer wieder, suchte nach Mustern darin, suchte nach Antworten. Wenn Dust irgendetwas von dem Pulver der Priester gelernt hatte, dann war es, dass die Zeichen alleine nichts bedeuteten: Sie gaben nur der Kraft eine Form, die tief in ihm steckte.

Aber welche Kraft auch immer in ihm war, hatte derzeit nichts zu sagen. Dust konnte nichts in den Mustern lesen. Runen für Erfolg oder Niederlage, für das Tun oder Nichtstun saßen nebeneinander, sodass Dust sie nicht unterscheiden konnte, nicht wählen konnte, nicht entscheiden konnte. Sollte er den Ozean überqueren und nach Royce suchen oder sollte er hierbleiben und die Dinge an Land lösen?




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