Anna Karenina, 1. Band
Leo Tolstoy






Anna Karenina, 1. Band





Erster Teil





    „Die Rache ist mein, ich will vergelten.“




1


Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche Familie ist auf ihre Weise unglücklich. —

Im Hause der Oblonskiy herrschte allgemeine Verwirrung. Die Dame des Hauses hatte in Erfahrung gebracht, daß ihr Gatte mit der im Hause gewesenen französischen Gouvernante ein Verhältnis unterhalten, und ihm erklärt, sie könne fürderhin nicht mehr mit ihm unter einem Dache bleiben. Diese Situation währte bereits seit drei Tagen und sie wurde nicht allein von den beiden Ehegatten selbst, nein auch von allen Familienmitgliedern und dem Personal aufs Peinlichste empfunden. Sie alle fühlten, daß in ihrem Zusammenleben kein höherer Gedanke mehr liege, daß die Leute, welche auf jeder Poststation sich zufällig träfen, noch enger zu einander gehörten, als sie, die Glieder der Familie selbst, und das im Hause geborene und aufgewachsene Gesinde der Oblonskiy.

Die Herrin des Hauses verließ ihre Gemächer nicht, der Gebieter war schon seit drei Tagen abwesend. Die Kinder liefen wie verwaist im ganzen Hause umher, die Engländerin schalt auf die Wirtschafterin und schrieb an eine Freundin, diese möchte ihr eine neue Stellung verschaffen, der Koch hatte bereits seit gestern um die Mittagszeit das Haus verlassen und die Köchin, sowie der Kutscher hatten ihre Rechnungen eingereicht.

Am dritten Tage nach der Scene erwachte der Fürst Stefan Arkadjewitsch Oblonskiy – Stiwa hieß er in der Welt – um die gewöhnliche Stunde, das heißt um acht Uhr morgens, aber nicht im Schlafzimmer seiner Gattin, sondern in seinem Kabinett auf dem Saffiandiwan. Er wandte seinen vollen verweichlichten Leib auf den Sprungfedern des Diwans, als wünsche er noch weiter zu schlafen, während er von der andern Seite innig ein Kissen umfaßte und an die Wange drückte. Plötzlich aber sprang er empor, setzte sich aufrecht und öffnete die Augen.

„Ja, ja, wie war doch das?“ sann er, über seinem Traum grübelnd. „Wie war doch das? Richtig; Alabin gab ein Diner in Darmstadt; nein, nicht in Darmstadt, es war so etwas Amerikanisches dabei. Dieses Darmstadt war aber in Amerika, ja, und Alabin gab das Essen auf gläsernen Tischen, ja, und die Tische sangen: ‚Il mio tesoro‘ – oder nicht so, es war etwas Besseres, und gewisse kleine Karaffen, wie Frauenzimmer aussehend,“ – ; fiel ihm ein.

Die Augen Stefan Arkadjewitschs blitzten heiter, er sann und lächelte. „Ja, es war hübsch, sehr hübsch. Es gab viel Ausgezeichnetes dabei, was man mit Worten nicht schildern könnte und in Gedanken nicht ausdrücken.“ Er bemerkte einen Lichtstreif, der sich von der Seite durch die baumwollenen Stores gestohlen hatte und schnellte lustig mit den Füßen vom Sofa, um mit ihnen die von seiner Gattin ihm im vorigen Jahr zum Geburtstag verehrten gold- und saffiangestickten Pantoffeln zu suchen; während er, einer alten neunjährigen Gewohnheit folgend, ohne aufzustehen mit der Hand nach der Stelle fuhr, wo in dem Schlafzimmer sonst sein Morgenrock zu hängen pflegte.

Hierbei erst kam er zur Besinnung; er entsann sich jäh wie es kam, daß er nicht im Schlafgemach seiner Gattin, sondern in dem Kabinett schlief; das Lächeln verschwand von seinen Zügen und er runzelte die Stirn.

„O, o, o, ach,“ brach er jammernd aus, indem ihm alles wieder einfiel, was vorgefallen war. Vor seinem Innern erstanden von neuem alle die Einzelheiten des Auftritts mit seiner Frau, erstand die ganze Mißlichkeit seiner Lage und – was ihm am peinlichsten war – seine eigene Schuld.

„Ja wohl, sie wird nicht verzeihen, sie kann nicht verzeihen, und am Schrecklichsten ist, daß die Schuld an allem nur ich selbst trage – ich bin schuld – aber nicht schuldig! Und hierin liegt das ganze Drama,“ dachte er, „o weh, o weh!“ Er sprach voller Verzweiflung, indem er sich alle die tiefen Eindrücke vergegenwärtigte, die er in jener Scene erhalten.

Am unerquicklichsten war ihm jene erste Minute gewesen, da er, heiter und zufrieden aus dem Theater heimkehrend, eine ungeheure Birne für seine Frau in der Hand, diese weder im Salon noch im Kabinett fand, und sie endlich im Schlafzimmer antraf, jenen unglückseligen Brief, der alles entdeckte, in den Händen. Sie, die er für die ewig sorgende, ewig sich mühende, allgegenwärtige Dolly gehalten, sie saß jetzt regungslos, den Brief in der Hand, mit dem Ausdruck des Entsetzens, der Verzweiflung und der Wut ihm entgegenblickend.

„Was ist das?“ frug sie ihn, auf das Schreiben weisend, und in der Erinnerung hieran quälte ihn, wie das oft zu geschehen pflegt, nicht sowohl der Vorfall selbst, als die Art, wie er ihr auf diese Worte geantwortet hatte.

Es ging ihm in diesem Augenblick, wie den meisten Menschen, wenn sie unerwartet eines zu schmählichen Vergehens überführt werden. Er verstand nicht, sein Gesicht der Situation anzupassen, in welche er nach der Entdeckung seiner Schuld geraten war, und anstatt den Gekränkten zu spielen, sich zu verteidigen, sich zu rechtfertigen und um Verzeihung zu bitten oder wenigstens gleichmütig zu bleiben – alles dies wäre noch besser gewesen als das, was er wirklich that – verzogen sich seine Mienen („Gehirnreflexe“ dachte Stefan Arkadjewitsch, als Liebhaber von Physiologie) unwillkürlich und plötzlich zu seinem gewohnten, gutmütigen und daher ziemlich einfältigen Lächeln.

Dieses dumme Lächeln konnte er sich selbst nicht vergeben. Als Dolly es gewahrt hatte, erbebte sie, wie von einem physischen Schmerz, und erging sich dann mit der ihr eigenen Leidenschaftlichkeit in einem Strom bitterer Worte, worauf sie das Gemach verließ. Von dieser Zeit an wollte sie ihren Gatten nicht mehr sehen.

„An allem ist das dumme Lächeln schuld,“ dachte Stefan Arkadjewitsch. „Aber was soll ich thun, was soll ich thun?“ frug er voll Verzweiflung sich selbst, ohne eine Antwort zu finden.




2


Stefan Arkadjewitsch war ein in Bezug auf sich selbst sehr ehrenhafter Mensch. Er vermochte nicht, sich selbst zu täuschen, sich zu versichern, daß ihn seine Handlungsweise gereue. Er empfand jetzt nicht einmal Gewissensbisse daraus, daß er, ein Mann von vierunddreißig Jahren, hübsch und galant, in sein Weib, die Mutter von fünf lebenden und zwei toten Kindern, die nur ein Jahr jünger war als er, gar nicht verliebt war. Er machte sich nur Vorwürfe darüber, daß er sich nicht besser vor seinem Weibe zu hüten gewußt hatte. Recht wohl aber empfand er die ganze Schwere seiner Lage und er beklagte Weib, Kinder und sich selbst. Vielleicht auch hätte er es verstanden gehabt, seine Fehltritte besser vor jenem geheimzuhalten, wenn er erwartet hätte, daß dieselben in solcher Weise wirkten. Offenbar hatte er aber nie darüber nachgedacht, und voll Unruhe stellte er sich jetzt vor, daß sein Weib längst geargwöhnt hatte, er sei ihr nicht treu und daß es ihm nur durch die Finger schaue. Es schien ihm sogar, daß sie, abgemagert, gealtert und gar nicht mehr hübsch, in keiner Beziehung interessant, nur einfach, aber eine gute Mutter der Kinder, dem Gerechtigkeitsgefühl nach selbst nachsichtig zu sein verpflichtet wäre – aber da zeigte sich ganz und gar das Gegenteil! —

„O, furchtbar, o, o, furchtbar!“ bezeugte sich Stefan Arkadjewitsch selbst, ohne einen weiteren Gedanken zu finden. „Und wie gut war alles bisher gegangen, welch schönes Leben habe ich geführt! Sie war zufrieden, glücklich in ihren Kindern, ich störte sie in nichts und überließ es ihr, sich mit den Kindern zu befassen und mit dem Hauswesen ganz wie sie wollte. Allerdings, es war ja nicht gut, daß sie eigentlich die Gouvernante abgab im Hause.“ Er erinnerte sich der schwarzen, schelmischen Augen von Mademoiselle Roland und ihres Lächelns. „Aber so lange sie bei uns im Hause war, habe ich mir doch nicht das Geringste gegen sie erlaubt. Das Dümmste war, daß sie schon – aber es mußte so kommen, wie vorherbestimmt! O weh, o weh, was nun thun?“

Es gab keine Antwort darauf, außer jener allgemeinen, die das Leben selbst auch auf die verwickeltsten und unlösbarsten Fragen erteilt. Diese Antwort war die: Man muß leben, im Zwange des täglichen Lebens, mit anderen Worten, sich vergessen. Im Schlaf sich vergessen, war nicht mehr möglich, höchstens erst wieder am Abend, und zu jener Musik, welche er gehört, zurückzukehren, ging auch nicht an, es blieb also nur übrig, sich zu vergessen im Traume des Lebens.

„Nun, wir werden ja sehen,“ sagte Stefan Arkadjewitsch zu sich, warf aufstehend einen grauen Hausrock über sein blauseidenes Unterhemd, kreuzte die Hände auf dem Rücken, zog behaglich den breiten Brustkasten voll Luft, und begab sich mit dem gewohnten festen Schritt seiner auswärts gerichteten Füße, die den feisten Körper so mühelos trugen, nach dem Fenster und klingelte stark. Auf das Schellen trat sofort sein alter Freund, der Kammerdiener Matwey, einen Anzug, Stiefel und ein Telegramm tragend, herein, gefolgt von dem Barbier mit dem Apparat zum Barbieren.

„Sind Akten da?“ frug Stefan Arkadjewitsch, das Telegramm entgegennehmend und sich vor dem Spiegel niederlassend.

„Sie liegen auf dem Tische,“ versetzte Matwey, fragend und voll Teilnahme auf seinen Herrn blickend, und fuhr nach kurzem Warten mit schlauem Lächeln fort: „Von dem Mietsfuhrmann ist jemand gekommen!“

Stefan Arkadjewitsch antwortete nichts, sondern blickte nur durch den Spiegel auf Matwey; sie schienen sich beide sichtlich gut zu verstehen. Der Blick Stefan Arkadjewitschs frug gleichsam: weshalb sagst du das; weißt du denn nicht?

Matwey hatte die Hände in die Taschen seines Jaquets gesteckt, setzte den einen Fuß ein wenig vor und schwieg, kaum merklich und gutmütig lächelnd auf seinen Gebieter schauend.

„Ich habe angeordnet, daß man erst an diesem Sonntag komme, und Euch und mich bis dahin nicht unnütz belästige,“ sagte er dann in offenbar einstudiertem Satze.

Stefan Arkadjewitsch verstand, daß Matwey scherzen, und die Aufmerksamkeit auf sich lenken wolle. Er zerriß das Telegramm und las unter Versuchen, die wie immer mit durchrissenen Worte zusammenzubringen; sein Antlitz heiterte sich auf.

„Matwey, meine Schwester Anna Arkadjewna kommt morgen,“ begann er, für eine Minute die schaumglänzende, fleischige Hand des Barbiers hemmend, die im Begriff war, die rosige Rinne zwischen den langen krausen Kotelettes zu säubern.

„Gott sei gelobt,“ versetzte Matwey, mit dieser Antwort beweisend, daß er ebenso wie sein Gebieter, die Bedeutung dieses Besuches erkenne, das heißt einsehe, daß Anna Arkadjewna die Lieblingsschwester Stefans, zur Aussöhnung der Gatten zu wirken imstande sei.

„Kommt sie allein oder mit dem Gemahl?“ frug Matwey.

Stefan Arkadjewitsch konnte nichts erwidern, da sein Barbier gerade mit der Oberlippe beschäftigt war, und hob daher nur einen Finger. Matwey nickte mit dem Kopfe in den Spiegel.

„Also allein. Soll ich oben herrichten lassen?“

„Berichte der Darja Alexandrowna, und sie wird bestimmen, wo.“

„Darja Alexandrowna?“ wiederholte Matwey gleichsam voll Zweifels.

„Ja. Teile ihr es mit; und nimm hier das Telegramm, gieb es ihr, und melde, daß sie anordne.“

„Ihr wollt versuchen,“ verstand Matwey, aber er sprach nur „Ich gehorche.“

Stefan Arkadjewitsch war schon gewaschen und frisiert und wollte sich ankleiden, als Matwey, sich langsam in den knarrenden Stiefeln bewegend, mit der Depesche wieder im Zimmer erschien. Der Barbier war nicht mehr anwesend.

„Darja Alexandrowna hat befohlen, ich solle Euch mitteilen, daß sie fortfahren wird. Ihr möchtet thun, wie es Euch beliebte,“ berichtete er, nur mit den Augen lachend und die Hand in die Tasche seines Jaquets versenkend, während er den Kopf seitwärts legte und auf seinen Herrn blickte. Stefan Arkadjewitsch blieb stumm, dann erschien ein gutmütiges, etwas klägliches Lächeln auf seinem roten Gesicht.

„Nun, Matwey?“ frug er kopfschüttelnd.

„Es ist nicht von Bedeutung, Herr,“ versetzte dieser, „wird sich schon machen.“

„Es wird sich machen?“

„Ach, ja.“

„Meinst du? – Doch wer ist dort?“ frug Stefan Arkadjewitsch, an der Thür das Rauschen eines weiblichen Gewandes wahrnehmend.

„Ich bin es,“ ertönte eine feste, wohllautende Weiberstimme und in der Thür erschien das strenge, pockennarbige Antlitz der Matrjona Philimonowna, der Amme.

„Nun, was giebt es, liebe Matrjona?“ frug Stefan Arkadjewitsch, ihr bis an die Thür entgegengehend.

Obwohl Stefan Arkadjewitsch vollständig in der Schuld war gegenüber seiner Gattin, und er selbst auch dies empfand, standen doch fast alle im Hause, ja selbst die Amme, der beste Freund Darja Alexandrownas, auf seiner Seite.

„Nun, was giebt es?“ frug er niederschlagen.

„Ach, kommt doch, Herr, entschuldiget Euch! Gott wird schon helfen. Sie leidet so sehr, es ist traurig zu sehen, und alles im Hause geht zurück. Die Kinder, Herr, sind zu beklagen. Entschuldigt Euch doch, – was soll das werden! Da könnte man doch gleich“ —

„Aber sie nimmt ja nicht Vernunft an“ —

„O, thut nur das Eure. Gott ist hilfreich, betet zu Gott, Herr, betet zu Gott!“

„Nun gut, geh,“ sagte Stefan Arkadjewitsch plötzlich errötend. „Ich will mich ankleiden,“ wandte er sich zu Matwey und warf entschlossen den Hausrock ab.

Matwey hielt bereits ein frisches Hemd wie ein Kummet empor und befaßte sich nun mit augenscheinlichem Vergnügen damit, den verwöhnten Körper seines Gebieters einzuhüllen.




3


Nachdem Stefan Arkadjewitsch angekleidet war, besprengte er sich mit Wohlgerüchen, zerrte die Ärmelmanschetten vor, steckte in gewohnheitsmäßiger Bewegung Cigaretten in die Taschen, sein Portefeuille, Streichhölzer, seine Uhr mit doppelter Kette und einem Berloque und schüttelte das Taschentuch auf. Er fühlte sich gesäubert und parfümiert, gesund und äußerlich heiter, ungeachtet seines Unglücks und ging nun nach dem Speisezimmer, wo seiner schon der Kaffee harrte und zugleich mit diesem Briefe und die Akten aus dem Gerichtshof.

Er las die Briefe. Einer war ihm sehr unangenehm; er kam von einem Kaufmanne, der einen Wald aus dem Besitztum seiner Frau gekauft hatte. Dieser Wald mußte unweigerlich verkauft werden, aber jetzt, vor einer Aussöhnung mit ihr, konnte davon keine Rede sein. Das Peinlichste hierbei war, daß sich somit das pekuniäre Interesse mit der Versöhnung seiner Gattin vereinte. Der Gedanke aber, daß er diesem Interesse Rechnung tragen müsse, daß er zum Verkauf des Waldes seiner Frau Verzeihung nachsuchen müßte – dieser Gedanke kränkte ihn.

Nachdem er mit den Briefen fertig war, zog Stefan Arkadjewitsch die Akten an sich; schnell durchblätterte er zwei Aktenstücke, mit einem großen Bleistift Bemerkungen hineinzeichnend und widmete sich alsdann dem Kaffee. Hierbei entfaltete er die noch druckfeuchte Morgenzeitung und vertiefte sich in die Lektüre.

Stefan Arkadjewitsch hielt sich eine liberale Zeitung, nicht von schärfster Farbe, sondern eine von jener Richtung, der die Mehrzahl folgt. Obwohl ihn weder Wissenschaft noch Kunst oder Politik besonders anzogen, so verfolgte er doch aufmerksam alle jene Fragen, mit denen sich die Allgemeinheit, sowie auch seine Zeitung befaßte, und änderte seine Meinungen, sobald dies die große Masse that – oder besser, er veränderte sie nicht, sondern sie änderten sich in ihm, ohne daß er selbst es merkte.

Stefan Arkadjewitsch wählte sich weder Richtungen noch Ansichten, sondern solche kamen ihm von selbst, ganz ebenso, wie er selbst nicht die Façon eines Hutes oder Überziehers wählte, sondern nahm, was man ihm brachte. Eine Ansicht zu haben, war aber für ihn, der in der großen Gesellschaft lebte, bei der Notwendigkeit einer gewissen geistigen Thatkraft, die sich gewöhnlich in den Jahren der Reife entwickelt, ebenso unumgänglich, wie der Besitz eines Hutes. Bot sich ein Grund, die liberale Gesinnung der konservativen vorzuziehen, die ja viele innerhalb seiner Gesellschaftskreise auch besaßen, so geschah dies nicht deshalb, daß er sie für vernünftiger gehalten hätte, sondern deshalb, weil sie sich ihm für seine Lebensformen enger accomodierte. Die liberale Partei sagte, es sei in Rußland alles schlecht, und in der That, Stefan Arkadjewitsch hatte viele Schulden und sein Geld reichte nie zu. Die liberale Partei sagte die Ehe sei eine abgelebte Institution, die unfehlbar der Reorganisierung bedürfe, und in der That, das Familienleben gewährte ihm wenig Annehmlichkeit und zwang ihn zur Lüge und Verstellung, die doch sonst seiner Natur so fremd waren. Die liberale Partei sagte, oder vielmehr, klügelte, die Religion sei nur ein Zaum für den barbarischen Teil der Menschheit, und in der That, Stefan Arkadjewitsch konnte nicht ohne Schmerz in den Füßen ein Gebet anhören, und vermochte nicht zu begreifen, wozu alle die furchterregenden und schwülstigen Worte über jene Welt gemacht würden, wenn das Leben in dieser doch auch so schön sein soll. Bei alledem machte es Stefan Arkadjewitsch, der einen lustigen Scherz liebte, Vergnügen, bisweilen einen friedsamen Menschen damit zu verblüffen, daß, wenn man auch stolz sein könne auf seinen Stammbaum, man deshalb noch nicht bei Rurik damit anzufangen brauche und als ersten Stammvater – den Affen nicht von sich weisen dürfe. So also wurde die liberale Richtung Stefan Arkadjewitsch zur Gewohnheit; er liebte seine Zeitung wie eine Cigarre nach dem Mittagsmahl, wegen des leichten Nebels, den sie in seinem Hirn erzeugte. Er las den Leitartikel, in welchem auseinandergesetzt wurde, daß man in unserer Zeit ein völlig unnützes Gejammer darüber erhebe, als drohe der Radikalismus alle konservativen Elemente zu verschlingen und daß die Regierung verpflichtet sei, Maßregeln zur Unterdrückung der Hydra der Revolution zu treffen; vielmehr liege nach der Meinung der Liberalen die Gefahr nicht in der vermeintlichen Hydra der Empörung, sondern in der Hartnäckigkeit der Tradition, welche den Fortschritt hemmte.

Er las auch einen zweiten Artikel über die Finanzen, in welchem dem Ministerium Seitenhiebe versetzt wurden. Mit der ihm eigenen schnellen Auffassungsgabe verstand er die Bedeutung einer jeden Seitenbemerkung; von wem sie herrührte, für wen sie bestimmt war und auf welchen Umstand sie sich bezog; dies alles verursachte ihm, wie immer, ein gewisses Vergnügen.

Heute indessen wurde dieses Vergnügen vergällt durch die Erinnerung an die Ratschläge der Matrjona Philimonowna und an das Unglück in seinem Hause.

Er las weiterhin auch, daß der Graf Beust wie man höre, nach Wiesbaden gereist sei und ferner, wie man keine grauen Haare mehr zu fürchten habe; auch vom Verkauf eines leichten Wagens und von der Offerte eines jungen Mädchens. Allein alle diese Nachrichten verursachten ihm nicht jenes stille ironische Vergnügtsein, wie vordem.

Nachdem er mit der Zeitung zu Ende war, sowie mit einer zweiten Tasse Mokka und seiner Buttersemmel, erhob er sich, schüttelte die Brosamen der Semmel von seiner Weste ab und reckte mit zufriedenem Lächeln die breite Brust, nicht daß ihm ein besonders angenehmer Gedanke gekommen wäre – nur seine gute Verdauung rief das Lächeln hervor.

Aber dieses zufriedene Lächeln erinnerte ihn sogleich wieder an alles und er wurde nachdenklich.

Zwei Kinderstimmen – Stefan Arkadjewitsch erkannte die Stimmen Grischas, seines kleinsten Söhnchens, und Tanas, seiner ältesten Tochter – wurden hinter der Thür vernehmbar. Die Kinder trugen wohl etwas und hatten dies fallen lassen.

„Ich habe gesagt, daß man auf das Dach doch nicht Passagiere setzen kann!“ rief das Mädchen auf englisch, – „heb auf!“ —

„Es ist alles durcheinandergeraten,“ dachte Stefan Arkadjewitsch, „die Kinder laufen schon allein umher.“ Er ging zur Thür und rief. Die Kleinen hatten eine Schatulle hingeworfen, die einen Eisenbahnzug vorstellen sollte; sie eilten nun auf den Vater zu.

Das kleine Mädchen, der Liebling des Vaters lief dreist herein, umarmte ihn und hängte sich lachend an seinen Hals, wie stets sich ergötzend an dem Wohlgeruch des Parfüms, welcher von seinem Backenbart ausströmte. Nachdem es ihm endlich das von der gebückten Stellung gerötete und voll Zärtlichkeit schimmernde Gesicht geküßt und die Händchen zurückgezogen hatte, wollte es fortlaufen, aber der Vater hielt sein Kind zurück.

„Was macht Mama?“ frug er, mit der Hand über den glatten zarten Hals der Tochter streichend. „Guten Morgen,“ sagte er dann lächelnd zu dem Knaben, der ihn begrüßte.

Er wußte recht wohl, daß er den Knaben weniger liebte und bemühte sich stets, gegen ihn freundlich zu sein, aber der Knabe empfand dies und er hatte kein Lächeln für das kalte Lächeln seines Vaters.

„Mama? Sie ist aufgestanden,“ antwortete das Mädchen.

Stefan Arkadjewitsch seufzte auf.

„Das heißt, sie hat wieder die ganze Nacht hindurch nicht geschlafen,“ dachte er.

„Ist sie denn heiter?“

Das Mädchen wußte, daß zwischen Vater und Mutter ein Zwist vorgefallen war und die Mutter nicht heiter sein konnte, daß der Vater dies recht wohl wissen müsse und sich nur verstelle, wenn er so leichthin frage. Es errötete über den Vater; er verstand das sofort und errötete gleichfalls.

„Ich weiß nicht,“ antwortete sie, „sie hat nicht befohlen, daß wir Unterricht haben sollten, sondern hat uns mit Miß Gule zu Großmama geschickt.“

„Nun, so geh, liebste Tantschurotschka. Doch halt, warte,“ sagte er, sie nochmals festhaltend und ihr zartes Händchen streichelnd.

Er nahm vom Kamin eine Düte Konfekt, die er am vorhergehenden Tage dorthin gelegt hatte und reichte ihr zwei Stücken Chokolade, die sie am liebsten aß.

„Soll ich dies dem Grischa geben?“ frug das Mädchen, auf das eine Stück weisend.

„Jawohl.“ Wiederum streichelte er ihr die Schulter und küßte sie auf das Haar und den Hals bevor er sie entließ.

„Der Wagen ist fertig,“ meldete jetzt Matwey, „aber es ist eine Bittstellerin da,“ fügte er hinzu.

„Schon lange?“ frug Stefan Arkadjewitsch.

„Etwa eine halbe Stunde.“

„Wie oft ist dir gesagt worden, daß du sofort melden sollst!“

„Ich mußte Euch doch vorerst den Kaffee nehmen lassen,“ antwortete Matwey mit jenem freundlich dreisten Tone, über den man nicht in Zorn geraten kann.

„Nur dann bitte sie möglichst schnell,“ sagte Oblonskiy, mit verdrießlich gerunzeltem Gesicht.

Die Bittstellerin, die Frau eines Stabskapitäns Kalinin, bat um etwas Unmögliches und Sinnloses, aber Stefan Arkadjewitsch ließ sie, seiner Gepflogenheit nach Platz nehmen und hörte sie aufmerksam und ohne ein Wort der Unterbrechung an; hierauf gab er ihr ausführlich Rat, an wen sie sich wenden sollte und in welcher Weise dies zu thun sei, und entwarf ihr sogar selbst schnell und gewandt in seiner zierlichen, schwungvollen, schönen und sorgfältigen Handschrift ein Schreiben an die Persönlichkeit, welche ihr nützlich werden konnte. Nachdem er die Frau des Stabskapitäns entlassen hatte, ergriff er seinen Hut, blieb aber noch eine Weile stehen, nachdenkend, ob er nicht etwas vergessen hätte. Es stellte sich heraus, daß er nichts vergessen, es wäre denn, daß er – seine Frau vergessen wollte. —

„Ach ja!“ Er ließ den Kopf hängen, und sein rotes Gesicht nahm einen sorgenvollen Ausdruck an. „Soll ich zu ihr gehen, oder nicht?“ frug er sich selbst. Eine innere Stimme sagte ihm, es sei nicht nötig zu gehen, da es dort für ihn nichts gebe als Lüge, und daß ihre beiderseitigen Beziehungen unmöglich wieder zu bessern und herzustellen sein würden, da es nicht anging, sie wieder anziehend und liebeerweckend zu machen, oder ihn zum bejahrten, nicht mehr der Liebe fähigen Greise zu verwandeln. Außer Falsch und Lüge konnte es jetzt nichts mehr geben, dieses beides aber war seiner Natur zuwider.

„Aber einmal muß es doch werden – so kann es doch nicht bleiben,“ sprach er, sich zu ermannen versuchend. Er reckte die Brust heraus, nahm eine Cigarette, steckte sie an und that einige Züge, warf sie hierauf in einen Aschenbecher aus Perlmutter und begab sich mit schnellen Schritten durch den Salon, worauf er eine andere Thür zu dem Schlafzimmer seiner Gattin öffnete.




4


Darja Alexandrowna, im Korsett, die bereits spärlich werdenden Zöpfe des früher einmal üppig und schön gewesenen Haars im Nacken aufgesteckt, mit eingefallenem, hageren Gesicht und großen, aus den magern Zügen hervorstehenden, erschreckt aussehenden Augen, stand inmitten einer Menge im Raume umherliegender Sachen vor einer geöffneten Chiffonniere, aus welcher sie soeben etwas herausnahm.

Als sie den Schritt ihres Mannes vernahm, blieb sie stehen, den Blick auf die Thür gerichtet und angestrengt versuchend, ihrem Gesicht einen strengen und verachtungsvollen Ausdruck zu geben. Sie fühlte, daß sie ihn fürchtete und das bevorstehende Wiedersehen. Soeben hatte sie wieder versucht, was sie schon zehnmal versucht hatte innerhalb der letzten drei Tage; ihre und ihrer Kinder Sachen einzupacken um sie zu ihrer Mutter zu bringen – und wiederum hatte sie sich noch nicht dazu entschließen können. Aber auch jetzt, wie schon früher, hatte sie sich wiederholt, daß es so nicht fortgehen könne, daß sie handeln müsse, strafen, ihn beschämen und wenigstens einen kleinen Teil des Schmerzes an ihm ahnden, den er ihr bereitet. Sie sprach nur immer davon, daß sie ihn verlassen werde, aber sie fühlte, es sei unmöglich; es war in der That unmöglich, deshalb, weil sie sich nicht entwöhnen konnte, ihn als ihren Gatten anzusehen und als solchen zu lieben. Ferner erkannte sie auch, daß wenn sie hier, in ihrem eigenen Hause, kaum imstande war, ihre fünf Kinder zu beaufsichtigen, dies noch viel schwieriger dort werden würde, wohin sie mit ihnen allen wollte. Hierzu kam, daß seit drei Tagen das Kleinste erkrankt war, weil man ihm verdorbene Bouillon gegeben, und daß die anderen Kinder gestern fast nichts zu essen erhalten hatten. Sie fühlte es, daß das Haus zu verlassen unmöglich war, aber im Selbstbetrug packte sie gleichwohl die Sachen und stellte sich, als werde sie fahren.

Als sie ihren Gatten gewahrte, steckte sie die Hände in den Kasten ihrer Chiffonniere, als suchte sie etwas darin, und blickte erst zu ihm auf, als er ganz dicht an sie herangetreten war. Ihr Gesicht, dem sie einen strengen und entschlossenen Ausdruck geben wollte, drückte Verwirrung und Leiden aus.

„Dolly!“ begann er mit leiser, weicher Stimme. Er zog den Kopf in die Schultern und wollte sich einen kläglichen und devoten Ausdruck geben, strahlte aber dabei in Frische und Gesundheit. Mit schnellem Blick maß sie vom Kopf bis zu den Füßen seine von Jugendkraft und Gesundheit strotzende Erscheinung. „Ja, er ist glücklich und zufrieden,“ dachte sie, „und ich? Seine widerliche Gutherzigkeit, um die ihn jedermann so liebt und verehrt, ich hasse sie.“ Ihr Mund preßte sich zusammen, der Wangenmuskel auf der rechten Seite ihres bleichen nervösen Gesichts bebte.

„Was wünscht Ihr?“ frug sie mit fliegendem unnatürlichem Brusttone.

„Dolly!“ wiederholte er mit zitternder Stimme, „Anna wird heute hier ankommen.“

„Und was hat das für mich zu sagen? Ich kann sie nicht empfangen!“ rief sie aus.

„Aber du mußt doch, Dolly!“

„Geht, geht, geht!“ rief sie ohne ihn anzublicken, und als sei ihr dieser Schrei von einem körperlichen Schmerz entlockt.

Stefan Arkadjewitsch konnte wohl ruhig sein, wenn er seines Weibes dachte, er konnte hoffen, daß sich „alles noch machen werde“ nach dem Ausdrucke Matweys und ruhig seine Zeitung lesen und seinen Kaffee nehmen; als er aber ihr abgemagertes, leidendes Antlitz gewahrte, diesen Ton ihrer Stimme vernahm, der in das Schicksal ergeben und hoffnungslos klang, da stockte ihm der Atem, es schnürte ihm ein Etwas die Kehle zu, und seine Augen funkelten in Thränen.

„Mein Gott, was habe ich gethan! Dolly! Um Gottes Willen – Weißt du“ – er war außer stande, fortzufahren, ein Schluchzen saß ihm in der Kehle.

Sie klappte die Chiffonniere zu und blickte ihn an.

„Dolly, was soll ich sagen! Nur eines kann ich sagen: Vergieb! Erinnere dich, sollten neun Jahre des Lebens, Minuten nicht wieder erkaufen können, eine einzige Minute!“

Sie senkte die Augen und lauschte, in der Erwartung, was er noch sagen werde, und gleichsam als beschwöre sie ihn, daß er sie von seiner Unschuld überzeuge.

„Eine Minute der Vergessenheit,“ brachte er hervor und wollte fortfahren, aber bei diesem Worte krampften sich wie in körperlichem Schmerze abermals ihre Lippen zusammen und wieder spielte der Wangenmuskel auf der rechten Seite ihres Gesichts.

„Geht, geht, hinaus von hier!“ schrie sie noch durchdringender, „und sprecht mir nicht von Euren Fehltritten und Lastern!“

Sie wollte hinauseilen, aber sie begann zu wanken und mußte sich an der Lehne eines Stuhles halten, um sich zu stützen. Sein Gesicht verlängerte sich, seine Lippen traten auf und seine Augen schwammen von Thränen.

„Dolly!“ wiederholte er, schon schluchzend, „um Gottes willen, denke an unsere Kinder, sie sind doch unschuldig! Ich bin schuldig, bestrafe mich, befiehl mir, meine Schuld zu sühnen. Wie ich nur kann, ich bin zu allem bereit! Ich bin schuld, und es ist mit Worten nicht zu sagen, wie sehr ich schuldig bin! Aber, Dolly, vergieb!“

Sie ließ sich nieder. Er hörte ihren schweren, lauten Atem, und ein unbeschreiblicher Schmerz um sie überkam ihn. Mehrmals wollte sie zu sprechen beginnen, aber sie vermochte es nicht. Er wartete.

„Du gedenkst deiner Kinder nur, wenn du mit ihnen spielen willst, ich aber weiß, daß sie jetzt verloren sind,“ sagte sie, offenbar in einer Phrase, die sie während der letzten drei Tage nicht nur einmal für sich gesprochen haben mochte.

Sie sprach „du“ zu ihm, und er schaute voll Dankbarkeit auf sie und bewegte sich vorwärts, um ihre Hand zu ergreifen, sie aber trat mit Ekel vor ihm zurück.

„Ich gedenke wohl meiner Kinder, und würde daher alles thun in der Welt, um sie zu retten, aber ich weiß selbst nicht, womit ich dies thun soll; dadurch etwa, daß ich sie von ihrem Vater fortführe, oder dadurch, daß ich mit einem ausschweifenden Gatten noch zusammenbleibe, ja – mit einem ausschweifenden Gatten! Sagt selbst, angesichts des Vorgefallenen, ob es für uns möglich ist, weiter zusammen zu leben? Wäre das etwa möglich? Sagt doch, wäre das etwa möglich?“ wiederholte sie, ihre Stimme erhebend, „angesichts dessen, daß mein Gatte, der Vater meiner Kinder, in ein Liebesverhältnis mit der Gouvernante seiner Kinder tritt!“

„Aber was soll ich thun, was ist zu thun?“ erwiderte er mit kläglicher Stimme, ohne zu wissen, was er sagte, und den Kopf immer tiefer und tiefer hängen lassend.

„Ihr erscheint mir abstoßend, ekelerregend!“ rief sie aus, mehr und mehr in Erbitterung geratend. „Eure Thränen sind – nur Wasser! Ihr habt mich nie geliebt, in Euch ist kein Herz und kein Adel! Ihr seid für mich abstoßend, häßlich, fremd, ja – vollkommen fremd geworden!“ Voll Schmerz und Wut brachte sie das für sie selbst furchtbare Wort „fremd“ heraus.

Er blickte nach ihr hin; die Wut, welche sich auf ihren Zügen malte, erschreckte und befremdete ihn; er begriff nicht, daß sein Mitleid mit ihr sie in Erregung versetzte. Sah sie in demselben doch eben nur das Mitleid mit ihr und nicht die Liebe. „Nein, sie haßt mich, sie verzeiht mir nicht,“ dachte er bei sich.

„Es ist furchtbar, furchtbar!“ fuhr er fort.

In diesem Augenblick schrie in einem Nebenzimmer ein kleines Kind auf, welches gefallen sein mochte; Darja Alexandrowna horchte auf und ihre Züge wurden plötzlich weich. Sie besann sich noch einige Sekunden, als wüßte sie nicht, wo sie sei und was sie thun solle, dann bewegte sie sich, schnell aufstehend, nach der Thür.

„Aber sie liebt doch mein Kind,“ dachte er, die Veränderung in ihrem Gesicht bei dem Geschrei des Kindes ‚seines Kindes‘ bemerkend; „wie sollte sie mich da hassen können?“

„Dolly, noch ein Wort,“ begann er, zu ihr hintretend.

„Wenn Ihr mir nachkommt, rufe ich die Leute und die Kinder herbei! Alle sollen wissen, was Ihr für ein – Niedriger seid! Ich fahre jetzt fort, Ihr aber werdet hier mit Eurer Liebhaberin bleiben!“

Sie ging hinaus, die Thür hinter sich zuschlagend.

Stefan Arkadjewitsch seufzte, er wischte sich das Gesicht ab und verließ mit leisen Schritten das Gemach.

„Matwey sagt, es würde sich machen, aber wie soll das werden? Ich sehe keine Möglichkeit. Ach, o, wie entsetzlich: und wie trivial sie schrie,“ sprach er zu sich selbst, ihres Schreies und der Worte „Niedriger“ und „Liebhaberin“ gedenkend. „Möglicherweise haben die Mägde es gehört! Entsetzlich gemein, entsetzlich!“ Stefan Arkadjewitsch wartete noch einige Sekunden, rieb sich die Augen aus, seufzte und trat die Brust aufreckend, hinaus.

Es war Freitag; im Speisesaal zog ein deutscher Uhrmacher die Uhren auf. Stefan Arkadjewitsch erinnerte sich eines Scherzes über diesen gewissenhaften kahlköpfigen Uhrmacher, – daß derselbe nämlich selbst für das ganze Leben aufgezogen worden sei, um Uhren aufzuziehen – und lächelte. Stefan Arkadjewitsch liebte einen guten Witz. Aber vielleicht macht es sich doch noch. Das Wörtchen ist gut „es macht sich,“ dachte er, „das muß man erzählen.“

„Matwey!“ rief er. „Also richte alles vor mit Marja im Diwanzimmer für die Anna Arkadjewna,“ befahl er dem erscheinenden Matwey.

„Zu Diensten.“

Stefan Arkadjewitsch warf seinen Pelz über und trat auf die Freitreppe hinaus.

„Ihr werdet nicht im Hause speisen?“ frug Matwey, der ihn begleitete.

„Je nachdem. Übrigens nimm hier für etwaige Ausgaben,“ antwortete Stefan Arkadjewitsch, ihm zehn Rubel aus seiner Brieftasche einhändigend. „Wird es genügen?“

„Mag es genug sein oder nicht, man muß sich eben einrichten,“ sagte Matwey, die Thür zuwerfend und die Freitreppe hinaufgehend.

Darja Alexandrowna war mittlerweile, nachdem sie ihr Kind beruhigt und an dem Geräusch des fortrollenden Wagens wahrgenommen hatte, daß ihr Gatte fortgefahren sei, in das Schlafzimmer zurückgekehrt. Dies war ihr einziger Zufluchtsort vor den häuslichen Sorgen, die an sie herantraten, sobald sie es nur verließ. Auch jetzt, während der kurzen Zeit, da sie in die Kinderstube getreten war, beeilten sich die Engländerin und Matrjona Philimonowna, an sie mehrfache Fragen zu stellen, welche keinen Aufschub duldeten und auf die sie allein nur zu antworten vermochte. Was sollte den Kindern zur Promenade angezogen werden, sollte man ihnen Milch geben, müßte man nicht nach einem neuen Koch senden?

„Ach, laßt mich, verlaßt mich!“ antwortete sie, und ließ sich, in das Schlafzimmer zurückgekehrt, auf dem nämlichen Platze nieder, von dem aus sie mit ihrem Manne gesprochen hatte, um nun, die mageren Hände mit den Ringen, die fast von den knöchernen Fingern herabglitten, zusammenpressend, in der Erinnerung nochmals die ganze Unterredung zu überdenken. „Er ist weggefahren. Aber wie mag er mit ihr abgebrochen haben? Ob er sie noch sieht? Weshalb habe ich ihn nicht gefragt,“ dachte sie, „nein, nein, zusammenkommen kann ich nicht mehr mit ihm. Wenn wir auch unter einem Dache zusammenbleiben sollten, wir werden uns fremd sein. Auf immer fremd!“ wiederholte sie mit besonderer Hervorhebung das für sie so furchtbare Wort. „Und wie ich ihn geliebt habe, großer Gott, wie ich ihn geliebt habe! Liebe ich ihn jetzt etwa nicht? Liebe ich ihn nicht noch mehr, als früher? – Aber die entsetzliche Hauptsache ist die“ – begann sie, ohne indessen ihren Gedanken zu beenden; Matrjona Philimonowna erschien in der Thür.

„Wollt Ihr doch befehlen, daß nach meinem Bruder geschickt werde,“ sagte sie, „damit er das Essen bereite, sonst werden die Kinder wie am gestrigen Tage bis sechs Uhr wieder nichts zu essen haben!“

„Gut. Ich komme sogleich um anzuordnen. Ist nach frischer Milch geschickt worden?“

Darja Alexandrowna versenkte sich nun wieder in die Sorgen des Tages und erstickte in ihnen auf einige Zeit ihren Kummer.




5


Stefan Arkadjewitsch hatte in der Schule gut gelernt, dank seinen guten Anlagen, aber er war faul und müßig gewesen und hatte daher zu den Letzten gehört; ungeachtet seines stets zerstreuten Lebens aber, seines niederen Ranges und seiner Jugend, bekleidete er die ehrenvolle, mit gutem Gehalt dotierte Stelle eines Natschalnik in einem der Moskauer Gerichtshöfe. Er hatte dieses Amt erhalten durch den Gatten seiner Schwester Anna, den Alexey Alexandrowitsch Karenin, der eine der höchsten Stellen in dem Ministerium inne hatte, zu welchem jener Gerichtshof gehörte. Hätte indessen Karenin seinen Schwager nicht in dieses Amt bestellt, so würde dieser mit Hilfe von hundert anderen Persönlichkeiten, Brüdern, Schwestern, Verwandten, Vettern, Onkeln und Tanten dieses Amt oder ein dem entsprechendes mit sechstausend Rubel Gehalt erlangt haben, so wie er sie brauchte, da seine Verhältnisse trotz des bedeutenden Vermögens seiner Frau, derangiert waren.

Halb Moskau und Petersburg war ihm verwandt, mit Stefan Arkadjewitsch befreundet. Er war geboren inmitten jener Menschen, welche die Macht in dieser Welt waren oder bildeten. Ein Drittel der Männer aus der Staatsverwaltung war mit seinem Vater befreundet und hatte ihn schon im Kinderhemdchen gekannt; ein anderes Drittel stand sich mit ihm auf „du“, und das dritte – waren lauter gute Freunde von ihm selbst; es ergab sich hieraus, daß alle die Spender der irdischen Güter in Gestalt von Staatsämtern, Arenden, Konzessionen und ähnlichen Dingen dieser Art, sämtlich mit ihm befreundet waren und ihn nicht unberücksichtigt lassen konnten. Oblonskiy brauchte sich auch gar nicht besonders zu bemühen, um ein fettes Amt zu erhalten; er brauchte nur die Annahme eines solchen nicht zu verweigern, niemandem mißgünstig zu sein, nicht zu streiten, niemandem zu nahe zu treten, kurz, nichts zu thun, was er nach seiner ihm eigenen Gutmütigkeit auch ohnehin niemals gethan haben würde. Es wäre ihm lächerlich erschienen, hätte man ihm gesagt, daß er nicht ein Amt mit einem Gehalte zugewiesen bekommen würde, wie er ihm notwendig war, umsoweniger, als er ja gar nichts Außergewöhnliches damit forderte. Er wollte nur das haben, was seine Altersgenossen erhalten hatten, und er konnte ein Amt von der nämlichen Art nicht minder gut ausfüllen, als jeder andere.

Stefan Arkadjewitsch liebten nicht nur alle diejenigen, die ihn in seiner gutmütigen, heiteren Sinnesart, seiner untadelhaften Ehrenhaftigkeit kennen gelernt hatten, sondern es lag überhaupt in ihm, in seiner hübschen, freundlichen Erscheinung, seinen blitzenden Augen, schwarzen Augenbrauen, Haaren, seinem weißen und rosigen Gesicht etwas physisch Wirkendes, was alle Menschen freundschaftlich und erheiternd anmutete, die mit ihm in Berührung kamen. Kam es einmal vor, daß nach einer Unterhaltung mit ihm sich ergab, es sei nichts gerade Lustiges dabei gewesen, so freute sich doch jedermann – schon am nächsten oder übernächsten Tage – ganz ebenso wieder wie das erste Mal, – über eine neue Begegnung mit ihm.

Seit drei Jahren im Besitz des Amtes des Natschalnik eines der Gerichtshöfe in Moskau, hatte sich Stefan Arkadjewitsch neben der Liebe auch die Achtung seiner Amtskollegen, untergebenen Natschalniks und aller derer erworben, die mit ihm geschäftlich zu thun hatten.

Die vorzüglichsten Eigenschaften Stefan Arkadjewitschs, die ihm diese allgemeine Achtung im Dienste erworben hatten, bestanden zuerst in einer außergewöhnlichen Leutseligkeit im Verkehr, die in ihm auf der Erkenntnis der Mängel seines Ichs beruhte, zweitens in einer vollkommenen Liberalität, nicht jener, von welcher er in der Zeitung gelesen hatte, sondern in jener, die ihm im Blute lag, und mit welcher er in vollkommenem innerem Gleichgewicht mit jedermann verkehrte, welches Berufes und Standes er immer auch sein mochte; drittens – was das Wichtigste war – in einer vollkommenen Kaltblütigkeit gegenüber den Gegenständen, mit denen er sich zu befassen hatte, kraft deren er sich niemals hinreißen ließ und nie Fehler machte.

Nachdem Stefan Arkadjewitsch am Platze seiner Amtswaltung angelangt war, begab er sich begleitet von dem ehrerbietigen Portier der das Portefeuille trug, in sein kleines Kabinett, legte die Uniform an und verfügte sich in das Gerichtszimmer. Die Schreiber und Beamten erhoben sich sämtlich mit freundlichem und ehrerbietigem Gruße. Stefan Arkadjewitsch ging eilig, wie er dies stets zu thun pflegte, nach seinem Platze, drückte den Mitgliedern die Hände und nahm Platz. Er scherzte ein wenig, sprach ruhig wie viel sich eben gerade schickte, und widmete sich dann seiner Arbeit.

Niemand verstand es besser als Stefan Arkadjewitsch, jene Grenze in Selbständigkeit, in Einfachheit und im amtlichen Verkehr zu finden, welche zu einer angenehmen amtlichen Thätigkeit notwendig ist. Der Sekretär trat freundlich und ehrerbietig wie jedermann im Gerichtshof Stefan Arkadjewitschs mit den Papieren zu diesem heran und sprach in dem nämlichen familiär liberalen Tone mit ihm, wie er eben durch ihn erst eingeführt worden war.

„Wir haben gewisse Nachrichten von der Regierung des Gouvernement Penza erhalten. Hier sind sie, wäre es vielleicht gefällig“ —

„Haben wir sie endlich erhalten?“ antwortete Stefan Arkadjewitsch, die Akten mit dem Finger zuschlagend. „Also frisch ans Werk, meine Herren!“ und die Gerichtssitzung begann.

„Wenn sie wüßten,“ dachte er, mit ausdrucksvoller Miene das Haupt bei dem Anhören des Referats neigend, „welch ein arger Sünder eine halbe Stunde vor diesem Augenblick der Präsident dieser Sitzung war!“ Sein Blick aber lächelte bei der Verlesung des Referats. Zwei Stunden vergingen nun vorschriftsmäßig und ohne Unterbrechung in den Amtsgeschäften, nach Verlauf dieser Zeit jedoch trat die Frühstückspause ein.

Noch nicht zwei Stunden waren vergangen, als sich die großen Glasthüren des Saales plötzlich öffneten und jemand hereintrat. Alle Mitglieder der Sitzung schauten, gleichsam wie bei einer photographischen Aufnahme, erfreut über die willkommene Zerstreuung, nach der Thür, aber der Wächter, welcher dort postiert war, trieb den Eingedrungenen sogleich wieder zurück und schloß hinter ihm von neuem die Glasthür.

Als die Aktenlektüre beendet war, erhob sich Stefan Arkadjewitsch, streckte sich, zog in Gegenwart der Sitzungsmitglieder eine Cigarette hervor und begab sich, diesen noch großmütig eine vorzeitige Muße schenkend, in sein Kabinett. Seine beiden Kollegen, der altgediente Nikitin, und der Kammerjunker Grinjewitsch, folgten ihm.

„Nach dem Frühstück wollen wir die Sache vollends erledigen,“ sagte Stefan Arkadjewitsch.

„Wir werden schon fertig werden,“ meinte Nikitin.

„Ein echter Verschwender muß aber doch dieser Thomitsch sein,“ bemerkte Grinjewitsch in Hinblick auf eine von den Persönlichkeiten, welche an dem Prozeß beteiligt waren, den man soeben behandelt hatte.

Stefan Arkadjewitsch runzelte die Stirn bei diesen Worten Grinjewitschs, und gab diesem damit zu verstehen, daß es nicht angemessen sei, vorzeitig ein Urteil auszusprechen; er antwortete nichts auf Grinjewitschs Bemerkung.

„Wer war denn vorhin hereingekommen?“ frug er den Wächter.

„Irgend jemand, Ew. Excellenz, war ohne angefragt zu haben eingetreten, ich hatte mich gerade wegbegeben. Man frug nach Euch, und ich beschied, daß wenn die Mitglieder der Sitzung herauskommen würden“ —

„Wo ist der Mann?“

„Der Mann ging auf den Vorsaal hinaus und hat sich dort aufgehalten. Der dort ist es,“ antwortete der Wächter, auf einen stark und kräftig gebauten Mann mit krausem Barte zeigend, der, ohne seine Schaffellmütze vom Kopfe zu nehmen, schnell und gewandt die ausgetretenen Stufen der steinernen Treppe hinaufstieg. Ein schmächtiger Beamter, welcher sich gerade mit einem Portefeuille unter den von oben Herabkommenden befand, war stehen geblieben und schaute mit verdächtigem Blicke nach den Füßen des Hinaufeilenden, worauf er sich mit fragendem Ausdruck nach Oblonskiy hinwandte.

Stefan Arkadjewitsch stand auf der Treppe. Sein gutmütiges Gesicht glänzte aus dem gestickten Kragen der Uniform nur noch mehr auf, nachdem er den Eilenden erkannt hatte.

„Da ist er ja! Lewin; endlich!“ rief er mit vertraulichem und ironischem Lächeln dem ihm entgegenkommenden Lewin zu. „Wie kommt es denn, daß du es nicht verschmäht hast, mich in dieser Löwenhöhle aufzusuchen?“ sagte Stefan Arkadjewitsch, nicht zufrieden, seinem Freunde die Hand zu drücken und ihm einen Kuß applizierend.

„Bist du schon lange hier?“

„Soeben bin ich angekommen, und mich verlangte sehr, dich zu sehen,“ antwortete Lewin, befangen und zugleich auch aufgeregt und unruhig im Kreise umherblickend.

„Nun, komm, wir wollen in mein Kabinett gehen,“ sagte Stefan Arkadjewitsch.

Er kannte die selbstbewußte und leicht gereizte Befangenheit seines Freundes, und zog ihn, nachdem er ihn bei der Hand genommen hatte, hinter sich her nach dem Kabinett, gleich als geleite er ihn durch Gefahren.

Stefan Arkadjewitsch stand sich auf „du“ mit allen seinen Freunden; mit den Alten von sechzig Jahren, mit den jungen von zwanzig, mit Schauspielern und Ministern, mit Kaufleuten und Generaladjutanten, so daß sehr viele der mit ihm auf Brüderschaft stehenden sich auf den beiden Endpunkten der gesellschaftlichen Stufenleiter der Standesunterschiede befanden und sehr verwundert gewesen wären, wenn sie erfahren hätten, daß sie durch Oblonskiy etwas allgemein bindendes gemeinsam hatten.

Er stand auf du und du mit jedermann, mit dem er Champagner getrunken hatte, und er trank mit Allen Champagner; aus diesem Grunde aber verstand er auch, wenn er in Gegenwart seiner Untergebenen ihn herabwürdigende „Duzfreunde“ traf, wie er viele seiner Freunde nannte, infolge des ihm eigenen Taktgefühls den unangenehmen Eindruck den dies auf die untergebenen Beamten machte, herabzustimmen. Lewin war nicht einer von denen, die durch das Duzen ihn erniedrigten, aber Oblonskiy in seinem Takte empfand, Lewin werde innerlich nicht wünschen können, daß er die beiderseitige Intimität so zum Ausdruck bringe, und deshalb beeilte er sich, ihn in das Kabinett zu führen.

Lewin war fast im nämlichen Alter mit Oblonskiy und er stand auf dem Duzfuße mit diesem nicht nur infolge des Champagnertrinkens. Lewin war Oblonskiys Kamerad und Freund von frühester Jugend auf; beide liebten einander ungeachtet der Verschiedenheit ihrer Charaktere und Geschmacksrichtung, wie sich eben nur Freunde lieben können, die von erster Jugend auf miteinander zusammen gewesen sind.

Aber nichtsdestoweniger, wie oft kommt es nicht unter den Menschen vor, daß wenn Zwei sich verschiedene Wirkungskreise erkoren haben, jeder von ihnen, wenn er auch die Thätigkeit des andern beurteilen kann und gutheißt, sie gleichwohl auf dem Grund seiner Seele verachtet. Jedem schien es, als wenn das Leben, welches er führe, allein ein wirkliches Leben sei, und daß das, welches der andere führe, nur eine Selbstüberschätzung sei. Oblonskiy konnte sich eines leichten, ironischen Lächelns beim Erblicken Lewins nicht erwehren. Es war dies stets der Fall, wenn er Lewin von dessen Dorfe nach Moskau kommen sah, denn was dieser eigentlich auf dem Dorfe trieb, das vermochte Stefan Arkadjewitsch niemals vollständig zu verstehen – es interessierte ihn aber auch herzlich wenig. —

Lewin kam nach Moskau stets in Aufregung, in Hast und Unruhe, in einer gewissen Beklemmung und mit einem gewissen Zorn über diese Beklemmung, hauptsächlich aber mit einer völlig naiven, urwüchsigen Anschauung der Dinge. Stefan Arkadjewitsch lachte darüber und liebte es dabei.

Ganz ebenso verachtete auch Lewin in seinem Innern sowohl die großstädtische Lebensweise seines Freundes und dessen Amtsthätigkeit, die er für höchst leer und nichtig hielt, und lachte wiederum über Oblonskiy. Aber der Unterschied lag darin, daß Oblonskiy, indem er that was alle thun, voll innerer Wahrheit und Gutmütigkeit lachte, während Lewin dies ohne jene Wahrheit und bisweilen voll Zornes that.

„Wir haben lange auf dich gewartet,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, in das Kabinett eintretend und die Hand Lewins loslassend, gleichsam als wolle er diesem damit zeigen, daß nun die Gefahren vorüber seien. „Ich freue mich herzlich, dich zu sehen,“ fuhr er fort, „nun, was machst du? Wie geht es? Wann bist du angekommen?“

Lewin schwieg; er schaute auf die ihm unbekannten Gesichter der beiden Kollegen Oblonskiys und insbesondere auf die Hand des eleganten Grinjewitsch, die so schneeweiße schlanke Finger hatte, an deren Enden so lange, gelbliche zurückgebogene Nägel saßen, sowie auf die ungeheuren, glitzernden Knopfspangen auf dem Oberhemd; diese Hände hatten augenscheinlich all seine Aufmerksamkeit gefesselt, und gaben ihm keine Freiheit zu denken mehr. Oblonskiy bemerkte dies sogleich und lächelte.

„Ah, erlaubt, daß ich Euch bekannt mache,“ sagte er.

„Meine Amtsbrüder; Philipp Iwanitsch Nikitin – Michail Stanislawitsch Grinjewitsch“ – und fuhr hierauf fort, zu Lewin gewendet, „ein Landrichter, ein noch unverdorbener Mensch der Natur, ein Gymnast, der mit einer Hand fünf Pud aufhebt, der Vieh züchtet und jagt und mein Freund ist, Konstantin Dmitriewitsch Lewin, ein Bruder von Sergey Iwanowitsch Koznyscheff.“

„Sehr angenehm,“ antwortete der Alte.

„Ich habe wohl die Ehre, Ihren Herrn Bruder zu kennen, den Sergey Iwanowitsch,“ sagte Grinjewitsch, seine feine Hand mit den langen Nägeln Lewin reichend.

Dieser verzog das Gesicht, drückte ceremoniell die dargereichte Hand und wandte sich hierauf sogleich an Oblonskiy. Obwohl er eine hohe Achtung vor seinem in ganz Rußland bekannten einzigen Bruder, welcher Schriftsteller war, hegte, so vermochte er es doch nicht zu ertragen, wenn man sich an ihn nicht wie an Konstantin Lewin wandte, sondern an den Bruder des berühmten Koznyscheff.

„Nein, nein, ich bin kein Landrichter mehr; ich habe mit alledem gebrochen und werde zu keiner Bauernversammlung mehr fahren,“ sagte er, sich an Oblonskiy wendend.

„So schnell ist das gegangen!“ antwortete Oblonskiy lächelnd, „aber wie ist das geschehen, und weshalb?“

„Das ist eine lange Geschichte. Ich werde sie dir schon einmal erzählen,“ versetzte Lewin, begann aber dabei schon im Augenblick zu berichten.

„Mit kurzen Worten; ich habe mich überzeugt, daß es keinen Wirkungskreis für den Semstwo mehr giebt oder geben kann,“ sagte er in einem Tone, als habe ihn soeben jemand beleidigt. „Einerseits ist er eine Spielerei; man spielt Parlament, und ich bin weder jung genug hierzu noch hinlänglich bejahrt, um an Spielzeugen Gefallen zu finden, andrerseits“ – er gähnte – „ist er ein Mittel für die sogenannte Clique des betreffenden Landkreises, Geld zu verdienen. Früher gab es Vormundschaften, Gerichte, jetzt existiert das Semstwo, nicht unter der Flagge von Sportelschneiderei, sondern der des unverdienten Gehalts,“ sprach er so hitzig, als habe jemand von den Anwesenden seine Meinung schon bestritten.

„Aha, da bist du ja, wie ich sehe, wiederum in einem neuen Entwicklungsstadium, in dem des Konservatismus,“ sagte Stefan Arkadjewitsch. „Indessen, wir wollen doch später mehr hierüber sprechen.“

„Ja wohl. Später. Ich habe dich indessen einmal sehen müssen,“ antwortete Lewin, scheel auf die Hand Grinjewitschs blickend.

Stefan Arkadjewitsch lächelte kaum merklich.

„Sagtest du nicht auch einmal, daß du nie und nimmermehr einen modernen Anzug anlegen würdest?“ frug er, auf die Garderobe Lewins blickend, dessen Anzug augenscheinlich von einem französischen Tailleur gefertigt war. „Es ist schon so; ich sehe, daß hier eine neue Phase eingetreten ist.“

Lewin errötete plötzlich, doch er errötete nicht so, wie die erwachsenen Leute, also flüchtig, und ohne daß man selbst davon Notiz nimmt, sondern so wie Knaben erröten, welche fühlen, daß sie in ihrer Befangenheit lächerlich werden, und die infolge davon mehr und mehr Scham empfinden, röter und röter werden, und fast in Thränen ausbrechen.

So seltsam war es, dieses verständige, männliche Antlitz in solch einem knabenhaften Zustande zu sehen, daß selbst Oblonskiy abstand, es länger noch anzublicken.

„Aber wo wollen wir uns sehen? Ich muß dich ja so dringend sprechen,“ fuhr Lewin fort.

Oblonskiy schien nachzudenken.

„Machen wir es so: Wir fahren zu Gurin frühstücken und dort können wir uns unterhalten; bis drei Uhr stehe ich zu deiner Verfügung.“

„Nein,“ antwortete Lewin sinnend, „ich muß noch weiter fahren.“

„Gut; dann speisen wir Mittag zusammen.“

„Speisen? Ich will ja gar nichts Besonderes von dir, nur zwei Worte mit dir sprechen, dich etwas fragen; dann können wir uns meinethalben unterhalten.“

„Nun, so sag mir diese zwei Worte und nach dem Mittagessen können wir weiter reden.“

„Die zwei Worte sind diese,“ sagte Lewin, „jedoch – sie haben nichts Besonderes.“ —

Sein Gesicht nahm plötzlich einen zornigen Ausdruck an, welcher von dem Bestreben, seine innere Gepreßtheit zu unterdrücken herrührte.

„Was machen die Schtscherbazkiy? Steht es noch immer bei ihnen wie früher?“ frug er.

Stefan Arkadjewitsch, welcher längst wußte, daß Lewin in seine Schwägerin Kity verliebt war, lächelte fast unmerklich, seine Augen blitzten aber heiter auf.

„Du sagtest mir zwar zwei Worte, ich aber bin nicht imstande, dir mit ebenso viel Worten nur zu antworten, denn – entschuldige auf einen Augenblick“ —

Ein Sekretär trat mit Akten ein und näherte sich Oblonskiy mit freundlicher Ehrerbietung und einem gewissen, allen Sekretären gemeinsamen bescheidenen Selbstbewußtsein, welches hier hervorging aus dem Gefühl der Überlegenheit über seinen Vorgesetzten in der Kenntnis der Amtsgeschäfte. Der Sekretär begann mit fragendem Ausdruck eine Angelegenheit auseinanderzusetzen.

Stefan Arkadjewitsch legte ohne den Sekretär zu Ende zu hören, freundlich seine Hand auf den Arm desselben.

„Nein, nein, Ihr müßt schon so thun, wie ich gesagt habe,“ antwortete er ihm, seine Weisung durch ein Lächeln abschwächend und kurz auseinandersetzend, wie er die Sache auffasse. Er nahm die Akten weg und sagte: „So also macht Ihr es gefälligst wohl, Zacharias Nikitin!“

Verwirrt entfernte sich der Sekretär.

Lewin hatte sich während der Zeit der Beratung mit demselben vollständig wieder von seiner Verlegenheit befreit; er stand jetzt, beide Arme auf einen Stuhl gestützt und auf seinem Gesicht zeigte sich eine ironische Aufmerksamkeit.

„Ich verstehe nicht, verstehe nicht,“ sprach er.

„Was verstehst du nicht?“ frug Oblonskiy, mit sonnigem Lächeln eine Zigarette hervorholend. Er erwartete von Lewin wieder eine seltsame Deduktion.

„Ich verstehe nicht, was Ihr da thut,“ sagte Lewin, die Achseln zuckend. „Wie kannst du das vollen Ernstes thun?“

„Wovon sprichst du denn?“

„Nun, davon, daß – Ihr nichts thut!“

„So denkst du wohl, aber wir sind von Geschäften überhäuft.“

„Von papiernen. Mag sein, du hast eine besondere Anlage dazu,“ bemerkte Lewin.

„Denkst du, daß ich etwa Mangel daran litte?“

„Ist nicht ganz unmöglich,“ antwortete Lewin. Aber nichtsdestoweniger liebe ich deine Erhabenheit hier und bin stolz, daß ich einen so großen Mann zum Freunde habe. Du hast mir aber doch noch nicht auf meine Frage geantwortet,“ fügte er hinzu, mit verzweifelter Anstrengung Oblonskiy gerade in das Auge schauend.

„Nun, gut, gut; warte noch ein wenig und du wirst schon noch hören. Es ist recht gut, wenn man nicht weniger als dreitausend Desjatinen Landes im Karazinsker Kreise besitzt und solche Muskeln hat wie du, solch eine Frische wie ein zwölfjähriges Mädchen – aber du kommst schon auch noch auf unseren Standpunkt. Was aber jenes andere anbetrifft, wonach du frugst, so ist von einer Veränderung nichts zu berichten; schade indessen ist es, daß du so lange nicht hier gewesen bist.“

„Ist etwas vorgefallen?“ frug Lewin erschreckt.

„Nein, nichts,“ antwortete Oblonskiy. „Wir werden schon noch weiter sprechen, warum aber bist du denn eigentlich nach Moskau gefahren?“

„O, davon werden wir gleichfalls nachher sprechen,“ versetzte Lewin, wiederum bis an die Ohren errötend.

„Schön. Ich begreife,“ äußerte Stefan Arkadjewitsch.

„Weißt du übrigens, ich würde dich zu mir einladen, allein meine Frau ist jetzt nicht recht gesund. Willst du indessen die Schtscherbazkiys heute sehen, so sind sie aller Wahrscheinlichkeit nach jetzt im Zoologischen Garten, von vier bis fünf Uhr. Kity läuft Schlittschuh. Fahre hin, und ich werde auch nachkommen; wir können alsdann irgendwo vereint dinieren.“

„Ausgezeichnet, auf Wiedersehen also.“

„Sieh aber zu, denn so wie ich dich kenne, kannst du alles plötzlich vergessen haben, oder wieder auf das Dorf gefahren sein!“ rief Stefan Arkadjewitsch lachend aus.

„O nein; gewiß nicht.“

Er eilte davon, und besann sich erst an der Thür des Kabinetts, daß er die Kollegen Oblonskiys gar nicht zum Abschied begrüßt hatte.

„Er scheint ein sehr energischer Herr zu sein,“ sagte Grinjewitsch, nachdem Lewin gegangen war.

„Ja, Verehrtester,“ antwortete Stefan Arkadjewitsch, den Kopf schüttelnd – „der ist doch ein Glückspilz! Dreitausend Desjatinen Landbesitz im Karazinsker Kreise, und diese Gesundheit! Könnte es unser einem nicht ebenso gut ergehen.“

„Beklagt Ihr Euch etwa noch, Stefan Arkadjewitsch?“

„Ach ja, es ist recht traurig, recht schlimm,“ antwortete Stefan Arkadjewitsch mit einem schweren Seufzer.




6


Als Oblonskiy Lewin gefragt hatte, aus welchem Grunde derselbe eigentlich angekommen sei, war Lewin rot geworden; er war in Zorn geraten über sich, daß er rot geworden, und nicht in der Lage gewesen war, eine Antwort auf diese Frage zu geben, welche lauten sollte: „Ich bin gekommen, um deiner Schwägerin einen Antrag zu machen,“ da er ja doch nur zu diesem Zwecke gekommen war.

Die Familien der Lewin und Schtscherbazkiy waren von altem Moskauer Adel und standen stets miteinander in nahen und freundschaftlichen Beziehungen. Dieses Freundschaftsband wurde noch mehr befestigt zur Zeit der Universitätsstudien Lewins. Er bereitete sich zu gleicher Zeit wie der junge Fürst Schtscherbazkiy, der Bruder Dollys und Kitys, zum Studium vor, und bezog zugleich mit diesem die Hochschule.

In jener Zeit war Lewin oft im Hause der Schtscherbazkiy gewesen, er hatte sich in die Familie derselben verliebt. So seltsam dies wohl erscheinen mag, aber Konstantin Lewin war thatsächlich in das Haus, in die Familie verliebt, und zwar besonders in die weibliche Hälfte der Familie Schtscherbazkiy.

Lewin selbst hatte seine Mutter nie gekannt, seine einzige Schwester war älter als er, so daß er im Hause der Schtscherbazkiy zum erstenmal jenen Kreis des alten, feingebildeten und ritterlichen familiären Adelslebens kennen lernte, dessen er durch den Tod der Eltern verlustig gegangen war.

Alle Glieder dieser Familie, insbesondere die weiblichen, erschienen ihm wie von einem geheimnisvollen, poetischen Schleier verhüllt und er erkannte in ihnen nicht nur keinerlei Mängel, sondern vermutete vielmehr unter jenem poetischen Schleier, der sie deckte, die erhabensten Gefühle und alle nur erdenkbaren Vollkommenheiten.

Wozu die drei Damen abwechselnd den Tag hindurch französisch und englisch sprachen, weshalb sie zu bestimmter Stunde, sich abwechselnd, das Klavier spielten, dessen Klänge bei dem Bruder oben gehört wurden, bei dem sie als Studenten arbeiteten, weshalb Lehrer für die französische Litteratur, Musik, Zeichnen, Tanzen ins Haus kamen, weshalb zu bestimmten Stunden alle drei jungen Damen mit Mademoiselle Linon in der Equipage den Twerskiyboulevard hinabfuhren, in ihren Atlaspelzen – Dolly in einem langen, Nataly in einem halblangen und Kity in einem ganz kurzen, so daß die üppigen Füßchen in den drallsitzenden, roten Strümpfchen vollständig gesehen werden konnten, weshalb sie in Begleitung eines Lakaien mit goldener Kokarde an der Mütze den Twerskiyboulevard abspazieren mußten – alles dies und noch vieles andere, was sich in ihrem reizumwobenen Dasein abspielte, verstand er nicht; aber er wußte, daß alles, was hier vor sich ging, schön war, und er war vernarrt besonders in das Geheimnisvolle der Vorgänge.

Zur Zeit seiner Universitätsstudien hätte er sich beinahe in die älteste, in Dolly, verliebt, aber man verheiratete sie sehr bald schon an Oblonskiy. Er verliebte sich hierauf in die zweitälteste.

Er empfand, daß er eine der Schwestern lieben müsse, nur konnte er nicht zu der Erkenntnis gelangen, welche die Erkorene eigentlich sei. Indessen auch Nataly folgte – sobald sie nur in der Gesellschaft erschienen war – einem Diplomaten Lwoff an den Altar.

Kity war noch ein Kind, als Lewin die Universität verließ. Der junge Schtscherbazkiy, welcher in die Marine eintrat, ertrank im baltischen Meere, und die Beziehungen Lewins zu den Schtscherbazkiy wurden ungeachtet seines freundschaftlichen Verhältnisses zu Oblonskiy immer entferntere.

Als aber nun Lewin im laufenden Jahre zu Beginn des Winters nach Moskau kam nach einem einjährigen Aufenthalt auf dem Lande, und die Schtscherbazkiys wiedersah, da erkannte er, in welche von den drei Mädchen ihm endgültig vom Schicksal beschieden worden war, sich zu verlieben.

Es hätte wohl scheinen können, als ob nichts einfacher sei als dies, daß er, ein Mann von guter Familie, eher reich als arm und im Alter von zweiunddreißig Jahren, der jungen Fürstin Schtscherbazkiy einen Heiratsantrag machte; allem Anschein nach mußte man ihn doch als eine gute Partie anerkennen.

Aber Lewin war verliebt und demzufolge schien ihm, daß Kity ein in allen Beziehungen so vollkommenes Wesen sei, ein so über allem Irdischen erhabenes Geschöpf, er aber hingegen ein so gewöhnlicher Mensch, ein so niederes Wesen, daß sich nicht einmal daran denken lasse, es würde ihn irgend jemand anderes, oder gar sie selbst, als ihrer würdig ansehen.

Nachdem er zwei Monate in Moskau wie im Rausche zugebracht hatte, fast jeden Tag Kity in der großen Gesellschaft sehend, wohin er sich begab, um ihr begegnen zu können, beschloß er plötzlich bei sich selbst, daß es nicht sein könne und reiste ab aufs Land.

Die Überzeugung Lewins, daß es nicht in Erfüllung gehen könne, beruhte darauf, daß er in den Augen der Verwandten Kitys als eine nicht vorteilhafte, nicht angemessene Partie in Erwägung der persönlichen Vorzüge des Mädchens galt und daß dieses selbst ihn nicht lieben könne.

In den Augen der Verwandten hatte er keine berufsmäßige, bestimmtgeregelte Thätigkeit, keine Stellung in der Welt, während seine Freunde jetzt, da er schon zweiunddreißig Jahre zählte, der eine Oberst und Flügeladjutant, der andere Professor, der dritte Bank- und Eisenbahndirektor, oder Gerichtspräsident geworden war wie Oblonskiy. Er aber – der recht wohl wußte, als was er für die übrigen erscheinen mußte – war ein Gutsbesitzer der sich mit Viehzucht, mit der Jagd auf Birkhühner und mit Bauten beschäftigte, das heißt ein talentloser Mensch, von dem nichts geleistet wurde und welcher nach den Begriffen der Gesellschaft nur das that, was taugliche Menschen eben niemals thun.

Selbst die reizumwobene, schöne Kity konnte einen Mann der so unschön war, wie er selbst von sich sagte, und ganz besonders einen so einfachen, durch nichts sich auszeichnenden Menschen unmöglich lieben.

Außerdem erschienen ihm seine früheren Beziehungen zu Kity – Beziehungen eines Erwachsenen zu einem Kinde infolge seiner Freundschaft zu ihrem Bruder – als eine neue Scheidewand vor der Liebe.

Den unschönen, gutmütigen Mann für den er sich selbst hielt, konnte man wohl seiner Meinung nach als einen Freund lieben, aber um mit einer solchen Liebe geliebt zu werden, mit welcher er Kity liebte, dazu mußte man ein schöner Mensch sein, und – was immer noch die Hauptsache dabei blieb – man mußte ein absonderlicher Mensch sein. —

Er hatte wohl vernommen, daß die Weiber öfters auch häßliche Menschen lieben, einfache Menschen, aber er glaubte nicht daran, indem er nur nach sich selbst urteilte.

Er selbst aber konnte nur schöne Weiber lieben, nur solche, die mit einem Reiz des Geheimnisvollen und Besonderen begabt waren.

Nachdem Lewin so zwei Monate hindurch auf dem Lande gewesen war, überzeugte er sich, daß es sich für ihn nicht um eine jener Verliebtheiten handele, wie er sie in der Zeit seiner Jugend an sich erfahren hatte, sondern daß seine Empfindungen ihm keine Minute mehr Ruhe ließen, daß er nicht leben könne, ohne daß die Frage eine Entscheidung gefunden hätte, ob sie seine Gattin werden würde oder nicht, und daß seine ganze Verzweiflung nur aus der Vorstellung entstand, daß er nicht die geringsten Beweismittel dafür besaß, daß ihm ein Korb erteilt werden würde.

So fuhr er denn jetzt nach Moskau mit dem festen Vorsatz, einen Antrag zu stellen und zu heiraten, wenn man ihn erhörte.

Sonst – er vermochte sich nicht zu denken, was mit ihm geschehen würde, sollte er eine Zurückweisung erfahren.




7


In Moskau mit dem Morgenzug angekommen, blieb Lewin bei seinem ältesten Bruder Koznyscheff. Nachdem er sich umgekleidet, begab er sich zu diesem ins Kabinett, entschlossen, ihm unverweilt zu berichten, zu welchem Zwecke er angekommen sei und seinen Rat zu erbitten.

Aber sein Bruder war nicht allein. Bei ihm befand sich ein berühmter Professor der Philosophie, der aus Charkoff eigens deshalb gekommen war, um Zweifel, die beiden über eine sehr wichtige philosophische Frage aufgetaucht waren, aufzuklären.

Der Professor führte eine sehr scharfe Polemik gegen die Materialisten und Sergey Koznyscheff war mit Interesse dieser Polemik gefolgt. Nachdem er den letzten Artikel des Professors gelesen hatte, teilte er demselben brieflich seine Einwendungen mit und machte ihm Vorwürfe, daß er den Materialisten viel zu große Konzessionen gemacht habe. Der Professor war nun sogleich selbst erschienen, um sich mit dem Briefschreiber auszusprechen.

Das Thema drehte sich um eine moderne Frage: Giebt es eine Grenze zwischen den psychologischen und physiologischen Offenbarungen in der Thätigkeit des Menschen, und wo liegt sie?

Sergey Iwanowitsch begrüßte seinen Bruder mit dem ihm eigenen vor jedermann angenommenen kaltfreundlichen Lächeln und fuhr, nachdem er denselben mit dem Professor bekannt gemacht hatte, in seinem Gespräch fort.

Der kleine Herr in der Brille mit der schmalen Stirn ließ einen Augenblick das Gespräch fallen, um den Angekommenen zu begrüßen und setzte dann das Gespräch fort, ohne Lewin weitere Aufmerksamkeit zu widmen. Lewin saß erfüllt von der Erwartung, daß der Professor sich entfernen möchte, aber bald begann er sich selbst für den Gegenstand der Unterhaltung zu interessieren.

Lewin hatte in den Journalen die Artikel gefunden, um die es sich hier handelte und sie gelesen, von ihnen angezogen als von einer Entwickelung ihm bekannter Dinge. Er hatte auf der Universität die Fundamente der Naturwissenschaften studiert, sich aber nie mit diesen wissenschaftlichen Ausführungen über die Entstehung des Menschen als eines lebenden Wesens, über die Reflexe, über Biologie und Sociologie näher beschäftigt, mit jenen Fragen über die Bedeutung des Lebens und des Todes für ihn selbst, die ihm in der jüngsten Zeit öfters in den Sinn gekommen waren.

Beim Anhören der Unterredung des Bruders mit dem Professor bemerkte er, daß sie wissenschaftliche Fragen mit subjektiven verbanden. Mehrmals näherten sie sich jenen Fragen, aber jedes Mal, wenn sie nahe an den Hauptpunkten waren, wie ihm schien, entfernten sie sich sogleich wieder davon und versenkten sich wieder in das Gebiet feinster Unterscheidungen, Verteidigungen, Citate, Fingerzeige und Verweise auf Autoritäten, und nur schwer vermochte er noch zu erkennen, wovon eigentlich die Rede war.

„Ich kann nicht zugeben,“ sagte Sergey Iwanowitsch mit seiner gewöhnlichen Klarheit und Präzision des Ausdruckes und Eleganz der Diktion, „ich kann keinenfalls mit Keis darin übereinstimmen, daß meine gesamte Vorstellung von der äußeren Welt aus den Eindrücken hervorgehen sollte. Die elementarste Vorstellung vom Sein wird von mir nicht durch die Empfindung erworben, denn es ist gar kein besonderes Organ für die Wiedergabe dieser Vorstellung vorhanden.“

„Ja wohl, aber Wurst und Knaust und Pripasoff würden dem entgegenhalten, daß Euer Daseinsbewußtsein aus der Vereinigung aller Empfindungen hervorgeht, daß dieses Existenzbewußtsein das Resultat der Gefühle ist. Wurst spricht sogar unverhohlen aus, daß wo nicht Gefühl vorhanden sei, auch das Verständnis für das Sein fehle.“

„Ich würde dem gegenüber behaupten“ – begann Sergey Iwanowitsch.

Hier schien es Lewin wiederum, als ob sie, der Hauptfrage nahe gekommen, sich von neuem von ihr entfernten, und so entschloß er sich, dem Professor eine Frage vorzulegen.

„Es könnte demzufolge, wenn mein Gefühl vernichtet ist, wenn mein Körper stirbt, keine Existenz mehr geben?“ warf er ein.

Der Professor blickte verdrießlich und gewissermaßen mit einem geistigen Schmerzgefühl über die Unterbrechung auf nach dem seltsamen Frager hinüber, der eher einem Riesen ähnlich sah, als einem Philosophen, und richtete dann das Auge auf Sergey Iwanowitsch als wolle er fragen, was man eigentlich hierauf antworten könne.

Sergey Iwanowitsch, der bei weitem nicht mit der nämlichen Anstrengung und Einseitigkeit sprach, wie der Professor, und in dessen Kopfe noch Spielraum genug übrig war, dem Professor mit Erwiderungen zu dienen, und zugleich auf diesen einfachen und natürlichen Gesichtspunkt einzugehen, von welchem aus diese Frage gestellt war, lächelte und sagte:

„Diese Frage zu entscheiden besitzen wir kein Recht.“ —

„Wir haben keine Unterlagen dafür,“ bestätigte der Professor, und setzte seine Ausführungen fort.

„Nein,“ sagte er, „ich verweise darauf, daß, wenn, wie Pripasoff offen sagt, die Empfindung zu ihrem Fundamente den Eindruck hat, wir diese beiden Begriffe auch streng voneinander scheiden müssen.“

Lewin hörte nun nicht weiter zu, sondern wartete nur noch, bis der Professor sich verabschieden würde.




8


Als der Professor gegangen war, wandte sich Sergey Iwanowitsch an seinen Bruder.

„Sehr erfreut, daß du gekommen bist. Wirst du lange hier Aufenthalt nehmen? Wie geht es im Hauswesen?“

Lewin wußte, daß das Hauswesen seinen älteren Bruder sehr wenig interessiere, und daß derselbe nur, um ihm eine Höflichkeit zu erweisen, darnach gefragt habe. Er antwortete daher nur in Bezug auf den Verkauf seines Weizens und die Gelder.

Lewin wollte mit dem Bruder über sein Vorhaben, zu heiraten, sprechen und denselben um einen Rat bitten, er war sogar fest entschlossen gewesen hierzu; als er aber des Bruders ansichtig geworden war, seine Unterredung mit dem Professor angehört hatte, nachdem er ferner den unbewußt gönnerhaften Ton vernommen hatte, mit welchem ihn der Bruder über die häuslichen Angelegenheiten befragte – das mütterliche Vermögen der beiden Brüder war ungeteilt und Lewin verwaltete es in beiden Teilen – empfand er, daß es ihm unmöglich war, mit dem Bruder über seinen Entschluß sich zu verheiraten, eine Rücksprache anzubahnen.

Er empfand, daß sein Bruder nicht so auf die Angelegenheit schauen würde, wie er selbst es gewünscht hätte.

„Nun und wie steht es mit Eurem Semstwo?“ frug Sergey Iwanowitsch weiter, der sich sehr für die Semstwos interessierte und denselben eine große Bedeutung beimaß.

„Ich weiß nicht viel Genaues darüber.“

„Wie? Du bist aber doch Mitglied in der Rechtspflege?“

„Nein, nicht mehr; ich bin ausgetreten,“ versetzte Lewin, „werde auch nicht mehr die Versammlung besuchen.“

„Schade,“ antwortete Sergey Iwanowitsch sich verfinsternd.

Lewin begann zu seiner Rechtfertigung zu erzählen, was in den Sobranien seines Kreises eigentlich gethan würde.

„So ist es eben immer!“ unterbrach ihn Sergey Iwanowitsch. „Wir Russen sind stets dieselben. Möglicherweise ist dies gerade ein guter Zug bei uns, daß wir unsere Mängel erkennen, aber wir übersalzen sie nur, und trösten uns in der Ironie, die uns stets schlagfertig auf der Zunge liegt. Ich sage dir das Eine: Gieb eine solche Gerechtsame wie unsere Institution des Semstwos, einem anderen europäischen Volke, dem deutschen oder englischen, und es wird sich die Freiheit daraus erarbeiten; wir aber, wir lachen nur darüber.“

„Allein was ist zu thun?“ frug Lewin schuldbewußt, „es war dies meine letzte Erfahrung, und ich hatte sie aus ganzer Seele erprobt. Aber ich kann nicht mehr, ich bin nicht mehr imstande“ —

„Du bist noch recht wohl imstande,“ sagte Sergey Iwanowitsch, „du greifst nur die Sache nicht richtig an.“

„Mag sein,“ antwortete Lewin traurig.

„Weißt du, daß Bruder Nikolay wieder hier ist?“

Bruder Nikolay war ein leiblicher, älterer Bruder Konstantin Lewins und der Zwillingsbruder Sergey Iwanowitschs, ein verkommener Mensch, welcher den größten Teil seines Vermögens im Verkehr mit der seltsamsten und schlimmsten Gesellschaft verschwendet und sich mit seinen Brüdern überworfen hatte.

„Was sagst du da?“ rief voller Schrecken Lewin. „Woher weißt du dies?“

„Prokop hat ihn auf der Straße gesehen.“

„Hier in Moskau? Wo ist er? Weißt du es?“ Lewin stand vom Stuhle auf, als wolle er sofort davoneilen.

„Ich bedaure, daß ich dir dies gesagt habe,“ bemerkte Sergey Iwanowitsch, kopfschüttelnd die Erregung seines jüngeren Bruders gewahrend.

„Ich habe mich erkundigen lassen, wo er wohnt, und habe ihm seinen Wechsel geschickt, den ich einlöste. Hier hast du, was er mir antwortete.“

Sergey Iwanowitsch reichte dem Bruder ein Schreiben hin.

Lewin las dasselbe; es war in einer seltsamen eigenartigen Handschrift geschrieben und lautete folgendermaßen:

„Ich ersuche Euch ergebenst, mich in Ruhe zu lassen. Dies ist das Einzige, was ich von meinen liebenswürdigen Brüdern wünsche.



    Nikolay Lewin.“

Lewin las und blieb dann ohne den Kopf zu heben mit dem Schreiben in der Hand vor Sergey Iwanowitsch stehen.

In seiner Seele kämpfte der Wunsch, den unglücklichen Bruder jetzt zu vergessen, mit dem Bewußtsein, daß dies schlecht gehandelt sei.

„Er will mich augenscheinlich kränken,“ fuhr Sergey Iwanowitsch fort, „aber kränken kann er mich nicht; ich würde von ganzer Seele ihm zu helfen wünschen, aber ich weiß, daß dies unausführbar ist.“

„Ja wohl, so ist es,“ wiederholte Lewin. „Ich verstehe und würdige dein Verhalten gegen ihn, aber ich muß hin zu ihm.“

„Wenn dich darnach verlangt, so thue es, aber ich rate dir nicht dazu,“ sagte Sergey Iwanowitsch. „Das heißt, was mich angeht, so fürchte ich nicht, daß er dich mit mir entzweien wird, aber für dich, rate ich, für dich wäre es besser, du führest nicht hin. Zu helfen ist ihm nicht. Doch – thu wie du willst!“

„Mag sein, daß ihm nicht mehr zu helfen ist, aber ich fühle – namentlich in diesem Augenblick – aber das ist ja etwas anderes – ich fühle, daß ich keine Ruhe habe.“

„Nun; das verstehe ich nicht,“ antwortete Sergey Iwanowitsch. „Doch halt, Eins verstehe ich!“ fügte er hinzu; „das soll eine Lektion zur Erniedrigung sein. Ich habe in anderer Weise und mit milderer Denkart auf das herabblicken gelernt, was man Niedrigkeit nennt, nachdem unser Bruder das geworden ist was er ist. Du weißt ja selbst, was er gethan hat.“

„O, es ist schrecklich, schrecklich!“ versetzte Lewin.

Nachdem Lewin von dem Diener Sergey Iwanowitschs die Adresse seines Bruders in Empfang genommen hatte, setzte er sich in Bereitschaft, zu demselben zu fahren, allein nach einiger Überlegung entschied er sich dafür, seine Fahrt bis zum Abend aufzuschieben. Es handelte sich vor allem für ihn darum, daß er, um sein seelisches Gleichgewicht wieder zu erhalten, das Vorhaben zur Ausführung brachte, wegen dessen er nach Moskau gekommen war.

Von seinem Bruder aus begab sich Lewin zu Oblonsky und als er sich dort über die Schtscherbazkiy erkundigt hatte, fuhr er nach dem Orte, an welchem er wie man ihm gesagt, Kity treffen konnte.




9


Um vier Uhr verließ Lewin, das Pochen seines Herzens fühlend, den Wagen vor dem Zoologischen Garten und begab sich auf einem Nebensteig zum Berg und der Schlittenbahn hinauf, in der sicheren Erwartung, Kity dort zu finden, da er den Wagen der Schtscherbazkiy schon vor der Auffahrt bemerkt hatte.

Es war ein klarer, frostiger Tag. Vor der Auffahrt standen reihenweise die Equipagen, Schlitten und Landauer. Geputztes Volk, schimmernd im Glanze der Sonne in seinen Hüten, drängte sich vor dem Eingang und in den sauber gepflegten Wegen zwischen den kleinen russischen Häusern mit den geschnitzten Architraven; die alten, knorrigen Birken des Gartens, deren Geäst mit Schnee belastet war, schienen gleichsam in neue Feiertagskleider gehüllt zu stehen.

Lewin begab sich auf dem Wege hin nach der Schlittenbahn; er sprach dabei sich selbst zu, er dürfe nicht in Aufregung geraten und müsse Ruhe bewahren. Was sollte diese Aufregung? Um was handelte es sich doch? Thorheit, die Unruhe mußte verstummen! So wandte er sich an sein Herz. Aber je mehr er sich bemühte sich zu beherrschen, desto mehr Schwierigkeit verursachte es ihm, zu atmen.

Ein Bekannter begegnete ihm und rief ihn an, aber Lewin erkannte gar nicht, wer es sei. Er ging zu den Bergen hin, auf welchen die Ketten der losgelassenen und heraufgezogenen kleinen Schlitten kreischten; Lachen und heitere Stimmen ertönten auf den hinabgleitenden kleinen Schlitten. Er trat noch näher hinzu, vor ihm lag die Eisbahn und inmitten der Masse der auf ihr sich Tummelnden erkannte er sogleich – sie.

Er erkannte, daß sie da war, an der Freude und dem Schrecken der sein Herz ergriff. Sie stand im Gespräch mit einer Dame am entgegensetzten Ende der Eisbahn. Ihr Äußeres in der Garderobe zeigte nichts besonderes, auch ihre Haltung nicht, aber Lewin war es so leicht gewesen, sie allein inmitten dieses Haufens zu entdecken, als wäre sie eine Rose unter Nesseln. Alles wurde von ihr erhellt, sie war nur ein Lächeln, das seine gesamte Umgebung bestrahlte.

„Kann ich denn hinübergehen über das Eis, zu ihr hintreten?“ überlegte er. Der Platz, auf dem sie stand, erschien ihm als ein unzugängliches Heiligtum und eine Minute lang blieb er wie eingewurzelt stehen; so beängstigend überkam es ihn. Es kostete ihn alle Anstrengung, sich klar zu machen, daß rings um sie herum Menschen aller Art sich bewegten, und daß er recht gut auch hingehen könne, um mit denselben zu rollen.

Er ging hinab, es lange vermeidend, einen Blick nach ihr zu richten, – wie man die Sonne meidet – aber er schaute sie doch gleich der Sonne, wollte er sie auch nicht sehen.

Auf dem Eise hatten sich an diesem Tage der Woche und um die gegenwärtige Zeit nur Leute aus einem bestimmten Kreise, die sich sämtlich kannten, versammelt.

Da waren Meister des Schlittschuhlaufes, die mit ihrer Kunst kokettierten, Lernende, die hinter Stuhlschlitten schüchtern und ungeschickt sich bewegten, Knaben, und Greise die aus Gesundheitsrücksichten sich Bewegung machen wollten.

Sie alle erschienen Lewin als auserwählt Glückliche, weil sie dort waren, in ihrer Nähe. Alle die Fahrenden aber schienen mit völligem Gleichmut sie zu überflügeln oder einzuholen, sie sprachen selbst mit ihr, und ergötzten sich, völlig unabhängig von ihr, allein dahingegeben dem Genuß der vortrefflichen Eisbahn und des herrlichen Wetters.

Nikolay Schtscherbazkiy, der Vetter Kitys, in einem kurzen Jaquet und engsitzenden Beinkleidern, saß mit seinen Schlittschuhen an den Füßen auf einer Bank und rief beim Erblicken Lewins:

„Oho, da kommt ja der erste Schlittschuhläufer von Rußland! Bleibt Ihr lange hier? Das Eis ist ausgezeichnet, legt Schlittschuhe an!“

„Ich habe gar keine,“ antwortete Lewin, verwundert über diese Kühnheit und Ungezwungenheit in ihrer Gegenwart, und ohne die Angebetete eine Sekunde aus den Augen zu verlieren, obwohl er gar nicht nach ihr hinzuschauen schien.

Da empfand er, daß die Sonne sich ihm näherte; sie war in der Ecke, aber kurz die kleinen Füßchen setzend in den hohen Stiefelchen, augenscheinlich verlegen werdend, kam sie auf ihn zu. Ein wie besessen mit den Armen in der Luft herumfuchtelnder, sich tief zur Erde beugender Junge in russischem Anzug überholte sie; sie fuhr nicht ganz sicher. Kity nahm die Hände aus dem kleinen Muff der an einer Schnur hing, hielt sie empor und lächelte Lewin in seinem Schrecken, den sie jetzt erkannte, zu.

Als sie die Umfahrt beendet hatte, gab sie sich mit eigensinnigem Ausstrich einen Ruck und fuhr gerade auf Schtscherbazkiy zu, dessen Arm sie ergriff, während sie Lewin dabei zulächelte. Sie war schöner, als er vermutet hatte. Wenn er ihrer dachte, konnte er sie sich in ihrer ganzen Erscheinung vorstellen, besonders den ganzen Reiz dieses mit dem Ausdruck kindlicher Offenheit und Herzensgüte begabten Blondköpfchens, das so keck auf den schönen jungfräulichen Schultern saß. Die Kindlichkeit ihres Geichtsausdrucks im Vereine mit der zarten Schönheit ihrer Taille, bildeten insbesondere einen Reiz bei ihr, den er recht wohl zu würdigen verstand.

Was ihn aber immer an ihr zu verwirren pflegte, das war der Ausdruck ihrer Augen, die sanft, ruhig und ehrlich schauten und namentlich ihr Lächeln, das Lewin stets in eine Zauberwelt versetzte, in der er sich beseligt, weich gestimmt fühlte, bei dem er sich der halbvergessenen Tage seiner frühesten Kindheit entsann.

„Seid Ihr schon lange hier?“ frug sie, ihm die Hand hinreichend. „Danke bestens,“ fügte sie hinzu, als er ihr das Taschentuch aufhob, welches ihrem Muff entfallen war.

„Ich? Nein, noch nicht lange – seit gestern – oder vielmehr heute – bin ich angekommen,“ versetzte Lewin, der ihre Frage vor Erregung nicht so schnell verstanden hatte. „Ich wollte zu Euch fahren,“ fuhr er sogleich fort, indem er sich erinnerte, mit welcher Absicht er sie aufgesucht hatte, aber er geriet in Verwirrung und errötete. „Ich wußte nicht, daß Ihr Schlittschuh laufen könnt – und Ihr lauft gut!“

Sie blickte ihn aufmerksam an, als wünsche sie, die Ursache seiner Verwirrung zu erfahren.

„Ich muß Euer Lob hochschätzen. Es hat sich hier die Tradition erhalten, daß Ihr der beste Schlittschuhläufer wäret, den es gäbe,“ antwortete sie, mit der kleinen Hand in dem schwarzen Handschuh, die Reifnadeln abschüttelnd, welche auf den Muff gefallen waren.

„Ja, einst bin ich leidenschaftlich gern gefahren; ich hatte es bis zur Vollkommenheit bringen wollen.“

„Ihr treibt wohl alles leidenschaftlich, wie mir scheint,“ sagte sie lächelnd. „Ich möchte in der That gern einmal sehen, wie Ihr rollt. Legt Schlittschuhe an und laßt uns zusammen fahren!“

„Zusammen fahren! Ist es denn möglich?“ dachte Lewin, sie anschauend. „Sogleich,“ antwortete er laut, „lege ich Schlittschuhe an.

„Ihr waret lange nicht bei uns, Herr,“ sagte der Bahninhaber, Lewins Fuß haltend und den Absatz desselben anschraubend. „Nach Euch hat es hier keinen Meister wieder gegeben unter den Herren. Ist es so gut?“ frug er, den Riemen anziehend.

„Gut, gut, nur schnell wenn ich bitten darf,“ antwortete Lewin, mit Mühe ein Lächeln der Glückseligkeit unterdrückend, das ihm wider Willen aufstieg. „Ja,“ dachte er, „das ist Leben, das ist Glück! Zusammen! hat sie gesagt, laßt uns vereint fahren. Soll ich jetzt mit ihr reden? Aber ich fürchte mich ja fast, ihr zu gestehen, daß ich glücklich bin, glücklich schon in der Hoffnung. Was dann? Doch, es muß sein, es muß sein! Weg mit der Schwäche!“

Lewin trat auf seine Füße, legte den Überrock ab und auf dem holperigen Eise bei dem Häuschen ansetzend, lief er hinaus auf die spiegelnde Fläche und fuhr ohne Hast, ganz wie seinem eigenen Willen gehorchend und seinen Lauf mäßigend dahin. Dann näherte er sich voll Befangenheit; ihr Lächeln aber machte ihn wieder sicher.

Sie gab ihm die Hand und beide fuhren nun miteinander, ihren Lauf allmählich beschleunigend; und je schneller sie fuhren, desto stärker drückte sie seine Hand.

„Unter Euch würde ich bald ausgelernt haben, ich habe solch ein Vertrauen zu Euch,“ sagte sie.

„Auch ich fühle mich sicher, wenn Ihr Euch auf mich stützet,“ antwortete er, erschrak aber sogleich über das, was er gesagt hatte und errötete. Und in der That, sowie er nur diese Worte herausgebracht hatte, verlor ihr Gesicht, wie die Sonne die hinter die Wolken geht, all seine Freundlichkeit, und Lewin erkannte auf ihrem Gesicht jenes bekannte Spiel, welches das Arbeiten der Gedanken andeutet; auf ihrem glatten Antlitz erschien eine Falte.

„Haben Sie etwas übel aufgenommen? Doch – eigentlich habe ich gar nicht das Recht so zu fragen,“ wandte er sich schnell an sie.

„Warum hätte ich etwas übel aufzunehmen? O nein, dem ist durchaus nicht so,“ versetzte sie kühl, fügte aber dann sogleich hinzu, „habt Ihr Mademoiselle Linon gesehen?“

„Noch nicht.“

„Geht doch zu ihr; sie liebt Euch so sehr.“

„Was soll das heißen?“ dachte Lewin, „ich habe sie gekränkt, Herr, steh mir bei!“ Er lief zu der alten Französin hin mit den weißen Locken, die drüben auf der Bank saß. Lächelnd und ihre falschen Zähne zeigend, begrüßte sie ihn als alten Freund.

„Ja, ja, wir sind gewachsen,“ sagte sie, mit den Augen auf Kity weisend, „und wir werden älter. Tiny bear ist groß geworden!“ fuhr die Französin lachend fort und erinnerte ihn damit an seinen Scherz über die jungen Herrinnen, die er einst die drei Bären aus dem englischen Märchen genannt hatte. „Wißt Ihr noch, wie Ihr zu sagen pflegtet.“

Er konnte sich durchaus nicht mehr hierauf besinnen, aber sie lachte nunmehr schon ins zehnte Jahr über jenen Scherz und sie liebte denselben.

„Nun, fahrt nur immer zu, fahrt. Unsere Kity hat gut Schlittschuhlaufen gelernt, nicht wahr?“

Als Lewin wieder zu Kity zurückkehrte, war ihr Gesicht nicht mehr so ernst, ihre Augen blickten wieder so ehrlich und freundlich, aber ihm schien es, als läge in ihrer Freundlichkeit ein seltsamer, nachdenklich ruhiger Ton. Auch er wurde nachdenklich. Er begann von der alten Gouvernante und von ihren Eigenheiten zu sprechen; sie aber frug ihn nach seinem Leben.

„Ist es Euch nicht zu langweilig auf dem Dorfe?“ sagte sie.

„O nein; langweilig ist es da nicht; ich habe sehr viel zu thun,“ antwortete er ihr, empfindend, daß sie ihn ihrem ruhigen Tone unterordnete, dem zu entweichen er sich nie imstande fühlen würde, obwohl es im Beginn des Winters war.

„Seid Ihr für längere Zeit hierher gekommen?“ frug Kity.

„Ich weiß noch nicht,“ antwortete er, ohne zu überlegen, was er sprach.

Der Gedanke, daß er wiederum unverrichteter Sache von dannen gehen werde, falls er sich dem nämlichen ruhigen Freundschaftston hingeben würde, wie sie, kam ihm in den Kopf und er entschloß sich, Mut zu fassen.

„Inwiefern wißt Ihr das nicht?“

„Ich weiß nicht. Es hängt dies ganz von Euch ab,“ sagte er, erschrak aber sofort über seine eigenen Worte.

Hörte sie diese nicht, oder wollte sie sie nicht hören, aber sie schien zu straucheln, stieß zweimal mit dem Füßchen auf das Eis und fuhr dann hinweg von ihm. Sie schwebte zu Mademoiselle Linon, sagte ihr einige Worte und begab sich dann nach dem Häuschen, wo die Damen ihre Schlittschuhe ablegten.

„Mein Gott, was habe ich angerichtet, mein Gott! Hilf mir und rate mir,“ sagte Lewin zu sich, gleichsam betend, und dabei zugleich in der Empfindung des Bedürfnisses nach einer heftigen Bewegung, ausstreichend und nach auswärts und innen Kreise ziehend.

In diesem Augenblicke kam ein junger Mann, der beste der jüngeren Schlittschuhläufer, die Cigarette im Munde, auf seinen Schlittschuhen aus dem Café heraus; er lief, eilte auf den Schlittschuhen die Stufen herab, lachend und springend und flog dann auf dem Eise davon, ohne die freie Haltung seiner Arme zu verändern.

„Aha, ein neues Kunststückchen,“ sagte Lewin, und lief sofort nach oben um das neue Kunststückchen zu versuchen.

„Fallt nicht, das will geübt sein!“ rief ihm Nikolay Schtscherbazkiy zu.

Lewin trat auf einen Vortritt, und sprang herab, bei der ungewohnten Übung das Gleichgewicht mit den Armen haltend. Auf der letzten Stufe blieb er hängen und berührte leicht das Eis mit der Hand, machte aber eine heftige Bewegung, schnellte auf und flog lachend hinaus auf die Fläche.

„Ein wackerer Bursch,“ dachte Kity dabei, als sie aus dem Häuschen heraustrat in der Begleitung der Mademoiselle Linon. Sie blickte dabei mit stillem Lächeln nach ihm hinüber, wie nach einem lieben Bruder. „Bin ich denn schuld, habe ich etwas Übles gethan? Man sagt, das sei Koketterie. Ich weiß, daß ich ihn nicht liebe, und doch bin ich gern in seiner Gesellschaft, er ist so wacker. Warum sagte er das auch gerade?“ dachte sie.

Als Lewin Kity mit ihrer Mutter, die ihr auf den Stufen entgegenkam, fortgehen sah, blieb er, errötet von der schnellen Bewegung, stehen und versank in Nachdenken. Er schnallte die Schlittschuhe ab und holte dann Mutter und Tochter am Ausgange des Gartens ein.

„Sehr erfreut, Euch wiederzusehen,“ sagte die Fürstin, „Donnerstag, wie ja immer, empfangen wir.“

„Nicht heute vielleicht auch?“

„Wird uns sehr angenehm sein,“ versetzte die Fürstin trocken.

Diese Trockenheit erbitterte Kity, und diese konnte sich nicht enthalten, die Kälte ihrer Mutter zu mildern. Sie wandte das Haupt nach ihm um und sprach lächelnd:

„Auf Wiedersehen.“

In diesem Augenblick erschien Stefan Arkadjewitsch, den Hut schief auf der Seite mit glänzenden Mienen und Augen, wie ein wohlgelaunter Sieger im Garten. Als er sich indessen der Tante genähert hatte, antwortete er mit schuldbewußtem Gesicht auf ihre Fragen betreffs des Befindens von Dolly. Nachdem er so halblaut und zerknirscht mit der Tante eine Weile gesprochen hatte, warf er sich wieder in die Brust, und nahm Lewin unter dem Arme.

„Nun, was thun wir, wollen wir fahren?“ frug er, „ich habe immer an dich gedacht und bin sehr, sehr glücklich, daß du gekommen bist,“ sprach er, Lewin bedeutungsvoll ins Auge blickend.

„Fahren wir, fahren wir,“ antwortete dieser beglückt, ohne den Klang der Stimme aus dem Ohre zu verlieren, die da gesagt hatte, „auf Wiedersehen“. Er sah noch das Lächeln mit welchem die Worte gesprochen worden waren.

„Gehen wir nach England oder in die Eremitage?“

„Mir ganz gleichgültig.“

„Nun, also nach ‚England‘“, fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, „England“ deshalb wählend, weil er daselbst mehr Schulden hatte, als in der Eremitage. Er hielt es daher nicht für geraten, dieses Hotel zu meiden. „Du hast wohl einen Kutscher? Gut, ich habe nämlich meinen Wagen entlassen.“

Die beiden Freunde legten schweigend den ganzen Weg zurück. Lewin dachte an das, was jene Veränderung im Gesichtsausdruck Kitys bedeutet haben mochte, und er überzeugte sich bald, es sei Hoffnung für ihn vorhanden, bald geriet er in Mutlosigkeit und erkannte klar, seine Hoffnung sei sinnlos. Nichtsdestoweniger fühlte er sich aber als einen ganz anderen Menschen, nicht mehr demjenigen ähnlich, der er gewesen war just bis zu jenem Lächeln hin, zu jenen Worten „auf Wiedersehen“!

Stefan Arkadjewitsch stellte während dessen das Menu des Diners zusammen. „Liebst du nicht turbot?“ frug er Lewin während der Fahrt.

„Was sagtest du?“ frug Lewin, „turbot? O ja, ich liebe den turbot außerordentlich.“




10


Als Lewin mit Oblonskiy in das Hotel trat, entging ihm nicht ein gewisser eigenartiger Ausdruck, ähnlich dem eines verhaltenen Aufglänzens auf dem Gesicht und in der ganzen Erscheinung Stefan Arkadjewitschs.

Oblonskiy nahm seinen Überzieher ab und trat mit schiefsitzendem Hute in den Speisesalon, den sich an seine Sohlen haftenden Tataren im Frack und mit der Serviette einige Befehle erteilend. Er grüßte nach rechts und links die Anwesenden, und ging dann, wie stets seine Bekannten freundlich bewillkommend, an das Büffet, nahm ein Glas Branntwein mit Fisch und sagte der geschminkten, mit bunten Bändern und Krenzchen behängten Französin, die im Kontor saß, einige Worte, infolge deren sogar diese Französin herzlich lachte. Lewin trank nur deshalb keinen Branntwein, weil ihm die Französin widerwärtig war, die wie es schien nur aus falschen Haaren, poudre de riz und vinaigre de toilette zusammengesetzt war. Wie vor einem Schmutzhaufen, so wandte er sich hastig von ihr ab. Sein ganzes Inneres war von der Erinnerung an Kity erfüllt und in seinen Augen glänzte ein Lächeln des Triumphes und des Glückes.

„Bitte hierher, Ew. Excellenz, man wird hier Ew. Excellenz nicht stören,“ sagte ein alter Tatar, mit großem Becken, über dem der Frack in Falten auseinanderging. „Bitte gefälligst, Ew. Excellenz,“ wandte er sich auch an Lewin, zum Zeichen seiner Ehrerbietung vor Stefan Arkadjewitsch sich auch dessen Gaste beflissen zeigend.

Im Augenblick hatte er ein frisches Tafeltuch auf einen schon von einem solchen gedeckten runden Tische ausgebreitet, der unter einem Broncearmleuchter stand, samtne Stühle herbeigeschoben, und blieb nun mit Serviette und Menukarte in Erwartung weiterer Weisungen vor Stefan Arkadjewitsch stehen.

„Wenn Ihr wünscht, Ew. Excellenz, wird das Privatkabinett sogleich frei sein; der Fürst Galizin mit einer Dame ist darin. Übrigens sind frische Austern angekommen.“

„Ah! Austern!“

Stefan Arkadjewitsch versank in Nachdenken.

„Wollen wir nicht unsern Plan ändern, Lewin?“ hub er an, den Finger auf die Karte legend. Seine Mienen drückten ernsten Zweifel aus. „Ob die Austern auch gut sind? Sieh du zu!“

„Es sind Flensburger, Ew. Excellenz, keine von Ostende.“

„Also Flensburger und frisch?“

„Erst gestern erhalten.“

„Dann wollen wir also zuerst mit den Austern beginnen, und darauf den ganzen Plan verändern. Nicht so?“

„Mir ganz gleichgültig. Lieber als alles ist mir Schtschi und Kascha,[1 - Russische Grützbreispeise.] aber beides giebt es hier wohl nicht.“

„Kascha à la russe befehlt Ihr?“ frug der Tatar, wie eine Amme über das Kind, sich zu Lewin beugend.

„Nein, ohne Scherz, was du wählst, wird gut sein; ich bin Schlittschuh gefahren und möchte essen; denke nicht“, wandte er sich an Oblonsky, auf dessen Gesicht er einen Ausdruck der Unzufriedenheit bemerkte, „daß ich deine Wahl nicht hochschätzte, ich werde mit Vergnügen etwas Gutes mit speisen.“

„Das wäre auch! Magst du sagen was du willst, das Essen ist einer der Genüsse des Lebens,“ antwortete Stefan Arkadjewitsch. „Also bringe denn, lieber Freund, zwei oder drei Dutzend Austern für uns, und Suppe mit Schwarzwurzel“ —

„Printanière,“ verbesserte der Tatar, aber Stefan Arkadjewitsch wollte demselben doch nicht den Triumph einer französischen Korrektur in der Benennung der Speisen belassen.

„Mit Schwarzwurzel, verstehst du? Hierauf turbot mit steifer Sauce, dann Roastbeef; sieh zu, daß alles gut ist; auch Kapaune mögen kommen und Konserven.“

Der Tatar, welcher die Gepflogenheiten Stefan Arkadjewitschs kannte, die Speisen nach der französischen Karte zu benennen, wiederholte nicht mehr, sondern machte sich nun das Vergnügen, den ganzen Auftrag nach der Karte französisch zu wiederholen: „Soupe printanière, turbot sauce Beaumarchais, poulard à l'estragon, conserves de fruits“ und wie auf Sprungfedern fortgeschnellt holte er, die eingebundene Karte niederlegend, eine andere, die Weinkarte herbei und brachte sie Stefan Arkadjewitsch.

„Was werden wir trinken?“

„Ich trinke was du willst, aber nicht viel; etwas Champagner,“ antwortete Lewin.

„Was? Gleich zum Anfang? Indessen ganz recht so. Ziehst du Weißsiegel vor?“

„Caché blanc“, verbesserte der Tatar.

„Also gieb diese Marke zu den Austern, wir werden ja sehen.“

„Zu Diensten, und ist noch ein Likör gefällig?“

„Ja wohl, bring den klassischen Jablis.“

„Zu Diensten. Ihr befehlt doch Euren gewöhnlichen Käse?“

„Gewiß, Parmesan. Oder liebst du etwa einen anderen mehr?“

„Nein, mir ist alles gleich,“ sagte Lewin, nicht imstande, ein Lächeln unterdrücken zu können.

Der Tatar mit den wehenden Frackschößen eilte davon und in fünf Minuten flog er herbei mit einer Schüssel geöffneter perlmutterglänzender Austern und einer Bouteille.

Stefan Arkadjewitsch entfaltete die gestärkte Serviette und steckte sie an seiner Weste fest, worauf er sich den Austern zu widmen begann.

„Ah, nicht übel,“ sagte er, mit der silbernen Gabel die schlüpfrigen Austern von der Perlmutterschale lösend und sie eine nach der andern verschluckend. „Nicht übel,“ wiederholte er, die feuchtschimmernden Augen bald auf Lewin, bald auf den Tataren richtend.

Lewin nahm gleichfalls Austern zu sich, obwohl ihm Weißbrot und Käse lieber gewesen wäre, aber er richtete sich nach Oblonskiy; der Tatar aber, welcher mittlerweile den Pfropfen gelöst und den moussierenden Wein in die schlanken Gläser eingeschenkt hatte, schaute gleichfalls mit eigenartigem Lächeln, seine weiße Halsbinde in Ordnung bringend, auf Stefan Arkadjewitsch.

„Liebst du nicht Austern sehr?“ sagte Stefan Arkadjewitsch, seinen Kelch leerend, „oder bist du nicht bei Laune?“

Er wünschte, daß Lewin heiterer Laune sein möchte, aber anstatt daß dies der Fall war, empfand derselbe vielmehr eine gewisse Beengtheit. Mit alledem, was er in seinem Innern fühlte, war es ihm seltsam und unbequem im Hotel, innerhalb dieser Kabinette, wo man mit Damen dinierte, unter diesem Laufen und Hasten; diese Bronze ringsum, die Spiegel, das Gas, diese Tataren, all das war ihm lästig und er fürchtete, damit die Empfindung zu beflecken, die seine Seele erfüllte.

„Ich? Ja, ich bin nicht recht in Stimmung; überdies jedoch beengt mich hier die Umgebung,“ antwortete er. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie alles das hier für mich, einem einfachen Landmann, wunderlich ist; ebenso wunderlich, wie die Fingernägel des Herrn, den ich bei dir gesehen habe“ —

„Ja, ja, ich bemerkte wohl, daß die Fingernägel des armen Grinjewitsch dich sehr interessierten,“ meinte Stefan Arkadjewitsch lachend.

„Ich kann nicht anders,“ versetzte Lewin. „Bemühe dich, mir einmal nachzufühlen, stelle dich auf den Gesichtspunkt eines Landmannes. Wir auf dem Dorfe bemühen uns, unsere Hände in einem Zustande zu erhalten, der sie geeignet macht zur Arbeit; zu diesem Zwecke schneiden wir uns die Nägel, streifen wir die Rockärmel empor. Hier aber lassen die Leute ihre Nägel stehen, so lange sie sich nur erhalten können, und haken sich Spangen wie kleine Schüsseln an, nur damit sie mit den Händen nichts zu thun haben.“

Stefan Arkadjewitsch lächelte heiter.

„Dies ist ein Zeichen davon, daß hier grobe Arbeit nicht nötig ist. Hier arbeitet eben nur der Geist.“

„Mag sein. Aber dennoch erscheint mir das seltsam; ebenso, wie es mir jetzt wunderlich vorkommt, daß wir Landbewohner uns bestreben, möglichst schnell zu essen, um wieder in Stand gesetzt zu sein zu arbeiten, während ich jetzt mit dir zusammen so lange als möglich speise, und zu diesem Zwecke noch Austern esse.“

„Läßt sich begreifen,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, „aber hierin liegt ja eben der Ausgangspunkt der Kultur: aus allem sich einen Genuß zu verschaffen.“

„Wenn dies das Ziel der Kultur sein soll, dann wünschte ich lieber wild zu bleiben.“

„Bleibe immerhin wild. Ihr Lewins seid alle wild.“

Lewin seufzte. Er gedachte seines Bruders Nikolay und es wurde ihm schwer und traurig zu Mute, so daß er die Stirne runzelte, Oblonskiy aber begann soeben von einem Gegenstand zu sprechen, der ihn sogleich hiervon abzog.

„Also fahren wir denn heute Abend zu unseren Schtscherbazkiys?“ frug Stefan Arkadjewitsch, die leeren, rauhen Schalen beiseite schiebend und den Käse heranziehend, während sein Auge bedeutungsvoll erglänzte.

„Ja, ich werde unfehlbar fahren,“ antwortete Lewin, „obwohl mir schien, als wenn die Fürstin mich nicht gern eingeladen hätte.“

„Was sagst du doch da! Das ist Unsinn, es ist das so ihre Manier – he, Freund, gieb die Suppe jetzt! Es ist das so ihre Manier, als grande dame,“ sagte Stefan Arkadjewitsch. „Ich werde ebenfalls mit hinkommen, doch muß ich auch noch auf eine Weile zur Gräfin Bonina. Du bist aber doch zu seltsam! Wie soll ich es nur erklären, daß du so plötzlich aus Moskau verschwandest? Die Schtscherbazkiy haben mich ununterbrochen nach dir gefragt, gleich als ob ich das wissen müßte. Ich weiß eigentlich nur das Eine, daß du stets das thust, was niemand sonst thut.“

„Ja, ja,“ antwortete Lewin, langsam aber erregt, „du hast recht, ich bin seltsam. Nur beruht meine Seltsamkeit nicht darin, daß ich Moskau verließ, sondern darin, daß ich wiedergekommen bin. Jetzt bin ich wiedergekommen“ —

„O du Glücklicher!“ unterbrach ihn Stefan Arkadjewitsch, Lewin ins Auge schauend.

„Weshalb?“

„Man erkennt die störrigen Pferde an gewissen Zeichen, verliebte Jünglinge erkenne ich an ihren Augen,“ deklamierte Stefan Arkadjewitsch. „An dir erkenne ich alles im voraus.“

„Bei dir erkennt man aber alles wohl erst nachher?“

„Nein, nicht gerade nachher; aber du hast eine Zukunft, ich habe nur eine Gegenwart, und die Gegenwart – ist verpfuscht.“

„Was heißt das?“

„Es geht mir nicht gut. Indessen von mir will ich nicht sprechen, ich kann dir auch nicht alles so offenbaren,“ sagte Stefan Arkadjewitsch. „Aber weshalb bist du wieder nach Moskau gekommen? – Da nimm!“ rief er dem Tataren zu.

„Vermutest du?“ antwortete Lewin, ohne seine tiefinnerlich leuchtenden Augen von Stefan Arkadjewitsch abzuwenden.

„Ich vermute, kann aber nicht darüber zu sprechen beginnen; schon hieran kannst du erkennen, ob ich richtig oder falsch vermute,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, mit seinem Lächeln Lewin anblickend.

„Und was hast du mir da zu sagen?“ fuhr Lewin mit schwankender Stimme fort, empfindend, daß in seinem Antlitz jede Muskel bebte. „Wie schaust du auf die Sache?“

Stefan Arkadjewitsch trank langsam sein Glas Jablis aus, ohne das Auge von Lewin zu verwenden.

„Ich,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, „würde nichts so sehr wünschen, als dies, nichts! Das ist das Beste was geschehen könnte.“

„Aber täuschest du dich auch nicht? Du weißt doch hoffentlich, wovon wir jetzt reden,“ frug Lewin, sich mit dem Blick an dem Freunde festsaugend; „glaubst du, daß es möglich ist?“

„Ich denke, es ist möglich. Weshalb sollte es unmöglich sein?“

„Nein, nein, denkst du wirklich, daß es möglich ist? Sage mir alles, was du denkst! Wie, wenn mir eine Absage würde? Ich bin sogar überzeugt“ —

„Weshalb denkst du denn so?“ antwortete Stefan Arkadjewitsch, lächelnd über diese Erregtheit.

„Nun, mir scheint es bisweilen so; aber es wäre furchtbar, für mich wie für sie.“

„Auf alle Fälle wäre doch für das Mädchen nichts Schreckliches dabei. Jedes Mädchen ist stolz auf einen Antrag.“

„Ja, jedes Mädchen, aber sie nicht.“

Stefan Arkadjewitsch lächelte. Er kannte schon dieses Gefühl Lewins, und wußte, daß für diesen alle Mädchen in der Welt sich nur in zwei Arten teilten; die eine Art bildeten alle Mädchen in der Welt – außer ihr – und diese Mädchen besaßen alle menschlichen Schwächen; sie waren sehr gewöhnliche Menschen; die andere aber – war sie allein, ohne jegliche Fehler, hocherhaben über alle Menschheit.

„Halt, nimm Sauce,“ sagte er, die Hand Lewins festhaltend, welcher die Sauce fortgeschoben hatte.

Lewin nahm sich gefügig die Sauce, ließ aber Stefan Arkadjewitsch nicht zum Essen kommen.

„Halt,“ sagte er, „du weißt, daß dies für mich eine Frage auf Leben und Tod ist; ich habe noch nie mit jemand darüber gesprochen, kann auch mit niemand reden, als mit dir. Und doch sind wir beide in allem so verschieden. Verschiedener Geschmack, verschiedene Ansichten, alles; indessen ich weiß, daß du mich liebst und verstehst, und deshalb liebe ich dich so unaussprechlich. Aber bei Gott, sei ganz offen gegen mich.“

„Ich sage dir ja, was ich denke,“ antwortete Stefan Arkadjewitsch lächelnd. „Aber ich will dir noch mehr sagen: Mein Weib ist ein – bewundernswertes Weib.“ – Stefan Arkadjewitsch seufzte, indem er seiner jetzigen Beziehungen zu seinem Weibe gedachte; er schwieg eine Weile und fuhr dann fort: „Sie hat die Gabe des Voraussehens, und erkennt die Menschen durch und durch; aber noch nicht genug damit, sie weiß, auch was kommen wird, besonders in Bezug auf Ehebünde. So hat sie beispielsweise vorausgesagt, daß die Schachowskaja den Brendeljen heiraten werde. Kein Mensch hatte dies glauben wollen und doch ist es so gekommen. Sie aber, ist – ganz auf deiner Seite.“ —

„Inwiefern denn?“

„Insofern, daß sie abgesehen noch davon daß sie dich liebt, sagt, Kity würde unfehlbar dein Weib.“

Bei diesen Worten erglänzte das Gesicht Lewins von einem Lächeln, einem Lächeln, welches den Thränen der Rührung nahe war.

„Das sagt sie?“ rief Lewin aus. „Ich habe stets gesagt, daß sie herrlich ist, deine Frau. Nun ist genug, völlig genug gesagt über die Sache,“ antwortete er, von seinem Platze aufstehend.

„Gut; aber setze dich doch.“

Lewin war aber nicht imstande, wieder Platz zu nehmen; er ging mit seinen festen Tritten mehrmals in dem kleinen Raume auf und ab, und blinzelte mit den Augen, um die Thränen nicht sehen zu lassen. Erst dann setzte er sich wieder nieder am Tische.

„Verstehe wohl,“ sagte er, „das dies keine Liebe ist. Ich war einst verliebt, aber dies ist nicht Liebe. Diese Empfindung ist nicht mein eigen, es ist mehr eine äußere Macht, die mich übermannt. Ich habe ja deshalb Moskau verlassen, weil ich den Beschluß gefaßt hatte, daß es nicht sein dürfe, verstehst du, als ein Glück, wie es in der Welt nicht existiert. Ich kämpfte mit mir, und ich sehe, daß es ohne jenes Eine für mich kein Leben giebt. Ich muß zu einem Ende kommen“ —

„Weshalb warest du nur fortgefahren?“

„O, halt, halt, welche Menge von Ideen du bringst; welche Masse von Fragen sind da nötig. Höre also. Du wirst dir freilich nicht vorstellen können, was du mir geleistet hast mit dem was du soeben sagtest. Ich bin so glücklich, daß ich sogar unangenehm werde, ich habe alles vergessen. Heute habe ich erfahren, daß mein Bruder Nikolay – du kennst ihn doch, er ist hier – ich habe auch ihn vergessen. Mir scheint, als ob er glücklich wäre. Es ist so etwas von Spleen in ihm. Eines aber ist entsetzlich – du hast ja geheiratet und kennst das Gefühl – eines ist entsetzlich, daß wir, die wir schon in die Jahre gekommen sind, keine Liebe kennen, sondern nur Sünden, daß wir uns plötzlich einem reinen, unschuldigen Geschöpf nähern. Dies ist abstoßend, und deshalb kann ich nicht umhin, mich eines solchen unwürdig zu fühlen.“

„Nun, du hast doch der Sünden nicht zu viel auf dem Gewissen.“

„O, immerhin,“ sagte Lewin, „immerhin; wenn ich voll Widerwillen mein Leben prüfe, so erzittere ich, verwünsche ich mich und beklage ich mich tief.“

„Was ist aber zu thun? Die Welt ist einmal so eingerichtet,“ antwortete Stefan Arkadjewitsch.

„Es giebt nur einen einzigen Trost, wie in jenem Gebet, das ich stets geliebt habe, nämlich daß man nicht nach seinen Verdiensten Vergebung erlangt, sondern nach der Barmherzigkeit. So wird auch sie mir vergeben.“




11


Lewin leerte sein Glas und beide schwiegen eine Zeitlang.

„Eins muß ich dir noch sagen. Du kennst wohl Wronskiy?“ frug alsdann Stefan Arkadjewitsch Lewin.

„Nein, ich kenne ihn nicht. Weshalb frägst du so?“

„Eine andere Flasche,“ wandte sich Stefan Arkadjewitsch an den Tataren, der die Gläser füllte und sich um beide herum bewegte; hauptsächlich dann, wenn er nicht erforderlich war.

„Du mußt Wronskiy deshalb kennen, weil er einer von deinen Nebenbuhlern ist.“

„Was ist das für ein Wronskiy?“ frug Lewin, und seine Miene ging von dem Ausdruck des kindlichen Entzückens, mit dem er soeben noch Oblonskiy betrachtete, plötzlich zu dem des Hasses und der Feindseligkeit über.

„Wronskiy ist einer der Söhne des Grafen Kyrill Iwanowitsch Wronskiy, einer der hellsten Sterne der jeunesse dorée von Petersburg. Ich habe ihn in Twer kennen gelernt, als ich dort in Dienst stand und er zur Rekrutenaushebung dorthin kam. Er ist ungeheuer reich, schön, hat mächtige Connexionen, ist Flügeladjutant und obenein ein sehr lieber guter Mensch. Aber mehr als dies gilt noch, daß er so, wie ich ihn hier kennen gelernt habe, auch Bildung besitzt und sehr klug ist; er ist ein Mensch, der es weit bringen wird.“

Lewin verfinsterte sich und blieb stumm.

„Nun, dieser Wronskiy also erschien hier, kurz nach deiner Abreise, und ist, so viel ich beurteilen kann, bis über die Ohren verliebt in Kity. Du weißt ja wohl, daß deren Mutter“ —

„Entschuldige, aber ich verstehe von alledem gar nichts,“ antwortete Lewin, sein Gesicht in finstere Falten legend. Sogleich erinnerte er sich wieder seines Bruders Nikolay und dessen, daß er ihn hatte vergessen können.

„Warte nur ruhig, warte,“ sagte Stefan Arkadjewitsch lächelnd und seine Hand berührend. „Ich habe dir gesagt, was ich weiß und wiederhole, daß in dieser zarten Angelegenheit, so viel ich urteilen kann, mir die Chancen auf deiner Seite zu sein scheinen.“

Lewin warf sich in seinem Stuhle zurück; sein Gesicht sah bleich aus.

„Ich würde dir eben raten, die Sache sobald als möglich zur Entscheidung zu bringen. Heute rate ich dir nicht, zu reden,“ fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, „aber morgen früh fahre zu ihr hin und mache ihr eine klassische Erklärung; Gott möge dich dabei segnen.“

„Was übrigens deine Absicht anlangt, zu mir zur Jagd zu kommen, so komme nur im Frühjahr zu mir,“ antwortete Lewin. Er bereute jetzt aus ganzer Seele, dies ganze Gespräch mit Stefan Arkadjewitsch begonnen zu haben. Sein „Gefühl“, wie er seine Liebe nannte, war sowohl durch den Bericht über die Konkurrenz eines Petersburger Offiziers, als durch die Vorschläge und den Rat Stefan Arkadjewitschs verletzt.

Stefan Arkadjewitsch lächelte. Er verstand, was in der Seele Lewins vorging.

„Ich werde schon einmal kommen,“ sagte er. „Ja, ja, liebster Freund, die Frauenzimmer sind eine Schraube, um die sich alles dreht. Auch meine Situation ist übel, sehr übel. Und alles kommt nur von den Weibern. Sprich einmal aufrichtig,“ fuhr er fort, sich eine Cigarre nehmend und mit der anderen das Glas haltend, „und gieb mir einen Rat.“

„Worin?“

„Nun, im folgenden. Nehmen wir an, du wärest verheiratet, liebtest dein Weib, würdest aber von einer anderen verführt“ —

„Entschuldige, das verstehe ich entschieden nicht, ebensowenig, wie ich etwa – es ist ja gleich was ich nehme – wie ich nicht begreifen könnte, wenn ich mir jetzt, nachdem wir uns satt gegessen haben, an einem Bäckerladen vorübergehend, eine Semmel stehlen sollte.“

Die Augen Stefan Arkadjewitschs glänzten mehr als gewöhnlich.

„Weshalb das? Die Semmel kann bisweilen so appetitlich duften, daß du es doch nicht aushältst:

		„Himmlisch ist's, wenn ich bezwungen
		Meine irdische Begier;
		Aber doch, wenn's nicht gelungen,
		Hatt' ich auch recht hübsch Plaisir.“

Stefan Arkadjewitsch lächelte fein bei diesen Worten, auch Lewin konnte gleichfalls nicht umhin zu lächeln.

„Ja, aber ohne Scherz,“ fuhr Oblonskiy fort, „stelle dir vor, daß ein Frauenzimmer ein liebes, sanftes, liebevolles Wesen, arm, einsam, sich ganz dir opfert. Jetzt, da die Sache schon vollendet ist – verstehe recht – muß es da verlassen werden? Nehmen wir an, man müsse sich trennen, um das Familienleben nicht zu zerstören, soll man das arme Geschöpf da nicht bemitleiden, nicht unterstützen und seine Not nicht lindern?“

„O, entschuldige mich doch. Du weißt, daß alle Weiber für mich in zwei Klassen zerfallen, oder nein – richtiger – es giebt Weiber und es giebt – ich habe noch keine reizenden, gefallenen Geschöpfe gesehen und will keine sehen; solche aber, wie jene geschminkte Französin dort im Kontor mit ihren Bändern, sind für mich Unrat; überhaupt alle gefallenen sind es.“ —

„Und die Büßerin in der Bibel?“

„O, halt' inne! Christus würde diese Worte nie gesprochen haben, hätte er wissen können, wie man mit ihnen Mißbrauch treiben würde. Aus dem ganzen Evangelium kennt man eben nur diese Worte. Übrigens spreche ich nicht das aus, was ich denke, sondern das, was ich fühle; ich habe einen Ekel vor den gefallenen Weibern. Man fürchtet sich wohl vor Spinnen – ich vor diesem Auswurf. Die Spinnen wirst du freilich wohl nach ihren Eigenarten nicht studiert haben und kennst ihre Art nicht – ich ebensowenig.“ —

„Du hast gut reden; dir ist alles gleichgültig, wie jenem Herrn in einem Romane von Dickens, der alle unbequemen Fragen mit einer Bewegung der linken Hand nach der rechten Schulter von sich abweist; indessen eine Negierung einer Thatsache ist keine Antwort. Was ich thun soll, sage mir, was ich thun soll? Die Frau wird alt und man ist lebenslustig; man hat sich kaum umgeschaut, da fühlt man, daß man sein Weib nicht mehr in Leidenschaft zu lieben vermag, so sehr man sie auch achtet. Die Liebe hat sich dann plötzlich gewandt, sie ist dahin, dahin!“ Stefan Arkadjewitsch sprach mit düsterer Verzweiflung.

Lewin lächelte.

„Jawohl; sie ist dahin,“ fuhr Oblonskiy fort, „und was soll man dann thun?“

„Jedenfalls keine Semmeln stehlen!“

Stefan Arkadjewitsch brach in Gelächter aus.

„O, über diesen Moralprediger! Stelle dir doch nur vor; es handelt sich um zwei Weiber; die eine besteht nur auf ihrem Rechte und diese Rechte bestehen in deiner Liebe, die du ihr aber nicht geben kannst, die andere aber opfert sich dir dahin, und fordert nichts dafür. Was sollst du da thun? Wie handeln? Es ist ein entsetzliches Drama.“

„Willst du in der That meine Erklärung über die Sache, so sage ich dir, daß ich nicht glauben kann, es läge hier ein Drama vor. Und zwar aus folgendem Grunde: Nach meiner Meinung dient die Liebe – jede der beiden Arten von Liebe, wie sie, wie du weißt, Plato im „Gastmahl“ definiert, – als Probierstein für die Menschen. Die einen kennen nur die eine Art, die andern nur die andere. Die welche nur die nichtplatonische Liebe kennen, sprechen unnütz über das Vorhandensein eines Dramas. ‚Ich danke bestens für das gehabte Vergnügen, meine besondere Hochachtung‘, das ist hier das ganze Drama. Für die platonische Liebe aber giebt es kein Drama, weil in einer solchen alles offen und rein ist, weil“ —

In diesem Augenblick fielen Lewin seine eigenen Sünden bei und er gedachte der inneren Kämpfe, die er durchlebt hatte. Unerwarteterweise fügte er daher hinzu:

„Du kannst übrigens vielleicht doch recht haben; sehr recht. Doch ich weiß nichts, entschieden nichts.“

„Da hat man es,“ antwortete Stefan Arkadjewitsch, „du bist ein sehr offener Mensch. Dies eben ist deine Eigenschaft und zugleich dein Fehler. Du bist ein unverfälschter Charakter und möchtest, das ganze Leben sollte sich aus offenkundigen Erscheinungen zusammensetzen, aber dies ist leider nicht der Fall. Daher verachtest du nun die Gesellschaft mit ihrer Dienstpflicht, weil es dich verlangt, zu sehen, daß die Arbeit stets dem Zwecke entspreche, aber dies ist leider auch nicht immer der Fall. Du willst ferner, daß die Thätigkeit eines Menschen stets einen Endzweck habe, daß also auch Liebe und Familienleben stets ein Einheitliches wären, aber auch dies ist leider nicht der Fall. Alle Abwechslung, aller Reiz, alle Schönheit des Lebens besteht aus Licht und Schatten.“

Lewin seufzte und antwortete nichts; er dachte an seine eigenen Angelegenheiten und hörte Oblonskiy gar nicht.

Plötzlich aber empfanden sie beide, daß obwohl sie Freunde waren, miteinander diniert und Wein getrunken hatten, was sie beide doch noch mehr nähern mußte, gleichwohl ein jeder von ihnen nur mit seinen eigenen Dingen zu thun hatte, und den einen die Angelegenheiten des anderen so gar nichts angingen.

Oblonskiy war nicht zum erstenmale dieser vollständigen Trennung an Stelle der Annäherung, wie sie sich heute nach dem Diner zeigte, inne geworden, und er wußte, was bei solchen Gelegenheiten zu thun war.

„Zahlen!“ rief er und trat in den Nebensalon, wo er sogleich einen Bekannten, welcher Adjutant war antraf, mit dem er ins Gespräch über eine Schauspielerin und deren Freund geriet. In dieser Unterhaltung mit dem Adjutanten empfand Oblonskiy sogleich Erleichterung von dem Gespräch mit Lewin, der ihn stets zu einer allzu großen geistigen und seelischen Anstrengung veranlaßte.

Als der Tatar mit der Rechnung von sechsundzwanzig Rubel und einigen Kopeken erschien, zu denen noch ein Aufschlag für den Branntwein kam, verzog Lewin, den bei einer anderen Gelegenheit der Anteil seiner Rechnung von vierzehn Rubel als einen Landmann in Schrecken versetzt haben würde, keine Miene darüber, zahlte und begab sich dann nach Hause, um sich umzukleiden und zu den Schtscherbazkiy zu fahren, wo sich sein Schicksal entscheiden sollte.




12


Die junge Fürstin Kity Schtscherbazkaja zählte achtzehn Sommer. Im vergangenen Winter war sie zum erstenmal in der Öffentlichkeit erschienen und ihre Erfolge in der großen Welt waren größer, als diejenigen ihrer beiden älteren Schwestern, größer als die Fürstin selbst erwartet hatte.

Wenn schon die jungen Männer, die auf den Moskauer Bällen tanzten, fast sämtlich in Kity verliebt waren, hatten sich dieser bereits im Lauf der ersten Saison auch zwei ernste Partieen eröffnet, Lewin, und sogleich nach dessen Abreise der Graf Wronskiy.

Das Erscheinen Lewins zu Beginn des Winters, seine häufigen Besuche und seine offenbare Liebe zu Kity waren der Anlaß zu den ersten ernsten Auseinandersetzungen der Eltern Kitys über deren Zukunft, und zu Streitigkeiten zwischen dem Fürsten und der Fürstin.

Der Fürst war auf seiten Lewins; er sagte, daß er für Kity keine bessere Partie wünschen könne; die Fürstin aber, mit der den Frauen eigenen Gewohnheit, die Hauptfrage zu umgehen, war der Ansicht, daß Kity noch viel zu jung sei, Lewin noch in keiner Hinsicht bewiesen habe, daß er ernste Absicht hege, daß Kity keine Neigung zu ihm empfinde &c.; die Hauptsache aber sagte sie nicht, nämlich, daß sie auf eine noch bessere Partie für die Tochter warte, und daß Lewin ihr nicht sympathisch war, daß sie ihn nicht verstehe. Als Lewin unerwartet abgereist war, freute sich die Fürstin und sagte triumphierend zu ihrem Gemahl: „Siehst du, ich hatte recht.“

Nachdem Wronskiy erschienen war, geriet sie noch mehr in Freude, in ihrer Meinung bestärkt, Kity müsse nicht einfach nur eine gute Partie machen, sondern eine glänzende.

Für die Mutter gab es gar keine Möglichkeit einer Parallele zwischen Lewin und Wronskiy. Der Mutter gefielen an Lewin dessen seltsame, entschiedene Urteile nicht, seine Plumpheit in der vornehmen Welt, die sich, wie sie annahm, auf Stolz gründete und sein nach ihren Begriffen gleichsam wildes Leben auf dem Dorfe mit seinen Beschäftigungen in der Viehzucht, seinem Verkehr mit den Bauern. Auch dies gefiel ihr nicht sehr, daß er, obwohl in ihre Tochter verliebt, anderthalben Monat hindurch ihr Haus besuchte, als erwarte er etwas; ausschaute, als fürchte er, eine zu große Ehre zu erweisen, wenn er mit einem Antrag käme, und nicht begriff, daß man sich erklären müsse, wenn man ein Haus besuche, dessen Tochter heiratsfähig war. Plötzlich, ohne sich zu erklären, war er abgereist.

„Nur gut, daß er nicht zu sehr anziehend gewesen ist, daß Kity sich nicht in ihn verliebt hat,“ dachte die Mutter.

Wronskiy hingegen entsprach allen Wünschen derselben. Er war sehr reich, klug, wissend, im Begriff, eine glänzende militärische Hofcarriere zumachen, ein verführerischer Mann. Man konnte keine bessere Partie wünschen.

Auf den Bällen bewarb sich Wronskiy offen um Kity; tanzte mit ihr, besuchte das Elternhaus und es schien wohl kaum an dem Ernste seiner Absichten ein Zweifel obzuwalten. Aber nichtsdestoweniger hatte sich die Mutter den ganzen Winter hindurch in einem Zustande seltsamer Unruhe und Erregung befunden.

Die Fürstin selbst war vor dreißig Jahren auf die Werbung einer Tante hin in den Stand der Ehe getreten. Ihr Bräutigam, den man schon von vornherein recht wohl kannte, hatte die Braut erblickt, man hatte auch ihn gesehen, die Tante hatte alles erkannt und die wechselseitigen Eindrücke mitgeteilt; diese lauteten günstig und an einem vorherbestimmten Tage wurde den Eltern die erwartete Erklärung gemacht und von ihnen acceptiert. Das alles war äußerst leicht und einfach vor sich gegangen; wenigstens schien es der Fürstin so. Aber an ihren Töchtern hatte sie erfahren, daß es gar nicht so leicht und einfach sei, was so gewöhnlich schien, das Unternehmen, Töchter zu verheiraten. Wie viel Befürchtungen wurden da nicht durchlebt, wie viel Gedanken durchdacht, wie viel Geld verloren, wie viel Zusammenstöße gab es mit ihrem Manne betreffs der Aussteuer der beiden ältesten Töchter, Darjas und Natalys. Jetzt, bei dem ersten Auftreten der jüngsten, durchlebte man die nämlichen Befürchtungen, die nämlichen Zweifel, den nämlichen Streit, diesen aber nur noch größer, als er es bei den älteren Töchtern gewesen war.

Der alte Fürst war, wie alle Väter, besonders feinfühlig in Bezug auf die Ehre und Makellosigkeit seiner Töchter; er war rücksichtslos eifersüchtig auf diese und namentlich auf Kity, die sein Liebling war. Auf jeden Schritt hin verursachte er der Fürstin Scenen, weil sie die Tochter kompromittiert haben sollte. Die Fürstin hatte sich daran gewöhnt, schon von ihren älteren Töchtern her, jetzt aber fühlte sie, daß die Empfindlichkeit des Fürsten eine tiefere Berechtigung besaß.

Sie bemerkte recht wohl, daß sich in den letzten Zeiten vieles in den Manieren der Gesellschaft verändert hatte, daß die Pflichten einer Mutter schwierigere geworden waren. Sie sah, daß die Altersgenossinnen Kitys Cirkel hielten, sich an Kursen beteiligten, freier mit der Männerwelt verkehrten, allein ausfuhren, vielfach nicht mehr knicksten, und, was die Hauptsache war, die feste Überzeugung besaßen, daß die Wahl eines Zukünftigen nur ihre Sache sei, nicht diejenige der Eltern.

„Man giebt uns heutzutage nicht mehr den Männern in die Ehe, wie ehemals,“ dachten und sagten alle diese Mädchen und selbst auch alle älteren Leute. Aber wie verheiratet man sie denn dann heutzutage? Die Fürstin fand bei niemand Aufschluß darüber. Die französische Sitte, den Eltern das Geschick der Kinder in die Hände zu legen, war nicht üblich, sie wurde verurteilt. Die englische Sitte, der Tochter völlige Freiheit zu lassen, war ebenfalls nicht in Aufnahme und in der russischen Gesellschaft überhaupt undenkbar. Die russische Sitte der Freiwerbung wurde als unfein betrachtet, jedermann lachte jetzt über sie, die Fürstin selbst sogar; aber gleichwohl wußte niemand, auf welche Weise eine Tochter heiraten könne, und alle, mit denen die Fürstin über dieses Thema ins Gespräch kam, sagten ihr das Eine, man müsse eben in der gegenwärtigen Zeit Abstand nehmen vom Althergebrachten.

Daher müsse man die Jugend allein in die Ehe treten lassen, ohne der Eltern Geleit; vielleicht selbst die jungen Leute sich einrichten lassen, wie sie es verständen. Indessen so gut reden hatten nur diejenigen, welche keine Töchter besaßen, und die Fürstin wußte recht wohl, daß bei einer Annäherung ihre Tochter sich verlieben könne, in jemand verlieben, der sie gar nicht heiraten wollte, oder in jemand, der nicht zu ihrem Gatten taugte. So viel man denn daher der Fürstin zuredete, man müsse jetzt die Jugend sich selbst überlassen, vermochte diese doch nicht, dem Gehör zu schenken, ebenso wie sie nie geglaubt haben würde, daß zu irgend einer Zeit für fünfjährige Kinder geladene Pistolen als bestes Spielzeug gedient hätten. Aus diesem Grunde hegte die Fürstin um Kity mehr Besorgnisse, als dies bei ihren älteren Töchtern der Fall gewesen war.

Sie fürchtete jetzt, Wronskiy könnte sich vielleicht nicht nur damit begnügen, ihrer Tochter den Hof zu machen. Sie gewahrte, daß diese sich in den jungen Mann schon verliebt hatte, aber sie beruhigte sich damit, daß er doch ein Ehrenmann sei und deshalb das Befürchtete nicht thun werde.

Zu gleicher Zeit aber wußte sie auch, wie leicht es in der herrschenden Freiheit des Verkehrs sei, einem jungen Mädchen den Kopf zu verdrehen, und wie leicht die Männerwelt im allgemeinen auf ein solches Vergehen zu blicken pflege.

In der vergangenen Woche hatte Kity der Mutter ein Gespräch erzählt, welches sie mit Wronskiy während einer Mazurka gehabt hatte. Dieses Gespräch beruhigte die Fürstin zum Teil, aber vollständig nicht. Wronskiy hatte zu Kity gesagt, daß er und sein Bruder so gewöhnt wären, in allem ihrer Mutter sich unterzuordnen, daß sie niemals einen wichtigen Schritt zu unternehmen pflegten, ohne sie um Rat dabei gefragt zu haben.

„Auch jetzt warte ich, wie auf ein besonderes glückliches Ereignis, auf die Ankunft meiner Mutter aus Petersburg,“ hatte er gesagt.

Kity erzählte dies, ohne den Worten eine Bedeutung beizulegen, aber die Mutter nahm das Gehörte anders auf. Sie wußte, daß man auf die alte Dame von Tag zu Tag warte, wußte, daß diese erfreut sein werde über die Wahl des Sohnes und es erschien ihr seltsam, daß er, in der Besorgnis vor seiner Mutter, nicht doch eine Erklärung machte. Gleichwohl aber wünschte sie den Ehebund sehr, und vor allem eine Beruhigung in ihren Besorgnissen, so daß sie dem Bericht Vertrauen schenkte.

So bitter wie es ihr auch jetzt war, das Unglück ihrer ältesten Tochter Dolly mit ansehen zu müssen, die sich vorbereitete, den Gatten zu verlassen, so erstickte jetzt doch die Erregung über das sich entscheidende Schicksal ihrer jüngsten Tochter alle anderen Gefühle.

Der heutige Tag hatte nun mit dem Erscheinen Lewins eine neue Sorge gebracht. Sie fürchtete, daß die Tochter, welche wie ihr schien, einmal für Lewin ein Ohr gehabt hatte, aus überspanntem Ehrgefühl Wronskiy abweisen, und daß überhaupt die Ankunft Lewins die Dinge, die so nahe der Entscheidung waren, verwickeln und aufhalten werde.

„Was will er, ist er schon seit Längerem hier angekommen?“ frug die Fürstin bezüglich Lewins, als man nach Haus zurückkehrte.

„Heute, maman!“

„Ich möchte nur das Eine sagen,“ begann die Fürstin, und an ihrem ernsten, erregten Gesicht erriet Kity, wovon die Rede sein werde.

„Mama,“ begann sie, auffahrend und sich schnell nach der Mutter umwendend, „sprecht, ich bitte um alles, nicht davon; ich weiß, ich weiß alles!“

Sie wünschte dasselbe, was die Mutter wünschte, aber die Motive des Wunsches bei ihrer Mutter beleidigten sie.

„Ich will nur sagen, daß wenn du Einem Hoffnung gegeben hast“ —

„Mama, meine Liebe, um Gottes willen, sprecht nicht. Es ist mir so entsetzlich, hiervon zu reden!“

„Ich werde nichts mehr sagen,“ antwortete die Mutter, Thränen in den Augen ihrer Tochter bemerkend, „aber eins noch, mein Herzchen: du hast mir versprochen, vor mir kein Geheimnis haben zu wollen. Nicht so?“

„Niemals, Mama, ich werde nie eins haben,“ antwortete Kity, errötend und offen ins Antlitz der Mutter blickend. „Aber ich habe jetzt nichts zu sagen – ich – wenn ich auch wollte – ich weiß nichts – was ich sagen sollte – ich weiß nichts.“

„Nein; mit diesen Augen kann man nicht die Unwahrheit sprechen,“ dachte die Mutter, lächelnd auf ihres Kindes Erregung und Glück blickend. Die Fürstin lächelte darüber, daß ihm, dem armen Kinde alles das so ungeheuerlich und bedeutungsvoll erscheine, was jetzt in dessen Seele vor sich ging.




13


Kity empfand nach der Mittagsmahlzeit, bis zum Einbruch des Abends hin ein Gefühl ähnlich dem, wie es der Jüngling vor der Schlacht hat. Ihr Herz pochte mächtig und ihre Gedanken wollten sich durchaus nicht um einen festen Punkt konzentrieren lassen.

Sie fühlte, daß der heutige Abend, an welchem sie sich zum erstenmal beide wieder begegnen sollten, ein entscheidender für ihr Geschick werden würde, und sie stellte sich unaufhörlich die beiden Männer im Geiste vor, bald jeden einzeln, bald beide nebeneinander. Entsann sie sich der Vergangenheit, so verweilte sie mit Vergnügen und wohliger Empfindung bei der Erinnerung an ihre Beziehungen zu Lewin. Die Erinnerungen an ihre Kindheit und an die Freundschaft Lewins mit ihrem seligen Bruder gaben ihren Beziehungen zu ihm einen eigenartigen, poetischen Reiz. Seine Liebe zu ihr, von der sie überzeugt war, erschien ihr schmeichelhaft und verursachte ihr Freude. Und es fiel ihr nicht schwer, sich Lewins zu erinnern.

In ihre Gedanken an Wronskiy hingegen mischte sich etwas wie Schwerfälligkeit, obwohl er im höchsten Maße Weltmann und von sehr ruhiger Haltung war; gleichsam als wäre etwas Falsches dabei – nicht in ihm, denn er war sehr treuherzig und freundlich, sondern in ihr, während sie sich bezüglich Lewins vollkommen ruhig und klar erschien. Dachte sie jedoch allein an die Zukunft mit Wronskiy, so entstand dafür vor ihr eine Perspektive von Glück und Glanz, während ihr über der mit Lewin nur ein Nebel zu liegen schien.

Als sie emporstieg, um sich für den Abend umzukleiden, und in den Spiegel schaute, bemerkte sie mit Freude, daß sie heute einen ihrer besten Tage habe und sich im vollen Besitz aller ihrer Kräfte befinde – dies war ihr ja auch so nötig für das Bevorstehende. Sie fühlte in ihrem Inneren ihre äußere Ruhe und war sich einer freien Grazie in ihren Bewegungen bewußt.

Um halb acht Uhr – sie war soeben in den Salon getreten – meldete der Diener „Konstantin Dmitritsch Lewin!“

Die Fürstin war noch in ihren Räumen, der Fürst war ebenfalls noch nicht erschienen.

„Sei's drum,“ dachte Kity und alles Blut trat ihr zum Herzen. Sie erschrak ob ihrer Blässe, als sie in den Spiegel geblickt hatte.

Jetzt wußte sie sicher, daß er nur deshalb frühzeitiger ankam, um sie allein zu treffen und ihr seinen Antrag zu machen. Mit dieser Erkenntnis aber erschien ihr die ganze Angelegenheit zum erstenmale in einem ganz anderen, neuem Lichte. Jetzt erst erkannte sie, daß die Frage nicht sie allein anging, mit wem sie glücklich sein könnte und wen sie liebte, sondern daß sie in dieser Minute einen Mann schmerzlich treffen sollte, den sie wirklich liebte. Wie hart sollte sie ihn treffen; und warum? Darum, weil er, ein guter Mensch, sie liebte, eine Leidenschaft zu ihr gefaßt hatte.

Indessen, es war nichts zu thun; wie es die Pflicht erheischte, so mußte gehandelt werden.

„Mein Gott, muß ich denn aber selbst ihm dies sagen?“ dachte sie, „soll ich ihm sagen, daß ich ihn nicht liebe? Das wäre ja eine Unwahrheit. Was soll ich also nun sagen? Etwa, daß ich einen anderen liebte? Das ist unmöglich. Ich werde fliehen, forteilen!“

Sie war bereits bis zur Thür gelangt, als sie seine Schritte vernahm.

„Nein, das ist nicht ehrenhaft; was habe ich zu fürchten? Ich habe nichts Schlechtes gethan! Was sein soll, muß sein! Ich will die Wahrheit sagen, mit ihm kann ich nicht falsch verfahren. Da ist er!“ sprach sie zu sich selbst, seine kraftvolle Gestalt mit den blitzend auf sie gerichteten Augen zaghaft eintreten sehend. Sie blickte ihm offen ins Antlitz, als wolle sie ihn um Schonung bitten, und reichte ihm ihre Hand.

„Ich komme nicht zur rechten Zeit, wie mir scheint, ein wenig zu früh,“ hub er an, im leeren Salon Umschau haltend. Als er gewahrte, daß seine Hoffnungen sich erfüllt hatten, daß nichts ihn hindere, sich auszusprechen, wurden seine Mienen düster.

„O nein,“ antwortete Kity, an einem Tische Platz nehmend.

„Ich wollte eben, daß ich Euch allein anträfe,“ begann er, ohne sich zu setzen und ihren Blick vermeidend, um seine Fassung nicht zu verlieren.

„Mama wird sogleich erscheinen. Sie war gestern sehr ermüdet, gestern – “ Sie sprach, ohne recht zu wissen, was ihre Lippen hervorbrachten, und ohne den beschwörenden und bittenden Blick von ihm zu wenden.

Er schaute sie an; sie errötete und verstummte.

„Ich sagte Euch schon, daß ich selbst nicht wisse, ob ich für längere Zeit hierher gekommen wäre – daß dies von Euch abhängt“ —

Sie neigte das Haupt tiefer und tiefer, ohne zu wissen, was sie auf das Kommende zu antworten haben würde.

„Dies hängt von Euch ab,“ wiederholte er; „ich wollte sagen – ich wollte sagen – ich bin deshalb gekommen, damit – Ihr mein Weib würdet“ – sagte er, ohne zu wissen, was er sprach; aber im Gefühl, daß er das Furchtbare gesprochen hatte, stockte er und schaute sie an.

Sie atmete schwer, ohne den Blick zu ihm zu erheben; ein Entzücken durchrieselte sie; ihre Seele war voll Glück. Nie hätte sie erwartet, daß das Geständnis seiner Liebe zu ihr auf sie einen so mächtigen Eindruck machen würde. Doch dies währte nur einen Augenblick; sie erinnerte sich Wronskiys und sie erhob ihre hellen, offenen Augen zu Lewin; als sie sein verzweiflungsvolles Gesicht bemerkte, antwortete sie:

„Es kann nicht sein – vergebt mir.“

Wie nahe war sie noch vor einer Minute ihm gewesen, wie wertvoll war sie ihm da noch für das Leben – und wie fremd stand sie jetzt vor ihm, wie weit!

„Es mußte so kommen,“ sprach er, ohne sie anzublicken.

Er verneigte sich und wollte gehen.




14


In diesem Moment erschien die Fürstin. Auf ihrem Antlitz malte sich Erschrecken, als sie die beiden allein erblickte, mit ihren zerstreuten Mienen.

Lewin verbeugte sich vor ihr, ohne ein Wort zu reden. Kity schwieg, ohne das Auge zu erheben. „Gott sei Dank, sie hat refüsiert,“ dachte die Mutter und ihr Gesicht erglänzte in dem gewohnten Lächeln, mit dem sie des Donnerstags ihre Gäste zu bewillkommen pflegte. Sie ließ sich nieder und begann Lewin über das Leben auf dem Lande zu befragen. Auch er nahm Platz, die Ankunft der Gäste erwartend, um so unbemerkt den Salon verlassen zu können.

Nach Verlauf von fünf Minuten erschien eine Freundin Kitys, die im vergangenen Winter geheiratet hatte, die Gräfin Nordstone.

Sie war ein mageres, gelbliches krankhaftes und nervenschwaches Geschöpf mit schwarzen, blitzenden Augen. Sie liebte Kity und ihre Liebe zu derselben drückte sich – wie gewöhnlich die Liebe der Verheirateten zu Unverheirateten – in dem Wunsch aus, Kity einen Mann zu verschaffen, der ihrem Ideal von Glück entspräche; sie wünschte Kity mit Wronskiy zu vereinen. Lewin, dem sie im Anfang des Winters häufig begegnet war, war ihr stets unsympathisch gewesen, und ihre stete Beschäftigung bei einer Begegnung mit ihm war die, sich über ihn lustig zu machen.

„Ich liebe es, wenn er von der Höhe seines Selbstgefühls auf mich herabblickt, entweder seine geistvolle Unterhaltung mit mir abbricht, weil ich ihm zu dumm bin, oder sich zu mir herabläßt. Ich liebe das sehr, wenn er sich so herabläßt, und bin froh, daß er mich nicht ausstehen kann,“ äußerte sie sich über ihn.

Sie hatte recht, denn Lewin konnte sie in der That nicht ausstehen und blickte verächtlich auf sie, weil sie sich – was sie sich als Vorzug anrechnete – mit ihrer Nervenschwäche brüstete, mit ihrer vornehmen Geringschätzung, ihrer Indifferenz gegenüber allem Derberen und Prosaischen.

Zwischen Nordstone und Lewin bestand jene in der Welt so häufige Erscheinung daß sich zwei Menschen, dem Äußeren nach in den freundschaftlichsten Beziehungen zu einander stehend, bis zu einem Grade verachten, daß sie nicht mehr ernst miteinander verkehren können und nicht imstande sind, noch eine gegenseitige Kränkung zu empfinden.

Die Gräfin Nordstone eilte Lewin sogleich entgegen.

„Ah, Konstantin Dmitritsch! Wieder zurückgekehrt nach unserem ausschweifenden Babylon,“ begann sie, ihm die kleine gelbe Hand reichend, und sich seiner Worte erinnernd, die er im Beginne des Winters geäußert hatte, Moskau sei ein Babylon. „Das Babylon hat sich gebessert, aber Ihr seid schlechter geworden!“ fügte sie hinzu, lächelnd auf Kity blickend.

„Es ist mir sehr schmeichelhaft Gräfin, daß Ihr Euch meiner Worte so wohl entsinnt,“ versetzte Lewin, bereit, den Hieb zu parieren und sogleich in sein scherzhaft gegnerisches Verhältnis zur Gräfin Nordstone tretend, „wahrscheinlich haben sie recht schwer auf Euch eingewirkt.“

„Ah gewiß; ich schreibe ja alles nieder. Nun, Kity, bist du wieder Schlittschuh gefahren?“

Sie begann jetzt, mit Kity zu sprechen. So schlecht gewählt jetzt auch die Zeit sein mochte, sich zu verabschieden, so wollte Lewin doch lieber diese Taktlosigkeit begehen, als den ganzen Abend hindurch hier zu bleiben und Kity sehen zu müssen, die nur selten nach ihm hinschaute und seine Blicke vermied. Er wollte sich erheben, allein die Fürstin, wohl bemerkend daß er sich schweigend verhielt, wandte sich an ihn.

„Seid Ihr für längere Zeit nach Moskau gekommen? Ihr seid doch wohl im Friedensgericht und da wird sich ein langer Aufenthalt nicht ermöglichen lassen?“

„Nein, Fürstin, ich befasse mich jetzt nicht mehr mit dem Semstwo,“ antwortete er. „Ich bin für einige Tage hierher gekommen.“

„Mit dem ist es nicht ganz richtig,“ dachte die Gräfin Nordstone, sein strenges, ernstes Gesicht bemerkend; „es scheint ihm etwas nicht in den Kram zu passen. Doch ich werde ihn blamieren; ich habe es gar zu gern, ihn als Narren hinstellen zu können vor Kity; und ich werde es thun.“

„Konstantin Dmitritsch,“ begann sie zu Lewin, „sagt mir doch, ich bitte recht schön – was hat das zu bedeuten – Ihr wißt doch ja alles. Bei uns in Kaluga haben alle die Bauern und alle die Weiber alles vertrunken, was sie hatten, und zahlen uns jetzt keine Steuern mehr. Was hat das zu bedeuten? Ihr lobt doch die Bauern sonst stets!“ —

In diesem Augenblick trat eine Dame in den Salon und Lewin erhob sich.

„Entschuldigt mich, Gräfin, aber ich weiß in der Sache wahrhaftig nichts zu sagen,“ versetzte er, den Blick nach dem der Dame folgenden Offizier richtend.

„Dies muß Wronskiy sein,“ dachte Lewin, und blickte nach Kity, um sich hierüber Gewißheit zu verschaffen. Diese war Wronskiys schon ansichtig geworden und schaute jetzt nach Lewin. An dem einen unwillkürlich aufglänzenden Blicke ihrer Augen erkannte Lewin, daß Kity diesen Mann liebte, und er erkannte dies so sicher, als hätte sie es ihm mit Worten ausgesprochen. Aber was war das für ein Mann?

Jetzt, – mochte es gut sein, oder nicht, – mußte Lewin noch länger bleiben; er mußte erfahren, was dies für ein Mensch war, den Kity liebte. Es giebt Menschen, die ihrem in irgend einer beliebigen Sache glücklicheren Nebenbuhler von vornherein bereit sind, alles Gute was in ihm ist, abzusprechen, und allein das Schlechte in ihm wahrzunehmen. Es giebt aber auch im Gegensatz hierzu Menschen, die um jeden Preis wünschen, in diesem glücklicheren Nebenbuhler diejenigen Eigenschaften zu entdecken, vermöge deren sie selbst überwunden wurden, und sie suchen dann in ihm, mit schmerzlicher Angst im Herzen, allein das Gute.

Lewin gehörte zu dieser Art von Menschen; aber es fiel ihm nicht schwer, das Gute und Anziehende an Wronskiy zu entdecken; es fiel ihm von selbst in die Augen.

Wronskiy war nicht groß, ein stämmiger brünetter junger Mann mit freundlichem, hübschen und außerordentlich ruhigem und entschlossenen Gesichtsausdruck. In seinem Antlitz und in seiner Erscheinung, von den kurzgeschnittenen schwarzen Haaren und dem frischrasierten Kinn an bis zu der weiten, nagelneuen Uniform war alles an ihm einfach und doch zugleich schön. Der eintretenden Dame den Vortritt lassend, schritt Wronskiy auf die Fürstin zu und wandte sich dann an Kity. Während er zu dieser hintrat, erglänzten seine hübschen Augen in einem besonderen, zarten Feuer, und mit kaum bemerkbarem, glücklichem und bescheiden triumphierendem Lächeln – so schien es wenigstens Lewin – verbeugte er sich ehrfurchtsvoll und ritterlich und reichte ihr seine ziemlich kleine, aber breite Hand.

Nachdem er alle anderen begrüßt und einige Worte gewechselt hatte, setzte er sich, ohne auch nur ein einziges Mal nach Lewin zu schauen, der keinen Blick von ihm verwandte.

„Gestattet, daß ich bekannt mache,“ hub jetzt die Fürstin an, auf Lewin weisend: „Konstantin Dmitritsch Lewin – Graf Aleksey Kyrillowitsch Wronskiy.“ —

Wronskiy erhob sich, freundlich auf Lewin blickend und ihm die Hand drückend. „Ich hätte mit Ihnen heuer im Winter dinieren müssen, scheint mir,“ begann er mit seinem guten und offenherzigen Lächeln, „aber Ihr waret so unerwartet auf das Land gereist.“

„Konstantin Dmitritsch verachtet und haßt das Stadtleben und uns, die Städter,“ warf die Gräfin Nordstone ein.

„Meine Worte müssen doch recht sehr auf Euch eingewirkt haben, da Ihr derselben so sehr gedenkt,“ sagte Lewin, wurde aber rot, da ihm einfiel, daß er diese Worte bereits vorher gesprochen hatte.

Wronskiy blickte Lewin an und dann die Gräfin Nordstone und lächelte.

„Haltet Ihr Euch stets auf dem Lande auf?“ frug er, „ich sollte meinen, im Winter ist das langweilig?“

„Es ist nicht langweilig, wenn man Beschäftigung hat und mit mir selbst langweile ich mich nicht,“ antwortete Lewin fest.

„Ich liebe das Dorf,“ fuhr Wronskiy fort, sich den Anschein gebend, als bemerke er den Ausdruck und den Ton Lewins nicht.

„Aber ich hoffe doch, Graf, daß Ihr nie einverstanden damit sein würdet, stets daselbst zu leben,“ rief die Gräfin Nordstone.

„Ich weiß nicht, da ich das Landleben auf die Dauer nicht erprobt habe. Ich empfand stets ein seltsames Gefühl,“ antwortete Wronskiy, „aber nirgends habe ich mich so gesehnt, in Langerweile, nach dem Dorfe, dem russischen Dorfe mit seinen Bastschuhen und Muschiks, als zur Zeit, da ich mit Mama einen Winter in Nizza verlebte. Nizza ist an und für sich langweilig, Ihr wißt es ja; selbst Neapel, Sorrento sind nur für kurze Zeit schön. Gerade dort gedenkt man besonders lebhaft Rußlands und vor allem des Dorfes. Jene Orte sind gleichsam“ —

Er sprach weiter, zu Kity wie zu Lewin gewendet und seine ruhigen und freundlichen Blicke von einem auf den andern gleiten lassend; er sagte offenbar das, was er eben dachte. Da er bemerkte, daß die Gräfin Nordstone etwas einwerfen wollte, hielt er inne, ohne den angefangenen Satz zu vollenden und begann, dieser aufmerksames Gehör zu schenken.

Das Gespräch verstummte keine Minute, so daß die alte Fürstin, welche stets für den Fall eintretenden Mangels an einem Gesprächsthema zwei schwere Geschütze in Reserve hatte, nämlich die klassische und die reale Bildung und die allgemeine Militärpflicht, gar nicht in die Lage kam, dieselben auffahren zu müssen, während die Gräfin Nordstone keine Gelegenheit finden konnte, sich an Lewin zu reiben.

Dieser bezeugte keine Lust, in das allgemeine Gespräch einzugreifen; er sagte jeden Augenblick zu sich selbst, er müsse nun fort, und dennoch ging er nicht gleichwie in der Erwartung irgend eines Ereignisses.

Die Unterhaltung kam jetzt auf Tischrücken und Geister, und die Gräfin Nordstone, welche an den Spiritismus glaubte, begann von Wundern zu erzählen die sie gesehen haben wollte.

„O, Gräfin, bringt mich, ich bitte Euch um aller Heiligen willen, mit den Geistern in Verbindung! Noch niemals habe ich etwas Ungewöhnliches erlebt, und suche doch allüberall darnach,“ sagte Wronskiy lächelnd.

„Gut, nächsten Sonnabend,“ versetzte die Gräfin Nordstone, „Ihr aber, Konstantin Dmitritsch, glaubt Ihr denn an die Geister?“ frug sie Lewin.

„Weshalb fragt Ihr mich? Ihr wißt ja doch wohl, was ich antworten werde.“

„Ich wünsche aber Eure Meinung zu hören.“

„Meine Meinung ist nur die,“ versetzte Lewin, „die sich bewegenden Stühle beweisen, daß die sogenannte gebildete Gesellschaft nicht höher steht als der Muschik. Dieser glaubt an den bösen Blick, an die Behexung, wir aber“ —

„Nun, Ihr glaubt nicht?“

„Ich kann es nicht, Gräfin!“

„Aber wenn ich selbst gesehen habe“ —

„Auch die alten Weiber erzählen, daß sie Kobolde gesehen haben.“

„So denkt Ihr also, ich spreche die Unwahrheit?“

Sie lachte nicht gut.

„Siehst du, Mama, Konstantin Dmitritsch sagt, er könne nicht daran glauben,“ sagte Kity, über Lewin errötend; dieser verstand das, und wollte, noch mehr in Erregung geratend, antworten, allein Wronskiy mit seinem offenen, heiteren Lächeln, kam dem Gespräch sogleich zu Hilfe, da es unangenehm zu werden drohte.

„Ihr gebt eine Möglichkeit absolut nicht zu?“ frug er, „weshalb nicht? Wir räumen doch die Existenz der Elektricität, die wir noch nicht näher kennen, ein; weshalb sollte da nicht auch eine neue Kraft die uns noch unbekannt ist, vorhanden sein können, welche“ —

„Als die Elektricität entdeckt wurde,“ erwiderte Lewin schnell, „so war nur deren Offenbarung entdeckt und es blieb Geheimnis, woher sie stamme und was sie bewirke; Jahrhunderte aber vergingen, bevor man an ihre Verwendung dachte. Die Spiritualisten hingegen begannen damit, daß ihnen ihre Tische etwas aufschrieben, daß die Geister zu ihnen kamen, und dann erst sagten sie, es sei dabei eine unerforschte Kraft vorhanden.“

Wronskiy hörte aufmerksam auf Lewins Worte, wie er es eben stets that; augenscheinlich von denselben interessiert.

„Ganz wohl; aber die Spiritualisten sagen, wir wissen jetzt nicht was für eine Kraft hier wirkt, aber es ist eine und unter bestimmten Vorbedingungen tritt sie auf. Mögen doch nun die Gelehrten entdecken, worin diese Kraft besteht. Nein, nein, ich sehe nicht ein, warum nicht eine neue Kraft vorhanden sein könnte, wenn“ —

„Da aber,“ unterbrach ihn Lewin, „bei der Elektricität stets, sobald man Bernstein an Wolle reibt, sich jene bekannte Erscheinung zeigt, hier dies aber nicht jedesmal der Fall ist, so ist diese neue Kraft wahrscheinlich doch wohl keine – Naturerscheinung.“ —

Wohl in der Empfindung, daß das Gespräch einen für die Gesellschaft zu ernsten Charakter annehme, erwiderte Wronskiy nichts hierauf, sondern lächelte nur heiter in dem Bemühen, das Thema zu wechseln, und wandte sich an die Damen.

„Machen wir sogleich eine Probe, Gräfin,“ sagte er; doch Lewin wollte aussprechen, wie er dachte.

„Ich meine,“ fuhr er fort, „daß jener Versuch der Spiritualisten, ihre Wunder mit einer neuen Kraft zu erklären, völlig unglücklich ist. Sie sprechen unverhohlen von einer geistigen Kraft und wollen diese materiellen Versuchen unterwerfen.“

Alle warteten, daß er enden sollte, und er selbst empfand das.

„Ich glaube, Ihr würdet ein vorzügliches Medium sein,“ sagte die Gräfin Nordstone, „Ihr habt so etwas Verzücktes.“

Lewin öffnete den Mund und wollte etwas antworten, errötete aber nur und schwieg.

„Machen wir sofort einen Versuch, mit den Tischen, Fürstin, ist es gestattet?“ frug Wronskiy, welcher aufstand und mit den Augen nach einem Tische suchte.

Kity hatte sich hinter ihrem kleinen Tische erhoben und begegnete, seitwärtstretend, den Augen Lewins. Sie empfand ein tiefes Mitgefühl mit ihm, umsomehr, als sie sich selbst als die Ursache seines Unglücks betrachtete. „Wenn Ihr mir verzeihen könnt, so verzeiht,“ bat ihr Blick, „ich bin so glücklich.“

„Ich hasse euch alle und mich,“ antwortete sein Auge und er griff nach seinem Hut. Aber er sollte noch nicht von hier weggelangen. Man wollte sich soeben um das Tischchen gruppieren, und Lewin war im Begriff, zu gehen, als der alte Fürst hereintrat und, nachdem er die Damen begrüßt hatte, sich zu Lewin wandte.

„Ah,“ begann er erfreut, „auf längere Zeit hier? Ich wußte ja noch gar nichts von deiner Anwesenheit. Sehr erfreut, Euch zu sehen.“

Der alte Fürst sprach Lewin bald mit du bald mit Ihr an; er umarmte ihn und bemerkte im Gespräch mit ihm gar nicht Wronskiy, welcher sich erhoben hatte und ruhig wartete, bis sich der Fürst an ihn wenden würde.

Kity fühlte, daß nach alledem, was geschehen war, Lewin die Liebenswürdigkeit ihres Vaters nur peinlich sein mußte. Sie gewahrte auch, wie steif ihr Vater der Verbeugung Wronskiys dankte und wie letzterer mit freundlicher Verlegenheit auf ihren Vater schaute, sich vergeblich bemühend, zu begreifen wie und weshalb es möglich geworden war, ihm mit unfreundlicher Stimmung zu begegnen, und errötete.

„Fürst, lasset jetzt den Konstantin Dmitritsch frei,“ sagte die Gräfin Nordstone, „wir wollen ein Experiment machen.“

„Was für ein Experiment? Tischrücken? Nun, es entschuldigen wohl die Damen und Herren, wenn ich nach meiner Meinung das Ringspiel doch noch heiterer finde,“ antwortete der Fürst, auf Wronskiy blickend in der Vermutung, dieser könnte Anstalten dazu treffen. „Das Ringspiel hat doch wenigstens noch Sinn.“

Wronskiy schaute befremdet auf den Fürsten mit seinen festen Blicken, dann aber begann er sofort, mit kaum bemerkbarem Lächeln sich an die Gräfin Nordstone wendend, von dem in der nächsten Woche bevorstehenden großen Balle zu reden.

„Ich hoffe, Ihr werdet dort sein?“ wandte er sich auch an Kity.

Der alte Fürst hatte sich kaum von Lewin weggewendet, als dieser unbemerkt den Salon verließ. Der letzte Eindruck, den er von diesem Abend mit hinwegnahm, war das lächelnde, glückstrahlende Gesicht Kitys, wie sie Wronskiy auf seine Frage nach dem Balle antwortete.




15


Nachdem der Abend sein Ende erreicht hatte, erzählte Kity der Mutter von ihrem Gespräch mit Lewin, und sie freute sich, ungeachtet alles Mitleids, das sie für Lewin empfand, in dem Gedanken, daß ihr doch ein „Antrag“ gemacht worden war.

Es bestand für sie kein Zweifel, daß sie gehandelt hatte, wie es ihr zukam. Aber noch im Bett vermochte sie lange Zeit den Schlaf nicht zu finden.

Ein bestimmter Eindruck verfolgte sie unablässig, es war das Antlitz Lewins mit den zusammengezogenen Brauen und den finster traurig unter ihnen hervorblickenden guten Augen, wie er stand, ihrem Vater zuhörend und nach ihr hinüberblickend und nach Wronskiy. Sie empfand so viel Mitleid mit ihm, daß Thränen in ihr Auge traten, doch sie vergegenwärtigte sich sogleich, für wen sie ihn eintauschte. Lebhaft stellte sie sich jenes männliche, feste Antlitz vor Augen, das mit so edler Ruhe und in einer so aus allem hervorleuchtenden Güte jedermann entgegenblickte. Sie vergegenwärtigte sich die Liebe dessen, den sie selbst liebte, es wurde ihr wieder fröhlich ums Herz, und mit einem Lächeln des Glückes legte sie sich endlich wieder auf ihr Kissen.

„Schade, schade, aber was ist zu thun? Ich habe keine Schuld,“ sprach sie zu sich selbst, eine innere Stimme aber sprach noch anders. Ob in derselben die Reue lag darüber, daß sie Lewin hierher gezogen, oder darüber, daß sie ihm eine Absage gegeben hatte – sie wußte es selbst nicht. Ihr Glück wurde von Zweifeln vergiftet. „Herr Gott erbarme dich, erbarme dich,“ betete sie für sich selbst, indem sie einschlummerte.

Zur nämlichen Stunde spielte sich unten in dem kleinen Kabinett des Fürsten eine jener so häufig zwischen den Gatten sich wiederholenden Scenen ab, betreffs der Lieblingstochter.

„Wie? Da hast du es!“ rief der Fürst, mit den Händen fuchtelnd, und dann seinen Pelz von weißem Eichhorn zusammennehmend, „da habt Ihr es, daß Ihr weder Stolz noch Würde besitzt, die Tochter mit dieser niedrigen, albernen Freiwerbung kompromittiert und unglücklich macht!“

„Aber um Gottes willen, Fürst, was habe ich gethan,“ antwortete die Fürstin, fast weinend.

Sie war so glücklich und zufrieden nach dem Gespräch mit ihrer Tochter gewesen, war jetzt nach ihrer Gewohnheit zum Fürsten gekommen, um diesem gute Nacht zu wünschen und hatte, ohne die Absicht ihm von Lewins Antrag zu erzählen oder von Kitys Absage, ihrem Gatten nur angedeutet, daß ihr die Angelegenheit mit Wronskiy völlig sicher zu stehen scheine, daß sich dieselbe entscheiden werde, sobald dessen Mutter angekommen sein würde – da, bei diesen Worten, war der Fürst plötzlich aufgefahren und hatte ihr die härtesten Worte zugerufen.

„Was Ihr gethan habt? Ihr sollt es wissen: Erstens lockt Ihr einen Bräutigam an, ganz Moskau wird davon reden, und mit Recht. Wenn Ihr Abendcirkel haltet, so ladet jedermann ein, nicht aber nur die heiratslustigen jungen Männer. Ladet dann alle jungen Leute in Moskau ein und laßt sie tanzen, aber nicht nur, wie heute, die Bräutigams die Ihr mit unserer Tochter zusammenbringt. Das zu sehen, ist entehrend für mich und Ihr habt es so weit gebracht, dem Kinde den Kopf zu verdrehen. Lewin ist ein tausendmal besserer Mensch! Jener Petersburger Fant hingegen ist einer wie in der Maschine gemacht; diese Leute sind alle nach einem Schlag, sind alle Nichts. Wäre er selbst ein Prinz von Geblüt, meine Tochter braucht niemanden!“

„Aber was habe ich gethan?“

„Nun,“ rief der Fürst ingrimmig.

„Ich erkenne das Eine, daß, wenn es nach dir geht,“ unterbrach ihn die Fürstin, „wir niemals unsere Tochter verheiraten werden. Wenn dem so ist, dann können wir nur auf das Dorf gehen.“

„Es wäre auch besser so.“

„Halt ein. Suche ich denn nach jemand? Durchaus nicht! Ein junger Mann von angenehmen Wesen hat sich in sie verliebt, und sie, scheint es – “

„Ah, da scheint Euch etwas! Wie denn nun, wenn sie sich thatsächlich verliebt hat, er aber ebensowenig gewillt wäre, sie zu heiraten, wie ich es etwa bin? O, der Spiritualismus, o, das Nizza, ach, der Ball,“ – der Fürst, sich stellend, als ahme er sein Weib nach, knixte mit jedem dieser Worte. „Dies ist der Weg, auf dem wir die Katinka unglücklich machen, auf dem sie sich in der That etwas in den Kopf setzen kann.“

„Aber aus welchem Grunde denkst du denn?“ —

„Ich denke gar nichts; ich weiß nur: dafür haben wir Augen, die Weiber aber nicht. Ich sehe mir den Mann an, welcher ernste Absichten hat, dies ist Lewin; ich sehe aber auch die Wachtel, den Zungendrescher, der sich nur zerstreuen will.“

„Ah, das setzest du dir doch auch nur in den Kopf.“

„Nun, entsinnest du dich, – jetzt ist es freilich zu spät – wie es mit der Dolly war?“

„Genug, genug, wir wollen nicht weiter davon reden,“ hemmte die Fürstin seinen Redefluß, der unglücklichen Dolly gedenkend.

„Laß gut sein; schlaf wohl!“

Sie bekreuzten beide einander und küßten sich; dann verließen sich die Gatten im Gefühl, daß jeder von ihnen bei seiner eigenen Meinung blieb.

Die Fürstin war anfänglich fest überzeugt gewesen, daß der heutige Abend über das Schicksal Kitys entschieden habe und daß kein Zweifel über die Absichten Wronskiys mehr obwalten könne, aber die Worte des Gatten beunruhigten sie jetzt, und als sie in ihren Gemächern angelangt war, wiederholte sie ganz ebenso wie Kity voll Schrecken vor der verborgenen Zukunft mehrmals in ihrem Innern die Worte: „O Gott erbarme dich, erbarme dich!“




16


Wronskiy hatte nie ein Familienleben kennen gelernt. Seine Mutter war in ihrer Jugend eine glänzende Dame in der großen Welt gewesen, die zur Zeit ihres Ehestandes und namentlich auch nach demselben viele Romane erlebt hatte, welche die ganze Welt kannte. Seines Vaters konnte er sich fast gar nicht mehr entsinnen; er selbst war im Pagencorps auferzogen worden.

Als sehr junger, glänzender Offizier die Schule verlassend, trat er unvermittelt in den Kreis der petersburgischen Offiziere ein; obwohl er aber nun auch bisweilen in der Petersburger Gesellschaft erschien, so lagen doch alle seine Lieblingsinteressen außerhalb dieser Gesellschaft.

In Moskau erfuhr er zum erstenmal, nach einem üppigen und wüsten Leben in Petersburg, den Reiz der Annäherung an ein feingebildetes, liebenswürdiges und unschuldiges Mädchen, das ihn liebte.

Es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß etwas Sündhaftes in seinen Beziehungen zu Kity liegen könnte. Auf den Bällen tanzte er vorzugsweise mit ihr und er besuchte ihr Haus; er sprach mit ihr, was man in der Gesellschaft gewöhnlich zu sprechen pflegt, Nichtigkeiten; aber Nichtigkeiten, denen er ohne es vielleicht zu wollen, einen für sie bedeutungsvollen Sinn verlieh.

Obwohl er ihr nie etwas gesagt hatte, was er nicht ebenso gut vor der gesamten Gesellschaft hätte sagen können, empfand er, daß sie immer mehr und mehr in ein Verhältnis von Abhängigkeit von ihm geriet, und je mehr er dessen inne ward, desto angenehmer war es ihm, und seine Empfindung für sie wurde allmählich inniger. Er wußte, daß sein Verhalten gegenüber Kity eine bestimmte Bedeutung hatte, daß es eine Verführung der Weiber ohne Äußerung der Absicht eine Ehe zu schließen war; daß diese Verführungskunst eine jener schlechten Handlungen darstelle, wie sie unter den glänzenden jungen Männern seiner Art gewöhnlich waren. Ihm dünkte, als habe er zuerst diesen Genuß entdeckt und er gefiel sich im Genuß seiner Entdeckung.

Hätte er hören können, was ihre Eltern an diesem Abend sprachen, hätte er sich auf den Anschauungskreis der Familie stellen und so wahrnehmen können, daß Kity unglücklich werden würde wenn er sie nicht heimführte, so wäre er höchlich in Verwunderung geraten und hätte das nicht geglaubt. Er vermochte nicht zu glauben, daß das, was ihm nur ein großes, schönes Vergnügen gewährte, und für sie das höchste bildete, – daß dies sündhaft war. Und noch weniger hätte er daran glauben können, daß er heiraten müßte.

Eine Vermählung hatte er sich noch niemals als Möglichkeit gedacht; er liebte das Familienleben nicht nur nicht, er sah sogar in der Ehe, im Ehemann aber besonders, nach der allgemeinen Anschauung der kalten Sphäre, in der er lebte, etwas Seltsames, Verhaßtes, und vor allem – Lächerliches. Aber wenn auch Wronskiy nicht ahnte, was die Eltern Kitys unter sich sprachen, so empfand er doch an diesem Abend beim Abschiednehmen von den Schtscherbazkiys, daß jenes geheimnisvolle seelische Bündnis zwischen ihm und Kity sich an demselben so sehr gefestigt hatte, daß man sich wohl zu irgend einem Entschluß aufraffen müsse. Was freilich gethan werden konnte oder mußte, das war er nicht imstande, sich klar zu machen.

„Es ist reizend,“ dachte er bei sich, als er von den Schtscherbazkiys hinwegging und von ihnen heute wie immer das angenehme Gefühl einer Reinheit und Frische, zum Teil wohl auch dadurch entstanden, daß er den ganzen Abend hindurch nicht geraucht hatte, mit hinwegnehmend und verbunden mit diesem eine ihm neue Empfindung von Rührung über ihre Liebe zu ihm. „Es ist reizend, daß kein Wort von mir oder von ihr gesprochen worden ist, und wir uns doch einander in diesem unhörbaren Gespräch so verstanden haben, daß sie jetzt offenbarer als jemals mir gestanden hat, wie sie mich liebt. Und auf wie liebliche, naive und – was am meisten galt vertrauensvolle Weise hat sie es mir zu verstehen gegeben. Ich selbst fühle mich besser und geläuterter davon. Ich fühle, daß ich ein Herz besitze, daß in mir doch viel Gutes schlummert. Diese guten liebevollen Augen, als sie zu mir sagte: ‚Gewiß werde ich auf dem Balle sein.‘“

„Aber was weiter thun? Hm – nichts! Ich befinde mich ganz wohl dabei und sie auch.“ Er überlegte nunmehr, wo er den heutigen Abend noch ausfüllen könnte, und ließ alle die Orte Revue passieren, wohin er sich begeben konnte.

„In den Klub? – Spiel und Champagner? – Nein, dahin nicht. Château des fleurs? – Da finde ich Oblonskiy, Couplets und Cancan. Das ist langweilig! Eben deshalb liebe ich ja die Schtscherbazkiy, um mich selbst zu bessern. Also nach Hause denn!“

Er begab sich in sein Logis bei Dussot, ließ ein Souper kommen und begab sich dann zur Ruhe. Er hatte kaum das Haupt auf die Kissen gelegt, als er schon in festen Schlaf versunken war.




17


Am andern Tage morgens um elf Uhr fuhr Wronskiy auf den Bahnhof der Petersburger Eisenbahn, um die Mutter abzuholen. Das erste Gesicht, das ihm auf den Stufen der großen Treppe in die Augen fiel, war Oblonskiy, der mit dem nämlichen Zuge seine Schwester erwartete.

„Ah, Excellenz!“ rief Oblonskiy. „Aus welchem Grunde bist du heute hier?“

„Der Mutter halber,“ antwortete Wronskiy mit dem nämlichen Lächeln, welches jedermann hatte, der Oblonskiy begegnete; er drückte diesem die Hand und stieg mit ihm zur Treppe hinauf; „sie muß jetzt mit dem Petersburger Zuge ankommen.“

„Ich habe dich bis zwei Uhr erwartet. Wohin bist du denn gefahren von den Schtscherbazkiys aus?“

„Nach Hause,“ versetzte Wronskiy, „ich muß gestehen, es war mir gestern nach dem Besuch bei den Schtscherbazkiys so angenehm zu Mut, daß ich nirgendshin zu fahren noch Lust hatte.“

„Man erkennt die verliebten Jünglinge an den Augen,“ deklamierte Stefan Arkadjewitsch ebenso wie er dies früher Lewin gesagt hatte.

Wronskiy lächelte mit einem Ausdruck welcher besagte, daß er dies nicht in Abrede stellen könnte, sprang aber sogleich auf ein anderes Thema über.

„Wen erwartest du denn?“ frug er seinerseits.

„Ich? Ich erwarte die beste Frau die es giebt,“ sagte Oblonskiy.

„Sieh da!“

„Honny soit qui mal y pense! Meine Schwester Anna!“

„Aha; die Karenina!“ rief Wronskiy.

„Du kennst sie ja wohl?“

„Ich glaube – oder sollte es nicht sein? Allerdings, ich kann mich nicht besinnen,“ sagte Wronskiy zerstreut, sich unter dem Namen Karenina irgend etwas Affektiertes und Langweiliges vorstellend.

„Aber den Aleksey Aleksandrowitsch, meinen berühmten Schwager kennst du wohl. Den kennt ja die ganze Welt.“

„Ja, das heißt nur dem Rufe und dem Aussehen nach. Ich weiß daß er ein verständiger, gelehrter und frommer Mann ist. Aber du weißt ja, daß dies nicht in meinem Gesichtskreis – not in my line – liegt,“ sagte Wronskiy.

„Er ist ein sehr bedeutender Mann; ein wenig konservativ, aber ein vorzüglicher Mensch,“ bemerkte Stefan Arkadjewitsch, „ein vorzüglicher Mensch.“

„Um so besser für ihn,“ antwortete Wronskiy lächelnd. – „Nun, bist du hier?“ wandte er sich an einen hochgewachsenen alten Diener, der an der Thür stand, den Lakai seiner Mutter.

Wronskiy fühlte sich in letzter Zeit, ungeachtet der ohnehin gegen Alle zu Tage tretenden Freundlichkeit Stefan Arkadjewitschs, verpflichtet, diesem umsomehr mit Zuvorkommenheit zu begegnen, als er nach seiner Auffassung mit Kity in Verbindung stand.

„Wirst du Sonntag nicht ein Souper für die ‚Divas‘ geben?“ sagte er, ihn lächelnd unter dem Arme fassend.

„Sicherlich. Indessen bist du gestern mit meinem Freunde Lewin bekannt geworden?“ frug Stefan Arkadjewitsch.

„Gewiß. Doch zog er sich ziemlich frühzeitig zurück.“

„Er ist ein vorzüglicher Mensch,“ fuhr Oblonskiy fort, „habe ich nicht recht?“

„Ich weiß nicht,“ antwortete Wronskiy, „warum es bei allen Moskauern der Fall ist – diejenigen natürlich ausgenommen,“ bemerkte er scherzend, „mit denen ich spreche, daß sie etwas Entschiedenes, etwas stets Opponierendes, Jähes, haben, als ob sie einem stets etwas zu fühlen geben wollten.“

„So ist es, ja, ja,“ lachte Stefan Arkadjewitsch heiter.

„Nun, kommt der Zug bald?“ wandte sich Wronskiy an den Diener.

„Der Zug ist soeben eingefahren,“ antwortete dieser.

Das Nahen des Trains zeigte sich in der mehr und mehr zunehmenden Bewegung zu Vorbereitungen auf dem Perron, in dem Hin- und Herlaufen der Träger, dem Erscheinen der Polizeiwachen und Beamten, in dem Vorfahren der Abholenden.

Durch den Winternebel wurden die Arbeiter in ihren Halbpelzen und den weichen plumpen Stiefeln sichtbar, wie sie auf den gewundenen Schienensträngen umherliefen. Der Pfiff der Dampfpfeife ertönte und man vernahm die Bewegung eines schweren Etwas.

„Nein,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, den es sehr verlangte, Wronskiy von den Absichten Lewins auf Kity Mitteilung zu machen. „Nein, du würdigst meinen Freund Lewin nicht richtig. Er ist ein sehr nervöser Mensch und gewöhnlich erscheint er unangenehm, das ist ja wahr, aber gleichwohl ist er dafür bisweilen wieder höchst liebenswert. Er besitzt eine so ehrenhafte, rechtschaffene Natur und ein goldenes Herz. Gestern aber hatte er eine besondere Ursache,“ fuhr Stefan Arkadjewitsch mit bedeutungsvollem Lächeln fort und gänzlich die aufrichtige Empfindung vergessend, die er gestern für den Freund gehabt hatte; dieselbe äußerte sich jetzt in gleicherweise, aber Wronskiy gegenüber. „Ja, eine besondere Ursache war es, infolge deren er sehr glücklich oder sehr unglücklich werden könnte.“

Wronskiy blieb stehen und frug geradezu: „Was heißt das? Hat er etwa gestern deiner belle-soeur eine Liebeserklärung gemacht?“

„Vielleicht,“ antwortete Stefan Arkadjewitsch, „mir schien es gestern wenigstens so. Ja, ja, wenn er gestern schon zeitig den Abendcirkel verlassen hat und nicht bei Laune gewesen ist, so wird es schon so gewesen sein. Er ist schon ziemlich lange verliebt und thut mir aufrichtig leid.“

„Da haben wir's. Ich glaube übrigens, das Mädchen könnte auf eine bessere Partie reflektieren,“ sagte Wronskiy, sich hochaufrichtend und wieder zu gehen beginnend; „doch ich weiß ja freilich nichts,“ fügte er dann hinzu. „Das sind schwierige Situationen und daher zieht eben die große Mehrheit lieber die Bekanntschaften mit den Claras &c. vor. Hier äußert sich ein Fehlschlag wenigstens nur insofern, als der Geldbeutel zu klein gewesen ist, dort aber – liegt die Ehre auf der Wagschale. – Indessen, da ist der Zug!“ —

In der That pfiff derselbe von fern und nach einigen Minuten erbebte der Perron, und schnaubend in dem von der Kälte nach unten getriebenen Rauch rollte das Dampfroß mit den langsam und stetig sich senkenden und hebenden Kolben des großen Mittelrades und dem sich herabbeugenden, dick angezogenen und reifbedeckten Maschinisten herein. Hinter dem Tender, aber immer langsamer, und den Perron mehr erschütternd, folgte der Bagagewagen mit einem heulenden Hunde und endlich, über kleine Hindernisse springend, kamen die Passagierwaggons.

Ein junger Kondukteur sprang herab, im Laufen einen Pfiff gebend, ihm folgten einzeln die ungeduldigen Passagiere; ein Gardeoffizier in strenger und ernster Haltung um sich blickend, ein beweglicher Kaufmann mit seinem Portefeuille, und heiterem Lachen auf den Zügen – ein Bauer mit einem Sack quer auf den Schultern.

Wronskiy, neben Oblonskiy stehend, musterte die Waggons und die aus ihnen Heraussteigenden; er hatte seine Mutter ganz vergessen; das, was er soeben betreffs Kitys erfahren hatte, regte ihn an und erfreute ihn. Seine Brust dehnte sich unwillkürlich und sein Auge blitzte auf. Er fühlte sich als Sieger.

„Die Gräfin Wronskiy ist in diesem Coupé,“ sagte der junge Kondukteur, an Wronskiy herantretend.

Die Worte des Beamten erweckten diesen und brachten ihm die Mutter in Erinnerung und das bevorstehende Wiedersehen mit ihr.

Er achtete seine Mutter im Grund seiner Seele nicht, und, ohne sich eine Rechenschaft geben zu können, weshalb, liebte er sie auch nicht, obwohl er sich nach den Begriffen der Kreise in denen er lebte, seinem Bildungsgange nach andere Beziehungen zu seiner Mutter als die ehrfurchtsvollsten und ergebensten, nicht denken konnte; diese Beziehungen waren äußerlich um so ergebener und achtungsvoller, je weniger er in seinem Innern Achtung und Liebe hegte.




18


Wronskiy folgte dem Beamten zu dem Waggon; er blieb an dem Eingang ins Coupé stehen, um einer heraussteigenden Dame Raum zu geben.

Mit dem gewöhnlichen Takte des Weltmannes erkannte Wronskiy auf den ersten Blick in dem Äußern der Dame, daß diese den höchsten Ständen angehörte. Er entschuldigte sich und trat dann in den Waggon, fühlte aber eine Versuchung in sich, nochmals ihr nachzublicken, nicht etwa deshalb, weil sie sehr schön gewesen wäre, nicht wegen ihrer vorzüglichen und decenten Grazie, die über der ganzen Figur lag, sondern deshalb, weil in dem Ausdruck ihrer wohlwollenden Züge, als sie an ihm vorübergeschritten war, etwas ausnehmend Freundliches und Mildes gelegen hatte.

Als er sich umwandte, drehte auch sie das Haupt rückwärts. Ihre glänzenden grauen Augen, die dunkel unter den dichten Wimpern hervorschauten, hafteten aufmerksam auf seinem Gesicht, als habe sie ihn erkannt, dann aber schweiften ihre Augen auf den vorüberwallenden Haufen, als suche sie jemand in diesem.

An diesem kurzen Blick hatte Wronskiy die zurückgehaltene Lebhaftigkeit bemerkt, die auf ihrem Antlitz lag und aus den blitzenden Augen sprühte, aus dem leisen Lächeln sprach, das ihre roten Lippen kräuselte. Etwas gleichsam Übermütiges schien ihr Wesen so zu erfüllen, daß es sich wohl wider ihren Willen bald im Glanz ihrer Augen, bald in ihrem Lächeln ausprägte. Sie schien absichtlich das Feuer ihrer Augen zu dämpfen, aber es leuchtete ihr zum Trotz dann aus dem kaum bemerkbaren Lächeln.

Wronskiy trat in den Waggon. Seine Mutter, eine alte hagere Dame mit schwarzen Augen und Locken, kniff die Augen zusammen, als sie den Sohn erblickte und kräuselte leicht die schmalen Lippen. Sie erhob sich vom Polster, übergab ihrer Zofe ein Beutelchen und reichte dem Sohne die kleine dürre Hand, worauf sie ihn, seinen Kopf mit der Hand hebend, küßte.

„Hast du mein Telegramm erhalten? Bist du wohl? Gott sei Dank?“

„Glücklich angekommen?“ antwortete der Sohn, sich neben sie setzend und unwillkürlich einer Damenstimme vor der Thür draußen lauschend. Er wußte, daß dies die Stimme jener Dame sei, die ihm bei seinem Eintritt begegnet war.

„Ich bin aber dennoch nicht mit Euch einverstanden,“ sprach die Stimme jener Dame.

„Das ist so petersburgische Ansicht, Gnädigste!“

„Nicht eine petersburgische Ansicht, sondern ein Frauenblick,“ antwortete sie.

„Nun, Ihr erlaubt doch – Eurer Hand einen Kuß“ —

„Auf Wiedersehen, Iwan Petrowitsch. Aber seht doch einmal zu, ob nicht mein Bruder hier ist, und sendet ihn dann zu mir,“ fuhr die Dame fort, dicht an der Thür stehend und alsdann aufs neue in das Coupé tretend.

„Nun, habt Ihr Euren Bruder angetroffen?“ frug die Gräfin Wronskaja, sich an die Dame wendend.

Wronskiy erkannte jetzt, daß diese die Karenina sein müsse.

„Euer Bruder ist hier,“ sagte er, sich erhebend. „Entschuldigt mich, ich habe Euch nicht erkannt, denn unsere Bekanntschaft war von so kurzer Dauer,“ fuhr er fort, sie begrüßend, „daß Ihr Euch meiner wahrscheinlich nicht mehr entsinnen werdet.“

„O doch;“ ich würde Euch erkannt haben, da ich mit Eurer Mama wohl die ganze Route über von Euch gesprochen habe,“ antwortete sie, jetzt endlich ihrer Lebhaftigkeit die sich nach außen drängte, gestattend, in einem Lächeln zu erscheinen. „Aber mein Bruder ist doch wohl nicht hier?“

„Rufe ihn, Aljoscha,“ sagte die alte Gräfin.

Wronskiy trat auf den Perron hinaus und rief: „Oblonskiy, hier!“

Karenina erwartete aber ihren Bruder nicht erst, sondern eilte, sobald sie seiner ansichtig geworden, mit schnellen leichten Schritten aus dem Waggon. Kaum war der Bruder an sie herangetreten, so umfing sie voll Gewandtheit und Grazie die Wronskiy frappierte, mit dem linken Arm seinen Hals, zog ihn schnell an sich und küßte ihn herzlich.

Wronskiy musterte sie, ohne den Blick von ihr wegzuwenden und lächelte, ohne zu wissen, weshalb. Doch, sich erinnernd, daß die Mutter ihn erwarte, trat er wieder in den Waggon.

„Nicht wahr, sie ist reizend?“ frug ihn dieselbe. „Ihr Gatte hat sie in meine Gesellschaft gegeben und ich habe mich darüber sehr gefreut. Ich habe mich während der ganzen Fahrt mit ihr unterhalten. Du aber – sagt man nicht – vous filez le parfait amour. Tant mieux, mon cher, tant mieux“!

„Ich weiß nicht, worauf Ihr hinzielt, maman,“ antwortete der Sohn kühl. „Aber wollen wir jetzt gehen, maman?“

Die Karenina trat in diesem Augenblick nochmals in das Coupé, um sich von der Gräfin zu verabschieden.

„Nun Gräfin, Ihr habt den Sohn gefunden, ich den Bruder,“ scherzte sie heiter, „meine Erzählungen wären nunmehr alle erschöpft, und weiter hätte ich nichts mehr zu berichten.“

„O nein,“ versetzte die Gräfin, sie an der Hand nehmend, „mit Euch möchte ich rund um die Erde reisen und ich könnte mich nicht langweilen. Ihr seid eine von jenen lieben Frauen mit denen man gern spricht und gern schweigt. Aber an Euern Sohn denkt nicht, Ihr müßt Euch von ihm doch einmal trennen.“ —

Karenina stand unbeweglich, sie hielt sich außerordentlich steif aufgerichtet und ihre Augen lächelten.

„Anna Karenina,“ begann die Gräfin, ihrem Sohne eine Erklärung gebend, „hat ein Söhnchen, von acht Jahren wohl, und sie mochte sich niemals von ihm trennen; es schmerzt sie nun, daß sie es hat verlassen müssen.“

„Ja, wir haben die ganze Zeit über nur von unseren Söhnen gesprochen,“ sagte die Karenina, „die Gräfin von dem ihren, und ich von dem meinen,“ und wieder spielte hell ein Lächeln über ihr Antlitz, ein schmeichelndes Lächeln, das ihm galt.

„Wahrscheinlich wird Euch dies sehr schmerzlich gewesen sein,“ sagte er, im Fluge den koketten Blick auffangend, den sie ihm zuwarf. Sie schien indessen nicht gewillt zu sein, das Gespräch in dieser Weise weiterzuführen und wandte sich an die alte Gräfin:

„Ich danke Euch herzlich; ich selbst weiß nicht recht, wie mir der gestrige Tag verflogen ist; auf Wiedersehen denn, Gräfin.“

„Adieu, liebste Freundin,“ versetzte die Gräfin, „laßt mich Euer liebes Gesichtchen küssen. Ich bin eine offenherzige alte Frau und sage es gerade heraus, daß ich Euch lieb gewonnen habe.“

So gedrechselt dieser Satz auch sein mochte, die Karenina glaubte diesen Worten offenbar und freute sich über sie. Sie errötete, verbeugte sich leicht und bot ihr Antlitz den Lippen der Gräfin, dann richtete sie sich wieder auf und gab mit jenem Lächeln, welches zwischen Augen und Lippen zu wechseln schien, Wronskiy die Hand. Er drückte das kleine ihm gebotene Händchen und freute sich, wie über etwas ganz Besonderes, über den energischen Gegendruck mit dem sie fest und unverhohlen antwortete.

Schnell schritt sie hierauf hinaus mit seltsamer Leichtigkeit die ziemlich volle Gestalt bewegend.

„Sehr lieb,“ sagte die alte Gräfin.

Das Nämliche dachte ihr Sohn. Er begleitete sie mit seinen Augen so lange, wie ihre graziöse Figur sichtbar blieb, und ein Lächeln lag auf seinen Zügen.

Durch das Fenster sah er, wie sie sich zu ihrem Bruder begab, ihren Arm in den seinen legte und lebhaft mit ihm zu sprechen begann, augenscheinlich von einem Thema, das ihn selbst, Wronskiy, herzlich wenig betreffen mochte; dies aber war ihm fast ärgerlich.

„Nun, Mama, seid Ihr denn bei recht guter Gesundheit?“ wiederholte er seine frühere Frage, sich wieder an die Mutter wendend.

„Es geht recht wohl, ausgezeichnet. Alexander war äußerst lieb und Marie ist sehr hübsch geworden; sehr interessant.“

Sie begann von neuem davon zu erzählen, daß sie vor allem in Anspruch genommen worden sei von der Taufe eines Enkels, zu welcher sie nach Petersburg zu dem ältesten ihrer Söhne gereist war.

„Da ist ja Laurenz,“ sagte Wronskiy, durch das Fenster schauend, „jetzt können wir gehen, wenn du willst.“

Ein alter Diener, welcher mit der Gräfin gereist war, erschien im Coupé, um zu melden, daß alles bereit sei, und die Gräfin erhob sich, um zu gehen.

„Komm; jetzt sind nur noch wenig Personen auf dem Perron,“ sagte Wronskiy.

Die Zofe ergriff das Arbeitsbeutelchen und den Schoßhund, der Diener und ein Träger das übrige Gepäck, und Wronskiy nahm seine Mutter am Arme; als sie bereits den Waggon verlassen hatten, kamen plötzlich einige Leute mit erschreckten Gesichtern an ihnen vorübergelaufen; auch der Stationschef erschien in seiner Mütze von auffallender Farbe. Augenscheinlich war etwas Ungewöhnliches vorgefallen; das Volk von dem Train kam zurück.

„Was giebt es denn! Was ist! – Es ist jemand unter den Zug geraten! – Er ist zerquetscht!“ hörte man verschiedene Stimmen unter den Vorübereilenden.

Stefan Arkadjewitsch, die Schwester am Arme, und beide ebenfalls mit erschreckten Gesichtern, waren stehen geblieben und hatten sich das Volk vermeidend, nach dem Coupé zurückgewandt.

Die Damen traten wieder hinein, Wronskiy aber und Stefan Arkadjewitsch mischten sich unter die Menge, um Näheres über den Unglücksfall zu erfahren.

Ein Weichenwärter – mochte er berauscht oder vor der starken Kälte zu sehr vermummt gewesen sein – hatte den rückwärts sich bewegenden Zug nicht wahrgenommen, und war überfahren worden.

Noch bevor Wronskiy und Oblonskiy zurückgekehrt waren, hatten die Damen diese Einzelheiten schon von dem Diener erfahren.

Oblonskiy und Wronskiy sahen beide den unförmlich gewordenen Leichnam und der Erstere war augenscheinlich hiervon tief ergriffen. Er wurde traurig und schien fast in der Stimmung zu sein, Thränen zu vergießen.

„O, welches Entsetzen! Ach, Anna, hättest du das gesehen, o welch ein Unglück!“ rief er aus.

Wronskiy schwieg; sein hübsches Gesicht war nur ernst, aber es blieb vollkommen ruhig.

„Hättet Ihr das gesehen, Gräfin,“ fuhr Stefan Arkadjewitsch fort, „auch sein Weib war dabei. Es war ein furchtbarer Anblick, dieses zu sehen. Es warf sich über den Toten; man sagt, er allein habe seine sehr zahlreiche Familie erhalten. Dies ist das Unglück!“ —

„Kann man denn nicht etwas thun für die Frau?“ frug die Karenina in aufgeregt flüsterndem Tone.

Wronskiy blickte sie an und verließ sogleich den Waggon.

„Ich werde sofort wiederkommen, maman,“ sagte er, sich an der Thür nochmals umwendend.

Als er nach Verlauf mehrerer Minuten zurückkam, hatte sich Stefan Arkadjewitsch bereits mit der Gräfin über die neue Sängerin unterhalten, während diese gespannt nach der Waggonthür schaute, den Sohn erwartend.

„Jetzt wollen wir gehen,“ sagte Wronskiy, hereintretend.

Sie gingen alle zusammen hinaus. Wronskiy ging voran mit seiner Mutter; hinter dieser Karenina mit ihrem Bruder. Am Eingang trat der Stationsvorsteher an Wronskiy heran, der von ihm eingeholt worden war.

„Ihr habt meinem Vertreter zweihundert Rubel eingehändigt. Wollt doch die Güte haben zu bestimmen, für wen das Geld ausgesetzt sein soll?“

„Der Witwe,“ antwortete Wronskiy, die Achsel ziehend, „ich begreife nicht, wie darnach noch gefragt werden kann.“

„Ihr habt gegeben?“ rief Oblonskiy hinten aus und fügte hinzu, die Hand der Schwester drückend: „Das ist doch charmant, charmant; er ist doch ein herrlicher Mensch, habe ich nicht recht? Meine Hochachtung, Gräfin!“

Er blieb mit der Schwester stehen, um deren Zofe ausfindig zu machen. Als sie hinaustraten, war der Wagen der Wronskiy schon abgefahren, die Leute unterhielten sich noch immer über den Unglücksfall, der sich soeben ereignet hatte.

„Es ist ein entsetzlicher Tod,“ sagte ein vorübergehender Herr, „man sagt, er sei in zwei Stücke zerfahren gewesen.“

„Aber ich glaube, im Gegenteil, der leichteste war es, da er augenblicklich tot gewesen ist,“ meinte ein anderer.

„Daß man sich solches nicht zur Warnung dienen läßt,“ ein dritter.

Die Karenina setzte sich in den Wagen und Stefan Arkadjewitsch gewahrte mit Verwunderung, daß ihre Lippen bebten und sie nur mit Mühe die Thränen unterdrückte.

„Was ist dir, Anna?“ frug er.

„Ein böses Anzeichen.“

„Thorheiten, du bist glücklich angekommen, das ist die Hauptsache. Du kannst dir nicht vorstellen, was ich mir von dir verspreche.“

„Kennst du Wronskiy schon lange?“ frug sie.

„Ja. Du weißt, daß wir hoffen, er möchte Kity heiraten.“

„Ja wohl,“ versetzte Anna leise. „Aber jetzt wollen wir einmal von deinen Angelegenheiten reden,“ fügte sie hinzu, den Kopf schüttelnd, gleichsam als wollte sie etwas Äußerliches abschütteln, was sie bedrückte und störte. „Laß uns jetzt von deinen Angelegenheiten sprechen; ich habe dein Schreiben erhalten und bin daraufhin gekommen.“

„Ganz recht. Meine ganze Hoffnung bist du,“ sagte Stefan Arkadjewitsch.

„Nun, so erzähle mir denn alles.“

Stefan Arkadjewitsch begann zu erzählen.

Nachdem man daheim angelangt war, hob Oblonskiy die Schwester aus dem Wagen, seufzte, drückte ihr die Hand und begab sich ins Amt.




19


Als Anna in das Gemach trat, saß Dolly in dem kleinen Gastzimmer mit ihrem weißhaarigen, dicken Knaben, der bereits jetzt dem Vater ähnlich zu werden begann, und überhörte ihm seine französische Lektion. Der Knabe las, und drehte dabei mit der Hand an einem Knopfe seiner Bluse, im Bemühen, denselben abzureißen.

Die Mutter hatte ihm das Händchen bereits mehrmals von dem lose sitzenden Knopf entfernt, aber die kleine runde Faust fuhr immer wieder nach demselben. Endlich riß die Mutter selbst den Knopf ab und steckte ihn in ihre Tasche.

„Laß deine Hand in Ruhe, Grischa,“ sagte sie und beschäftigte sich wieder mit einer Decke, einer Arbeit die sie schon seit langem förderte, und welche sie stets in schweren Zeiten vornahm. Auch jetzt häkelte sie aufgeregt, den Finger ausstreckend und die Maschen zählend.

Obwohl sie gestern befohlen hatte, ihrem Manne zu sagen, sie werde sich nicht darum kümmern, ob seine Schwester ankomme oder nicht, hatte sie dennoch alles zu deren Empfang herrichten lassen und erwartete nun die Schwägerin voll Aufregung.

Dolly war darniedergedrückt von ihrem Leid und ganz in dasselbe versunken. Gleichwohl aber sagte sie sich, daß ihre Schwägerin Anna die Gattin einer der einflußreichsten Persönlichkeiten Petersburgs war, und daselbst die grande dame spielte. Dank diesem Umstande, hatte sie die dem Gatten gegebene Versicherung nicht aufrecht erhalten, das heißt, sie hatte nicht vergessen, daß ihre Schwägerin ankommen werde.

„Nun, Anna trägt ja auch an nichts schuld,“ dachte Dolly bei sich, „ich weiß von ihr nichts, als Gutes, und ich selbst habe von ihr nur Liebes und Gutes erfahren.“

Allerdings, soweit sie sich der Eindrücke erinnern konnte, welche sie bei den Karenin in Petersburg erhalten, konnte sie das Haus derselben nicht als recht angenehm bezeichnen; es lag etwas Falsches in der Gesamtheit des Familienlebens daselbst.

„Aber weshalb sollte ich sie denn nicht empfangen? Wenn sie es sich nur nicht etwa einfallen lassen wird, mich etwa zu trösten,“ dachte Dolly. „Alle Tröstungen, alle Überredungsgründe, alle Lehren der christlichen Nachsicht und Milde, all das habe ich schon tausendmal überdacht, aber es hielt nichts davon Stich.“

Die ganze letzte Zeit war Dolly allein mit ihren Kindern gewesen. Von ihrem Kummer wollte sie nicht sprechen, und mit diesem Kummer in der Seele konnte sie nicht von Nebensächlichem reden. Sie wußte, daß sie auf die eine oder die andere Weise Anna alles erzählen würde, und bald freute sie da der Gedanke daran, wie sie alles heruntersprechen wollte, bald aber brachte sie auch der Gedanke an die Notwendigkeit in Wut, mit jener von ihrer Erniedrigung sprechen zu müssen, seiner Schwester, und deren schon bereitgehaltene Phrasen beim Zureden und Trösten mit anhören zu müssen.

Nach der Uhr blickend, erwartete sie sie von Minute zu Minute, und übersah dabei doch gerade diejenige, in welcher Anna Karenina ankam, so daß sie nicht einmal das Glöckchen vernahm.

Erst als sie das Rauschen eines Gewandes und leichte Schritte schon in der Thür vernahm, blickte sie auf und auf ihren angespannten Zügen malte sich unwillkürlich nicht Freude, sondern Erstaunen.

Sie erhob sich und umarmte die Schwägerin.

„Wie, schon da?“ sagte sie unter Küssen.

„Dolly, wie freue ich mich, dich zu sehen!“

„Auch ich freue mich,“ erwiderte diese mit schwachem Lächeln und sich bemühend, an dem Gesichtsausdruck Annas zu erkennen, ob diese bereits wisse.

„Wahrscheinlich ist sie schon unterrichtet,“ dachte sie, einen Schimmer von Beileid auf Annas Zügen gewahrend.

„Nun, komme denn, ich will dich in dein Zimmer führen,“ fuhr sie fort, im Bemühen, die Minute der Aussprache so weit als möglich hinauszuschieben.

„Ist das Grischa? Mein Gott, wie groß er geworden ist!“ rief Anna aus, und küßte den Knaben, ohne das Auge von Dolly wegzuwenden; dann blieb sie stehen und errötete.

„Aber nein, jetzt wollen wir nirgendshin gehen!“

Sie nahm ihr Tuch ab, ihren Hut, und verwickelte diesen mit dem Gewirr ihrer schwarzen überall sich hervorwindenden Haare, befreite denselben aber daraus, indem sie mit dem Kopfe schwingende Bewegungen machte.

„O, wie du glänzest von Glück und Gesundheit,“ sagte Dolly fast neidisch.

„Ich?“ antwortete Anna. „Mein Gott, Tanja! Altersgenossin meines Sergey,“ fügte sie hinzu, sich an das eintretende kleine Töchterchen Dollys wendend. Sie nahm es auf ihre Arme und küßte es – „ein reizendes Kind, reizend! Zeige mir doch alle deine Kinder!“

Sie nannte sie sämtlich und wußte nicht nur ihre Namen noch, sondern auch die Jahre und Monate der Geburt der Kinder, ihre Sinnesarten, ihre Krankheiten und Dolly fühlte sich wider ihren Willen bezaubert hiervon.

„Nun komm, wir wollen zu ihnen gehen,“ sagte sie, „Wasja schläft jetzt, schade.“

Nachdem beide Frauen die Kinder gemustert hatten, setzten sie sich, nunmehr allein, im Salon zum Kaffee. Anna beschäftigte sich mit dem Präsentierbrett, und schob es dann von sich.

„Dolly; er hat mit mir gesprochen.“

Dolly blickte kühl auf Anna. Sie erwartete jetzt erheuchelte Beileidsbezeugungen, aber Anna äußerte nichts der Art.

„Dolly, meine Liebe,“ sagte sie, „ich will dir gegenüber nicht für ihn sprechen, dich auch nicht trösten; das ist unmöglich. Aber, gutes Herz, mir thust du offen herausgesagt, leid; von ganzer Seele leid!“

Unter den dichten Wimpern ihrer blitzenden Augen erschienen plötzlich Thränen. Sie setzte sich näher zu ihrer Schwägerin, ergriff deren Hand mit ihrer energischen kleinen Rechten und Dolly widerstrebte nicht, allein ihre Züge hatten nichts von dem kalten Ausdruck verloren und sie sagte:

„Trösten kann mich niemand. Alles ist verloren für mich nach solchen Geschehnissen; alles ist dahin!“

Sie hatte dies kaum gesprochen, als der Ausdruck ihres Gesichts weicher wurde. Anna hob die magere, schmächtige Hand Dollys zu sich empor, küßte sie und antwortete:

„Aber, Dolly, was soll nun geschehen, was soll geschehen? Wie soll man am besten handeln in dieser furchtbaren Lage? – Hierüber gilt es jetzt nachzudenken!“

„Es ist alles schon gethan, nichts bleibt mehr zu thun,“ antwortete Dolly, „am Übelsten ist, verstehe mich recht, daß ich ihn nicht verlassen kann; denn es sind Kinder da; ich bin gebunden. Mit ihm leben aber kann ich nicht mehr; es ist mir eine Qual schon, ihn zu sehen.“

„Dolly, mein Täubchen, er sprach zwar schon mit mir, aber ich möchte nun von dir hören; erzähle mir alles.“

Dolly blickte fragend Anna an, in deren Gesicht ungeheuchelte Teilnahme und Liebe sichtbar waren.

„Wohlan denn,“ sagte sie plötzlich. „Doch ich will von Anfang an erzählen. Du weißt ja, wie ich geheiratet habe. Ich war mit meiner französischen Maman-Erziehung nicht nur unschuldig, sondern vielmehr dumm geblieben. Ich wußte nichts, gar nichts. Man sagt wohl, daß die Männer ihren Frauen von ihrem früheren Leben erzählten, aber Stefan – Stefan Arkadjewitsch – hat mir nichts erzählt. Du wirst das nicht glauben, aber bis heute habe ich geglaubt, daß ich das einzige Weib sei, welches er erkannt hat. So habe ich acht Jahre verlebt; stelle dir vor, daß ich nicht nur nie eine Treulosigkeit bei ihm geargwöhnt habe, nein, daß ich sie für unmöglich gehalten habe; und nun, stelle dir vor, mit solchen Auffassungen mußte ich plötzlich das ganze Verhängnis, diese ganze Niedrigkeit kennen lernen.

Verstehst du mich auch recht? Was es heißt, ganz im Vollgefühl seines Glückes zu sein, und mit einem Schlage,“ – Dolly fuhr fort, nur mit Mühe das Schluchzen unterdrückend, „jenen Brief erhalten zu müssen. Es war sein Brief an seine Geliebte, meine Gouvernante. Nein, dies ist zu entsetzlich!“

Schnell zog sie ihr Taschentuch hervor und bedeckte mit ihm ihr Antlitz. „Ich begreife noch, daß er verführt werden konnte,“ fuhr sie fort, nachdem sie eine Weile geschwiegen, „aber hinterlistig, schlau mich zu betrügen, und mit wem zusammen? Daß er fortfahren sollte, mein Gatte zu sein und zugleich der ihrige – das ist furchtbar! Aber du kannst das nicht verstehen!“

„O doch, doch, ich verstehe! Ich begreife, gute Dolly, ich begreife,“ antwortete Anna, ihr die Hand drückend.

„Und denkst du etwa, er könnte sich die ganze Entsetzlichkeit meiner Lage klar machen?“ fuhr Dolly fort, „keineswegs! Er ist glücklich und zufrieden!“

„O nein!“ unterbrach sie Anna schnell, „er ist in einer kläglichen Stimmung, er wird von Reue bedrückt!“

„Ist er der Reue fähig?“ fiel Dolly ein, der Schwägerin gespannt ins Gesicht schauend.

„Ja. Ich kenne ihn. Ich habe nicht ohne Mitleid auf ihn blicken können. Wir beide kennen ihn. Er ist gut, aber auch stolz, und jetzt fühlt er sich erniedrigt. Die Hauptsache, welche mich rührte,“ Anna erriet diese Hauptsache, welche Dolly rühren konnte, „ist die, daß ihn zweierlei quält; einmal empfindet er Scham vor seinen Kindern, und dann hat er, der dich liebt – ja, ja, der dich mehr liebt als das Leben“ – ließ Anna Dolly, die sie unterbrechen wollte, nicht zu Worte kommen, – „dir so weh gethan, dich so tief darniedergeschlagen. ‚Nein, nein, sie vergiebt nicht!‘ ist sein stetes Wort.“

Dolly blickte in Gedanken versunken an der Schwägerin vorüber und lauschte auf deren Worte.

„Ja, ich weiß, daß seine Lage schrecklich ist; der Schuldige fühlt viel tiefer, als der Unschuldige,“ sagte sie, „wenn er empfindet, daß durch seine Schuld alles Unglück hereingebrochen ist. Aber wie sollte ich ihm verzeihen, wiederum sein Weib werden können – nach jenem Geschöpf? Jetzt noch mit ihm zu leben, wäre für mich eine Qual, schon deshalb, weil mir die Liebe wertvoll ist, die ich ihm früher geweiht.“

Schluchzen unterbrach ihre Stimme.

Gleichsam vorsätzlich indessen begann sie jedesmal, wenn die Versöhnlichkeit sie zu überkommen drohte, wiederum von dem zu sprechen, was sie vor allem so erbittert hatte.

„Sie ist freilich noch jung, noch schön,“ fuhr sie fort, „du verstehst, Anna, daß meine Jugend, meine Schönheit mir von einem Manne genommen worden ist; von ihm und seinen Kindern! Ich diente ihm und ging in seinem Dienste auf, aber jetzt ist ihm – das versteht sich wohl – ein frisches, junges Wesen lieber. Sie mögen wohl beide von mir gesprochen, oder, was noch schlimmer wäre, geschwiegen haben – verstehst du?“

Ihr Auge loderte wiederum haßerfüllt empor.

„Und nach alledem will er wieder mit mir reden. Wie, soll ich ihm denn noch glauben? Niemals! Nein; es ist alles dahin, alles, was für mich ein Trost, ein Lohn für meine Mühen und Qualen hätte sein können. Du verstehst mich doch? Soeben habe ich Grischa unterrichtet. Früher war mir das eine Freude, jetzt ist es eine Marter. Wofür mühe ich mich, was quäle ich mich ab? Wozu sind die Kinder da? – Es ist furchtbar, daß plötzlich meine Seele sich gewendet hat, und anstatt Liebe und Zärtlichkeit, jetzt nur noch Wut, ja Wut darinnen wohnt. Getötet würde ich ihn haben“ —

„Herzchen, Dolly, ich verstehe dich, aber martere dich nicht selbst; du bist so beleidigt, so aufgeregt, daß du manches in falschem Lichte siehst!“

Dolly verstummte, zwei Minuten verstrichen in lautloser Stille.

„Was soll ich thun, denke nach, Dolly, hilf mir. Ich habe alles schon mir überlegt, und sehe keinen Ausweg mehr.“

Anna vermochte nichts zu denken, aber ihr Herz antwortete auf jedes Wort, auf jeden Ausdruck der Züge ihrer Schwägerin.

„Ich kann nur Eines sagen,“ begann sie, „ich bin seine Schwester und kenne seinen Charakter; seine Fähigkeit, alles zu vergessen,“ – sie machte eine Geste vor ihr Stirn – „diese Fähigkeit des vollständigen Sichselbstverlierens, dabei aber auch eines wahrhaften Empfindens von Reue. Er glaubt kaum und begreift nicht, wie er das hat thun können, was er gethan hat.“ —

„O nein! Er versteht es wohl, er versteht es wohl!“ fiel ihr Dolly in die Rede, „aber ich – du vergißt mich ja ganz – ist mir etwa leichter?“

„Warte doch! Als er mit mir sprach – ich gestehe es – begriff ich noch nicht die ganze Entsetzlichkeit deiner Lage. Ich sah nur ihn allein, und daß die Familie zerstört sei; er that mir leid, aber nun, nachdem ich, selbst ein Weib, mit dir gesprochen habe, sehe ich die Sache mit anderem Auge an. Ich sehe deine Leiden und wie leid du mir thust, das kann ich dir nicht schildern! Dolly, mein liebes Herz, ich verstehe deine Leiden von Grund aus – nur eines nicht! Ich weiß nicht, ich weiß nicht, wie viel Liebe zu ihm noch in deiner Seele wohnt. Du mußt es wissen, wie viel noch davon vorhanden ist zu der Möglichkeit, daß ihm verziehen würde! Wenn du noch Liebe hast, verzeihe ihm!“

„Nein,“ antwortete Dolly, allein Anna unterbrach sie, ihr wiederum die Rechte küssend.

„Ich kenne besser die Welt als du,“ sagte sie, „ich kenne diese Männer, die wie Stefan sind, und weiß, wie sie auf derartige Affairen schauen. Du sagtest, daß er mit ihr über dich gesprochen hätte. Dies ist nicht der Fall gewesen. Diese Art von Männern sündigen mit Treulosigkeit, aber ihr häuslicher Herd, ihr Weib – das bleibt für sie ein Heiligtum! Jene Weiber aber sind für sie nur ein Gegenstand der Mißachtung und sie können die Familie nicht stören; die Männer ziehen eine Art unüberschreitbarer Grenze zwischen ihrer Familie und jenen Geschöpfen. Ich verstehe dies nicht so ganz, aber es ist an dem!“

„Aber er hat sie doch geküßt“ —

„Dolly, ich bitte dich, mein Herzchen. Ich habe Stefan gesehen, als er in dich verliebt war. Ich entsinne mich der Zeit, als er zu mir kam und Thränen vergoß, wenn er von dir sprach; welch eine Poesie, welch hohe Erscheinung warst du da für ihn! Ich weiß es, daß je länger er mit dir gelebt hat, du ihm um so größer geworden bist. Wir haben wohl bisweilen selbst über ihn gelacht, wenn er bei jeder Gelegenheit äußerte, Dolly sei ein bewundernswürdiges Weib. Du bist für ihn stets eine Gottheit gewesen und bist es geblieben, jene Ausschweifung aber – von ihr weiß seine Seele nichts“ —

„Aber wie, wenn sie sich wiederholte?“

„Das kann sie nicht, so, wie ich zu urteilen weiß.“

„Also du würdest ihm vergeben?“

„Ich weiß nicht; denn ich kann nicht urteilen. Aber doch, o ja, ich kann,“ fuhr sie nach einigem Nachdenken fort, während dessen sie die Situation bei sich erwogen und innerlich abgeschätzt hatte: „Ja wohl, ich könnte es, ich könnte es. Ja, ich würde vergeben. Ich würde nicht zu streng sein und verzeihen. Und ich würde so verzeihen, als ob jene Sünde gar nicht begangen worden wäre, gar nicht existierte.“

„Natürlich,“ unterbrach Dolly sie schnell, gleich als spräche sie etwas aus, das sie schon mehr als einmal erwogen hätte, „sonst wäre es ja keine Verzeihung. Wenn man einmal vergeben soll, so muß man es ganz thun, ganz. Indessen komm mit, ich will dich jetzt auf dein Zimmer führen,“ sagte sie, sich erhebend und auf dem Wege Anna umfassend.

„Meine Liebe, wie froh bin ich, daß du gekommen bist. Mir ist jetzt leichter, bei weitem leichter geworden.“




20


Den ganzen Tag verbrachte Anna zu Hause, das heißt, bei den Oblonskiy. Sie empfing niemanden, obwohl schon mehrere ihrer Bekannten, die von ihrer Ankunft Kunde erhalten hatten, kamen, um sie bereits am nämlichen Tage zu besuchen.

Anna verbrachte den ganzen Morgen mit Dolly und den Kindern. Sie schrieb nur eine kurze Mitteilung an ihren Bruder, daß er jedenfalls daheim zu Mittag speisen möchte. „Komm, Gott hat geholfen!“ schrieb sie ihm.

Oblonskiy speiste denn auch daheim; das Gespräch drehte sich um Allgemeinheiten, sein Weib sprach mit ihm, indem sie ihn wieder mit du anredete, was vorher nicht der Fall gewesen war.

In dem Verhältnis des Gatten zu der Gattin herrschte noch die nämliche Entfremdung, aber es war doch schon keine Rede mehr von einer Trennung, und Stefan Arkadjewitsch erkannte, daß die Möglichkeit einer Auseinandersetzung und Aussöhnung jetzt vorhanden sei.

Sogleich nach dem Essen erschien Kity. Sie kannte Anna Arkadjewna, aber nur sehr entfernt, und kam jetzt zu der Schwester nicht ohne die Besorgnis darüber, wie sie von dieser Petersburger Weltdame aufgenommen werden möchte, von der man allgemein so entzückt war. Sie hatte der Anna Arkadjewna indessen gefallen – dies erkannte sie sofort.

Anna interessierte sich augenscheinlich für Kitys Schönheit und Jugend und kaum war Kity selbst zur Besinnung gekommen, da fühlte sie sich nicht nur schon unter deren Einfluß, sie fühlte sich vielmehr verliebt in Anna, wie überhaupt die jungen Mädchen sehr geneigt sind, sich in verheiratete und ältere Damen zu verlieben.

Anna ähnelte durchaus nicht einer Weltdame oder der Mutter eines achtjährigen Knaben; sie hätte eher einem zwanzigjährigen Mädchen geglichen nach der Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen, nach der Frische und der Beweglichkeit, die auf ihren Mienen lag, und die bald in einem Lächeln, bald in ihrem Blicke zum Ausdruck kam, wenn sie nicht gerade ernst dreinschaute. Bisweilen war es auch ein trauernder Ausdruck ihrer Augen, welcher Kity überraschte und anzog. Diese empfand, daß Anna vollständig offen sei und nichts verberge, aber sie empfand auch, daß in ihr eine andere höhere Welt lebe voll Interessen, die ihr selbst unzugänglich waren, und eine in sich abgeschlossene, poetische Natur besaßen.

Nach dem Essen, als Dolly nach ihrem Zimmer gegangen war, erhob sich Anna schnell und trat zu ihrem Bruder, der eine Cigarre rauchte.

„Stefan,“ hub sie an, schelmisch blinzelnd und ihn bekreuzend, mit den Augen nach der Thür winkend. „Gehe jetzt und möge dir Gott beistehen.“

Er legte die Cigarre fort, Anna verstehend, und ging zur Thür hinaus.

Als Stefan Arkadjewitsch verschwunden war, wandte sich Anna nach dem Diwan, auf welchem sie sich, von den Kindern umringt niederließ. War es, weil die Kinder gesehen hatten, daß Mama gut mit Tante war, oder war es, daß sie selbst an ihr einen eigentümlichen Reiz verspürten; genug, die beiden ältesten, und nach ihnen die jüngeren, hatten sich wie das gewöhnlich bei Kindern der Fall zu sein pflegt, schon bis zur Mittagstafel hin an die neue Tante gemacht und wichen nicht von ihrer Seite.

Es hatte sich eine Art Spiel unter ihnen arrangiert, welches darin bestand, daß man sich so eng als möglich neben die Tante zu setzen suchte, sich an sie anschmiegte, ihre kleine Hand festhielt, sie küßte, mit ihrem Ringe spielte oder doch wenigstens die Fransen ihres Kleides zu berühren strebte.

„Jetzt wollen wir wieder sitzen, wie vorher,“ sagte Anna Arkadjewna, sich auf ihren Platz niederlassend.

Grischa steckte wiederum seinen Kopf unter ihre Hand, schmiegte sich in die Falten ihres Kleides und strahlte vor Stolz und Glück.

„Also jetzt hat man hier wohl einen Ball?“ wandte sich Anna an Kity.

„In nächster Woche. Es wird ein schöner Ball werden; einer von jenen auf denen es stets recht lustig ist.“

„Giebt es denn solche, auf denen es stets lustig ist?“ frug Anna mit feinem Lächeln.

„Die Frage ist eigentümlich. Gewiß! Bei den Bobwischtscheff ist es stets lustig, bei den Nikitin auch, allerdings bei den Meschkowy ist es immer langweilig. Habt Ihr dies denn noch nicht bemerkt?“

„Nein, mein Kind, für mich giebt es keine solchen Bälle mehr, auf denen es stets lustig ist,“ antwortete Anna; Kity gewahrte in ihren Augen wieder jene sonderbare Welt, die ihr nicht zugänglich war.

„Für mich giebt es nur solche, auf denen es zum mindesten langweilig ist.“

„Wie ist das möglich, daß Ihr gar es auf einem Balle langweilig findet?“

„Warum sollte es unmöglich sein, daß gerade ich den Ball langweilig finde?“ frug Anna.

Kity merkte, daß Anna recht wohl wußte, welche Antwort kommen müsse.

„Nun deswegen, weil Ihr doch stets die Schönste von allen dabei sein würdet!“

Anna besaß die Fähigkeit, erröten zu können. Sie errötete daher und sagte:

„Das ist zunächst nicht der Fall, und dann, selbst wenn dem so wäre, warum?“

„Ihr werdet doch auf den Ball fahren?“ frug Kity.

„Ich denke, es wird nicht zu umgehen sein. – Da nimm ihn,“ sagte sie zu Tanja, welche ihr den leicht von ihrem weißen Finger herabgehenden Ring abgezogen hatte.

„Ich werde mich sehr freuen, wenn Ihr mitkommt, denn ich möchte Euch gar zu gern auf dem Balle sehen.“

„Nun, wenn denn einmal gefahren sein muß, so werde ich mich mit dem Gedanken trösten, daß dies eben Euch Vergnügen macht. Grischa, zerr' nicht so, bitte; sie haben mich schon ganz derangiert,“ sprach sie, eine in Unordnung geratene Haarflechte, mit der Grischa gespielt hatte wieder zurechtsteckend.

„Ich denke mir Euch auf dem Ball in Lila.“

„Weshalb gerade in Lila?“ lächelte Anna. „Kinder geht jetzt, geht! Hört ihr? Miß Goul ruft euch zum Thee,“ fuhr sie fort, die Kinder von sich losmachend und sie nach dem Speisesalon dirigierend. „Ich weiß übrigens, weshalb Ihr mich zu der Teilnahme am Balle einladet. Ihr versprecht Euch viel von demselben und wünscht, daß jedermann dort und Teilhaber dabei sein möchte.“

„Woher wißt Ihr das? Allerdings.“

„O, wie schön ist doch Euer Alter,“ fuhr Anna fort, „ich entsinne mich noch jenes blauen Nebels, ähnlich dem, der sich über die Berge der Schweiz lagert, jenes Nebels, der alles in dieser glückseligen Zeit überdeckt, da die Kindheit für uns aufgehört hat und aus ihrem grenzenlosen Kreise des Glückes und der Lust ein Weg, enger und enger werdend, in Heiterkeit und Scherz in diese Enfilade hineinführt, obwohl er hell und angenehm erscheint. Wer hätte diesen Weg nicht durchschritten?

Kity lächelte schweigend, „sie hat ihn gewiß zurückgelegt, was gäbe ich nicht darum, könnte ich ihren ganzen Roman in Erfahrung bringen,“ dachte sie und vergegenwärtigte sich dabei das unpoetische Äußere Aleksey Aleksandrowitschs, ihres Gatten.

„Ich bin schon in einigem unterrichtet, Stefan erzählte mir davon; ich gratuliere; er gefällt mir sehr,“ fuhr Anna fort, „ich traf mit Wronskiy auf der Eisenbahn zusammen.“

„Ah; er war dort?“ frug Kity errötend, „was hat Euch Stefan erzählt?“

„Er hat mit mir nur leichthin geplaudert; ich wäre sehr froh gewesen – Gestern bin ich mit der Mutter Wronskiys hierher gereist,“ fuhr sie fort, „und diese hat mir in einem fort von ihm erzählt, er ist ihr Liebling. Ich weiß, wie leidenschaftlich Mütter für ihre Kinder eingenommen sein können, aber“ —

„Was hat Euch denn seine Mutter erzählt?“

„O, viel! Ich weiß wohl, daß er ihr Liebling ist, aber es ist trotzdem auch sichtbar, daß er auch der vollendete Kavalier ist. Nun, zum Beispiel hat sie mir erzählt, daß er sein ganzes Besitztum seinem Bruder überlassen wollte, daß er bereits in seiner Jugend eine ungewöhnliche That vollbracht habe, indem er ein Weib aus dem Wasser errettete. Mit einem Worte, er ist ein Heros,“ sagte Anna lächelnd, und sich dabei der zweihundert Rubel erinnernd, die er auf der Station geschenkt hatte.

Doch von diesen erzählte sie nichts, weil es ihr unangenehm war, an das Vorkommnis zurückzudenken. Sie empfand, daß in der Sache etwas auf sie selbst Weisendes gelegen hatte, etwas, das nicht hätte sein dürfen.

„Sie hat mich lebhaft gebeten, zu ihr zu kommen,“ fuhr Anna fort, „und ich werde mich freuen, die liebe alte Dame wiedersehen zu können. Morgen gedenke ich daher zu ihr zu fahren. Indessen – Gott sei gedankt – Stefan bleibt lange bei Dolly im Kabinett,“ fügte sie alsdann hinzu, das Thema wechselnd und sich erhebend; wie es Kity schien, mochte sie mit irgend etwas unzufrieden sein.

„Nein, ich will zuerst zur Tante! Nein ich! Nein ich!“ schrieen jetzt die Kinder, welche mit Theetrinken fertig waren und wieder zur Tante Anna geeilt kamen.

„Alle zusammen sollen bei mir sein!“ rief diese, ihnen lachend entgegenlaufend und sie umarmend, worauf sie die ganze Schar der sich tummelnden und vor Lust laut hinausschreienden Kinder über den Haufen warf.




21


Zur Theestunde für die Erwachsenen erschien Dolly aus ihrem Zimmer; Stefan Arkadjewitsch kam nicht mit. Er mochte wohl, das Gemach der Gattin verlassend, einen Ausgang nach hinten benutzt haben.

„Ich fürchte, es wird dir oben zu kalt werden,“ wandte sich Dolly zu Anna, „und wünschte recht sehr, dich mehr nach unten zu placieren; wir sind uns dann auch näher.“

„O, meinetwegen beunruhige dich nicht,“ antwortete Anna, in das Gesicht Dollys blickend und sich bemühend aus ihm herauszulesen, ob die Aussöhnung zustande gekommen sei oder nicht.

„Es wird dir hier zu hell sein,“ versetzte die Schwägerin.

„Ich sage dir, daß ich überall schlafen kann und stets wie ein Murmeltier schnarche.“

„Wovon sprecht ihr denn?“ frug Stefan Arkadjewitsch, aus dem Kabinett hereintretend und sich an seine Frau wendend.

An seinem Tone erkannten Anna und Kity sofort, daß die Aussöhnung zustande gekommen war.

„Ich will Anna tiefer einlogieren, es müssen aber die Gardinen anders gesteckt werden. Niemand versteht dies jedoch richtig zu machen, ich muß es daher selbst thun,“ antwortete Dolly, sich an ihren Gatten wendend.

„Wer weiß ob die schon vollkommen ausgesöhnt sind,“ dachte Anna, als sie den kalten ruhigen Ton der Stimme Dollys vernahm.

„O, es ist genug so, Dolly, mach dir nicht zu viel Umstände,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, „wenn du aber willst, so werde ich selbst alles thun.“

„Aha, es muß wohl so sein; sie sind versöhnt,“ dachte Anna.

„Ich weiß schon, wie du alles thust,“ erwiderte Dolly, „du sagst dem Mattwey, er möge thun, was sich gar nicht ausführen läßt, fährst dann fort von hier und er bringt alles durcheinander;“ das gewohnte spöttische Lächeln verzog die Mundwinkel Dollys bei diesen Worten.

„Die Versöhnung ist vollständig, vollständig,“ dachte Anna, „Gott sei gedankt!“ und in der Freude darüber, daß sie die Ursache derselben war, trat sie zu Dolly hin und küßte dieselbe.

„Es ist ganz und gar kein Grund vorhanden, wegen dessen du mich und den Mattwey so über die Achsel ansehen könntest,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, mit kaum merkbarem Lächeln sich zu seinem Weibe wendend.

Den ganzen Abend hindurch war Dolly, wie stets, ein wenig zu einem gewissen leichten Spotte gegen ihren Gatten gestimmt, doch dieser selbst befand sich in sehr zufriedener und heiterer Stimmung, gleichwohl aber nicht so weit, daß er damit gezeigt hätte, er habe nach erlangter Verzeihung seinen Fehltritt schon vergessen.

Um halb zehn Uhr abends wurde jedoch die ausnehmend lustige und angenehme Unterhaltung im Familienkreis beim Theetisch der Oblonskiy durch ein dem Anschein nach höchst harmloses Ereignis plötzlich gestört; dieses harmlose Ereignis erschien indessen allen aus einem unbekannten Grunde seltsam.

Als man von den allgemeinen Petersburger Verhältnissen sprach, stand Anna Karenina plötzlich schnell auf.

„Sie befindet sich in meinem Album,“ sagte sie, „und ich werde sogleich auch meinen Sergey zeigen,“ fügte sie mit dem stolzen Lächeln der Mutter hinzu.

Um die zehnte Stunde, wo sie für gewöhnlich von ihrem Söhnchen Abschied nahm und ihn sogar oft selbst, bevor sie etwa auf einen Ball fuhr, zu Bett brachte, befiel sie Traurigkeit darüber, daß sie jetzt so weit von ihm entfernt sei. Wovon man auch sprechen mochte, sie blieb unzugänglich und ihre Gedanken schweiften fortwährend zu ihrem lockigen Sergey zurück. Jetzt wollte sie wenigstens sein Bildnis betrachten und von ihm reden. Unter dem ersten besten Vorwand der sich bot, erhob sie sich und ging mit ihrem elastischen energischen Gang nach dem Album. Die Treppe nach oben führte auf einen kleinen Vorsaal und ging dann als geheizte Zwischentreppe nach ihrem Zimmer.

Gerade zur Zeit, als sie den Salon verließ, wurde im Vorzimmer die Glocke laut.

„Wer mag das sein?“ frug Dolly. „Nach mir wäre es noch zu zeitig, es wird erst später jemand kommen,“ setzte sie bemerkend hinzu.

„Wahrscheinlich ist es ein Beamter mit Akten,“ meinte Stefan Arkadjewitsch. Als Anna an der Treppe vorüberschritt, kam soeben der Diener herauf, um den Ankömmling zu melden; dieser selbst stand aber bereits bei der Hauslampe.

Anna erkannte sofort beim Hinabschauen Wronskiy, und ein seltsames Gefühl der Freude gemischt mit dem des Schmerzes regte sich plötzlich in ihrem Herzen.

Er stand, ohne den Überrock abzulegen und zog etwas aus der Tasche. In diesem Augenblick, als sie soeben die Mitteltreppe erreicht hatte, hob er die Augen, erkannte sie und auf seinen Zügen malte sich ein Ausdruck von Verlegenheit und Erschrecken.

Sie ging, das Haupt leicht geneigt weiter; hinter sich aber vernahm sie die laute Stimme Stefan Arkadjewitschs, der Wronskiy bat, einzutreten, und die halblaute, geschmeidige und ruhige Stimme Wronskiys, welcher ablehnte.

Als Anna mit dem Album zurückkam, war er schon wieder gegangen, und Stefan Arkadjewitsch erzählte, er sei gekommen, um sich bezüglich eines Diners zu erkundigen, welches am folgenden Tage einer anreisenden Standesperson gegeben werden sollte.

„Er wollte um keinen Preis eintreten, und ist überhaupt ein wenig Sonderling,“ äußerte Stefan Arkadjewitsch.

Kity wurde rot; sie dachte daran, daß sie allein wisse, weshalb er gekommen sei und nicht habe eintreten wollen.

„Er wird bei uns gewesen sein,“ dachte sie, „und, mich daselbst nicht antreffend, vermutet haben, daß ich hier sei. Er wird nicht eingetreten sein weil er zu spät sich erinnert hat, daß auch Anna anwesend ist.“

Man blickte sich gegenseitig an, ohne weiter zu sprechen und beschäftigte sich alsdann mit dem Betrachten des Albums.

Es lag zwar nichts Ungewöhnliches oder Besonderes darin, daß jemand zu seinem Freunde kam um halb zehn Uhr abends, um einige Details über ein geplantes Essen einzuholen, dabei aber nicht in das Zimmer trat; indessen gleichwohl erschien dies allen seltsam, und am meisten von allen seltsam und von übeler Vorbedeutung erschien es Anna Karenina.




22


Der Ball hatte soeben begonnen, als Kity mit ihrer Mutter die große, mit Blumen garnierte und von gepuderten Lakaien in roten Röcken besetzte, lichtüberflutete Treppe betrat. Aus den Sälen ertönte ein beständiges, gedämpftes Geräusch von Bewegungen, gleich dem Summen in einem Bienenstock, und als die beiden auf dem Vorsaale zwischen den Laubbäumen vor einem Spiegel die Frisur und Toilette ordneten, wurden aus dem Saale die behutsamen, aber künstlerischen Töne der Violinen des Orchesters, welches den ersten Walzer intonierte, hörbar. Ein greiser Staatsrat, der seinen eisgrauen Backenbart vor einem anderen Spiegel ordnete und eine Fülle von Wohlgerüchen um sich her verbreitete, traf mit ihnen auf der Treppe zusammen und trat zur Seite, offenbar interessiert von Kity, die ihm noch unbekannt war.

Ein bartloser Jüngling, einer von jenen jungen Lebemännern, die der alte Fürst Schtscherbazkiy Wachteln und Zungendrescher nannte, in einer außerordentlich weit ausgeschnittenen Weste ordnete seine weiße Krawatte und verbeugte sich vor ihnen, kehrte aber dann, vorüberschreitend, wieder um und bat Kity um eine Quadrille.

Die erste Quadrille war schon an Wronskiy vergeben, sie mußte also die zweite dem jungen Mann bewilligen. Auch ein Offizier der sich soeben die Handschuhe zuknöpfte und seitwärts nach der Thür trat, liebäugelte, seinen Schnurrbart streichend mit der rosigen Kity.

Obwohl die Toilette, Frisur und alle übrigen Vorbereitungen zum Balle Kity eine Menge Mühe und Kopfzerbrechen verursacht hatten, so ging sie jetzt in ihrem engsitzenden Tüllkleid mit rosenrotem Überwurf so frei und einfach zu Balle, als ob alle diese Rosetten und Spitzen, alle die Einzelheiten in der Toilette sie und ihrem Dienstpersonal nicht eine Minute von Aufmerksamkeit gekostet hätten, als ob sie in diesem Tüll geboren sei, in diesen Spitzen mit der hohen Frisur, der Rose mit den zwei Blättchen obenauf.

Als die alte Fürstin vor dem Eintritt in den Saal noch an der Tochter ein zurückgeschlagenes Band an der Taille ordnen wollte, wandte sich Kity leicht seitwärts. Sie fühlte, daß alles an ihr gut sein müsse und graziös und daß es nicht nötig sei, noch etwas zu verbessern.

Kity hatte heute einen ihrer sogenannten glücklichen Tage. Das Kleid drückte nirgends, nirgends war eine Spitze am Besatz losgegangen, die Rosetten hatten sich nicht geknittert oder waren gar abgerissen, die rosenroten Schuhchen mit den hohen Absätzen drückten nicht, sondern machten das kleine Füßchen beweglich. Die dichten Büschel der blonden Haare auf dem kleinen Köpfchen hielten sich in bester Ordnung, die Knöpfe an dem hohen Handschuh der ihre Hand umgab ohne deren Form zu verändern, waren alle drei zugeknöpft, keiner war abgesprungen. Ein schwarzsamtnes Medaillonband umschloß recht zart den Hals. Dieses Samtband war reizend; und als Kity daheim in dem Spiegel auf ihren Hals geblickt hatte, war es ihr vorgekommen, als ob dieser Sammet spräche.

In allem anderen konnte ein Zweifel herrschen, aber der Sammet war wunderschön.

Kity lächelte auch hier, auf dem Balle, als sie auf ihn im Spiegel schaute. Auf ihren entblößten Schultern und Armen empfand Kity ein Gefühl marmorner Kälte, ein Gefühl, welches sie besonders liebte.

Ihr Auge blitzte und die roten Lippen konnten nicht umhin, zu lächeln im Bewußtsein ihrer verführerischen Schönheit.

Sie war noch nicht in den Saal getreten zu der tüllbandspitzen- und blumenbesetzten Schar der Damen, welche der Engagements zum Tanze harrten – Kity hatte nie in diesem Kreis gegolten – als man sie schon zum Walzer engagierte; und gerade der beste Kavalier war es, der sie engagiert hatte, der erste Kavalier in der Ballkohorte, der berühmte Maître de bal und Ceremonienmeister, verheiratet aber hübsch und eine stattliche Erscheinung, Jegoruschka Korsunskiy.

Er hatte soeben die Gräfin Banina verlassen, mit welcher er die erste Walzertour getanzt hatte, als er, sein Reich überblickend, das heißt einige der tanzenden Paare, die eintretende Kity gewahrte, zu ihr hineilte mit jenem eigentümlichen, nur den Balldirigenten charakteristischen zwanglosen Pasgang, und sich verneigend, ohne zu fragen ob sie dies wünsche, die Hand erhob, um die zarte Taille zu umfangen.

Sie blickte um sich, wem sie ihren Fächer übergeben könne und lächelnd nahm die Dame des Hauses ihn in Empfang.

„Wie herrlich, daß Ihr rechtzeitig gekommen seid,“ sagte er zu ihr, ihre Taille umfangend, „was ist das auch für eine Manier, dieses so späte Erscheinen.“

Sie legte, sich vorbeugend, die Linke auf seine Schulter und die kleinen Füßchen in den rosenroten Schuhen begannen sich schnell, leicht und im Takt zu bewegen nach der Musik, auf dem glatten Parkett.

„Man ruht förmlich aus, mit Euch im Walzer,“ sagte er zu Kity nach den ersten langsamen Pas des Walzers.

„Reizend, welche Leichtigkeit – Präcision – ,“ sagte er zu ihr; es war das Nämliche, was er fast allen guten Bekannten zu sagen pflegte.

Sie lächelte bei seinem Lobe und schaute dabei über seine Schulter in den Saal.

Kity war hier keine erst Neuauftretende, auf welcher bei einem Balle aller Augen ruhen wie auf einer Zaubererscheinung; sie war auch keine Dame, die alle Bälle ausgekostet hatte, alle Gesichter auf denselben so kannte, daß sie von ihnen gelangweilt wurde, sondern stand in der Mitte von beidem.

In der linken Ecke des Saales gewahrte sie die Creme der Gesellschaft gruppiert. Da war die bis zur Unmöglichkeit dekolletierte Schönheit Liddy, die Frau Korsunskiys, da war die Herrin des Hauses, da glänzte mit seiner Platte Kriwin, der stets dort war, wo sich die Creme der Gesellschaft befand. Hierher wagten die jungen Männer nur zu schauen, nicht zu kommen; hier fand sie mit ihren Augen Stefan und dann erblickte sie die reizende Gestalt und das Köpfchen Annas in schwarzsamtnem Kleid.

Auch er war dort.

Kity hatte ihn nicht gesehen seit jenem Abend, da sie Lewin ihre Absage gegeben hatte. Mit ihren scharfblickenden Augen hatte sie ihn sogleich erkannt, und sogar bemerkt, daß er auch nach ihr schaue.

„Nun wie wäre es, noch eine Tour? Oder seid Ihr ermüdet?“ frug Korsunskiy leicht schnaufend.

„Nein; ich danke.“

„Wohin darf ich Euch führen?“

„Die Karenina ist dort, scheint es; führt mich zu ihr!“

„Wohin Ihr befehlt.“

Korsunskiy walzte, den Schritt mäßigend, gerade auf den Trupp in der linken Ecke des Saales zu, indem er wiederholt ausrief: „Pardon, mes dames, pardon, pardon, mes dames“! und lavierte zwischen dem Meer von Spitzen, Tüll und Bändern hindurch, ohne auch nur an der kleinsten Kante hängen zu bleiben. Er wendete seine Dame so kurz, daß deren zarte Füßchen in den roten Strümpfen à jour zum Vorschein kamen und sich ihre Schleife löste, wie ein Fächer ausgebreitet, gerade die Kniee des alten Kriwin bedeckend. Korsunskiy verbeugte sich, richtete seine ausgeschnittene Brust steif empor und gab seiner Dame die Hand, um sie zu Anna Arkadjewna zu führen.

Kity war errötet, sie nahm die Schleife von den Knieen Kriwins und suchte dann, etwas schwindlig geworden, Anna.

Diese war nicht im Lilakleid, wie es Kity so sehr gewünscht hatte, sondern in einem schwarzen, niedrig ausgeschnittenen Sammetkleid, welches ihre plastischen wie altes Elfenbein schimmernden, vollen Schultern und die Büste sehen ließ, sowie die runden Arme mit den zarten feinen Gelenken.

Das ganze Kleid war mit venetianischer Guipure besetzt. Auf dem Kopfe in ihrem schwarzen Haar das nur ihr eigenes war, befand sich eine kleine Ranke von Stiefmütterchen und eine zweite eben solche auf dem schwarzen Bande des Gürtels zwischen weißen Spitzen.

Ihre Frisur war wenig auffallend; bemerklich waren nur jene kecken kurzen krausen Löckchen die sie so schön machten und sich stets auf ihrem Nacken und an den Schläfen hervordrängten. Auf ihrem runden kräftigen Halse ruhte eine Perlenschnur.

Kity hatte Anna täglich gesehen, sie war verliebt in sie und stellte sie sich unfehlbar nur in Lila vor. Als sie jetzt aber Anna in Schwarz erblickte, empfand sie, daß sie deren ganze Schönheit noch nicht erkannt hatte.

Jetzt erst sah sie sie als eine ihr völlig neue, unerwartete Erscheinung, jetzt erst erkannte sie, daß Anna nicht in Lila gehen konnte, daß ihr Reiz hauptsächlich darin bestehe, daß sie stets persönlich aus der Toilette heraustrete und diese selbst nie an ihr sichtbar sein dürfe.

In der That war das schwarze Kleid mit den kostbaren Spitzen nicht sichtbar vor ihr selbst; es bildete nur den Rahmen und man sah sie allein, einfach, natürlich, schön und doch zugleich heiter und lebhaft.

Sie stand wie immer, sich sehr aufrecht haltend, und sprach gerade als Kity zu dem Trupp herantrat, mit dem Herrn des Hauses, leicht das Haupt zu diesem hinwendend.

„Nein, ich werfe keinen Stein,“ antwortete sie diesem soeben, – „obwohl ich es nicht verstehe,“ fuhr sie fort, die Schultern ziehend und sich alsdann sogleich zu Kity wendend mit einem zärtlichen Lächeln von Gönnerschaft. Mit flüchtigem Weiberblick ihre Toilette musternd, machte ihr Haupt eine kaum bemerkbare, aber für Kity verständliche, ihre Erscheinung und Schönheit billigende Kopfbewegung.

„Seid Ihr nicht tanzend schon in den Saal gekommen?“ sagte sie.

„Sie ist eine meiner treuesten Helferinnen,“ meinte Korsunskiy, Anna Arkadjewna begrüßend, die er früher noch nie gesehen hatte. „Die junge Fürstin hilft stets den Ball heiter und schön zu gestalten. Anna Arkadjewna, eine Tour Walzer?“ fügte er hinzu, sich verneigend.

„Ihr kennt euch schon?“ frug der Hausherr.

„Mit wem wäre ich nicht bekannt? Ich und mein Weib wir sind wie weiße Wölfe; alle kennen uns,“ versetzte Korsunskiy. „Also eine Tour Walzer, Anna Arkadjewna!“

„Ich tanze nicht, wenn man es umgehen kann, zu tanzen,“ antwortete diese.

„Aber heute läßt es sich eben nicht umgehen!“ lachte Korsunskiy.

In diesem Augenblick trat Wronskiy herzu.

„Nun, wenn es also unmöglich ist, heute nicht zu tanzen, wohlan denn,“ sagte sie, ohne Wronskiys Gruß zu bemerken und schnell die Hand auf Korsunskiys Schulter legend.

„Weshalb ist sie wohl ungehalten auf ihn?“ dachte Kity, als sie bemerkte, wie Anna absichtlich der Verbeugung Wronskiys nicht dankte.

Dieser begab sich zu Kity und erinnerte sie an ihre erste Quadrille unter dem Bedauern, daß er so lange Zeit nicht das Vergnügen gehabt, sie zu sehen.

Kity blickte lächelnd nach der tanzenden Anna Karenina und lauschte dabei Wronskiys Worten.

Sie hatte erwartet, daß er sie zum Walzer engagieren werde, aber er that es nicht, und sie blickte ihn deshalb verwundert an. Er errötete und engagierte sie sogleich, aber kaum hatte er ihre zarte Taille umfaßt, als die Musik plötzlich abbrach.

Kity blickte ihm ins Gesicht, das ihr jetzt so nahe war, und noch lange nachher, mehrere Jahre darauf, schnitt ihr dieser Blick, voll von Liebe, mit dem sie ihn damals angeschaut, und auf den er ihr nicht antwortete, mit quälender Beschämung in ihr Herz.

„Pardon, Pardon, Walzer, Walzer!“ rief Korsunskiy vom anderen Ende des Saales her und die erste, ihm begegnende Dame ergreifend, begann er zu tanzen.




23


Wronskiy tanzte mit Kity mehrere Touren. Nach Beendigung des Walzers ging diese zu ihrer Mutter und kaum hatte sie einige Worte mit der Gräfin Nordstone gewechselt, als Wronskiy ihr schon folgte, um für die erste Quadrille zu bitten.

Während der Dauer dieses Tanzes wurde kein Gespräch von Bedeutung gepflogen, die Unterhaltung drehte sich fast ununterbrochen bald um die Korsunskiy, Mann und Frau, die er sehr ergötzlich zu schildern wußte, als gutmütige vierzigjährige Kinder, bald um ein projektiertes Gesellschaftstheater und nur einmal wurde ihr die Unterhaltung empfindlich, als er bezüglich Lewins frug, ob dieser noch anwesend sei und hinzufügte, derselbe habe ihm sehr gefallen.

Kity hatte sich indessen auch nicht viel von der Quadrille versprochen; sie sehnte sich vielmehr mit ganzem Herzen nach der Mazurka und in dieser, meinte sie, müsse sich alles entscheiden.

Daß er sie während der Quadrille nicht für die Mazurka engagiert hatte, beunruhigte sie nicht, denn sie war überzeugt, sie würde dieselbe ebenso mit ihm tanzen, wie auf den früheren Bällen, und schlug mindestens fünf Herren den Tanz aus unter dem Vorgeben, sie tanze ihn schon.

Der ganze Ball bis zu der letzten Quadrille war für Kity ein zauberhaftes Traumgesicht anmutiger Farben, Töne und Bewegungen. Sie tanzte nur dann nicht, wenn sie zu sehr ermüdet war, und um Erholung bat. Als sie jedoch die letzte Quadrille mit einem langweiligen jungen Manne tanzte, dem sie nicht hatte absagen können, bildete ihr vis-a-vis Wronskiy mit Anna Karenina.

Sie hatte Anna nicht wiedergesehen seit deren Erscheinen hier und jetzt zeigte sich diese wieder völlig anders und unerwartet. Sie entdeckte in ihr, die ihr selbst so gut bekannt war, den Zug der Eitelkeit auf Erfolge. Sie sah, wie Anna trunken war von dem Wein des durch sie erweckten Festrausches.

Sie kannte dieses Gefühl und kannte seine Merkmale: sie gewahrte diese Merkmale an Anna; sie sah den bebenden, lohenden Glanz in deren Augen, das Lächeln der Seligkeit und Verzückung, das unwillkürlich ihre Lippen kräuselte, die sichere Grazie, Wahrheit und Eleganz ihrer Bewegungen.

„Wer lebt in ihr?“ frug sie sich selbst. „Sind es alle, oder ist es einer?“ Und ohne ihrem jungen Tänzer beizustehen, der sich abquälte in der Unterhaltung während des Tanzes, den Faden, den er verloren, wiederzufinden, sich äußerlich aber den lustig schallenden Kommandos Korsunskiys unterordnend, der bald alles in grand rond oder in chaine verwandeln ließ, beobachtete sie, und ihr Herz wurde ihr schwerer und schwerer.

„Nein, das ist nicht die Verehrung des Haufens, welche sie trunken gemacht hat, das ist die Verzückung über einen Einzelnen. Und dieser Eine, wer war es? Sollte Er selbst es sein?“

Jedesmal, wenn er mit ihr sprach, glänzte ein freudiges Funkeln auf in ihren Augen, kräuselte ein Lächeln des Glückes ihre roten Lippen.

Sie schien sich zu bemühen, ihrerseits diese Kennzeichen der Freude nicht hervortreten zu lassen, aber sie erschienen von selbst auf ihrem Gesicht. Und wie verhielt er sich dazu?

Kity blickte nach ihm hin und erschrak. Das, was ihr so klar auf dem Spiegel des Gesichts Annas erschienen war, das gewahrte sie jetzt auch auf seinen Zügen. Wohin war seine stets ruhige, feste Haltung, der unbewegt stoische Ausdruck seines Gesichts gelangt? Nein, jetzt, jedesmal, wenn er mit ihr sprach, nickte ihr sein Haupt leise zu, als wünsche es zu fallen vor ihr, und in seinem Blick lag ein Ausdruck der Ergebenheit und zugleich der Besorgnis „ich will dich nicht kränken“, es war, als spräche sein Blick stets „aber retten möchte ich mich vor dir, ohne daß ich weiß, wie“.

Auf seinen Zügen lag ein Ausdruck, wie sie ihn noch niemals zuvor an ihm wahrgenommen hatte.

Sie sprachen beide von gemeinsamen Bekannten, führten die denkbar langweiligste Unterhaltung, und dennoch schien es Kity, als wenn jedes Wort, das von ihnen gesprochen wurde, nicht nur ihr Schicksal besiegelte, sondern auch das jener beiden.

Seltsam, daß, obwohl sie in der That nur davon sprachen, wie lächerlich Iwan Iwanowitsch mit seinem Französischen sei, oder daß man für die kleine Helene eine bessere Partie suchen müsse, ihre Worte dennoch für sie selbst eine gewisse Bedeutung hatten, und sie dies ganz ebenso fühlten wie Kity.

Der ganze Ball, die ganze Umgebung, alles hüllte sich in Nebel in der Seele Kitys, und nur die strenge Schule der Erziehung die sie durchlaufen hatte, erhielt sie aufrecht und ließ sie das thun, was man von ihr forderte, das heißt, tanzen, auf Fragen antworten, reden, ja selbst lächeln.

Vor dem Beginn der Mazurka indessen, als man schon anfing die Stühle zu stellen und einige Paare sich aus den kleinen Räumen nach dem großen Saale bewegten, überkam Kity ein Augenblick der Verzweiflung und des Schreckens.

Sie hatte fünf Tänzern abgesagt und sollte jetzt die Mazurka gar nicht tanzen. Es war auch keine Hoffnung mehr, daß man sie noch engagierte, weil sie einen allzugroßen Erfolg in der Gesellschaft davongetragen hatte, und deshalb niemand in den Kopf kommen konnte, daß sie bis jetzt noch nicht engagiert sei. Man mußte also Mama sagen, daß man sich unwohl fühle und nach Haus fahren, dazu aber mangelte ihr die Kraft, sie fühlte sich gebrochen.

Sie begab sich nach der Stille eines kleinen Nebenraumes und sank hier in einen Lehnsessel. Der luftige Rock des Kleides hob sich wie eine Wolke um ihre zarte Taille; die eine unbekleidete, schmächtige und zarte Mädchenhand kraftlos herabgesunken, verschwand in den Falten der rosenfarbenen Tunika, in der anderen Hand hielt sie den Fächer und fächelte sich mit schnellen heftigen Bewegungen das glühende Antlitz.

Aber mochte sie auch dem Schmetterling gleichen, der sich soeben im Grase niederließ und im Begriff ist, die Flügel wieder zu recken und weiterzuflattern – eine furchtbare Verzweiflung lastete ihr auf dem Herzen.

„Aber vielleicht kann ich mich noch irren, vielleicht verhält es sich gar nicht so,“ dachte sie und stellte sich nochmals alles im Geiste vor, was sie gesehen hatte.

„Aber Kity, was ist denn das?“ frug die Gräfin Nordstone, die unhörbar auf dem Teppich zu ihr herangetreten war. „Ich verstehe das nicht!“

Kitys Unterlippe begann zu zucken; das Mädchen erhob sich schnell.

„Kity, tanzest du die Mazurka nicht?“

„Nein, nein,“ antwortete Kity mit einer Stimme, in welcher Thränen zitterten.

„Er hatte sie in meiner Gegenwart um die Mazurka gebeten,“ sagte die Gräfin Nordstone, in der Annahme, Kity werde wohl verstehen, wer Er und Sie sei. „Sie hat aber geantwortet, ob er denn nicht mit der jungen Fürstin Schtscherbazkaja die Mazurka tanzte!“

„O, mir ist alles gleichgültig,“ versetzte Kity.

Niemand als sie selbst verstand ihre Lage, niemand wußte, daß sie gestern einen Mann den sie vielleicht liebte, von sich gewiesen, weil sie einem anderen vertraut hatte.

Die Gräfin Nordstone fand Korsunskiy mit dem sie eine Mazurka getanzt hatte und befahl ihm Kity zu engagieren.

Kity tanzte im ersten Paar und zu ihrem Glück brauchte sie hier nicht zu reden, da Korsunskiy die ganze Zeit über hin- und herlief und von seiner Eigenschaft als Herr des Balles Gebrauch machte. Wronskiy und Anna befanden sich ihr ziemlich gegenüber.

Sie beobachtete beide mit ihren scharfen Augen, sah sie nahe zusammen als sie Paare bildeten und je länger sie sie beobachtete, umsomehr überzeugte sie sich, daß ihr Unglück vollkommen sei.

Sie sah, wie jene beiden sich völlig allein fühlten inmitten des überfüllten Saales und auf dem Gesicht Wronskiys, welches stets so fest und unabhängig erschien, gewahrte sie jenen sie verwirrenden Ausdruck der Selbstverlorenheit und Ergebung, welcher eher dem Gesichtsausdruck eines klugen Hundes ähnlich war, der sich einer bösen That bewußt ist.

Anna lächelte und ihr Lächeln pflanzte sich auf ihn über. Sie wurde nachdenklich, da wurde er ernst. Eine fast übernatürliche Kraft hielt Kitys Augen auf das Gesicht Annas gerichtet.

Diese war verführerisch in ihrem einfachen, schwarzen Kleid; verführerisch waren ihre vollen Arme mit den Bracelets, reizend der kräftige Hals mit der Perlenschnur, reizend die sich ringelnden Locken der locker gewordenen Frisur, reizend die graziösen, leichten Bewegungen der kleinen Füße und Hände, reizend dieses schöne Gesicht mit seiner Lebhaftigkeit – aber es lag etwas Furchtbares und Hartes in ihrem Reiz. —

Kity beobachtete sie noch mehr als vorher, und im selben Maße stieg ihr Leid. Sie fühlte sich zerschmettert und ihr Gesicht verlieh dem Ausdruck. Als Wronskiy ihrer ansichtig wurde, während der Mazurka mit ihr zusammentreffend, erkannte er sie nicht sogleich – so sehr hatte sie sich verändert.

„Ein reizender Ball!“ sagte er zu ihr, um doch etwas zu sagen.

„Ja,“ versetzte Kity.

Inmitten der Mazurka, bei der Wiederholung einer Figur, die Korsunskiy ganz neu ausgedacht hatte, trat Anna in die Mitte eines Kreises, nahm zwei Kavaliere und rief eine Dame und Kity zu sich.

Kity blickte erschrocken auf sie, und näherte sich. Anna schaute sie mit den Augen blinzelnd an und lächelte, ihr die Hand drückend. Als sie aber bemerkte, daß Kitys Züge ihr nur mit dem Ausdruck der Verzweiflung und des Staunens antworteten, wandte sie sich ab von ihr und unterhielt sich heiter mit der anderen Dame.

„Ja, etwas Fremdes, Dämonisches und zugleich Verführerisches liegt in ihr,“ sagte Kity zu sich selbst.

Anna wollte nicht zum Essen bleiben, allein der Hausherr begann sie zu bitten.

„Genug nun, Anna Arkadjewna,“ sagte Korsunskiy, und nahm ihren entblößten Arm unter den Ärmel seines Frackes; „o welche Idee habe ich für den Cotillon! Un bijou!“ —

Er bewegte sich ein Stück weiter in dem Bestreben, sie mit sich zu ziehen. Der Hausherr lächelte billigend dazu.

„Nein; ich werde nicht bleiben,“ antwortete Anna lächelnd, aber trotz des Lächelns erkannten Korsunskiy wie der Hausherr an dem entschiedenen Tone, mit welchem sie antwortete, daß sie nicht bleiben werde.

„Nein, nein; ich habe in Moskau auf Eurem einen Balle schon mehr getanzt, als ich in Petersburg den ganzen Winter hindurch tanze,“ sagte Anna, auf den neben ihr stehenden Wronskiy blickend. „Ich muß mich vor der Rückreise noch erholen.“

„Fahrt Ihr entschieden morgen schon wieder weg?“ frug Wronskiy.

„Ja, ich denke,“ versetzte Anna, gleichsam wie in Verwunderung über die Verwegenheit seiner Frage; aber der nicht zu dämpfende, bebende Glanz ihrer Augen und ihres Lächelns versengten ihn, als sie dies sprach.

Anna Arkadjewna blieb nicht zum Essen da, sondern fuhr weg.




24


„Ja; etwas ist an mir widerlich, abstoßend,“ dachte Lewin, das Haus der Schtscherbazkiy verlassend und sich zu Fuße nach der Wohnung seines Bruders begebend.

„Ich tauge nicht für meine Mitmenschen; mein Stolz sei daran schuld, sagen sie. Nein; Stolz ist nicht in mir. Wäre es der Fall, dann hätte ich mich nicht in eine solche Situation gebracht.“

Er stellte sich nun Wronskiy vor, den Glücklichen, Guten, Verständigen, den ruhigen Menschen, der wahrscheinlich niemals in einer so furchtbaren Lage gewesen war, in der er selbst sich heute Abend befunden. Ja sie mußte jenen wählen, es mußte so kommen und er hatte sich über niemand und über nichts zu beklagen. Er war selbst schuld. Denn welches Recht besaß er, zu denken, daß sie ihr Leben mit dem seinigen vereinen sollte? Wer war er? Ein gewöhnlicher Mensch den niemand brauchte und der niemand nützlich war.

Er dachte an seinen Bruder Nikolay und mit Freude gab er sich der Erinnerung an ihn hin.

„Hat er nicht recht, daß alles in der Welt schlecht und häßlich ist? Sind wir etwa gerecht gewesen im Urteil über unseren Bruder? Natürlich, vom Standpunkte Prokops, der ihn im zerrissenen Pelze und berauscht gesehen hat, ist er ein Verworfener; aber ich kenne ihn anders; ich kenne seine Seele und weiß, daß wir beide einander ähnlich sind. Und ich, anstatt daß ich gekommen wäre ihn aufzusuchen, bin hierher gekommen, um zu dinieren.“

Lewin trat an eine Laterne, las die Adresse seines Bruders, die er in seiner Brieftasche trug, und rief einen Mietkutscher.

Den ganzen langen Weg zum Bruder Nikolay hin erinnerte er sich nochmals aller Vorkommnisse aus dessen Leben. Er entsann sich, wie sein Bruder auf der Universität und noch ein Jahr nach derselben ungeachtet des Spottes seiner Freunde, wie ein Mönch gelebt hatte, mit Strenge alle Anforderungen des Glaubens erfüllend, des Ritus, der Fasten und alle Vergnügungen meidend, insbesondere den Verkehr mit den Weibern. Dann war er plötzlich umgeschlagen, mit den niedrigsten Geschöpfen in Berührung getreten und hatte sich der zügellosesten Ausschweifung ergeben. Lewin entsann sich ferner eines Ereignisses mit einem Knaben, den Nikolay aus dem Dorfe genommen hatte, um ihn ausbilden zu lassen, den er aber in einem Wutanfall so geschlagen hatte, daß infolge dessen ein Prozeß, unter Anklage zugefügter körperlicher Schädigung begann. Er entsann sich jenes Vorkommnisses mit einem Schüler, an den er Geld verspielt und Wechsel gegeben und welchen er in der Folge diesbezüglich verklagt hatte unter dem Nachweis, daß jener ihn betrogen habe. Es waren dies die Gelder, welche Sergey Iwanowitsch zahlte. Dann dachte er daran, wie Nikolay wegen ungebührlichen Benehmens eine Nacht im Stockhaus untergebracht gewesen, und wie ferner von ihm jener schmähliche Prozeß gegen den Bruder Sergey Iwanowitsch angestrengt worden war, weil ihm dieser nicht seinen Anteil aus dem mütterlichen Erbe ausbezahlt hätte, und schließlich, wie er fortgegangen war, um in einer westlichen Provinz in Dienst zu treten und ihm hier der Prozeß gemacht wurde, weil er den Vorgesetzten geprügelt hatte.

Alles das war unsagbar widerlich, aber Lewin erschien es durchaus nicht so widerlich, wie es denen erscheinen mußte, die Nikolay nicht kannten, von seiner ganzen Lebensgeschichte nichts wußten und nichts von seinem Herzen.

Lewin vergegenwärtigte sich, daß zu jener Zeit, da Nikolay sich der Religiosität, den Fasten, dem Mönchsleben, und dem Dienste der Kirche hingegeben hatte, um in der Religion Hilfe zu suchen und die Zügel für seine leidenschaftliche Natur, niemand ihm beistand, sondern alle nur – ja Lewin selbst mit – über ihn gelacht hatten. Man hatte ihn verspottet, ihn Noah und Mönch genannt. Als er aber dann zusammenbrach, da hatte ihm keiner beigestanden, sondern sie hatten sich alle mit Schrecken und Abscheu von ihm abgewandt.

Lewin fühlte, daß sein Bruder Nikolay in seiner Seele, auf dem Grunde seines Gemütes, trotz aller Ungeschlachtheiten in seinem Leben, nicht schlechter war, als diejenigen, welche ihn verachteten.

Er trug keine Schuld daran, daß er mit so unbezähmbarem Naturell und einem in gewisser Beziehung beengten Horizont geboren war. Er hatte doch stets gestrebt darnach, gut zu sein!

„Ich werde ihm alles sagen, alles will ich ihm sagen lassen und ihm beweisen, daß ich ihn liebe und daher auch verstehe,“ sagte Lewin zu sich selbst, um elf Uhr nachts vor dem auf der Adresse angegebenen Gasthaus vorfahrend.

„Oben, Nr. 12 und 13,“ antwortete der Portier auf seine Frage.

„Ist er daheim?“

„Er muß wohl da sein.“

Die Thür zu Nr. 12 stand halbgeöffnet und aus ihr heraus quoll in einem lichten Streifen der dichte Qualm von schlechtem und schwachem Tabak. Lewin vernahm eine ihm unbekannte Stimme, erkannte aber alsbald, daß sein Bruder anwesend sei, denn er hörte dessen Husten.

Als er eintrat, sprach die unbekannte Stimme gerade:

„Alles hängt davon ab, inwieweit die Sache verständig und mit Überlegung geführt wird.“

Konstantin Lewin schaute in die Thür und gewahrte, daß ein junger Mann in einer ungeheuren haarigen Pelzmütze und Pelzjacke soeben sprach, während auf dem Sofa ein junges pockennarbiges Weib in einem wollenen Kleid ohne Ärmel und Kragen saß. Sein Bruder war nicht sichtbar.

Konstantin drückte es schwer auf das Herz, als er sich vergegenwärtigte, in welcher Umgebung sein Bruder lebe. Niemand hatte ihn vernommen und so streifte er seine Galoschen ab und lauschte auf das, was der Mann in der Pelzjacke sprach. Er perorierte soeben über ein gewisses Unternehmen.

„Ja; der Teufel mag sie holen, diese privilegierten Stände,“ hörte er die Stimme seines Bruders zugleich mit dessen Husten.

„Mascha, bringe uns das Abendbrot, gieb Branntwein wenn noch welcher da ist, sonst schicke darnach.“

Das Weib erhob sich, ging hinter eine Zwischenwand und gewahrte jetzt Konstantin.

„Es ist ein Herr da, Nikolay Dmitritsch,“ sprach sie.

„Zu wem will er?“ antwortete die Stimme Nikolay Dmitritschs gereizt.

„Ich bin es,“ versetzte Konstantin Lewin, in den Lichtkreis tretend.

„Wer ist das, ‚ich‘?“ wiederholte noch rauher die Stimme Nikolays. Man vernahm, wie er schnell aufstand, wobei er an irgend einem Gegenstande hängen blieb. Lewin erblickte nun vor sich in der Thür die wohlbekannte Gestalt des Bruders, die ihn aber jetzt mit ihrer Wildheit und Krankhaftigkeit, hochgewachsen, abgezehrt und zusammengehockt, mit großen, verstörten Augen, in Schrecken versetzte.

Er war noch hagerer geworden als er vor drei Jahren gewesen, wo Konstantin Lewin ihn zum letztenmal gesehen hatte. Seine Hände erschienen jetzt noch abgezehrter, seine Haare waren dünner geworden, aber dieselben starr ragenden Barthaare bedeckten noch seine Lippen, die nämlichen Augen schauten seltsam und groß auf den Eintretenden.

„Ah, mein Kostja!“ rief er diesem plötzlich zu, den Bruder erkennend, und seine Augen strahlten in freudigem Glanze auf; aber in derselben Sekunde schaute er auch auf den jungen Mann und machte dann eine Konstantin nur zu gut bekannte heftige Bewegung mit dem Kopfe und Halse, als wenn ihn das Halstuch drückte.

Ein Ausdruck völliger Wildheit, Krankhaftigkeit und doch Härte lagerte sich auf seinen abgezehrten Zügen.

„Ich habe doch dir und Sergey Iwanowitsch geschrieben, daß ich Euch nicht kenne und nicht kennen will. Was willst du also, was wünschest du!“

Er war also doch ganz anders, als Konstantin ihn sich vorgestellt hatte. Das Fühlbarste und Abstoßendste in seinem Charakter, was den Verkehr mit ihm so schwierig machte, hatte Konstantin Lewin ganz vergessen gehabt, als er des Bruders gedachte; jetzt aber, als er dessen Gesicht wieder erblickte, da fiel ihm – namentlich als er diese krampfhafte Kopfbewegung gewahrte – alles wieder ein.

„Ich komme nicht zu dir, weil ich etwas von dir wünschte,“ antwortete Lewin schüchtern, „ich bin nur gekommen, um dich einmal zu sehen.“

Die Verzagtheit des Bruders stimmte Nikolay sichtlich zugänglicher. Er zuckte die Lippen.

„Ah, dazu kommst du?“ antwortete er, „nun, tritt ein, setze dich. Willst du Abendbrot mit essen? Mascha, bring drei Portionen. Oder nein, halt; weißt du denn, wer das ist?“ wandte er sich an seinen Bruder, auf den Fremden im Halbpelz weisend, „das ist Herr Krizkiy, mein Freund noch von Kieff her, ein sehr interessanter Mensch. Man sucht ihn, verstehst du, seitens der Polizei, weil er kein Niedriger sein will.“

Nach seiner Gewohnheit ließ Nikolay den Blick auf sämtliche im Zimmer befindliche Anwesende herumgleiten. Als er bemerkt hatte, daß das Weib, welches schon an der Thür stand, gehen wollte, rief er ihm zu: „Halt, habe ich gesagt!“

Mit jener Unsicherheit, jener zusammenhanglosen Sprechweise, die Konstantin am Bruder längst kannte, begann er jetzt, wiederum alle der Reihe nach musternd, die Geschichte Krizkiys zu erzählen, und berichtete, wie man diesen von der Universität relegiert habe, weil er einen Verein zur Unterstützung armer Studierender und Sonntagsschulen gegründet hatte; wie er dann Lehrer an der Volksschule geworden, aber auch hier verjagt, endlich aus Gründen dem Gericht in die Hände gefallen sei.

„Ihr waret an der Universität Kieff?“ frug Konstantin Lewin Krizkiy um das nach der Erzählung Nikolays eingetretene peinliche Schweigen zu brechen.

„Ja, dort war ich,“ antwortete Krizkiy verbissen.

„Und das Weib dort,“ fiel diesem Nikolay Lewin in die Rede, auf die Frau weisend, „ist meine Freundin für das Leben, Marja Nikolajewna. Ich habe sie aus einem gewissen Hause genommen,“ er ruckte wieder mit dem Hals als er dies sagte, dann fuhr er fort mit erhobener Stimme und drohender Miene, „aber ich liebe und achte sie, bitte mir aus, daß wer mich kennen will, sie liebt und achtet. Es thut nichts, wer mein Weib ist; ganz gleich. Also du weißt jetzt, mit wem du es zu thun hast, und falls du denkst, du erniedrigst dich hier, so ist dort Gott und meine Schwelle!“

Wiederum liefen seine Augen fragend über alle Anwesenden hin.

„Weshalb sollte ich mich erniedrigen, ich verstehe dich nicht.“

„So laß also, Mascha, das Abendessen bringen; drei Portionen, Wein und Branntwein. Oder nein, halt – Nein – es ist nicht nötig – doch geh, geh!“ —




25


„Sieh einmal,“ fuhr er fort, vor Anstrengung die Stirne runzelnd; es wurde ihm offenbar schwer, sich vorzustellen, was er jetzt eigentlich sagen oder thun solle.

„Siehst du dort“ – er wies in eine Ecke des Gemachs auf einige eiserne Stangen, die zusammengebunden waren. „Siehst du das dort? Dies ist der Anfang eines neuen Werkes, an das wir gehen wollen; es handelt sich um die Errichtung einer produktiven Arbeitergenossenschaft.“

Konstantin hörte kaum etwas. Er sah nur das leidende, abgezehrte Gesicht und es wurde ihm weh und weher zu Mut, so daß er nicht imstande war, dem ein aufmerksames Ohr zu leihen, was sein Bruder ihm von der Arbeitergenossenschaft berichtete.

Er sah, daß diese Genossenschaft nur ein Anker werden sollte zur Errettung vor der Selbstverachtung. Nikolay Lewin sprach weiter:

„Du weißt ja, daß das Kapital den Arbeiter erdrückt. Die Arbeiter, die wir haben, die Bauern, tragen alle Last der Arbeit und sind so gestellt, daß sie, wie viel sie auch immer arbeiten mögen, nicht aus ihrer Stellung als menschliche Tiere herauskommen können.

„All den Gewinn des Arbeiterlohnes, für den sie ihre Lage verbessern, und sich auch eine Ruhezeit gönnen könnten und infolge davon auch eine Bildung – all den Überschuß dieses Ertrags nehmen ihnen die Kapitalisten hinweg. Die Gesellschaft ist jetzt so eingerichtet, daß die Kaufleute, die Gutsherren umsomehr zu genießen haben, je mehr jene arbeiten, und sie werden stets arbeitendes Ackervieh bleiben. Diese Einrichtung aber muß geändert werden,“ – schloß Nikolay und blickte dabei fragend auf den Bruder.

„Natürlich,“ versetzte dieser mit einem Blick auf die Röte, welche auf den hervorstehenden Backenknochen des Bruders erschienen war.

„Wir wollen nämlich eine Schlossergenossenschaft errichten, in welcher alle Erzeugnisse und der Ertrag, sowie die hauptsächlichsten Instrumente zur Arbeit, gemeinsam sein sollen.“

„Und wo soll diese Arbeitergesellschaft ihren Sitz haben?“ frug Konstantin Lewin.

„Im Dorfe Wosdremo, im Gouvernement Kasan.“

„Weshalb denn auf einem Dorfe? Auf den Dörfern, scheint mir, giebt es doch schon genug zu thun. Was soll eine Schlossergesellschaft auf einem Dorfe?“

„Nun, deshalb, weil die Bauern jetzt noch die nämlichen Sklaven sind, die sie von jeher waren; dir und Sergey Iwanowitsch freilich wird es unangenehm sein, daß sie dieser Knechtschaft entrissen werden sollen,“ versetzte Nikolay Lewin, von der Entgegnung aufgebracht.

Konstantin Lewin seufzte, und blickte zu gleicher Zeit in dem düsteren, schmutzigen Raume umher. Sein Seufzer schien Nikolay noch mehr zu erregen.

„Ich kenne deine und Sergey Iwanowitschs aristokratische Anschauungen, und weiß, daß er zumal alle seine Verstandeskräfte dazu anwendet, um die herrschenden Übelstände zu rechtfertigen.“

„O nein, indessen wozu sprichst du von Sergey Iwanowitsch,“ antwortete lächelnd Lewin.

„Sergey Iwanowitsch? Nun dazu!“ rief plötzlich bei der Nennung dieses Namens Nikolay Lewin aus, „ich will dir sagen wozu! Aber was soll ich dir sagen? Es ist immer dasselbe! Warum bist du zu mir gekommen? Du verachtest doch diese Umgebung, also gut denn, und nun geh mit Gott, geh!“ rief er, von seinem Stuhle aufstehend, „geh, geh!“

„Ich verachte gar nichts,“ antwortete Lewin mild, „und ich streite ja gar nicht.“

In diesem Augenblick kehrte Marja Nikolajewna zurück. Nikolay Lewin blickte heftig erregt auf sie und sie trat schnell zu ihm hin und flüsterte ihm etwas zu.

„Ich bin leidend und daher reizbar geworden,“ fuhr er beruhigt und schwer atmend fort, „später aber erzähle mir von Sergey Iwanowitsch und seinem Artikel. Es steht solch ein Unsinn darin, so viel Lüge, so viel Selbsttäuschung! Was kann er schreiben von der Gerechtigkeit der Menschheit! Er, der diese gar nicht kennt! Habt Ihr den Aufsatz gelesen?“ wandte er sich an Krizkiy, indem er sich an dem Tische niederließ und bis auf die Hälfte desselben die darauf verstreut umherliegenden Cigaretten wegschob, um Platz zu bekommen.

„Ich habe ihn nicht gelesen,“ antwortete Krizkiy finster, augenscheinlich keine Lust verspürend, in das Thema mit einzugreifen.

„Weshalb denn nicht?“ wandte sich Nikolay Lewin jetzt gereizt an Krizkiy.

„Weil ich nicht für nötig halte, damit Zeit zu verlieren.“

„Das heißt bitte sehr, woher wißt Ihr denn, daß Ihr damit nur Zeit verliert? Vielen freilich ist der Artikel gar nicht zugänglich; er ist ihnen zu hoch geschrieben. Ich aber – bei mir ist es etwas anderes – ich lese alle seine Ideen heraus und weiß, wo die Schwächen liegen.“

Alle schwiegen. Krizkiy erhob sich langsam und griff nach seinem Hute.

„Wollt Ihr nicht mit zu Abend essen? Nun, lebt wohl, also morgen mit dem Schlosser!“ —

Kaum war Krizkiy gegangen, als Nikolay Lewin zu lächeln begann und mit den Augen zwinkerte.

„Auch schlecht,“ sagte er, „ich sehe schon“ —

In diesem Augenblick rief Krizkiy von der Thür her nochmals nach Nikolay.

„Was willst du noch?“ antwortete dieser und folgte Krizkiy mit auf den Korridor hinaus. Lewin, mit Marja Nikolajewna allein zurückbleibend wandte sich an diese:

„Lebt Ihr schon lange bei meinem Bruder?“ frug er sie.

„Es geht jetzt in das zweite Jahr. Seine Gesundheit ist sehr schwach geworden, er trinkt wohl zu viel,“ antwortete sie.

„Was trinkt er denn?“

„Branntwein, und der ist ihm sehr schädlich.“

„Soviel trinkt er davon?“ flüsterte Lewin.

„Ja,“ antwortete Marja, schüchtern nach der Thüre schauend, in welcher jetzt Nikolay Lewin wieder erschien.

„Wovon habt Ihr gesprochen?“ frug er stirnrunzelnd und den verstörten Blick von einem auf den andern schweifen lassend. „Wovon?“ wiederholte er.

„Von nichts Wichtigem,“ versetzte Konstantin in einiger Verlegenheit.

„Ihr wollt nur nicht sprechen so wie Ihr möchtet. Übrigens hast du gar nichts mit ihr zu reden. Sie ist eine Magd und du bist ein Herr,“ fuhr er fort, wiederum mit dem Halse ruckend. „Du hast alles verstanden und weißt alles zu würdigen, das sehe ich wohl, und du stellst dich auf den Standpunkt des Mitleids meinen Irrungen gegenüber,“ sagte er darauf, seine Stimme erhebend.

„Nikolay Dmitritsch, Nikolay Dmitritsch,“ flüsterte abermals Marja Nikolajewna, an ihn herantretend.

„Gut, schon gut. Aber was wird mit unserem Abendessen? Da kommt er ja schon,“ sagte Nikolay, den Diener gewahrend, welcher mit dem Servierbrett hereintrat.

„Hierher, setze hierher,“ rief er heftig und ergriff sogleich den Branntwein, füllte ein Glas und leerte es gierig. „Trink, willst du nicht?“ wandte er sich dann an seinen Bruder, gleichsam neu auflebend. „Nun laß uns von Sergey Iwanowitsch sprechen. Ich sehe dich doch gern bei mir. Was du auch dort sprechen mögest, wir beide sind uns nicht so ganz entfremdet. Also trink und erzähle mir, was du machst,“ fuhr er fort, gierig ein Stück Brot mit den Zähnen zermalmend und ein zweites Glas Branntwein darauf einschenkend. „Wie befindest du dich?“

„Einsam auf meinem Dorfe, wie ich schon früher lebte; ich beschäftige mich mit meinem Gutswesen,“ antwortete Konstantin, mit Schrecken auf die Gier blickend, mit welcher sein Bruder aß und trank. Er bemühte sich indessen, seine Aufmerksamkeit nicht zu Tage treten zu lassen.

„Weshalb heiratest du denn nicht?“

„Es ist noch nicht dazu gekommen,“ antwortete Konstantin errötend.

„Warum nicht? Mit mir – ist es vorbei. Ich habe mein Leben verdorben. Das Eine habe ich schon früher gesagt und werde ich stets behaupten; hätte man mir damals mein Erbteil gegeben, als ich es brauchte, dann würde mein ganzes Leben ein anderes geworden sein.“

Konstantin beeilte sich, der Unterhaltung eine neue Richtung zu geben.

„Weißt du schon, daß dein Wanjuschka bei mir in Pokrowsko auf dem Kontor ist?“ sagte er.

Nikolay reckte seinen Hals und versank in Nachdenken.

„Ja, sage mir doch, wie geht es in Pokrowsko? Steht unser Haus noch, was machen die Birken und die Felder? Lebt der Gärtner Philipp noch? Ich besinne mich noch auf die Laube und das Sofa darin! Sieh nur zu, daß nichts im Hause verändert wird, aber – heirate möglichst bald und führe alles wieder so ein wie es vordem gewesen ist. Dann werde ich auch zu dir kommen wenn dein Weib gut ist.“

„Komm doch jetzt zu mir,“ antwortete Lewin, „wir könnten es uns so bequem machen!“

„Ich würde wohl zu dir kommen, wenn ich wüßte, daß ich Sergey Iwanowitsch nicht bei dir fände.“

„Du wirst ihn nicht treffen. Ich lebe vollständig unabhängig von ihm.“

„Ja, aber was du auch sagen mögest, du müßtest doch wählen zwischen ihm und mir,“ beharrte Nikolay, dem Bruder schüchtern in die Augen blickend.

Die Zaghaftigkeit rührte Konstantin.

„Wenn du ein offenes Bekenntnis von mir haben willst in dieser Beziehung, so werde ich dir sagen, daß ich in euerem Zwist mit Sergey Iwanowitsch weder deine, noch die andere Partei ergriffen habe. Ihr befindet euch beide im Unrecht; du hattest dies mehr der äußeren Form nach, er mehr nach dem inneren Gehalt der Sache.“

„Ah! Du hast es erkannt, du hast es erkannt?“ rief freudig erregt Nikolay aus.

„Ich persönlich aber, wenn du auch das wissen willst, ziehe mir die Freundschaft mit dir vor, denn“ —

„Denn, denn?“ —

Konstantin vermochte nicht zu sagen, daß er den Bruder deswegen lieber habe, weil derselbe unglücklich war und ihm Freundschaft nötig sei. Aber Nikolay verstand selbst, daß er eben dies sagen wollte, und widmete sich unter Stirnrunzeln wieder der Flasche.

„Es ist genug jetzt, Nikolay Dmitritsch,“ sagte Marja Nikolajewna, die fleischige Hand nach der Flasche ausstreckend.

„Laß los! Laß mich gehen, oder – ich schlage dich!“ rief er.

Marja Nikolajewna lächelte mit sanftem, gutmütigem Ausdruck, der sich auch Nikolay selbst bald mitteilte, und nahm ihm den Branntwein weg.

„Du denkst wohl, die hier versteht nichts?“ sagte er, „sie versteht alles das besser, als wir alle. Nichtwahr, es liegt etwas Gutes, Liebes in ihr?“

„Ihr waret früher wohl nicht in Moskau?“ wandte sich Lewin an sie, um ihr einige Worte zu sagen.

„Sprich sie nicht mit ‚Ihr‘ an, sie fürchtet sich davor. Seit der Zeit, da sie verurteilt wurde, weil sie das Haus des Lasters verlassen wollte, hat sie mit Ausnahme des Friedensrichters niemand wieder mit ‚Ihr‘ angeredet. Mein Gott, was ist das für ein Unsinn in der Welt!“ rief er plötzlich aus. „Diese neuen Einrichtungen, diese Friedensrichter, diese Semstwos, was ist das alles für Unsinn!“

Er begann hierauf alles was er gegen die neuen Institutionen auf dem Herzen hatte, herunterzusprechen.

Konstantin Lewin hörte ihn an; aber die Negierung jedes höheren Sinnes in allen gesellschaftlichen Institutionen, welche er ja mit ihm teilte und oft ausgesprochen hatte, war ihm jetzt unangenehm im Munde des Bruders.

„In jener Welt werden wir alles Ersehnte haben,“ sagte er im Scherz.

„In jener Welt? O, ich liebe diese nicht. Ich liebe sie nicht,“ wiederholte er, das verstörte, wilde Auge auf seinem Bruder ruhen lassend. Es ist ja freilich wahr, daß es, wenn man all den Greuel und Wirrwarr, den fremden sowohl wie seinen eigenen, verlassen könnte, recht gut sein würde, aber ich fürchte den Tod, ich fürchte mich entsetzlich vor dem Sterben!“ Er schauerte zusammen. „Trinke doch etwas. Willst du lieber Champagner? Oder wollen wir ein wenig ausfahren? Zu den Zigeunern! Weißt du, ich liebe gar zu sehr die Zigeuner und die russischen Lieder!“

Seine Zunge begann zu stocken, und er sprang von einem Thema auf das andere über. Konstantin sowohl wie Marja vermochte ihn nur mit Mühe zu überreden, daß er nicht ausfuhr und beide brachten alsdann den völlig Berauschten zur Ruhe.

Marja versprach Konstantin, im Falle der Not zu schreiben und Nikolay auch bewegen zu wollen, daß er zu dem Bruder käme, um bei diesem zu leben.




26


Am anderen Morgen verließ Konstantin Lewin Moskau, am Abend des nämlichen Tages langte er zu Hause an.

Unterwegs, im Waggon, unterhielt er sich mit den Mitreisenden über Politik, über die neuen Eisenbahnen, aber wie in Moskau, so übermannte ihn auch hier eine Verworrenheit im klaren Denken, eine Unzufriedenheit mit sich selbst, ein Schamgefühl vor einem unbestimmten Etwas.

Als er indessen auf seiner Ankunftsstation ausgestiegen war und seinen alten krummen Kutscher Ignaz mit dem aufgeschlagenen Kaftankragen gewahrte, als er in dem matten Lichtschein, der durch die Fenster des Stationsgebäudes fiel, seinen mit Teppichen bedeckten Schlitten sah, seine Pferde mit den gestutzten Schweifen in dem Geschirr mit Ringen und Fransen, als ihm sein Kutscher beim Zurechtsetzen im Schlitten schon die Dorfneuigkeiten mitzuteilen begann, von der Ankunft eines Aufkäufers und davon, daß die Kuh Pawa gekalbt habe – da empfand er, daß sich seine Verworrenheit etwas aufklärte, daß das Schamgefühl und die innere Unzufriedenheit mit sich selbst wichen.

Schon beim Anblick seines Ignaz und seiner Pferde fühlte er dies, als er aber erst den ihm gereichten Schafpelz umgethan hatte und sich in denselben eingehüllt zurechtsetzte und abfuhr, sich überlegend, welche Geschäfte jetzt der Erledigung durch ihn im Dorfe harrten, und als er nach seinem donischen Beipferd schaute, welches früher sein Reitpferd gewesen war, ein braves Tier, das aber Schaden gelitten hatte, – da fing er an, ganz anders über das zu denken, was ihm zugestoßen war.

Er fühlte sich jetzt wieder als er selbst und wollte kein anderer mehr sein. Nur besser wollte er jetzt sein, als er es vordem gewesen.

Von heute ab hatte er sich zunächst dahin entschlossen, daß er nicht mehr hoffen müsse auf ein außergewöhnliches Lebensglück, wie es ihm eine Verheiratung hätte bieten können; infolge dessen aber dürfe er doch die lebendige Gegenwart nicht mehr übersehen.

Dann gelobte er sich selbst, daß niemals wieder eine böse Leidenschaft ihn hinreißen solle, von deren Rückerinnerung er so hart gequält wurde, als er den Entschluß faßte, den Antrag zu wagen.

In der Erinnerung an seinen Bruder Nikolay gelobte er sich ferner, daß er seiner nie vergessen wolle, für ihn sorgen müsse und ihn nicht aus den Augen lassen dürfe, um stets zu seiner Unterstützung bereit sein zu können, wenn es schlecht mit ihm ginge. Und daß es bald so kommen werde, das fühlte er. Auch das Gespräch des Bruders über den Kommunismus, dem gegenüber er sich so wenig interessiert verhalten hatte, veranlaßte ihn jetzt zum Nachdenken.

Eine Änderung der volkswirtschaftlichen Grundlagen hielt er für unsinnig, aber er hatte stets die Ungerechtigkeit empfunden, die in seinem Überfluß lag, verglichen mit der Armut des Volkes und jetzt beschloß er bei sich, daß er um sich als ganz gerecht zu fühlen, von jetzt ab – obwohl er auch früher schon viel gearbeitet und sehr mäßig gelebt hatte, – noch fleißiger arbeiten und sich noch weniger Luxus gestatten wolle.

Alles dies erschien ihm so leicht ausführbar, daß er den ganzen Heimweg in den angenehmsten Träumereien zurücklegte. Mit dem ermutigenden Gefühl der Hoffnung auf ein neues, ein besseres Leben fuhr er abends in der neunten Stunde vor seinem Hause vor.

Aus den Fenstern des Stübchens der Agathe Michailowna, seiner greisen Amme, die in diesem Hause das Amt einer Wirtschafterin versah, fiel ein Lichtschein auf den Schnee, der auf dem Platze vor dem Hause lag. Sie war noch nicht zur Ruhe gegangen.

Kusma, von ihr geweckt, kam verschlafen und barfüßig herbeigelaufen zur Freitreppe heraus.

Der Hühnerhund Laska, der den Kusma beinahe über den Haufen gerannt hätte, sprang gleichfalls herbei und heulte, rieb sich an seinen Knieen, erhob sich und wollte, ohne es zu wagen, die Vorderpfoten auf die Brust des Herrn setzen.

„Ihr kommt schon zeitig, Batjuschka,“ sagte Agathe Michailowna.

„Es war zu langweilig, Agathe. Auf Besuch sein ist ganz hübsch, aber daheim ist es noch besser,“ antwortete er ihr und begab sich in sein Kabinett.

Dasselbe wurde nicht zu schnell durch eine herbeigebrachte Kerze erleuchtet und zeigte nun die bekannten Insignien: Hirschgeweihe, Bücherbretter, einen Spiegel, einen Ofen mit Rauchfang, der längst einmal hätte ausgebessert werden müssen, das Sofa, noch von den Eltern her, einen großen Tisch, auf diesem ein geöffnetes Buch, einen zerbrochenen Aschenbecher und ein Heft mit seiner Handschrift.

Als er dies alles erblickte, überkam ihn auf eine Minute ein Zweifel an der Möglichkeit, sich ein neues Leben einzurichten so wie er von ihm auf dem Heimweg geträumt hatte. Alle diese Zeugen seines bisherigen Lebens schienen ihn zu umklammern und ihm zuzurufen „nein, du wirst uns nicht entrinnen, du wirst kein anderer werden; nur ein solcher bleiben, der du warst, umfangen von den Zweifeln, der ewigen Unzufriedenheit mit dir selbst, den vergeblichen Versuchen zu deiner Besserung, den alten Fehltritten und dem steten Wunsche nach Lebensglück, das dir nicht geboten ward und für dich niemals möglich ist!“

Aber dies sprachen nur die alten Sachen um ihn her; in seiner Seele sprach eine andere Stimme, daß es nicht nötig sei, ein Sklave der Vergangenheit zu bleiben und daß es möglich sein werde, zu werden wie er sein wolle. Als er diese Stimme vernahm, schritt er in die Ecke des Gemachs, woselbst zwei Gewichte von je fünfzig Pfund Schwere lagen, und begann gymnastische Übungen mit ihnen, um sich in eine energischere Stimmung zu versetzen.

Draußen vor der Thür erklangen schlürfende Schritte; eiligst setzte er die Gewichte beiseite.

Der Verwalter trat ein und meldete, daß alles Gott sei Dank gut gegangen sei, berichtete indessen auch, daß der Buchweizen auf der neuen Darre von unten angebrannt wäre.

Diese Nachricht erregte Lewin. Die neue Darre war zum Teil von Lewin selbst erfunden und konstruiert, der Verwalter war stets gegen diese Darre gewesen und er meldete jetzt mit einer gewissen versteckten Genugthuung, daß der Buchweizen angebrannt sei.

Lewin war der festen Überzeugung, daß man, wenn dies geschehen war, lediglich nicht diejenigen Maßnahmen getroffen, welche er zum hundertstenmale wohl angeordnet hatte. Er empfand Verdruß und machte seinem Verwalter Vorwürfe. Dann aber gab es auch ein wichtiges und erfreuliches Ereignis: Pawa, die beste, teuerste Kuh, – sie war auf einer Ausstellung gekauft worden – hatte gekalbt.

„Kusma, gieb mir den Pelz. Bitte, laßt eine Laterne nehmen,“ wandte er sich an den Verwalter, „ich will gehen, um nachzusehen.“

Der Stall für die wertvollen Kühe befand sich gleich hinter dem Wohnhause. Nachdem er über den Hof an dem Schneehaufen bei der Salzpfanne vorübergeschritten war, betrat er den Stall.

Ein warmer Düngergeruch quoll ihm entgegen, als er die angefrorene Thüre aufriß, und die Kühe, verwundert über den ungewohnten Schein der Laterne, raschelten auf dem frischen Stroh.

Hier dämmerte ein glatter, schwarzgefleckter breiter Rücken einer holländischen Kuh hervor, dort lag ein mächtiger Zuchtstier, und wollte aufstehen, besann sich aber eines anderen und schnob nur ein paarmal wütend, als man an ihm vorüberschritt.

Pawa, die Schönheit unter den Prachtexemplaren, groß wie ein Nilpferd, hatte sich, vor den Eintretenden ihr Kalb sichernd, mit dem Hinterteil gedreht, und beschnob es jetzt.

Lewin näherte sich, beschaute die Pawa und hob das rotgefleckte junge Kalb auf die schwachen langen Beine. Erzürnt brummte die alte Kuh auf, beruhigte sich aber, als Lewin ihr das Kalb wieder zuschob; laut schnaufend begann sie dasselbe mit rauher Zunge zu lecken. Das Kalb suchte mit der Schnauze tastend das Euter der Mutter und ringelte den Schwanz.

„Leuchte hierher, Theodor, hierher mit der Laterne,“ sagte Lewin, das Kalb betrachtend. „Nach der Mutter! Es ist gleich, daß das Junge in der Farbe nach dem Vater geraten ist. Das Kalb ist hübsch, nicht so, Wasiliy Fjodorowitsch?“ er wandte sich mit diesen Worten an seinen Verwalter, jetzt völlig versöhnlich gestimmt gegen denselben bezüglich des Buchweizens unter dem Einfluß des freudigen Ereignisses der Geburt des Kalbes.

„Wie sollte es sich auch schlecht befinden können? Übrigens ist der Aufkäufer Semjon seit dem Tage nach Eurer Abreise hier; man wird mit ihm unterhandeln müssen, Konstantin Dmitritsch,“ sagte der Verwalter. „Über die Maschine habe ich Euch schon Meldung gemacht.“

Diese einzige Mitteilung versetzte Lewin wieder in alle Einzelheiten des Gutslebens hinein, welches so groß und so verwickelt war, und so begab er sich sogleich aus dem Kuhstall nach dem Kontor, sprach hier mit dem Inspektor und dem Aufkäufer Semjon, und schritt dann nach dem Wohnhause woselbst er sich geradenwegs in das Gastzimmer hinaufbegab.




27


Das Haus war groß und altertümlich und Lewin, obwohl er es allein bewohnte, heizte das ganze Gebäude und hatte alle Räume desselben in Gebrauch. Er wußte, daß dies nicht eben klug war; er wußte, daß es sogar von üblen Folgen und seinen jetzigen neuen Plänen zuwiderlaufe, aber dieses Haus war für ihn die ganze Welt.

Es war die Welt in welcher seine Eltern gelebt hatten und gestorben waren. Sie hatten das nämliche Leben geführt, wie es Lewin als Ideal der höchsten Vollkommenheit erschien und welches er gewähnt hatte mit einer Gattin, mit einer Familie weiterführen zu können.

Lewin hatte seine Mutter kaum gekannt. Der Begriff Mutter war für ihn nur noch ein geheiligter Gedanke, und eine künftige Gattin mußte in seiner Vorstellungskraft nur die Wiederholung jenes reizvollen geheiligten Ideals von Weib sein, als das ihm die Mutter galt.

Die Liebe zu einem Weibe vermochte er sich ohne Ehe nicht nur nicht vorzustellen, er stellte sie sich vielmehr sogar nur als Familie vor. Seine Begriffe von Heirat waren daher den Auffassungen der Mehrzahl seiner Bekannten unähnlich, für welche dieselbe nur eines jener zahlreichen Geschäfte des Lebens im allgemeinen bildete.

Für ihn war sie die Hauptthat des Daseins, von welcher sein ganzes künftiges Glück abhing. Jetzt aber sollte er einem solchen entsagen.

Als er in den kleinen Salon getreten war, wo er den Thee zu trinken pflegte und sich in seinen Lehnstuhl mit einem Buch niedergelassen hatte, während Agathe Michailowna ihm den Thee brachte, und sich mit ihrem gewohnten „darf ich mich setzen, Batjuschka,“ auf den Stuhl am Fenster setzte, da fühlte er, daß er, so seltsam dies auch sein mochte, von seinen Gedanken sich nicht trennen, daß er ohne sie nicht leben konnte.

Ob mit ihr oder mit einer anderen, aber – es mußte sein! Er las in seinem Buche, er dachte nach über das, was er gelesen hatte, und hörte dann damit auf, um den Worten Agathes zu lauschen, welche in einem fort schwatzte, während sich ihm gleichwohl dabei bunte Bilder aus dem Gutsleben und aus einem zukünftigen Familienleben zusammenhangslos vor das geistige Auge drängten. Er fühlte, daß auf dem Grund seiner Seele Etwas ruhte, was noch gefesselt lag.

Er hörte die Erzählung Agathe Michailownas an, wie Prochor Gott vergessen habe und das Geld, welches ihm Lewin gegeben hatte, daß er dafür ein Pferd kaufe, in Saus und Braus verjubelt und obenein sein Weib halbtot geprügelt hätte; er hörte und las dabei in seinem Buche und überdachte den Gang seiner Gedanken, die durch die Lektüre angeregt worden waren.

Es war das Buch von Tyndall über die Wärme. Er erinnerte sich seiner absprechenden Urteile über Tyndall wegen dessen Selbstbewußtsein in der Gewandtheit der Ausführung von Experimenten und darüber, daß Tyndall der philosophische Blick nicht zureiche.

Dann aber fiel ihm plötzlich wieder der erfreuliche Gedanke bei, daß nach Verlauf von zwei Jahren in seinem Stalle wohl zwei holländische Rinder stehen würden und daß da auch noch die Pawa lebendig sein könnte und zwölf andere junge Töchter des großen Zuchtstiers da sein müßten, die ihrerseits wieder mit jenen dreien sich kreuzen konnten.

Er blickte wieder in sein Buch.

„Nun gut; Elektricität und Wärme sind ein und dasselbe, aber ist es denn möglich zur Entscheidung der Frage eine Größe für die andere einsetzen zu können? Nein! Was folgt nun hieraus? Es existiert ein gemeinsames Band unter allen Naturkräften und dieses wird vom Instinkt empfunden. – Es wird übrigens ganz reizend werden wenn das Kälbchen der Pawa erst eine buntgescheckte Kuh sein wird und ich meine ganze Herde mit jenen drei mischen kann.“

Ausgezeichnet!

Wenn man dann so mit der Frau zusammen hinausgeht und den Gästen die uns besuchen, eine solche Herde vorstellen kann. Dann sagt wohl die Hausfrau, „wir haben dieses Kälbchen hier, ich und mein Kostja, zusammen wie ein Kind auferzogen.“

„Wie kann Euch ein Kalb so sehr interessieren?“ würde der Gast sagen.

„Nun, alles was meinen Gatten interessiert, interessiert mich,“ wäre dann die Antwort.

Aber wer soll diese Hausfrau sein?

Er dachte wieder an das, was in Moskau geschehen war.

„Was thun jetzt? Ich habe nichts verschuldet.“

„Jetzt aber soll alles nach neuer Art und Weise gehen. Es ist schlecht eingerichtet, daß das Leben selbst nicht das giebt, was die Vergangenheit nicht gab. Man muß eben ringen, um ein besseres, ein bei weitem besseres Leben führen zu können.“

Er hob den Kopf und dachte nach.

Die alte Laska, der Hühnerhund, welcher seine Freude über die Heimkunft des Herrn immer noch nicht ganz zu mäßigen vermocht hatte und hinausgelaufen war, um auf dem Hofe zu bellen, kehrte jetzt wieder zurück, mit dem Schweife wedelnd; er brachte den Geruch der frischen Luft mit herein, lief zu dem Gebieter, steckte den Kopf unter dessen Arm und winselte kläglich und bittend, daß er ihn liebkose.

„Es fehlt nur, daß er noch spräche,“ sagte Agathe Michailowna. „Nur ein Hund, versteht er doch wohl, daß der Hausherr angekommen ist und er hat sich auch genug gelangweilt.“

„Weshalb?“

„Sehe ich etwa nicht, Batjuschka? Es wäre jetzt doch wohl Zeit für mich geworden, daß ich meine Herrschaft kenne: ich bin ja von klein auf unter ihr emporgewachsen. Nein, nein, Batjuschka; nur ein gesundes Herz in gesundem Leib!“

Lewin blickte die Alte starr an; er verwunderte sich darüber, wie sie seine Gedanken erraten konnte.

„Soll ich noch Thee bringen?“ frug Agathe Michailowna, die Tasse ergreifend, und ging hinaus.

Der Hund schob immer wieder den Kopf unter seinen Arm. Er streichelte denselben und das Tier legte sich dann zu seinen Füßen nieder, indem es sich zusammenringelte und den Kopf auf die vorgestreckte Hinterpfote legte. Zum Zeichen, daß jetzt alles gut und in Ordnung sei, sperrte Laska das Maul auf, schnalzte mit den Lippen, legte sie bequemer um die alten schleimigen Zähne und verstummte dann in behaglicher Ruhe.

Lewin folgte aufmerksam diesen letzten Bewegungen des Tieres.

„Gerade so wie ich,“ sagte er zu sich selbst, „ganz so wie ich. Mag's gut sein.“




28


Nach dem Balle früh morgens sandte Anna Karenina ihrem Gatten ein Telegramm betreffs ihrer Abreise von Moskau noch am nämlichen Tage.

„Nein, nein, ich muß, muß unbedingt reisen,“ erklärte sie ihrer Schwägerin, dieser die Änderung ihres Entschlusses in einem Tone mitteilend, als habe sie sich erinnert, daß es eine solche Unmasse von Geschäften wie man sich gar nicht denken könne, gäbe. „Nein, nein, es ist am besten, ich fahre jetzt!“

Stefan Arkadjewitsch speiste heute nicht daheim, versprach aber, die Schwester um sieben Uhr abzuholen, um sie nach dem Bahnhof zu begleiten.

Kity war gleichfalls nicht gekommen, hatte aber eine Mitteilung geschrieben, sie habe Kopfschmerzen.

Dolly und Anna speisten also allein mit den Kindern und der Engländerin. Mochten nun die Kinder unbeständig oder feinfühlig sein, und empfinden, daß Anna an diesem Tage gar nicht so war, wie an jenem, als man sie so allgemein liebgewonnen hatte, daß sie sich gar nicht mehr mit ihnen befaßte, genug, diese brachen vielmehr plötzlich ihr Spiel mit der Tante ab und schienen nicht mehr die alte Liebe zu ihr zu empfinden; es kümmerte sie auch ganz und gar nicht, daß dieselbe heute fortreiste.

Anna war den ganzen Vormittag über mit den Vorbereitungen zur Abreise beschäftigt. Sie schrieb Briefe an ihre Moskauer Bekannten, schrieb ihre Rechnungen und packte.

Im allgemeinen schien es Dolly, als ob Anna sich nicht bei ruhiger Stimmung befinde, sondern in jener sorgenvollen Aufgeregtheit, welche Dolly selbst an sich recht wohl kennen gelernt hatte, und die nicht ohne Ursache sich einfindet und meistenteils eine Unzufriedenheit mit sich selbst verdeckt.

Nach dem Essen begab sich Anna nach ihrem Zimmer, um sich anzukleiden, und Dolly folgte ihr dahin.

„Wie bist du doch heute so seltsam?“ sagte sie zu Anna.

„Ich? Findest du das? Ich bin nicht seltsam, aber ich bin nicht wohl. Das pflegt öfters bei mir der Fall zu sein, und ich möchte dann immer weinen. Man kann dies eine Thorheit nennen, doch es geht schon noch vorüber,“ sagte Anna schnell und beugte das errötende Gesicht nach dem Reisesack, in den sie ihr Nachthäubchen und ihre Battisttaschentücher packte.

Ihr Auge zeigte einen absonderlichen Glanz und wurde beständig von Thränen umflort.

„Erst wollte ich nicht von Petersburg fort und jetzt möchte ich nicht von hier hinweg.“

„Du bist hierher gekommen und hast ein gutes Werk gestiftet,“ sagte Dolly, sie aufmerksam betrachtend.

Anna blickte mit thränenfeuchten Blicken auf Dolly.

„Sage das nicht,“ sagte sie, „ich habe nichts gethan und konnte auch nichts thun. Ich wundere mich nur oft, weshalb die Leute sich verschworen zu haben scheinen, mich zu verderben. Was habe ich gethan, was konnte ich thun? In deinem Herzen selbst fand sich so viel Liebe, daß du verzeihen mußtest und konntest.“

„Wer weiß, ob es ohne dich der Fall gewesen wäre. Wie glücklich bist du, Anna,“ sagte Dolly. „In deiner Seele ist alles klar und gut.“

„Ein jeder hat in sich sein skeleton, wie der Engländer sagt.“

„Und was hast du für ein skeleton in dir? Bei dir ist doch alles so klar.“

„Ja wohl!“ antwortete Anna schnell und unvermutet nach den Thränen erschien ein schlaues, spöttisches Lächeln auf ihren Lippen.

„Nun, also ist es lächerlich, dein skeleton, und nicht traurig,“ sagte Dolly lächelnd.

„Nein, traurig. Du weißt, warum ich jetzt abreise und nicht erst morgen? Ein Geständnis, welches mich bedrückt, will ich dir ablegen,“ fuhr Anna fort, voll Entschiedenheit sich in einem Lehnstuhl zurückwerfend und Dolly gerade in die Augen blickend.

Zu ihrer Verwunderung bemerkte Dolly, daß Anna bis an die Ohren, bis zu den sich ringelnden schwarzen Löckchen auf dem Nacken errötete.

„Ja,“ fuhr diese fort, „du weißt, weshalb Kity gestern nicht zum Essen hierher gekommen ist? Sie ist eifersüchtig auf mich. Ich soll sie vernichtet haben; ich war die Ursache davon, daß ihr jener Ball zu einer Tortur geworden ist, nicht aber zur Lust gereicht hat. Aber, wahrhaftig, ich bin nicht schuldig, oder doch wenigstens nur wenig schuld daran,“ sagte sie, mit ihrer feinen Stimme das Wort „nur wenig“ hervorhebend.

„O, das hast du ganz ähnlich gesagt wie mein Stefan es that,“ lachte Dolly.

Anna fühlte sich verletzt.

„Nein, nein! Ich bin nicht Stefan,“ sagte sie sich verfinsternd. „Ich sage es nur deswegen dir, damit ich auch nicht für eine Minute nur mir erlauben möge, an mir selbst irre zu werden,“ sagte Anna.

Aber in demselben Augenblick, da sie diese Worte sagte, fühlte sie, daß dieselben unwahr seien; sie zweifelte nicht nur an sich selbst, sie empfand vielmehr eine Erregung bei dem Gedanken an Wronskiy und sie fuhr früher ab, als sie gewollt hatte, nur zu dem Zwecke, ihm nicht mehr zu begegnen.

„Ja, Stefan hat mir gesagt, daß du mit ihm die Mazurka getanzt hast, und daß er“ —

„Du wirst dir nicht vorstellen können, wie wunderlich dies zuging. Ich gedachte nur, die Freiwerberin zu spielen, und plötzlich war die Sache ganz anders geworden. Möglich ist es ja, daß ich wider Willen“ —

Sie wurde wiederum rot und hielt inne.

„Und man hat dies sofort empfunden,“ ergänzte Dolly.

„Ich würde jedenfalls in Verzweiflung geraten, wenn von seiner Seite irgend etwas ernst aufgefaßt würde,“ unterbrach sie Anna, „und ich bin überzeugt, daß alles dies vergessen werden wird und Kity dann aufhört, mich zu hassen?“

„Aufrichtig übrigens gestanden, Anna,“ sagte Dolly, „wünsche ich nicht diesen Ehebund für Kity. Es wäre viel besser, wenn er nicht zustande käme, da Wronskiy sich an einem einzigen Tage in dich verlieben konnte.“

„Mein Gott, das wäre doch so thöricht!“ rief Anna Karenina, und von neuem stieg die tiefe Röte der inneren Freude in ihr Gesicht. Da hörte sie den Gedanken, der sie so sehr beschäftigte, in Worten ausgesprochen; „so werde ich also reisen, nachdem ich mich der Kity zum Feinde gemacht habe, die ich doch so sehr lieb gewonnen. O wie liebenswert sie doch ist! Aber willst du mich wieder mit ihr aussöhnen, Dolly, ja?“

Dolly vermochte nur schwer ein Lächeln zu unterdrücken. Sie liebte Anna, aber es gewährte ihr Vergnügen zu sehen, daß auch diese eine Schwäche habe.

„Zum Feinde? Das kann doch nicht sein.“

„Ich hätte es so sehr gewünscht, daß Ihr alle mich lieben möchtet, wie ich Euch liebe; jetzt aber habe ich Euch noch lieber gewonnen,“ fuhr Anna fort mit Thränen in den Augen, „o, wie thöricht bin ich heute doch.“

Sie fuhr mit dem Taschentuch über das Gesicht und begann, sich anzukleiden.

Kurz vor der Abfahrt kam, ziemlich verspätet, Stefan Arkadjewitsch an, mit gerötetem, lustigem Gesicht und einen Duft von Wein und Cigarre um sich verbreitend.

Die Empfindsamkeit Annas begann sich jetzt auch Dolly mitzuteilen, und als diese zum letztenmal die Schwägerin umarmte, flüsterte ihr Dolly zu: „Bleibe eingedenk dessen, Anna, was du für mich gethan hast – ich werde es niemals vergessen. Und denke daran, daß ich dich geliebt habe und stets lieben werde als meinen besten Freund.“

„Ich verstehe nicht, wofür,“ versetzte Anna und küßte Dolly, ihre Thränen verbergend.

„Du hast mich verstanden und verstehst mich überhaupt. Leb wohl mein Herz!“




29


„Nun ist alles vorbei, Gott sei gedankt!“ das war der erste Gedanke, der Anna Arkadjewna kam, nachdem sie sich zum letztenmal von ihrem Bruder verabschiedet hatte, der bis zum dritten Läuten mit seiner Person den Zutritt zum Waggon versperrt hatte.

Sie saß auf ihrem Sammetpolster und schaute in dem Zwielicht des Schlafwaggons um sich.

„Gott sei gedankt; morgen sehe ich meinen kleinen Sergey und Aleksey Aleksandrowitsch wieder; dann kommt wieder mein altes, liebes gewohntes Dasein.“

Noch immer in dem nämlichen Zustande der Aufgeregtheit befindlich, welcher sie den ganzen Tag hindurch verfolgt hatte, trat Anna mit einem gewissen Gefühl der Freude und Genugthuung die Rückreise an.

Mit ihren kleinen, gewandten Fingern öffnete sie einen roten Reisesack, langte ein Kissen daraus hervor, legte dasselbe über ihre Kniee und setzte sich dann, nachdem sie ihre Füße sorgfältig eingehüllt hatte, zurecht. Eine kranke Dame hatte sich bereits schlafen gelegt, zwei andere Damen unterhielten sich mit Anna und eine dicke Alte umhüllte ihre Beine und ließ Bemerkungen über die Heizung fallen.

Anna antwortete den Damen einige Worte, wandte sich aber dann, in der Voraussicht, daß die Unterhaltung wenig Interesse bieten werde, an ihre Zofe Annuschka mit der Bitte, ihr eine Laterne zu reichen. Sie befestigte dieselbe an der Armlehne des Sitzpolsters und nahm dann aus ihrem Koffer ein Aufschneidemesserchen und einen englischen Roman heraus.

Anfangs las sie nicht: das Gehen und Fahren störte sie; dann aber, nachdem der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, war es nicht mehr möglich, auf dies Geräusch zu hören, dann kam der Schnee, der zur linken Seite des Wagens an das Fenster schlug und auf dem Glas haften blieb, die Erscheinung des dichtverpackten, draußen vorbeisteigenden Schaffners, der auf einer Seite von Schnee überweht war, und die Gespräche, welch ein entsetzliches Schneegestöber draußen tobe, und dies alles zerstreute ihre Aufmerksamkeit. Im weiteren Fortgang der Fahrt blieb alles ein und dasselbe; das monotone Stoßen und Rütteln, der monotone Schnee am Fenster, der nämliche schnelle Übergang von der Dampfhitze zur Kälte und dann wieder zur Hitze, dasselbe Erscheinen von Männern im Halbdunkel und die nämlichen Stimmen.

Anna begann daher zu lesen und dem Gelesenen mit Aufmerksamkeit zu folgen. Annuschka war schon eingeschlummert; sie hielt den roten Reisesack auf ihren Knieen mit den großen Händen in den Handschuhen fest, von denen der eine zerrissen war.

Anna Karenina las, aber das Lesen machte ihr kein Vergnügen, da sie in ihm ja nur der Wiedergabe des Lebens anderer Menschen folgen konnte.

Sie wollte vor allem ja selbst leben.

Las sie, wie die Heldin des Romans einen Kranken pflegte, so wollte sie mit unhörbaren Schritten durch das Krankenzimmer eilen; las sie davon, wie ein Parlamentsmitglied eine Rede hielt, so wollte auch sie diese Rede halten; las sie, wie Lady Mary zu Pferde ein Hühnervolk verfolgte, ihre Schwägerin neckte und alle mit ihrer Verwegenheit in Erstaunen setzte, so war ihr als müsse sie selbst das Nämliche thun.

Aber freilich vermochte sie nichts von alledem, und so bewegte sie denn nur mit ihren kleinen Händchen fleißig das Aufschneidemesser, sich eifrig ihrer Lektüre widmend.

Der Held des Romans hatte bereits begonnen, sein Glück nach englischen Begriffen gemacht zu haben, das heißt Baronet und Gutsherr zu werden, und Anna wünschte soeben, ihm auf sein Gut folgen zu können, als sie plötzlich fühlte, daß dies für ihn kompromittierend, und für sie schimpflich gewesen wäre.

„Was wäre für ihn kompromittierend? Was ist für mich schimpflich?“ frug sie sich selbst, verwundert und gekränkt.

Sie ließ ihr Buch liegen und warf sich in die Rücklehne ihres Armsessels zurück, das Messerchen zwischen ihren Fingern fest zusammenpressend. Aber etwas Schmachvolles war doch nicht vorhanden.

Sie ließ alle ihre Moskauer Erinnerungen nochmals an sich vorüberziehen; aber sie alle waren nur freundlich und angenehm.

Sie erinnerte sich des Balls, Wronskiys und seines liebevollen und ergebenen Gesichts, sie vergegenwärtigte sich nochmals alle ihre Beziehungen zu ihm; es war nichts Entehrendes für sie darin.

Und nichtsdestoweniger wurde das Gefühl der Schmach gerade während sie diese Erinnerungen anstellte, stärker und stärker in ihr, gleichsam als ob eine innere Stimme, indem sie an Wronskiy dachte, zu ihr sprach: „Es ist warm, sehr warm, ja heiß!“

„Aber was soll das?“ frug sie sich selbst, ihren Sitz im Armsessel verändernd, „was soll das bedeuten; fürchte ich mich etwa, der Situation offen ins Angesicht zu blicken? Was soll das heißen. Können etwa zwischen mir und jenem jungen Offizier andere Beziehungen existieren, und existieren etwa solche, als die, welche unter allen Bekannten bestehen?

Sie lächelte verächtlich und widmete sich von neuem ihrem Buche, konnte aber gleichwohl nicht mehr vollkommen erfassen, was sie las.

Sie fuhr mit dem Papiermesserchen über das Fensterglas und legte dann dessen glatte kalte Oberfläche an ihre Wange, lachte vor Lust fast laut auf, bezwang sich aber plötzlich noch.

Sie empfand, daß ihre Nerven gleichsam wie Saiten, sich straffer und straffer zu spannen schienen, die von Wirbeln angezogen würden. Sie empfand, wie ihre Augen sich weiter und weiter öffneten, wie Finger und Zehen in eine nervöse Bewegung verfielen, ihr Atem erstickt wurde und wie alle Gegenstände und Töne in diesem schütternden und stoßenden Halbdunkel ihr mit ungewöhnlicher Schärfe ins Auge traten.

Ein Zweifel überkam sie minutenlang, ob der Waggon vorwärts oder rückwärts fuhr oder gar stehe. War Annuschka noch neben ihr oder eine Fremde? War sie es denn selbst noch, oder war sie auch eine andere? Was war das da auf ihrem Arm? Ein Pelz oder ein Tier? Eine Angst überkam sie, sich dieser Verlorenheit hingeben zu müssen, aber es zog sie etwas hinein, doch empfand sie die freie Möglichkeit, sich diesem Zustand hinzugeben oder zu entreißen. Sie erhob sich, um zur klaren Besinnung zu kommen, warf ihr Plaid ab und die Pelerine des warmen Kleides.

Für eine Minute kam sie zur Besinnung und erkannte daß ein soeben eingetretener Mann in einem langen Nankingpaletot, auf welchem Knöpfe fehlten, der Heizer war; derselbe schaute nach dem Thermometer, Sturm und Schnee drangen in das Coupé zur Thür hinter ihm herein, dann verwirrte sich wieder alles um sie herum.

Der Mann mit dem langen Rocke beschäftigte sich jetzt damit, an der Wand zu hantieren, die dicke Alte streckte ihre Beine über die ganze Länge des Waggons und erfüllte denselben mit einer Wolke schwarzen Staubes; dann kreischte es ohrenzerreißend und stieß und pochte, als würde etwas zerrissen; ein rotes Licht blendete die Augen, dann wurde alles von einer Wand verdeckt. Anna fühlte, wie sie zurückfiel; doch war ihr das alles nicht furchterweckend, sondern unterhaltend.

Die Stimme des dickverpackten und schneeüberdeckten Schaffners schrie etwas über ihrem Ohr, sie erhob sich und kam zur Besinnung, und jetzt erkannte sie, daß man in eine Station eingefahren war und daß der Mann der Schaffner war.

Sie bat Annuschka ihr die abgelegte Pelerine und das Tuch zu geben, hüllte sich wieder in beides und wandte sich dann nach der Thür.

„Wollt Ihr aussteigen?“ frug Annuschka.

„Allerdings, ich muß frische Luft haben; es ist hier sehr heiß!“

Sie öffnete die Thür. Schneegestöber und Sturm tosten ihr entgegen, als sie hinaustrat und schienen sich mit ihr um die Thür zu streiten. Aber das machte ihr offenbar Freude; sie öffnete und stieg aus. Der Sturm schien gleichsam auf sie gewartet zu haben; er heulte lustig auf und wollte sie packen und entführen, aber sie hielt sich mit der Hand an der kalten Eisenstange und stieg, ihr Kleid zusammennehmend, auf den Perron heraus, um sich hinter den Waggon zu begeben. Auf der Perrontreppe ging der Wind stark, auf der Plattform aber hinter dem Wagen war es still.

Mit Wollust atmete sie die kalte Schneeluft in die üppige Brust, und blickte, neben dem Waggon stehend, auf die Plattform und die erleuchtete Station.




30


Furchtbar raste der Schneesturm und pfiff zwischen den Rädern der Waggons und um die Säulen hinter der Ecke der Station hervor. Die Waggons, die Säulen, die Menschen, alles was sichtbar war, war von einer Seite her mit Schnee überweht, der sich mehr und mehr häufte.

Auf einen Augenblick beruhigte sich der Sturm, dann aber erhob er sich wieder in solchen Stößen, daß es schien, als würde ihm nichts widerstehen können. Währenddem liefen Leute in heiterem Gespräch über die Bretter der Plattform, ohne Aufhören die großen Thüren öffnend und zuschlagend. Der zusammengeduckte Schatten eines Menschen bewegte sich unter ihren Füßen hin und man vernahm Töne von Hammerschlägen auf Eisen.

„Depeschen!“ ertönte ein rauher Schrei von jenseits aus dem Dunkel der Sturmnacht heraus.

„Hierher gefälligst, Nr. 28!“ riefen verschiedene Stimmen und mehrere von Schnee überdeckte, in dicke Kleidung gehüllte Leute.

Zwei Herren, die brennende Zigarette im Munde, gingen an ihr vorüber. Sie atmete nochmals auf, um satt Luft zu schöpfen und hatte schon die Hand aus dem Muffe gezogen, um sich an der Eisenstange anzuhalten und wieder den Waggon zu betreten, als noch ein Mann in Uniform dicht neben ihr das flackernde Licht der Laterne verdeckte.

Sie blickte um sich und erkannte im nämlichen Augenblick Wronskiy. Die Hand an den Mützenschild legend, verbeugte er sich vor ihr und frug, ob sie einen Wunsch habe und ob er ihr nicht dienen könne.

Geraume Zeit heftete sie ihren Blick auf ihn, ohne ein Wort zu sprechen; obwohl sie im Schatten stand, sah sie – oder es schien ihr doch so – den Ausdruck seines Gesichts und seiner Augen.

Es war wieder jener Ausdruck der achtungsvollen Freude, welcher gestern so stark auf sie eingewirkt hatte.

Mehr als einmal in den vergangenen Tagen hatte sie sich selbst gesagt, und soeben jetzt that sie es auch, daß Wronskiy für sie nur einer von jenen hunderten sich ewig gleichbleibender, überall begegnender junger Männer sei; daß sie sich nie und nimmermehr gestatten dürfe, seiner auch nur zu gedenken; jetzt aber, im ersten Moment ihrer Begegnung mit ihm übermannte sie das Gefühl eines freudigen Stolzes.

Sie brauchte nicht zu fragen, warum er hier sei. Sie wußte es so genau, als ob er ihr gesagt hätte er sei hier, weil er dort sein wolle, wo sie sei.

„Ich wußte nicht, daß Ihr reistet. Weshalb fahrt Ihr schon?“ frug sie, die Hand sinken lassend, mit welcher sie sich bereits am Geländer hielt.

Eine unbezwingbare Freude und Erregtheit glänzte auf ihren Zügen.

„Weshalb ich fahre?“ wiederholte er, ihr offen ins Auge blickend. „Ihr wißt, ich fahre deshalb, um dort zu sein, wo Ihr seid,“ antwortete er; – „ich kann nicht anders.“

Im selben Augenblick fegte der Sturm den Schnee von den Decken der Waggons herunter, als habe er Hindernisse besiegt, er spielte mit einem abgebrochenen Stück Eisenblech und vorn erklang die dumpfe Pfeife der Lokomotive.

Der ganze Schrecken des Schneesturms erschien ihr jetzt noch schöner. Er sagte das Nämliche, was ihre Seele wünschte und was ihr Verstand fürchtete.

Sie antwortete nichts, aber auf ihrem Gesicht bemerkte er einen Kampf.

„Verzeiht mir, wenn Euch das unangenehm ist, was ich soeben sagte,“ hub er in höflichem Tone an.

Er sprach ehrerbietig, achtungsvoll, aber so fest und entschieden, daß sie lange Zeit nichts antworten konnte.

„Das ist böse, was Ihr da sagt, und ich bitte Euch, wenn Ihr ein guter Mensch seid, zu vergessen was Ihr gesprochen habt – ebenso, wie auch ich Euch vergessen will,“ versetzte sie endlich.

„Nicht ein Wort von Euch, nicht eine Bewegung von Euch werde ich je vergessen – noch könnte ich es“ —

„Genug, genug!“ rief sie aus, mit Mühe versuchend, ihrem Gesicht einen strengen Ausdruck verleihend, den er begehrlich musterte.

Mit der Hand nach der kalten Eisenstange greifend, stieg sie die Stufen hinauf und trat schnell in den Vorraum des Waggons. In diesem blieb sie stehen und überlegte bei sich, was soeben geschehen war.

Ohne sich ihrer oder seiner Worte zu entsinnen, erkannte sie nach ihrem Gefühl, daß dieses minutenlange Gespräch sie beide in furchtbarer Weise genähert hatte. Sie erschrak hierüber – und war beglückt davon. —

Nachdem sie einige Sekunden gestanden hatte, betrat sie ihr Coupé und setzte sich wieder auf ihren Platz.

Der Zustand von Spannung, der sie vorher gequält hatte, begann sich nicht nur von neuem einzustellen, er verstärkte sich auch noch und stieg bis zu einem Grade, daß sie fürchtete, es könne jeden Augenblick etwas in ihr, was allzusehr gespannt war, gesprengt werden.

Sie schlief die ganze Nacht hindurch nicht, aber in jenem Zustande der Spannung und Phantasieen, der ihr Vorstellungsvermögen erfüllte, war gleichwohl nichts Unangenehmes und Düsteres. Im Gegenteil; es lag etwas Freudiges darin, etwas Glühendes und Aufregendes.

Gegen Morgen schlummerte Anna, in ihrem Sessel sitzend, ein, und als sie wieder erwachte, da war alles weiß und hell, und der Zug fuhr schon auf Petersburg. Sofort befand sich ihr Ideengang daheim, bei ihrem Gatten, ihrem Sohne, und die Sorgen um den nächsten Tag und die folgenden traten jetzt an sie heran.

Der Zug hatte in Petersburg kaum Halt gemacht, und sie war kaum ausgestiegen, da war das erste Gesicht, das ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, das ihres Gatten.

„O, mein Gott! Woher hat er denn nur diese Ohren?“ dachte sie auf seine kalte, imposante Erscheinung blickend, auf seine großen Ohrmuscheln, die sie jetzt betroffen machten, mit den sich auf dieselben stützenden Hutkrempen.

Als er sie erblickt hatte, eilte er ihr entgegen, die Lippen zu dem ihm eigenen spöttischen Lächeln verziehend und sie mit seinen großen matten Augen starr anblickend.

Ein Gefühl des Unbehagens legte sich ihr schwer auf die Brust, als sie diesem unbeweglichen, müden Blick begegnete, und es war ihr zu Mute, als hätte sie erwartet, ihn als eine andere Erscheinung wiedersehen zu müssen.

Ganz besonders beunruhigte sie die Empfindung der Unzufriedenheit mit sich selbst, die sie bei der Begegnung mit ihm fühlte. Ihre Empfindung war eine an Heimisches, an Bekanntschaftliches gemahnende, ähnlich dem Zustand der Verstellung, welche sie aus ihren Beziehungen zu dem Gatten schon kannte. Früher hatte sie indessen dieses Gefühl nicht weiter wahrgenommen, erst jetzt ward sie sich desselben klar und schmerzlich bewußt.

„Ach, wie siehst du aus, mein süßes Weib, mein zartes Weib; wie im zweiten Jahre nach der Hochzeit verzehrte ich mich vor Sehnsucht, dich wiederzusehen,“ sagte er mit seiner langsamen, dünnen Stimme und jenem Tone, den er ihr gegenüber fast stets anwandte, dem Ton des Spottes über eine Persönlichkeit die etwa in der gleichen Lage so sprechen würde, wie er.

„Ist unser Sergey gesund?“

„Ist das der ganze Lohn für meine Liebesglut?“ antwortete er; „er ist gesund, gesund.“




31


Wronskiy hatte gar nicht versucht, während der Nacht zu schlafen. Er saß in seinem Armsessel, bald die Augen starr geradeaus gerichtet, bald die Eintretenden und Gehenden musternd, und wenn er ohnehin schon ihm unbekannte Leute mit dem ihm eignen Ausdruck unerschütterlicher Seelenruhe frappiert hatte, so erschien er jetzt noch bei weitem stolzer und selbstbewußter. Er blickte auf die Menschen wie auf Dinge.

Ein junger Herr, der sehr nervenschwach war, – er diente in einem Kreisgericht – saß ihm gegenüber und begann einen Groll auf ihn zu fassen wegen dieses Ausdrucks.

Der junge Herr rauchte mit ihm und unterhielt sich mit ihm; er stieß ihn sogar an, um ihn fühlen zu lassen, daß er selbst kein Ding, sondern ein Mensch sei, aber Wronskiy blickte ihn an, als schaue er eine Straßenlaterne an und der junge Herr schnitt nun Grimassen in der Empfindung, er würde die Selbstbeherrschung verlieren unter dem Drucke dieser Verachtung seitens eines Menschen.

Wronskiy sah und hörte nichts. Er fühlte sich als Zar, nicht deshalb, weil er etwa geglaubt hätte, einen Eindruck auf Anna hervorgebracht zu haben, – er glaubte noch gar nicht hieran – sondern deshalb, weil der Eindruck, den sie auf ihn hervorgebracht hatte, ihm ein Gefühl des Glückes und Stolzes verlieh.

Was aus alledem hervorgehen würde, das wußte er noch nicht und daran dachte er auch noch gar nicht. Er empfand, daß alle die Kräfte, welche er bisher vergeudete und verschwendete, sich jetzt in Einem konzentrierten und mit furchtbarer Energie einem glückverheißenden Ziele zustrebten.

Hierüber aber war er glücklich; er wußte nur das Eine, daß er ihr die Wahrheit gesagt hatte, er sei nur deshalb hier mitgefahren, weil sie hier sei, daß er alles Lebensglück, seinen einzigen Lebensgedanken jetzt nur noch darin finde, sie zu sehen, sie zu hören.

Als er in Bologowo ausstieg, um Selterswasser zu trinken und Anna erblickte, so sagte ihr das erste Wort aus seinem Munde das was er dachte. Und er freute sich darüber, daß er ihr dies gesagt hatte, daß sie es nun wisse und darüber nachdenken werde.

Er schlief die ganze Nacht hindurch nicht. Als er in den Waggon zurückgekommen war, ließ er ohne Aufhören wiederum alle Stellungen, in denen er sie gesehen hatte, an sich vorüberziehen und alle ihre Worte, und in seiner Einbildungskraft erschienen Gemälde einer möglichen Zukunft die ihm das Herz stocken ließen.

Nachdem er in Petersburg den Waggon verlassen hatte, fühlte er sich nach der schlaflosen Nacht erfrischt, wie neugeboren, gleich als käme er aus einem Kaltwasserbad.

Er blieb neben seinem Waggon stehen, um ihr Aussteigen abzuwarten.

„Noch einmal muß ich sie sehen,“ sprach er zu sich mit unwillkürlichem Lächeln, „noch einmal ihre Bewegungen sehen, ihr Gesicht anschauen; sie wird sprechen, den Kopf wenden, mich erblicken und vielleicht lächeln.“

Aber noch bevor er sie selbst erblickt hatte, gewahrte er ihren Gatten, welchen der Stationschef ehrfurchtsvoll durch das Gedränge begleitete.

„Ah, das ist ja der Gatte!“

Zum erstenmal erkannte jetzt Wronskiy klar, daß ein Mann, ein Gatte, ein mit ihr verbundenes Wesen existierte, er wußte jetzt, daß sie einen Gatten besaß, aber er vermochte nicht an sein Dasein zu glauben und überzeugte sich hiervon nicht früher, als bis er ihn gesehen hatte, mit seinem Kopf, den Schultern und den Beinen in schwarzen Pantalons; und nicht eher besonders, als bis er gewahrt hatte, wie dieser Mann im Gefühl seiner besonderen Eigenschaft, ruhig ihre Hand ergriffen hatte.

Als er diesen Aleksey Aleksandrowitsch mit seinem frischen petersburgischen Gesicht, der stolzen selbstbewußten Haltung, im runden Hute, dem etwas hohen Rücken gemustert hatte, glaubte er an ihn, empfand aber ein Gefühl des Unangenehmen, ähnlich dem, wie es ein Mensch empfinden würde, der von Durst gepeinigt an eine Quelle gelangt, und hier findet, daß an derselben ein Hund, ein Schöps oder Schwein gesoffen und das Wasser getrübt hat.

Der Gang Aleksey Aleksandrowitschs, welcher ein Wanken des ganzen Körpers auf den kurzen Füßen zeigte, berührte Wronskiy ganz besonders unangenehm.

Er empfand fast eine Art von unzweifelhafter Berechtigung dazu, sie allein zu lieben. Aber Anna blieb sich stetig gleich, und ihre Erscheinung wirkte noch immer so physisch belebend, erregend und sein Gemüt beglückend, auf ihn.

Er befahl jetzt einem deutschen Dienstmann zweiter Klasse, der zu ihm herantrat, sein Gepäck aufzunehmen und fortzubringen und begab sich zu ihr hin.

Er beobachtete das erste Begegnen des Gatten mit der Gattin und bemerkte mit dem durchdringenden Scharfblick des Liebenden die Kennzeichen einer gewissen leichten Gespanntheit, mit welcher sie mit dem Gatten sprach.

„Nein; sie liebt diesen Mann nicht, und sie kann ihn ja auch nicht lieben,“ entschied er vor sich selbst.

Während er sich im Rücken Anna Kareninas näherte, bemerkte er mit Vergnügen, daß sie gleichwohl seiner Annäherung inne geworden war und sich umgeblickt hatte. Als sie seiner ansichtig geworden war, hatte sie sich wieder ihrem Manne gewidmet.

„Habt Ihr die Nacht gut verbracht?“ frug Wronskiy, vor ihr eine Verbeugung machend, die auch gleichzeitig dem Gatten Annas galt und auszudrücken schien, daß Aleksey Aleksandrowitsch diese Verbeugung aufnehmen könne, wie er wolle, gleichviel ob er ihn kenne oder nicht.

„Ich danke Euch! Sehr gut,“ antwortete Anna Karenina.

Ihr Gesicht sah ermüdet aus und es weilte jetzt nicht jenes Tändeln des Lebensmuts auf ihm, welches bald in ihrem Lächeln, bald in ihren Blicken erschien; aber für eine Sekunde, als sie ihn anblickte, blitzte etwas in ihren Augen auf, wovon er, obwohl dieses Feuer sofort wieder erlosch, sich glücklich fühlte.

Sie schaute auf ihren Mann, um zu ergründen, ob er Wronskiy schon kenne. Aleksey Aleksandrowitsch blickte mißvergnügt auf Wronskiy, sich zerstreut erinnernd, wer dies sein könne.

Die Ruhe und Sicherheit Wronskiys traf hier mit dem kalten Selbstgefühl Aleksey Aleksandrowitschs zusammen, wie eine Sense auf einen Feldstein.

„Graf Wronskiy,“ sagte Anna.

„Ah! Wir sind ja wohl Bekannte scheint es,“ versetzte Aleksey, diesem die Hand reichend. „Mein Weib fuhr nach Moskau mit der Mutter und kehrt von da zurück mit dem Sohne,“ fuhr er fort mit einer Aussprache, so sorgfältig, als müsse er für jedes Wort einen Rubel geben. „Ihr kommt wahrscheinlich von Urlaub?“ frug er weiter und wandte sich dann, ohne eine Antwort abzuwarten, in scherzendem Tone an seine Gattin: „Wurden denn viel Thränen vergossen in Moskau beim Abschied?“

Mit dieser Bemerkung an Anna gab er Wronskiy zu verstehen, daß er nunmehr allein zu sein wünsche und berührte daher, sich nach diesem umwendend, seinen Hut, allein Wronskiy wandte sich an Anna Arkadjewna:

„Ich hoffe die Ehre haben zu können, Ihnen meine Aufwartung zu machen?“

Aleksey Aleksandrowitsch schaute mit blöden Blicken auf Wronskiy.

„Sehr angenehm,“ versetzte er kühl, „wir empfangen Montags.“ Er überließ hierauf Wronskiy ganz sich selbst und sagte zu seinem Weibe scherzend: „Wie gut doch, daß ich noch eine halbe Stunde freie Zeit hatte, um dich abholen zu können und dir damit meine Zärtlichkeit zu erweisen.“




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notes



1


Russische Grützbreispeise.


